Michael Daxner

 

Afghanistan wird uns nicht verlassen

 

Szenarien für eine konfliktreiche Zukunft

 

 

 

»Raus aus Afghanistan« lässt sich leicht rufen. Tatsächlich werden sich die Vereinigten Staaten, und damit auch die Verbündeten, die sich im Gefolge der Terroranschläge vom 11. September 2001 an ihre Seite gestellt haben, bis 2014 zurückziehen. Einer Öffentlichkeit, die sich gerne ihrer Verantwortung entziehen und gar nicht mehr über die Zukunft des Landes sprechen möchte, hält unser Autor Fragen und Szenarien entgegen, die von einem Taliban-Emirat bis zur Teilung des Landes oder zu regionalen Friedensprozessen reichen. Afghanistans Geschichte vor 9/11 zeigt: Ein Land der Kriege und Interventionen braucht auch zukünftig Konfliktregulierung.

 

In Afghanistan lebt fast niemand mehr, der den Frieden auch nur kennt, es sei denn aus der Erfahrung des Exils.
»Der Kampf gegen islamistischen Terrorismus kann nur mit den Muslimen geführt werden« (Rupert Polenz, 19.8.2011). An Muslimen fehlt es nicht in Afghanistan.
Ein hochrangiger Politiker, der seinen Namen für diesen Satz nicht genannt haben will: »Die Intervention ist nicht gescheitert, sie war nur kein Erfolg.«

 

Diese Sätze gelten für alle realistischen Szenarien zur Zukunft Afghanistans. Sie stehen vor jedem Ansatz zur Regulierung der Konflikte, konkret vor den Konzepten für die Übergangszeit in Afghanistan bis 2014. Szenarien sind keine stringent ableitbaren Prognosen, sondern plausible, begründete Vorstellungen, wie es werden könnte, wenn bestimmte Ereignisse als Leitbilder die Politik und die Handlungen bestimmen. Szenarien sind durchaus geeignet, Enttäuschung hervorzurufen, wenn sie entweder nicht eintreten oder wenn sie mehr unerwünschte Nebenwirkungen zeitigen, als sich die Vorstellung ausgemalt hat.

Häufig sind Szenarien die Grundlage von politischen Entscheidungen; sie sind meist Konstruktionen, die nicht kausal aus den empirischen Befunden der Gegenwart abgeleitet werden können. Wenn das Wunschszenario nicht eintritt, wird eine Schuldzuweisung an die Politik gerichtet, obwohl das Szenario ja keine Strategie mit Handlungsanweisung ist, sondern ein mehr oder weniger wahrscheinlicher Zustand. Umgekehrt verwenden auch Politiker Szenarien, um Schuldzuweisungen an bestimmte Adressaten unterzubringen. Das alles gilt nur für Szenarien, die nicht überwiegend auf Wunschdenken beruhen, also voluntaristisch sind.

Für Afghanistan und mein konkretes Thema folgen aus dieser kurzen Einleitung drei Fragen:

1. Welches Szenario ist aufgrund der empirischen Befunde wahrscheinlicher als andere, und welche Voraussetzungen müssen dominant gegeben sein, damit das Szenario verwirklicht werden kann?

2.   Welche Weiterungen, Kontextverschiebungen und Konsequenzen sowie Leerstellen ergeben sich aus den Szenarien? Hier müssen wir auch fragen, wo Afghanistan seine konstruierte Alleinstellung verliert und wir uns der größeren Region oder gar der globalen Politik zuwenden müssen.

3.   Wie stark und empirisch begründet sind die Empfehlungen, die wir daraus für die Politik im Kontext der internationalen Afghanistan-Intervention ableiten können?

Dies ist ein entscheidender Aspekt der Analyse von Szenarien: Aus wessen Perspektive werden Szenarien entwickelt und für wen im Speziellen sind sie gedacht, beziehungsweise wer benutzt sie unbewusst oder ideologisch als »Spin-off«? Dazu habe ich ausführlichere Überlegungen im Zusammenhang mit der Frage angestellt, was wir noch in Afghanistan erwarten dürfen.(1) Szenarien rechtfertigen, beruhigen, appellieren. Alle Staaten, die jetzt in das Abzugsszenario einsteigen, müssen rechtfertigen, warum gerade jetzt die Strategie geändert wird; sie brauchen eine relative Erfolgsgeschichte. Deshalb dürfen die Szenarien für die Zeit des Übergangs und die Periode nach 2014 keine gravierende Verschlechterung der sozialen Bedingungen im Land, der Sicherheitsbedingungen in der Region nach sich ziehen. Andererseits können Szenarien wie das der drohenden Somalisierung auch den Boden für Korrekturen am Abzug oder Umformungen der Intervention bedeuten. Westliche Szenarien müssen bei den Afghanen den Eindruck vermeiden, dass man diese Gesellschaft wiederum – wie nach 1988 – fallen lässt (Seit 2001 hat man immer wieder gehört: never let us down again).

