Jens Thomas

 

Zwischen Selbstliebe und Selbstausbeutung

 

Boomende Querschnittsbranche Kreativwirtschaft ? Fortschritt des Prekären?

 

 

 

Die Kreativwirtschaft als Hoffnungsträger für wirtschaftliche Beruhigung und Expansion? Jedenfalls dehnt sich dieser Sektor immer weiter aus. Doch wer ist mit »Kreativwirtschaft« eigentlich gemeint und was ist hier neu oder vielleicht ganz anders? Unser Autor zeigt uns diese Dienstleistungsökonomie als ein Spannungsfeld von kultureller Selbstentfaltung und ökonomischen Zwängen. Unter besonderer Berücksichtigung des neuen Prekariats.

 

Als im letzten Jahr das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie ihren Bericht »Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland« vorstellte, waren die volkswirtschaftlichen Gemüter verzaubert. 2006 leistete die Kultur- und Kreativwirtschaft zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung einen Beitrag in Höhe von 61 Milliarden Euro ? ein Anteil von 2,6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt.(1) Die Zahl der Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft erreichte 2007 ein Volumen von 970.000 Selbständigen und abhängig Beschäftigten. Das bedeutete einen neuen Höchststand.

Seit Jahren gilt die Kreativwirtschaft als boomende Branche und lokalisiert sich vor allem in den angesagten Vierteln pulsierender Großstadtmetropolen. Kreativ Tätige siedeln in Berlin und Hamburg höherwertige, wissensbasierte Dienstleistungen an und werten Zentren auf, nicht ab. Sie stellen Migrationstheorien geradezu auf den Kopf. Wie der amerikanische Regionalökonom Richard Florida im Rahmen seiner Kreativkapitaltheorie in The Rise of the Creative Class (2004) konstatiert, ziehen Kreative meist nach Lebensstilkriterien in die Städte, die Jobs würden ihnen dann folgen. So ist der Beitrag einer stetig wachsenden Kreativwirtschaft zum städtischen Wirtschaftsprodukt in Berlin im Vergleich zum verarbeitenden Gewerbe inzwischen sogar höher. Jeder zehnte Erwerbstätige der Stadt ist in der Kreativwirtschaft beschäftigt, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Wer die Kreativen sind, ist allerdings nicht ganz klar. Weder ist der Begriff der Kreativwirtschaft wissenschaftlich einheitlich definiert, noch gab es über die Jahre hinweg eine verbindliche Festlegung über Tätigkeitssegmente, die von Städten, Ländern und dem Bund gemeinsam genutzt wurden.(2) Erst 2008 einigte sich die Wirtschaftsministerkonferenz auf eine länderübergreifend einheitliche und europaweit anschlussfähige Definition auf Basis der amtlichen Statistiken. Somit umfasst der Kern der Kultur- und Kreativwirtschaft heute elf Teilmärkte: die Musikwirtschaft, den Buchmarkt, Kunstmarkt, die Filmwirtschaft, Rundfunkwirtschaft, den Markt für darstellende Künste, die Designwirtschaft, den Architekturmarkt, Pressemarkt, Werbemarkt sowie die Software-/Games-Industrie.

 

Kreativwirtschaft: neues oder neu konstruiertes Erwerbsfeld?

Fraglich bleibt, in welchem Maße die Zahl an kreativen Dienstleistungen wirklich steigt oder inwieweit der Anstieg darauf zurückzuführen ist, dass sich ein Strukturwandel in der Arbeitswelt von Industrieproduktionen hin zu Dienstleistungen vollzogen hat und im Laufe der Jahre immer weitere Teilmärkte unter dem Begriff Kreativwirtschaft erfasst werden. Suggeriert wird eine homogene Gruppe mit einem klaren Erwerbsfeld. Dabei fehlt eine klare Umrandung, um die Entwicklungen im Bereich der Kreativwirtschaft ausreichend vergleichen zu können. Der Begriff der Kreativität wird beliebig.(3) Alexandra Manske, Soziologin und Dozentin aus Berlin, spricht von einer ökonomischen und ökonomisierenden Verengung des Begriffs einerseits und einer analytischen Beliebigkeit andererseits. Während die Kreativwirtschaft als Wirtschaftsfaktor zunehmende Aufmerksamkeit erfahre, würde das Erwerbsfeld Kreativwirtschaft eher deskriptiv und wirtschaftspolitisch abgebildet und zu einem Sammelsurium, einer amorphen Masse kulturwirtschaftlicher Dienstleistungen gebündelt.(4)

