Xaver Brenner

Die Hybris der Eliten

Wozu Exzellenz, warum Eliten, weshalb Selbstleitung?

 
 
Die Diskussion um Sloterdijks »Leistungsträger« und »Unproduktive«, die »Ausbeutung durch den Steuerstaat« und eine »Kultur der Gabe« wurde schon in der letzten Ausgabe intensiv geführt. Unser Autor hinterfragt nun das anthropologische Selbstverbesserungsprogramm des Philosophen, wie er es in seiner Schrift »Du musst dein Leben ändern« dargelegt hat. Damit setzt Sloterdijk nämlich ein Programm der Selbstertüchtigung und Selbstüberhöhung des Einzelnen in Kraft, welches die grundlegende Verfasstheit des Menschen als »Mangelwesen« und seine Angewiesenheit auf den Anderen und die Gemeinschaft dementiert. Das aber läuft eben auf eine Exzellenz der Eliten hinaus, gegenüber dem der Normalmensch als defizitär erscheint. Ein Größenwahn, der den Beginn des Kulturverfalls anzeigt.

Es gibt untrügliche Zeichen für die Sturmzustände einer Gesellschaft. Eines davon sind zerrüttete Staatsfinanzen, unklare Steuerbelastungen und maßlose Eliten. »Eliten dürfen sich nicht so benehmen, als würden für sie überhaupt keine Regeln gelten. Sonst geht der gesellschaftliche Zusammenhalt verloren.«(1) Mit diesem Satz hat der ehemalige Innen- und jetzige Finanzminister Wolfgang Schäuble zur Finanzkrise und den daran beteiligten Eliten Stellung genommen. Ob er weiß, dass im gleichen Ton zum selben Problem im 18. Jahrhundert der französische Finanzminister Jacques Necker (1732–1804)(2) Ähnliches formulierte? Vergeblich versuchte Necker vor der Französischen Revolution die Staatsfinanzen zu ordnen und die Verschuldung zu bremsen. Als er den französischen König Ludwig XVI. auf die Ungerechtigkeit der gierigen Eliten hinwies und deren Verschwendung auch noch öffentlich machte, wurde er vom Adel gestürzt. Durch den Aufruf an ihre Vernunft ließ sich die französische Elite (frz., Auswahl der Besten(3)) nicht zur Räson bringen. Für sie galten keine allgemeinen Regeln. Die Vorschläge Neckers zu einer gerechteren Besteuerung wurden nur von wenigen Einsichtsvollen ernst genommen. So ergriff das französische Volk schließlich selbst die Initiative und schenkte uns durch die Macht der Französischen Revolution die moderne Demokratie.
Heute findet in der Bundesrepublik eine ähnliche Debatte statt. Sie wurde im letzten Bundestagswahlkampf insbesondere von der FDP betrieben, die »Mehr Netto vom Brutto« verlangt und damit bei Teilen der Mittelschicht einen formidablen Wahlerfolg erzielte. Das Echo in den Feuilletons ließ nicht lange auf sich warten. Bereits im Sommer letzten Jahres hatte Peter Sloterdijk in der FAZ einen Essay über: »Die Zukunft des Kapitalismus« veröffentlicht. Unter dem Titel: »Die Revolution der gebenden Hand«(4) stellt er Überlegungen zur Ungerechtigkeit des Steuersystems an. Seine These lautete: Es habe eine »Enteignung per Einkommenssteuer« stattgefunden, die die Leistungsträger dieser Gesellschaft treffe. Sie sei das Ergebnis einer »Umkehrung der Ausbeutung« durch den Steuerstaat. Sein Essay hat eine Kontroverse ausgelöst und zu einem Philosophenstreit geführt. Axel Honneth hat ihn mit einer Polemik eröffnet.(5) Er wirft Sloterdijk vor, mit den Mitteln eines »nachgeahmten Nietzscheanismus« seinerseits Ressentiments zu bedienen. Diese Ressentiments richten sich gegen die »kulturellen Erscheinungen des kapitalistischen Wohlfahrtsstaates«. Die soziale Schicht, die sie pflegen, »entstamme den Redaktionsstuben der Feuilletons, den Kasinos der Banken, den Architekturbüros und Werbeagenturen«. Diese »neue Elite« sei gegen die penibel argumentierenden, aber langweilig gewordenen »Sozialkritiker« der alten Bundesrepublik gerichtet.
