Willfried Maier
Wachstumsgrenzen
Über naturale,
technische, ökonomische und menschliche Schranken*
Die Debatten über die Grenzen des
Wachstums sind oft ökonomistisch verengt. Dabei geht
es um mehr als die Wirtschaft, es geht um den Stoffwechselprozess der Menschen
mit der Natur. Der archimedische Punkt, an dem Ökonomie, Ökologie und Kultur
fassbar ist, ist das Energiesystem der Industriegesellschaft. Hier entscheidet
sich das Wohl und Wehe zukünftiger Entwicklung. Der Ausstieg aus der fossilenergetischen Basis ist zwingend, aber der Pfad in
die Nachhaltigkeit führt nicht allein über die Gewinnung von Solarenergie. Es
geht, so unser Autor, auch um eine »Norm des Ausreichenden« und neue, stabilere
Formbildungen.
»Denn nur also
begrenzt war je das Vollkommene möglich«
(Johann Wolfgang von
Goethe: Metamorphose der Tiere)
Solange es
die Öko-Debatte gibt, wird über Grenzen des Wachstums diskutiert. Dabei wurden
die unterschiedlichsten Grenzen ins Spiel gebracht. Die Meadows-Studie von 1972
verwendete erstmals die Grenzen des Wachstums im Titel. Sie
argumentierte, dass angesichts des Bevölkerungswachstums, der fortschreitenden
Industrialisierung, der industriellen Nahrungsmittelproduktion und der
Umweltverschmutzung noch vor Ende des 21. Jahrhunderts die absoluten
Wachstumsgrenzen für die Erde erreicht würden. Als wichtigste Grenze nahm man
die Verfügbarkeit von Rohstoffen in der Erdrinde an. Die heutige Peak-Oil-Debatte ist eine Fortsetzung oder Wiederaufnahme dieser
These.
Spätestens
mit der Auseinandersetzung über die Atomkraft und die Endlagerung in Gorleben
rückte das Senkenproblem in den Vordergrund. In der
heutigen Diskussion über den Klimawandel ist es dominant geworden. Die
Überlastung der Atmosphäre durch CO2-Emissionen ist wahrscheinlich
das dringlichste aller Umweltprobleme. Die menschlich verursachte Veränderung
des Erdklimas wirkt global, und ihre Folgen – wenn sie einen bestimmten Grad
überschritten haben – wären erst in einem sehr langen Zeitraum von vielleicht
100.000 Jahren wieder abbaubar. Sie wären also für menschliche Zeitdimensionen
irreversibel.
Schon 1968
hatte Paul Ehrlich die drohende Übervölkerung als Wachstumsgrenze ins Spiel
gebracht. Inzwischen ist es um diese malthusianische
Thematik ruhiger geworden, weil viele der konkreten Voraussagen sich seither
als falsch erwiesen haben. Es kam zu einer Verlangsamung des
Bevölkerungswachstums, nicht nur in den Industrieländern, sondern auch in Asien
und Südamerika, zum Teil durch kulturellen Wandel im Gefolge der
Industrialisierung, zum anderen durch gezielte Bevölkerungspolitik, aber auch
durch Krankheiten wie AIDS in verschiedenen Ländern Afrikas.
Eine mehr kulturalistische Drehung der Wachstumsproblematik vertrat
1976 Fred Hirsch in seinem Buch Social
Limits of Growth: »Ab einer bestimmten Grenze,
die in den industriellen Massengesellschaften seit langem überschritten ist,
verschlechtern sich die Nutzungsbedingungen eines Gutes, je verbreiteter dessen
Gebrauch ist.« Das Paradebeispiel dafür ist das Auto, das vielfach von einem
Mobilitäts- zu einem Staumittel geworden ist. Ähnliche Erscheinungen sinkenden
Grenznutzens gibt es aber auch für alle positionellen, das heißt herausgehobenen,
gesellschaftlichen Status vermittelnden Güter. Freilich mindert diese
Grenznutzenbetrachtung bisher keineswegs das Streben nach diesen Gütern bei
denen, die noch nicht darüber verfügen. Denn der sinkende Grenznutzen wird ja
vor allem von denen erfahren, die vorher privilegiert über diese Güter verfügten.
