Werner Polster
Die europäische
Schuldenkrise und die Eurobonds
Nirgendwo sonst in Europa findet man
eine solch aufgeblähte Diskussion um die Hilfen für Griechenland wie in
Deutschland. Hin und her wird erörtert, ob man den Griechen unter die Arme
greifen oder sie gleich aus dem europäischen Verband hinausschmeißen solle. Die
sachliche Debatte konzentriert sich seit einigen Monaten auf eine finanzpolitische
Innovation, die Eurobonds. Im Folgenden wird diese Debatte aufgegriffen und gefragt,
was es mit den Eurobonds auf sich hat, denn so ganz einfach ist die Sache
nicht. Es wird aber auch historisch eingebettet, da – gerade in dem Land, in
dem am intensivsten über Europa und seine Zukunft gestritten wird – vieles
offensichtlich unbekannt ist.
Der Blick in die ältere Vergangenheit:
Maastricht revisited
Die
wirtschaftspolitischen Modellbauer, die es schon immer besser wussten, führen
jetzt allerorten Klage, man habe doch absehen können, dass eine Währungsunion
ohne Wirtschaftsunion nicht funktionieren könne. Dass der Maastrichter Vertrag
mit einem fatalen Defekt auf den Weg geschickt wurde, räche sich jetzt
fürchterlich. Mit Blick auf das aktuelle Thema der Eurobonds ist zu diesem
Modelldenken zweierlei anzumerken:
Erstens: Es
war eine historisch sehr spezielle Situation, aus der heraus die isolierte
Währungsunion geboren wurde. Die deutsche Vereinigung war europäisch einzurahmen,
und zwar zügig. Politisch blieb nicht die Zeit, in gedankenschweren Expertisen
dieses oder jenes Modell zu erörtern. Überdies war bis in die Mitte des Jahres
1989 währungspolitisch alles Mögliche Thema, nur nicht eine europäische
Währungsunion. Innerhalb von zwei Jahren – so lange wie die gegenwärtige
Eurokrise jetzt dauert – musste eine praktikable Übereinkunft her. Die Europäer
benötigten einen Integrationsfortschritt, umgekehrt eröffneten sich für die
Bundesrepublik mit der Einheit neue politische Möglichkeiten einer
Identitätsstiftung jenseits des Wirtschaftlichen.
Zweitens:
Politisch im Sinne der demokratischen Verdichtung, der ja den nationalen
Souveränitätsverzicht einschließt, musste bei der Währungsunion nicht viel unioniert werden, weder aus der Perspektive der
Bundesrepublik noch aus der rest-europäischen
Perspektive. Die Europäer hatten ohnehin keine währungspolitische Souveränität
mehr im Währungswettbewerb, weil die Bundesbank den Leitzins bestimmte, und die
Bundesrepublik als Hegemon konnte mit der Übernahme
»ihrer« Geldordnung in das europäische Gefüge das Modell einer
undemokratischen, technokratischen Ordnung durchsetzen. So gesehen war es ein
verhältnismäßig Einfaches, den Weg der monetären Tiefenintegration zu
beschreiten, da weder die einen noch die anderen viel an Souveränität
aufzugeben hatten.(1)
Eines der
Integrationsgesetze lautet, dass Integration dort verhältnismäßig einfach herzustellen
ist, wo der Souveränitätsverzicht nicht gravierend ist. Insofern unterscheiden
sich etwa die Steuererhebungskompetenz und die Regulation einer Geldordnung
durch Experten ganz erheblich. Alles, was gemeinhin unter einer Wirtschaftsunion
zu verstehen ist, hat erhebliche Bande zur Souveränität und zum Souverän. Das
geht in den gegenwärtig flott skizzierten Entwürfen zu Eurobonds, dem europäischen
Finanzminister und Ähnlichem gelegentlich verloren.
In Bezug auf
den Maastrichter Vertrag ist vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse noch
mehr in Erinnerung zu rufen. Nicht alle sahen es als Nachteil an, dass man 1992
weder eine politische Union noch eine Wirtschaftsunion herstellen konnte. Ein
Teil der Neoliberalen hat die spezifische Konstellation einer Währungsunion
ohne Wirtschaftsunion überschwänglich begrüßt, da sie Möglichkeiten eines
fiskalischen Wettbewerbs eröffne, wie man ihn sich bis dahin gar nicht erträumt
hatte. Liederliche Fiskalpolitik sollte auf den Finanzmärkten bestraft werden
durch hohe Zinsen, brave Fiskalpolitik hätte sich an günstigen Zinsen erfreuen
können (vgl. Polster 2002, S. 392 ff.).