Leider geht Honneth an keiner Stelle auf den aktuellen Steuerstreit ein, den Sloterdijk aufgeworfen hat. Auch wenn dessen Argumente ökonomisch dünn sind, weil er »Einkommen mit Leistung gleichsetzt«,(6) so trifft er doch mit seiner Attacke ein Zeitthema. Ohne Zweifel nehmen die Steuer- und Schuldenlasten auf der einen und die Kluft zwischen den Reichen und Armen auf der anderen Seite zu. Das belegen die Zahlen des DIW. Demnach »sank die Lohnquote von 71,6 Prozent (2002) auf 67,0 Prozent (2005), während die Gewinnquote von 29,9 Prozent auf 32,7 Prozent stieg.«(7) Da Sloterdijk nur die Einkommensteuer für seine These von der »Ausbeutungsumkehr« heranzieht, entsteht eine fatale Umkehrung der Realität. Denn die Einkommensteuer »macht inzwischen weniger als 30 Prozent aller Steuereinnahmen des Staates aus«. Aber wer einen einseitigen Blickwinkel wählt, der wählt durch den Ausschnitt seiner Sichtweise auch den Standpunkt seiner Argumentation. Der Standpunkt den Sloterdijk einnehmen will, ist der der »neuen Elite«, die sich durch die »Kleptokratie des Staates« ausgebeutet fühlt.

Exzellenz gegen Mittelmaß
Damit sind wir beim Thema. Sloterdijk sieht in der Bundesrepublik eine Elite von »Leistungsträgern« auf der »Geberseite«, die von einer Masse, den »prekären Existenzen«, auf der »Nehmerseite« mithilfe des Sozialstaates ausgebeutet wird. An dieser Stelle sei noch einmal an den CDU-Finanzminister erinnert. Jener schließt spielend leicht von der Maßlosigkeit der Eliten auf die mögliche Zerstörung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Was ihm und vielen Zeitgenossen mühelos gelingt, misslingt Sloterdijk gründlich. Warum? Er sagt es selbst. Er will einen »neuen ›Gesellschaftsvertrag‹«, der den »Bruch mit der Mangelpflege und die Hinwendung zu einer wiedererwachenden Stolzkultur« voraussetzt.(8)
Diese zentrale These hat einzig Christoph Menke aufgegriffen. Für ihn steht die Frage nach einer »gerechten Gesellschaft« im Mittelpunkt der Debatte. Sloterdijk gehe es um eine »Grundentscheidung, die die gesamte derzeitige Polemik gegen den Sozialstaat auf den Punkt bringt«. Sloterdijk wolle »die Idee der Gleichheit als solche zu Fall bringen«.(9) Wohlgemerkt spricht Menke von der Idee der Gleichheit, weil er weiß, dass Gleichheit kein natürlicher, sondern ein sozialer Zustand ist. Zu allen Zeiten war und ist es ein gesellschaftliches Kunststück, sie hervorzubringen.
Menke macht Sloterdijk den Vorwurf, er wolle durch die Einführung einer neuen Elitentheorie »das Band der Gleichheit mit denen zerreißen«, die nicht bereit sind, »den Weg der Vollkommenheit einzuschlagen«. Es seien jene, die sich nicht »der harten Übung unterziehen, die sie aus ihrem bisherigen Leben herausreißt und zur Tüchtigkeit, Leistung und Exzellenz führt.«
Für Sloterdijk gebe es keine Gemeinsamkeit mit denen, die sich zu dieser Selbstübung nicht aufraffen, »die faul, blöde und unfähig im Gewöhnlichen verharren. Diese können nicht anerkannt werden. Mit ihnen sei das Band der Gleichheit zerrissen. Denn nur durch Übung und Anstrengung macht man sich selbst zu einem Selbst.« Die von Sloterdijk propagierte »Exzellenz« führe dazu, »den Mut und die Kraft zur Exklusion der ›Abgehängten‹ aufzubringen«. (Menke)

Gerechte Gleichheit und ungleiche Gerechtigkeit?
