Jörg-Michael Vogl
Die da unten und die da oben
Arbeiterklasse – Arbeiterpartei: eine Spurensuche
Gerade im Ruhrgebiet ist die lange Geschichte der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapitalverhältnis bis in ihre Landschaften hinein gut zu erkennen. Der Prozess der unendlichen Kapitalvermehrung, die Tendenz, alle natürlichen und gesellschaftlichen Schranken niederzureißen, gehört aber nicht einfach der Vergangenheit an. Unser Autor rekurriert auf jene Umwälzungen, die zum »Verschwinden« der Industrie geführt haben, zu den Wandlungen der SPD und ihrem Ende als Arbeiterpartei, denen auch eine Veränderung der Arbeiterschaft zugrunde liegt. Wie aber ließe sich von der Position der lebendigen Arbeit und nicht von der abstrakten Anhäufung von Reichtum aus heute der Mythos des Kapitals angreifen und eine andere soziale und ökologische Perspektive für die nächsten Generationen anregen? Der alte Gedanke eines »gerechten Anteils« der Arbeit am gesellschaftlichen Reichtum trägt da nicht. Es geht um die Klärung von Bedingungen für einen Einstieg in eine Postwachstumsökonomie.
In den Ruhrgebietsstädten hat der Bergbau genauso wie die ihm folgende Stahlindustrie vielfältig tiefe Spuren hinterlassen: von den massiven Bergschäden, die die ganze Region gestalten – kein Bach kann ohne Pumpstationen unreguliert fließen –, über die Siedlungsstruktur der ehemaligen Werkskolonien und die Villen der Zechenbarone bis hin zur gezielten politischen Zerteilung des Gesamtraums, dem Grund für das Fehlen einer zusammenhängenden öffentlichen Verkehrsinfrastruktur zum Beispiel.
Man kennt viele Geschichten, in denen geschildert wird, wie machtbewusste Unternehmer, fallweise in Verbindung mit staatlicher Gewalt, ihr Möglichstes taten, ihr Imperium auszuweiten, die Arbeiterschaft politisch zu bändigen und für die Produktion einzuspannen,(1) dass trotzdem eine sehr bewusste, aktive Arbeiterklasse sich bildete, die noch die brutalen Verfolgungen der Nazizeit überstehen konnte.(2) Das Ausmaß, in dem dieses ungleiche Paar(3) durch Kohleförderung und Stahlerzeugung die natürliche Umwelt umformte, kann jetzt, nachdem fast alle Zechen geschlossen wurden, besichtigt werden: Die Werksgelände sind offen, werden, wenn möglich, zu Gewerbe-, vielleicht Wohngebieten umgewidmet, oder man flutet sie zu Seen. Aus den Trassen der Werksbahnen sind Fahrradwege geworden, die an den »Landschaftsbauwerken« der Halden vorbeiführen. Riesige Flächen sind zu Brachland geworden, zum Teil in direkter Nähe der Innenstädte, zum Teil irgendwo, eben da, wo ein Schacht abgeteuft worden war. Auch die Siedlungen kleiner Zechenhäuser liegen jetzt oft beziehungslos, günstig zu kaufen.
Der archäologische Blick der Besucher sieht nichts, was auf die Kosten-Nutzen-Verteilung in dieser Geschichte hinweist: Die Inwertsetzung des Ruhrgebiets wird von der öffentlichen Hand bezahlt, während gleichzeitig der Immobilienbesitz von den Nachfolgern der alten Zechen- oder Stahlgesellschaften genutzt wird, wenn er nicht im Zuge einer »Bereinigung des Kerngeschäfts« verkauft wurde. Nicht sichtbar ist außerdem, dass der Boden zum Teil so massiv und so tief, an der Kokerei im Weltkulturerbe Zeche Zollverein bis zu neun Meter tief, verseucht ist, dass eine Inwertsetzung unbezahlbar bleiben wird.
Schwer vorstellbar ist für den heutigen Besucher die Geschwindigkeit der Bevölkerungszunahme, die mit der Ausbeutung der Kohle verbunden war: von 220.000 Bewohnern in den Jahren 1816/18 zu 2,6 Millionen 1905 und 5,7 Millionen 1967. Am dichtesten besiedelt war die Stadt Herne mit über 3000 Einwohnern je Quadratkilometer. Das bedeutete im Alltag: Die Neuankömmlinge traten aus den Bahnhöfen und sahen eine Reihe von provisorischen Bretterbuden, an denen sie die notwendigen Dinge des Alltags kaufen konnten. Sie mussten mit jeder Art der Unterkunft einverstanden sein, zum Beispiel damit, stundenweise einen Schlafplatz auf dem einen Bett einer Familie zu bezahlen, als Schlafburschen. Die vielfältigen Probleme, die sich in dieser Zusammenballung zeigten, von der Auflösung von Familienstrukturen über Alkoholismus und Unwissen bis zu Epidemien, wurden nicht nur von den Organisationen der Arbeiterschaft thematisiert, sondern auch von denen des »Machtblocks«, also Unternehmern, Kirchen und staatlichen Institutionen. Der Prozess der kapitalistischen Produktion als einer, der zutiefst mit individuellen, sozialen und ökologischen Zerstörungen verbunden ist – man kann es heute noch spüren, was dies im Alltag bedeutet haben mag. Die Menschen kamen jedoch voller Hoffnung auf neue Chancen ins Ruhrgebiet.
Man kann ahnen, welche Aufgabe die Zechen- und Stahlbarone sahen: Sie konnten nur störungsfrei produzieren, wenn sie dieses Chaos in der Produktion disziplinierten, mit repressiven Maßnahmen oder paternalistischer Fürsorge. Die Herrschaftsstruktur lässt sich am Aufbau der Siedlungen noch ablesen: kleine Zechenhäuser mit angebauten Ställen und Gärten zur Selbstversorgung, die von repräsentativen Angestelltenhäusern aus überwacht werden konnten, Villen der Besitzer in riesigen ummauerten Parks, verbunden mit Gärtnereien zur Versorgung der Kantinen oder betriebseigenen Krankenstationen.
Im historischen Abstand wird darüber hinaus klar, dass die Menschen nicht in beliebigen Hallen arbeiteten, sondern gleichsam in mächtigen Kathedralen, die den Arbeitsprozess nicht nur strukturierten, sondern gleichzeitig überhöhten. Die Architektur verweist darauf, dass über den Zwang hinaus ein Sinn der gemeinsamen Produktion angeboten wurde: die Befreiung der Menschen von ihren Fesseln der Tradition und von ihrer naturgegebenen Beengung, die Weitung ihrer Perspektiven.
