Chérifa Magdi
Das Gewicht von
sechzig Jahren
Ägyptens stockende Revolution
Wie können Freiheit, Demokratie,
Gleichheit, Rechtsstaat und Rechtssicherheit in Politik und in einer
Gesellschaft verankert und umgesetzt werden, die seit mindestens sechzig Jahren
unter einer Diktatur lebte? Man kann sich zwar über die abstrakten Begriffe einigen,
aber bei der Umsetzung beginnen schon die Differenzen. Von Kairo aus skizziert
unsere Autorin die wechselvollen Prozesse in Ägypten. Das Regime ist nicht
Vergangenheit und die revolutionären Kräfte sind keine Einheit. Ob Machtapparat
oder Parteientwicklung – die Verhältnisse befinden sich in einem ambivalenten Gärungsprozess.
Krisenerscheinungen der Revolution
Die
Demonstrationen, die freitags auf dem Tahrirplatz stattfinden,
sind von der Furcht und der Wut getragen, dass die Revolution scheitern könnte.
Sicher – es ist nicht die symbolhafte eine Million Demonstranten, die immer
wieder kommen. Aber Hunderttausende. Auch in anderen größeren Städten des
Landes finden ab und zu Demonstrationen statt. Aber es kriselt. Die breite
Einheitsfront der Januar- und Februartage lässt sich
nicht mehr wiederherstellen. Die Moslembrüder scheren aus. Sie haben, wie so
oft in ihrer Geschichte, sich auf die Seite des pragmatisch Möglichen
geschlagen – und die kleine Lösung gewählt: ein gewendetes alt-neues Regime
unter der Ägide des Hohen Militärrates. Zwar ist die Teilnahme immer noch
beachtlich. Und doch: Krisenerscheinungen gibt es überall. Damit meine ich
nicht das erwartbare – die »Konterrevolution« aus
Parteigängern des alten Regimes in den Ministerien, den Kommunalverwaltungen
der Provinzen, den marodierenden Angehörigen der Staatssicherheit, den Universitäten
und so fort. Überall sitzen Funktionäre der Mubarakpartei
NDP (nationaldemokratische Partei) und warten auf die Parlamentswahlen, von
denen sie sich erneut Einfluss und Macht erhoffen – notfalls mithilfe des alten
Schreckgespensts Moslembrüder.
Es kriselt
eher in der Beziehung zwischen dem, was wir alle hier pauschal »Revolution«
nennen, ohne uns weiter mit Definitionen aufzuhalten, und dem Hohen Militärrat,
der de facto das Land regiert und selbst – wenn man böswillig sein will – ein
Erbe des Mubarakregimes ist, von ihm eingesetzt und
legitimiert. Es ist schon richtig, dass das 1. Kommuniqué des Militärrates
versprochen hat, »die legitimen Forderungen des Volkes zu erfüllen«. Nun gut:
Eine Blitzumfrage bei den unteren Rängen hatte ergeben, dass ab dem Rang Oberst
nach unten circa 80 Prozent der Offiziere und Soldaten nicht bereit waren, auf
die Demonstranten zu schießen. Also musste der Generalstab dem Oberbefehlshaber
Mubarak vermelden, dass sie seinen Wunsch nicht erfüllen können. Vielmehr ist
es Zeit, Abschied zu nehmen. Nun darf man sich nicht vorstellen, dass etwas anderes
als die Einsicht in die Notwendigkeit den Generalstab bewogen haben könnte, so
und nicht anders zu entscheiden. Man sagt, dass es eine Spaltung nach Generationen
im Militärrat gegeben hat und gibt: Die heute 50-bis 66-Jährigen gegen die
Dinosaurier wie Tantawy (75), Mubaraks
Verteidigungsminister seit fast 15 Jahren. Aber alle verbindet, dass das
Militär die größte Wirtschaftmacht im Lande ist. Es kontrolliert mit seinen
breit gestreuten Unternehmen und Beteiligungen rund 40 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts.
Wir haben es
in der Beziehung zwischen Revolution und Militär beinahe mit einem clash of civilisations zu tun: Hier die Hierarchie von Befehl
und Gehorsam (von wegen Bürger in Uniform!), da Zivilisten und Zivilistinnen,
die sich erdreisten, Forderungen zu stellen. Das muss ein Militär in einer
paternalistischen Gesellschaft erst mal schlucken. Auch haben diese Zivilistinnen
und Zivilisten keine eindeutige Führung, der man am runden Tisch wohlwollend
auf die Schultern klopft, um sie dann umso schneller abfertigen zu können. Sie
sind obendrein versiert in solch’ Teufelszeug wie Facebook,
Twitter, Youtube und
Ähnlichem. Zwar hat der Militärrat inzwischen auch eine Facebook-Seite.