In der Tat ist der Streit um die Steuerfrage für Sloterdijk nur der Anwendungsfall für seine »Exzellenzthese«. Jede »Kultur« baue mithilfe von »Leitdifferenzen« im »Feld menschlicher Verhaltensmöglichkeiten« polare Systeme auf. Sloterdijk sieht seine Position bei den »athletischen ›Kulturen‹« die aus dem Gegensatz »von Exzellenz versus Mittelmaß« entstände.(10) Diese neue, athletische Elitentheorie der Exzellenz entwickelt er in seinem Buch mit dem Titel: Du musst dein Leben ändern. Ausdrücklich stützt er sich dort auf die »Anthropologie«, die er andererseits auch gleich wieder kritisiert. Warum? Weil sie nicht recht »begreiflich macht, warum … der homo sapiens (sich) zu dem aufsteigenden Tendenztier hat entwickeln können.«
Tatsächlich muss bei dieser ganzen Debatte zunächst die natürliche Ungleichheit der Menschen vorausgesetzt werden, denn die Natur ist nicht gerecht. Den einen bringt sie groß, den anderen klein, den nächsten gesund und wieder einen anderen krank zur Welt. Die Frage nach der Gerechtigkeit ist folglich eine menschliche Frage. Weil der »homo sapiens« sie zu seiner Frage macht, distanziert er sich von seiner natürlichen Ungleichheit. Er sucht aus der ungleichen Natürlichkeit eine »natürliche« Gleichheit zu machen. Dieses Kunststück schafft er aber nur, weil er sich mit anderen zusammenfinden muss. Dort entwickelt er einen gleichen Sinn (homóthes) mit Gleichgesinnten (hómoios), die bei den Griechen Vollbürger nach dem Gesetz waren.(11) Von Anfang an war der künstliche Ausgleich der Ungleichheit die Veranlassung zur Entwicklung der Gerechtigkeit (dikaiosýne). Folglich führte die Suche nach einer gerechten Gleichheit zu einer die Ungleichheit ausgleichenden gleichen Gerechtigkeit.
Es ist genau diese Debatte, die heute mit der neuen Elitetheorie wiederbelebt wird. Der Nerv dieser Debatte hat eine zweifache Wurzel.
Die eine Wurzel führt zu der immer wieder auftauchenden falschen Rede über die Gleichheit durch Natur. Sie geht auf die griechische Stoa und in ihrer neuzeitlichen Form auf Voltaire zurück. Dieser sagte, dass »alle Menschen frei und gleich seien, das ist das allein naturgemäße Leben«. Dieser deklamatorische Satz wurde von vielen demokratischen Verfassungen wiederholt,(12) aber erst im Grundgesetz überwunden. Dort heißt es bündig: »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.« (Art. 3 GG). Woraus der logische Schluss folgt: »Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse … benachteiligt werden.« Es soll die natürliche oder soziale Ungleichheit durch die Kunst der Gesetzgebung ausgeschaltet werden. Folglich setzt unsere Verfassung »Ungleichheit« voraus und will Gleichheit durch Gesetz künstlich erzeugen.

Das Mängelwesen Mensch
Die moderne Anthropologie hat diese Einsicht vorbereitet. Sie geht nicht von der Großartigkeit des Menschen aus, nicht von dem, was er sich einbildet zu sein. Sie nimmt seine Mangelhaftigkeit (Arnold Gehlen(13)) als eine Grundtatsache und sagt, dass er nicht ist, was er wird, und nicht war, was er wurde. Diesen Blick in das Nicht-Sein hat bereits die klassische Philosophie (Protagoras und Sokrates) getan und als menschliche Grundproblematik erkannt.(14) Sokrates hat sie auf das Denken übertragen. Er erkennt, dass der Lebensnerv jeder Frage das Nichtwissen ist. Das schmerzt. Es schmeichelt uns nicht. So müssen wir gezwungenermaßen Antworten finden oder erfinden und sind erst durch diese Arbeit am Selbst die Schöpfer von neuem Wissen.
Sloterdijk kennt sowohl diesen Gedanken als auch die anthropologische Forschung, die den sokratischen Gedanken heute durch ihre Forschung bestätigt. Doch gerade diese Ergebnisse behagen ihm nicht, weshalb er sie unter der Überschrift, »nur der Krüppel wird überleben« abhandelt. Doch mit der scheinradikalen Formel von der Krüppelhaftigkeit des Menschen entledigt sich Sloterdijk des anthropologischen Hauptthemas. Er lässt sich nicht darauf ein. Als Krüppel nämlich wäre der Mensch zu sich selbst ein Ausnahmefall und der sich übende Mensch die Regel. Mit dieser eleganten Wendung springt Sloterdijk über das für ihn nervige Thema der anthropologischen Forschung hinweg. Sie erkennt, dass wir alle von der Natur verlassene Wesen sind, die mit angeborenen Mängeln – immer im Vergleich zum Tier – eine Unterlegenheit mit sich tragen, die alle Menschen künstlich ausgleichen müssen.
