Michael Ackermann

 

Editorial

 

 

 

Noch immer, so heißt es, habe sich die FDP nach ihren Tiefs wieder erholt. Ist dieses Prinzip vielleicht ein Auslaufmodell? Aufstieg und Fall der FDP, durchaus mit Aufstieg und Fall des Ansehens der Börsen verknüpft (siehe S. 37), vollzieht sich jedenfalls mit Extremwerten. Vergegenwärtigt man sich die Parteien-Werte seit der Bundestagswahl 2009 bis zur jüngsten Berlin-Wahl, dann wird deutlich, wie schnell sich mittlerweile Auf- und Abstiegsprozesse vollziehen. Nach der SPD steht die CDU vor unabsehbaren Erosionsprozessen, weil ein alter Konservatismus der gesellschaftlichen Realität ebenso wenig entspricht wie Sozialdemokratisierung »light«. Auch die grüne Konjunktur lässt Verfallszeiten schon erahnen. Es riecht wieder nach Großer Koalition. Deren Odem dürfte die Piratenpartei beflügeln, während die Partei Die Linke so orthodox und selbstdestruktiv agiert, dass sie ganz alt wirkt.

Hinzuzufügen ist, dass sich die Konjunkturen der Wähler-Wanderung vor allem bei den Jüngeren beschleunigen. Begeisterung und Absage, In und Out gehören zum galoppierenden Zeitgeist. Der heißt seit Berlin Piratenpartei. Auch Julia Schramm, gebranntes Kind eines vermeintlichen Liberalismus der FDP, ist eine Aktivistin der Piraten. Wider die »grünen Spießer« sieht sie eine neue Bewegung auf einem »Marsch durch die Institutionen« – diesmal sind es die Netzwerke: »Wir befinden uns in einer Revolution, deren Ausmaß wir noch nicht realisiert haben. Die globale Vernetzung erfasst uns alle, ändert uns, bringt uns zusammen und offenbart uns. Das Internet ist ein lebenswerter Raum, der das Leben schöner macht, Zugang zu Kunst und Kultur und vor allem Wissen für alle ermöglicht. Ein Raum, in dem das menschliche Sein erfasst, gespeichert und ausgewertet wird. Wir befinden uns in einer neuen Epoche, der Metamoderne, und müssen diese nun gestalten. Aktiv.«

Der letzte Absatz aus »Wie ich Piratin wurde« (FAZ, 24.9.) hat den Tonfall von Heilslehre und Cyber-Positivismus (alles ist möglich!). Dazu passt, wenn Mark Zuckerberg von Facebook verspricht, dass in seinem neuen multimedialen Tagebuch jedes Individuum sein Leben dokumentieren könne. Zu diesen infantilen Fantasien stehen in einem scharfen Kontrast die sich häufenden Zusammenbrüche und Rückzüge ehemaliger Netzenthusiasten. Den Netzgründern stehen wegen der Destruktivkräfte des Netzes eh längst die Haare zu Berge (Die Zeit, 8.9.11, S. 27), und Miriam Meckel sieht im Hochgeschwindigkeitsleben den Sieg der Algorithmen über unsere Individualität.

Das »Netzwerkleben« kontrastiert teilweise extrem mit Lebensrealität und Zukunftsproblemen von Millionen junger Menschen. Die Spannung zwischen Verheißung und Enttäuschung beschleunigt zusammen mit den Werkzeugen der sozialen Medien jedoch auch soziale Bewegungen (S. 54 ff.). Gestaltungswillen und Anomie liegen sozialräumlich weit auseinander – gleichwohl prägt beides Gesellschaften als Ganzes.

Diese Symptome lassen sich nach Colin Crouch aus der Epoche des Neoliberalismus und der Postdemokratie erklären. In seinem neuen Buch Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus geht er davon aus, dass es sich bei ihm weniger um eine machtvolle Verschwörung als eine schleichende Gehirnwäsche ganzer Gesellschaften handelt. Am Anfang steht die Krise des Keynesianismus, die mit der Massenarbeitslosigkeit der 1970er-Jahre einsetzt und die Epoche des sozialen Ausgleichs beendet. »Die grundsätzliche moralische Überlegenheit des Staates über die Wirtschaft ist eine der vielen Eigenschaften demokratischer Gemeinwesen, die hinweggeschwemmt wurden, als sich der Staat der Forderung beugte, von der Wirtschaft zu lernen.« Crouch sieht den Widerspruch weniger zwischen Markt und Staat, sondern in Verschmelzungsprozessen von Markt und Staat einerseits und global agierenden Konzernen und Finanzinstituten andererseits. Diesem Widerspruch stehen nationale Politiken eher hilflos gegenüber. »Je mehr die Großkonzerne den Markt beherrschen, desto asymmetrischer wird das Verhältnis zwischen Regierung und Volk Wenn Politiken nationalen Sichtweisen verhaftet bleiben, dann ist das in »einer globalisierten Wirtschaft … nicht nur unrealistisch, es muss auch einen irrationalen Nationalismus befördern Genau diese Irrationalismen kann man in der Schulden- und Griechenlandkrise beobachten (Werner Polster, S. 6). Auch hier extrem beschleunigt.

Dagegen setzt Crouch auf zivilgesellschaftliche Kampagnen, auf die »Macht der Machtlosen«. Schon Ulrich Beck wollte die Konsumenten als machtvollen Korrekturfaktor ins Spiel bringen. Gelegentlich gelingt das. Wie aber soll das in einem unüberschaubaren Konsumalltag generell funktionieren, wenn dieser selbst eine kritische Schwelle längst überschritten hat? Diese Schwelle sieht Willfried Maier in seinem Essay über Wachstumsgrenzen als das eigentliche Problem (S. 47). Wenn unsere energiegesteuerte Produktionsweise nicht zum ökologischen Kollaps führen soll, braucht sie Entschleunigung und stabile Formbildung. Die hyperschnellen generierten Netzwerke der Finanzwelt symbolisieren das genaue Gegenteil. Auch Enthusiasten der sozialen Netzwerke müssten sich also auf die Auseinandersetzung um Entschleunigung und Stabilisierung einlassen. Auch das käme einer kulturrevolutionären Herausforderung gleich.

 

In: Kommune, Forum für Politik, Ökonomie, Kultur 5/2011