Im Hinblick
auf den Haftungsausschluss, festgehalten im sogenannten No-bail-out-Artikel, wird in Deutschland gerne vergessen oder
übersehen, dass dieser in einem Vertragskontext eingebettet ist, der ihn gerade
nicht zu einem absoluten Fixpunkt macht. Der Haftungsausschluss besagt, dass
die Gemeinschaft nicht für Verbindlichkeiten, Schulden, anderer Staaten
aufkommt.(2) Das ist die Perspektive der Gemeinschaft.
Aus der Perspektive des einzelnen Staates wurde in Maastricht diesem Artikel
aber ein weiterer Artikel zur Seite gestellt, der besagt, dass einem Land, das
in »gravierende Schwierigkeiten« geraten ist, geholfen werden kann.(3) Insofern
zeichnet den Maastrichter Vertrag eine dialektische Konstruktion aus,
wenn man so will ein deutsch-französischer Kompromiss, in dem sich
Wirtschaftsliberalismus und Keynesianismus zusammenfinden.
Vom Titel her
wurde diese Dialektik auch im Stabilitäts- und Wachstumspakt von 1996
fortgeführt. Während die Deutschen den Stabilitätsteil in den Vordergrund
rückten, lag den Franzosen auch daran, den Wachstumsaspekt zu berücksichtigen.
Leider haben die Franzosen dann geschlafen, als es um den Wachstumsteil des
Paktes ging. Der Pakt hätte auch von den Deutschen allein verfasst werden
können, von Regeln, die das Wachstum fördern oder Wachstumsunterschiede
ausgleichen, findet sich nichts in dem Regelwerk.
Schließlich
noch zu dem denunziatorischen Begriff der Transferunion, mit dem in der
gegenwärtigen Debatte so gerne hantiert wird. Integration ist nur dort sinnvoll,
wo es um das Zusammenführen ungleicher Profile geht. Das weiß jeder Europäer,
aber in Deutschland wird das gerade erst entdeckt, insbesondere von den
Wirtschaftsliberalen, die mit kleinen Werkzeugköfferchen (Haftungsprinzip,
Eigenverantwortung, was noch?) unterwegs sind und an Europa mitbauen
wollen. Weil Europa von Beginn an eine Transferunion war, und zwar dergestalt,
dass die Transfers in sehr viele Richtungen liefen, hat die Sache bisher so gut
funktioniert. Transferiert wurden zum Beispiel Steuergelder (von Nettozahlern zu Nettoempfängern im Rahmen der verschiedenen
Fonds), transferiert wurde aber auch im Rahmen von Leistungsbilanzsalden, das
floss nur nicht durch staatliche Kassen, sondern blieb in privaten Zirkulationen. Und im Übrigen: Das Einzige, was nach der Aufspannung des Rettungsschirms transferiert wurde, war Vertrauen,
materiell floss nur von Griechenland an Deutschland über die Strafzinsen ein
kleiner Strom.
Blick in die jüngere Vergangenheit:
Die »wahren Deutschen« machen Europapolitik
Für die Zeit
zwischen dem Beitritt Griechenlands zur Währungsunion 2001 und dem Jahr 2009
muss erklärt werden, warum die Zinsen hier fast »bundesstaatlich« niedrig
waren: Die Griechen mussten so gut wie keine Risikoprämie für Staatsanleihen
zahlen. Manche Marktideologen konstatieren in diesem Zusammenhang
Marktversagen, da die Finanzmärkte in dieser Zeit »eine recht eingeschränkte
Risikowahrnehmung hatten« (Bernoth/Burcu 2010, S. 12). Mehr spricht für eine andere Erklärung:
An den Finanzmärkten schenkte man der No-bail-out-Klausel des Maastrichter Vertrages kein Vertrauen
und ging demzufolge davon aus, dass die Euro-Gruppe schon einspringen würde, falls
es zu Schwierigkeiten in einem Mitgliedsland käme. Diese »europäische Denkweise«
der Märkte konnte sich ja auch auf allerlei stützen, unter anderem den Erfolg,
mit dem der Euro reüssierte (bis hin zur Weltwährung), den Integrationsmut der
Osterweiterung und auch die flexible, finanzmarktfreundliche Handhabung des
Stabilitätspaktes, als Deutschland und Frankreich 2004 die Maastricht-Kriterien
rissen.