Ich werde zunächst den Kontext 9/11, der ziemlich am Anfang des gegenwärtigen Afghanistan- und Interventionsdiskurses steht, völlig ausblenden und die Echtzeit der neuesten Szenarien zweier wissenschaftlicher Politikberater ausnutzen, um aktuelle Analysen weiterzutreiben. Der Hinweis auf die wissenschaftliche Kompetenz der Szenaristen ist ebenso wichtig wie die Tatsache, dass ihre Szenarien bei der SWP (Stiftung für Wissenschaft und Politik) vorliegen, also der legitimen Informationsquelle im Entscheidungsvorfeld von Politik und in der glaubwürdigen »seriösen« öffentlichen Information.

 

Die Szenarien, wie sie Maaß und Ruttig bei der Stiftung Wissenschaft und Politik veröffentlicht haben, sind kurz gefasst auf Afghanistan selbst konzentriert; das bedeutet, dass nicht von vorneherein von einem regionalen Szenario, etwa vom Golf bis Indien und Kasachstan ausgegangen wird, und dass die Szenarien nicht mit zu vielen Randbedingungen und relativierenden Optionen befrachtet sind. Übrigens nennen die beiden Experten ihre Szenarien nicht ganz zutreffend selbst »Optionen«, als hätten »wir« die Wahl. Immerhin wird der Politik damit eine Einflussperspektive nahegelegt. Aber Optionen haben auch den Vorteil, dass man seine Wunsch- und Ablehnungsvorstellungen auf eine Folie projizieren kann, die ja die Experten angefertigt haben.

Zunächst meine Paraphrase, die schon kleine Gewichtungen und Umdeutungen enthält – man sollte den Originaltext schon vorher zur Hand nehmen:

A  Karzai bleibt in irgendeiner Form der Herrschaft zunehmend stabilisiert, wenn auch nicht legitimiert an der Macht, über 2014 hinaus. Es gibt eine durch außen stabilisierte, zunehmend autoritäre Kernstaatlichkeit. Ich nenne das mit Bedacht die Mubarakisierung.

B  Es kommt zu einer Hybridisierung der Herrschaft durch Machtteilung mit den politischen Taliban. Dies nenne ich die Hizbollahisierung.

C  Ein Kampf aller gegen alle, ähnlich 1988, wird in einem gewaltoffenen Raum zu einer Mehrzahl von Bürgerkriegen und lokalen Gewaltherrschaften führen. Das Ergebnis würde vielleicht eine Somalisierung sein. (Der Begriff hat mittlerweile die lokale Bedeutung überschritten und steht für eine anarchische Auseinandersetzung unter vielen Akteuren).

D  Ein Taliban-Emirat wird mit Modifikationen die Herrschaft von 1995–2001 wiederholen.

Ich füge diesen vier Szenarien noch zwei weitere, weniger wahrscheinliche, aus Gründen der Systematik und Vollständigkeit hinzu:

E  Die Teilung des Landes nach ethno-politischen Kriterien.

F  Eine regionale Gesamtlösung für Zentralasien unter Beteiligung aller betroffenen Staaten (Friedenskonferenz).

Nun geben Maaß/Ruttig eine Reihe guter und nachvollziehbarer Begründungen und Bedingungen für ihre Szenarien. Die kann man gut nachlesen und bewerten, sie sind eine stringente Auswahl aus der vorhandenen gesicherten Information. Was sie weglassen, ist auch nicht unwichtig: entweder es spielt für den Kern der Szenarien keine entscheidende Rolle oder würde zu weiteren Optionen ablenken, für die Szenarien zu erstellen nicht opportun oder schlicht nicht möglich ist.

Ich werde mich den Weiterungen im Sinne meiner Einleitung zuwenden:

Szenario A, die Karzai-Verlängerung, ist sozusagen die offizielle Erwartungsoption. Auf allen Konferenzen und politischen Beschlüssen zur Übergangsperiode wurde die Option A mit Bedingungen (conditionality) versehen, wie etwa der Abbau von Korruption. Auf diese Weise wurde die Schuldzuweisung für ein mögliches Scheitern der Extrapolation der derzeitigen Situation jedenfalls seit der Konferenz von London 2010 fast zur Gänze auf die Afghanen abgewälzt.

Wenn eine Rückkehr zum alten Staatsmodell (Monarchie, Republik vor 1976) ausgeschlossen ist, dann geht an der Gründung von Parteien und politischem Wettbewerb kaum ein Weg vorbei.(2) Zurzeit gibt es keine Opposition in unserem Sinn, aber eine Diskussion über drei Optionen: Parteien, Bewegungen oder basisdemokratische Selbstorganisation. Dies würde das Szenario A stark betreffen, denn das System Karzai muss eine Vielzahl von binnen- und außengerichteten Legitimationen leisten. Nun kommt es sehr darauf an, wer welche Strömung unterstützt und ob die Chiffre Ägypten ihre Entsprechung bietet. Man kann erwarten, dass anti-paschtunische innenpolitische Dynamiken sich mit außenpolitischen Destabilisierungsversuchen verbinden (Iran); paschtunische hegemoniale Dynamiken würden wiederum andere externe Spieler auf den Plan rufen (Russland, Indien). Andererseits ist es unwahrscheinlich, dass sich eine außengesteuerte Opposition so gut koordiniert, dass sie einen produktiven Systemwechsel ansteuern kann. Die derzeitige politische Elite, vor allem von der Nordallianz dominiert, ist weit davon entfernt, Opposition im System zu entwickeln. Das Szenario würde für eine interne zivilgesellschaftliche Opposition sprechen, die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte mit unterschiedlicher Gewichtung aufgreifen könnte. Charismatische Aussteiger aus der Elite sind zurzeit nicht in Sicht, Aufsteiger von unten brauchen Zeit und Kristallisationskerne, die sich populistisch vielleicht finden.

