Hartwig Berger
Paterna de Rivera oder
Die Verwandlung
Ein andalusisches Dorf in der Krise
Einst ernährte sich das andalusische
Dorf von der Landarbeit auf den Latifundien der Großgrundbesitzer, später auch
von der Arbeit in den Werften, auf dem Bau in den Städten und in der
Emigration. Heute ist es von hoher Arbeitslosigkeit geknebelt. Ein bisschen
abgepolstert, erzwingen nun Krise und Rückbau sozialer Leistungen den Zusammenhalt
der Familien und Nachbarschaftshilfe. Unser Autor kennt den Ort lange und
erkennt den Wandel. Er steht nicht gleich für ganz Spanien, aber doch für viele
ländliche Regionen, auch über Andalusien hinaus.
Paterna de
Rivera, ein Dorf von heute 5600 Einwohnern, erreiche ich von Cádiz mit dem
Linienbus. Wie vor 38 Jahren, als ich das erste Mal hier für zwei Monate lebte,
fährt der Bus zweimal pro Tag und endet weiterhin dort, wo Rufino seine Kneipe
betreibt. Er konnte sie 1963 mit Ersparnissen aus Bauarbeit und Gesang
eröffnen. Der 72-Jährige, ein vielfach ausgezeichneter und geehrter
Flamenco-Sänger, führt den Laden gemeinsam mit seinem Sohn José, zwei Familien
müssen mit seinen Einkünften versorgt werden. Rufino schließt auch heute nicht
vor Mitternacht und öffnet früh um 5 Uhr. Das ist die Zeit, in der sich früher
viele Landarbeiter vor dem Aufbruch in die Felder einfanden, Kaffee und oft
einen Kognak tranken. Wenn sie von den Verwaltern der Latifundien angefragt
waren, zogen oft Hunderte mit ihren Mopeds aufs Land; oder sie sammelten auf
eigene Rechnung Schnecken, Palmgräser, Wildgemüse, die sie an Zwischenhändler
verkauften. Bis in die 1980er-Jahre konnte man davon in der laufenden Saison
die Familie versorgen.
Diese Zeiten
sind lange vorbei. Die señoritos – wie man die Großgrundbesitzer allgemein
nennt – haben ihre Betriebe voll durchrationalisiert und mechanisiert. Für
Dauerarbeiten brauchen sie nur mehr den Verwalter, einige Fahrer für die
verschiedenen Maschinen und den zur Behinderung wilder Jagd unverzichtbaren
Wächter zu Pferde. Nur noch vereinzelt und zu ganz wenigen Arbeiten wie die
Weinernte oder den Gemüseanbau in Bewässerungszonen werden Tagelöhner
angefordert, immerhin zu festen Tarifen, die von den Landarbeitergewerkschaften
durchgesetzt worden sind. Die Landarbeit auf eigene Rechnung, das »sich das Leben suchen«, wie das hier heißt, kann selbst
als vorübergehender Broterwerb kaum mehr betrieben werden. Einer der wenigen,
der unter anderem vom Sammeln von Wildspargel tatsächlich noch, und nicht
ärmlich, lebte, war el Trompo, in seiner freien Zeit ein unermüdlicher
Kartenspieler bei Rufino. Doch er ist im vergangenen Jahr gestorben.
Prekäre Arbeit(slosigkeit) im Wandel
So trifft man
bei Rufino in der Frühe kaum noch Landarbeiter. Stark zurückgegangen ist auch
die Zahl derer, die in Industriebetrieben in der Bucht von Cádiz beschäftigt
sind. General Motors hat vor drei Jahren geschlossen und seinen Betrieb
»irgendwohin nach Osteuropa« verlagert. Unter den etwa 2000 Beschäftigten, die
entlassen wurden, waren auch einige Dutzend Paterneros. Die Werften, einst
Vorzeigebetriebe in Spaniens tiefem Süden, konnten sich jahrelang nur mit
staatlichen Subventionen »über Wasser« halten und sind inzwischen teilweise
geschlossen. Die verbleibenden Betriebe haben gegenwärtig kaum Aufträge, stehen
teilweise still oder überbrücken mit Kurzarbeit. Schon vor einiger Zeit sind
ältere Arbeiter in Frühpension geschickt worden, wobei gewerkschaftliches
Engagement, Streiks und Blockaden der neuen Autobrücke nach Cádiz immerhin für
akzeptable Rentenbezüge sorgten. Härter trifft es die zahlreichen zeitlich
befristet Eingestellten der Werften und Hilfsfirmen. Sie sind nur für die Dauer
der Arbeitsaufgabe eingestellt, stehen nicht unter Kündigungsschutz und
beziehen keine oder kaum Abfindungen. Bei ihnen handelt es sich überwiegend um
Pendler aus den Landorten der Provinz, wie aus Paterna.