Als dann am
15. September 2008 die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach, strahlten
die Schockwellen zunächst auf den privaten Sektor aus, und zwar massiv. Fast
mit einem Schlag erstarrte der Interbankenmarkt, alle hielten Liquidität, weil
keiner mehr dem anderen traute. Das sich rasch ausbreitende Misstrauen schien
dann sogar auf die Sparer überzugreifen. Nach entsprechenden Informationen aus
der Bundesbank, die eine Hortung von großen Euroscheinen beobachtete, stellten
sich Merkel und Steinbrück am Sonntag, dem 5. Oktober 2008, vor die Kameras und
garantierten die Gesamtheit der deutschen Ersparnisse. Für sich genommen war
diese »Garantie« natürlich eine Absurdität und kurios, aber es zeigte sich, was
Politik als der allerletzte »Lender of Last Resort« vermag; montags
blieb der Run auf die Banken aus.
Wenige Monate
später trat die Politik einen weiteren Beweis ihrer Möglichkeiten an. Die
Schockstarre im Finanzsektor hatte sich verfestigt und das allgemeine
Misstrauen griff langsam auch auf den staatlichen Sektor über. Am Markt für
Staatsobligationen zeigten sich erste Symptome eines Spreads
(Auseinanderlaufen von Zinsen), insbesondere bei griechischen, irischen und
portugiesischen Anleihen. Als im Februar 2009 die Situation bedrohlich wurde,
trat der deutsche Finanzminister – offensichtlich nach Absprache mit Frankreich
und den europäischen Gremien – dem Zinsanstieg der genannten Staaten als
»Finanzmarktflüsterer« (Quatremer 2011) entgegen und
verkündete, dass man in der Lage sei, die Länder zu stabilisieren. Prompt
gingen die Risikoprämien wieder zurück, und es kehrte bis in den Herbst des
Jahres Ruhe an den Finanzmärkten ein (vgl. Abbildung).
Im Herbst
2009 war plötzlich in doppelter Hinsicht eine neue Situation gegeben: Der
Skandal um die geschönten Schuldenstatistiken Griechenlands durch die
konservative Regierung wurde aufgedeckt, sodass das Misstrauen weiter anstieg.
Die an sich ohnehin schon hohe Verschuldung nahm damit noch andere Dimensionen
an.(4) Zum anderen errangen CDU/CSU und FDP einen
grandiosen Wahlsieg, was zur Folge hatte, dass alle Verlässlichkeiten
für Europa plötzlich perdu waren. Offensichtlich
witterte man die Chance, dem fiskalischen Wettbewerb doch noch Geltung zu
verschaffen, so wie es sich ein Teil der Neoliberalen anno 1992 herbeigesehnt
hatte. Beide Faktoren – die griechische Dummheit um die statistischen
Manipulationen und die deutsche Risikobereitschaft, was Europa angeht –
zusammengenommen, führten dann zu dem Spread bei den
Staatsanleihen, der sich in der Folge dann immer weiter spreizen sollte, bis er
im Herbst 2011 eine Risikoprämie von fast 20 Prozent erreichte (siehe Schaubild
»Renditen zehnjähriger Staatsanleihen«).
Es folgten
die bekannten Krisenstationen mit den jeweils entsprechenden europäischen
Reaktionen (vgl. Spalte: »Griechenland-Krise und die EU-Politik«). Die
Bundesregierung vermittelte dabei in der Öffentlichkeit stets den Eindruck von
Hilflosigkeit, nachträglichen Zugeständnissen und des Getriebenseins
von den Finanzmärkten. Vordergründig mag dem so sein. Bemerkenswerter aber ist,
dass sich in diesen zwei Jahren ein kompakter Block von Wahren Deutschen
zusammengefunden hat, der seine Anhänger in seriösen und halbseidenen Tageszeitungen,
hohen Regierungsbürokratien und der neoliberalen Wirtschaftswissenschaft hat,
von der Bevölkerung zu schweigen. Die Attacken gegen die Transferunion, die
Plädoyers für den Rauswurf der Griechen aus der Währungsunion, das Lamento um
die europäische Zahlmeisterrolle – die ganze verschwitzte Aufregung gab es
nicht einmal 1992 bei dem Beschluss, eine europäische Währungsunion
einzuführen, die das Ende der D-Mark bringen sollte.(5)
Die Eurobonds – und ein Geheimnis
In dem Maße,
wie sich im Verlauf des Jahres 2009 der Zinsspread einstellte
und dehnte, entwickelte sich eine Diskussion um die sogenannten Eurobonds.