Auch die basisdemokratische Governance von unten, die es vereinzelt bereits gibt, kann hier zu einem Faktor der Stärkung oder Schwächung des Zentralstaats und der Regierung werden.(3) Dieses Szenario ist äußerst sensitiv für externe Einflüsse, weil etwa Entwicklungs-Zusammenarbeit bestimmte Fraktionen begünstigen oder bestrafen kann und weil Unterstützung im Kampf gegen Insurgenten, vor allem Taliban, die Regierung stützen oder auch beiseiteschieben kann. Die Problematik der Loyalität der staatlichen Sicherheitskräfte stellt sich für alle Szenarien, aber nirgendwo so prekär wie bei A und C. Außerdem ist bei diesem Szenario die Frage, wo Korruption zerstörerisch und wo sie stabilisierend wirkt, von Bedeutung. Das bedarf einer kurzen Erklärung. Die internationalen Konferenzen, vor allem nach London 2010, konzentrieren sich in ihrem Forderungskatalog an die Zentralregierung auf Korruption und Drogenökonomie. Damit afghanisieren sie die Schuld am möglichen Scheitern der Intervention und entwickeln Vorstellungen von reduzierter Korruption, die die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen im Land oft gar nicht treffen, weil der Oberbegriff »Korruption« auch solche Praktiken enthält, die in Afghanistan systemstabilisierend oder funktional sind.(4) Konkret ist Korruption etwa dort produktiv, wo sie im Zusammenspiel von zwei Akteuren, vielleicht lokale Polizei und Drogenhändler, gewaltmindernd gegen die Korruption weiterer Akteure wirkt. Das ist nur ein Hinweis auf die Problematik oberflächlicher gesellschaftlicher Urteile durch die internationale Staatengemeinschaft. Korruption wird geradezu als Kernpunkt politischer Philosophie gehandelt, anstatt funktional differenziert zu werden.(5)

Genau genommen, ist A weder eine Option noch ein Szenario, sondern eine Extrapolation des bestehenden Zustands, ohne dass qualitativ massive Grundbedingungen geändert werden müssten. Der Übergang soll bringen, was die Intervention nicht gebracht hat. Selbst eine dritte Amtszeit contra legem wäre nicht verwunderlich, ist aber ohnedies unwahrscheinlich, denn Karzais geringe Glaubwürdigkeit dürfte kein Referendum erlauben. Wenn sich Karzai mit traditionellen Strukturen verbündet, werden die Pragmatiker von ihm abfallen. Innerhalb des Szenarios aber gibt es eine unscharfe und noch nicht entfaltete Konfliktlinie, die für die Bildung einer Opposition bedeutsam sein kann: Viele Oppositionelle haben mir gesagt, dass Karzai zwar weder die Mittel noch das Ingenium von Mubarak hat, aber man jedenfalls verhindern müsse, dass er sich zu einem solchen, womöglich vom Westen gestützten Präsidialherrscher entwickelt. Auch wenn Karzai die ausländischen Militärs attackiert und populistische Ausfälle macht, weiß jeder, dass er bereits mit den USA über Stützpunkte und vielleicht über Militär jenseits der Ausbildungshilfe nach 1914 verhandelt. Das kann ein populistischer und vielleicht charismatischer Anführer einer Opposition ausnützen, – dass jetzt keiner in Sicht ist, schwächt diese Perspektive. Denn die anti-paschtunischen Hoffnungsträger solcher Ideen bekommen keine Mehrheiten.

Aber sowohl einige Erscheinungen des arabischen Frühlings inklusive spontaner Führungspersonen als auch Beispiele wie »Vetevendosje« (Selbstbestimmung) wie im Kosovo können hier Modelle abgeben. Eine derartige Opposition könnte nationalistisch wenigstens zeitweise der ethnischen Fragmentierung Einhalt gebieten. Mehr als das kann man dazu ohne unzulässige Spekulationen nicht sagen, weil eine organisatorische Verbindung vieler derartiger Äußerungen in der Zivilgesellschaft nicht nachzuweisen ist. Man bedenke aber die neuen Dimensionen von Kommunikation und Vernetzung, die auch Maaß und Ruttig ansprechen.

