In den Leib diktierte Geschichte

Anmerkungen zur "Fischer/ 68er-Diskussion"

Carl Wilhelm Macke

1966, noch waren es zwei Jahre bis zu jenem Jahr, das heute als Signum einer ganzen Epoche der deutschen Nachkriegsentwicklung angesehen wird, erschien relativ unbeachtet von der Öffentlichkeit eines der vielleicht bedeutsamsten, auf jeden Fall unkonventionellsten Erinnerungen an die Nazi-Zeit. Die in die Vereinigten Staaten emigrierte Journalistin Charlotte Beradt hatte dort Träume von Menschen gesammelt, in denen sich offen oder verschlüsselt traumatische Erfahrungen mit dem "Dritten Reich" widerspiegelten (Charlotte Beradt, Das Dritte Reich des Traums, München, 1966).

Wenn hier und im Zusammenhang mit den Sechziger-/Siebzigerjahren an dieses Buch erinnert wird, so gilt es zunächst jede Analogie auszuschließen. Der systematische Nazi-Terror gegen Andersdenkende ist nicht vergleichbar mit den Formen sublimer oder offener Gewalt im Umkreis der auslaufenden Studentenbewegung von 1968. Den proletarischen Mummenschanz sektiererischer Studentengruppen in den Siebzigerjahren und die SA-Uniformen der Dreissigerjahre kann man nicht in einem Atemzug nennen. Allerdings bietet eine Anmerkung von Reinhardt Koselleck im Nachwort zu Charlotte Beradts Buch die Möglichkeit, einen vertretbaren Bogen von den Nazi-Jahren zu 68 zu schlagen. Koselleck plädiert dafür, "Träume als Quelle für eine politisch-historische Anthropologie" auch im Zusammenhang mit anderen, traumatisch nachwirkenden Zeitereignissen zu verwenden. Träume, um noch einmal Koselleck zu zitieren, können eine "in den Leib diktierte Geschichte" sein.

Einen Weg, sich meinen Prägungen durch direkte oder indirekte Gewalterfahrungen in den Siebziger Jahren, dem "roten Jahrzehnt" (Gerd Koenen, Kommune 2/01) zu vergewissern, stellen für mich meine Träume dar. In dem Berg an Traumaufzeichnungen der letzten Jahre sind immer wieder auch Anspielungen auf jene extrem politisierte Phase meiner Biografie enthalten. Sie zu veröffentlichen und damit als Anstoß für eine Reflektion auch der ‚dunklen Hinterlassenschaften‘ des dogmatischen oder terroristischen Strandgutes von ’68 zu verwenden, ist Ziel dieser Zeilen.

Eine persönliche Vorbemerkung ist dabei unerlässlich. Um nicht missverstanden zu werden, muss man sich wohl zunächst in den Fronten der Open-end-Debatte um 68 ff. positionieren. Unangenehm wäre es, etwa von den Herren Laurenz Meyer, Friedrich Merz, Guido Westerwelle und tutti quanti als Kronzeuge für ihre Parteitaktiken missbraucht zu werden. Auch die etwas zu reumütigen Abrechungen einiger Protagonisten jener "Jahre die ihr kennt" ( Peter Rühmkorff ) mit ihren knallroten Vergangenheiten irritieren mich. Sie erscheinen mir zu laut und zu obsessiv, obwohl ich einige der Verbitterungen gut nachvollziehen kann. Aber sind das gute Voraussetzungen, um seine Wandlungen und Veränderungen wirklich glaubhaft darzustellen?

Ich würde mich selber als einen "kleinen Bruder" der Generation von ‚68‘ bezeichnen. Zur "politischen Linken" bin ich über die linkskatholische Zeitschrift werkhefte gestoßen, von deren Kritik an der konservativen Nachkriegsrestauration feine Fäden zum "Sozialistischen Büro" führten. Und in Hannover, meinem Studienort, hatte ich dann das Glück, linke (Denk-)Traditionen kennenzulernen, die das Differenzierungsvermögen (z.B. im Umgang mit dem Begriff "Faschismus") förderten und die immun machten gegen jeden spielerischen oder ambivalenten Umgang mit der Gewalt. Keine Steine also, Mollies sowieso nicht, aber jede Menge Flugblätter pflastern meinen Weg.