In dieser Situation der Zerstörung der traditionellen Strukturen, des Durcheinanders und seiner hierarchischen Einhegung entstand eine aktive, kämpferische, eigenständige Arbeiterklasse – und man kann vielleicht aus dem historischen Abstand heraus erst den Ballast vorschneller Klarheit abwerfen: Was bedeutet dies eigentlich, »Entstehung einer kämpferischen Arbeiterklasse«? Jedenfalls nicht die Realisierung einer vorgegebenen Einheit, die sich aus einer gesellschaftlichen Grundstruktur mit einem gewissen Maß an Notwendigkeit ergibt. Dies soll im Folgenden deutlich werden. Und eben auch keine Einheit: Die »Arbeiterklasse« sieht sich typischerweise anderen Arbeitern gegenüber, die »ihre Sache« verraten haben oder noch nicht verstehen, seien es die katholischen Arbeiter, die Landarbeiter oder die Arbeiterfrauen.
Heute sind nach den Zechen- und Stahlbaronen, die zuerst ihre Villen verließen, viele der Berg- und Stahlarbeiter aus dem Ruhrgebiet längst weggezogen, häufig zurück in ihre Heimatregionen. Die Baugenossenschaften der Arbeiter sind privatisiert, die Konsumgenossenschaften(4) schon lange pleite und dass manche Gebäude »Volkshaus« heißen, interessiert nur noch die Historiker. Die Bevölkerung schrumpft trotz Neuansiedlung großer Industrien oder Dienstleistungsunternehmen(5) und trotz des Zuzugs aus Italien, Ex-Jugoslawien oder der Türkei. Dass es im Ruhrgebiet heute nicht so etwas wie eine Arbeiterklasse gibt, mag selbstverständlich sein. Nicht selbstverständlich ist jedoch, dass auch in der verdünnten Form des »die da oben – wir da unten« jedes Element des Diskurses der Arbeiterklasse politisch bedeutungslos geworden ist. Die SPD hat im Ruhrgebiet bitter lernen müssen, dass sie keine Arbeiterpartei mehr ist. Weil diejenigen aussterben, die wissen, dass es so etwas wie »Arbeiterinteressen« gibt, die eine Partei – mal besser, mal schlechter – vertreten kann.
Und dieses Verschwinden aller Traditionen der Arbeiterklasse ist genauso erstaunlich wie ihre Entstehung. Denn fast alle Bewohner des Ruhrgebiets sind »Arbeiter«: Sie verfügen nicht über die Mittel der Produktion des materiellen Lebens; weder individuell noch gemeinschaftlich entscheiden sie über jetzige Verwendung und zukünftige Struktur des materiellen Reichtums, des Kapitals. Noch nicht einmal an die Möglichkeit einer solchen Entscheidung wird gedacht. Selbstverständlich werden darüber täglich Entscheidungen getroffen, von Akteuren in Unternehmen, Wissenschaft und Politik, doch auch sie ohne Freiheit in der Wahl der Richtung, insoweit ihre Grundentscheidung die des ständigen Wachstums des Kapitals ist. Ohne die lebendige Arbeit käme allerdings kein einziger Produktionsprozess in Gang. Ohne ihren Beitrag gäbe es keine gesellschaftliche Dynamik, die alle traditionellen Schranken der Produktion im Bündnis mit Wissenschaft und Technologie immer wieder niederreißt. Genau dieses Niederreißen aller Schranken stellt andererseits den Wert der lebendigen Arbeit durchgehend in Frage. Sichtbar wird dies alltäglich durch die existentielle Bedrohung mit Kündigung, schon wegen Nichtigkeiten wie der Entwendung von Flaschenbons; strukturell zeigt sich, dass ständig erneut lebendige Arbeit durch die »tote Arbeit« der Technologien ersetzt wird, in denen die aufgehäufte Arbeit der Vergangenheit, gesellschaftlicher Reichtum also, gespeichert ist. Das reiche materielle Potenzial steht den Arbeitern als Bedrohung gegenüber, sie können seine Struktur und Richtung nicht beeinflussen – während gleichzeitig die sozialen, politischen, ökologischen Probleme des Weges, genauer formuliert die spezifischen Begrenzungen dieses Weges, der Erzeugung von Reichtum sich deutlich zeigen.(6)
Die Symptome der gesellschaftlichen Krankheit werden überall bemerkt. Je nach Betrachtungsweise werden sie bezeichnet als soziale Desintegration, als »Zerstörung industriegesellschaftlicher Gewissheiten«, als Zunahme sozialer Kälte, Ressourcenbegrenzung (peak oil bzw. peak everything) oder als Problem der externen Kosten des Wachstums, etwa beim CO2-Ausstoß – allerdings werden sie auf unterschiedliche Art einer unvermeidlichen gesellschaftlichen Dynamik zugeschrieben. Jedenfalls bewirkt nichts, auch nicht vollzogene oder drohende Werksschließungen, eine Wiedererweckung der Arbeiterklasse. Wenn der CDU-Ministerpräsident sich in die Reihen einer Lichterkette gegen die Schließung des Bochumer Nokia-Werkes einreiht, wird deutlich, wie tot das Gespenst ist.(7)
Etwas, das so gründlich vorbei ist, kann man versuchen mit neuen Augen zu sehen – um nach dem zu suchen, was vielleicht heute an seine Stelle treten kann. Spitzen wir die Beschreibungen auf Fragen zu: Wie konnten angesichts des Elends, des Durcheinanders und der Unwissenheit des Arbeiterlebens, angesichts der elementaren, gestaltenden Macht der Unternehmer im Verbund des Machtblocks sich Arbeiter als gleichwertige Menschen sehen, denen alles gelingen kann, was den Unternehmern gelungen war? Genauer: Wie konnten sie sich als potenzielle oder zukünftige Herren ihres Geschickes und des Geschickes des ganzen Volkes sehen? Und darüber hinaus: Wie konnte diese Gewissheit gesellschaftlich so stark wirken, dass sie auch zur Grundlage des Denkens von Intellektuellen anderer sozialer Herkunft werden konnte? Wie konnte dies eine Intellektualisierung weiter Kreise der Arbeiterschaft bewirken? Denn all das ist gemeint, wenn man davon spricht, dass eine Arbeiterklasse entstanden sei.