Ich halte Szenario B für wahrscheinlicher als Szenario A. Die Hizbollahisierung der politischen Taliban (Ruttig hat seit 2010 immer wieder diese von den »unpolitischen«, bloß destruktiven und destabilisierenden Taliban abgegrenzt) birgt die geringsten riskanten Kosten für die Taliban und erlaubt ihnen langfristig eine auch legitimierte, jedenfalls teil-legale Teilhabe an der Regierung. Damit können sie auf »beiden Seiten« spielen und ihren Einfluss erweitern. Für die Übergangsphase bedeutet das, dass auch die internationalen Akteure eine (immer partielle) Einbindung auch von Taliban versuchen werden. Das kann zurzeit nur unter Preisgabe weiterer menschenrechtlicher, rechtsstaatlicher und ziviler Regierungsprinzipien geschehen. Wichtig zu fragen ist, ob eine Beteiligung der Talibanführer an der Regierung ihr »Fußvolk« einbindet, oder ob es viele Taliban-»Veteranen« gibt, die eher weiterkämpfen als zurück in die Hoffnungslosigkeit und Armut wollen.

Insgesamt wäre das Szenario B wie auch A eines von good enough governance, mit dem Vorteil, dass man sich relativ pragmatisch auf das, was geht, einstellen kann, aber mit dem Nachteil, dass man nicht nur den Taliban, sondern allen traditionalistischen und partikulären Gruppen innerhalb dieses Systems Konzessionen machen müsste. Das kann zu einer doppelten Opposition führen: von denen, die die neuen Freiheiten und (auch ökonomischen) Errungenschaften nicht preisgeben wollen, und denen, die die anti-tribale Politik der Taliban nicht verankert wissen wollen. Ob sich die Nordallianz unter Fahim einen strategischen Partner im Ausland suchen kann und ihn findet, ist zu prüfen. Weichen dafür würden sicherlich während der Übergangsperiode gestellt werden müssen. Umgekehrt: wer wird eine Regierung, an der Taliban beteiligt sind, anerkennen? Wir dürfen hier auf die Müdigkeit der internationalen Gemeinschaft an vergleichbaren Konflikten denken. Die Hizbollahisierung der Taliban lässt bei dieser Frage auch eine gewisse Analogie zum Libanon wahrscheinlich erscheinen. Je stärker und autonomer US-Stützpunkte und Truppen im Land agieren, desto geringer ist die Nachhaltigkeit von Szenario B. Wenn aber die als Besatzer empfundenen Militärberater den Karzai- (oder Nachfolger-)Flügel der Regierung stützen, können die mitregierenden Taliban auch Unterstützung von ihnen fernstehenden Gruppen bekommen, vor allem aus der Jugend, die – anders als vom Westen erhofft – sofern unterprivilegiert und ohne Statuserwartung, konservativer als die Exilgeneration ist.

Das Szenario C ist von Maaß und Ruttig besonders plausibel geschildert. Es gibt viele Indikatoren für eine Vielfalt – nicht unbedingt Vielzahl – von Bürgerkriegen aus unterschiedlichen und nicht logisch verknüpften Konstellationen. Ich präsentiere zunächst eine paradoxe These: nicht jedes Bürgerkriegspotenzial hat die gleiche verheerende »Ladung«. Das ist gewalttheoretisch ungemein kompliziert, denn es kann sein, dass in einem bestimmten Distrikt die Konfliktregulierung in einem begrenzten Bürgerkrieg zu einer Beilegung oder nachhaltigeren Stabilisierung führt. Aber abgesehen von dieser These, die keineswegs Afghanistan-spezifisch ist, ist Szenario C wahrscheinlicher als A und B, weil es diese beiden Szenarien penetrieren oder gar überlagern, also die Fragmentierung verstärken kann. Externe Einflussnahme auf bestimmte Bürgerkriegsparteien birgt höhere Risiken als bei Szenario A oder B. Das Szenario C deutet auf Somalisierung hin; es kommt darauf an, wie gering eine tatsächliche oder symbolische strategische Bedeutung von Afghanistan gesehen wird, um schon während der Übergangsphase eine erneute internationale Intervention zu provozieren. Weil es im Vergleich zu 1988–1995 einen relativ stärkeren Zentralstaat gibt, ist ein Krieg aller gegen alle nicht so wahrscheinlich wie eine Mehrzahl kleiner Bürgerkriege, in die die Staatsgewalt eingebunden sein kann, aber nicht muss. Milizen, private Sicherheitskräfte, Guerillas et cetera treten neben mehr oder weniger loyale Sicherheitskräfte des Staates. Allianzenwechsel wird alles noch komplizieren und unübersichtlicher machen. Nur darf man eines nicht übersehen. Auch im multiplen Bürgerkriegsszenario wird es immer Zonen unterschiedlicher Governance geben, in denen nach handfesten Kriterien regiert wird. Deshalb ist ein lokales Mapping unverzichtbar, will man die unterschiedlichen Regierungsformen an der Basis verstehen.

Auch werden die ISAF-Truppen ihre relative »Bindungswirkung« beim Abzug und danach verlieren. Es kann auch die Variante geben, dass die Taliban gegen »alle« anderen Gewaltakteure kämpfen, um letztlich ins Szenario D zu gelangen. Bei diesem Szenario ist die Haltung der pakistanischen Akteure besonders interessant: Bis zu welchem Grad kann die Unterstützung der afghanischen Taliban der Regierung sowie dem ISI in Pakistan noch die gewünschte Einwirktiefe bringen?