Aber jetzt beginne ich mit einem Traum: Im gegenüberliegenden Haus war eine Gruppe, die sich für die Befreiung Boliviens einsetzte. Vom Fenster aus feuerte ich einen Schuss auf sie ab. Daraufhin wurde ich von der Gruppe gewaltsam entführt und verhört. Ich blieb während des Verhörs, in dem meine ganze ‚linke‘ Vergangenheit zur Sprache kam, erstaunlich gelassen. Ich beharrte immer nur auf das Recht, einen eigenen Verteidiger zu haben. Die Verhörmethoden, auch die einer ‚linken‘ Gruppe dürfen nicht willkürlich sein. Schließlich habe ich die Verhörer davon überzeugt, dass ich nichts gegen die Befreiung Boliviens hätte. Ich hatte mich durchgesetzt. Ende des Traums.

Ob sich Joschka Fischer nun mit einem Polizisten geprügelt hat, ob er Rädelsführer oder nur Mitläufer in Bewegungen gewesen ist, die vor gut dreißig Jahren in anarchistischen Kostümen marodierend durch die Frankfurter Innenstadt gezogen sind, ob er gegen den Eigentumsartikel des Grundgesetzes verstoßen hat, ob,ob,ob – das alles ist mir relativ wurscht. Meinetwegen soll er Außenminister einer Regierung bleiben, die ich als eine Alternative zur konservativen Kohl-Regierung gewählt habe. Und Fischer soll ruhig weiterhin durch die Talk-Shows tingeln und den "Wunschschwiegersohn" sozialliberaler Eltern spielen. Reden kann er ja und unterhaltsam sind seine Auftritte auf den Medienbühnen allemal. Sein Ansehen ist im Ausland, so beteuern uns seine Entourage und die diversen Meinungsumfragen, ganz formidabel. Mag ja alles sein.

Aber warum haben sie, und an dieser Stelle springt die dritte Person Singular in die dritte Person Plural, die wie Fischer oder auch Trittin in den sechziger, Siebzigerjahren ganz oben in den Hierarchien verbalradikaler, linksetikettierter Gruppen standen, erst so spät und erst auf Druck "von außen" damit begonnen, sich den dunklen, ambivalenten Stellen ihrer politischen Biographie zu stellen? "Dieses Fehlen von ‚Pietas‘", wie Claudio Magris in seinem Nachdenken über Verdrängungen ehemaliger Linker schrieb, "von einem empfindsamen Mitleid gegenüber den Opfern von früher, verrät doch nur, wie wenig gewissenhaft man sich seiner eigenen Vergangenheit gestellt hat." (FR, 31.8.2000). Wenn man sich nicht rechtzeitig und mit aller Ehrlichkeit seiner eigenen Biographie stellt, ist es natürlich leicht, von den Medien und politischen Gegnern dazu gezwungen zu werden.

Wie instrumentell einige Vertreter meiner Generation lange Jahre ihre politische Vergangenheit zum Zwecke einer politischen Karriere zurechtgebogen haben, hinterlässt wirklich einige Irritationen – um es möglichst nüchtern auszudrücken. Nichts gegen modische Dreireiher, aber irgendwie wird man den Verdacht nicht los, das es sich dabei um eine lächerliche Mimikry handelt, um einige nicht so elegante Flecken der eigenen Lebensgeschichte zu verdecken. Wer sich einen guten italienischen Anzug leisten kann, der sollte sich hin und wieder auch einmal ein Buch eines Schriftstellers wie Primo Levi besorgen. "Wir tragen", so schrieb Levi einmal, "solange wir leben, eine Verantwortung: wir müssen einstehen für das, was wir schreiben, Wort für Wort, und darauf achten, dass jedes Wort trifft." Wie himmelweit ist diese aus bitteren Erfahrungen gewonnene Einsicht entfernt von den eloquenten Wortspielereien, mit denen einige politische Repräsentanten aus meiner "linken Generation" heute die Medien unterhalten. Was schert mich das Gerede von gestern oder eine schnelle medienwirksame "Beichte" und schon geht die Geschichte weiter. Aber diese Floskel vom "längst vergessenen Schnee von gestern", diese so ambivalente Haltung gegenüber einer vollkommen realitätsblinden, letztlich unpolitischen "Stadtguerilla" hat doch auch Opfer gekostet. Nicht nur Opfer des Terrorismus, sondern auch Opfer im Inneren der "linken Großfamilie" jener Jahre. Ein Beispiel von vielen: die Rede von Joschka Fischer auf dem "Anti-Repressionskongress" des "Sozialistischen Büros" im Jahre 1976 bewegte sich, bei aller Distanzierung von terroristischer Gewalt, immer noch im Rahmen jener schrecklichen "bleiernen Solidarität" (Jürgen Seifert), die alle, die sich ebenfalls einer "antifaschistischen Tradition" zuordnen wollten, oft den Hals zugeschnürt hat. "Gerade weil unsere Solidarität den Genossen im Untergrund gehört"... (Fischer in seiner "Liebes-, Zärtlichkeits- und Freiheitsrede" von 1976 auf dem Römerberg.) So verhunzte man in jenen Jahren einen für viele Menschen zum Beispiel im anti-nazistischen Untergrundkampf wertvollen Begriff der Solidarität. Wie konnte man nach den vielen Mordaktionen der RAF bis 1976 noch von "Genossen im Untergrund" sprechen? By the way: Ist denn niemanden bisher aufgefallen, dass dieser ganze "Anti-Repressionskongress", in dessen Rahmen Fischer im Namen "Frankfurter Spontis" seine Rede hielt, unter einem riesigen Porträt des damaligen Polizeipräsidenten Müller stattfand, das von Einschüssen durchlöchert war?! Einem weiß Gott damals nicht pingeligen Polizeipräsidenten, der aber, so vernahm ich es erst jetzt, auch enge Angehörige in den Konzentrationslagern der Nazis verloren haben soll! Haben die nach "Zärtlichkeit und einem anderen Leben" verlangenden "Frankfurter Spontis", deren wichtigster Sprecher damals Joschka Fischer und Dany Cohn-Bendit gewesen sind, dagegen Einspruch erhoben? Das alles sind zugegeben tempi passati und die "Madame Geschichte" (Rosa Luxemburg) hat bereits das ihrige dazu gesagt. Aber Narben, traumatische Wunden aus diesen Hochzeiten der Ambivalenz und des im wahrsten Sinne unverantwortlichen Umgangs mit den Existenzen von "Genossen" wie von "Feinden" sind geblieben, über die bis heute, Gerd Koenen hat da in seinen Beiträgen völlig recht, viel zu wenig gesprochen worden ist.