Im historischen Abstand wird klar, dass eine sehr spezifische Form der Verbindung des Jetzt mit den Möglichkeiten der Zukunft wesentlich war, nämlich die Vorstellung der historischen Mission der »Arbeiterklasse«, die auf der richtigen Seite der Geschichte stehe, verbunden mit dem Konzept einer mit Notwendigkeit ablaufenden gesellschaftlichen Entwicklung, die der individuellen und kollektiven Selbstaufklärung und Selbstermächtigung Sinn gab. Diese Perspektive erst machte aus dem Fakt der großen Anzahl der Menschen der Arbeiterschaft eine reale (allerdings nicht umsetzbare, wie sich herausstellte …) Machtperspektive. Die alltägliche Unsicherheit und die Hoffnungen, die sich mit der Unterordnung unter das Kapital verbunden hatten, waren in eine Perspektive der Sicherheit eingebettet.(8) Die vielfältigen Formen der Disziplinierung und Sinngebung, mit denen der Machtblock eine arbeitsfähige Belegschaft erst geschaffen hatte, wurden dabei angeeignet, zum Teil bestätigt, zum Teil umgedeutet.(9) Das Sinn-Angebot der Weitung der menschlichen Perspektiven durch die technologische Revolution, die mit der kapitalistischen Entwicklung verbunden war, blieb dabei unbestritten – angesichts der schwierigen materiellen Lebensverhältnisse zu Recht, kann man sogar sagen. Der Angriff richtete sich gegen die Herrschaft der Klasse der Kapitalbetreiber, nicht unbedingt gegen die gesellschaftliche Dynamik, alle Schranken niederzureißen, also den Prozess der unendlichen Kapitalvermehrung als solchen, was sich insbesondere in der sowjetischen Verwirklichung als aufholende Entwicklung zeigen sollte.
Diese Sichtweise der Geschichte zeigte in den stalinistischen Schauprozessen ihre ganze Fürchterlichkeit, wenn sich jemand wider eigenes Wissen einer Tat bezichtigte, die er nicht begangen hatte – weil er dem Gang der Geschichte nicht im Weg stehen wollte.(10) Sie konnte dem im Ruhrgebiet neu zugewanderten Schlafburschen aber die Gewissheit geben, alles das sein zu können, was der Zechenbaron war. Und sie konnte dem Bergmann den Mut geben, auch unter totalitärem Druck im Zweiten Weltkrieg gegen »Panzerschichten« zu protestieren.
Die Strategie der »Arbeiterklasse« geht nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Phase der sogenannten Systemkonkurrenz, auf in der Ausweitung des Konsums zum Massenkonsum, einem heiß umkämpften Strategiewechsel im deutschen Machtblock, der wesentlich mit Unterstützung der US-Amerikaner durchgesetzt wird:(11) Die Kinder und Enkel, die aus der »Arbeiterklasse« herkommen, führen ein kollektiv gesichertes Leben und nehmen an der Welt des individuellen Massenkonsums teil, Autos füllen allmählich das Straßennetz, häusliche Arbeiten werden nach und nach elektrifiziert, Urlaubsreisen für viele organisiert. Ein »Wirtschaftswunder« verbindet die Hersteller und Verteiler der Produkte des Massenkonsums, die zusammen mit den Großbanken im Kern des Machtblocks stehen, mit den Menschen der Arbeiterschaft: AEG, Opel, Quelle, Neckermann und so weiter, verbunden durch die drei Großbanken Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank. Später sollte der Umbau dieser Machtkonstellation mit einer polemischen Wertung als »Deutschland AG« beginnen.
Der Diskurs der »Arbeiterklasse« wird umgeformt in den der »gerechten Teilhabe« der Arbeiterschaft als Gegenleistung für loyale Arbeit. Eine Bewertung, die hier materielle Bestechung sähe, greift zu kurz: Die schier unüberwindliche Dominanz der SPD im Ruhrgebiet mit den entsprechenden Erscheinungen der Vetternwirtschaft und der Sklerose – jeder »Besenstiel« wurde gewählt, wenn er nur von der SPD aufgestellt war – verweist auf die machtpolitische Ebene dieser hegemonialen Phase. Sie öffnet ein kollektiv geschaffenes, staatlich strukturiertes Feld des individuellen, materiellen und sozialen Aufstiegs, zunächst im Raum der Politik, darüber hinaus jedoch – spätestens für die Kinder, aufgrund verbesserter Bildungsangebote – auch in den Betrieben. Die Politik der SPD ordnete für die Wähler aus der Arbeiterschaft die Welt, die immer noch davon geprägt war, dass man davon leben muss, seine Arbeitsbereitschaft zu verkaufen, in einem Diskurs des gerechten Anteils am Reichtum, die Politik der Partei der Arbeiterschaft machte Sinn. Eingeordnet war dies in das Weltbild einer als autonom aufgefassten Modernisierung, die jetzt und in Zukunft traditionelle Machtstrukturen aufweichen werde: Im Misstrauen gegen »die da oben« waren die Erfahrungen der Vergangenheit verarbeitet, aber sie wurden verbunden mit dem Optimismus des materiellen und sozialen Aufsteigens. Gerade sozialdemokratische Politik war geprägt vom optimistischen Gestaltungswillen, der sich aus dem Fortschrittsparadigma in Wissenschaft und Technologie – man erinnere sich an Raumfahrteuphorie und Atomkraftoptimismus der Intellektuellen! – speiste. Dieser Optimismus stellt den Rahmen her, in dem die scheinbar unbeeinflussbare gesellschaftliche Dynamik, der unendliche Prozess der Kapitalbewegung auch für Menschen, die ihr Leben nur durch den Verkauf ihrer Arbeitsfähigkeit bestreiten können, gerade in der Tradition der »Arbeiterklasse« noch Sinn machen konnte. Bezeichnete man diese Haltung der Arbeiterpartei SPD als illusionär, so könnte man den Kern nicht sehen: Eine Arbeiterpartei ist nur denkbar, wenn sie der Arbeiterschaft, anknüpfend an die Grundstruktur ihrer gesellschaftlichen Lage, an ihrem Kern der elementaren Unsicherheit, Angebote zur politisch strukturierten Absicherung machen kann und dies in einer Sicht des Ganzen, einem Weltbild begründen kann.
Diese Strategie mit ihren Leitdiskursen liegt – ebenso wie die der »Arbeiterklasse« – nicht nahe, ja sie bildet sich eher kontrafaktisch, in der Überarbeitung herrschender Diskurse des Kleinbürgertums, aus dem die Meinungsmacher wie Lehrer, Juristen, Journalisten kommen. Die Arbeiterkinder beginnen in den 1970er-Jahren erst, die Gymnasien zu besuchen, sie begegnen dort nicht nur stillschweigenden, sondern auch ausgesprochenen Urteilen ihrer Minderwertigkeit.(12) Und man muss daran erinnern, wie weit weg von der platten Anerkennung des Wirklichen diese Haltung des optimistischen Gestaltungswillens tragen konnte: Angestoßen von Gewerkschaftskongressen war das Leitbild der »Humanisierung der Arbeitswelt« in den 1970er-Jahren in aller Munde. Die SPD-Programmatik orientierte sich noch in den Achtzigerjahren am gesellschaftlichen Ziel einer Erhöhung der Qualität des Lebens, einer Kritik am simplen ökonomischen Wachstum: Man ging von einer Formbarkeit der gesellschaftlichen Dynamik der ständigen erweiterten Kapitalproduktion aus.
