Herbert Hönigsberger

 

Wissenschaft in Zeiten der Ratlosigkeit

 

Das Gipfeltreffen der Ökonomen und ein kontroverser Krisendiskurs

 

 

 

Ein Gipfeltreffen: 17 der 39 lebenden Ökonomie-Nobelpreisträger trafen sich in Lindau mit 400 jungen Ökonomen und 100 Journalisten. Krisenschlagzeilen-geil die Medien, Forschungsbreite bei den Wissenschaftlern. An die Stelle der 08/15-Figuren der ökonomischen Neoklassik setzen sich längst kontroverse Fachdebatten und unterschiedliche Rezepturen. Die Kakophonie der Experten lehrt, dass der Raum für Entscheidungen der Politik vorbehalten bleibt. Blendet diese jedoch wissenschaftliche Erkenntnisse aus, verfehlt sie ihre Aufgaben.

 

Es gibt da diese Karikatur. Ein Arzt sitzt mit düster-melancholischer Miene und leerem, ins Nirgendwo schweifendem Blick vor einem Haufen Todesanzeigen. So ungefähr muss es der Zunft der Ökonomen gehen, wenn sie die täglichen Medienschlagzeilen über den Zustand der globalen Wirtschaft liest. Nicht, dass sich der Arzt nicht auch an Heilungen erinnern kann. Aber ins Grübeln kommt er schon. Das muss unweigerlich auch die ökonomische Wissenschaft als Ganze und jeder einzelne Ökonom, der die Rede von einer Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft und des Wissenschaftlers gegenüber seiner Profession auch nur halbwegs ernst nimmt.

Die Erwartung, der ökonomischen Wissenschaft beim Grübeln über sich, die Krise, den eigenen Beitrag zu deren Ursachen, Erklärung, Lösung zuhören zu können, hat im August weit über 100 Journalisten aus aller Herren Länder zum 4. Meeting der Träger des Preises für Wirtschaftswissenschaften der Schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel – kurz und bündig der Nobelpreis für Ökonomie – im August nach Lindau gelockt. Mehr als doppelt so viele waren es als bei der 3. Tagung 2008. Es liegt ja auch nahe: Wo und von wem sollte man mehr zur Lage der Dinge in der globalen Ökonomie erfahren können als von den 17 der 39 noch lebenden ausgezeichneten Spitzenkräften der ökonomischen Wissenschaft, die diesmal gekommen waren. Wie die Laureaten mit einer massiven Herausforderung ihrer Wissenschaft umgehen, kann als prototypisch für die ganze Wissenschaft gelten, liefert ihr aber auch Orientierung. Lindau ist zugleich ein Exempel, wie eine verunsicherte Gesellschaft, ihre Medien, ihre Wissenschaft, ihre Politik mit der Krise ihrer Ökonomie umgehen.

Dabei schien die Tagung 2011 auf den ersten Blick merkwürdig aus der Zeit gefallen. Ihr Konzept folgt dem Bild des idealen Diskurses zwischen Lehrern und Schülern. Sie kommt dem Ideal so nahe, wie dies in vier Tagen unter Medienansturm und mit über 400 Teilnehmern möglich ist. Es ist eine Veranstaltung, die einen schönen Ort in einen Genius Loci zu transformieren sucht, Beschaulichkeit als Ambiente für gründliche Beschau der ökonomischen Wissenschaft nutzt, eine Agora der Neuzeit. Der Medienansturm aber konfrontierte die Preisträger, die Veranstalter und die jungen Wissenschaftler mit den drängenden Erwartungen einer verwirrten, nach Aufklärung in einer kritischen Phase gesellschaftlicher Entwicklung lechzenden Öffentlichkeit. Das mediale Interesse mit seiner aktualitätsgetriebenen Fokussierung auf Krise, Euro, Rettungsschirm und Griechenland prallte auf die durchaus weltoffene Selbstbezogenheit der angelsächsischen Matadore der Disziplin, die ihre Forschung knapp 400 ausgesuchten jungen Wissenschaftlern präsentieren wollten, auf denen die Hoffnungen des Faches ruhen. Die konträren Interessenlagen produzierten gewissermaßen zwei Veranstaltungen – und unterschiedliche Wahrnehmungen.

