Balduin Winter
Ascheregen und
Lavabrodel
Von den Sagas in die Postmoderne –
isländische Literatur
Die Lebensweisen der Isländerinnen und
Isländer scheinen sich nicht sonderlich zu unterscheiden von denen in Europa oder Nordamerika,
jenen Kontinenten, auf die sich der Blick von der Insel aus am meisten richtet.
Tatsächlich gehört Island trotz seiner Abseitslage zu beiden Kontinenten, denn
es liegt geologisch sowohl auf der Nordamerikanischen als auch auf der
Eurasischen Platte, die allerdings beide auseinanderstreben. Bei Reykjanes gibt es aber, zumindest für das Auge, eine
rettende Brücke. Für den fundamentalen Zusammenhalt der wild zerklüfteten Insel
sorgt ein im Erdmantel lagernder Plume, ein Aufstrom sehr heißen
Gesteins aus dem Erdkern, der geschmolzenes vulkanisches Material quasi als
Klebemasse produziert – sozusagen der synthetisierte Grundwiderspruch, sonst
würde es wohl mindestens drei Eisländer geben. An Widersprüchen mangelt es
diesem terrestrischen Klebeprodukt nicht, selbst im hochtechnologisierten
Informationszeitalter zieht die Natur dem menschlichen Leben enge und spürbare
Grenzen. Nicht wenige zivilisationsmüde Touristen besuchen die Insel gerade
wegen ihrer Natursensationen und Wildnisse. Ins Auge springen Kargheit, oft
wüstenhafte Lavalandschaften, weite, windreiche Hochplateaus, Gletscher, das
Meer, der Garten, das Grab. Die als Erste hierher kamen, erwartete ein hartes
Leben.
Das ist eine
Hauptachse der Literatur: der schwierige Umgang mit einer rauen Natur und ihren
Dämonen, das Einwurzeln in diesem felsigen Boden, Familiengründungen, Gemeindebildungen,
immer wieder Kampf um eine ungewisse Identität, bald auch gegen außen, gegen
koloniale Unterwerfung, erst unter norwegische, dann lange Zeit unter dänische
Herrschaft; erst 1944 wurde Island ein souveräner Staat.
Schon seine Gründermythen sind voller
Widersprüche. Der
schwedische Wikinger Gardar Svarvarsson
überwintert 870 in Nordisland. Mit Hilfe dreier Raben sucht Flóki
Vilgerdarson nach dem Entdecker in Gardarsholmur. Darüber berichtet das Landnámabók,
das Buch der Besiedlung Islands, das 400 skandinavische Kolonisatoren zwischen
870 und 930 auflistet. Seine älteste Verschriftlichung (zwischen 1275 und 1280)
stammt von Sturla Thordarson,
dem Neffen des Skalden (Dichter) Snorri Sturluson. Dieser wiederum ist der Verfasser der
vierteiligen Snorra-Edda, einem Lehrbuch
für nordische höfische Dichter des Mittelalters zum Vortrag der Heldenlieder
der Edda und als Regelwerk für eigene Dichtkunst. Durch sie wird die
Lieder-Edda, diese Sammlung von 16 Götter- und 24 Heldenliedern, überhaupt erst
zugänglich gemacht. Island hat eine seit dieser Zeit durchgängige literarische
Tradition, die sich nicht zuletzt darin ausdrückt, dass IsländerInnen
mit ihrer heutigen Sprache noch mühelos das alte Isländisch lesen und verstehen
können.
Wie es sich
für Mythen gehört, bewegen sich ihre Themen in einer schwer begreifbaren
vorchristlichen Götter- und Heldenwelt des nordischen Kreises und der
europäischen Völkerwanderung in einem weiten Bogen bis zum Schwarzen Meer, denn
»die Wikinger« oder Normannen waren hoch wanderaktiv. Doch ist diese viel beforschte
»Edition« – der isländische Name Edda wird oft von editio
abgeleitet – als eine Art mittelalterliche Wissenssammlung wiederum nur
Ausgangspunkt früher literarischer Entfaltung, zu der schon das Landnámabók mit seinen biografischen Anekdoten
zählt; vor allem aber die im 13. und 14. Jahrhundert einsetzenden Íslendingasögur, die Isländersagas,
deren älteste die Geschichte der Landnahme metaphorisch variieren.