Die drei
Söhne von Rafaela Martínez(1) und ein Enkel, der einzige im arbeitsfähigen Alter,
sind seit einiger Zeit bei Reinigungs- und Malertätigkeit im Schiffsbau
beschäftigt. Mit sofortigem Kündigungsrecht, wenn die Arbeit ausgeht. Sie sind
damit besser dran als zahllose andere Paterneros, die einst am Bau oder im
Schiffsbau beschäftigt waren. Ihr relatives Glück verdanken sie
verwandtschaftlichen Beziehungen mit dem Chef einer Zulieferfirma. Francisco,
Rafaelas ältester Sohn, setzt darauf, hier wenigstens für ein Jahr arbeiten zu
können. Erst dann hätte er Anspruch auf Arbeitslosengeld und kann mit etwas
Rücklagen an seinem noch unfertigen Haus weiterbauen, dessen Grundmauern sein
Vater vor 36 Jahren mit Emigrantengeld, verdient bei der Müllabfuhr in
Hannover, errichtet hat. Aber er hat Angst vor dieser Zeit und gibt freimütig
zu, unter dem Gefühl von Nutzlosigkeit und der Leere eines unausgefüllten Tages
zu leiden.
Zwanzig Jahre
Bauarbeit an der Küste bei Malaga haben Francisco nicht gereicht, um die
Rücklagen für die Vollendung seines Heims zusammenzukriegen. Doch war er vorsichtiger
als manche andere im Ort, die Häuserbau, Autos und/oder Mobiliar auf Kredit
finanzierten und jetzt nicht abbezahlen können. Denn wie Francisco Martínez
erging es in Paterna Hunderten: Mit dem Niedergang der Bauwirtschaft wurden sie
entlassen, viele bereits im Dauerzustand von einem und mehr Jahren. In den
Zeiten des spekulativ angeheizten Booms waren sie im Häuser- und Straßenbau an
der Küste tätig, in den Tourismuszentren, auf den Kanarischen Inseln oder in
einer Großstadt. Ihre Familien sahen sie meist nur zum Wochenende, bei weiteren
Entfernungen in noch größeren Abständen. Jetzt leben sie wieder im Heimatort,
doch beschäftigungslos, sofern sie nicht in Eigenarbeit oder in der ebenfalls
schrumpfenden grauen Ökonomie aktiv sein können. Gelingt das nicht, und ist das
inzwischen auf maximal ein halbes Jahr begrenzte Arbeitslosengeld ausgelaufen,
müssen sie mit 400 Euro Sozialhilfe monatlich auskommen; auch das nur, wenn sie
eine Familie zu ernähren haben. Die Bautätigkeit um und aus dem Ort selbst ruht
fast vollständig. Die etwa 30 Kleinbetriebe in Paterna sind entweder insolvent
oder liegen ohne Beschäftigte einfach still.
Der
Niedergang des Bausektors trifft die Menschen im ländlichen Andalusien
besonders schwer. Der jahrzehntelange Boom war eine Art wirtschaftliches
Auffangnetz für die schwindende Beschäftigung in der Großlandwirtschaft der
Señoritos – in vielen Orten wie Paterna gibt es nur wenige kleine Landbesitzer.
Der zweite
große Arbeitsmarkt vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren war Westeuropa.
In dieser Zeit war aus Paterna jeder zweite bis dritte erwachsene Mann aus Arbeiter-
oder ländlichem Kleinbürger-Milieu dort für kürzere, meist für längere Zeit
tätig, in der Regel ohne Familiennachzug. Rechnet man die damals angebotene
saisonale Landarbeit in Frankreich dazu, dürften es 50 bis 70 Prozent zeitweise
Wanderarbeiter gewesen sein.(2) Im Unterschied zur weit geringeren Arbeitswanderung
innerhalb Spaniens – aus Paterna, wie aus Andalusien insgesamt, vorwiegend nach
Katalonien – ist die übergroße Mehrheit der westeuropäischen Emigranten in den
Heimatort zurückgekehrt. Die meisten von ihnen sind heute im Rentenalter – mit
im Übrigen befremdlich geringen Bezügen, gerade aus Deutschland, wo die meisten
Paterneros als Ungelernte in niedrigen Lohnstufen arbeiteten. Dass die meisten
Emigranten-Familien im Ort geblieben sind, ist – neben einer weiterhin
überdurchschnittlichen Geburtenquote und Zuzug aus entlegeneren Dörfern – der
Grund dafür, dass die Einwohnerzahl in 40 Jahren um 2000 Personen zugenommen
hat.