Das bedeutet aber nicht, dass man sich mit diesen Kommunikationsmitteln und ihren
Nutzern angefreundet hat. Diese kulturelle Kluft trägt unter anderem dazu bei,
dass der Militärrat ausgesprochen langsam vorgeht.
Ist das Regime schon gestürzt?
Nehmen wir
die Hauptforderung der Revolution: »Nieder mit dem Regime!«
– Die Revolutionäre vom 25. Januar, auch ihre Unterstützer an den Rändern wie
ich, meinten damit nicht nur, Mubarak wegzujagen, sondern das despotische und
korrupte System, das die alles beherrschende Staatspartei NDP mit ihren
Führungsfiguren, ihrer Verfassung, ihren sogenannten Gesetzen und Institutionen
samt ihren Schlägertrupps verkörpert. Der Militärrat ist im Gegenzug der
Auffassung, es reicht, Mubarak in sein warmes Exil nach Sharm
el-Sheikh zu schicken. Den Ministerpräsidenten, den
er ernannt hatte, haben sie, so lange es ging,
behalten und auch die meisten seiner Minister. Die Verfassung wurde nur
vorübergehend ausgesetzt, jene Verfassung, die die ewige Herrschaft Mubaraks
und seiner Nachkommen zementiert hat und über 34 Artikel aufwendet, um die Befugnisse
des Präsidenten zu beschreiben. Die ausgesetzte Verfassung wurde erst kürzlich
verändert, dann durch eine Verfassungserklärung ersetzt, die fast alle in der
alten Verfassung verankerten Institutionen einschließlich der Staatspartei
unberührt lässt. Als der einhellige Unmut der Oppositionspresse und der neu
entstehenden Parteien über ihn hereinbricht, tritt der »Jurist« des
Militärrates, General Mamduh Shahin, in Fernsehen und
Presse auf und heult beinahe vor Wut über das undankbare Volk, das verlernt
hat, Danke zu sagen.
Gesetze
werden verkündet (so z. B. ein Antidemonstrations- und Streikgesetz, ein unbrauchbares
Parteiengesetz), Entscheidungen bekannt gemacht, die der Militärrat wohl mit
sich selbst berät. Auf keinen Fall jedoch mit denen, die es angeht, den
Bürgerinnen und Bürgern, den politischen Aktivisten und Aktivistinnen.
Desgleichen initiiert er einen »Nationalen Dialog« unter Leitung eines senilen
Hofjuristen Mubaraks, der bereits in dem von Mubarak ernannten Kabinett
stellvertretender Ministerpräsident war. Als Arbeitsgrundlage dient ein Papier,
auf dem »die Versöhnung« mit den Vertretern des alten Regimes auf der
Tagesordnung steht. Zu dieser Veranstaltung werden keine Vertreter jener Kräfte
eingeladen, die die Revolution vom 25. Januar gemacht und fortgeführt haben.
Natürlich sind die Revolutionäre der Meinung, dass das Regime noch nicht
gestürzt ist. Der Hohe Militärrat ist da anscheinend anderer Auffassung.
Grundsätzlich verschiedene
Auffassungen von Verantwortung
Eine weitere
Frage, die die Kluft zwischen Revolution und Militärrat deutlich macht: Wie
zieht man die Verantwortlichen für die jegliche Vorstellung übersteigende
Korruption des politischen Lebens vor dem 25. Januar zur Rechenschaft? Die Forderung,
bei der sich die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung mit den Revolutionären
einig ist, dass die politischen Großwesire vor Gericht gestellt werden müssen,
allen voran der Präsident der Volksversammlung und der Präsident der beratenden
Versammlung, ist mit unerklärlicher Verzögerung erfüllt worden. Gerade diese
beiden haben die eklatanten Wahlfälschungen bis zu den Wahlen vom vergangenen
September zu verantworten, bei denen die gleichen Schlägertrupps eingesetzt
wurden wie gegen die Demonstranten in der »Kamelschlacht« am 28. Januar auf dem
Tahrirplatz.