Wodurch
unterscheidet sich diese Literatur von aller damaligen europäischen so sehr? Im
Begleitband zur vierbändigen Neuausgabe der Isländersagas
im S.-Fischer-Verlag hebt Julia Zernack hervor,
»durch ihre Vielfalt und Qualität, durch das Ausmaß, in dem die Volkssprache
gegenüber dem Lateinischen zum Zuge kommt, und vor allem dadurch, dass sie
Textgattungen tradiert, die es außerhalb Islands nur selten oder gar nicht
gibt«. Es ist zudem eine gegenüber dem feudal zerklüfteten Europa junge Gründergesellschaft,
die in kleinen politischen Einheiten unter sehr widrigen Naturbedingungen ihr
Auskommen finden muss: hart arbeitende hierarchische Gemeinschaften, die durch
eben diese Bedingungen – dunkle eisige Winter – zu langen Ruhephasen gezwungen
ist, bei aller Lebenskargheit jedoch über »Zeit und Kalbshaut« (Sigurdur Nordal) verfügen, also
Muße zum Schreiben und Material für Pergament. Die Zeit wird genutzt, um das
Land, seine Unbilden und Schönheiten zu schildern und die eigenen Erlebnisse zu
dokumentieren – und das mit wenig religiösem Brimborium, aber viel Realismus.
Es geht um Existenzbehauptung und politische Identität. Literatur ist Selbstvergewisserung
einer unsicheren Situation. Erst später erfolgt die Koppelung an die frühe
Kirchengeschichte.
Angelpunkt
ist die Volkssprache und ihre Literarisierung. Vorgetragen wurde auf den
großen, aber auch kleineren Höfen, später auch in Kirchen und durch wandernde
Vorträger. »Lebensnerv des Volkes«, so Laxness, sind die Sagas schon früh und
bleiben es lange. Lebensgeschichte, Familien- und Bezirkschronik,
Einzelkonflikt und Gruppenfehde, Satire und phantastische Überhöhung sind
strukturbildende Momente der Sagas. Manche Literaturtheoretiker unterstellen
ihnen eine »große Dramaturgie« ähnlich der griechischen Tragödie: Konfliktaufbau,
Gruppierung der Personen um den Konflikt, Konfliktzuspitzung, Austragung des
Konflikts im Kampf oder in der Thing-Versammlung, Konfliktlösung.
Aber es gibt
auch märchenhafte oder satirische Sagas, auf die dieses Muster nicht passt. Vor
allem gilt es die Realität zu gestalten. Einen sehr guten und ästhetisch gelungenen
Eindruck vermitteln Tilman Spreckelsens
Nacherzählungen Der Mordbrand von Örnolfsdalur und
andere Isländer-Sagas mit Reproduktionen von Siebdrucken Kat Menschniks. Auf jeden Fall sind hier für spätere Literatur,
auch wenn es im weiteren Verlauf »Pausen« (etwa während der Reformation im 16.
Jahrhundert) oder Wellentäler gibt, schon viele Grundlagen gelegt. Kein Zufall,
dass moderne Autoren wie Laxness und Gudmundsson
gerne Analogien zu den Konflikten der Sagas ziehen.
Diametral entgegengesetzt zu dieser
Tradition erscheinen einige der »postmodernen« oder globalisierten Produkte der isländischen Literatur. Das
vormals vorwiegend Landwirtschaft, dann industriellen Fischfang betreibende Land
ist längst von den Lavaströmen einer gesellschaftlichen und ökonomischen
Umwälzung erfasst worden, die mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in den
Dienstleistungssektor getrieben hat, viele davon in die stürmischen Fjorde der
Finanzwelt. Eine ähnliche historische Kluft zwischen Alt und Neu gab es bereits
im Verlauf des 20. Jahrhunderts, der zum Sprung aus kolonialer Rückständigkeit
in den modernen Industriestaat (insbesondere der industriellen
Hochseefischerei) führte, zugleich den Stadt-Land-Widerspruch hervortrieb und zuspitzte, als Reykjavik zum übermächtigen
Zentrum wurde und Menschen aus allen Landesteilen aufsog. Halldór Kiljan Laxness (1902–1998), selbst Modernisierer und Brückenbauer
zur Tradition zugleich, hat diese Prozesse und Brüche kongenial ins Literarische
übersetzt.
Diese
»Übersetzung« mag angesichts der neuesten sozialen, politischen und ökonomischen
Erschütterungen ungleich schwerer sein. Einar Már Gudmundsson (Jg. 1954), mit Engel des Universums
(1993, dt. 1998) Autor eines der großartigsten Bücher der neueren
Island-Literatur, hat gleich den politischen Essay gewählt, als er sich mit der
prekären Lage seines Landes befasste: Wie man ein Land in den Abgrund führt.
Die Geschichte von Islands Ruin (2010). Die »fetten Jahre« zuvor basieren,
abgesehen von der Finanzblase, auf »verschwendetem realem Gemeinbesitz«: »dem
Fisch, den Rentenfonds und den staatlichen Betrieben«. Sein Krisenkonzept
greift auf eine Traditionslinie zurück: gemeinsames Arbeiten, gemeinsames
Wirtschaften. Auch breite Kreise der neuen Mittelschichten hätten sich durch
den Konsumismus der fetten Jahre blenden lassen,
hätten vergessen, worauf Islands Lebensgrundlagen beruhen.