Ländliche
Lohnarbeit spielt im heutigen Paterna nur eine geringe, die Arbeitsemigration
nach Westeuropa fast gar keine Rolle. Das, obwohl es im EU-Raum, im Unterschied
zu früher, keine Hinderungsgründe mit Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis gibt.
Der Ort Villamartín, wo die Arbeitsbehörde gezielt unter anderem Sprachkurse
anbietet, um junge Leute auf Arbeitssuche in Deutschland vorzubereiten, stellt
in der Provinz Cádiz bisher eine Ausnahme dar. Zwar könnten sich junge
Paterneros in einigen deutschen Städten auf eine Infrastruktur von Ortsnachbarn
inzwischen der zweiten Generation von Emigranten stützen, nehmen das aber nicht
wahr. Ein Hinderungsgrund dürfte der verbreitete Mangel an beruflicher
Ausbildung sein. Das Risiko, in den im Deutschland staatlich regelrecht
geschützten Niedriglohnsektor abzugleiten, ist zu groß.
So zog und
zieht es die Männer nach Ende der Arbeitsemigration vor allem in die Baubranche.
Manche brachen dafür Schule oder Ausbildung vorzeitig ab, irgendein fachspezifisches
Diplom war ja überflüssig; wie zuvor in der Landarbeit reichte eine kurze, oft
bereits in Familienarbeit erworbene Anlernphase aus, um genügend Geld zu verdienen
und einen bescheidenen Wohlstand zu erwerben. Die meisten Familien haben sich
in den vergangenen Jahren ein Haus bauen können in teilweiser, manchmal auch
gänzlicher Eigenarbeit, auf meist engem Raum und ohne jede Abstandsfläche zu
den Nachbarn. Fernsehen, Waschmaschine, Kühlschrank sind seit Jahrzehnten
Standard, in jüngerer Zeit auch die Klimaanlage, naheliegend wegen kaum
isoliertem Bauzustand und preistreibend durch hochgeschnellten Stromverbrauch.
Die männlichen Erwachsenen der jüngeren Generationen sind fast voll
motorisiert, das Auto hat das einstige Moped ersetzt.
Mit dem
Zusammenbruch des Bausektors und dem Fehlen alternativer Lohnarbeit ist
Massenarbeitslosigkeit wieder das Stigma des ländlichen Andalusien. Die Provinz
Cádiz ist trauriger »Spitzenreiter«, acht der zehn landesweit am meisten
betroffenen Orte befanden sich im April 2011 hier. Paterna lag mit 28 Prozent
registrierten Arbeitslosen spanienweit auf Platz drei.(3)
Allerdings sind nur diejenigen »registriert«, die Arbeitslosengeld oder eine
sonstige Unterstützung erhalten. Für viele Langzeitarbeitslose trifft das nicht
zu, etwa für alle unverheirateten Männer und Frauen. Die tatsächliche Arbeitslosigkeit
liegt also weit höher als die offizielle und beläuft sich nach Schätzungen örtlicher
Gewerkschaftler auf etwa 50 Prozent der aktiven Bevölkerung.
Leben ohne Lohnarbeit
Auffallend
viele Männer und Frauen sind weiterhin als LandarbeiterInnen deklariert. Das
erklärt sich aus einer Regelung, welche vor mehr als zwanzig Jahren als
Ergebnis erfolgreicher gewerkschaftlicher Kämpfe eingeführt wurde. Die
Arbeitslosigkeit auf dem Land war in Andalusien und Extremadura wegen der
dortigen Latifundienwirtschaft immer endemisch und verschärfte sich noch mit
fortschreitender Mechanisierung. Zunächst wurden arbeitslose Tagelöhner nach
andauernden Protesten vorübergehend für gemeinnützige Arbeiten wie
Straßenausbesserungen bezahlt. Später löste die regierende sozialistische
Partei ein Wahlversprechen ein, das ihr in beiden genannten Regionen lange zu
einer stabilen Mehrheit verhalf: Die Landarbeiterkarte (cartilla agraria)
wurde eingeführt. Wer auf ihr als LandarbeiterIn eingetragen ist, kann dann für
sechs Monate (früher sogar für ein Jahr) eine Arbeitslosenhilfe von 400 Euro
monatlich beziehen, wenn er oder sie mindestens 35 Tage lang für Lohn auf dem
Land gearbeitet hat.
