Balduin Winter
9/11 – Jahrestag der
Einordnungen
Quoten und Rankings, heilige Kuh der
US-Medien und wie
Meinungsumfragen ein zweifelhafter Gradmesser der Öffentlichkeit, weisen dem
runden Jahrestag zum 11. September einen Platz auf den Rängen oder gar unter
»ferner liefen« zu. Für das auflagenstärkste New Yorker Ausgehmagazin Time
Out steht »9/11 anniversary« an dritter Stelle im
Ranking der »Most Popular«, der meist aufgerufenen
Beiträge. Eine gute »Wertung«, der gegenüber jene der Washington Post
auffällt, wo weder in der Print- noch Netzausgabe ein Artikel zum 11. September
genannt ist. Kein Zweifel besteht, dass Amerika dieses Schock-Ereignis würdig
zu gedenken versteht. Aber nach zehn Jahren mit weiteren Kriegen und Krisen,
die nachhaltig in das Leben breiter Kreise der Bevölkerung eingewirkt haben,
ist bei aller überwältigenden Ikonografie eine gewisse Distanz eingetreten.
Bewertung –
der Versuch, 9/11 in einen globalpolitischen Kontext einzuordnen, die Reaktion
der US-Regierung in die Grundlinien US-amerikanischer Politik zu stellen – dominiert
heute die zahlreichen Diskussionen und Essays. Der Umgang mit 9/11 kann dabei
durchaus kritisch, manchmal auch grell sein. Es gibt, ganz klar, immer noch die
publizistischen Scharfschützen, die sich in rechten und linken Lagern
verschanzt haben und ihre Rechthabereien
rechtfertigen. Es gibt Intellektuellenschelte und linksliberale Intellektuelle,
die irgendwie hilflos wirken. Große Unsicherheit ist überhaupt ein auffallendes
Merkmal der Debatten, selbst und gerade auch bei jenen, die nicht den geringsten
Zweifel daran zu lassen scheinen, wie die Anschläge, die Kriege in Afghanistan
und Irak und die letzte Dekade in der amerikanischen Geschichte zu verorten
seien.
Sie strebten einst das »Project of A New American Century« (PNAC) an, die Cheneys,
Wolfowitz’, Boltons, Fukuyamas, Bushs und viele weitere; ihre Plattformen waren
der 2005 entschlafene Thinktank PNAC, das American
Enterprise Institute (AEI) und ihre Netzwerke in die großen Medien. Letztere
funktionieren noch immer und werden auch genutzt. Konservative Kräfte, die sich
noch heute »in den Magen getreten fühlen« (The American, 8.9.), warnen
»die gewöhnlichen Amerikaner« vor »den peinlichen, kläglichen Daumensaugereien der Wissenschaftler, politischen Intellektuellen
und sogar Geistlichen«. Ins Hintertreffen geriete dabei »der Stolz … auf den
erbitterten Kampf«, denn »wir haben große Dinge getan«. Thomas Donnelly vom
American Enterprise Institute (AEI), Fixpunkt rechter Falken, zieht gegen die
Ansicht des ranghöchsten Militärs Admiral Mike Mullen
vom Leder, der meint, »dass unser Defizit und unser Schuldenberg die größte
Sicherheitsherausforderung sind«. Donnelly verhöhnt die Krämermentalität,
geißelt Begriffe wie »strategisches Risiko« oder »Amerikas Niedergang« und
zeichnet den USA eine glänzende Zukunft an die Wand mit globalen militärischen
Aufgaben als »nationale Sicherheitsinteressen«, die fernab der USA liegen. Dazu
zählt »die Bewahrung eines vorteilhaften Machtgleichgewichts über Eurasien, das
autoritäre Herrschaft in dieser Region verhindert« (AEI-Reden, 13.9.).
Das ist
tatsächlich so gemeint wie einst im September, nämlich 2002, als die
Bush-Administration ihre »National Defense Strategy«
mit der militanten Durchsetzung der Demokratie in Mittelost verkündete. Paul Wolfowitz unterstreicht diese Haltung in einem Kommentar im
Wall Street Journal (9.9.). Wieder kommt der Vergleich mit Pearl Harbour
– dort habe die USA doch auch nicht »überreagiert«, oder? Das ist ein Kernargument
der Neokons: Den »War on Terror« stellt er
durchgängig analog zum Krieg gegen die Nazis, damals wie heute »habe man Fehler
gemacht«. Das passiere in Extremsituationen doch immer. »Andere unterstellten,
dass unsere Überreaktion ›die Demokratie in ein schiefes Licht gestellt habe‹.
So ein Unsinn.« Von Irak zieht er eine direkte Linie zu den heutigen arabischen
Rebellionen, Irak habe den Aufstand in Syrien angestoßen. Geschichtsklitterung
im großen Stil.