Der
Militärrat scheint die politischen Verfehlungen nicht zu sehen. Er sieht nur
die finanziellen Delikte: Unrechtmäßige Bereicherung, und Ähnliches. Diese
Sicht der Dinge führt zu solchen absurden Situationen wie der, dass der
ehemalige Innenminister, Habib al-Adli, der direkt
und indirekt die Ermordung von über 800 Demonstranten zu verantworten hat,
wegen Geldwäsche und Vorteilsnahme im Amt vor Gericht steht. Dafür ist er inzwischen
zu 12 Jahren Haft verurteilt. Herrn Adli war aber auch die Staatssicherheit und die Polizei
unterstellt mit 1,4 Millionen Mitarbeitern. Am 27. Januar hat er die Polizeikräfte
in die Kasernen zurückgeschickt, nachdem Schüsse, Tränengas und Gummigeschosse
nichts gegen die Demonstranten bewirkt hatten; er hat auch den Befehl erteilt,
die Haftanstalten zu öffnen, die Gefangenen zu bewaffnen und auf die
Bevölkerung loszulassen. Von über 27.000 so entlassenen Gefangenen sind noch
fast 9.000 unterwegs.
Als es nun
nicht mehr möglich war, die Präsidentenfamilie aus der Schusslinie zu halten,
waren es lediglich Korruptionsvorwürfe, die vom Generalstaatsanwalt erhoben
wurden. Erst Anfang Mai wurde nach Mubarak selbst und seinen beiden Söhnen auch
die Ehefrau Susan Mubarak in U-Haft genommen. Allein aus den Spenden für die Bibliotheca Alexandrina soll sie 145 Millionen Dollar auf
ein privates Konto auf den Namen ihrer Schwiegermutter umgeleitet haben in
vollem Bewusstsein ihrer kriminellen Handlung.
In der Frage,
wer die politische Verantwortung für den politischen, kulturellen und moralischen
Niedergang eines ganzen Landes trägt, für die Zerstörung seiner Menschen und
seines Wertesystems, den Raub an seinen Reichtümern, seiner Geschichte,
Gegenwart und Zukunft liegen die Einschätzungen der Menschen auf der Straße
Lichtjahre entfernt von denen des Hohen Militärrates. Bislang hat er alle
Vorschläge abgelehnt, einen institutionellen Rahmen für die notwendigen Dialoge
über einen neuen Gesellschaftsvertrag zu schaffen. Solange das so ist, wird es
immer wieder Demonstrationen geben.
Die
Beweggründe, die am 25. Januar die Menschen auf die Straße getrieben haben,
waren der Wunsch nach Freiheit und das Bestreben, ihre Würde wiederzugewinnen.
Erst an dritter Stelle rangierte der Hunger – der Ruf nach sozialer
Gerechtigkeit. Sie wollten nicht mehr als duckende Sklaven, rückgratlose Zwerge
und geknechtete Fellachen beschimpft werden, die sich seit 7000 Jahren vom
Pharao alles gefallen lassen. Dieser Geist ist aus der Flasche und auch der
Hohe Militärrat wird ihn nicht mehr einsperren können.
Die gefährliche Karte des
Konfessionskrieges
Nun wird, von
wem auch immer, die gefährlichste aller Karten ausgespielt: Die des Konfessionskrieges.
Eine Allianz von alten Seilschaften, Stasi, Islamisten, arbeitslos gewordenen
Schlägertrupps des Innenministeriums (ihre Zahl wird auf 400.000 geschätzt, die
auf dessen Gehaltsliste standen), betreibt eine regelrechte Hetzjagd auf die
Minderheit der koptischen Christen. Das letzte Glied in einer sich
fortsetzenden Kette waren die Kämpfe im Armenviertel Imbaba,
bei denen auch zwei Kirchen in Brand gesetzt wurden. Zwölf Menschen, Muslime
und Kopten, wurden getötet und etwa 150 verletzt.
Wer sich die
Lage Ägyptens in den vergangenen dreißig Jahren vor Augen führt, wird kaum
erwarten, dass mit dem Sturz der Köpfe auch das Regime gefallen ist. Das reicht
nicht aus, um ein neues Zeitalter in Ägypten einzuläuten. Das ist auch nicht
das, was die Menschen bei den großen Demonstrationen, an denen zeitweilig über
zwölf Millionen im ganzen Land teilgenommen haben, gemeint haben. »Mubarak weg!«
– ja. Aber zentral: »Das Volk will den Sturz des Regimes!« Das Regime, das »die
Knechte des Pharaos« für ihn und seine Nachkommenschaft maßgeschneidert haben –
Verfassungsänderungen 2005 und 2007, Zerstörung der Unabhängigkeit der Justiz,
Austrocknung der Universitäten und Schulen. Und über allem schwebte die Staatssicherheit,
die nur dazu da war, dieses Regime zu schützen: Kein Richter, Dekan, Rektor,
Fabrikdirektor, kleiner Universitätsassistent, Regierungsangestellter konnte
ohne ihre Zustimmung eingestellt werden. Nach dem Vorbild der echten Stasi und
mit deren Hilfe ausgebildet, hat sie ihren Lehrmeistern alle Ehre gemacht. Ein
Polizeistaat par excellence ist entstanden. Die Folterkeller, aber auch
die Blockparteien haben nicht gefehlt – jetzt tun sie so, als hätten sie die
Revolution erfunden. (Der Vergleich der Verhältnisse sowohl mit Nazideutschland
als auch mit der ehemaligen DDR ist hier gang und
gäbe).