Trotzdem besteht kein Zweifel daran, dass die Bedeutung an kreativen Verrichtungsformen heute enorm ist. Eine Verkommerzialisierung von Kultur und die Kulturalisierung des Ökonomischen führt zu einer Ökonomisierung des Sozialen; die ökonomische Perspektive wird auf sämtliche Lebensbereiche ausgedehnt. Eine Abgrenzung zwischen »primären« und »sekundären« Kulturberufen, die die Soziologin Sigrid Betzelt in ihren erwerbssoziologischen Untersuchungen vornimmt, ist kaum mehr möglich. »Primäre« Kulturberufe verortet Betzelt vorrangig in der freien künstlerischen Produktion, »sekundäre« hingegen stärker in marktbezogenen und kulturvermittelnden Tätigkeitssegmenten.(5) Die Übergänge sind jedoch fließend. Auch setzt Betzelts Begriffsverwendung voraus, wie Alexandra Manske anmerkt, dass die »Kreativen« des ersten Typus per se ohne erwerbswirtschaftlichen Zweck agieren würden. Doch werden kreative Kulturleistungen im Wechselspiel von freier Kunst und kreativen Dienstleistungen zum Branchenmix einer wettbewerbsfähigen und wissensbasierten Dienstleistungsökonomie.

Die Expansionstendenzen der Kreativwirtschaft lassen sich auch dadurch erklären, dass eine klare Abgrenzung zwischen als kreativ geltenden und nicht-kreativen Tätigkeiten durch die Vermarktung von Kultur und die Kulturalisierung des Ökonomischen schwerer geworden ist. Neu ist nicht, dass es kreative Berufsfelder gibt. Neu ist, dass sich die Anforderungen und Wertbezüge gesamtgesellschaftlich verändert haben und sich neue Schnittstellen sowie damit auch neue kreative Erwerbsfelder auf dem Arbeitsmarkt im Zuge neuer Kommunikationstechnologien herauskristallisierten.

Netzwerke als dominierendes gesellschaftliches Organisationsprinzip entstrukturieren heute die fordistischen Prinzipien tayloristischer Arbeitsteilung durch flexibilisierte Spezifizierung. Neue Partizipationsmöglichkeiten ergaben sich vor allem durch die Schaffung einer allgemein zugänglichen Wissensallmende im Zuge des Internets, in der Arbeitswelt vollzog sich eine »relationale Verschiebung von nach wie vor als positiv empfundenen Pflicht- und Akzeptanzwerten zu einer verstärkten Orientierung auf Werte der Selbstentfaltung und -verwirklichung« (G. Günter Voß). Fähigkeiten wie Selbstorganisation und Einfallsreichtum wurden zur produktiven Charakterdisposition, Projektifizierung wurde zum Leitbild neuer Arbeitsteilung. Projektifizierung setzt Einfallsreichtum und Flexibilität voraus, hat Normbrüche und Kreativität, verstanden als Bereitschaft zur Grenzübertretung, zur Folge.

 

Aufstieg und Aufwertung von Kreativberufen

Berufe sind heute ? in der Tradition eines »cultural turn« um Autoren wie Bourdieu, Foucault, Giddens oder Goffman ? Ergebnis eines konflikthaften Aushandelns von Sinnzuschreibungen und werden gerade aufgrund sozialer Konstruiertheit von beruflicher Arbeitsteilung profiliert. Sie sind keine klassischen »Berufsrollen« mehr in Form instrumenteller Fähigkeiten und Erfordernisse für die Subjekte und somit keine normierten Statuspositionen. Gerade kreative Tätigkeiten und Kulturleistungen wurden in den 1970er-Jahren noch im weitesten Sinne durch solide Arbeit und Präzision als Handwerk verstanden, bis es durch Professionalisierung zum Erwerb konzeptioneller Kompetenzen kam und kreative Berufsfelder durch das Voranstellen von Originalität immer mehr aufgewertet wurden. In der Folge mussten sich die Individuen nicht nur zunehmend mit ihren gesamten Wissensbeständen und Erfahrungen in die Arbeit einbringen, konsumistischer und unternehmerischer Imperativ wurden auch »eins«, wie der Soziologe Ulrich Bröcking in seinem Buch Das unternehmerische Selbst anmerkt. Berechtigt widerspricht Bröcking der These von Daniel Bell, nach dem es einen Widerspruch in der kapitalistischen Kultur gebe, die auf Seiten der Produktion puritanisch und disziplinierend wirke, auf der Seite des Konsums hedonistisch und verführerisch.

