Herbert Hönigsberger
Wissenschaft in
Zeiten der Ratlosigkeit
Das Gipfeltreffen der Ökonomen und ein
kontroverser Krisendiskurs
Ein Gipfeltreffen: 17 der 39 lebenden
Ökonomie-Nobelpreisträger trafen sich in Lindau mit 400 jungen Ökonomen und 100
Journalisten. Krisenschlagzeilen-geil die Medien, Forschungsbreite bei den
Wissenschaftlern. An die Stelle der 08/15-Figuren der ökonomischen Neoklassik
setzen sich längst kontroverse Fachdebatten und unterschiedliche Rezepturen.
Die Kakophonie der Experten lehrt, dass der Raum für Entscheidungen der Politik
vorbehalten bleibt. Blendet diese jedoch wissenschaftliche Erkenntnisse aus, verfehlt
sie ihre Aufgaben.
Es gibt da diese Karikatur. Ein Arzt
sitzt mit düster-melancholischer Miene
und leerem, ins Nirgendwo schweifendem Blick vor einem Haufen Todesanzeigen. So
ungefähr muss es der Zunft der Ökonomen gehen, wenn sie die täglichen
Medienschlagzeilen über den Zustand der globalen Wirtschaft liest. Nicht, dass
sich der Arzt nicht auch an Heilungen erinnern kann. Aber ins Grübeln kommt er
schon. Das muss unweigerlich auch die ökonomische Wissenschaft als Ganze und
jeder einzelne Ökonom, der die Rede von einer Verantwortung der Wissenschaft
gegenüber der Gesellschaft und des Wissenschaftlers gegenüber seiner Profession
auch nur halbwegs ernst nimmt.
Die
Erwartung, der ökonomischen Wissenschaft beim Grübeln über sich, die Krise, den
eigenen Beitrag zu deren Ursachen, Erklärung, Lösung zuhören zu können, hat im
August weit über 100 Journalisten aus aller Herren Länder zum 4. Meeting der
Träger des Preises für Wirtschaftswissenschaften der Schwedischen Reichsbank im
Gedenken an Alfred Nobel – kurz und bündig der Nobelpreis für Ökonomie – im
August nach Lindau gelockt. Mehr als doppelt so viele waren es als bei der 3. Tagung
2008. Es liegt ja auch nahe: Wo und von wem sollte man mehr zur Lage der Dinge
in der globalen Ökonomie erfahren können als von den 17 der 39 noch lebenden
ausgezeichneten Spitzenkräften der ökonomischen Wissenschaft, die diesmal gekommen
waren. Wie die Laureaten mit einer massiven Herausforderung ihrer Wissenschaft
umgehen, kann als prototypisch für die ganze Wissenschaft gelten, liefert ihr
aber auch Orientierung. Lindau ist zugleich ein Exempel, wie eine verunsicherte
Gesellschaft, ihre Medien, ihre Wissenschaft, ihre Politik mit der Krise ihrer
Ökonomie umgehen.
Dabei schien
die Tagung 2011 auf den ersten Blick merkwürdig aus der Zeit gefallen. Ihr
Konzept folgt dem Bild des idealen Diskurses zwischen Lehrern und Schülern. Sie
kommt dem Ideal so nahe, wie dies in vier Tagen unter Medienansturm und mit
über 400 Teilnehmern möglich ist. Es ist eine Veranstaltung, die einen schönen
Ort in einen Genius Loci zu transformieren sucht, Beschaulichkeit als Ambiente
für gründliche Beschau der ökonomischen Wissenschaft nutzt, eine Agora der
Neuzeit. Der Medienansturm aber konfrontierte die Preisträger, die Veranstalter
und die jungen Wissenschaftler mit den drängenden Erwartungen einer verwirrten,
nach Aufklärung in einer kritischen Phase gesellschaftlicher Entwicklung
lechzenden Öffentlichkeit. Das mediale Interesse mit seiner
aktualitätsgetriebenen Fokussierung auf Krise, Euro, Rettungsschirm und
Griechenland prallte auf die durchaus weltoffene Selbstbezogenheit der
angelsächsischen Matadore der Disziplin, die ihre Forschung knapp 400
ausgesuchten jungen Wissenschaftlern präsentieren wollten, auf denen die
Hoffnungen des Faches ruhen. Die konträren Interessenlagen produzierten
gewissermaßen zwei Veranstaltungen – und unterschiedliche Wahrnehmungen.