Ich halte das Szenario D, das erneute Emirat der Taliban, für unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen, vor allem sollte es aus der Hizbollahisierung hervorgehen. Es scheint mir nur plausibel zu sein, dass die politischen Taliban geringere Transaktionskosten und Risiken bei Szenario B vorfinden. Die Emirats-Idee könnte sich allerdings dann durchsetzen, wenn B den extremeren Taliban oder anderen Insurgenten als zu zahm oder langsam erschiene und das Emirat dann »Recht und Ordnung« in der teilweise heute bereits geschönten Version früherer Erfahrungen als das geringste Übel angesehen wird. Die weitere Trennung und Distanzierung von al-Qaida ist eine Voraussetzung für D und sicher auch schon teilweise für B, aber zurzeit eher wahrscheinlich, weil al-Qaida in ihren Herkunftsregionen an Einfluss verliert.

Szenario E: Wenn die zu beobachtende Tendenz zur Ethnisierung aller Konfliktebenen anhält, dann erhält die vor allem in den USA diskutierte Teilung in einen »liberalen« Nationalstaat (Kabul- und Karzaistaat?) und einen Talibanistan zwar mehr Plausibilität, schneidet auch ältere Paschtunistan-Visionen, ist aber insgesamt weniger wahrscheinlich als ein international kohärent »zusammengehaltener« Staat nach früheren, auch kolonialen Mustern. Die Ethnisierung und die Prozesse der Selbstzuschreibung zu Volksgruppen gefährden alle positiven Optionen und bringen die zusätzliche Problematik von Mehrheits-/Minderheitsbeziehungen in der staatlichen Ordnung mit sich, die in der afghanischen Gesellschaft so nicht angelegt sind (Barfield 2011).

Die regionale zentralasiatische Lösung von Szenario F ist, zugegeben, aber nicht unbewusst, voluntaristisch. Ich habe selbst Anstöße zu großen »Friedenskonferenzen« gehört, die gleich mehrere regionale Probleme zugleich lösen könnten (Kaschmir, Indien-Pakistan, Afghanistan, Ende der Isolierung des Iran, etc.). Solche Anstöße finden sich meistens im diplomatischen, also halb-verbindlichen Raum, man traut heute weder dem Versailles-Modell noch der Kraft der Vereinten Nationen, derartige Konferenzen zu legitimieren, zusammenzubringen, und vor allem ergebnisorientiert zu gestalten – wenn man keine eindeutigen Sieger und Besiegte, keine Hegemone und keine dauerhaft abhängigen Akteure hat. Formate wie Dayton taugen nicht.

Alle Szenarien haben gemeinsame, oft nicht thematisierte oder oberflächlich sichtbare Aspekte. Einige dieser Aspekte sind Tendenzen – zum Beispiel die Ethnisierung, andere sind echte Indikatoren für gesellschaftlichen Wandel – zum Beispiel Perspektiven von Jugend, Modernisierungsfolgen, wieder andere sind strukturelle Fakten, die es in der Vergangenheit so nicht gegeben hat – zum Beispiel die Herrschaft von Regionalmachthabern neuen Zuschnitts (Atta).(6)

 

Nun will ich mich dem Generalthema 9/11 zuwenden. Das ist eine Konzession an die symbolische Ordnung der Vergangenheit, die bestimmten Ereignissen eine längere Halbwertszeit als anderen zuspricht (Charles Maier hat das in einer wichtigen Theorie verarbeitet). Erinnerung wird mit einem moralischen Imperativ versehen, man darf nicht vergessen, wenn man im Gespräch bleiben möchte …, aber Historisierung ist kein Akt einer bestimmten Geschichtspolitik, sondern eine Folge von Abläufen, die eine dauernde Neuordnung erfahren. Auch hier gibt es lang dauernde Erinnerungen und solche, die in bester »Absicht« wachgehalten werden und doch verblassen. Ohne eine einseitig behauptete und durch Fakten nur teilweise begründbare Selbstzuordnung zum Erinnerungssystem der USA ist alles, was beim ehemaligen Hegemon und heutigen Allianzführer geschieht, von besonderer Bedeutung und wird politisch herausgehoben (Sputnikschock, Kennedy, Mondfahrt, 9/11, Obama vor der Wahl). Am Beispiel des 17. Juni und anderer »Gedenktage« kann das für jede Gesellschaft überprüft und erklärt werden. 9/11 wurde und wird wachgehalten, um supranationale Loyalitäten zu binden. (Schröders »uneingeschränkte« Solidarität wurde von allen Rednern bei der Meißener Tagung erwähnt). Ich sehe 9/11 in diesem Kontext.