Die damit verbunden aufkommende Diskussion über die »Grenzen des Wachstums«, externe Kosten der Produktion und ökologische Folgeprobleme dieser Phase des Massenkonsums konnte im Ruhrgebiet genügend Anschauungsmaterial finden: Die Zerstörungen aus den verschiedenen Phasen der Ruhrgebietsgeschichte zeigen, wie die Produktion von Gütern auch Schäden mit produziert, zum Teil irreparable Schäden. Dass man noch in den 1960er-Jahren keine Wäsche auf die Wiese zum Trocknen hängen konnte, ohne dass sie von schwarzem Ruß verdreckt wurde, ist heute eine gängige Form der Erinnerung an diese ökologischen Folgen, ebenso dass die SPD den »blauen Himmel« über der Ruhr versprochen habe. Die scheinbare regionale Begrenzbarkeit ermöglichte jedoch immer noch, einen Sinn in der Dynamik ständig erweiterter Produktion zu sehen. Genau das ist objektiv heute anders, seit man weiß, dass globale Klimasysteme destabilisiert worden sind.
Im Rahmen der IBA EmscherPark wurde ab 1989 mit Riesenelan, politischem Willen und vielen guten städteplanerischen Ideen ein Flächenrecycling für die alten Bergbau- und Stahlbrachen begonnen, dabei Möglichkeiten und Grenzen einer konkreten Utopie, nämlich des haushälterischen, sparsamen, also in diesem Sinn ökonomischen Umgangs mit Ressourcen ausgetestet. Wenig später begann die Stilllegung der nächsten Generation von Betrieben sowie deren rabiate Umstrukturierung. Damit konnte man die Fragen grundsätzlicher stellen: Wie sinnvoll ist eine ständig erneuerte Reparatur ökologischer Ruinenlandschaften? Oder, wenn auch diese Fragerichtung umgekehrt wird: Was kann noch als das Ziel der Produktion des materiellen Reichtums gesehen werden, wenn sich nach und nach herausgestellt hat, dass es nicht der sorgsame Umgang mit den Ressourcen ist, auch nicht die Versorgung mit Massenkonsumgütern, ebenso wenig wie die Erleichterung der Arbeit oder gar die Freistellung vom Zwang zur Arbeit?
Die Prekarisierung der Arbeit, die sich mit dem Wegfall des Eisernen Vorhangs schnell verschärfte, wäre als Verunsicherung oder gar materielle Verschlechterung der Lebensverhältnisse bestimmter sozialer Gruppen schief beschrieben. Der materielle Wohlstand wird vielmehr – man muss sich erinnern: auf solch hohem Niveau, dass es nicht global verallgemeinerbar ist! – individualisiert und damit auch individuelles Scheitern legitimiert. Für diesen Diskurs wurde nichts Neues erfunden. Er hat nicht nur starke liberale Wurzeln, sondern entsteht unmittelbar aus der gesellschaftlichen Kernstruktur der Arbeit: Fast alle Menschen nehmen an der gesellschaftlichen Dynamik des Niederreißens aller Schranken, der Anhäufung immer weiteren materiellen Reichtums ausschließlich in der Weise teil, dass sie ihr Arbeitspotenzial anbieten. Die ständige Konkurrenz der Lohnarbeiter mit ihren verschiedenen Möglichkeiten, in ihr gut zu bestehen, die Unsicherheit als Grundsituation, in der Sicherheit nur als bestmögliche Anpassung an den unendlichen, unbeeinflussbaren Prozess der Verunsicherung gedacht werden kann, ist in einem gewissen Sinn die nächstliegende Form der Organisation der Arbeiterschaft. An den Industrialisierungsprozessen, die sich jetzt weltweit abspielen, kann man dies gut beobachten: Wenn sich jemand der Enge oder den prekären Lebensverhältnissen auf dem Land entziehen will, geht er nicht irgendwo hin, sondern in die Stadt, in der ein Teil der sozialen Gruppe, der er sich zugehörig sieht, sei es Familie oder Clan, schon lebt. Dort hat er die besten Chancen auf einen bezahlten Job. Getragen von diesen Hoffnungen können neue Bereiche der Stadt schnell und zunächst improvisiert wachsen.(13) So entsteht das riesige Arbeitskräftereservoir, das für die Industrialisierung genutzt wird. Und dies war in den Zuwanderungswellen im Ruhrgebiet nicht anders.
Die Schröder-SPD bündelte die Veränderungen in der Verfasstheit der Arbeiterschaft in einer Stoßrichtung: Egal ob »Fördern und Fordern« für die Arbeitslosen oder Steuerfreiheit für den Verkauf von Unternehmensanteilen, die zur Auflösung der Verflechtungen der »Deutschland AG« beitrug, die Maßnahmen waren getragen vom Bild der Stärkung des Einzelnen als Marktteilnehmer, ihn »fit zu machen« für die Konkurrenz. Wesentlicher Akteur war, auch dies als Verarbeitung sozialdemokratischer Traditionen, der Staat, der sich allerdings ebenfalls verändern sollte, »verschlanken« eben – die Metaphern der sportlichen Konkurrenz sind penetrant … Die Konkurrenz innerhalb der Arbeiterschaft wurde zur Grundlage politischen Handelns gemacht, aus dem gesellschaftlich Naheliegenden wurde das »realistische« Leitbild der SPD, bis hin zur Legitimierung der »Ich-AG« als radikalster Form der vereinzelten Konkurrenz, ohne eine kontrafaktische Botschaft der gemeinschaftlichen »Selbstermächtigung«, die an die beiden Grundelemente der Arbeiter-Situation anknüpft, die elementare Unsicherheit der Existenz der Arbeiterschaft und ihre große Anzahl. Die SPD hörte in diesem Sinne auf, Arbeiterpartei sein zu wollen. In diesem gesellschaftlichen Großversuch ist die Spaltung in SPD und »Linke«, in der traditionelle Botschaften dieser »Ermächtigung«, zum Beispiel das Bild »die da oben – wir hier unten«, noch bewahrt werden, noch der glimpflichste der möglichen Ausgänge. Ein Indiz aus Alltagsdiskursen: Wenn »Sozialschmarotzer«, also nicht arbeitende Sozialgeld-Empfänger, verhasst sind, gleichzeitig Monatseinkommen jenseits der 100.000 als gerechtfertigt beurteilt werden, weil da jemand »Leistung bringt«, dann wird die wesentliche Spaltungslinie in der eigenen Klassensituation, zu meinen Nachbarn gezogen.(14) Noch einmal: Alle erreichbaren Ressourcen individuell oder in der Familie, im Clan, in der Ethnie zu sichern, liegt strukturell näher als die Bereitschaft zur abstrakten Gemeinsamkeit einer »Klasse« oder gar zur demokratischen, bürgerschaftlichen Bestimmung von grundlegenden Zielen, denen der gesellschaftliche Reichtum nutzen soll. Hier zeigt sich die Tendenz, nicht nur die Traditionen der Gemeinsamkeit, wie sie im Bild »wir hier unten« verdichtet waren, zu negieren, sondern darüber hinaus die Möglichkeit des Gemeinsamen an sich.