»Die Welt
erlebt die tiefste Krise seit der Großen Depression und die Nobelpreisträger
tun sich mit Antworten schwer«, beschwert sich das Handelsblatt – ein
Sponsor der Veranstaltung - und nannte die Meinungsunterschiede der
Nobelpreisträger »erschütternd«. Ratlosigkeit einerseits, Dissens andererseits
wurde den Nobelpreisträgern attestiert oder gar Desinteresse an der Klärung von
Fragen, die die Öffentlichkeit verstörten. Herhalten konnte dazu Peter A.
Diamonds (2010) offene Aussage »Ich studiere nicht Tag für Tag den Verlauf der
Kennziffern, weil es viel Zeit kostet. Ich realisiere, dass es eine große
Gefahr gibt, kann aber keine Vorhersage treffen.«(1)
Tatsächlich haben sich die preisgekrönten Senioren, gesundheitlich nicht mehr
alle in bester Verfassung, höchst geduldig allen medialen Anmutungen gestellt.
Und die Antworten der Spitzenkräfte des weltweiten ökonomischen Diskurses auf
die bangen Fragen einer verunsicherten und ratlosen Gesellschaft waren
überwiegend nachdenklich, tastend, prüfend, auch vorsichtig. Teile der medialen
Resonanz reproduzierten dagegen ein verbreitetes Missverständnissen über Rolle,
Funktion und Verantwortung einer sozialen Leitwissenschaft wie der Ökonomie.
Denn zum Erstaunen flotter Jungjournalisten wägen gesetzte Wissenschaftler ihre
Aussagen, rekurrieren auf Forschung, auf Daten. Spitzenforscher lassen sich
durch den hektischen Betrieb in Politik und Medien nicht einfach funktionalisieren,
sie münzen wissenschaftliche Zweifel und Unsicherheiten in Zurückhaltung um.
Sie lassen sich weder zu vorschnellen Antworten drängen noch wie Minister und
Leitartikler dazu, Gewissheiten vortäuschen, wo keine sein können. Und erlauben
es sich im Gegensatz zu gehetzten Politikern, im Zweifelsfall Unwissenheit
einzugestehen.
Löst man sich vom tagesgeschäftigen
medialen Verwertungsinteresse,
dann liefert das Lindauer Meeting erhellende Hinweise für eine Orts- und
Trendbestimmung der internationalen ökonomischen Diskussion. In vier Tagen ist
mehr über Produktion und Selbstverständnis von Wissenschaft, ihr Verhältnis zur
gesellschaftlichen Realität und zur Politik in Erfahrung zu bringen als an
vielen Hochschulen während eines ganzen Studiums. Wissenschaftler, zumal auf
diesem Level, beharren auf ihrer Unabhängigkeit, ihrer wissenschaftlichen
Souveränität und auch ihrer Sonderstellung. Und doch lassen sich Scheidelinien
rekonstruieren, Ansätze von Lagern, Positionierungen, in denen auch unabhängig
von wissenschaftlichen Auffassungen und theoretischen Vorlieben politische
Neigungen mitschwingen. Bei allen großen Fragen scheiden sich die großen Geister.
Die Debatte auf dem Schlusspodium über Krisenursachen erzeugte in der Medienrezeption
Unsicherheit, ob sich die Wissenschaftler über die Ursachen der Krise, vom
billigen Geld über die Subprimes bis hin zu falschen Anreizen auf den
Finanzmärkten nun einig gewesen seien oder nicht.
Auf demselben
Podium wurde die These vorgetragen, genügend aus früheren Krisen bekannte
Vorzeichen seien beobachtbar gewesen, aber nicht ernst genommen oder
ausgeblendet worden. Ihr stand die These gegenüber, die Krise sei etwas
wesentlich Neues. Stiglitz wurde nicht müde, der
Wissenschaft prognostisches Versagen vorzuwerfen. Bereits 2008 hatte das
Lindauer Forum die Banken zwar massiv kritisiert, aber den Zusammenbruch von
Lehman drei Wochen später und die Krisenabfolge nicht vorhergesehen. »Die
wichtigste Aufgabe der makroökonomischen Modelle ist aber die Vorhersage genau
solcher Ereignisse. Und das ist nicht geschehen«, donnerte er. Und erzeugte
große Heiterkeit mit dem Hinweis, in den ökonomischen Modellen, mit denen die
Weltbank und der IWF arbeiten, gäbe es keine Kreditklemme.