Grenzen
wurden aber auch beschrieben von Autoren, welche die wachsende Größe und
Komplexität technischer Apparate und Anlagen verantwortlich machten für
unerträgliche Bürokratisierungen und Unterdrückungen menschlicher Freiheiten
wie etwa Robert Jungk in seinem damaligen Bestseller Der Atomstaat. Oder
von Ivan Illich, der auf Grenzen der Konvivialität verwies, zum Beispiel durch zu hohe
Geschwindigkeiten im Verkehr oder durch zu hohes Tempo des technischen und
kulturellen Wandels, die das Recht der Menschen auf Verwurzelung in ihrer
Umwelt bedrohten.
In eine
ähnliche Richtung argumentierten Ernst Schuhmacher mit Small is beautiful, der die
demokratische Selbstbestimmung durch technische Großstrukturen und ihre Sachzwänge
bedroht sah. Und André Gorz, der diese Argumente
aufnahm und die ökologischen Bewegungen interpretierte als Bewegungen zur
Verteidigung der Alltagskultur und der Lebenswelt: »Die ›Natur‹, deren Schutz
die Bewegung fordert, ist weder die Natur der Naturalisten noch die der
wissenschaftlichen Ökologie: Sie ist grundlegend die Umwelt, die als
›natürlich‹ erscheint, weil ihre Strukturen und ihre Funktionsweise dem
intuitiven Verständnis zugänglich sind; weil sie dem Bedürfnis nach Entfaltung
der sensorischen und motorischen Fähigkeiten entspricht. … Der Naturschutz muss
also ursprünglich als Schutz einer Lebenswelt verstanden werden.« (Auswege aus dem Kapitalismus, 1992)
All diese
Grenzen haben bisher nicht standgehalten. Aber ihre Wahrnehmung spielt bis
heute in vielen gesellschaftlichen Bewegungen eine Rolle. Stuttgart 21
beispielsweise ist ohne derartige Motive bei den Akteuren nicht zu verstehen.
In diesen vielfältigen
Grenzdiskussionen kündigt sich ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel an. In den sozialen Protestbewegungen vor
der Ökologiedebatte gab es auch schon Grenzdiskussionen, aber nicht über Grenzen,
die respektiert, sondern über Grenzen, die gesprengt werden müssten. Die
Grenzdiskussion im klassischen Marxismus etwa warf dem Kapitalismus vor, dass
er durch seine ökonomischen Krisen der Entfaltung der Produktivkräfte Fesseln
anlege und sie mündete in die Verheißung, dass nach Sprengung dieser Fesseln
die Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums reichlicher flössen und so
der wahren menschlichen Freiheit erst das Feld eröffneten.
Aber nicht
nur der Marxismus vertrat diese Maxime der fortschrittlichen Grenzüberschreitung.
Die gesamte politische, ökonomische und kulturelle Moderne war und ist von
dieser Erwartung bestimmt. Der klassische Liberalismus will die Fesseln abstreifen,
die den Markt daran hindern, den Wohlstand der Nationen zu befördern. Der
Reformsozialismus betonte die fortschritthemmende Rolle der sozialen
Ungleichheit. Auch der moderne Konservativismus ist am Wachstum orientiert und
will dessen Hemmnisse beseitigen. Die konservativen Motive beziehen sich dort
nur noch auf die Verteidigung überkommener Lebensformen in Familie, Schule,
Kirche, gesellschaftlicher Hierarchie und Sitten.
Der
Paradigmenwechsel, der sich in der verbreiteten Diskussion über Grenzen entwickelt,
hat eine größere Dimension, als in den einzelnen Streitfällen über Umweltthemen
wahrgenommen wird. Es wird darin eine Großthematik verhandelt, die in Begriffen
wie Moderne versus Postmoderne, Expansion versus Dekonstruktion des Subjekts,
System versus Lebenswelt von verschiedenen Theoretikern beschrieben wird.