Die Herstellung einer Arbeiterschaft, die auch in dieser Situation zumindest einen störungsfreien Produktionsprozess ermöglicht, wenn möglich sogar einen Sinn in ihm sieht, ist erneut eine zentrale Aufgabe im strategischen Umformungsprozess der Wirtschaftsweise. In den Industrien der »Zweiten Generation« des Ruhrgebiets war erst Ende der Achtzigerjahre ablesbar, unter welchen Leitlinien diese Strategiewende stand. Bis dahin waren nicht nur Vorstände, sondern auch mittlere Managementebenen mit großzügigen, mietgünstigen Häusern versorgt, die von werkseigenen Putzfrauen geputzt und deren Gärten von werkseigenen Gärtnern gepflegt wurden. Kinder der Werksangehörigen wurden bevorzugt eingestellt, das kulturelle und sportliche Leben der Städte gefördert. Zeichen der Wende waren nicht nur die massive Senkung der Mitarbeiterzahlen auf allen Ebenen, insbesondere auch der Managementebenen, sondern auch die alltägliche »Ökonomisierung« betrieblicher Teilbereiche und ihrer Kommunikation. Werkswohnungen wurden ebenso verkauft wie Unternehmensteile. Betriebliche Dienstleistungen wurden outgesourct, eingestellt oder zu eigenständigen Unternehmen zergliedert. Ein anschauliches Beispiel: Dort, wo vorher die Vorstände nach Feierabend am offenen Kamin zusammensaßen, wurde investiert und eine Gastronomie für alle eröffnet – die für sich profitabel sein muss.(15) Vielleicht ist es noch zu früh, den neuen Stil in der Arbeitskultur in seiner ganzen Tiefe zu bestimmen. Sicher ist jedoch ein zentrales Element dabei die Verbreitung von Normen der »Selbstregierung«, also der Verinnerlichung des äußeren Drucks in allen gesellschaftlichen Bereichen, gerade auch in denen, die traditionell von anderen Normen geprägt waren, wie Wissenschaft und Bildung. Dass sich alles gesellschaftliche Leben der Grundstruktur der permanenten Schaffung neuen materiellen Reichtums unterordnet, zeigt, wie unbestritten die neue Machtkonstellation einerseits ist. Gleichzeitig kann diese Grundstruktur nicht anders als absurd bezeichnet werden – womit deutlich wird, dass die Analyse gesellschaftlicher Machtstrukturen »oben« und »unten« nicht ausreicht: Sie muss durch die Ebene der Analyse von Mythen erweitert werden. Das Bild der unendlichen Bewegung, des permanenten Niederreißens aller Schranken im Prozess der Reichtumsproduktion bildet einen bis jetzt dem gesellschaftlichen Verstand nicht zugänglichen »blinden Fleck«, einen Mythos eben,(16) der in einer Fülle von Institutionalisierungen verankert ist.
Die räumliche Metapher von der Globalisierung der Ökonomie verdeckt die strategische Neuausrichtung des Machtblocks, verweist allerdings auf deren Kern: eben die in der strategischen Wende erneuerte ständige Ausweitung der Profitabilität, verbunden mit der Individualisierung des Wohlstands. Eine der angemessenen Reaktionen der Vertreter der Arbeiterschaft aus den deutschen institutionellen Verhältnissen heraus ist das, was in der Wirtschaftspresse voller Respekt als »Co-Management« bezeichnet wird, also die zentrale Rolle der Betriebsräte in diesem Prozess der strategischen Neuausrichtung.
Die Transnationalisierung am Ende des 20.Jahrhunderts, die in den mächtigen Staaten und durch sie durchgesetzt wurde, erneuert die gesellschaftliche Dynamik der immer erweiterten Reproduktion des Kapitals, indem weltweit die lebendige Arbeit unter ihr Prinzip gebracht wird. Nach der primär nationalstaatlichen Organisation des Verhältnisses Arbeit–Kapital in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Europa zeigt sich hier die Kapitalherrschaft in dieser transnational organisierten Struktur in gewissem Sinn »nackt«, nämlich ohne nationale Verhüllung.
Befreiung von ländlicher Enge und den Fesseln der Tradition, das kann jetzt für chinesische oder indische Arbeiter, die für den Weltmarkt produzieren, neben der bloßen Notwendigkeit, ein Einkommen zu sichern, auch ein Sinnangebot sein. Ob dieses Sinnangebot allerdings angenommen wird, ist alles andere als klar: Denn die Struktur des »blinden Flecks« ist tief in der »westlichen« Geschichte verankert und nicht, wie vom »Westen« vorausgesetzt wird, allgemein menschlich. Auch für die »westliche« Arbeiterschaft ist jedoch angesichts von »peak oil« und »peak everything« elementar notwendig, dass die chinesische oder indische Arbeiterschaft demokratisch gemeinschaftliche Ziele setzen kann im Prozess der Schaffung gesellschaftlichen materiellen Reichtums. Mit dem transnational strukturierten Wettbewerb der Arbeitskraft zeichnet sich die Möglichkeit ab, auch die westlichen Unendlichkeitsszenarien des Reichtums zu verallgemeinern. Mit shopping malls und Autobahnen wird eben nicht nur der Exportüberschuss reifer Volkswirtschaften realisiert, sondern es zeigen sich Ansätze weltweit gültiger Erfolgskriterien für die gesellschaftliche Teilhabe, eben die Teilhabe an spezifischen Konsumgütern.