Dieser "bleiernen Solidarität" fielen doch auch alle intellektuellen wie politischen Initiativen zum "Opfer", die sich mit guten historischen wie moralischen Gründen dem würgenden "Solidaritätszwang" mit den "Genossen im Knast" nicht unterordnen wollten. "Und taucht irgendwo einmal das Problem der Gewalt von unten praktisch auf, da finden sie zu nichts anderem als zu erschreckender Distanzierung oder maximal zu bürokratischer Belehrung über die Sinnlosigkeit solcher Gewalt" (aus der "Sponti-Rede" vorgetragen von Joschka Fischer). Und diese damals von einem Teil der Linken gepflegte Kultur des unverantwortlich eingesetzten radikalen Wortes ist bis heute tief in dem Elephantengedächtnis derjenigen eingeprägt, die "auf dem Weg zum Sozialismus" diese Unbedingtheit (und Unmoralität) politischen Handels nicht mitzugehen bereit waren.

Und hat nicht auch diese damalige Radikalität nicht weniger "Extremisten von gestern und politischen Dirigenten von heute" (Magris) über biographische Verwundungen hinaus verheerende Folgen auf die "politische Kultur" in Deutschland gehabt? Mit dieser locker-flockigen Zweideutigkeit gegenüber der terroristischen Gewalt, dieser hohlen Arroganz gegenüber den Werten einer "bürgerlichen Gesellschaft" wurden Konzepte politischer Veränderung und Emanzipation, von Reform und Demokratisierung teilweise bis heute gründlich diskreditiert. Da reicht es doch nicht aus und ist vollkommen lächerlich, ununterbrochen die Litanei von der "politischen Rechten", dem Springer-Verlag et cetera zur eigenen Entlastungs- herunterzubeten.

"Kapitalismus führt zum Faschismus, Kapitalismus muss weg" skandierte man in Teilen der politischen Linken jener Jahre und verhöhnte mit Abzählreimen dieses Niveaus die Differenziertheit von Gesellschaftsanalysen wie sie auch damals bereits etwa im weiteren Umfeld des "westlichen Marxismus" (Perry Anderson) vorlagen. Und wer spricht denn zum Beispiel heute noch von den vielen psychischen Wracks, den entmutigten und radikal desillusionierten kleinen "Wasserträgern" in jenen Bewegungen der Siebzigerjahre, an deren Spitzen Leitfiguren standen, die heute ohne große Selbstreflektion ihrer damals vertretenen politischen Realitätsverleugnung, ganz oben in den Institutionen der Republik stehen, die sie einmal radikal aus "den Angeln heben" wollten.