In diesen Modellierungsversuchen
fällt auf, dass die Beschreibungen von Moderne, Befreiung der Subjektivität,
gesellschaftlichen Systemen genauer ist und besser gelingt als die
Charakterisierung der jeweiligen Gegenpositionen von Postmoderne,
Dekonstruktion und Lebenswelt. Das ist auch nicht verwunderlich: Für das neue
Feld gibt es noch keinen einleuchtenden Namen und noch keine »Große Erzählung«,
die die Erfahrungen bündelt. Joachim Radkau hat
kürzlich den Versuch vorgelegt, Die Ära der Ökologie zu beschreiben. So
empfehlenswert das Buch ist: Es handelt sich um eine historische Nacherzählung
von Einzelereignissen und -bewegungen, nicht um eine sinnstiftende große Erzählung,
wie sie die Geschichte der europäischen und amerikanischen Emanzipationskämpfe
hervorgebracht und getragen hat, was Radkau auch bewusst
ist.
Auch die
aktuellen Versuche, die »Grenzen des Wachstums« neu zu thematisieren, erreichen
diese Qualität nicht. Ich denke dabei für die deutsche Debatte an das eben
übersetzte Buch von Tim Jackson Wohlstand ohne Wachstum und an die Arbeiten
von Claus Leggewie und Harald Welzer sowie von Nico Paech. Sie finden ihr begrenztes Gehör. Es gibt Zustimmung
und Ablehnung zu einzelnen Argumentationen und Thesen, aber es sieht nicht so
aus, als ob sich um die Gesamtargumentation eine Kraft zur Veränderung von
Gesellschaft und Kultur in ihrer Gesamtheit bilden würde. Die vollständige
Selbstveränderung von Gesellschaft und Kultur ist aber mit den jeweiligen
Thesen von der Gesellschaft ohne Wachstum gemeint, religiös ausgedrückt: eine
Bekehrung und Umkehr. In Heideggers Worten: »Nur ein Gott kann uns retten.«
In Soziologie
und Systemtheorie findet sich der Hinweis, warum das in modernen Gesellschaften
nicht gelingen kann. Diese sind nicht mehr vorwiegend normativ integriert durch
gemeinsame Überzeugungen, die ein gleich gerichtetes Handeln tragen könnten.
Sie sind vorwiegend funktional integriert durch soziale Systeme, die nach
Eigengesetzlichkeiten verschiedene Felder organisieren. Wenn diese Beschreibung
zutrifft – und es spricht viel dafür – dann gibt es keine Stelle, von der die
Gesellschaft in ihrer Totalität beschrieben und – noch weniger – gelenkt werden
könnte. Es gibt für die Appelle, »die Menschen« möchten doch dies und das
bedenken, einsehen und sich ändern, keine Adresse – außer der Sonntagspredigt
auf den unterschiedlichsten Kanzeln.
Darum spricht
viel dafür, auch die Lösungen nicht in derart totalisierenden Diskussionen und
Appellen zur Postwachstumsgesellschaft zu suchen.
Noch ein
weiterer Grund spricht gegen eine derartige Zuspitzung der Diskussion. Die
Grenzen des Wachstums werden in dieser Diskussion vor allem ökonomisch
verstanden mit der Zielrichtung, der weiteren Zunahme des Sozialprodukts
Grenzen zu setzen. Dabei wird unterstellt, dass in der Kritik am ökonomischen
Wachstum die verschiedenen Wachstumskritiken gleichsam zusammengeführt werden
könnten. Das ist jedoch eine ökonomistische
Verengung. Das Sozialprodukt ist im Prinzip eine abstrakt-immaterielle Größe,
in der die Konsum- und Investitionsgüterkäufe eines Jahres in Geldgrößen zusammengefasst
sind – unabhängig von ihrer stofflichen Gestalt, also auch unabhängig davon,
wie energie- und materialintensiv sie erstellt worden
sind oder ob es sich um ganz immaterielle Dienstleistungen handelt.
Das ist aber
gerade nicht die wirkliche Zielrichtung der verschiedenen Grenzdebatten. Dabei
geht es vielmehr um die stofflich-energetische Seite des menschlichen Stoffwechsels
mit der Natur, um das unendlich mannigfaltige Produktions- und Konsumtionsgeschehen
in seiner wirklichen Gestalt – unabhängig von den vereinheitlichten gesellschaftlichen
Abstraktionen, welche die ökonomische Wert- und Geldbegrifflichkeit über die
Dinge legt. Um es mit der »non olet«-Formel römischer
Cäsaren zu sagen: Das Sozialprodukt stinkt nicht. Es ist geruchlos wie das
Geld. Gerade um Gestank, um Gerüche, Farben, Stoffe, Gase et cetera aber geht es in der Umweltdebatte.