Es entstand
eine Parallelgesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes: Abgeriegelte Wohnsiedlungen
(Wandlitz lässt grüßen!), unzugängliche
Erholungsgebiete, Yachthäfen, Parkanlagen, Clubs. Für eine gute Ausbildung der
Kinder der Reichen entstand ein ganzes Geflecht von Privatschulen und
-universitäten. Die öffentlichen Schulen und Universitäten hingegen entließen
Generationen von Halbanalphabeten ohne Zukunftsperspektiven. Aufsteigen konnte
nur, wer Beziehungen hatte. Ein Anwärter auf den diplomatischen Dienst wurde
nicht eingestellt, weil sein Vater nur einfacher Bauer war, obwohl er als
Erster die Aufnahmeprüfung des Außenministeriums bestanden hatte. Er hat sich
umgebracht (2005).
Im selben
Jahr wurden wieder Parlamentswahlen abgehalten. Vor den Wahllokalen standen die
Männer der Stasi und ihre Schlägertrupps und fragten jeden, wen er wählen wollte.
Die, die sich trauten, die falsche Antwort zu geben, wurden zusammengeschlagen
und vertrieben. Diese Komödie hat sich im September 2010 wiederholt mit tödlichem
Ausgang: Als die Kritik und die Demonstrationen danach nicht aufhören wollten,
befahl das Innenministerium im Dezember die Sprengung der Kirche der Zwei
Heiligen in Alexandrien mitsamt den Gläubigen, die sich dort zum Gottesdienst
eingefunden hatten.
Damit kommen
wir zur gefährlichsten aller Karten, die das Regime immer wieder ausgespielt
hat und jetzt wieder einsetzt: das Spiel mit dem Feuer des Konfessionskrieges.
In den Siebzigerjahren hatte das Sadat-Regime die Moslembrüder gegen die Nasseristen und die Linken aufgepäppelt. Als diese dann
immer stärker wurden, setzte er den islamistischen Djamaat
und die Salafiten ein, um sie zu zähmen, aber auch um
die Kopten und ihre Kirche in Schach zu halten. Eine Blutspur unter den Kopten
zieht sich von diesen Jahren bis heute – von Oberägypten bis ins Nildelta
hinein. Die achtzehn Tage vom 25. Januar bis zum 11. Februar, dem Rücktritt
Mubaraks, erscheinen darin wie aus einem anderen Film. Unter den Millionen auf
der Straße gab es keinen Unterschied zwischen Kopten und Muslimen. Wie das bis
zu den Siebzigerjahren der Fall war. Es mag soziografisch richtig sein, von der
»koptischen Minderheit« zu sprechen. Aber real bilden Kopten und Muslime ein
soziales Gewebe. Jeder Angriff auf die Kopten reißt ein klaffendes Loch in
dieses Gewebe und führt zur Erkrankung der gesamten Gesellschaft.
In dieser
Situation befinden wir uns heute. Alle gesellschaftlichen Debatten um Verfassung,
Wahlsystem, Gesellschaftsvertrag, Bürgerrechte, Niedergang der Wirtschaft
treten zurück. Man ist ständig damit beschäftigt, irgendwo einen Brandherd zu
löschen. Genau wie zu Mubaraks Zeiten. Einen Unterschied gibt es: Die Kopten halten
nicht mehr still. Sie rebellieren, auch gegen eine Kirchenführung, die sich
jahrzehntelang aus Furcht, aber auch aus Autoritätsgläubigkeit dem Regime
angedient hat. Das ging so weit, den Kopten zu verbieten, an den
Demonstrationen im Januar teilzunehmen. Noch am 25. Januar abends schickten der
Großimam der al-Azhar, Scheich al-Tayyib
und der koptische Papst Schenouda eine
Ergebenheitsadresse an den Präsidenten.