Angesichts der »nackten«, transstaatlichen Herrschaft der unendlichen gesellschaftlichen Dynamik vermischt sich in Deutschland, nicht nur in der Arbeiterschaft, eine Verachtung des Staates mit der Akzeptanz seiner Instrumentalisierung, genauer: seiner Erbeutung durch Teilinteressen: Opel-Arbeiter sollen weiter arbeiten dürfen, Quelle-Arbeiter nicht. Ein in diesem Sinn »realistischer« Staatsbegriff in den Köpfen beschreibt einen weiteren Zug der neuen Hegemonie, nämlich staatliche Institutionen als individuelle Ressource zu sehen. Dem entspricht, dass auch bei denen, die staatliches Handeln »verschlanken« wollen, das Bild des »Staats als Dienstleister« prägend ist. Hier wird genauso eine Delegitimation des Gemeinschaftlichen betrieben wie durch die Auflösung dauerhaft finanzierter staatlicher Aufgaben in Projekte, für deren Finanzierung ständig neue Anträge gestellt werden müssen.(17) Wenn der Kern der Situation der Arbeiterschaft – und zwar inzwischen potenziell global – unverändert in der ständigen, strukturellen Verunsicherung durch Rationalisierung, Entlassung und Neustrukturierung besteht, also in der Bedrohung der lebendigen Arbeit durch den von ihr geschaffenen Reichtum, der ihr als Technologie und Maschinenpark fremd gegenübersteht, dann ist diese Orientierung auf individuelle Verbesserung der Chancen im Kampf um Ressourcen nahe liegend – aber katastrophal, weil sie eine Veränderung der Lage an sich verhindert, die nur auf der Grundlage von Strukturen des Gemeinschaftlichen möglich ist.
Parteien der Arbeiterschaft müssen gemeinschaftliche, politische Lösungen gegen die ständig erneute Verunsicherung und in diesem Sinne Ziele anbieten. Diese Ziele werden nicht beliebig sein, sondern der grundlegenden Situation der Arbeiter als der großen Bevölkerungsmehrheit entspringen: soziale und ökologische Absicherung des eigenen Lebens und der Perspektiven der nächsten Generationen. Was im demokratischen Prozess der Mehrheitsbildung erreicht werden kann, hängt entscheidend davon ab, ob die Gesellschaft, ihre Intellektuellen also, es schafft, sich selbst über den gesellschaftlichen Mythos der ständig erweiterten Produktion von Reichtum, den Mythos des Kapitals aufzuklären. Erste Bedingung hierfür ist, dass die Arbeiterpartei ihren Wählern sagt, dass sie in einem extrem reichen Land leben.
Eine Utopie muss nicht erst ausgedacht werden, sie existiert schon. Die vielfältigen realen Ansätze sind jedoch nicht zur politischen Bewegung organisiert. Paradigmatisch ist der Ausbau eines zuverlässigen, bequemen öffentlichen Nahverkehrs an der Stelle der individuellen Automobilisierung: Die individuelle Beweglichkeit wird durch regionale, politisch diskutierbare Strukturen gesichert. Wenn eine Buslinie nicht sinnvoll geführt wird, dann kann das zum politischen Thema werden; zum politischen Thema müssten jedoch auch die Verhältnisse werden, die Verkehrsströme erst erzeugen, also Siedlungen ohne Lebensmittelgeschäfte und Arbeitsmöglichkeiten. Ohne eine Partei der Arbeiterschaft, die Zugänge zu dieser Teilhabe organisiert, institutionalisiert und politisiert, die diese gerechte Teilhabe zudem in ein Bild des Ganzen einordnet, wird die Demokratisierung mit dem Ziel der »Revolutionierung des Alltags«, die angesichts der Klimakatastrophe unabdingbar ist,(18) nicht gelingen. Das Weltbild des unendlichen Prozesses der Kapitalbewegung, dem die Arbeit als ungleicher Zwilling zugeordnet ist, muss entmythifiziert werden. Dies geschieht, wenn die potenzielle Sicherheit aller, die unsere immens reiche Gesellschaft ermöglicht, als eine in den Grundzügen gemeinschaftlich organisierbare, demokratisch bestimmbare gesehen wird. Konkret bedeutet dies, wie Michael Jäger vorgeschlagen hat, das Bürgergeld als Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum zu organisieren.(19) Die Teilhabe an diesem Reichtum wäre mit der Verpflichtung zu seiner Pflege verbunden, die schon damit anfängt, den Kindern alle Zeit zu geben, die sie brauchen, die alle Formen eigenwirtschaftlicher Arbeit einschließt und über genossenschaftliche Formen bis hin zur gesellschaftlich sinnvollen großindustriellen Produktion geht. Die Organisation der Arbeit würde deutlich machen, dass der gesellschaftliche Reichtum auf dem angehäuften materiellen Reichtum basiert, aber weit über ihn hinausgeht. Weil die Arbeiter erst individuell und gesellschaftlich zu Verfügungsberechtigten werden müssen, kann man sich einen solchen Einstieg in die Postwachstumsökonomie nur als Machtverschiebung, Neuausrichtung und Neugründung im Geflecht der vielfältigen Institutionalisierungen vorstellen, die jetzt in den gesellschaftlichen Teilbereichen die Vorherrschaft der unendlichen Kapitalbewegung organisieren. Ein aktuelles Beispiel: Der Finanzmediator, der zwischen Firmen, deren Kreditwunsch abgelehnt wurde, und ihren Banken vermitteln soll, zeigt eine Machtverschiebung an, die von einer bestimmten Idee getragen ist, nämlich dem Misstrauen in die gesellschaftliche Verantwortung der Großbanken, aber eben auch von dem ungebrochenen Mythos der Notwendigkeit des Wachstums.(20)
Wenn hier von der potenziellen Sicherheit aller gesprochen wird, die unsere reiche Gesellschaft ermöglicht, dann heißt dies auch, dass sie nachhaltig sein muss auch in der Hinsicht, dass sie international als Modell gesehen werden kann. So wie jetzt im realen Austausch der Gesellschaften, durch das nie geahnte Ausmaß der Migration und andere vielfältigste Verbindungsebenen mit ihren jeweiligen, umkämpften Strukturen der Macht, anscheinend die Übernahme des westlichen Wirtschaftsmodells organisiert wird, kann ebenso ein Modell der nachhaltigen, an einem guten Leben orientierten Ökonomie durchgesetzt werden.(21)
Von der Position der lebendigen Arbeit aus, die Ziele eines guten Lebens, nicht Anhäufung abstrakten Reichtums anstrebt, lässt sich der Mythos des Kapitals angreifen. Im historischen Rückblick kann man sehen, welche Beschränktheiten die Parteien der Arbeit daran hinderten. Heute, angesichts der globalen Dimension der Schäden, die er angerichtet hat, kann die Absurdität dieses gesellschaftlichen Mythos gesehen werden. Für eine Arbeiterpartei hieße dies, dass sie nicht auf eine zukünftige Revolution warten kann, nicht »die da unten« mit der Perspektive eines »gerechten Anteils« am gesellschaftlichen Reichtum ansprechen darf, sondern vom ungeheuren, alle Maße sprengenden Reichtum unserer Gesellschaft ausgehen muss. Aus der Perspektive der gesellschaftlichen Verfügung über den materiellen Reichtum kann sie Ziele für ein gutes Leben entwickeln, die global verallgemeinerbar sind.