Wenn es um den menschlichen
Stoffwechsel mit der Natur geht,
dann sollte möglichst gesucht werden nach einem strategischen Anknüpfungspunkt
in diesem Stoffwechselprozess selbst, von dessen Veränderung sich die am
weitesten reichenden Auswirkungen erwarten lassen. Wenn dieser Anknüpfungspunkt
zudem schon im Zentrum sozialer Auseinandersetzung steht und an ihm schon
verschiedene aussichtsreiche Alternativen erprobt werden, wäre das natürlich
noch besser.
Diesen Punkt
gibt es. Es ist das Energiesystem der Industriegesellschaft. Das ist unter
stofflicher Perspektive der zentrale Punkt, weil an der Bereitstellung von
Energie alle anderen Materialflüsse und Produkte hängen. Und gerade an diesem
Punkt spitzt sich aktuell in Deutschland die politische und gesellschaftliche
Auseinandersetzung zu.
Mit dem
Beschluss zum Ausstieg aus der Atomenergie stellt sich in Deutschland schärfer
und früher als anderswo die Frage der Alternative zwischen fossil- und
solarbasiertem Energiesystem. Die abgeschalteten Atommeiler müssen ersetzt
sowie die von ihnen produzierte Strommenge muss eingespart werden. Welcher Weg
dabei eingeschlagen wird, das entscheidet nicht nur darüber, ob Deutschland
seinen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Es hat auch entscheidende Auswirkungen
auf die Frage Wachstums- oder Postwachstums-Ökonomie.
In der
historischen Umweltforschung ist die Sichtweise entwickelt worden, die menschlichen
Naturzustände entlang der jeweils von ihnen genutzten Energiebasis zu gliedern.
Rolf Peter Sieferle unterscheidet die bisherigen
gesellschaftlichen Stoffwechsel-Regimes in folgender Weise:
»1. Das
Regime unkontrollierter Solarenergieflüsse der Jäger- und Sammlergesellschaften
… es begann mit der systematischen Nutzung von Feuer, also vor über einer
Million Jahren … Die Feuernutzung entfaltete massive und dauerhafte Wirkungen
auf die natürliche Umwelt, doch handelte es sich noch nicht um eine aktive
Kolonisierung der Natur, sondern um eine weitreichende Nischenkonstruktion.
2. Das Regime
kontrollierter Solarenergieflüsse der Agrargesellschaften. Dieses Regime begann
vor etwa 10.000 Jahren mit dem universalgeschichtlichen Übergang zur Landwirtschaft,
der sogenannten neolithischen Revolution, und es ging mit der industriellen
Transformation zu Ende. Innerhalb dieses Regimes fand also der größte Teil der
überlieferten Geschichte statt, von einfachen bäuerlichen Gesellschaften bis
hin zu komplexen agrarischen Zivilisationen.
3. Vor etwa
200 Jahren begann ein sozialmetabolischer Transformationsprozess, der auf der
Nutzung fossiler Energieträger beruht und die energetische Basis der Industrialisierung
bildet. Diese Transformation ist noch nicht abgeschlossen. Die Industrialisierungsepoche
besitzt selbst nicht den Charakter eines dauerhaften ›Regimes‹, da sie im physisch-energetischen
Sinne prinzipiell nicht nachhaltig ist.« (Rolf Peter Sieferle u. a.: Das Ende der Fläche. Zum
gesellschaftlichen Stoffwechsel der Industrialisierung, 2006)
Jedes dieser
Regimes kennt Grenzen, die bestimmt sind durch die Verfügbarkeit von Energie.
Davon hängen Produktion, Konsum, Technik und Bevölkerungsentwicklung ab. Der
Energieumsatz pro Kopf blieb in den Agrargesellschaften über Jahrtausende im
Wesentlichen konstant. Das begrenzte zwangsläufig den möglichen Stoffumsatz
menschlichen Handelns. Jede langsame Verbesserung in der menschlichen Solarenergienutzung
durch Fortschritte im Ackerbau, durch Bau von Wasser- und Windmühlen et cetera wurde immer wieder schnell ausgeglichen durch Bevölkerungsanstieg.