Und der
Militärrat? Und die Regierung?
Ersterer hält
immer noch alle Fäden in der Hand, obwohl man manchmal daran zweifeln möchte.
Also was tut er? Widersprüchliche Erklärungen absondern: Von »mit aller Härte
gegen die Verursacher vorgehen« bis zu den versteckten Andeutungen von der Art
wie »die Kopten sind doch selber schuld. Demütig verharren und abwarten«. Oder:
»Sie zwingen muslimische Frauen in ihre Gewalt und machen sie zu Christinnen«
oder »nur die Ruhe – wir regeln das schon«. Aber Demonstrationen, die sich mit
den Kopten solidarisieren oder in denen Kopten die Mehrheit bilden, werden
argwöhnisch beobachtet. Man hört von Festnahmen. Menschen verschwinden immer
noch. Die Gerüchte über Folterungen durch die Militärpolizei wollen nicht verstummen.
Licht und Schatten
Die
Regierung? Sehr sympathisch ist der Ministerpräsident. Vorgeschlagen von den
Demonstranten, ist er zuerst auf dem Tahrirplatz
erschienen, ehe er vor dem Hohen Militärrat den Amtseid geleistet hat. Aber
faktisch machtlos. Ein herausragender Außenminister, der sich bemüht, die
Isolation, in die das alte Regime das Land getrieben hat, durch einseitige
Parteinahme für die USA und Israel zu überwinden. Er wendet den Blick wieder
Afrika zu, vor allem den Ländern, die an den Quellen des Nils grenzen, um zu
verhindern, dass das Großprojekt, der »Jahrtausendstaudamm« Äthiopiens, Ägypten
die Lebensader zuschnürt. (Sein Vorgänger hat – unvorstellbar! – bei den
vorangegangenen Verhandlungen die Verträge, die er unterschrieben hat, nicht
gelesen.) Ein großartiger Finanzminister, der an mehreren Fronten kämpft, mit
einigem Erfolg. Ein Arbeitsminister, der durch entsprechende Gesetze den Weg
für freie Gewerkschaften geebnet hat. Ein Hochschulminister, der den
Universitäten ihre alte Unabhängigkeit zurückgegeben und die Staatssicherheit
vom Campus entfernt hat. Ein Justizminister, der alles daransetzt, den
Gerichten und den Staatsanwaltschaften ihre Würde und Selbstständigkeit
zurückzugeben.
Und der
Innenminister? Hier wird es düster: Ein unbescholtener Polizeigeneral, der bis
jetzt kaum etwas gegen die Dienstverweigerung der Polizeikräfte ausrichten
konnte (oder wollte). Als es Anfang Mai in Imbaba
brannte, ist die Polizei erst nach sechs Stunden dort erschienen! Kosmetische
Korrekturen hat der Innenminister durchgeführt: Angeblich hat er die Stasi
aufgelöst. Jetzt gibt es eine Polizeibehörde namens »Nationale Sicherheit«, die
nur dazu da ist, den Terrorismus zu bekämpfen. Aber auch er faselt von den
»psychologischen« Sperren, unter denen die Polizisten leiden. Sie können der Bevölkerung
anscheinend nicht verzeihen, dass sie sich nicht mehr ohne Weiteres beschimpfen,
schikanieren, festnehmen, foltern und töten lassen will. Das Gewaltmonopol des
Staates existiert faktisch nicht mehr.
Die neu entstehende Parteienlandschaft
Die
(Noch-nicht)-Parteienlandschaft ist unübersichtlich: Das Land kennt seit über
60 Jahren keine unabhängigen Parteien mehr. Die erste Partei, die nach dem 25.
Januar zugelassen wurde, heißt al-Wasat (die Mitte).
Als Abspaltung eines gemäßigten Flügels der Moslemflügel wurde sie bereits vor
15 Jahren gegründet, wurde aber nie zugelassen. Die Entscheidung über die
Zulassung neuer Parteien lag beim sogenannten Parteienausschuss der
»Volksversammlung«, dem Pseudoparlament des gestürzten Regimes. Im Dezember
2010 erhob die Parteileitung Klage vor dem Verwaltungsgericht. Die
Urteilsverkündung wurde auf den 19. Februar 2011 festgesetzt. Sicherlich hätte
es entweder eine Ablehnung aus irgendeinem obskuren juristischen Grund oder
aber ein positives Urteil gegeben, das die Volksversammlung einfach in die
Schublade gesteckt hätte wie so viele zuvor (z. B. zu den Wahlfälschungen vom
September 2010). Nun kam al-Wasat doch zu ihrer
Zulassung. Allerdings scheint dieses zähe Ringen sie erschöpft zu haben.