»Die Welt erlebt die tiefste Krise seit der Großen Depression und die Nobelpreisträger tun sich mit Antworten schwer«, beschwert sich das Handelsblatt – ein Sponsor der Veranstaltung - und nannte die Meinungsunterschiede der Nobelpreisträger »erschütternd«. Ratlosigkeit einerseits, Dissens andererseits wurde den Nobelpreisträgern attestiert oder gar Desinteresse an der Klärung von Fragen, die die Öffentlichkeit verstörten. Herhalten konnte dazu Peter A. Diamonds (2010) offene Aussage »Ich studiere nicht Tag für Tag den Verlauf der Kennziffern, weil es viel Zeit kostet. Ich realisiere, dass es eine große Gefahr gibt, kann aber keine Vorhersage treffen(1) Tatsächlich haben sich die preisgekrönten Senioren, gesundheitlich nicht mehr alle in bester Verfassung, höchst geduldig allen medialen Anmutungen gestellt. Und die Antworten der Spitzenkräfte des weltweiten ökonomischen Diskurses auf die bangen Fragen einer verunsicherten und ratlosen Gesellschaft waren überwiegend nachdenklich, tastend, prüfend, auch vorsichtig. Teile der medialen Resonanz reproduzierten dagegen ein verbreitetes Missverständnissen über Rolle, Funktion und Verantwortung einer sozialen Leitwissenschaft wie der Ökonomie. Denn zum Erstaunen flotter Jungjournalisten wägen gesetzte Wissenschaftler ihre Aussagen, rekurrieren auf Forschung, auf Daten. Spitzenforscher lassen sich durch den hektischen Betrieb in Politik und Medien nicht einfach funktionalisieren, sie münzen wissenschaftliche Zweifel und Unsicherheiten in Zurückhaltung um. Sie lassen sich weder zu vorschnellen Antworten drängen noch wie Minister und Leitartikler dazu, Gewissheiten vortäuschen, wo keine sein können. Und erlauben es sich im Gegensatz zu gehetzten Politikern, im Zweifelsfall Unwissenheit einzugestehen.

 

Löst man sich vom tagesgeschäftigen medialen Verwertungsinteresse, dann liefert das Lindauer Meeting erhellende Hinweise für eine Orts- und Trendbestimmung der internationalen ökonomischen Diskussion. In vier Tagen ist mehr über Produktion und Selbstverständnis von Wissenschaft, ihr Verhältnis zur gesellschaftlichen Realität und zur Politik in Erfahrung zu bringen als an vielen Hochschulen während eines ganzen Studiums. Wissenschaftler, zumal auf diesem Level, beharren auf ihrer Unabhängigkeit, ihrer wissenschaftlichen Souveränität und auch ihrer Sonderstellung. Und doch lassen sich Scheidelinien rekonstruieren, Ansätze von Lagern, Positionierungen, in denen auch unabhängig von wissenschaftlichen Auffassungen und theoretischen Vorlieben politische Neigungen mitschwingen. Bei allen großen Fragen scheiden sich die großen Geister. Die Debatte auf dem Schlusspodium über Krisenursachen erzeugte in der Medienrezeption Unsicherheit, ob sich die Wissenschaftler über die Ursachen der Krise, vom billigen Geld über die Subprimes bis hin zu falschen Anreizen auf den Finanzmärkten nun einig gewesen seien oder nicht.

Auf demselben Podium wurde die These vorgetragen, genügend aus früheren Krisen bekannte Vorzeichen seien beobachtbar gewesen, aber nicht ernst genommen oder ausgeblendet worden. Ihr stand die These gegenüber, die Krise sei etwas wesentlich Neues. Stiglitz wurde nicht müde, der Wissenschaft prognostisches Versagen vorzuwerfen. Bereits 2008 hatte das Lindauer Forum die Banken zwar massiv kritisiert, aber den Zusammenbruch von Lehman drei Wochen später und die Krisenabfolge nicht vorhergesehen. »Die wichtigste Aufgabe der makroökonomischen Modelle ist aber die Vorhersage genau solcher Ereignisse. Und das ist nicht geschehen«, donnerte er. Und erzeugte große Heiterkeit mit dem Hinweis, in den ökonomischen Modellen, mit denen die Weltbank und der IWF arbeiten, gäbe es keine Kreditklemme.