Diese Grundproblematik hätte die anthropologische Forschung in ihrer sozialpsychologischen Bedeutung breit diskutieren müssen. Das hat sie bis auf eine Ausnahme, nämlich Helmuth Plessner,(15) versäumt. Stattdessen ist man zu schnell von der Diskussion dieser Problematik zur technischen Lösung fortgeschritten. Das hat dem Publikum, insbesondere in den Sechzigerjahren, sehr geschmeichelt. Aus dem »Mängelwesen« hat Arnold Gehlen sehr schnell den homo faber gemacht. Er ist das Wundertier, das aus dem Nachteil einen Vorteil macht. Das Hoch auf die Technik war die Folge. Bis hin zu den »Institutionen«(16) waren das alles plötzlich künstliche Ersatztechniken, die das Leben möglich und wirklich machten. So wurde aus dem homo faber ein Sozialtechniker.(17) Existenzielle Fragen wurden nun sozialtechnisch gelöst. Dabei waren sie nur verdrängt. Die Wiederkunft des Verdrängten, das wissen wir seit Freud, ist nicht zu vermeiden, auch wenn das Verdrängte oft als seltsamer Widergänger in Erscheinung tritt.
Hier sind wir nun wieder bei der aktuellen Debatte um das »Exzellenzwesen«. Die kurzschlüssige Festlegung des Menschen auf das Lernwesen schleppt die existenzielle Lücke mit sich, die geradezu nach einer Erfüllung schreit. Das nun lieferte Sloterdijk die Gelegenheit, aus dem Mängelwesen Mensch den »denkenden Krüppel«(18) zu machen, der sich übend zu einem Selbst machen soll. Die Übung wird zum Lückenfüller und die »Philosophie zur Athletik«.(19) Warum diese gewagte Interpretation? Mit ihr schwingt sich Sloterdijk geschickt über das eigentliche Problem des Menschen hinweg. Denn es ist der Mensch kein wirkliches Lernwesen, weil er lernen kann, sondern weil er lernen muss, was er nicht kann. Dieser erzwungene Lernvorgang bildet die Grundlage für sein Überleben in der Natur, in der er nur durch die Schaffung einer künstlichen Menschenwelt überleben kann. Hier haben wir den ersten wesentlichen Einwand gegen Sloterdijks Umdeutung des Menschen zum frei schwebenden Übungswesen. Tagtäglich zeigen uns unsere kleinen und großen Überlebenstechniken, wie angewiesen wir auf sie und die sie tragende und erzeugende Menschenwelt sind.

Die Kränkung des Selbstbildes – die Angewiesenheit
Die immer wiederkehrende Kränkung des menschlichen Selbstbildes(20) hat ihren ersten Grund in unserer Angewiesenheit auf die anderen. Auf das Vor-Dasein der Eltern, deren Erben wir sind. Auf das Mit-Arbeiten der ungleichen anderen, auf deren Fähigkeiten wir angewiesen sind. Auf das Hin-Arbeiten auf eine Zukunft, in der wir nur leben können, weil die anderen dort auch mit uns leben wollen. Wir sind gezwungen, dies alles anzuerkennen. Und meist anerkennen wir dies alles stillschweigend, weil wir hintergründig ›wissen‹, dass wir ohne diese Schutzhülle in unserer Lebenswelt nicht überleben können. Trotzdem zeigt der unverstellte Blick in all diesen Beziehungsweisen die versteckten Formen der Angewiesenheit. Ganz grundsätzlich birgt die Menschenwelt einen versteckten Zwang zur Anerkennung(21) auch der Masse. Angefangen von den Wirtschaftssubjekten, auf deren Konsumkraft die Elite der Manager angewiesen ist. Bis hin zu den Bankern und Anlageberatern, die nur dann ihre Boni bekommen, wenn es ihnen gelingt, die »Herde«, die sie doch so verachten, zu ihrer »Anlagestrategie« zu überreden. Auch sie sind auf diesen anderen angewiesen. Welche Kränkung für den athletischen Gedankenübenden.