Sein
Landsmann Roger B. Myerson (2007) dagegen, mochte in
diese massive Selbstkritik nicht einstimmen. Die wirtschaftswissenschaftlichen
Erkenntnisse hätten vielmehr der Welt in den Jahrzehnten seit der großen
Depression große Dienste erwiesen: »Wir haben seit 1929 sehr viel dazugelernt.« Die Wirtschaftswissenschaften hätten zum Allgemeinwohl
»einen ernormen Beitrag geleistet, die
makroökonomische Politik, das antizyklische Verhalten der Zentralbanken« meinte
auch der Israeli Aumann. »All das Gerede, dass Ökonomen die derzeitige Krise
mit verursacht haben, ist einfach Unsinn.« Und Mundell pflichtet bei. »Viele Themen in der Ökonomie sind
esoterisch und hochmathematisch geworden. Aber generell hat sich die Disziplin
enorm entwickelt.« Etwas skeptischer Phelps: »Es wurde
in den vergangenen 20 Jahren nicht genug kreative Arbeit geleistet. Wir
brauchen eine Menge an Grundlagenarbeit, um die derzeitigen Probleme besser zu
verstehen.« Wie in Verteidiger und Kritiker der
eigenen Disziplin zerfällt die erlesene scientific
community auch in Optimisten und Pessimisten, die
mehr oder wenig zuversichtlich auf die wirtschaftliche Entwicklung blicken.
»Der Wohlstand in der westlichen Welt ist unglaublich und in weiten Teilen der
östlichen Welt auch. Es gab noch nie über einen so langen Zeitraum eine Periode
der Prosperität seit dem Zweiten Weltkrieg. Natürlich gibt es zurückliegende
Länder, etwa in der Sub-Sahara in Afrika oder Nordkorea. Aber im Großen und
Ganzen geht es uns gut«, so Aumann. Mundell sieht
eine »Abschwungsphase, die allerdings eine
Wachstumspause in der Erholungsphase ist.« Aber es
werde nicht zu ernst werden. Skeptischer wieder Phelps. »Es gibt viel Ungewissheit.
Die Probleme sind tief greifend. In den USA ist das Steuerproblem nicht gelöst.
Europa ist in einer schrecklichen Verfassung durch fehlende Strukturen und
Haushaltsdefizite.« Auch Stiglitz
beunruhigt das europäische Strukturproblem und die komplexen Entscheidungsprozesse
zwischen unabhängigen Regierungen, außerdem eine beträchtliche »Gefahr, dass
die USA ein Double-Dip-Szenario erleben« könne. Die europäische Währungsunion
wieder aufzulösen werde gerade auch für Deutschland schwierig und teuer. »Es
ist ziemlich schwer, aus einem Rührei wieder die einzelnen Eier herauszuholen.« Das Überleben des Euros sei mehr eine politische als eine
ökonomische Frage, eine Frage der Entschlossenheit der Politiker und
insbesondere der deutschen Regierung, den Euro zu retten. Und so oder so,
Deutschland werde zahlen müssen. Die Frage, ob unser Wirtschaftssystem am Ende
sei, beantwortete Stiglitz mit »Nicht unbedingt«.
Aber es bestehe die massive Gefahr, dass die Krise weiter verschleppt und nicht
gelöst wird.
Entsprechend differenziert fiel auch
das Potpourri der Rezepturen aus.
Wegen der kritischen Lage in Europa brauche man einen »Europa-Finanzminister,
der mit rechtlichen Vollmachten ausgestattet ist und in den Einzelstaaten die
Haushaltsdisziplin überwacht« (Mundell) beziehungsweise
eine »Neugestaltung der Eurozone mit einem Bestrafungsmechanismus« (Phelps).