Sein Landsmann Roger B. Myerson (2007) dagegen, mochte in diese massive Selbstkritik nicht einstimmen. Die wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnisse hätten vielmehr der Welt in den Jahrzehnten seit der großen Depression große Dienste erwiesen: »Wir haben seit 1929 sehr viel dazugelernt Die Wirtschaftswissenschaften hätten zum Allgemeinwohl »einen ernormen Beitrag geleistet, die makroökonomische Politik, das antizyklische Verhalten der Zentralbanken« meinte auch der Israeli Aumann. »All das Gerede, dass Ökonomen die derzeitige Krise mit verursacht haben, ist einfach Unsinn Und Mundell pflichtet bei. »Viele Themen in der Ökonomie sind esoterisch und hochmathematisch geworden. Aber generell hat sich die Disziplin enorm entwickelt Etwas skeptischer Phelps: »Es wurde in den vergangenen 20 Jahren nicht genug kreative Arbeit geleistet. Wir brauchen eine Menge an Grundlagenarbeit, um die derzeitigen Probleme besser zu verstehen Wie in Verteidiger und Kritiker der eigenen Disziplin zerfällt die erlesene scientific community auch in Optimisten und Pessimisten, die mehr oder wenig zuversichtlich auf die wirtschaftliche Entwicklung blicken. »Der Wohlstand in der westlichen Welt ist unglaublich und in weiten Teilen der östlichen Welt auch. Es gab noch nie über einen so langen Zeitraum eine Periode der Prosperität seit dem Zweiten Weltkrieg. Natürlich gibt es zurückliegende Länder, etwa in der Sub-Sahara in Afrika oder Nordkorea. Aber im Großen und Ganzen geht es uns gut«, so Aumann. Mundell sieht eine »Abschwungsphase, die allerdings eine Wachstumspause in der Erholungsphase ist Aber es werde nicht zu ernst werden. Skeptischer wieder Phelps. »Es gibt viel Ungewissheit. Die Probleme sind tief greifend. In den USA ist das Steuerproblem nicht gelöst. Europa ist in einer schrecklichen Verfassung durch fehlende Strukturen und Haushaltsdefizite Auch Stiglitz beunruhigt das europäische Strukturproblem und die komplexen Entscheidungsprozesse zwischen unabhängigen Regierungen, außerdem eine beträchtliche »Gefahr, dass die USA ein Double-Dip-Szenario erleben« könne. Die europäische Währungsunion wieder aufzulösen werde gerade auch für Deutschland schwierig und teuer. »Es ist ziemlich schwer, aus einem Rührei wieder die einzelnen Eier herauszuholen Das Überleben des Euros sei mehr eine politische als eine ökonomische Frage, eine Frage der Entschlossenheit der Politiker und insbesondere der deutschen Regierung, den Euro zu retten. Und so oder so, Deutschland werde zahlen müssen. Die Frage, ob unser Wirtschaftssystem am Ende sei, beantwortete Stiglitz mit »Nicht unbedingt«. Aber es bestehe die massive Gefahr, dass die Krise weiter verschleppt und nicht gelöst wird.