Den
martialischen Bündnisfall für die Sekte der Neokons
hat der wackere Ritter Torsten Krauel in der Welt
(10.9.) ausgerufen. Ein Haudegen, der in seiner Amerika-Passion gleich neue
Begriffe für die amerikanische Geschichte erfindet (»Sklavenbefreiungskrieg
1861«). Und überhaupt die Amerikaner interpretiert, dass diese sich die Augen
reiben würden. Sein Maßstab ist die Vernichtung al-Qaidas, »und wenn sie dafür
ein Land in die Steinzeit zurückbomben müssen«. Und: Bush macht Saddam Hussein
»zu Toast«. »… womöglich auch der Iran, vielleicht
auch Nordkorea und Gaddafi – die ganze Bande da draußen, die Amerika seit
Jahren auf der Nase herumtanzte, die würde jetzt zu spüren bekommen, mit wem
sie sich angelegt hatte. Jetzt ist Schluss.« Dazu eine
historische Garnierung, da müssen Hunnen und Mongolen antanzen, Hitler, Stalin
und Chomeini, »die Verrückten, die Amerikanern nach
dem Leben trachteten«. Den Arabern (»die Bande da draußen«) traut Krauel schon gar nichts zu, wenn er behauptet, »ohne das entschlossene
Zurückschlagen Bushs« wäre es »sehr fraglich«, ob »heute am Golf eine arabische
Wachstumsrevolution die weltweit modernsten Fluglinien und das höchste Gebäude
der Welt geschaffen hätte«. Springer-Welt gibt sich gerne als Oberlehrer
und vergibt Noten: eine Eins plus für Krauel!
Diese Krachmacherei
findet ein Pendant auf der Linken in Gestalt der Allwissenheit eines Tariq Ali im Freitag (8.9.). Auch er
wendet die Dreschflegel-Methode an, pfeffert Carl Schmitts Wort über den
Ausnahmezustand auf die USA, bremst etwas, weil doch die Analogie zum Dritten
Reich »nicht ganz« passt. Die Delegitimierung der
»fortwährend ausgehöhlten« Demokratie findet aber im puren »Antiimperialismus«
kein Gegenbild. Golfkrieg und Jugoslawien werden frischfromm gleichgesetzt, wo
USA und NATO aufmarschieren, ist die Gut-Böse-Rollenverteilung klar. Seiner
Kritik kommt »das arabische Wiedererwachen« entgegen, das ist im
Schwarz-Weiß-Bild der Gegenanker. Aber ist alles so einfach? Doch in seinem
analyseschwachen Artikel ist dem Altlinken alles Antiamerikanische wichtig,
dass die arabische Protestbewegung vielleicht stärkere Sympathien für die USA
und ihre Demokratie hegt, schert ihn wenig.
Zugutehalten
muss man dem Freitag, dass nicht nur ein Ideologe wie Tariq Ali, sondern
auch der syrische Soziologe Youssef Courbage zu Wort
kommt, der in Paris forscht und schon früh auf den Strukturwandel im arabischen
Raum aufmerksam gemacht hat, auf den quasi historischen Wandel von Familien-
und Rollenbildern, den deutlichen Rückgang von Geburtenraten, die zunehmende
Alphabetisierung der Frauen, eine rasch wachsende nichtreligiöse Lebenswelt –
alles Dinge, die westliche Islam-Experten in ihren Islamismus-Forschungen grob
vernachlässigt haben, die aber einen wesentlichen Hintergrund der arabischen
Rebellionen abgeben. Man hat wohl zu sehr auf die Einflüsterungen eines Bernard
Lewis gehört, dieses vermeintlichen »Doyens« der US-Orientalistik, und zu wenig
auf französische Fachleute wie Olivier Roy und andere.
Diese
Erkenntnis wird einer Diskussion unter linksliberalen Intellektuellen, darunter
Michael Ignatieff, Paul Berman, David Rieff und Ian Buruma,
vorangestellt (New York Times-Magazine, 11.9.), die durch ihre offenen
Differenzen weit ergiebiger wirkt. Hier streiten vor allem Buruma
und Berman, Ersterer weist die »radikalen« Begriffe Bermans zurück.
»Islamistischer Extremismus« oder gar »Islamofaschismus«
findet Buruma nicht sonderlich modern oder gar
liberal. Hier bleibt Berman »theoriestark« in der Argumentation einer reichlich
überhistorischen, aus Schriften abgeleiteten Reihe von »Kommunismus-Islamismus-Baathismus«. Buruma hält dagegen,
man könne »›Faschismus‹, ›Islamismus‹ oder ›Kommunismus‹ nicht als
Abstraktionen, ohne historischen Zusammenhang verwenden«. Die Debatte zeigt ein
wenig, warum Linksliberale wie der frühere Trotzkist und Bush-Kritiker Berman,
die im Wesentlichen ideologisch argumentieren, manchmal leicht in die Nähe der
Bush-Krieger geraten konnten. Für Berman wie auch für Wolfowitz
und seinen Berater Bernard Lewis sind ideologisch-religiöse Fragen von
überwältigender Bedeutung, Fragen der Sozialstruktur oder gar soziale Umwälzungen
völlig nebensächlich.