Hier nun stoßen wir auf die zweite Wurzel in der falschen Rede »vom Menschen« als einem Selbst. In ihr werden konsequent die Umweltbindungen verdrängt. Wo Aristoteles noch wusste, dass wir ein »gemeinschaftliches Wesen« (zôon politikón)(22) sind, hat bereits Nietzsche diesen Gedanken auf die Differenz der unkreativen Masse einerseits und dem schöpferischen Menschen andererseits verkürzt.(23) Bei Sloterdijk »geriet ›der Mensch‹ in den Fokus der Übungsreihen, die seine ›Natur‹ verändern, um seine ›Natur‹ zu verwirklichen. Hier wird er zu dem Tier, das zum Lenken, Üben, Denken verurteilt ist.«(24)
Wozu die Übung? Was ist ihr Nutzen? Von Aristoteles bis zur modernen Anthropologie war es die Arbeit, durch die allein der Mensch sein Überleben sichert. Dazu legt er sich als Gesellschaftswesen eine zweite »Natur« zu, weil er mit der ersten allein nicht leben kann. Bei Sloterdijk übt sich der Mensch nur noch, weil er ein »Lebewesen (ist), das nicht nicht üben kann«. Kann man nicht sagen, warum man übt, so entsteht ein Circulus vitiosus. Er selbst bringt in diesem Zusammenhang das Wort »Kränkung« ins Spiel. Bisher war es die Arbeit, durch die die Menschen ihr Dasein und damit sich selbst verbessert haben. Möglicherweise ist es ja für die neue Elite eine Kränkung, wenn sie arbeiten muss, um Mensch zu werden. Ist es da nicht weit erträglicher, das Leben durch Übung zu meistern? Warum der Mensch arbeiten muss oder üben will, das erschließt sich durch diesen Circulus vitiosus des übenden Übens nicht. So sucht Sloterdijk im tieferen Sinn der »Umwertung der Werte«(25) den linearen Aufstieg zum Sinn des Übens. Dort nun stoßen wir auf die Rede vom ›Mensch‹ als dem »exzentrischen Krüppel«.(26) Das Leben, die Natur selbst habe ihn krüppelhaft gemacht. Durch die »Sezession der Übenden« kommt ein gigantisches »Fitnessprogramm« in Gang, wodurch das »gesamte Ökosystem auf veränderte Grundlagen gestellt« wird.(27) Wer so weit gelesen hat, kann verstehen, warum und wieso Sloterdijk auf die Formulierung von der »Revolution der gebenden Hand« kam. »Der Einzige in seiner Übung« spalte sich ab und ist stolz auf das, was er sich selbst gibt. Und indem er auf sich selbst gestellt Runde um Runde dreht, wird er gesünder und schöner. In dem so entstandenen gesunden Körper entsteht ein gesunder Geist.(28) Ist also der Leib in seiner Schönheit die Bedingung für die Exzellenz des übenden Geistes und der übende Geist wiederum die Grundbedingung für die Schönheit des Körpers? Möglicherweise ist es das, was der Übende sich nicht aus der »Hand« nehmen lassen will. Die »Revolution«, von der Sloterdijk spricht, um die neue Exzellenz der Eliten zu erzeugen, zielt auf einen tieferen Grund. Sie habe nichts anderes zu sein, als die Überwindung eines »inneren Gefälles« oder einer »dramatischen Verschiedenheit des Menschen von sich selbst«. Er soll »stärker als er selbst« werden (Platon), was er mit »sich selbst überlegen werden« übersetzt.(29)
Wie man aber stärker wird, als man selbst ist, das war schon in der Antike die zentrale Frage für das Selbst des Menschen. Denn wer stärker werden will, der muss auch schwächer sein, oder Schwächen haben. Gehen wir zunächst auf die Erkenntnis von der »exzentrischen Positionalität« des Menschen (Plessner) ein, die Sloterdijk zitiert, aber gründlich missversteht. Sie besagt, dass wir in uns eine »Haltlosigkeit« spüren. Ohne festen Grund in uns sind wir, weil wir in der Natur für uns kein festes »Zentrum« haben. Herausgerissen aus festen Naturbindungen sind wir exzentrisch auf die Zukunft orientiert.(30) »Ich bin, aber ich habe mich nicht.«(31) Denkt der Mensch über seine Position in der Welt nach, so erfährt er in sich diesen Abstand. Er ist gezwungen, sein Leben auf die Zukunft hin zu orientieren. Die Sorge ist nur ein Element dieser Exzentrizität. Als tiefste Erfahrung wird sie von vielen Menschen eher empfunden als gedacht. Trotzdem liegt sie der täglichen Vorsorge existenziell zugrunde. In der Rückwirkung auf sein Selbstbewusstsein ergibt sich eine große Verunsicherung. Aus der inneren Erfahrung der Bodenlosigkeit heraus führt, nach Plessner, nur eine Bewegung, die festen Grund erzeugt, wo ursprünglich keiner ist. Um sich festen Grund zu verschaffen, muss der Einzelne in einer Bewegung nach vorne (Frontalität) eine Welt erzeugen, von der er aber auch nicht weiß, wie gesichert sie ist. Dieser Sprung wird getragen durch Sprache, Denken und Handeln. Er manifestiert sich durch Arbeit in einem Werk. Dieses Werk ist eine künstliche Außenwelt, in der das eigene Selbst mit anderen in einer gemeinsamen Mitwelt lebt.