 

Entsprechend differenziert fiel auch das Potpourri der Rezepturen aus. Wegen der kritischen Lage in Europa brauche man einen »Europa-Finanzminister, der mit rechtlichen Vollmachten ausgestattet ist und in den Einzelstaaten die Haushaltsdisziplin überwacht« (Mundell) beziehungsweise eine »Neugestaltung der Eurozone mit einem Bestrafungsmechanismus« (Phelps). »Griechenland sollte die Möglichkeit haben, auch scheitern zu dürfen. Sie sollten die Schulden zurückzahlen, die sie meinen, zahlen zu können. Und weitere Schulden nicht« (Aumann). »Haushaltskonsolidierung nur schrittweise«, »Subventionierung von Niedriglohngruppen«, »radikale Absenkung der Besteuerung von Unternehmensgewinnen« wegen des Wettbewerbs mit Asien sind Ratschläge von Phelps, »Steuern auf die unternehmerischen Gewinne senken«, rät auch Mundell. »Große Investitionen in die Infrastruktur«, für die »kurzfristig die Erhöhung der Schuldenlast« in Kauf zu nehmen sei, präferiert Diamond. Stiglitz hat in zahlreichen Interviews und Vorträgen in Umrissen das detaillierteste Programm entworfen: Zentralbanken sollen sich nicht nur um die Inflation kümmern, sondern auch um die Stabilität des Finanzsektors. Zinsen können niedrig gehalten werden, da keine Inflationsgefahr besteht. Sparen hilft nicht, Schuldenbremsen sind je rigider, desto falscher. Steuern für Firmen, die viel investieren, sollten gesenkt und für Firmen erhöht werden, die wenig investieren. Das Geld aus Steuererhöhungen für Reiche kann investiert oder damit die Mehrwertsteuer gesenkt werden, um den Konsum zu stützen. Kapitalverkehrskontrollen seien sinnvoll, eine Spekulationssteuer könne bereits durch wenige große Länder eingeführt werden (Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien). Stiglitz regt auch Euro-Bonds an, alternativ den Stabilitätsfonds EFSF mit mehr Geld auszustatten sowie ihm zu ermöglichen, sich direkt bei der EZB zu verschulden, außerdem eine bessere Abstimmung in der Fiskalpolitik, aber nicht unbedingt einen gemeinsamen Finanzminister, der nur bei einem gemeinsamen Steuersystem Sinn mache. Weitere Vorschläge sind mehr Eigenkapital für Banken, Kredite an kleine Firmen stärker zu bezuschussen, gegebenenfalls auch Rettung kleiner Banken, die nicht systemrelevant für das Finanzsystem sind, aber für die Kreditvergabe an kleine und mittelgroße Firmen. Schließlich plädiert Stiglitz für mehr Wachstum im Gesundheitssektor, in Bildung und Kultur sowie ein grünes Wirtschaftswachstum durch höhere Preise für den CO2-Ausstoß. Aus der Krise ziehen die Preisträger auf Basis ihrer unterschiedlichen Forschungsansätze teils konträre, teils analoge Schlussfolgerungen. Aber eine Gemeinsamkeit scheint zu sein, dass pragmatische Ansätze präferiert und dogmatische Positionen zurückgedrängt werden. Mitte-links-Regierungen jedenfalls können aus den diversen Statements der ausgezeichneten Ökonomen allemal ihr Wirtschaftsprogramm herauslesen respektive ihre Auffassungen mit höheren wissenschaftlichen Weihen versehen.

 

Jenseits des kontroversen Krisendiskurses vertiefen sich die Zweifel an der Rationalität der Märkte, an der Existenz der unsichtbaren Hand oder des rational entscheidenden Homo oeconomicus. Die Modellbildung wird komplexer und nähert sich Schritt für Schritt der Realität an. Die Beerdigungsprozession des Homo oeconomicus wird länger. »Den Homo oeconomicus kann man nur noch für ganz einfache Entscheidungen aufrechterhalten«, so der einzige deutsche Nobelpreisträger, der 81-jährige Reinhard Selten (1994). Er experimentiert deshalb mit Modellen, die in Entscheidungsprozesse realitätsnahe Zielfindungsprozesse und multiple Ziele einbauen. Mit dem Kalauer »Die unsichtbare Hand des Marktes ist vermutlich deshalb unsichtbar, weil es sie nicht gibt« produziert Stiglitz dann einen der großen Lacher der Veranstaltung. Schlimm sei, dass es immer noch viele Ökonomen gebe, die auch heute noch an den alten Dogmen festhielten. »Die entscheidende Lehre aus der Finanzkrise muss lauten: Unregulierte Märkte sind alleine gelassen nicht effizient Viele Kollegen hätten das immer noch nicht begriffen. »Das Bedürfnis nach einer neuen Form ökonomischen Denkens ist drängender denn je