Ich teile nicht die Auffassung derjenigen, die meinen, die Welt sei nach 9/11 nicht mehr, was sie vorher war in dem Sinn, dass es hier einen qualitativen Bruch gegeben hätte – sonst ist der Satz ja trivial. Die Wirkungen von 9/11 sind vielfältig, durchaus ungleichzeitig – und sie verblassen. Man kann eben nicht (mehr) alle sicherheitspolitischen Maßnahmen reflexhaft auf die Folgen des 11. Septembers 2001 projizieren. 9/11 taugt heute kaum mehr zur Legitimation von internationalen Interventionen und ebenso wenig zur Delegation von Ausnahmerechten an die USA. Leffler sagt zutreffend, wie stark die USA auch nach 9/11 in einer jahrhundertelangen Tradition stehen.(7) Ich leugne nicht die Besonderheiten des Ereignisses, ich zweifle nur an seiner Tiefenwirkung. Die Debatte und Praxis Sicherheit gegen Freiheit(en) ist das Quid pro Quo, die Ersatzhandlung politischer Eliten.

Terroristische Akte sind nicht automatisch das Produkt von Terroristen. Das sollte mich in den nächsten Jahren nach 9/11 nachhaltig beschäftigen und herausfordern. Terrorist ist keine Berufsbezeichnung, ebenso wenig wie Dissident. Die Taliban und andere Aufständische in Afghanistan sind keine Terroristen per se, sondern sie verüben teilweise terroristische Akte. Warum sie diese Akte verüben, ist analytisch sehr genau, wenn auch nicht vollständig erforschbar: Ehre, Prestige, Macht, Ressourcen – also Gewaltgründe – sind nur ein Element solcher Handlungen, ein anderes ist der anomische Charakter, die Regellosigkeit der Akte für betroffene Objekte des Terrorismus. Wozu, zu welchem Zweck, terroristische Akte durchgeführt werden, deckt sich nicht genau mit der Begründung. Denn das Handeln nicht aus Gründen, sondern aus Überzeugungen, Glauben, Ideologien, das ja Terrorakte legitimiert und ihre Anhängerschaft produziert, muss ja seine legitimierende Strategie finden, sonst wird es leicht widerlegt und unattraktiv.

Als die Taliban die Macht übernommen hatten, erst mit Unterstützung der USA, dann gegen sie,(8) geschah dies unter anderem, aber nicht hauptsächlich, wegen der manifesten Verletzungen fundamentalster Menschenrechte und wegen relevanter Verschiebungen der regionalen Machtstruktur.(9) Damit war Pakistan in allen Double-binds und regionalen Entscheidungen privilegiert vertreten, und wir erleben bis heute die Folgen inkonsistenter Politik gegenüber diesem Land.

Auch deshalb wird uns Afghanistan lange nicht verlassen. Aber ebenso, weil 9/11 die Vorgeschichte der afghanischen Konflikte überdeckt hatte, und heute, mit abnehmender Wirkung des Ereignisses, die Rekonstruktion nicht einfacher wird.

Dass der Iran, bei all seinem kritikwürdigen Nuklearengagement und bei seiner unhaltbaren Menschenrechtspolitik im Inneren, auch als Friedensakteur in der Region und gegenüber Afghanistan eingebunden werden könnte, ist allen Experten, aber nicht der Mehrheit in der US-Führung und der mit ihr verbündeten Regierungen klar. Vielleicht könnte diese Einbindung sogar den Wandel im Inneren des Iran befördern. Auch deshalb wird uns Afghanistan nicht verlassen.

Keiner dieser Aspekte widerspricht den Optionen von Maaß und Ruttig, aber die Gewichte werden doch anders als bei ihnen gesetzt. Das hat auch mit dem Format ihrer Thesen zu tun, die ja eine Art Rahmen – Framing – für die politischen Diskurse sein sollen. Deshalb ist es verständlich, warum die folgende These keine große Rolle bei den beiden spielt:

Dass der Rückzug des Militärs aus Afghanistan bis 2014 und die Folgen für die Zukunft danach zunehmend innenpolitisch begründet werden, ist ein weiterer Grund, warum Afghanistan bei uns bleiben wird. »Innenpolitisch« bedeutet eine Mehrzahl von Dimensionen. Zum einen muss die Bundesregierung und müssen die für die Intervention votierenden Parteien und Abgeordneten zum »guten Schluss« auch Erfolge vorweisen können. Nun waren die meisten ineinandergreifenden militärischen Missionen (OEF, ISAF) und ihre politische Rahmung nicht sonderlich erfolgreich. Es würde analytisch reizen – und ist angebracht – zu erkunden, warum trotz der vielen Fehler des internationalen Engagements dennoch einige Sektoren sich so entwickeln konnten, dass man von Erfolg sprechen kann. (Ohne Spott könnte man sagen, dort gibt es richtiges Leben im großen falschen.) Und vor allem: in den allermeisten Distrikten im Norden gibt es leidlich funktionierende Gesellschafts-Strukturen, gibt es Governance, es wird regiert, entwickelt und kommuniziert; es gibt also kein Chaos und keine homogene Anarchie. Unser Beitrag dazu sollte nicht über- oder unterschätzt werden. Meine These ist, dass er – streng sozialwissenschaftlich destilliert – eher im Bereich soziokultureller Modernisierung als beim Staatsaufbau wirkt. Dies betrifft Lebensstile, Habitus, informelle Institutionen, Traditionen, Rituale, und vor allem die irreversiblen Folgen einseitiger kriegsbedingter Modernisierung selbst. Die Erfolgsberichte der Bundesregierung vom letzten November und vom Juli 2011(10) haben eine andere Perspektive: Weil sie vom Aufbau von formalen Institutionen ausgehen (müssen), können sie die gesellschaftlichen Veränderungen nur als die intervenierenden Variablen einer stark formalisierten Sicht des Staates, der da kommen soll, einbauen. In diesem Sinn ist das deutsche wie das internationale Engagement nicht »gescheitert«, weil es dann einer Strategie hätte folgen müssen, deren Prämissen und/oder Operationen falsch waren. Die Fehler wurden aber gerade nicht im Hinblick auf diese eine rationale Strategie hin gemacht. Schließlich aber sind der Einsatz und der Rückzug der Bundeswehr dem innenpolitischen Verfügungsmonopol von Regierung und Parlament entzogen. Längst existiert eine umfangreiche Kriegs- und Erlebnisliteratur zur Realität des Einsatzes – aufgelöst in viele meist analoge Berichte, Erinnerungen, Selbstrechtfertigungen und neue patriotische Interpretation, keineswegs nur pathetisch-affirmativ.