Die
Einführung der Cartilla eröffnete vor allem Frauen in Landorten eine
bescheidene Einnahmequelle. Juani und Maria-Pilar, beides Schwestern von
Francisco Martínez, hatten früher kaum eine Chance, im Ort etwas zu verdienen.
Maria-Pilar schlug sich jahrelang mit schlecht bezahlter Haushaltsarbeit in
Cádiz durch. Schlechte Erfahrungen in verschiedenen Familien und im Alltag und
die Einsamkeit in der Großstadt begünstigten Depressionen. Mit dem Erwerb der
Cartilla kann sie wieder bei ihren Eltern in Paterna leben, arbeitet für wenige
Wochen auf den großflächigen Gemüsefeldern beim 25 Kilometer entfernten Ort
Casas Viejas, um den Rest der Monate von der Arbeitslosenhilfe zu leben. In
dieser Zeit hilft sie im Haushalt ihrer Mutter, treibt – wie inzwischen viele
Frauen – Sport aller Art, bildet sich im Kulturzentrum in Informationstechnik
weiter und liest gerne Bücher. Ihre Schwester Juani, seit Längerem als nun alleinstehende
Mutter geschieden, ergänzt die Cartilla, indem sie für Niedriglohn Putzen und
Ausmalen im Ort anbietet. Die Töchter der Familie Fernandez – um ein weiteres
Beispiel zu nennen – reisen mit ihren als arbeitslose Bauarbeiter registrierten
Brüdern je einmal pro Jahr zur Erdbeerernte der Provinz Huelva und zur
Weinernte der weltbekannten Sherry-Trauben bei Jerez und Sanlúcar. Neben
anderen kurzfristigen Arbeitsgelegenheiten und plus Cartilla reicht das bisher,
um ihre Ehe- oder Lebenspartner, die etwaigen Kinder und sich durchzubringen.
Gelingt es Inhabern der Cartilla nicht, die 35 Tage mit der immer spärlicher
gesäten Landarbeit offiziell zu summieren, müssen sie versuchen, mit Landbesitzern
inoffizielle Deals zu schließen. Zahlungen unter der Hand sind bei diesem aus
Not geborenen Schachzug unvermeidlich.
Die Folgen
der hohen Arbeitslosigkeit werden von der seit jeher stark verbreiteten informellen
Ökonomie etwas abgefedert. Die Bewirtschaftung von Gärten zum Eigenbedarf hat
in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Manchmal werden sie auf gepachtetem
Land angelegt, vorzugsweise, da kostenfrei, aber am Rand von Straßen und Wegen,
das Gemeindeland früherer Viehtriften nutzend. Material wie ausrangierte
Bretter und Plastikplanen dienen als Außenschutz. Oft ergänzt sich das mit der
Haltung von Hühnern, Puten oder Ziegen. Juan Orihuela etwa, in unsicherer
Zeitarbeit bei Cádiz, und seine Frau nutzen ein Terrain an der Straße, um eine
vielleicht hundertköpfige Ziegenherde unterzubringen. Andere haben sich auf die
Aufzucht von Welpen aus einer wertvollen Rasse von Jagdhunden spezialisiert, um
sie an Interessenten inner- wie außerhalb Paternas zu verkaufen. Manchmal
werden die Flachdächer der Wohnhäuser zur Zucht von Legehennen genutzt oder für
Rothühner – ein in Südwesteuropa verbreitetes Feldhuhn. Die dressierten
Exemplare werden als Lockvögel ausgesetzt, um ihre wilden Artgenossen vor die
Flinte von Hobbyjägern zu bringen. Überall werden Marder zur Kaninchenjagd
gezogen, denn die Jagd ist in Paterna nicht nur ein traditionell beliebtes
Männervergnügen, sondern vielfach ein ergänzender Unterhalt. Der Handel mit
Kaninchen floriert auch dann, wenn die Jagdsaison nicht offiziell eröffnet ist.
Die Umstände sind allerdings erschwert. Fernando Aguilar, schon lange
pensioniert, hat noch ausschließlich davon leben können, dass er nach der
herkömmlichen Regel a medias – die Hälfte geht an den Landeigentümer –
Kaninchen fing. Jedes Gut im Orts-Umkreis hatte damals mindestens einen
Kaninchenjäger angestellt. Heute ist es finanziell attraktiver, das Jagdrecht
an wohlhabende Angereiste zu vergeben. Außerdem hat die großflächige
Landwirtschaft die mit Maquis bewachsenen Restflächen deutlich verringert.