Stiglitz muss Prescott gemeint haben, der auch nach drei Jahren schwerer Krise überzeugt ist, Rezessionen seien die beste Reaktion von Verbrauchern und Unternehmen auf externe Schocks, die Regierung sollte sich nicht einmischen. Die Preisträger 2010 haben mittels ihrer Theorie defizitärer Märkte das Modell der »gleichgewichtigen Arbeitslosigkeit« entwickelt, das die Prozesse auf dem Arbeitsmarkt realistischer als andere beschreibt. Suchprozesse auf dem Arbeitsmarkt sind voller Hindernisse, die dazu führen, dass arbeitslose Arbeitnehmer und Arbeitsangebote selbst innerhalb eng definierter Arbeitsmarktsegmente nebeneinander existieren. Und George A. Akerlof (2001) berichtete über seine Forschung, die endlich soziale Kontexte in Modelle einbezieht, die zu erklären suchen, warum Menschen bestimmte ökonomische Entscheidungen treffen. Die Podiumsdiskussion zur Verhaltensökonomie vereinigte allein sechs Preisträger.

In Lindau hat sich 2011eine Disziplin präsentiert, die in den drei Krisenjahren unter Rechtfertigungsdruck geraten ist. Man merkt das auch Laureaten an. Sieben von ihnen trugen sogar politische Verantwortung, denn sie waren hochrangige Berater in nationalen und internationalen Institutionen, wenn auch meist lange vor ihrer Auszeichnung. Die Krise stellt sowohl die persönliche Reputation von Wissenschaftlern als auch die Reputation der wissenschaftlichen Community auf die Probe. Sie hat die Ökonomie als Wissenschaft auf Normalmaß zurechtgestutzt – auch sie irrt. Und sie braucht ihre Zeit, um die jüngst vergangene Wirklichkeit überhaupt verstehen und erklären zu können. Sie bleibt als eine Leitwissenschaft der Politikberatung, die Lehren aus der Vergangenheit zieht, für die Gestaltung künftiger Wirklichkeit unverzichtbar, aber immer auch nur bedingt hilfreich. Denn sie ist strukturell in Zeitverzug. Zehn Jahre würde es dauern, bis die Krise wissenschaftlich aufgearbeitet werden könne, hieß es, Zeit genug für zwei weitere Krisen. Nachdenken dauert. 2008 stand in Lindau die Auseinandersetzung mit den Grenzen der Disziplin im Vordergrund, dominierte ein umstürzlerischer Gestus, dem die Lust anzumerken war, Theoriegebäude ins Wanken zu bringen. 2011 wird auch betont, was der Welt erspart geblieben ist, weil Wissenschaft und Politik aus den Krisen der 1920er-Jahre gelernt hätten. Theoretische Gewissheiten zu überprüfen und falls notwendig zu revidieren, ist die Kernsubstanz des wissenschaftlichen Prozesses. Aber das Spielerische an der Zertrümmerung von Theorien, die noch 2008 spürbar war, ist harter Notwendigkeit und Dringlichkeit gewichen. Immer wieder verwiesen die Promotoren des Fortschritts an der Spitze der wissenschaftlichen Pyramide auf den Erkenntnisschub, den die große Depression ab 1929 ausgelöst hat. Nur zu vertraut war ihnen daher, dass die von den Krisenturbulenzen gebeutelte Gesellschaft erwartet, ein Ereignis, das von den gängigen Theorien und Modellen so wenig vorhergesehen wurde wie die Krisenabfolge seit 2008, müsse nachhaltige Folgen für die Wissenschaft haben. Immer wieder appellierten sie an die jungen Forscher, diesen Erwartungen durch Forschungsanstrengungen gerecht zu werden.