Den Aufstieg und die Aufwertung von Kreativberufen in den Achtziger- und Neunzigerjahren hat die Soziologin Cornelia Koppetsch in ihrem Buch Ethos der Kreativen beschrieben. Koppetsch skizziert einen beruflichen Akteurstypus, der sich »der Verschmelzung von sinnstiftenden Lebensformen mit marktlichen Prinzipien nicht mehr entgegenstellt«, sondern den Wettbewerb von Ideen und Talenten »zum Leitbild seines beruflichen Handelns« erklärt. Sie resümiert, dass der moderne Kapitalismus heute ? in Anlehnung an Max Webers »protestantische Ethik« ? einen Ethos durch kulturelle Verwertbarkeit »voraussetzt«; der moderne Kapitalismus der Gegenwart sei in hohem Maße auf kulturelle und moralische Ressourcen (Freiwilligkeit, hohe intrinsische Arbeitsmoral und berufliches Anspruchsniveau) angewiesen, um »zu funktionieren«.(6)

 

»Prekarisierung auf hohem Niveau«

Wo es nach vorne geht, da ist Hoffnung. Die Indienstnahme von Kulturleistungen bildet in diesem Zusammenhang jene Tendenz ab, jeden Fortschritt in Zeiten klammer Kassen als Progression zu verstehen. Die Berichte in der Medienlandschaft, auch die Bewertung der Leistungen der Kulturschaffenden von politischer Seite sind in der Regel positiv konnotiert. Doch kommen Studien zur Kreativwirtschaft wie von Sigrid Betzelt zu dem Schluss, dass ein Viertel der Kulturdienstleister ein jährliches Gesamteinkommen von circa 9800 Euro nicht überschreitet. Die Mehrheit von ihnen erzielt circa 16.900 Euro.(7) Das Durchschnittseinkommen von Künstlern und Kulturberuflern liegt zudem meist weit unter dem, was andere Erwerbstätige mit vergleichbarem Bildungsniveau erzielen.(8) Auch bestehen erhebliche Schwankungen in der Einkommenshöhe und hohe Unsicherheiten in der Einkommenskontinuität im Vergleich zu anderen Professionen.(9) Alexandra Manske spricht darum von einer »Prekarisierung auf hohem Niveau«; kreative Kulturschaffende sind in der Regel Einfallsreiche mit Hochschulabschluss.(10)

Erschütterungen konzentrieren sich heute nicht mehr nur an den gesellschaftlichen Rändern. Die von Robert Castel beschriebene »Zone der Verwundbarkeit« weitet sich aus. Einerseits kommt es zu Prekarisierungsformen unter Hochqualifizierten, andererseits haben Geringqualifizierte kaum Zugang zur Kreativwirtschaft.(11) Es scheint »unsichtbare Zugangsbarrieren« zu geben, die »klassenmilieuspezifisch kanalisiert« sind (Alexandra Manske). Zudem ist der Frauenanteil in der Kreativwirtschaft überproportional hoch, die zunehmende Inklusion von Frauen im Erwerbsleben steht zugleich für voranschreitende Prekarisierung. Der Boom der Kultur- und Kreativwirtschaft bildet also auch neue Spaltungslinien in der Gesellschaft ab.

Verwunderlich ist zwar nicht, dass Kulturleister ökonomischen Schwankungen unterworfen und prekären Marktbedingungen ausgesetzt sind. Das waren sie mehr oder minder schon immer. Auffällig ist jedoch die Fokussierung von Kulturleistungen durch eine wirtschaftspolitische Linse und der Anspruch auf die Verwertung von Kultur und Kreativität. Die meisten Akteure in der Kreativwirtschaft agieren auf dem »offenen« Markt, während bis zu Beginn der 1990er-Jahre der öffentliche Kultur- und Medienbetrieb ihr wichtigster Arbeitgeber war.(12) Einerseits nimmt also die arbeitspolitische Wertschätzung gegenüber kreativen Kulturleistungen zu, andererseits nimmt die arbeits- und sozialpolitische Regulierung der Kreativ- und Kulturwirtschaft ab. Sowohl die Solo-Selbstständigkeit als auch Selbstständigkeit mit geringer Kapitalausstattung sind im Ansteigen begriffen: Während im bundesdeutschen Durchschnitt etwa zehn Prozent aller Erwerbstätigen alleine und selbstständig arbeiten, ist in der Kultur- und Kreativwirtschaft heute jeder zweite Erwerbstätige alleine selbstständig. Die Kreativwirtschaft ist zu 80 Prozent kleinteilig organisiert.