Ein zentraler
Punkt, worin alle Diskutanten übereinstimmen, ist, dass der Bush-Administration
nie ernsthaft an einem Nation-Building gelegen war,
weder in Afghanistan noch in Irak. Berman argumentiert zwar, der Krieg habe schon
Demokratisches bewegt, Buruma hingegen meint, »das
napoleonische Unternehmen des revolutionären Krieges ist fast immer ein
Fehler«. Michael Ignatieff fragt schließlich nach dem
»langfristigen Preis der Terroristenbekämpfung«: »Drei Kriege, imperiale Überspannung,
Finanzkrise, Schuldenkrise … Wer sind die wirklichen Gewinner? China und die
anderen BRICs.« Und dazu deutliche Bodenverluste in Sachen Demokratie.
Selbstkritisches ist bei Berman virulent, aber es ist Ignatieff,
der die Kritik vorantreibt, schließlich eine Formel findet. »Heute leben wir in
einer anderen Welt als 2001. Eine Dekade später klingt unsere Diskussion jetzt amerikanozentrisch.« Natürlich hätte es den Aufstieg Chinas
auch ohne 9/11 gegeben. – Geschichte als Work in Progress, voller Fragen.
Der Council on Foreign
Relations, eine private Organisation ökonomischer und politischer Eliten, gilt als das Gravitationszentrum
US-amerikanischer Außenpolitik, seine Zeitschrift Foreign
Affairs als eine der einflussreichsten der Welt.
Im September-Oktober-Heft kommt darin der Historiker Melvyn
P. Leffler zu Wort: »9/11 im Rückblick«. Tatsächlich
ist es so etwas wie ein »Ausrichtungsartikel« zur historischen Verortung. Aber
es ist mehr. Jordan Mejias macht es sich in der FAZ (6.9.) zu einfach,
wenn er Leffler lediglich bescheinigt, »im Großen und
Ganzen habe Bush die außenpolitischen Trends, die verlässlich die amerikanische
Geschichte durchziehen, nur beibehalten, und auch sein Nachfolger handle nicht
viel anders«. Einwenden ließe sich, dass Leffler beim
Herausarbeiten von Kontinuitäten und Konstanten der US-Politik vielleicht
historische Veränderungen wie den Machtverlust der USA zu wenig berücksichtigt.
Aber Leffler rahmt nicht einfach die 9/11-Politik
ein, noch erteilt er ihr nur Absolution mit Maßstäben US-amerikanischer Politikwissenschaft.
Er analysiert ohne die aufgeladenen Nazi- oder Kommunismus-Vergleiche, er legt
wissenschaftliche Kategorien an und unterzieht die Politik einer deutlichen
Kritik. Das Lob für die Bush-Administration ist schlussendlich doppeldeutig:
Die Amerikaner haben gelernt, »tiefer über ihre Geschichte und ihre Werte zu
reflektieren. … Sie können die mutwillige Brutalität anderer identifizieren,
doch auch bestätigen, dass sie selbst die Quelle von Raserei in vielen Teilen
der arabischen Welt sind. Die Amerikaner können darin übereinstimmen, dass
Terrorismus eine Drohung ist, die lokalisiert werden muss, aber auch
feststellen, dass es keine Existenzbedrohung ist, die den Militär- und
ideologischen Herausforderungen entsprechend ist, wie sie der deutsche Nazismus
und der Sowjetkommunismus dargestellt hat.«
Das ist ein
weit seriöseres »Vermächtnis«, als es Lionel Barber in der Financial Times
(5.9.) präsentiert, der explizit auf den Niedergang der USA im Gefolge von 9/11
eingeht. Schon die Vorgehensweise ist fragwürdig, denn 9/11 mag manche
Entwicklung vielleicht beschleunigt haben, ist aber keine Ursache für die
Veränderung globaler Kräfteverhältnisse. Barbers
Schluss klingt zwar witzig: »Die wichtigsten Wörter der letzten Dekade waren
nicht ›war on terror‹, sondern ›made
in China‹« – mehr aber auch nicht.
Die
Einlassungen des libanesischen Schriftstellers Elias Khoury
über »Die Chance, das Terror-Jahrzehnt zu beenden« (SZ, 5.9.), wirken
wie ein Kontrapunkt zum US-Historiker Leffler. Am
Decknamen »Geronimo« für Osama bin Laden offenbart sich ihm »das grundlegende
Missverständnis der Geschichte des Kampfs der Kulturen«, das auf beiden Seiten
vorlag. Keinesfalls will er den Terror entlasten. Aber auf beiden Seiten wurden
Trugbilder aufgebaut, »ein Jahrzehnt des ideologischen Kriegs zwischen imaginären
Identitäten dominierte«. Es waren »irreführende Ängste«, vor allem eine
»neo-orientalistische Deutung der arabischen Welt als Feind von Rationalismus
und Modernismus« und »die Annahme, ein radikaler Wandel … bedrohe die
Sicherheit Israels«. Für Khoury wird so der 11.
Februar 2011 zur direkten Antwort auf den 11. September 2001: »Der Wandel kam
nicht durch Gewalt, sondern durch eine friedliche Revolution. … Die arabische
Welt tritt jetzt in das 21. Jahrhundert ein und söhnt sich mit ihrer Geschichte
aus.«