Frühzeitig in den politischen Raum getragen wurde der Vorschlag insbesondere
von Jean-Claude Juncker, dem Chef der Euro-Gruppe. Zuletzt erschienen die
Eurobonds geradezu als Wunderwaffe in der Finanzkrise, und Merkel und Sarkozy
hatten bei ihrem Treffen Mitte August alle Hände voll zu tun, sie von ihrer
Tagesordnung fernzuhalten.
Bei dem
Begriff »Eurobonds« handelt es sich keineswegs um ein klares Finanzierungsinstrument.
Es ist umgekehrt eher so, dass sich damit sehr unterschiedliche Konzepte
verbinden, und man muss schon genau hinsehen, um zu begreifen, wer was mit welchem
Ziel meint.
Relativ
einfach ist die Frage zu beantworten, welches Ziel mit den Eurobonds
verfolgt wird. Eurobonds sollen am Kapitalmarkt günstige Zinsen erzielen, möglichst
in der Nähe einer AAA-Bonität, also ohne Risikoprämie. Die über Eurobonds aufgenommenen
Mittel sollen dann an schlechter »geratete« Staaten
oder an Staaten, die überhaupt nicht mehr kreditwürdig sind, weitergegeben
werden, damit diese ihren Verpflichtungen nachkommen können. Das Klare und
Unstrittige von Eurobonds ist damit auch schon abgehandelt, es geht um günstige
Zinsen für Staaten mit beschädigter Bonität.
Jenseits der
Zielbestimmung von Eurobonds beginnen dann die Fragen. Zunächst stellt sich die
Frage nach der Schuldenagentur: Wer ist der Schuldner oder der Verwalter
der Titel? Die mir bekannten Vorschläge nennen alle die intergouvernementale
Gruppe der Euro-Staaten, dass die Kommission oder ein anderes supranationales
Gremium die Funktion übernimmt, wird nicht vorgeschlagen. Ist es die
Euro-Gruppe, dann wären zunächst die begünstigten Staaten, also etwa
Griechenland, in Abzug zu bringen. Die Staaten, die haften, täten dies in jedem
Falle gesamtschuldnerisch. Die nächste Frage zielt auf den spezifischen
Charakter dieses Boards, soll es eher technisch sein oder auch politisch.
Konkret: Soll das Board mit Auflagenkompetenz und allem, was dazugehört,
ausgestattet werden?
Eine weitere
Frage ist, wer in den »Genuss« der Eurobonds kommen soll, wer sind die Empfängerländer?
Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Gesamtheit der Euro-Staaten
nimmt die Eurobonds auf – so lautet mancher gut gemeinte Vorschlag – oder eben
nur die »Krisenstaaten«, die Wucherzinsen an den Kapitalmärkten zu zahlen
hätten, für die gegenwärtige Situation also Griechenland, Irland und Portugal.
Die Frage ist aber, warum sollte man dann beispielsweise Spanien und Italien,
die ja auch eine gewisse Risikoprämie zu entrichten haben, die Eurobonds verweigern?
Die
neoliberal-nationalistische Kritik an den Eurobonds hat eine qualitative
und eine quantitative Seite. Ordnungspolitisch-qualitativ wird erstens
beanstandet, dass der Anreiz zu sparsamem Haushalten verloren gehe, da die
Staaten ja an billiges Geld herankämen. Zweitens wird moniert, dass das
Haftungsband zerschnitten würde. Der eigentliche Schuldner wälze förmlich seine
Kosten auf den Intermediär, die Schuldenagentur, ab. Quantitativ errechnet man
zusätzliche Kosten für die soliden Länder, da sie nach der Einführung der
Eurobonds einen erhöhten Zins zu zahlen hätten, jedenfalls einen höheren Zins
als vor der Einführung. Das Münchner Ifo-Institut kommt in der geschwind zusammengestellten
Pressemitteilung auf 47 Milliarden Euro pro Jahr (vgl. ifo 2011).
Die auf reine
populistische Angstmache zielende Milchmädchenrechnung der Münchner
Marktradikalen geht dahin, dass sich der Zins für den erstklassigen Schuldner
Deutschland durch die Konstruktion der Eurobonds erhöhen würde und so durch
höhere Zinszahlungen in den nächsten Jahren 46 Milliarden Euro mehr an
Belastungen auf Deutschland zukämen. In diesen Rechnungen bleibt ausgeblendet,
dass ein EU-Euro-Schuldner schon aufgrund der Größe international
wahrscheinlich die höchste Bonitätsklasse erreichen würde, mithin
wahrscheinlich den niedrigsten Zins auf dem Kapitalmarkt erzielen würde.