Fortschrittsbegriffe wurden in diesen Gesellschaften nicht entwickelt,
Geschichte wurde als zyklisches Geschehen betrachtet und Wachstum als ein
organischer Vorgang, der Schrumpfung, Tod und neue Geburt einschloss.
Erst die
Industriegesellschaft hat diese Grenze gesprengt. Die scheinbar unbegrenzt und
konzentriert vorhandene fossile Energie – erst Kohle, dann Öl und Gas –
ermöglichte auf Basis der entsprechenden Technologien, den Energieumsatz pro
Kopf weit über das vorindustrielle Niveau zu steigern und auf dieser Basis
gewaltige Materialströme zu organisieren, die das Bild der Erde veränderten.
Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung entstanden die Vorstellungen des unbegrenzten
Wachstums, die zugleich den Begriff des Fortschritts bis heute tragen.
Die
Industrialisierungsepoche auf Basis fossiler Energieträger ist indes nicht
nachhaltig, weil zum einen das Vorkommen fossiler Energieträger in der Erdrinde
endlich und nicht regenerativ ist, was heute in der Peak-Oil-Debatte
thematisiert wird. Und weil zum anderen die CO2-Aufnahmefähigkeit
der Atmosphäre begrenzt ist, was wir in der Klimadebatte diskutieren. Und diese
Grenzen werden fühlbarer, wenn auf Atomenergie verzichtet wird oder verzichtet
werden muss. Was allerdings nicht bedeutet, dass alle sich auf die Existenz
dieser Grenzen einstellen, sondern ebenso wahrscheinlich ist es, dass der Kampf
um die letzte Tonne Erdöl oder Kohle mit aller Härte und ohne Rücksicht auf Klimafolgen
ausgetragen wird.
Die Alternative dazu ist heute in
aller Munde und sie ist populär:
Ausbau und Nutzung der regenerativen Energieerzeugung, anders ausgedrückt:
Rückkehr zu einem im Wesentlichen (bis auf die Geothermie)
solaren Energiesystem. Nicht in aller Munde sind die Konsequenzen, die diese
»Rückkehr« nach sich zieht.
Zwar würden
die engen Grenzen der menschlichen Solarenergienutzung in den Agrargesellschaften
– im Wesentlichen Ackerbau und Forstwirtschaft – nicht wieder wirken. Durch die
wissenschaftliche und technische Revolution auf Basis der fossilen Energien
sind von der Mechanik über die Chemie, die Elektrizität, die Beherrschung
thermodynamischer Systeme, die Elektronik und Informationstechnik, die Nanotechnologie
und die technische Biologie eine Vielzahl neuer Umgangsformen mit
Energieflüssen und Materialgewinnung und -verarbeitung entstanden. Deshalb ist
ein vorindustriell-agrarischer Zustand keine wahrscheinliche Zukunftsperspektive.
Wissen vergisst sich nicht – wenn es keinen katastrophischen
Zivilisationsbruch gibt. Und Wissenschaft als gezieltes Verfahren zur
Innovationssuche war in agrarischen Gesellschaften unbekannt.
Aber, es
bleibt der Umstand, dass Solarenergie – anders als die Erschließung fossiler
Energielager – diffus auftritt und diskontinuierlich. Ihre Ernte und
Speicherung bleibt – trotz aller modernen Technologie – aufwendig, beschwerlich
und flächenintensiv.
Energie wird
deshalb nicht mehr beliebig steigerbar zur menschlichen Verfügung stehen. Das
ist selbst in optimistischen Szenarien des solaren Energiewandels greifbar. In
Hermann Scheers Memorandum Jenseits von Kohle und Atom wird geschätzt,
dass in einem Zeitraum von 15 Jahren eine Umstellung der Stromerzeugung auf
erneuerbare Energien zu 60 bis 80 Prozent möglich sei, eine Vollversorgung damit
bis 2050. Unterstellt wird dabei, dass die Gesamtmenge des Stromverbrauchs die
des Jahres 2007 nicht übersteigt. Gleichzeitig soll aber in diesem Zeitraum
auch der Verkehr auf Elektromobilität umgestellt sein, also ein heutiger
Großverbraucher von Primärenergie über diese Strommenge mitversorgt werden.