»Griechenland sollte die Möglichkeit haben, auch scheitern zu dürfen. Sie
sollten die Schulden zurückzahlen, die sie meinen, zahlen zu können. Und
weitere Schulden nicht« (Aumann). »Haushaltskonsolidierung nur schrittweise«,
»Subventionierung von Niedriglohngruppen«, »radikale Absenkung der Besteuerung
von Unternehmensgewinnen« wegen des Wettbewerbs mit Asien sind Ratschläge von
Phelps, »Steuern auf die unternehmerischen Gewinne senken«, rät auch Mundell. »Große Investitionen in die Infrastruktur«, für
die »kurzfristig die Erhöhung der Schuldenlast« in Kauf zu nehmen sei,
präferiert Diamond. Stiglitz hat in zahlreichen
Interviews und Vorträgen in Umrissen das detaillierteste Programm entworfen:
Zentralbanken sollen sich nicht nur um die Inflation kümmern, sondern auch um
die Stabilität des Finanzsektors. Zinsen können niedrig gehalten werden, da
keine Inflationsgefahr besteht. Sparen hilft nicht, Schuldenbremsen sind je
rigider, desto falscher. Steuern für Firmen, die viel investieren, sollten
gesenkt und für Firmen erhöht werden, die wenig investieren. Das Geld aus
Steuererhöhungen für Reiche kann investiert oder damit die Mehrwertsteuer
gesenkt werden, um den Konsum zu stützen. Kapitalverkehrskontrollen seien
sinnvoll, eine Spekulationssteuer könne bereits durch wenige große Länder eingeführt
werden (Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien). Stiglitz
regt auch Euro-Bonds an, alternativ den Stabilitätsfonds EFSF mit mehr Geld auszustatten
sowie ihm zu ermöglichen, sich direkt bei der EZB zu verschulden, außerdem eine
bessere Abstimmung in der Fiskalpolitik, aber nicht unbedingt einen gemeinsamen
Finanzminister, der nur bei einem gemeinsamen Steuersystem Sinn mache. Weitere
Vorschläge sind mehr Eigenkapital für Banken, Kredite an kleine Firmen stärker
zu bezuschussen, gegebenenfalls auch Rettung kleiner Banken, die nicht
systemrelevant für das Finanzsystem sind, aber für die Kreditvergabe an kleine
und mittelgroße Firmen. Schließlich plädiert Stiglitz
für mehr Wachstum im Gesundheitssektor, in Bildung und Kultur sowie ein grünes
Wirtschaftswachstum durch höhere Preise für den CO2-Ausstoß. Aus der
Krise ziehen die Preisträger auf Basis ihrer unterschiedlichen
Forschungsansätze teils konträre, teils analoge Schlussfolgerungen. Aber eine
Gemeinsamkeit scheint zu sein, dass pragmatische Ansätze präferiert und
dogmatische Positionen zurückgedrängt werden. Mitte-links-Regierungen
jedenfalls können aus den diversen Statements der ausgezeichneten Ökonomen
allemal ihr Wirtschaftsprogramm herauslesen respektive ihre Auffassungen mit
höheren wissenschaftlichen Weihen versehen.
Jenseits des kontroversen
Krisendiskurses vertiefen sich die Zweifel an der Rationalität der Märkte, an der Existenz der unsichtbaren Hand
oder des rational entscheidenden Homo oeconomicus.