Ansonsten kann man nur feststellen, dass solche Rechnungen nur der aufstellt,
der daran glaubt, dass auf den Finanzmärkten mit Rechenschiebern Zinsmargen
ermittelt werden.
Eine
Sondervariante in der Eurobonds-Debatte wurde von Delpla
und Weizsäcker (2010) eingeführt. Der Vorschlag versucht, Argumente der
Kritiker durch den Einbau von Solidität zu entkräften und dem Stabilitätspakt
mit seiner Schuldengrenze in gewisser Weise materielle Gestalt und eine
marktkonforme Anreizfunktion zu geben. Vorgesehen ist
die Emission von »Blue Bonds« und »Red Bonds«, wobei
die Blue-Bonds – günstig verzinst – die Schulden eines Landes bis zur Grenze
von 60 Prozent des BIPs ausmachen. Alles, was das Land jenseits dieser Grenze
am Kapitalmarkt an Kredit aufnimmt, wird zu Marktzinsen verzinst und nennt sich
Red Bonds. Damit soll ein Anreiz gegeben werden, die
Maastricht-Klausel einzuhalten. Perspektivisch wird den Eurobonds von seinen
»Erfindern« beigemessen, das Vermittlungsglied für den Übergang in eine Finanzunion
darzustellen.
Die Frage
ist, ob dieser Vorschlag für die aktuelle Griechenland-Krise nutzbar gemacht
werden kann. Griechenland wird in diesem Jahr auf eine Schuldenquote von 150 Prozent
des BIP kommen, sodass, wenn nach und nach an den Sekundärmärkten umgetauscht
würde, 90 Prozent Red Bonds bleiben, sodass nicht
viel gewonnen wäre. Das sehen die Verfasser ähnlich und räumen dann auch etwas
ein, was in der Debatte um die blauen und roten Schuldtitel meist vergessen
wird – es ist der Schuldenschnitt, den Griechenland zunächst vornehmen müsste,
um dann gleichsam bei Null noch einmal anzufangen.
Der Vorschlag taugt also nicht, um eine seriöse europäische Lösung für die
aktuelle Griechenland-Krise herbeizuführen.(6) Der Vorschlag ist vielmehr ein
Wechselbalg, der, wenn überhaupt, erst in der mittleren Frist eine Wirkung
hätte.
In der
Diskussion um die Eurobonds gilt es aber noch ein ganz anderes Geheimnis zu
lüften. Während die interessierte europäische Welt darüber konzeptionell
debattiert, ist ihr völlig entgangen, dass die Eurobonds längst in der Welt sind.
Hält man sich vor Augen, dass der Vorschlag primär darauf abzielt, an den
Kapitalmärkten günstige Zinsen für »down-geratete«
Länder zu erzielen, dann bedarf es der neuen Kreditfazilität nicht, da es
faktisch schon im Rettungsschirm eingelagerte, niedrigverzinsliche Fazilitäten
gibt. Wie das?
Wenn man die
einzelnen europäischen Beschlüsse genau durchgeht (vgl. Kasten), zeigt sich,
dass – eigentlich kaum versteckt, weil deutlich nachlesbar, aber von der
Öffentlichkeit kaum wahrgenommen – die Euro-Gruppe von der anfänglichen
närrischen Idee, Griechenland bei der Kreditversorgung mit Strafzinsen zu
malträtieren, nach und nach abgerückt ist. Ursprünglich, bei dem ersten
Griechenland-Paket (Mai 2010) verlangte man von den Griechen Zinsen, die zwar
deutlich unter den von Griechenland bei eigener Kreditaufnahme zu zahlenden
Zinsen am Kapitalmarkt lagen, aber ebenso deutlich über den Zinsen der
AAA-Länder. Bei dem zweiten Griechenland-Paket (März 2011) wurden die
Hilfskredite noch einmal verbilligt, näherten sich mithin den AAA-Ländern an.
Und beim dritten Griechenland-Paket (Juli 2011) schließlich war es so weit,
dass den Griechen Kredite vermittelt wurden, die so gut wie identisch waren mit
der Refinanzierung des EFSM, also fast den AAA-Länder-Zinsen entsprachen. Es
wurde also der Ansatz, einem taumelnden Land noch Strafzinsen aufzuerlegen,
fallen gelassen und wenigstens ein Stück weit auf wirksame Krisenbekämpfung
umgeschaltet.