1
Der Roman von Robert Wolfgang Schnell, Erziehung durch Dienstmädchen (Darmstadt/Neuwied 1968), gibt einen intensiven Einblick in den Ruhrkampf 1919 am Beispiel einer Wuppertaler Familie. Es gab im ganzen Ruhrgebiet Kämpfe, bis heute verrotten meines Wissens die Überreste eines Waffenlagers der Roten Ruhrarmee in der Lippe am Nordrand des Ruhrgebiets.
2
Ein Beispiel: In Marl wehte die rote Fahne trotz der vielen brutalen Einschüchterungsmaßnahmen in einer Bergarbeitersiedlung bis Mitte der Dreißigerjahre.
3
Die Entwicklung des Verhältnisses von Kapital und Arbeit als wesentliches Element der ökologischen Problematik und ihrer Lösung zu sehen, darauf drängt Michael Jäger in seinem Beitrag »Wir Kleinbürger« in Kommune 4/09, S. 69 ff. Er greift damit die Begrifflichkeit von Marx’ Hauptwerk auf und entwickelt sie weiter. Seinen Schwerpunkt legt er dabei auf die politisch und intellektuell bedeutsame Restklasse der Kleinbürger. Die Arbeiterklasse sieht er in einem »scharf gegensätzlichen Interesse« zum Kapital, da sie als Klasse »das Überleben will«. Mein Text ist aus der Auseinandersetzung mit diesem Ansatz entstanden. Ich versuche, die Arbeiterklasse in den Mittelpunkt zu stellen. Dabei zeigt sich, dass der grundlegende Gegensatz zur unendlichen Bewegung des Kapitals eine – politisch-institutionell zu organisierende – Möglichkeit ist. Die Unterordnung, ja Kooperation in dieser unendlichen Bewegung ist jedoch die andere, nahe liegende Möglichkeit.
Michael Jäger arbeitet zurzeit in seinem sehr lesenswerten Blog (www.freitag.de/community/blogs/michael-jaeger) umfassend an der Erneuerung der theoretischen Begrifflichkeit, die das fassen kann, was angesichts der ökologischen Krise ansteht: eine tief greifende gesellschaftliche Umwälzung.
4
1927 dominierte der »Bürger- und Arbeiterkonsumverein Eintracht« in Gelsenkirchen zum Beispiel mit 24 Verkaufsstellen und einem eigenen Lagerhaus den Einzelhandel. Daneben gab es noch eine christliche Konsumanstalt sowie je eine der protestantischen Masuren und der katholischen Polen. Der »Reformführer NRW«. Soziale Bewegungen, Sozialreform und ihre Bauten (hrsg. von Klaus Novy, Arno Mersmann, Bodo Hombach, Köln/Wien 1991) bietet einen guten Einstieg in die Erkundung der baulichen Relikte der Arbeiterklasse.
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Die Ruhr-Universität, nicht Opel oder Nokia, ist der größte Arbeitgeber der 380.000 Einwohner zählenden Stadt Bochum.
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Karl Marx’ Manuskript Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, auf dessen Begrifflichkeit hier aufgebaut wird, wurde in der Bundesrepublik zuerst als fotomechanischer Nachdruck der Moskauer Ausgabe von 1939 und 1941 in der gewerkschaftsnahen Europäischen Verlagsanstalt veröffentlicht. Es liest sich auch deshalb spannend, weil hier im Einzelnen nachvollziehbar wird, wie um die Ausarbeitung des theoretischen Modells gerungen wird.
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Der CDU-Ministerpräsident knüpft dabei allerdings an die spezifischen Traditionen des Landes an: Jakob Kaiser als erster Ministerpräsident, später die Sozialausschüsse vertraten in der Bundes-CDU immer eine »arbeiterorientierte« Politik. Rüttgers variiert zwar die CDU-Politik, deren Kern besteht jedoch überall im Versprechen verstärkter Sicherheit, auch über die Bewahrung klarer, traditioneller Strukturen gegen die Verunsicherungen der Moderne, trotz aller diskursiven Verschiebungen, die unter dem Etikett der »Modernisierung« des Konservatismus zusammengefasst wurden. SPD und CDU gruppieren sich insofern um das zentrale Thema der Sicherheit, bieten unterschiedliche Sichtweisen an und geben unterschiedliche Antworten. In dieser Spaltung verschieben sich die Problemsichten, zum Teil auch grundlegend. Die politische Organisierung der Arbeiterschaft kann man sich jedenfalls nicht exklusiv denken.
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In seinem autobiografisch geprägten letzten Roman Die Romantiker von 1963 (deutsch zuerst Hamburg-Zürich 1988) spitzt Nazim Hikmet dies immer erneut zu auf die Tragik des Leidens und Sterbens der Revolutionäre für das Leben.
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Diese Haltung, dieser Glauben an die gesetzmäßige Entwicklung ist nichts weniger als exklusiv, er bildet die Grundströmung der Zeit in den unterschiedlichsten Formen, von der Technikeuphorie, die sich aus der Erwartung der Lösung gesellschaftlicher Probleme speiste, bis zum Glauben an den notwendigen Kampf um die Dominanz der eigenen Rasse.
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Die Bereitschaft zur Aufopferung sogar des eigenen Lebens nach Verstößen gegen die Lehre der Partei und der Klassiker propagiert Bertolt Brecht in seinem Lehrstück von 1930, Die Maßnahme, veröffentlicht im Suhrkamp Verlag 1955, in einer Taschenbuchausgabe 1966. Dass dieses Stück noch in den 1990er-Jahren ohne jede kritische Wendung im Ruhrgebiet aufgeführt werden konnte, macht die Überlebensfähigkeit dieser fürchterlichen Weltsicht deutlich.
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Volker Berghahn (Unternehmerverbände und Politik in der Bundesrepublik, Frankfurt am Main 1985) hat dies im Einzelnen dargestellt. Gerade die Kohle- und Stahlunternehmer leisteten zähen Widerstand. Erst die SPD-geführte Bundesregierung hat ab 1969 nach seiner Darstellung diesen Prozess vollendet.
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Ein Mosaiksteinchen: Wenn im gymnasialen Deutschunterricht Ende der 1960er-Jahre abwertende Beurteilungen über den Arbeiter diktiert wurden, erforderte es Mut, als einziger Vater aus der Arbeiterschaft dagegen in der Schule zu protestieren. Die Gesamtschulen wurden ab den 1970er-Jahren die Flaggschiffe der von der SPD durchgesetzten Bildungsexpansion, zum Teil schnell von den Ausläufern der APO geentert und stehen bis heute unter massivem Beschuss.