Seither ist es recht still geworden um die Partei der Mitte.
Nötig für
eine Parteigründung sind die Unterschriften von 5000 Gründungsmitgliedern und
der Nachweis von Zweigbüros in einer bestimmten Anzahl von Provinzen. Inzwischen
gibt es circa 22 Parteien und 17 »Allianzen«.
Zu den ersten
Parteigründungen nach dem 25. Januar gehört die »Partei der Freiheit und
Gerechtigkeit« (Erdogan lässt grüßen!), die die Moslembruderschaft unmittelbar
nach dem Erlass des neuen Parteigesetzes im März ins Leben gerufen hat. Der
Wind der Freiheit tut den Moslembrüdern, die sich ein Jahrzehnte dauerndes
Katz-und-Maus-Spiel mit dem Mubarak-Regime geliefert haben, nicht gut. Ihrem
Bestehen seit 1928 und der straffen Organisationsform (Zellen) haben sie es zu
verdanken, dass sie die Verfolgungen überstanden haben. Sie rechnen sich gute
Chancen aus, mindestens 30 Prozent der Sitze bei den freien Wahlen im September
zur Volksversammlung zu gewinnen. Doch die durch die Verfolgung unterdrückten
Konflikte brechen jetzt auf, sowohl horizontal als auch vertikal: Parteijugend
gegen alte Führung, unterschiedliche politische Vorstellungen,
Auseinandersetzungen über den Charakter der Organisation – Partei oder
Bewegung, Verhältnis zu Frauen und Andersgläubigen und so weiter. Es deutet
sich nicht an, dass diese Auseinandersetzungen rechtzeitig zu den Wahlen
geschlichtet, geschweige denn gelöst werden könnten. Obwohl die Bewegung alles
daransetzt, die Unabhängigkeit der neu gegründeten Partei zu betonen, klingt
das nicht sehr glaubwürdig. Aber das wird den Moslembrüdern kaum schaden. Ihre
Standfestigkeit und ihre sozialen Netze sprechen für sie, vor allem in den
Armenvierteln und unter den verarmten Bauern auf dem Land.
Vier neue
Parteien schwanken in ihrer Selbstbeschreibung zwischen »sozialdemokratisch«
und »liberal«. Die Demokratische Front, die ägyptische sozialdemokratische Partei,
die Gerechtigkeitspartei, die Freien Ägypter. Nur die Demokratische Front ist
eine Vor-Mubarak-Gründung, hat sich aber im Gegensatz zu anderen zugelassenen
Parteien nicht kaufen lassen. Der Vorsitzende, Usama
al-Ghazali Harb, ist ein angesehener Anwalt, der
durch seine Verteidigung von Regimegegnern häufig auch bei der Staatssicherheit
zu Gast war. Bei den Wahlen zur Volksversammlung will die Partei in mindestens
80 Wahlkreisen kandidieren und wird bei den Präsidentschaftswahlen wahrscheinlich
Mohammed al-Baradei unterstützen.
Die
ägyptische sozialdemokratische Partei ist eine Neugründung, die sich als
liberal bezeichnet, die an der sozialen Marktwirtschaft festhält und dem Staat
eine regulierende Rolle zuschreibt. Zu den Wahlen will die Partei 100
Kandidaten aufstellen.
Die
Gerechtigkeitspartei zählt einige abtrünnige Moslembrüder zu ihren Gründungsmitgliedern.
Marktwirtschaftlich orientiert schweigt sie sich über das restliche Programm
weitgehend aus.
Schon
interessanter sind die Freien Ägypter wegen der Person des Gründers: Nagib Sawieres. Die Sawieres Holding AG ist der einzige Global Player im Nahen
Osten: Telekommunikation, Hoch- und Tiefbau, Tourismus, Wohnungsbau und
anderes. Die Brüder Sawieres – es sind drei – stammen
aus ärmlichen Verhältnissen. Sie sind Kopten aus Oberägypten und haben die
Mubarak-Ära ohne nennenswerte Schmutzflecken auf ihrer Weste überstanden. Vor
allem der Parteigründer, Nagib Sawieres,
ein stolzer Absolvent der Deutschen Schule Kairo, der keine Gelegenheit auslässt,
Loblieder (mit Recht!) auf seine ehemalige Schule anzustimmen, ist einer, der
sich immer eingemischt hat. Mit gutem Grund: Im Gegensatz zu anderen
Unternehmern hat er sehr früh erkannt, wie wichtig gut ausgebildete, gut
bezahlte, zufriedene Arbeitnehmer sind. Diese Vorgaben fließen in die
Programmatik der neuen Partei ein, einer Mischung aus sozialdemokratisch und ordoliberal. Die Partei von Sawieres
ist auch die einzige, die in richtiger Einschätzung der Kräfteverhältnisse auf eine
Koalition mit den anderen Parteien hinarbeitet. Auch dann, meinen die Freien
Ägypter, würden sie höchstens 30 Prozent der Sitze in der Volksversammlung
gewinnen.