Welche Dimension da in Rede steht, erschließt sich durch den Umstand, dass der
gesamte jährliche Endenergieverbrauch Deutschlands an Strom mit 1735 PJ
erheblich unter dem Endenergieverbrauch aus Mineralölprodukten für Verkehr mit
2363 PJ zurückbleibt.
In der
Wuppertal-Studie Zukunftsfähiges Deutschland (2008) wird davon
ausgegangen, das langfristige Ziel umweltfreundlicher Energiepolitik liege bei
der Halbierung des Primärenergieverbrauches, weil Energiegewinnung und deren
Einsatz niemals komplett umweltneutral gestaltet werden könne. Denn auch der
Einsatz von erneuerbaren Energien sei auf nicht erneuerbare Ressourcen und
Flächen angewiesen. Damit wird direkt ausgesprochen, dass die
Energieverfügbarkeit pro Kopf erheblich niedriger liegen wird als in der fossilenergetischen Phase, was Steigerung der Energieeffizienz
nötig macht, die allerdings selbst nur begrenzt möglich ist.
Die Grenze
der Verfügbarkeit solarer Energie wird aufgrund der technischen Innovationsfähigkeit
flexibler sein als in den Agrargesellschaften, die über die potenzielle Biomasseproduktion
eines Waldes nicht hinauskamen und lediglich größere Teilmengen dieses Volumens
durch Ackerbau auf menschliche Nutzung umleiten konnten. Wobei man im Auge
halten muss, dass diese Grenze nicht leicht zu überwinden ist: Die Biomasseproduktion
der vormenschlichen Wälder war das Optimum, das eine jahrmillionenlange
Evolution an irdisch verfügbarer Energie pro Hektar Erdoberfläche hervorgebracht
hat – die Algenproduktivität der Randmeere einmal außer Betracht gelassen.
Das begrenzte
Volumen auch der modernen Solarenergiebasis ist die eine Sache. Die technischen
und ökonomischen Möglichkeiten ihrer Erschließung die andere. Um die diffus
auftretende Solarenergie in Form von Windkraftwerken, von Siliziumzellen
oder von Wärmekonvertern für menschliche Nutzungen zu konzentrieren sind
gewaltige, flächenintensive technische Anlagen erforderlich. Diese können nur
aufgebaut werden auf Grundlage der noch vorhandenen fossilenergetischen
Basis: Stahl, Silizium, Kupfer, Aluminium als zentrale Materialien sind von
hochenergetischen Prozessen abhängig, die Produktion der entsprechenden Anlagen
und ihre Verbreitung über große Flächen erfordert ebenfalls einen erheblichen
Energieaufwand.
Aber nicht
nur das: Ein Umbau der vorhandenen – und heute noch relativ billig ausbaubaren fossilenergetischen Basis – hin zu einer sich zum Teil noch
im Experimentalstadium befindlichen modernen Solarenergiebasis erfordert ein
sehr hohes gesellschaftliches Investitionsvolumen. Das betrifft nicht nur den
Umbau des Energiesystems selber, sondern auch die Investitionen, die
erforderlich sind, um den Energiebedarf zu senken, etwa im Bereich der
Wärmeisolierung von Häusern, beim Umbau der Städte, des Verkehrssystems et cetera.
Möglich ist
all das nur, wenn das Verhältnis zwischen Konsumausgaben der Gesellschaft und
den Investitionen zugunsten der Investitionen erheblich verschoben wird. In
Deutschland ist das angesichts der international hohen Sparbereitschaft der
Bevölkerung noch vergleichsweise gut vorstellbar. Allerdings wären die erwartbaren Renditen solchen Sparens niedriger als bisher
und von den Sparern, die sich vor allem in der Ober- und Mittelschicht finden,
vorausgesetzt.
Investitionen in den Umbau des
Energiesystems und zur Energieeinsparung werden in der Ökodebatte diskutiert unter
dem Stichwort von der Ressourceneffizienz, die statt der Arbeitsproduktivität
gesteigert werden müsse. Dabei wird zumeist nicht mitdiskutiert, was eine
solche Umstellung für die gesellschaftliche Verteilung des Sozialprodukts
bedeutet. Mit der Steigerung der Arbeitsproduktivität steigen unter sonst
gleichen Bedingungen die Menge und der Wert der Produkte. Daran ist offenkundig
der Einsatz lebendiger Arbeit beteiligt, weswegen daraus ein legitimer Grund
für Ergebnisbeteiligung im Sinne von Lohnerhöhung abgeleitet werden kann. Das
ist das klassische Geschäft der Gewerkschaften.