Die Erfahrung, dass wir stärker werden können, als wir sind, setzt voraus, dass wir auf eine vielfältige innere Weise immer wissen, dass es eine elementare Schwäche in uns gibt. Für dieses Problem wurden laut Sloterdijk bisher zwei Antworten gefunden. Die eine liegt in der Ausbildung der »inneren Natur« durch Erziehung (paideia). Sie soll uns nützen, um die Kraft der Besessenheit (daimonion) durch Übung in ein Ordnungsprogramm zu überführen. Der zweite Teil dieses Programms muss laut Sloterdijk zu einer »fernen, aber durch Intuition doch spürbaren verbindlichen Vollkommenheit« führen. Das soll geschehen durch den »Aufbau von starken Vertikalspannungen«.(32) Dieser Gedanke wird getragen – von Platon bis Nietzsche – durch die immer gleiche Rede von der Ausbildung der inneren Natur. Dort gebe es die Anlagen zum edlen Typus von Mensch. Er entdeckt ein »Sein« in sich und übt es linear bis hin zum Übermenschen, immer am Alltagsmenschen vorbei.

Weshalb und wozu Selbstleitung?
Was ist der zentrale Fehler dieses simplen Programms der Selbstüberhöhung? Zunächst wird durch den Übungs- oder Erziehungsgedanken verdrängt, in welchem inneren Prozess der Mensch sein Nicht-stark-Sein erfährt. Einmal erfahren wir uns als schwächer und einmal als stärker. Was aber schwächer ist, gehört auch zu uns und verlangt nach Förderung, also Hilfe. Gerade weil wir in uns ungleich sind, verliert die ungleiche Seite nicht das Recht auf Förderung. Recht übersetzen wir für uns als die Richtigkeit eines Tuns, das uns nützt. Keiner würde zu sich sagen, wenn er einen Blinddarmdurchbruch hat: Du interessierst mich nicht, weil du die schwache Seite meines Körpers bist. Er wird zum Arzt gehen und sich operieren lassen. Der »Arzt im eigentlichen Sinn« wird ihm helfen, obwohl unsere Gesundheit für die seine nicht von Belang ist. Er folgt seiner ärztlichen Aufgabe. Darin nützt er als Stärkerer dem Patienten. Dass er sich für seine Hilfsdienste auch bezahlen lässt, ist die zweite Seite seines Berufes. Sokrates, der dieses Beispiel im Streit gegen den Sophisten Thrasýmachos einsetzt, entkräftet damit dessen Elitenthese. Thrasýmachos stellte den berühmten Satz auf: »Gerechtigkeit sei der Vorteil des Stärkeren!«(33) Jeder verwende seine geistigen Fähigkeiten einzig dazu, sich selbst zu helfen und für sich das Zuträglichste (symphéron) zu gewinnen. Nach dieser These habe jeder, der erzeuge, das Recht auf den ungeteilten Ertrag seiner Handlung. So sei eben Gerechtigkeit die vollständige Aneignung der Ergebnisse seiner geistigen Stärke. Dieses Argument hören wir heute in unterschiedlicher Form wieder. Es klingt auch durch den aktuellen Steuerstreit. Verdrängt wird dabei die Seite der Angewiesenheit durch die unbestreitbare Tatsache, dass jede Leistung immer persönliche Leistung ist.
Sokrates’ geniale Wendung auf die innere Polis zeigt den Einzelmenschen nicht nur in seiner Dualität. Von den »zwei Seelen« in einer Brust ist immer eine schwächer. So ist zum Beispiel die pessimistische Seite auf die optimistische Seite angewiesen. »Der Meister seines eigenen Geschicks« ist man dann, wenn man in der Wendung auf sich selbst sich selbst nützen kann. Jeder, der sich durch seine Tüchtigkeit (areté) selbst hilft, die beste innere Selbstregierung zu entwickeln, muss bereit sein, in die Tiefe des eigenen Selbst zu schauen. Dort wird er sich nicht großartig sehen, sondern eigene Tiefen. Dieser Bruch im Selbst wird von den Narzissten verabscheut und von den Egomanen gemieden. Sokrates weicht ihm nicht aus. Er weiß, dass der Abstieg die Voraussetzung des Aufstiegs ist. Bei der inneren Selbstregierung ist es die Aufgabe der stärkeren Teile, den Schwächeren zu Hilfe zu kommen. Diese Teile sollen dabei in den Stand versetzt werden, sich selbst wieder helfen zu können. Diese Arbeit am subjektiven Selbst überträgt er auf die Arbeit in der Polis. Dort ist es die Aufgabe der Eliten, den schwächeren Teilen zu Hilfe zu kommen. Tun sie das nicht, so verfehlen sie ihr Wesen. Es besteht in der Anwendung ihres Mehrkönnens im sozialen Verband. Damit liefert Sokrates die Begründung für den demokratischen Gesellschaftsvertrag aus wechselseitiger Angewiesenheit. Er ist ein positives Gemeinschaftswerk.