Wind der Zukunft?
Gibt es für
einen Ort wie Paterna Alternativen zur Minderung der Massenarbeitslosigkeit?
Die Partido Popular (PP) kündigt an, dass sie nach einer Machtübernahme landesweit
wieder ein nahezu unbeschränktes Baurecht in Geltung setzt, das von der
PSOE-Regierung unter strengere Kriterien gestellt worden ist. Die PP will mit
einer Neubelebung der wilden Spekulation der daniederliegenden Branche neue Impulse
geben. Sie setzt damit auf den Gewinn von Wählerstimmen auch und gerade unter
Bauarbeitern. Inhaltlich wäre das die Wiederholung einer bereits verlustreich
gescheiterten Wirtschaftspolitik. Andalusien braucht vielmehr den Aufbau eines
vielfältigen Gewerbes mit Zukunftsperspektiven. Vor einigen Jahrzehnten wurde
in Paterna viel darüber diskutiert, dass es erforderlich sei, Fabriken hierher
aufs Land zu ziehen, statt sie in urbanen Zentren zu ballen und die hier
lebenden Menschen zur Arbeitsemigration zu zwingen. Ernsthafte Versuche von
Gewerbeansiedlung hat das örtliche Rathaus trotz günstiger Verkehrsanbindungen
jedoch nicht unternommen. Erst und ausgerechnet zu Beginn der Krise wurde ein
drei Hektar großer polígono industrial vorbereitet, der sich bisher
durch asphaltierte Wege und sonst vollständige Leere auszeichnet. Nur wenig
entfernt vom Terrain drehen sich Maschinen, die in dieser windreichen Zone eine
große Zukunft haben: Paterna ist in drei Himmelsrichtungen von etwa 70
Windkraftanlagen umkreist, welche der in Nordspanien angesiedelte
Energiekonzern Iberdrola errichtet hat. Allerdings stützte und stützt Iberdrola
sich überwiegend auf eigenes, angereistes Personal und hat nur wenige Arbeiter
aus dem Ort für Fundament und Masten eingesetzt.
Gleichwohl
wäre der Sektor der solaren Energien eine Perspektive gerade für junge Menschen
aus der ländlichen Arbeiterschaft. Vor allem Südspanien verfügt über enorme
Potenziale für Wind und Sonnenkraft, deren Erschließung erst in den Anfängen
steckt. Ebenso wird gerade der äußerste Süden binnen weniger Jahre ein
Schwerpunkt für den Bau weiträumiger Stromtransporte zwischen Europa und
Nordafrika sein: Die Meerenge von Gibraltar ist die mit Abstand günstigste
Stelle, um die solare und äolische Stromerzeugung des nördlichen wie des
südlichen Mittelmeerraums miteinander zu vernetzen. Bei gezielter Politik ließe
sich in Andalusien auch entsprechendes produzierendes Gewerbe ansiedeln. So
wollen sich Werften bei Cádiz an der Herstellung von Offshore-Anlagen
beteiligen, insoweit sie in die Technik des Schiffsbaus integrierbar ist.
Jedoch hat die spanische Regierung bisher keine Regelungen zur Zulassung von
Offshore erlassen. Sie kommt damit den kurzsichtigen Interessen der Tourismus-
und Baubranche entgegen, die in den für Windkraft idealen Küstenzonen der
Provinzen Cádiz und Huelva solche Anlagen bisher erfolgreich verhindern
konnten.
Die in ihrer
Mehrheit arbeitslose Jugend Paternas bedarf beruflicher Weiterbildung, um in
der sich wandelnden Wirtschaftswelt Zukunftschancen zu haben. Man kann der spanischen
Arbeitsförderung nicht vorwerfen, dass sie keine Angebote macht. In Paterna
werden zurzeit in einem eigens errichteten Fortbildungszentrum fünf Kurse mit
verschiedenen Schwerpunkten durchgeführt. Obwohl kostenfrei, sind sie wenig und
insbesondere kaum von jungen Männern besucht. Ein Kurs in Elektrotechnik in
einem Nachbarort musste mangels Teilnahme abgeblasen werden – in dieser
zukünftigen Schwerpunktregion von Wind- und Sonnenstrom! In Fragen der
Arbeitsvorbereitung überwiegt in weiten Kreisen eine Haltung des Abwartens und
Nichtstuns.