 

Lindau ist eine bedeutende Plattform für den internationalen Wissenschaftsdialog und damit ein Schaufenster des Wissenschaftsstandortes Deutschland«, so das Kuratorium für die Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau. Umso unangemessener erscheint der Umgang der Politik mit dem Meeting. Zwar hielten Bundespräsident und Finanzminister Reden, repräsentierten kurzeitig bayerische und baden-württembergische Landesminister. Aber nur ein einziger Bundestagsabgeordneter hat Lindau als Weiterbildungschance genutzt. Und das auch nur zufällig. Tobias Lindner von den Grünen war von seinem Doktorvater an der TU Karlsruhe als young researcher vorgeschlagen worden und zählte zu den Glücklichen, die aus Tausenden von Bewerbern ausgewählt wurden. MdB ist er erst seit Juni 2011, als Nachrücker. Die Absenz seiner Kollegen mutet umso kurioser an, als die Veranstalter nach eigener Auskunft den Fraktionen jeweils zwei Gästeplätze angeboten haben. Schneller, intensiver und gehaltvoller können sich MdB oder die Wirtschaftsreferenten der Fraktionen kaum auf den Stand der internationalen wirtschaftswissenschaftlichen Debatte bringen. Und so viele Gelegenheiten bekommen sie nicht, an globalen Netzwerken junger Wissenschaftler teilzuhaben, die die Zukunft der ökonomischen Forschung mitbestimmen werden.

Was denken, was tun, wenn die Spitzen der Wissenschaft kontrovers diskutieren? Was folgt aus der Kakophonie der Experten? Wer liefert Halt und Orientierung? Wenn Nobelpreisträger gegen Nobelpreisträger steht? Das Dilemma ist mittels Wissenschaft nicht aufzulösen. Denn es gibt im wissenschaftlichen Diskurs keine höhere Instanz, die zu Rate gezogen werden oder Legitimation liefern könnte als die Laureaten. Ihre Kompetenz kann diskursiv bezweifelt werden, aber eben nicht mit Rückgriff auf höhere wissenschaftliche Autorität. Doch handelt es sich um ein Dilemma nur auf den ersten Blick, zudem mit einem paradoxen Ausweg. Denn je intensiver der Streit in der Wissenschaft, desto höher intellektuelle Autonomie und Souveränität der Politik. Die wissenschaftliche Kontroverse erweitert den Raum für Entscheidungen auf einer Grundlage, die der Politik vorbehalten bleibt: Entscheidungen auf normativer Basis, auf Grundlage von Überzeugungen, interessenorientiert, wertorientiert – allerdings informiert. Denn blendet die Politik wissenschaftliche Erkenntnisse aus, sinkt der Grad ihrer Informiertheit rapide. Nimmt die Politik nur die wissenschaftlichen Erkenntnisse wahr, die sich mit den eigenen Überzeugungen decken, ist sie einseitig informiert. Erst wenn die Politik den wissenschaftlichen Diskurs samt seiner Kontroversen zur Kenntnis nimmt und verarbeitet, ist sie wirklich informiert. Aber ökonomische Forschungsergebnisse sind nicht eins zu eins in Politik übersetzbar. Wenn sich die Nobelpreisträger in Lindau den Journalistenfragen stellen, wechseln sie die Rolle und werden in die Position von Politikberatern gedrängt. Dann komprimieren sie ihre ausgewiesenen Forschungsergebnisse und verbinden sie mit Überzeugungen. Genau das macht Politik. Genau das sollte gute Politik in der Krise mehr tun denn je. Wenig, was von deutscher Politik derzeit zu Krise, Euro und Griechenland zu hören ist, lässt allerdings eine solche aufgeklärte, rationale Koppelung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Überzeugungen und Werthaltungen erkennen.

 

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Quellen: Berner Zeitung, FAZ, Financial Times, Handelsblatt, heute.de, Pressestelle Kuratorium für die Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau, eigene Interviews und Mitschnitte.

 

 

 

Kasten:

Zwei Diskurse

 

In 17 Einzelvorträgen der Nobelpreisträger, vier Podiumsdiskussionen, drei parallelen Diskussionsrundenclosed shops mit den Laureaten und jungen Wissenschaftlern – und zwei »Wissenschaftlichen Frühstücken« wurde auf dem 4. Lindauer Treffen der Nobelpreisträger für Ökonomie vom 23. bis 27. August 2011 eine tour d’horizon der zeitgenössischen ökonomischen Forschung präsentiert.