Die Modellbildung wird komplexer und nähert sich Schritt für Schritt der
Realität an. Die Beerdigungsprozession des Homo oeconomicus
wird länger. »Den Homo oeconomicus kann man nur noch
für ganz einfache Entscheidungen aufrechterhalten«, so der einzige deutsche
Nobelpreisträger, der 81-jährige Reinhard Selten (1994). Er experimentiert
deshalb mit Modellen, die in Entscheidungsprozesse realitätsnahe
Zielfindungsprozesse und multiple Ziele einbauen. Mit dem Kalauer »Die unsichtbare
Hand des Marktes ist vermutlich deshalb unsichtbar, weil es sie nicht gibt«
produziert Stiglitz dann einen der großen Lacher der
Veranstaltung. Schlimm sei, dass es immer noch viele Ökonomen gebe, die auch
heute noch an den alten Dogmen festhielten. »Die entscheidende Lehre aus der
Finanzkrise muss lauten: Unregulierte Märkte sind
alleine gelassen nicht effizient.« Viele Kollegen
hätten das immer noch nicht begriffen. »Das Bedürfnis nach einer neuen Form
ökonomischen Denkens ist drängender denn je.«
Stiglitz muss Prescott gemeint haben, der auch
nach drei Jahren schwerer Krise überzeugt ist, Rezessionen seien die beste
Reaktion von Verbrauchern und Unternehmen auf externe Schocks, die Regierung
sollte sich nicht einmischen. Die Preisträger 2010 haben mittels ihrer Theorie
defizitärer Märkte das Modell der »gleichgewichtigen Arbeitslosigkeit«
entwickelt, das die Prozesse auf dem Arbeitsmarkt realistischer als andere
beschreibt. Suchprozesse auf dem Arbeitsmarkt sind voller Hindernisse, die dazu
führen, dass arbeitslose Arbeitnehmer und Arbeitsangebote selbst innerhalb eng
definierter Arbeitsmarktsegmente nebeneinander existieren. Und George A. Akerlof (2001) berichtete über seine Forschung, die endlich
soziale Kontexte in Modelle einbezieht, die zu erklären suchen, warum Menschen
bestimmte ökonomische Entscheidungen treffen. Die Podiumsdiskussion zur
Verhaltensökonomie vereinigte allein sechs Preisträger.
In Lindau hat
sich 2011eine Disziplin präsentiert, die in den drei Krisenjahren unter
Rechtfertigungsdruck geraten ist. Man merkt das auch Laureaten an. Sieben von
ihnen trugen sogar politische Verantwortung, denn sie waren hochrangige Berater
in nationalen und internationalen Institutionen, wenn auch meist lange vor ihrer
Auszeichnung. Die Krise stellt sowohl die persönliche Reputation von
Wissenschaftlern als auch die Reputation der wissenschaftlichen Community auf
die Probe. Sie hat die Ökonomie als Wissenschaft auf Normalmaß zurechtgestutzt
– auch sie irrt. Und sie braucht ihre Zeit, um die jüngst vergangene
Wirklichkeit überhaupt verstehen und erklären zu können. Sie bleibt als eine
Leitwissenschaft der Politikberatung, die Lehren aus der Vergangenheit zieht,
für die Gestaltung künftiger Wirklichkeit unverzichtbar, aber immer auch nur bedingt
hilfreich. Denn sie ist strukturell in Zeitverzug. Zehn Jahre würde es dauern,
bis die Krise wissenschaftlich aufgearbeitet werden könne, hieß es, Zeit genug
für zwei weitere Krisen. Nachdenken dauert. 2008 stand in Lindau die Auseinandersetzung
mit den Grenzen der Disziplin im Vordergrund, dominierte ein umstürzlerischer
Gestus, dem die Lust anzumerken war, Theoriegebäude ins Wanken zu bringen. 2011
wird auch betont, was der Welt erspart geblieben ist, weil Wissenschaft und Politik
aus den Krisen der 1920er-Jahre gelernt hätten. Theoretische Gewissheiten zu
überprüfen und falls notwendig zu revidieren, ist die Kernsubstanz des
wissenschaftlichen Prozesses. Aber das Spielerische an der Zertrümmerung von
Theorien, die noch 2008 spürbar war, ist harter Notwendigkeit und Dringlichkeit
gewichen. Immer wieder verwiesen die Promotoren des Fortschritts an der Spitze
der wissenschaftlichen Pyramide auf den Erkenntnisschub, den die große
Depression ab 1929 ausgelöst hat. Nur zu vertraut war ihnen daher, dass die von
den Krisenturbulenzen gebeutelte Gesellschaft erwartet, ein Ereignis, das von
den gängigen Theorien und Modellen so wenig vorhergesehen wurde wie die Krisenabfolge
seit 2008, müsse nachhaltige Folgen für die Wissenschaft haben. Immer wieder
appellierten sie an die jungen Forscher, diesen Erwartungen durch
Forschungsanstrengungen gerecht zu werden.