 

Ökonomische Zwänge, kulturelle Selbstentfaltung, neue Differenzen

Spezifische Potenziale wie Kreativität, soziale Kompetenz oder Selbstorganisation werden heute zu speziellen Formen der Organisation und Steuerung von atypischer Arbeit. Die Expansionstendenzen der Kultur- und Kreativwirtschaft stehen für die Abkehr von repetitiver Arbeit und für Zugewinne an Autonomie und Selbstgestaltung im Erwerbsleben. Sie bringen jedoch nicht nur Glück und individuelle Selbstentfaltung, sie stehen auch für Unterbezahlung und neue Abhängigkeiten in der Unabhängigkeit. Die Soziologin Sigrid Betzelt kommt in einer Studie (2006) allerdings zu dem Schluss, dass die von ihr befragten Kulturdienstleister ihre selbstständige Erwerbsform als freiwillig gewählt betrachten. Obwohl sie »individuellen Pfadabhängigkeiten und einer pragmatischen Anpassung an objektive Rahmenbedingungen« ausgesetzt sind, wie Alexandra Manske betont. Auf der einen Seite wirken intrinsische Motivationsfaktoren und ein durch die Selbstständigkeit gewonnenes Autonomieverständnis in Form identifikativer Profession, auf der anderen Seite ist ein dominant wertrationales Berufsverständnis von Freiberuflichkeit unter marktradikalen Restriktionen die Folge. Zwar unterscheidet sich die erwerbsbiografische Projektifizierung von Kulturschaffenden heute strukturell von jenen prekären Arbeitsbedingungen, die Robert Castel und Pierre Bourdieu als charakteristisch für deprivilegierte Lohnarbeit beschrieben haben; Kulturdienstleister sind also von keiner »Kultur der Ohnmacht« gelähmt. Zugleich erinnert ihr Schicksal an Tagelöhner und ist insofern ein »neuralgischer Punkt ihres Lebenszusammenhangs« (Alexandra Manske). Wie Marion von Osten(13) treffend resümiert, kristallisiert sich im Diskurs um die Creative Industries ein Regime der Subjektivierung heraus, welches als »eine zunehmende Internalisierung des Verwertungsimperativs ins Subjekt« zu interpretieren sei.(14)

Eine neue Form der Differenz wird durch Unsicherheit und Berufsidentifikation gleichermaßen erzeugt, die weder auf direkter Ausbeutung beruht noch durch Gewalt legitimiert werden muss. Die neuen Differenzen werden generiert, indem Bedürfnisse nicht unterdrückt, sondern geweckt, aber nicht vollends befriedigt werden. Identitätskonstrukte wecken mit den neuen Formen der Arbeitsorganisation die Illusion vollkommener Selbstverwirklichung im Arbeitsprozess und kosmetisieren Selbstausbeutung und Ausbeutung.

 

Kulturschaffende im Kontext von Social Commerce

Die Expansionstendenzen der Kreativwirtschaft lassen sich aber auch im Kontext eines sozial verträglichen Kapitalismus diskutieren, die durch Flexibilisierung und Kundennähe möglich erscheinen. Die Verankerung von Kulturleistungen und einem kreativen Arbeitsmarkt ist Zeugnis einer Renaissance des Regionalen, die für Kundennähe steht und eine Alternative zur distribuierten Massenproduktion sein kann. Während sich auf der einen Seite das Offshoring, das Verlagern von Produktionsketten an Standorte mit niedrigen Lohnkosten, vollzieht, kommt es auf der anderen Seite zur Losung »global denken, lokal kaufen«. Wie der amerikanische Zukunftsforscher Alvin Toffler in seinem Werk Die dritte Welle bereits 1980 voraussagte, verschwimmt heute die Grenze zwischen Produktion und Konsum. Toffler sprach von Wertschöpfungskreisläufen, durch die der Konsument nicht nur Geld, sondern auch Ideen, Markt- und Designinformationen beisteuert (Toffler 1980). Ein »ethisches« Bewusstsein setzt sich in breiten Käuferschichten durch.