Mit der
Steigerung der Ressourcenproduktivität aber nimmt bei gegebener Arbeitsproduktivität
das Produktionsvolumen nicht mehr zu. Es ist lediglich denkbar, dass die Produktionskosten
sinken, wenn nämlich der Ressourcenaufwand stärker zurückgeht, als der dafür
erforderliche Investitionsaufwand steigt. Dieser Effekt tritt also nicht ein
wegen veränderten Arbeitseinsatzes, sondern wegen technischer Innovationen, die
von der Kapitalseite auf Basis gemachter Gewinne veranlasst werden. Es
resultiert daraus kein plausibel begründbarer Anspruch auf Lohnsteigerung,
sondern die Notwendigkeit, den erzielten Gewinn in weitere Maßnahmen zur
Steigerung der Ressourcenproduktivität zu investieren. Die ökologische Absicht,
Ressourcenproduktivität statt der Arbeitsproduktivität zu steigern, ist deshalb
unter Verteilungsgesichtspunkten zwischen Kapital und Arbeit nicht neutral: Sie
senkt das Volumen des Produktionszuwachses, das heißt des Wachstums, und
begünstigt bei der Verteilung des stagnierenden oder vielleicht sogar
zurückgehenden Sozialprodukts die Kapitalseite zulasten der Arbeit.
Aber nicht
nur der Verteilungskonflikt zwischen Kapital und Arbeit dürfte an Schärfe zunehmen.
Auch auf anderen Feldern deuten sich Konflikte an. Hauseigentümer werden den
Versuch machen, Kosten, die ihnen eine verbesserte Wärmeisolierung der Häuser
verursacht, durch eine Erhöhung der Mieten sich finanzieren zu lassen. Die
Mietervereine weisen heute schon derartige Absichten zurück mit dem Argument,
die Hauseigentümer hätten doch durch energetische Sanierung anschließend
wertvollere Objekte, was zutrifft. Aber eine Kosten verursachende Wertsteigerung,
die sich anschließend nicht in der Rendite niederschlägt, sondern die Rendite
senken würde, wird unterlassen.
All das
dürfte erhebliche soziale Konflikte auslösen, die den Erfolg einer gezielten
und vorgreifenden Umstellung auf regenerative Energien gefährden. Es ist nicht
ausgeschlossen, dass die Dinge bis zu dem Punkt treiben, an dem Katastrophen
die Umstellung erzwingen. Dann freilich mit dem Risiko, zu einem
Solarenergie-Regime auf sehr viel niedrigerer technischer Stufe zurückzufallen.
An dieser Stelle wird in die Debatte
gern das Thema des »Guten Lebens« eingeführt, um eine Motivationsbasis für die Bereitschaft zum
Verzicht zu finden: Zwar müsse der Energieverbrauch sinken, der Stoffumsatz
verringert und der Steigerung des Sozialprodukts ein Ende gesetzt werden. Aber
diese Einschränkungen seien zugleich mit der Chance verbunden, den gehetzten,
konkurrenzbetonten und auf ständige Steigerung des Konsums bedachten Lebensstil
zu überwinden und zu entdecken, dass menschliches Glück auf diese Weise nicht
begründet werden könne. Nötig sei vielmehr die Wiederentdeckung der alten
Weisheit: »Nichts genügt dem, dem das Genügende zu wenig ist.«
Und ergänzend: »Der größte Lohn der Selbstgenügsamkeit ist die Freiheit.« (Epikur) Die moderne Fassung stammt von Janis Joplin: »Freedom is just another word for
nothing left to lose.«
Als André Gorz 1992 das Thema der »Selbstbegrenzung als politisches
Projekt« erörterte, kam er zu dem Ergebnis: »In Ermangelung einer traditionellen
Verankerung muss die Norm des Ausreichenden politisch definiert werden.« (Auswege aus dem Kapitalismus) Das bezog sich
damals auf die Frage einer Arbeitszeitbegrenzung. Derselbe Gedanke gilt aber
auch für die Bilder des »Guten Lebens«, die sich ja auch nicht mehr an traditionellen
Vorstellungen des Genügenden orientieren können und auch nicht an allgemein
akzeptierten Vorstellungen guten Lebens anknüpfen können.