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Mike Davis’ Planet der Slums (Berlin/Hamburg 2007) gibt einen Überblick über diese rasche Form der Verstädterung und betont ihre chaotischen Züge. Gerhard Schweizers analytischer Reisebericht Metropole. Moloch. Mythos. Eine Reise durch die Megastädte Indiens (Stuttgart 2004) zum Beispiel arbeitet dagegen die »Ordnung hinter dem Chaos« heraus, nämlich die religiösen, ethnischen, regionalen und letztlich familiären Strukturen, die auch in den am schnellsten wachsenden Slums ein Leben erst ermöglichen.
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Die Stimme einer Oberstufenschülerin als Beleg aus dem Alltag: Ihre Mutter gehe nachts um zwei arbeiten und die Hartz-IV-Leute nicht. Die bekämen aber einen neuen Fernseher, wenn der alte kaputtgeht, sie müssten den Rechtsanwalt nicht selbst zahlen. Sie habe nichts dagegen, das Sozialeinkommen drastisch zu kürzen. Jeder könne arbeiten, wer nicht arbeiten wolle, solle ruhig hungern.
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Heinrich von Pierer wurde in der Wirtschaftspresse lange für seine traditionelle Einstellung in der Führung von Siemens getadelt. Noch im Rückblick wird polemisiert: »Der Chef von Siemens konnte nicht einfach wegstecken, die traditionell gepflegte Wattebauschkultur mit der Suche nach Harmonie zwischen Belegschaft und Management abzulegen, Unternehmensanteile zu verkaufen oder an die Börse zu bringen und damit Zigtausende Siemensianer heimatlos zu machen.« (Rüdiger Köhn und Carsten Knop, FAZ, 31.10.09)
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Claude Levi-Strauss in einem Interview, das anlässlich seines Todes erschien: »Ein Mythos ist eine Geschichte, welche Völker erzählen, die nicht über die Schrift verfügen. Sie erzählen sie, um ihre Herkunft zu erklären, den gegenwärtigen Zustand ihrer Lebensbedingungen und die Zukunft ihrer Existenz zu rechtfertigen. Es ist ein Versuch, mit globalen, einheitlichen Lösungen auf sehr verschiedene Arten von Problemen, die auf spezielle Wissenschaften verweisen, zu reagieren.« In zivilisierten Gesellschaften gebe es nur in der Geschichte noch Platz für einen Mythos. (FAZ, 5.11.09)
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In Ländern, die gerade begonnen haben, die Fesseln der Traditionen und ihrer natürlichen Begrenzungen zu sprengen, führen andere Wurzeln zu ähnlichen Strukturen: eben den Staat als Ressource zu sehen, um die zu kämpfen legitim ist, allerdings nicht individuell, sondern als Teil einer Familie, eines Familienverbandes oder einer Ethnie. Dies könnte noch einmal verdeutlichen, dass das Prinzip der good governance, das gegen diese Zersplitterung in den Ländern mit peripherer Industrialisierung diskutiert wird, auch in Deutschland nicht naturgegeben ist. Schon die populistische Forderung nach dem »Starken Staat« ist ja eine nach dem Staat für »uns« und gegen »die«. Im politologischen Konzept des »Wettbewerbsstaates« ist dies der Ausgangspunkt: Die vorgängige, nicht befragte Wachstumsnotwendigkeit muss und kann durch staatliche Maßnahmen optimiert werden. Auch wenn die ökonomische Transnationalisierung durch starke Staaten gesteuert wird, verschwindet so der Staat als Bühne der Politik.
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Claus Leggewie und Harald Welzer: »APO2.0. Für die Revolutionierung des Alltags wider die Klimakrise«, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 12/09, S. 33 ff., bieten mit dieser These hoffentlich ein attraktives Bild für Intellektuelle. Aber die APO war eine Intellektuellenbewegung zum Teil gegen die Arbeiterschaft. Dies darf sich nicht wiederholen. Viel grundsätzlicher begründet Antonia Grunenberg in der Kommune 6/09 im Anschluss an Hannah Arendt einen Begriff der Freiheit als Fähigkeit der vielen Einzelnen, etwas Neues zu stiften, nicht als Einzelwillen, sondern als aufeinander angewiesene, bedürftige Subjekte. Sie verweist auch darauf, dass sich mit der Finanzkrise gezeigt hat, wie stark die Freiheit durch »selbstreferenzielle Ereignisse, die sich im Zwischenreich zwischen Wirtschaft und Politik abspielen«, bedroht ist. Ein wesentlicher Teil der Bürger kann nicht für die Freiheit eintreten ohne eine Perspektive der Sicherheit – dies ist die These meines Textes. Eine in Arendts Sinn republikanische Arbeiterklasse ist Voraussetzung und zentrale Aufgabe der »Revolutionierung des Alltags«.
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»Wir Kleinbürger«, in Kommune 4/09, S. 82.
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Es ist kein Zufall, dass diese Institution zuerst in Frankreich eingerichtet wurde, wo die offen staatliche Organisation des Kapitalprozesses Tradition hat. Interessant und ein Argument gegen die uneingeschränkte Annahme der Effizienz des Marktes sind die ersten Erfahrungen nach etwas mehr als einem Jahr: An die in den Departements verteilten Mediatoren wenden sich Firmen, die von ihren Banken keinen Kredit bewilligt bekamen. In zwei Dritteln der bisher 12.000 Fälle erhielten sie ihn dann doch … (FAZ, 8.12.09)
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V. S. Naipauls Buch Indien. Land des Aufruhrs (Berlin 2006, orig. 1990 mit dem Untertitel A Million Mutinies, »Meutereien« also) verarbeitet unzählige Gespräche und bietet gewissermaßen einen strukturierten Einblick in das Selbstbild der indischen Intellektuellen. Dieser intensive Überblick zeigt immer wieder die grundlegende Bedeutung der Auseinandersetzung mit dem britischen Kolonialerbe, vor allem aber mit der rapiden Industrialisierung der letzten Jahre. Auf einer »Graswurzel«-Ebene der Politik kann sich das so zeigen: Der Gedanke der community media, also digitale Videorekorder zur Herstellung einer lokalen, von den Betroffenen selbst hergestellten Öffentlichkeit zu nutzen, wie er von US-NGOs an kritische indische Intellektuelle herangetragen wird, kann auf den Dörfern zum Focus der Diskussion von gemeinschaftlichen Belangen werden – und sieht sich mit allen Machtstrukturen und ihren Stützen konfrontiert.
In: Kommune, Forum für Politik, Ökonomie, Kultur 1/2010