Das Moralische bekommt somit eine neue Wendung. Die Rede ist von »Prosuming«, dem Teilhaben des Kunden am Produktionsprozess durch eine Nähe zum Produzenten und dem Produkt. Zugleich ist die Renaissance kleinteiliger Produktionseinheiten kein Indikator für bewusste Entscheidungsfindung gegen die Wiederkehr des Ewiggleichen. Die Vervielfältigung produktiver Nischen und die Verwischung von Amateur- und Profisegment durch Prosuming sind allenfalls Nebeneffekte neuer Arbeitsteilung und Möglichkeitsbildung. Ohnehin ist es fraglich, ob man dem Massenkonsum durch eine »Revolution des Selbermachens« (Holm Friebe/Thomas Ramge) von kreativ Tätigen trotzen kann: Einerseits werden für die Herstellung von Alternativprodukten keinesfalls überwiegend alternative Produkte verwendet, auch wenn das Ergebnis erfindungsreich ist und sich von Massenware unterscheidet. Andererseits greifen Konzerne Einfallsreichtum auf und schöpfen kreative Wertanteile aus manueller Produktion ab, indem sie individuelle Produkte anschließend in Serie produzieren. Auch stehen die künstlerische und praktische Selbstgestaltung im Bereich der Kreativwirtschaft für die Tendenz, dass durch die Arbeit von Wenigen heute die Subsistenz einer großen Zahl von Nicht-Arbeitenden gesichert werden soll. Führte die Individualisierung einst zur Chancenmehrung, werden heute die Voraussetzungen und Bedingungen dafür ? Möglichkeiten und Risiken ? individualisiert. Ein Fortschritt?

 

1

Im Vergleich zu ausgewählten klassischen Wirtschaftsbranchen, wie der Automobil- oder Chemieindustrie, nimmt die Kreativwirtschaft damit einen Mittelplatz ein.

2

Ein erster Vorschlag zu einer europaweiten, statistischen Bestimmung der zugehörigen Branchen und Teilmärkte lag mit der Studie »The Economy of Culture in Europe« der Europäischen Kommission von 2006 vor. Auf Bundesebene hatte sich die Enquete-Kommission »Kultur in Deutschland« mit dem Thema Kreativwirtschaft erstmals im Jahre 2005 beschäftigt.

3

So kamen beispielsweise Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahre 2007 zu dem Resultat, dass in Berlin in etwa 7,5 Prozent aller Beschäftigten als »Kreative« einzustufen wären. Bei Ermittlung der Daten nach Wirtschaftszweigen und Teilmärkten zeigte sich hingegen, dass sich ein Anteil von 9 Prozent Kreative an der Gesamtzahl der Beschäftigten ergibt (Geppert/Mundelius 2007: 491).

4

Manske, Alexandra/Merkel, Janet (2008): »Kreative in Berlin. Eine Untersuchung zum Thema ?GeisteswissenschaftlerInnen in der Kultur- und Kreativwirtschaft?«, in: WZB Discussion Paper.

5

Betzelt, Sigrid (2006): »Flexible Wissensarbeit: AlleindienstleisterInnen zwischen Privileg und Prekarität«, in: ZeS-Arbeitspapier 3/06, Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen.

6

Koppetsch, Cornelia (2007): Das Ethos der Kreativen, Konstanz: UVK-Verlag.

7

Vgl. Betzelt 2006.

8

Haak, Carroll (2005): »Künstler zwischen selbständiger und abhängiger Erwerbsarbeit«, in: WZB Discussion Paper, SP I 2005?107.

9

Vgl. Betzelt 2006.

10

Wie John Knell und Karen Oakley (2007) am Beispiel der Kreativwirtschaft in Großbritannien beschrieben haben, ist der Eintritt in die Kreativwirtschaft sehr kostenintensiv, da er hohe Einsatzbereitschaft an unbezahlter Arbeit und Praktika voraussetzt.

11

Vgl. Manske/Merkel 2008.

12

Vgl. Haak, Carroll/Schmid, Günther (1999): »Arbeitsmärkte für Künstler und Publizisten ? Modelle einer zukünftigen Arbeitswelt?«,in: WZB Discussion Paper P99?506.

13

Osten von, Marion (2008): »Unberechenbare Ausgänge«; in: Böll-Stiftung (Hrsg.): Urbane Kultur, Wissensökonomie und Stadtpolitik, Bildung und Kultur, Bd. 2, S. 42?47.

14

Birenheide, Almut (2008): »Herr und Knecht. Die Ambivalenzen der Selbstunternehmung«; in: Leviathan 36, S. 274?291.

 

In: Kommune, Forum für Politik, Ökonomie, Kultur 2/2010