Ich erinnere mich an jene armen Schlucker, die weinend im "Arbeitslosenzentrum" in dem ich damals arbeitete, aufkreuzten, weil sie die Pol-Pot-Parolen maoistischer Kaderparteien an ihrem Arbeitsplatz glaubten umsetzen zu müssen, und dabei katastrophal auf die Schnauze flogen. Sie wurden arbeitslos, verloren ihre Existenzgrundlage, aber von den Kadern interessierte sich niemand mehr für sie. Ich kenne jenen Hans Joachim Klein nicht, der da in Frankfurt wegen seiner Teilnahme an dem OPEC-Attentat vor Gericht stand. Von seiner Vita habe ich nur etwas erfahren durch die Berichterstattung der Medien. Mag ja sein, dass seinen Leben schon verkorkst war als er sich den "Genossen im Untergrund" anschloss. Als ich die Bilder von dem Prozess im Fernsehen sah, dachte ich auch an eine rhetorische Frage von Rossana Rossanda zu Hochzeiten der "Brigate Rosse" Italien: "Entstammen sie nicht alle dem Familienalbum der Linken?!" Darüber wäre zu reden statt sich heute aus Überzeugung oder doch nur aus Opportunitätsgründen lässig von "Jugendsünden" zu distanzieren?

In der bisher innerhalb der "linken Familie" hegemonialen Erinnerung an "68" hat sich eine Geschichtsschreibung durchgesetzt, die einmal in einem anderen Zusammenhang und von "68ern" gegen einen anderen "Gegner" gerichtet als eine "Geschichtsschreibung der Sieger" bezeichnet wurde. Es äußern sich immer nur die "etablierten 68er" und nur an sie wird gedacht, wenn man über jene Zeit heute nachdenkt. "Doch die im Dunklen sieht man nicht ...".

Damit keine Zweifel aufkommen: Die mit der Chiffre "68" versehenen Ereignisse und Aktionen haben eine wichtige Bedeutung für die Geschichte der deutschen Demokratie nach der Befreiung von den Nazis und dem Kriegsende. Die in jenen Jahren erfolgte Erinnerung an die von den Nazis vertriebenen oder ermordeten Intellektuelle ist – jedenfalls für eine zeitlang - zu einem Stützpfeiler der politischen Kultur in Deutschland geworden. Heute scheint sich diese Erinnerung wieder zu verflüchtigen. Dass sich an diesem neuen Vergessen und Verdrängen einer linken Denktradition, die gerade erst durch die "68er" wieder ausgegraben worden war, auch Politiker aus dem Umkreis der SPD und der "Grünen" beteiligt haben, ist wesentlich bedeutsamer und dramatischer als das veteranenhafte Erinnern an Steinwürfe oder Rangeleien mit der Polizei. Diese Denktraditionen sind nicht sakrosankt. Vielleicht findet man in ihnen auch gar keine Antworten mehr auf die politischen wie existenziellen Fragen, mit denen wir heute und in Zukunft konfrontiert sind. Aber es ist schon verwunderlich, auch schmerzhaft zu registrieren, wie nonchalant gerade viele derer, die einmal die Raubdrucke der Werke von Adorno, Marcuse, Löwenthal oder Lelio Basso (um nur wenige Namen zu nennen) auf fliegenden Tapetentischen verhökerten, sich heute dieses Abschnitts ihrer Biographie entledigen wollen.

Mit "68" verbinden sich aber auch lange Jahre schwärende Wunden und Erinnerungen an traumatische Verhörmethoden nicht zuletzt im Umfeld derjenigen, in deren Biographie nolens oder volens 1968 ein prägendes Datum geblieben ist. Da reicht es nicht, mit gegenseitigem Schulterklopfen die "Integrationsleistung unserer liberalen Demokratie" zu feiern, sondern man muss sich da als Protagonist in den "roten Jahren" auch schon seiner Biographie, ihren Brüchen, Widersprüchen, ihren gescheiterten Hoffnungen stellen. Vielleicht hilft es da, einmal wieder in den Büchern des guten Franz Fühmann zu lesen. In den letzten Zeilen seines großen Trakl-Essays Der Sturz des Engels schreibt dieser mit seinen nazistischen wie kommunistischen Verblendungen radikal ins Gericht gehende Schriftsteller: "Wir werden weiter der Wahrheit nachsinnen. – Mehr Schmerz? - Wir werden es erfahren. – Aber es kann wohl nicht anders sein." Darüber müsste vielleicht einmal nachgedacht werden, statt die Akrobatik der Erklärungen, Entschuldigungen und Verdrängungen immer weiter zu verfeinern. Und vor allem müsste man diese kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Biographien und ihren Widersprüchen selber in die Hand nehmen, statt sich immer nur von Anderen daran erinnern zu lassen.

Dass ich in dem geschilderten Traum auf meinem Recht beharrte, einen eigenen Verteidiger zu haben, wenn mich die kommunistischen Kader wegen meiner "bürgerlichen Verfehlungen" verhörten, ist ja immerhin schon ein Fortschritt.

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Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.

Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)

Ausgabe April 2001 (19. Jg., Heft 4/2001)