Lindau ist eine bedeutende Plattform
für den internationalen Wissenschaftsdialog und damit ein Schaufenster des Wissenschaftsstandortes
Deutschland«, so das Kuratorium für die Tagungen der Nobelpreisträger in
Lindau. Umso unangemessener erscheint der Umgang der Politik mit dem Meeting.
Zwar hielten Bundespräsident und Finanzminister Reden, repräsentierten
kurzeitig bayerische und baden-württembergische Landesminister. Aber nur ein
einziger Bundestagsabgeordneter hat Lindau als Weiterbildungschance genutzt.
Und das auch nur zufällig. Tobias Lindner von den Grünen war von seinem
Doktorvater an der TU Karlsruhe als young researcher vorgeschlagen worden und zählte zu den
Glücklichen, die aus Tausenden von Bewerbern ausgewählt wurden. MdB ist er erst
seit Juni 2011, als Nachrücker. Die Absenz seiner Kollegen mutet umso kurioser
an, als die Veranstalter nach eigener Auskunft den Fraktionen jeweils zwei
Gästeplätze angeboten haben. Schneller, intensiver und gehaltvoller können sich
MdB oder die Wirtschaftsreferenten der Fraktionen kaum auf den Stand der
internationalen wirtschaftswissenschaftlichen Debatte bringen. Und so viele
Gelegenheiten bekommen sie nicht, an globalen Netzwerken junger Wissenschaftler
teilzuhaben, die die Zukunft der ökonomischen Forschung mitbestimmen werden.
Was denken,
was tun, wenn die Spitzen der Wissenschaft kontrovers diskutieren? Was folgt
aus der Kakophonie der Experten? Wer liefert Halt und Orientierung? Wenn Nobelpreisträger
gegen Nobelpreisträger steht? Das Dilemma ist mittels Wissenschaft nicht
aufzulösen. Denn es gibt im wissenschaftlichen Diskurs keine höhere Instanz,
die zu Rate gezogen werden oder Legitimation liefern könnte als die Laureaten.
Ihre Kompetenz kann diskursiv bezweifelt werden, aber eben nicht mit Rückgriff
auf höhere wissenschaftliche Autorität. Doch handelt es sich um ein Dilemma nur
auf den ersten Blick, zudem mit einem paradoxen Ausweg. Denn je intensiver der
Streit in der Wissenschaft, desto höher intellektuelle Autonomie und
Souveränität der Politik. Die wissenschaftliche Kontroverse erweitert den Raum
für Entscheidungen auf einer Grundlage, die der Politik vorbehalten bleibt:
Entscheidungen auf normativer Basis, auf Grundlage von Überzeugungen,
interessenorientiert, wertorientiert – allerdings informiert. Denn blendet die
Politik wissenschaftliche Erkenntnisse aus, sinkt der Grad ihrer Informiertheit
rapide. Nimmt die Politik nur die wissenschaftlichen Erkenntnisse wahr, die
sich mit den eigenen Überzeugungen decken, ist sie einseitig informiert. Erst
wenn die Politik den wissenschaftlichen Diskurs samt seiner Kontroversen zur
Kenntnis nimmt und verarbeitet, ist sie wirklich informiert. Aber ökonomische
Forschungsergebnisse sind nicht eins zu eins in Politik übersetzbar. Wenn sich
die Nobelpreisträger in Lindau den Journalistenfragen stellen, wechseln sie die
Rolle und werden in die Position von Politikberatern gedrängt. Dann
komprimieren sie ihre ausgewiesenen Forschungsergebnisse und verbinden sie mit
Überzeugungen. Genau das macht Politik. Genau das sollte gute Politik in der
Krise mehr tun denn je. Wenig, was von deutscher Politik derzeit zu Krise, Euro
und Griechenland zu hören ist, lässt allerdings eine solche aufgeklärte,
rationale Koppelung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Überzeugungen und
Werthaltungen erkennen.
1
Quellen:
Berner Zeitung, FAZ, Financial Times, Handelsblatt,
heute.de, Pressestelle Kuratorium für die Tagungen der Nobelpreisträger
in Lindau, eigene Interviews und Mitschnitte.