Familie und öffentliches Leben
Die
unsicheren Lebensumstände haben die Familienbeziehungen stabilisiert. In der
Kernfamilie tragen alle mit ihren Einkünften zum gemeinsamen Unterhalt bei.
Auch in der weiteren Verwandtschaft hilft man sich. So gilt weiterhin die
Regel, eine sich ergebende Arbeitsgelegenheit zunächst den näheren Verwandten
anzubieten. Junge Leute leben, auch wenn längst erwachsen, überwiegend weiter
im Elternhaus. Haben sie einen Freund oder Freundin, zieht diese/r häufig dazu.
Noch in den 1970er-Jahren waren außereheliche sexuelle Beziehungen bei vielen
Menschen tabu, die heute umstandslos und ohne moralische Vorbehalte die
Liberalisierung der Geschlechterbeziehungen akzeptieren. Allerdings verfestigt
sich auch die traditionelle Geschlechterrolle in Hausarbeit und Erziehung. Da
die übergroße Mehrheit der Frauen kaum bis keine Aussicht selbst auf befristete
Lohnarbeit hat, bleibt sie weiterhin an Küche und Kinderbetreuung gebunden.
Immerhin ist die Gefahr der Vereinsamung nicht gegeben, da verwandte Frauen
sich häufig, oft täglich besuchen. Insbesondere die Beziehung der Mütter zu
ihren verheirateten Töchtern ist intensiv und eng. Maria Jiménez kann täglich
mit einem Besuch von zwei Töchtern rechnen, wobei die dritte und jüngste im
selben Haus lebt.
Das
öffentliche Leben im Ort hat im Vergleich zu früheren Jahren an Farbe und
Intensität verloren. Das ist teils Folge eines veränderten Lebensstils: Immer
mehr Menschen halten sich, wenn sie im Ort sind und nichts zu tun haben,
überwiegend zu Hause auf – und zumeist, anders als früher, ohne die einladende
offene Haustür. Das Wochenende wird im Sommer gerne zu Strandausflügen genutzt,
und den örtlichen Paseo, das abendliche Promenieren mit Partnerschau am
Wochenende, ersetzen viele Jugendliche durch einen Ausflug in Kino, Discos,
Partys und den Paseo größerer Städte. Autos sind dafür zur Genüge verfügbar.
Die Zahl der Kneipen hat in Paterna zwar nicht abgenommen, doch klagen die
Wirte über einen deutlichen Besucher- und Einnahmerückgang. Jüngere Männer
gehen, um zu sparen, weniger auf die Straße oder an die Theke, nur viele der
Älteren sind weiterhin der Regel treu, dass ein Mann, der nichts zu tun hat,
wenn er nicht schläft, sich in der Öffentlichkeit blicken lässt. So trifft man
die früheren Land- und Bauarbeiter vorzugsweise in zwei Seniorenzentren beim
Kartenspiel oder in geselligen Gruppen an schattigen Plätzen und Straßenecken.
Dass
Andalusier öffentliche Feste zu feiern wissen, ist bekannt. Feria, Romería,
Semana Santa, Weihnachten auf den Straßen und der Karneval erfreuen sich auch
in Paterna eines starken Zuspruchs. Regional bekannt und beliebt ist der
öffentliche Auflauf um Stiere, die am Ostersamstag und zur Feria mit den
üblichen Torero- und Mutproben durch die Ortsstraßen getrieben werden. Ein
Pamplona-Spektakel im Kleinen, hier dadurch begünstigt, dass eine aus Paterna
stammende Großgrundbesitzer-Familie Stierzucht auf großflächigen Weiden
betreibt. Der Ort hat zwei im Ligawettbewerb spielende Fußballvereine, vor
allem aber seit 25 Jahren den selbst verwalteten Kulturverein el Alcaucil,
mit dem hübschen Namen eines beliebten stachligen Wildgemüses. In bisher mehr
als fünfzig Ausgaben gibt er eine eigene Zeitschrift heraus. In ihr erscheinen
Beiträge zur Geschichte, zu Persönlichkeiten und der Alltagskultur im Ort,
ergänzt um Gedichte, Essays und auch mal philosophische Betrachtungen. Es
schreiben normale Ortsbewohner mit einfacher oder auch gar keiner
Berufsausbildung. Sie haben vom Verein edierte Bücher verfasst, etwa über die
lokale Kochkunst oder die Lebensgeschichte eines hiesigen Flamencosängers. Man
bemüht sich um die Erhaltung herkömmlicher Baustile – wie der maurischen Dächer
– oder alter Werkzeuge aus Handwerk und Landarbeit und engagiert sich in der
Pflege und Verbreitung von Flamenco-Gesang und Tanz. Der Verein hat über 200
Mitglieder und vor wenigen Jahren in Selbsthilfe und mit EU-Geldern ein eigenes
Zentrum errichtet.