Die
europäische Politik kann also die anschwellende Debatte um die Eurobonds gelassen
zur Kenntnis nehmen und sollte lediglich darüber beraten, bis zu welchem
Volumen der kommende Europäische Währungsfonds, der EMS, ausgestattet werden
sollte. Gegenwärtig liegt die Summe bei 750 Milliarden Euro, das ist eindeutig
zu wenig, wenn man daran denkt, dass Länder wie Spanien und Italien ihren Gang
zum Fonds auch noch antreten könnten. Romano Prodi hat in diesem Zusammenhang
eine Ausstattung von 3000 Milliarden Euro vorgeschlagen. Sicherzustellen wäre
in diesem Zusammenhang in jedem Falle, dass das Board auch auf dem
Sekundärmarkt tätig werden könnte. Auch der Einwand, dass mit den Eurobonds ein
falscher Anreizmechanismus gesetzt werden und die Schuldenmacherei und das Über-die-Verhältnisse-Leben munter
weiterginge, ist schlichter Unfug, da mit dem Einreichen des Antrags bei dem
Board gleich am Schalter die wirtschaftspolitische Souveränität des
betreffenden Landes abgegeben wird.
Auf dem Weg zu einem neuen
institutionellen Arrangement
Zum
gegenwärtigen Zeitpunkt haben sich die verschiedenen Entwicklungen sicher noch
nicht so gesetzt, dass man verlässliche Schlussfolgerungen ziehen und Prognosen
stellen kann. Das gilt sowohl im Hinblick auf das institutionelle
Neu-Arrangement in der Wirtschaftsintegration wie auch im Hinblick auf den
konkreten Fall Griechenland. Portugal und Irland scheinen die Rosskur besser
durchzustehen. Mit Blick auf Griechenland ist es ein Skandal ohnegleichen, ein
Kernland Europas so untergehen zu lassen. Die Verantwortung liegt mittlerweile
bei Europa, nicht mehr bei wirklichen oder vermeintlichen Fehlern der Griechen
in der Vergangenheit. Das Land taumelt ins Bodenlose, nachdem das BIP 2010 um 5
Prozent schrumpfte, werden für dieses Jahr noch einmal 6 Prozent Rückgang
angenommen, und es ist kein Ende abzusehen. Unter europäischer Aufsicht wurde
ein Land in den Modus des »failing state« manövriert.
Was das
Neu-Arrangement der Institutionen und institutionellen Regelungen angeht, zeigt
sich folgendes Zwischenresümee:
– Der No-bail-out-Artikel – ohnehin nicht, wie gesehen, ein Solitär
im EUV – ist infolge der Rettungsschirme für die drei Länder mindestens
vorübergehend suspendiert. Die Relativierung des prinzipiellen
Selbsthaftungsgebots wird auch bleiben, wenn ab 2013 der EMS seine Arbeit
aufnehmen wird. Er macht ja nur Sinn, wenn er als »Lender
of Last Resort« bei Notlagen
einspringt.
– Die EZB hat sich als lernende Institution zu
erkennen gegeben, als Zentralbank, die nicht nur der Währung, sondern auch der
Währungsunion verpflichtet ist und Probleme der Fiskalpolitik mit
bearbeitet. Allerdings hätten die Käufe auf dem Sekundärmarkt für Staatspapiere
durchaus umfangreicher ausfallen können. Der Blick auf die US-amerikanische Fed und deren Krisenpolitik hätte noch mehr Lerneffekte
erbracht. Der vorliegende EUV enthält diese Möglichkeit nicht, er müsste mit
einem entsprechenden Hinweis auf den Verantwortungsbereich »Währungsunion«
ergänzt werden.
– Ab 2013 treten zum bestehenden Institutionensystem weitere Institutionen und institutionelle
Regelungen: ein Europäischer Währungsfonds (EMS), ein reformierter Stabilitätspakt,
ein Euro-Plus-Pakt (EEP) zum Ausgleich makroökonomischer Ungleichgewichte, eine
Wirtschaftsregierung, (eventuell) eine Finanztransaktionssteuer, Schuldenbremsen
in nationalen Verfassungen. Auch in diesem Neu-Arrangement ist der oben angedeutete
deutsch-französische Kompromiss, wie er sich als roter Faden durch die europäischen
Verträge zieht, erkennbar.