Kasten:
Zwei Diskurse
In 17 Einzelvorträgen der
Nobelpreisträger, vier Podiumsdiskussionen, drei parallelen Diskussionsrunden – closed
shops mit den Laureaten und jungen Wissenschaftlern
– und zwei »Wissenschaftlichen Frühstücken« wurde auf dem 4. Lindauer Treffen
der Nobelpreisträger für Ökonomie vom 23. bis 27. August 2011 eine tour d’horizon der zeitgenössischen ökonomischen Forschung
präsentiert.
Einige
Preisträger dokumentierten mit Vorträgen über die »Ökonomie des Ruhestands«
(William F. Sharpe, Preisträger 1990), »Armut, Ungleichheit und Ernährung«
(James A. Mirrlees, 1996) oder »Regulierung des
Markts für Krankenversicherungen« (Daniel. L. McFadden,
2000), dass es jenseits von Euro und Krise auch noch andere Forschungsbereiche
von gesellschaftlicher Bedeutung gibt. Andere widmeten sich Theoriefragen,
stellten vor, was »Aktueller Stand der ›Aggregate Economics‹« ist (Edward C.
Prescott, 2004) oder präsentierten »Eine Herausforderung des Nash-Gleichgewichts:
rationale Erwartungen in Spielen« (Robert J. Aumann, 2005). Der Senior der
Tagung, der 82-jährige John F. Nash Jr. selbst (1994), referierte über »Das
ideale Geld, Sparen und Sparsamkeit«.
Die Medien
dagegen produzierten Schlagzeilen wie »US-Ökonom fordert von EZB billigeres
Geld« (Handelsblatt), »Rezessionsgefahr ›beträchtlich‹: Stiglitz fordert neues US-Konjunkturprogramm« (ftd), »Nobelpreisträger rechnen mit den Banken ab« (Welt),
»Wulff rechnet mit Euro-Rettern ab« (SZ), »Kritik an der EZB: Wulffs
Einwürfe lassen Nobelpreisträger kalt« (ftd),
»Deutschland muss mehr Schulden machen« (FAZ). Die Nobelpreisträger
diskutierten auf Podien zu »Nachhaltigkeit in den internationalen Wirtschaftswissenschaften«,
»Demografischer Wandel, Ökonomie und Politik« oder »Verhaltensökonomie«, und
die Veranstalter räumten den Preisträgern 2010 (Diamond, Mortensen,
Pissarides), die für ihre Analysen von Märkten mit
Suchfriktionen ausgezeichnet wurden, und damit dem Thema Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit
und Zukunft der Arbeit breiten Raum ein. »Ökonomie-Krisengipfel in Lindau«,
titulierte dagegen das Handelsblatt die Veranstaltung, eine zuspitzende
Verengung, zu der immerhin das Schlusspodium »Von der Finanzkrise zur
Schuldenkrise – Finanzmärkte, Geldpolitik und Staatsschulden« Anlass bot. Den
Nerv der Zeit traf Robert A. Mundell (1999), der theoretische
Vater des Euro, mit seinem Vortrag »Währungskriege, Euromania
und der Preis des Goldes«. Er forderte ein neues Weltwährungssystem, in dem
Dollar, Euro und die chinesische Währung durch feste Wechselkurse aneinander
gekoppelt sind. »Eine globale Wirtschaft braucht eine globale Währung.« Auch
sei nicht der Euro das Problem. Vielmehr sei immer schon klar gewesen, dass
eine Währungsunion eine politische Union benötige. Der Superstar des Events,
Joseph E. Stiglitz (2001), rüttelte mit seinem
Beitrag »Für eine Wirtschaftswissenschaft, die etwas leistet. Krise, Ansteckung
und warum wir ein neues Paradigma brauchen« an den Grundfesten. Unter ging
dagegen die Einlassung von Edmund S. Phelps (2006) »Transformation korporatistischer Ökonomien des Westens und im Nahen
Osten«. Phelps, der in den Neunzigerjahren an den Reformen in Russland
mitgewirkt hatte, präsentierte – abgesehen von einem in Deutschland seltsam
anmutenden Begriff von Korporatismus – den unter anderen anwesenden ägyptischen
Journalisten das Programm der Umwandlung einer von Clans, Bürokratie und
Militär dominierten Staatswirtschaft in eine Marktwirtschaft mittelständischer
Unternehmen.
Herbert Hönigsberger