Man muss
deshalb klären, wie eine Norm des Ausreichenden unter aktuellen Bedingungen und
bei möglichst geringer Verletzung individueller Freiheiten politisch definiert
werden könnte.
Der am besten
geeignete Kandidat für diese Rolle dürfte der Energieverbrauch pro Kopf, besser
noch: die CO2-Emission pro Kopf sein, weil zum einen die
Notwendigkeit der Begrenzung dieser Emissionen öffentlich relativ weit
akzeptiert ist und zum anderen die Wahl möglicher Lebensstile dadurch zwar
eingeschränkt, aber keineswegs aufgehoben würde.
Was die
Mittel angeht, um eine solche Beschränkung auf den Weg zu bringen, halte ich
die jüngste Erörterung Ernst Ulrich von Weizsäckers über Umsetzungsschritte
ökologischer Reformen in Faktor Fünf für einleuchtend. In deren Zentrum
steht der Vorschlag einer Langfrist-Ökosteuer, die durch langsame,
kalkulierbare Erhöhungen der Energiekosten Investitionen und Konsum umsteuert
und beschränkt.
Auch von
Weizsäcker bringt Genügsamkeit – oder im Ökosprech: Subsistenz – ins Spiel als
letztlich unverzichtbar, wenn die Möglichkeiten zur Steigerung der
Ressourceneffizienz erschöpft sind. Ich bin da skeptisch hinsichtlich der
Wirkung der entsprechenden Botschaften heute. Die meisten Anhänger der
Öko-Ideen zum Beispiel sind trotz gegenteiliger Überzeugungen in ihrem
Energieverbrauch keineswegs zurückhaltender als Normalbürger.
Vermutlich
wird umgekehrt ein Schuh daraus:
Wenn der
Energieumsatz pro Kopf deutlich geringer wird, etwa wie in der Wuppertal-Studie
angezielt um die Hälfte, dann wird zwangsläufig auch der Materialumsatz zurückgehen.
Die viel beschworene längere Lebensdauer von Produkten wird die notwendige
Folge sein, Recyclingprozesse müssten eine größere Rolle spielen, weil dafür weniger
Energie benötigt wird als für die Produktion von neuem Stahl, Aluminium,
Kupfer, Beton et cetera. Alles das häufig empfohlene
Tendenzen, für die es vor einer dramatischen Verknappung und damit Verteuerung
von Energie aber eher gute Worte als wirkliche Resultate gibt.
Bis in die
ästhetischen und kulturellen Prägungen dürfte das Auswirkungen haben. Wenn der
moralische Verschleiß der Güter durch raschen Wechsel der Moden wieder langsamer
wird, ist zu erwarten, dass Tendenzen zu stabileren Formbildungen eine Chance
haben, kulturell gesprochen: Mehr Klassik, weniger Fragmente. Seit der Romantik,
die sich nicht zufällig zeitgleich mit der Industrialisierung in Europa
entwickelt hat, wird das Fragment im kulturellen Mainstream höher geschätzt als
die geschlossene Form. Die Avantgarde pflegt seit dem 19. Jahrhundert den
Gestus des Zertrümmerns: der Konventionen, der überlieferten künstlerischen
Formen, der Dekonstruktion des Subjekts und selbst in der Architektur werden
die Gebäude mehr als Gebilde von vorübergehendem Prozesscharakter gesehen, denn
als Bestände der Welt. Dieser Gestus des Zertrümmerns und der beständigen
Selbstüberbietung hat seinen lebensweltlichen Plausibilitätshintergrund in der
immer rascheren Veränderung der Welt durch den Prozess der fossilgetriebenen
Industrialisierung. Mit ihrem Wegfall oder ihrer Verlangsamung werden auch
kulturell die Karten neu gemischt und damit werden auch eher ruhige Bilder des
guten Lebens wieder ihre Chance haben.
*
Referat für die Tagung: »Das ›Gute Leben‹ mit der Natur. Lebensstile und
Naturschutz«, Vilm, Bundesnaturschutzakademie, Juli
2011.