Die Hybris der Eliten, ihr Übermut und Größenwahn ist eine Flucht vor dieser Aufgabe und der Beginn des Kulturverfalls. Logisch gesehen kann das Einzelne ohne das Allgemeine nicht bestehen, das Allgemeine sich aber auch ohne die Einzelinitiative nicht entwickeln. Der Größenwahn hat jedoch vor allem eine existenzielle Gestalt. Sie zeigt sich in der Flucht vor der inneren Bodenlosigkeit unserer Existenz. Sie mündet in der wahnwitzigen Überzeugung, der Einzelne könne durch Selbst-Übung der inneren Spannung seines Selbst entfliehen. Er glaubt, er könne die exzentrische Positionalität seines Wesens alleine meistern und sich zum exzellenten Menschen bilden. Hier kommen die Mittel ins Spiel. Die Anhäufung von Reichtum ist das eine, die Stählung des Körpers durch Übung das andere. So richtig der Gedanke der Selbstertüchtigung ist, so falsch wird er als rein egoistisches Üben. Am Ende müssen wir unsere Partikularität erkennen und begreifen, dass unsere Leistung darin bestehen muss, uns selbst zu ertüchtigen, damit ein sich selbst ertüchtigender Sozialverband entsteht.
Sloterdijks Buch hat auf die vergessene Diskussion um Selbstertüchtigung aufmerksam gemacht. Das ist gut. Sein Fehler liegt in der kurzschlüssigen Rezeptur. Sie dient der neuen Geldelite zur Rechtfertigung ihrer Hybris und leistet damit leider der Zerstörung unseres Sozialwesens durch die Gier Vorschub. Damit schließt sich der Kreis und wir sind wieder beim aktuellen Steuerstreit. Die »gebende Hand« ist das Ganze in der Schönheit und der Bedürftigkeit ihrer Teile. Die eine Welt, also die unsere, wird nur bestehen, wenn wir in der Lage sind, den sich verabschiedenden Eliten ihr Versagen, ihre Selbstflucht vorzuhalten. Doch ganz sicher wird sie nur weiter bestehen, wenn wir werden, was wir noch nicht sind, durch Arbeit an einem solidarischen Selbst. Denn nur als solidarisches »Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt«.(34)

1
Wolfgang Schäuble im Interview mit der SZ, 11.12.09: »Eliten dürfen sich nicht so benehmen«.
2
Jacques Necker (1732–1804) war zweimal Finanzminister (1777–81 und 1788–89) unter Ludwig XVI. In seinem berühmten Bericht an den König über die Staatsfinanzen (Compte rendu, 1781) machte er diese zum ersten Mal öffentlich. Damit war die Debatte im Bürgertum über die Verschwendung durch den Adel eröffnet. Necker versuchte die Kopfsteuer (taille) gerechter zu verteilen. Als er der Verschwendungssucht des Hofes (Marie Antoinette) entgegentrat, wurde er gestürzt. Sein Vorgänger Turgot, den er einst zu stürzen half, scheiterte u. a. an der Abschaffung der Steuerfreiheit des Klerus (1. Stand). An die Steuerfreiheit des Adels (2. Stand) wagte sich allerdings auch Turgot nicht heran.
3
Die Ableitung vom frz. élite, das Auserwählte, geht auf élire für auswählen zurück. Es entstand aus lat. legere (aus)lesen. Der Ausdruck geht auf griechisch légein zurück und bedeutet: erzählen, auslegen, sagen, sprechen. Das gute und schlechte Sprechen führt auf eu légein, »sich zählen zu« denen, die gut reden und »über die gut geredet wird« (légomai). Siehe auch Heidegger: Sein und Zeit, S. 33, § 7 B. Der Begriff des Logos, gr., die Rede.
4
Peter Sloterdijk: »Die Zukunft des Kapitalismus. Die Revolution der gebenden Hand«, in: FAZ,. 24.6.09.
5
Martin Altmeyer gibt darüber in dem Artikel: »Neuer Klassenkampf?« in der Kommune 6/09 einen vollständigen Überblick.
6
Werner Vontobel: »Lohn und Leistung. Peter Sloterdijks ökonomische Kurzschlüsse«, in: SZ, 29.10.09.