Seit über 20
Jahren ist das Rathaus von Paterna, nicht untypisch für Andalusien, eine Domäne
der Sozialisten, des PSOE. Bis zur letzten Kommunalwahl, im Mai 2011, war die
rechte Partido Popular hier praktisch nicht präsent. Bei den Älteren, in
Erinnerung an die Grausamkeiten der Nationalisten im Bürgerkrieg und die
späteren Hungerjahre unter der Diktatur, hatte diese Partei ohnehin keine
Chance. Die Bürgermeister und ihr Team bemühten sich insbesondere darum, dem
bis in die 1980er-Jahre dörflichen, baumlosen und auch sonst kaum ausgestatteten
Landarbeiterort eine urbane Gestaltung zu geben. Plätze, Promenaden und
Spielplätze wurden angelegt, Bäume gepflanzt und überall Straßenbeleuchtungen
geschaffen. Zentren für berufliche und sonstige Fortbildung wurden errichtet,
Gedenktafeln und Monumente, kulturelle wie sportliche Aktivitäten aller Art
gefördert.
Ein
gigantisches Bauprojekt ist trotz des spanienweiten Zusammenbruchs der Immobilienwirtschaft
bisher nicht aufgegeben worden: Am Ortsrand und weit in die Landschaft
eingreifend soll ein Golfgelände mit Hotelkomplex, Ferien- und Zweitwohnungs-Siedlung
entstehen. Künstlich errichtete Seen sollen zum Baden und Promenieren einladen
– in einem Gebiet, das mit wenigen vereinzelten Bächen im Sommerhalbjahr
vollständig ausgetrocknet ist. Eine Entwicklungsgesellschaft wurde gegründet,
in öffentlich-privater Partnerschaft mit einer Immobilienfirma aus dem
Spekulations-Eldorado Marbella (Provinz Malaga). Das monströs erscheinende
Projekt soll just dort realisiert werden, wo die wenigen kleinen Bauern aus dem
Ort ihr Land besitzen. So besteht die sichtbare Hauptaktivität bisher darin,
die meist »renitenten« Landbesitzer mit festgesetzter Entschädigung zu
enteignen. Ihr Land soll dann zu günstigen Preisen an die erwähnte Immobilienfirma
verpachtet werden. Ansonsten erhöhen die Büro- und Planungskosten in mittlerweile
sieben Jahren die ohnehin starke Überschuldung des Rathauses. Mit rund sechs
Millionen Euro ist sie nur im andalusischen Relativvergleich »erträglich«. Die
benachbarte Stadt Jerez de la Frontera kann mit fast 900 Millionen Euro
Schulden und Zahlungsunfähigkeit in der Begleichung der anfallenden Zinsen
aufwarten. Zugleich leistet sich die Stadt bei 150.000 Einwohnern ein Heer von
2000 Angestellten, wobei zahlreiche leitende Posten nachweislich erheblich
höhere Bezüge als zulässig erhalten. Der politischen Fairness halber sei
angemerkt, dass die wohl 30-jährige Vettern- und Misswirtschaft von einer
Rathausmehrheit wechselnd zwischen Sozialisten und andalusischen Regionalisten
zu verantworten ist. Sie wurde jetzt von der neu gewählten Bürgermeisterin der
PP aufgedeckt und angeprangert.
Abwendung von der Politik
Wie reagieren
die Menschen in Paterna auf die Krise, die sozialen Kürzungen und die Massenarbeitslosigkeit?
Gegenwärtig in einer Mischung aus Passivität, Resignation und Verbitterung.
»Wir sind maßlos enttäuscht von Zapatero und von ihm und seinen Leuten betrogen
worden«, so der ehemalige Landarbeiter José Guerrero. »Er hat bei den Armen gekürzt
und die Reichen ungeschoren gelassen. Unsere Renten hat er gekürzt. Ich kann
davon mit meiner Frau gerade noch leben, aber meine fünf Söhne kann ich nicht
unterstützen. Sie sind alle lange arbeitslos und wissen nicht, wie sie ihre
Familien durchbringen sollen. – Ob ich wählen gehe? Das bringt nichts.