Einige Preisträger dokumentierten mit Vorträgen über die »Ökonomie des Ruhestands« (William F. Sharpe, Preisträger 1990), »Armut, Ungleichheit und Ernährung« (James A. Mirrlees, 1996) oder »Regulierung des Markts für Krankenversicherungen« (Daniel. L. McFadden, 2000), dass es jenseits von Euro und Krise auch noch andere Forschungsbereiche von gesellschaftlicher Bedeutung gibt. Andere widmeten sich Theoriefragen, stellten vor, was »Aktueller Stand der ›Aggregate Economics‹« ist (Edward C. Prescott, 2004) oder präsentierten »Eine Herausforderung des Nash-Gleichgewichts: rationale Erwartungen in Spielen« (Robert J. Aumann, 2005). Der Senior der Tagung, der 82-jährige John F. Nash Jr. selbst (1994), referierte über »Das ideale Geld, Sparen und Sparsamkeit«.

Die Medien dagegen produzierten Schlagzeilen wie »US-Ökonom fordert von EZB billigeres Geld« (Handelsblatt), »Rezessionsgefahr ›beträchtlich‹: Stiglitz fordert neues US-Konjunkturprogramm« (ftd), »Nobelpreisträger rechnen mit den Banken ab« (Welt), »Wulff rechnet mit Euro-Rettern ab« (SZ), »Kritik an der EZB: Wulffs Einwürfe lassen Nobelpreisträger kalt« (ftd), »Deutschland muss mehr Schulden machen« (FAZ). Die Nobelpreisträger diskutierten auf Podien zu »Nachhaltigkeit in den internationalen Wirtschaftswissenschaften«, »Demografischer Wandel, Ökonomie und Politik« oder »Verhaltensökonomie«, und die Veranstalter räumten den Preisträgern 2010 (Diamond, Mortensen, Pissarides), die für ihre Analysen von Märkten mit Suchfriktionen ausgezeichnet wurden, und damit dem Thema Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit und Zukunft der Arbeit breiten Raum ein. »Ökonomie-Krisengipfel in Lindau«, titulierte dagegen das Handelsblatt die Veranstaltung, eine zuspitzende Verengung, zu der immerhin das Schlusspodium »Von der Finanzkrise zur Schuldenkrise – Finanzmärkte, Geldpolitik und Staatsschulden« Anlass bot. Den Nerv der Zeit traf Robert A. Mundell (1999), der theoretische Vater des Euro, mit seinem Vortrag »Währungskriege, Euromania und der Preis des Goldes«. Er forderte ein neues Weltwährungssystem, in dem Dollar, Euro und die chinesische Währung durch feste Wechselkurse aneinander gekoppelt sind. »Eine globale Wirtschaft braucht eine globale Währung.« Auch sei nicht der Euro das Problem. Vielmehr sei immer schon klar gewesen, dass eine Währungsunion eine politische Union benötige. Der Superstar des Events, Joseph E. Stiglitz (2001), rüttelte mit seinem Beitrag »Für eine Wirtschaftswissenschaft, die etwas leistet. Krise, Ansteckung und warum wir ein neues Paradigma brauchen« an den Grundfesten. Unter ging dagegen die Einlassung von Edmund S. Phelps (2006) »Transformation korporatistischer Ökonomien des Westens und im Nahen Osten«. Phelps, der in den Neunzigerjahren an den Reformen in Russland mitgewirkt hatte, präsentierte – abgesehen von einem in Deutschland seltsam anmutenden Begriff von Korporatismus – den unter anderen anwesenden ägyptischen Journalisten das Programm der Umwandlung einer von Clans, Bürokratie und Militär dominierten Staatswirtschaft in eine Marktwirtschaft mittelständischer Unternehmen.

Herbert Hönigsberger

 

In: Kommune, Forum für Politik, Ökonomie, Kultur 5/2011