Der
Hauptpunkt der Auseinandersetzung mit den religiösen Strömungen ist: Was wollen
wir für einen Staat – einen religiösen oder einen säkularen Staat? Wobei das
Wort »säkular« so negativ besetzt ist, dass alle nur vom »bürgerlichen Staat«
reden (état civil).
Drei
zugelassene Parteien sind aus der Mubarak-Ära noch übrig. Sie bestehen größtenteils
nur auf dem Papier. Die größte ist die »nationale und demokratische Sammlungsbewegung
Tagamu’« – eine Gründung aus dem Jahre 1976.
Allerdings hat sie sich ins Abseits manövriert, indem sie als einzige an den
gefälschten Wahlen vom September 2010 teilgenommen hat. Das Regime hat ihr
nicht einmal die zwei Sitze gegönnt, die sie 2005 ehrlich gewonnen hatte. Um
sie endgültig zu diskreditieren, hat der Präsident in einem Gnadenakt ihren
Generalsekretär, Rifaat al-Said, einen
Altkommunisten, zum Mitglied der Shura-Versammlung
ernannt. Eine Spaltung jagte daraufhin die nächste. Wie die Moslembrüder hat
sich die Tagamu’-Partei erst nach 48 Stunden entschlossen,
also am 27. Januar, an den Demonstrationen teilzunehmen, nach demselben Motto:
»Wir nehmen nur an Demonstrationen teil, wenn wir sie selbst organisiert
haben.« – Viele versprengte Linke versuchen seitdem, sich außerhalb der Tagamu’-Partei zu organisieren. Bislang ohne großen Erfolg.
– Die anderen beiden Parteien? Sie haben sich in 32 Jahren Mubarakherrschaft
verbraucht. Auch ihnen fegt der neue Wind ins Gesicht: Die Jugendorganisationen
spalten sich ab. Nur ist daraus bis jetzt nichts Neues entstanden.
Die
Initiatoren der Revolution? Sie sind zerfasert in mehrere Koalitionen, die alle
die beiden Wörter »Jugend« und »Revolution« im Namen tragen. Leider kommen von
ihnen bislang keine zündenden Ideen. Aber man muss vorsichtig sein: Vor dem 25.
Januar hat die Generation der 45-Jährigen und älter auch gemeint, diese Jugend
sei zu nichts zu gebrauchen, hängt über ihren Computern, ist vergnügungssüchtig
und selbstbezogen.
Der
Hauptpunkt der Auseinandersetzung all dieser Alt- und Neuparteien mit den
religiösen Strömungen ist: Wollen wir einen religiösen oder einen zivilen
Staat? Das erscheint mir so, als wolle man den zweiten nach dem ersten Schritt
tun: Was wollen wir überhaupt für einen Staat? Auch das ist nicht ganz klar.
Ägypten ist kein moderner Staat. Der Zerfall der leidlich funktionierenden
staatlichen Institutionen während der Ära Mubarak zeigt das: Familien-, Clan-
und Stammesstrukturen in Oberägypten, im Nildelta und in den kargen
Wüstenregionen (Sinai, die großen und die kleinen Oasen) sind wieder erstarkt
und mit ihnen die religiösen Bindungen, die schon seit 7000 Jahren ein wichtiges
Merkmal des Landes sind.
Mitmischen
wird auch die ehemalige Staatspartei NDP (Nationaldemokratische Partei). Im
April wurde sie vom Obersten Verwaltungsgericht verboten und ihr Vermögen beschlagnahmt.