Jedenfalls nicht die Sozialisten, und auf keinen Fall Rajoy und seine Partei,
die PP, schließlich habe ich noch die Zeit von Franco erlebt, als die an der
Macht waren.«
Ganz
überwiegend wird die politische Klasse als unfähig und korrupt und nur auf den
eigenen Vorteil bedacht eingeschätzt. Und für Korruption können gerade aus
Andalusien mehr als genug Beispiele angeführt werden. »Du hast doch gelesen,
was die in Jerez mit dem Rathaus angestellt haben. Oder in El Puerto
de Santa Maria. Der alte
Bürgermeister steht jetzt schon das zweite Mal vor Gericht, weil er und seine
Kumpane reihenweise Geld für Baugenehmigungen in die Tasche gesteckt haben«, so
Valerio Clavijo, Angestellter und immerhin berufstätig.
Massive
Enttäuschung und Kritik an der Politik führt bisher nicht zu offen geäußertem
Protest. Auch bei den Kommunalwahlen konnte sich die PSOE in Paterna eine zwar
knappe Mehrheit sichern, doch die kapitalismuskritische »Vereinigte Linke«
legte – wie in Andalusien insgesamt – nur geringfügig zu. Allerdings zeigte die
Protestbewegung, die am 15. Mai in Madrid ihren spanienweiten Anfang nahm, auch
in diesem Landort Wirkung. Es bildete sich eine aktive Gruppe junger Leute. Sie
führte im Juni eine erste mehr symbolische Platzbesetzung durch, organisiert
Versammlungen und engagiert sich in einer kritischen Kontrolle der
Rathauspolitik. Die drei Gewerkschaften mit Landarbeiterbindung – CCOO, UGT und
SOC – hatten noch in den 1980er-Jahren eigene Läden im Ort. Sie sind inzwischen
geschlossen. Örtliche Versammlungen und Protestmärsche wie damals, die sich an
der Arbeitslosigkeit auf dem Land entzündeten, bleiben gegenwärtig aus.
Allerdings eignet sich der Bausektor wenig für Protest, wenn die Firmen weit
weg und vielfach in Insolvenz, die Entlassenen aber in den Heimatort
zurückgekehrt sind. Die Werftarbeiter an der Bucht von Cádiz waren jahrelang in
Arbeitskämpfen engagiert und haben damit Lohnzuwächse und soziale Sicherungen
durchgesetzt. An diesen Aktivitäten waren Arbeiter aus Paterna immer beteiligt,
doch eben außerhalb des Orts.
Bleibt die
Landarbeit und ihre derzeit für das ländliche Proletariat hoffnungslose Perspektive.
Ihre Bewertungen durchzieht gerade bei Menschen, die früher noch auf dem Land
gearbeitet haben, ein krasser Widerspruch. »Die Arbeit auf dem Land war einfach
das Letzte. Wir haben uns zu Tode geschuftet, wir wurden geschunden wie Vieh,
und der Lohn reichte nicht einmal, um satt zu werden. Man hatte Lust, die
Señoritos umzubringen, so haben sie uns das Blut aus den Adern gequetscht«, so
sang vor ein paar Jahren der inzwischen verstorbene Frasquitín, auch el Niño
de la Cava genannt. Die 1940er-Jahre der Franco-Diktatur sind den Älteren
als Zeit des Hungers noch geläufig. Und doch besang Frasquitín in vielen
Liedern die Reize der Landarbeit von einst und den Stolz der Landarbeiter auf
ihre durchaus qualifizierten Tätigkeiten. Mit dieser nostalgischen
Vergegenwärtigung der verlorenen Zeit steht er nicht allein. Der erwähnte
Kulturverein erarbeitet gerade eine Art Opera Buffa, in der Theater und Flamenco-Gesang
einander abwechseln. Thema ist das Leben früher in und um die Landarbeit, mit
seinen Licht- wie mit seinen Schattenseiten. Und als ich nach einigen Tagen
Paterna verlasse, lässt Rufino es sich nicht nehmen, mir aus seinen Versen über
die Reize von Land und Landarbeit einst vorzusingen. Hat er das doch selbst
erlebt – und erlitten.
1
Namen
sind verändert, mit Ausnahme von zwei bekannten Flamenco-Sängern.
2
Hartwig
Berger, Manfred Heßler, Barbara Kavemann: Brot für heute, Hunger für morgen.
Landarbeiter in Südspanien, Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag) 1978, S.
100 ff.
3
Nach
einer landesweiten Erhebung. Bericht im Diario de Cádiz, 10.5.11.