7
DIW, ZEW, R. Hauser, I. Becker: Integrierte Analyse der Einkommens- und Vermögensentwicklung, Bonn 2007. Siehe dazu den Artikel von Peter Lohauß: »Die Rückkehr der Klassengesellschaft. Soziale Gegensätze verfestigen sich«, in: Kommune 5/09, S. 6 ff.
8
Peter Sloterdijk: »Aufbruch der Leistungsträger«, S. 7 und S. 11.
9
Christoph Menke: »Wahrheit. Nicht Stil. Es geht um die gerechte Gesellschaft.«, in: Die Zeit, 15.10.09.
10
Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt am Main 2009, S. 28.
11
Athen als Demokratie nennt den Vollbürger polítes, weil ihn das Recht zur öffentlichen Abstimmung zum freien Bürger und Menschen macht. In Sparta, das dem Geburtsrecht den Vorzug gab, war der Vollbürger ein hómoios, zugehörig zu den Gleichen. In beiden Verfassungen wird jedoch die Ungleichheit ausgeglichen durch das Recht der Zugehörigkeit. Gerechtigkeit ist damit die Zugehörigkeit ungleicher Gleicher zum Rechtsverband.
12
So heißt es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776): »Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit.«
13
Arnold Gehlen: Anthropologische Forschung, Hamburg 1968, S. 21.
14
Platon: Dialog Protagoras.
Der Mythos vom Mängelwesen, 320 d – 323 c.
15
Helmuth Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch, Berlin 1975.
16
Arnold Gehlen, S. Fn. 13, Abschnitt: »Der Sinn der gesellschaftlichen Institutionen«, S. 23.
17
Siehe dazu den Positivismusstreit in der deutschen Soziologie zwischen Th. W. Adorno und Hans Albert in den 1960er-Jahren.
18
Peter Sloterdijk, S. Fn. 10, S. 79.
19
Ebenda, S. 305.
20
Siehe dazu: Christopher Schrader: »Die Kränkungen der Menschheit«, in: SZ, 6.5.06.
21
Die Formel von der Anerkennung bei Hegel müsste in diesem Licht noch einmal diskutiert werden. Siehe: Axel Honneth: Kampf um Anerkennung, Frankfurt am Main 1994, S. 64 f.
22
Aristoteles: Politika, 3/6.
23
Für Nietzsche gibt es den Menschen zweifach: »… der Mensch ist, relativ genommen, das missratene Tier …«. (Friedrich Nietzsche: Der Antichrist, S. 377. Aphorismus 14) Und der Mensch als »Erhöhung der Spezies Mensch … als die »Freunde der Einsamkeit … wir freien Geister«. Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 44, Stuttgart 1976, S. 56.
24
Peter Sloterdijk, S. Fn. 10, S. 309.
25
Ebenda, S. 643.
26
Ebenda, S. 97.
27
Ebenda, S. 644.
28
Der Satz »Mens sana in corpore sano« stammt aus den Satiren des altrömischen Dichters Juvenal. Sokrates widerspricht ihm in der Politeia und dreht den Zusammenhang total um: »Ich glaube nicht, dass der Leib, so tüchtig er auch sein mag, durch seine Tüchtigkeit auch die Seele gut macht, sondern im Gegenteil: eine gute Seele wird durch ihre Tüchtigkeit den Leib auf jede Weise veredeln.«
(Politeia, 403 d).
29
Platon: Politeia, 430 e.
30
»Exzentrizität ist die für den Menschen charakteristische Form seiner frontalen Gestelltheit gegen das Umfeld.«, Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch, S. 292 f.
31
Bei Bloch lautet der Satz: »Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst«, Tübinger Einleitungen in die Philosophie, Bd. I., Frankfurt am Main, S. 11.
32
Peter Sloterdijk, Fn. 10, S. 335 f.
33
Platon: Politeia, 337 c. Das Buch Thrasýmachos ist der älteste Teil der Politeia. Wilamowitz v. Moellendorff sagt sogar, dass es noch zu Lebzeiten von Sokrates geschrieben sein muss. Tatsächlich enthält dieses Argument des sokratischen Platons alle Inhalte, die der spätere platonische Sokrates, die Maske Platons, bekämpft. Als er die athenische Demokratie, die eine Sklavenhaltergesellschaft für die Massen war, zu einer reinen undemokratischen Ständegesellschaft auch noch für die Freien machen wollte. Moellendorff: Platon, Berlin 1959, S. 61, 158, 232.
34
Nietzsche hat in der Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik diesen Satz so verwandt, dass die Welt als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt sei.

In: Kommune, Forum für Politik, Ökonomie, Kultur 1/2010