– Im Hinblick auf die Eurobonds muss man
unterscheiden zwischen kurzfristigen Krisenbekämpfungsmaßnahmen und längerfristigen
Maßnahmen. Was die kurze Frist angeht, gibt es, wie gesehen, die Eurobonds
bereits, freilich nicht unter diesem Namen.(7) Den notleidenden Staaten werden
neuerdings keine Strafzinsen mehr aufgebrummt, sondern in der Nähe von AAA
liegende Zinsen gewährt, sodass der Kerngedanke der Eurobonds realisiert ist.
Ob in der langen Frist Eurobonds kommen, in welcher Form auch immer, erscheint
fraglich. Selbst dem europarechtlichen Laien müsste aber klar sein, dass dies
ohne Vertragsänderung, und zwar in den sehr tiefen Kernbereichen, nicht gehen
wird. Wenn in der Diskussion jetzt manchmal der Eindruck erweckt wird, die
Einführung der Eurobonds lasse sich flugs auf einem exekutiven Schnellweg
machen, dann trügt dies gewaltig. Ansonsten: Griechenland ist nicht mehr mit
Eurobonds zu helfen.
Eine Gesamtdeutung
der Ereignisse der letzten drei Jahre sollte, was Europa angeht, auf jeden Fall
die Entstehungsgeschichte des Maastrichter Vertrages beachten. Den Neoliberalen
(Wissenschaftlicher Beirat beim Bundeswirtschaftsminister) gefiel die
Konstellation einer Währungsunion ohne Wirtschaftsunion, wie oben angedeutet,
nicht nur wegen der »fernen Bank«, sondern auch wegen der Aussicht auf den
fiskalischen Wettbewerb. Dass es dann zunächst anders kam, muss sie für Jahre hinaus
vergrätzt haben. 2009 ergab sich dann doch noch eine
Chance. Die Zinsen bei der Kreditaufnahme europäischer Staaten liefen
auseinander, und im Verlauf des Jahres wurde nichts mehr dagegen getan. In den
Wahrnehmungen dieses Politikmodells war der Fall Griechenland nicht ein Unfall,
sondern der Paradefall für einen funktionierenden fiskalischen Wettbewerb. Die
deutsche Politik (und die französische?) tolerierte diese Entwicklung. Insofern
wurde hier nur ein Politikmodell umgesetzt, was die Sache jedenfalls besser
erklärt als die Metapher von den Finanzmärkten, die die Politik vor sich her
treiben. Also: Die Politik wurde nicht getrieben von den Finanzmärkten, sondern
umgekehrt: die Politik sandte Signale an die Finanzmärkte aus, damit diese der
gedachten Aufgabe des Disziplinierers von
unbotmäßigem Finanzgebaren gerecht würden. Die Entwicklung des Jahres 2009 war
auch keineswegs »naturnotwendig«. Wäre den Finanzmärkten weiter glaubhaft
versichert worden, dass die Gemeinschaft im Zweifelsfall reagieren würde, hätte
es die nachmaligen Zuspitzungen nicht gegeben. Es hätte ja nicht gleich
feierlich die »Bundesgarantie« ausgesprochen werden müssen. Dass die deutsche
Politik die hinzugekommenen Institutionen nicht herbeigesehnt hat, weil man
statt auf Institutionen lieber auf Regeln setzt, steht auf einem anderen Blatt.
Ein erster
Blick in die Zukunft fällt angesichts der grassierenden Dämonisierung des
Staatskredits und den unsäglichen Beschwörungen von konstitutionellen Schuldenbremsen
eher düster aus. Implizierten die Schuldenbremsen, dass sich der Staat auf eine
breitere Steuerbasis stellt, wäre dagegen ja gar nichts einzuwenden. Die
deutsche Lesart von Schuldenbremsen lautet aber Sparen. Hier haben die
Deutschen es immerhin geschafft, die Hegemonie in Europa zu gewinnen.(8) Das
verheißt nichts Gutes. Der Kontinent wird dann über viele Jahre hinaus in
Stagnation verharren, ohne Dynamik sein und als Block weltwirtschaftlich weiter
zurückfallen.
1
Wenn
jetzt den Griechen mit der Wiedereinführung der Drachme der Mund wässrig gemacht
wird, da man doch eine ganz wunderbare neue Souveränität habe, dann ist das
zutiefst verlogen, da die Abwertungsentscheidung als Kern der Souveränität im
Währungswettbewerb immer mit harten Anpassungsprozessen einhergeht.