Seit ihrer Gründung durch Sadat im Jahre 1976 war diese Partei ein Sammelbecken
für Interessenvertreter, die sich des Staatsapparates bedienten, um durch
Korruption und Unterdrückung zu herrschen. Die Auflösung der Partei und das
Ende ihrer politischen Hegemonie bedeuten aber keineswegs, dass die Gefahr, die
von ihr ausgeht, beendet ist. Die Koalition, auf der sie beruhte, ist immer
noch intakt: Der politische Flügel beherrscht weiterhin die lokalen
Verwaltungskörperschaften vor allem in den Provinzen; der Wirtschaftsflügel hat
zwar Federn gelassen, viele seiner Anführer sind in Haft. Aber die korrupten
und parasitären Überreste sind noch kräftig genug, um den Staatsapparat zu
beherrschen. Ihre Vorherrschaft über den Sicherheitsapparat ist trotz aller
Änderungsversuche noch fast ungebrochen. Vor allem aber verfügt die aufgelöste
NDP über ihr Reservoir an Schlägertrupps, die sie immer gegen jede oppositionelle
Regung eingesetzt hat und jetzt noch in Bewegung setzt. Diese Koalition
bereitet sich für die Entscheidungsschlacht vor, die Wahlen zur
Volksversammlung im September, deren Hauptaufgabe sein wird, die neue
Verfassung zu erarbeiten.
Ausblick
Also alles
wie gehabt? Mit Sicherheit nein. Lässt man das Staatsfernsehen beiseite, das
immer noch so berichtet, als wäre alles beim Alten, so erleben die geschriebene
Presse und die Internetmedien Hochkonjunktur (Einschränkung: Analphabetenrate über 40 Prozent, nur 10 bis 20 Prozent
haben Zugang zum Internet!). Es weht eine Freiheitsbrise, und man hat den
Eindruck, die Menschen gehen mit erhobenem Haupt durch die Straßen. Aber ob das
Bestand hat, weiß keiner.
Denn die
Krake aus absolutistischer Herrschaft, Korruption und Polizeistaat, der gekauften
inländischen (und ausländischen, vor allem saudischen) Medien ist noch
lebendig. Sie hatte sich den Staat zu eigen gemacht, ihre Tentakel überallhin
ausgestreckt. Die ruhigen Gewässer sind fast ausgetrocknet. Aber eben nur fast.
Sie bewegen sich noch, versuchen, sich den Tahrirplatz
einzuverleiben oder zumindest die einheitliche Bewegung, die dort geboren
wurde, zu zersetzen. Ihnen zur Seite stehen die Nutznießer – die Blockparteien,
die gewendeten Politiker (auch Amr Moussa, Präsidentschaftskandidat und
außerprotokollarisch von der Bundeskanzlerin letzte Woche zum Abendessen eingeflogen!),
die arbeitslos gewordenen Stasipolizisten und
Schlägertrupps, aber auch eine zögerliche, unentschlossene Führung,
unorganisierte Revolutionäre, die sich ständig verschlechternde
Wirtschaftslage, die Angst der Menschen vor dem Chaos und eine unbeschreibliche
Brutalisierung der Gesellschaft, die nach fast 60 Jahren Unterdrückung ihren
Wertekompass verloren zu haben scheint. Doch ein kleines gallisches Dorf namens
Tahrirplatz leistet Widerstand.
Kasten:
Neue Außenpolitik
Was die
Veränderungen in Ägypten für die Region und international bedeuten, hat sich in
den ersten 100 Tagen, nachdem der neue Außenminister, Nabil al-Arabi
(inzwischen zum Generalsekretär der Arabischen Liga gewählt) unternommen hat,
gezeigt. Die Belagerung des Gazastreifens ist aufgehoben, der Grenzübergang Rafah ist für Waren und Menschen wieder geöffnet. Das
Abkommen zwischen Hamas und Fatah ist unterzeichnet, nachdem die Palästinafrage
wieder in die Zuständigkeit des Außenamts zurückgeführt wurde und nicht mehr
unter der Kontrolle des Geheimdienstes steht. Ägypten hat erklärt, dass es die
Ausrufung des Staates Palästina im September unterstützen werde und die
Einberufung einer internationalen Nahostfriedenskonferenz, unter Schirmherrschaft
der USA, die über den Frieden und nicht über den Friedensprozess
verhandelt. Die Beziehungen zu Iran werden wieder gepflegt. Iranische Schiffe
dürfen den Suezkanal passieren. Mit den Anrainerstaaten des Nils in Afrika
wurden die Kontakte neu aufgenommen oder intensiviert. Der neue Staat im Südsudan wurde anerkannt. In offiziellen Erklärungen
verkündete das Außenministerium seine Unterstützung für die revolutionären
Bewegungen in der arabischen Welt.