 

Aber der wichtigste Grund, warum Afghanistan bei uns bleiben wird, soll als letzter genannt werden. Politische und moralische, juristische und kulturelle Systeme sind nicht ohne Weiteres zu verbinden. Nun wurde genau diese Verbindung intensiv versucht, da die Veranstaltung an der Evangelischen Akademie auch im Rahmen christlicher, also religiöser, Friedensethik stattfindet. Christliche Friedensethik unterscheidet sich überraschend wenig von anderen monotheistischen Konzepten, also muslimischen und jüdischen. Ich wage der Verbindung zu widersprechen. Man soll nicht zusammenkleben, was nur vermittelt zusammengehört, aber nicht systemisch eine Einheit bildet. Oder anders gesagt: auch eine politische, wissenschaftliche, juristische, militärische Analyse enthebt mich nicht zu prüfen, wie ich moralisch daraufhin handle, aber diese Orientierung ändert an der Analyse wenig. Die Thesen der christlichen Friedensethik werden immer konkreter, je weiter sie fortschreiten, aber auch immer weniger folgenreich. Wir können keinen Frieden in Afghanistan fördern, sondern wir können Konflikte vernünftiger und menschlicher regulieren. Das aber sollten wir weiterhin tun, mit oder ohne Militär. Dabei muss natürlich Macht eingesetzt werden, das kostet viel Geld, und es setzt eine Dynamik politischer Kommunikation voraus, die nicht bei den derzeitigen Lagergrenzen stehen bleiben sollte. Öffentliche Politisierung ist dazu auch notwendig, und die braucht öffentlichen Raum (und keine Geheimpolitik, die angeblich für die Sicherheit der Bevölkerung nötig ist). Ich plädiere hier ohne Zynismus, aber mit angekündigter Ironie, für die Fernstenliebe. Also nicht unsere Sicherheit, vor allem nicht nur unsere Freiheit, soll unser Rationale sein: sondern die der Afghanen. Das kann ich sehr konkret, in mehr oder weniger ertragbaren Details beschreiben und begründen. Ja, wir sollten uns weniger um unsere Helden und unsere Toten kümmern als um unsere Invaliden, Veteranen und Traumatisierten, und zugleich wissen, dass es tausend Mal mehr Minenopfer, Krüppel, Waisen, Verstümmelte an Leib und Seele allein in Afghanistan gibt; keineswegs nur durch unser Zutun oder unsere direkte Schuld, aber auch nicht ohne unser Handeln. Darum bleibt Afghanistan bei uns, und damit der 11. September.

 

1

Vgl. Daxner, M.: »Was können wir in Afghanistan (noch) erwarten, BAKS, 4.5.2011. – Das etwas leichtfertige »Wir« vereinnahmt zunehmend »alle Deutschen und konstruiert eine nationale Gruppe, die sich vor allem durch Abgrenzung definiert.

2

Panel D: »How Much State is Needed for Governance SFB Int’l. Conference 26 May 2011. Unv. Ms.

3

Vgl. Koehler, J.: »Social Order within and beyond the shadows of hierarchy. Governance-patchworks in Afghanistan«.

4

Löck, I.: »Stabilisierungsmaßnahmen in Afghanistan«, BA 2011 (FU Berlin) – eine studentische Arbeit, die exemplarisch für die notwendige Detailanalyse der Interaktion von Akteuren ist.

5

Hierzu bereiten Hajo Giessmann, Kristof Gozstonyi und ich ein Forschungsprojekt vor, das die Korruptionsfrage sozial-anthropologisch und politisch behandelt, und jedenfalls aus dem alltagsmoralischen Diskurs herausnimmt.

6

Vgl. Daxner, M.: »Ruling from the Mezzanine – the Balkh case«. AAN, 21 June 2011.