2
Nach
Maastrichter Zählung war dies Art. 104 b. Dem Sinne nach: Weder die
Gemeinschaft noch ein Mitgliedstaat haftet für Verbindlichkeiten eines anderen
Staates.
3
Ebenfalls
nach Maastrichter Zählung war dies Art. 103 a (2): »Ist ein Mitgliedstaat
aufgrund außergewöhnlicher Ereignisse, die sich seiner Kontrolle entziehen, von
Schwierigkeiten betroffen oder von gravierenden Schwierigkeiten bedroht, so
kann der Rat einstimmig auf Vorschlag der Kommission beschließen, dem
betreffenden Mitgliedstaat unter bestimmten Bedingungen einen finanziellen
Beistand zu gewähren.« Auf diesem Artikel beruhten auch die ersten
Hilfsmaßnahmen für Griechenland. Es ging also alles mit rechten vertraglichen
Dingen zu.
4
Allerdings
kann nicht gesagt werden, dass das Überschreiten einer gewissen Grenze (100
oder 120) zu dem Misstrauen geführt hat. Eine solche Vorstellung hätte
erhebliche Erklärungsnot bei der japanischen Schuldenquote von 200 Prozent, die
durchaus kompatibel ist mit extrem niedrigen Zinssätzen auf den dortigen Kapitalmärkten.
5
Und
endlich wäre sie da – die seriöse Rechte, die nur noch in die Form einer Partei
gegossen werden müsste.
6
Zu
den fatalen Folgen eines griechischen Schuldenschnitts vgl. Horn/Lindner/Niechoj 2011.
7
Im
Falle einer weiteren Krisenverschärfung, etwa eines weiteren Anstiegs
spanischer und italienischer Kreditaufnahme in Wucherbereiche, müsste der EFSM
beziehungsweise später der EMS erheblich aufgestockt werden.
8
Über
den Euro-Plus-Pakt (EEP), der eigentlich die tiefer liegenden Probleme
bearbeiten könnte, die makroökonomischen Ungleichgewichte, wird kaum
gesprochen. Es ist auch nicht erkennbar, dass man in Deutschland in Hinblick
auf die Lohnstückkosten und die europäischen Disproportionen endlich eine deutlich
aktivere Einkommenspolitik verfolgt (vgl. Flassbeck/Spiecker 2011).
Literatur
Bernoth, K./Burcu, E.
(2010): »Zinsspreads auf europäische Anleihen:
Finanzmärkte verstärken Druck zu mehr Haushaltsdisziplin«, in: DIW-Wochenbericht
Nr. 51-52
De Grauwe, P./Moesen, W. (2009): »Gains for All: A Proposal for a Common
Euro Bond«, in: Intereconomics, May/June
Delpla, J./von Weizsäcker, J. (2010): »The Blue Bond
Proposal«, in: Bruegel Policy Brief Nr.
03
Deutsche
Bundesbank (2011 a): »Zu den Beschlüssen des Europäischen Rates zur künftigen
Vermeidung und Bewältigung von Staatsschuldenkrisen«, in: Monatsbericht
April
Deutsche
Bundesbank (2011 b): »Renditedifferenzen von Staatsanleihen im Euroraum«, in: Monatsbericht
Juni
Europäische
Zentralbank (2011 a): »Wesentliche Elemente der Reform der
wirtschaftspolitischen Steuerung im Euro-Währungsgebiet«, in: Monatsbericht
März
Europäische
Zentralbank (2011 b): »Der Europäische Stabilitätsmechanismus«, in: Monatsbericht
Juli
Flassbeck, H./Spiecker, F. (2011): »The Euro – a Story
of Misunderstanding«, in: Intereconomics
Horn,
G. A./Lindner, F./Niechoj, T. (2011):
»Schuldenschnitt für Griechenland – ein gefährlicher Irrweg für den Euroraum«,
in: IMK-Report, Nr. 63
Institut
für Wirtschaftsforschung (ifo) (2011): »Was kosten Eurobonds?«, Stellungnahme
des ifo-Instituts vom 17.8.2011, Pressemitteilung
Polster,
W. (2002): Europäische Währungsintegration. Von der Zahlungsunion zur
Währungsunion, Marburg
Quatremer, J. (2011): Februar 2009: »Berlin überzeugt
als ›Finanzmarktflüsterer‹«
(http://www.arte.tv/de/3568456CmC=3562404.html)
Rat
der Europäischen Union (2011): »Erklärung der Staats- und Regierungschefs des
Euro-Währungsgebietes und der EU-Organe«, 21. Juli 2011