7

Leffler, M.: »9/11 in Retrospect«, in: Foreign Affairs, Vol. 90, Nr. 5, 2011, S. 42.

8

Es ist nach wie vor heftig umstritten, wie weit die US-Regierung selbst und wie weit interessierte amerikanische und pakistanische politische Gruppen die Taliban gegenüber den Mudschaheddin 1995 favorisierten. Im jetzigen Kontext ist das nicht so wichtig wie für die Rechtfertigungen im kulturellen Gedächtnis.

9

Vgl. Rashid, A.: Descent into Chaos, London: Allen Lane 2008; Rashid, A.: Taliban, New York: I.B. Tauris & Co. 2010 (2nd. Edition)

10

Bundesregierung: »Fortschrittsbericht Afghanistan zur Unterrichtung des Deutschen Bundestags«, Berlin, November 2010 und Berlin, Juli 2011 (Zwischenbericht).

 

 

 

Dieser Text ist aus einem Vortrag anlässlich einer Tagung zum 11. September entstanden (»9/11 – 10 Jahre danach«; Evangelische Akademie Meißen, 19./20.8.11).(1) Einige Tage zuvor erschien in der Reihe SWP-Aktuell ein knapper Kommentar von Citha Maaß und Thomas Ruttig zu den Optionen, die in Afghanistan sich ergeben.(2) Ich habe versucht, das Ereignis 9/11 und den Ausblick auf die Zukunft Afghanistans zu verbinden. Kaum jemand weiß noch, wie das deutsche Engagement in Afghanistan nach dem 11. September 2011 begonnen hat, und kaum jemand hat noch großes Interesse daran, deutsche Interventionspolitik auf 9/11 zu beziehen oder sie damit zu legitimieren. Am Thema interessiert mich auch, ob und wie weit Afghanistan im Gleichtakt vergessen oder aber dem kulturellen Gedächtnis zugeordnet werden kann. Offenbar ist das nicht der Fall, wenn man die enge Bindung der Intervention an die Nach-9/11-Diskussion in den USA mit der Diskussion in Europa vergleicht (Leffler 2011).(3) Auch ist das Erfolgsthema in den USA noch sehr viel stärker innenpolitisch ausgerichtet (Rodriguez 2011).(4) Schließlich finden sich bei den meisten amerikanischen Szenarien Elemente der von mir abgehandelten, aber in unterschiedlicher Gewichtung, das kann für die Diskussion der mikrosozialen Ordnung erhebliche Bedeutung haben, etwa bei der Antwort auf die Ethnisierung (Barfield 2011).(5) Zu diesen Problemen werden demnächst Forschungstexte erscheinen.

Gegenüber dem Vortrag habe ich alle Passagen gestrichen, die nur aus dem Kontext der Diskussionen in Meißen verständlich wären. Der Titel »Afghanistan wird uns nicht verlassen« ist hingegen ein Leitmotiv, das auf politische Dauer angelegt ist.

 

1

Ich wollte diesen Artikel schon lange Zeit schreiben, u. a. für den Vortrag in Meißen (Tagung der Evangelischen Akademie, 19./20.8.11), als der Beitrag von Citha Maaß und Thomas Ruttig (SWP Aktuell 8/2011) erschien. Nun war es geboten, sich auf diesen – und nicht einen beliebigen anderen – Beitrag zu beziehen. Die Anzahl der ExpertInnen in Deutschland ist nicht groß, und die Kommunikation im Thema ist wichtig für die diskursive Differenzierung. Maaß und Ruttig fassen zusammen, was im Interventionsdiskurs ziemlich ungeordnet treibt, und geben ihm den für politische Rezeption wichtigen legitimen Rahmen. Ich habe die Interpretation der Optionen, die Maaß und Ruttig vorstellen, in Meißen im Fluidum einer christlichen Friedensethik, der ich nicht nahestehe, zur Diskussion gestellt. Die Anspielungen auf die Diskussionen während der Tagung habe ich, bis auf den letzten Absatz, entfernt, weil sie nur im Kontext verständlich wären. Auch habe ich es hier unterlassen, speziell auf die offiziellen Erfolgsberichte der Bundesregierung und die deutsche Politik einzugehen, weil ich denke, dass die deutsche Rolle zurzeit nicht signifikant für das afghanische und zentralasiatische Konfliktgeschehen ist.

2

Maaß, C./Ruttig, T.: »Afghanistan vor neuem Bürgerkrieg«, in: SWP Aktuell, August 2011.

3

Leffler, M.: »9/11 in Retrospect«, in: Foreign Affairs, Vol. 90, Nr. 5, 2011, S. 33–44.

4

Rodriguez, D.: »Leaving Afghanistan to the Afghans«, in: Foreign Affairs, Vol. 90, Nr. 5, 2011, S. 45–53.

5

Barfield, T.: »Afghanistan’s ethnic Puzzle«, in: Foreign Affairs, Vol. 90, Nr. 5, 2011, S. 54–65.

 

In: Kommune, Forum für Politik, Ökonomie, Kultur 5/2011