Andri Snær Magnason (Jg. 1973) hat 2002 in seinem
Science-Fiction-Roman LoveStar die Umwälzungen
der Neuen Medien als Folie für eine skurrile Groteske genommen, um Gefahren
wachsender Überwachung in Fortsetzung von Orwells 1984 sowie den extremen
Glauben an den wissenschaftlichen Positivismus und den »Gott der Statistik« zu
skizzieren. Darin steckt schon die Warnung vor der Abkehr von und der
Zerstörung der Natur, ein Thema, das in seinem neuen Buch – auch er bedient
sich des Sachbuchgenres – Traumland. Was bleibt, wenn alles verkauft ist?
im Zentrum steht. Er verhöhnt die Hohlheit der flotten Marktmetaphern. Die
ewige Deadline vom Wirtschaftswachstum. Dieses, sagt er, »ist blind gegenüber
Krieg, Ausbeutung von Naturressourcen oder der Tatsache, dass zukünftige
Generationen horrende Schulden abzahlen müssen und dafür eine zerstörte Natur
erben«. Hier geht er weiter als der »rote« Gewerkschaftsmensch Gudmundsson. Der Stoffwechsel mit der Natur tritt in den Vordergrund.
Damit hakt der »grüne« Magnason
tief in den gordischen Knoten Islands ein.
Da hat die Literatur so ihre Probleme.
Mit den fetten Jahren umzugehen,
fällt zwar vielen AutorInnen gar nicht schwer. Die
Krise hingegen ist ihnen ein gewaltiges Problem – oder gar keines. Natürlich
ist niemand verpflichtet, am Puls der Zeit, am Zeitgeschehen entlangzuschreiben. Wie schon in der Saga-Zeit gibt es auch
heute eine große Themenvielfalt. Manche widmen sich dem historischen Roman wie
Einar Kárason, der in Versöhnung und Groll
jene blutige Phase im 13. Jahrhundert schildert, überliefert in der »Sturlunga Saga«, die mit der Machtübernahme durch den
fremden norwegischen König endet – was sich heute auch als Paraphrase auf den
Ausverkauf Islands an fremdes Kapital lesen lässt. Oder wie Elias Snaeland Jónsson (Jg. 1943), der
sich in seinem Thriller Runen die Edda-Interpretation der Nazis
vornimmt, die nach Thors Wunderwaffe suchten, und darauf eine fulminante
internationale tödliche Verfolgungsstory um geheime Pläne zu konstruieren, wie
man zu Odins Wunderbrunnen gelangen könnte.
Schon immer
stark vertreten sind die Bereiche der fantastischen (nicht Fantasy!) und der
Familienliteratur mit ihrem eher dokumentarischen Charakter. Hier gibt es echte
»Perlen« zu entdecken. Das ist aus dem Kernholz isländischer Existenz
geschnitzt, die Insel ist ein grundlegend von Naturgewalten bedrohtes Eiland.
Den Kampf mit den Elementarkräften ist man von alters her gewohnt. Doch hat
sich eine Reihe von AutorInnen auch an die
Gesellschaft und ihre neuen Bruchlinien herangewagt. Und sich ganz erstaunlich
zu den brennenden Fragen verhalten.
Gudmundur Óskarsson
(Jg. 1978) ködert mit dem Titel: Bankster
heißt das Tagebuch eines gekündigten kleinen Managers, dem die goldenen Felle
und die Frau davongeschwommen sind. Diese
Zusammenziehung aus »Bank« und »Gangster«, lässt eine kriminelle Erklärung des
Crashs vermuten. Doch Reflexion ist die Stärke des Buches nicht. Tatsächlich
wird der Finanzkrach behandelt wie in den alten Sagas – als eine Naturgewalt,
die den »Helden« überfällt. Verursacht scheint sie ihm von anonymer Menschenmacht,
kriminell eben, »gangsterhaft«. Man möchte wohl Mitleid mit dem Arbeitslosen
haben. Aber dieser, eben noch im Luxus lebend, ist unfähig zu jeder größeren
Entscheidung. Er schreibt. Tag eins, Tag 20, Tag X. Seine Befindlichkeit im
ungewohnten Strudel. Der ebbt ab. Er bleibt im flachen Wasser. Und schreibt
weiter. Chronist des Niedrigwasserstands. Erinnerungen an frühere Urlaube,
Ansichtskarten von Barcelona. Schließlich schreibt er nicht abgeschickte
Entwürfe an die Ex-Geliebte. Der alte Trennungsschmerz. Die alte Melancholie.
Die Finanzkrise zur Ich-Krise zusammengefaltet. Die ganz persönliche Brücke von
Reykjanes. Wahrscheinlich gibt es solcher nicht wenige.
Gudmundur Óskarssons Buch
mag man nehmen, wie man will. Immerhin wurde es mit dem Isländischen
Literaturpreis ausgezeichnet. Das Prädikat »Gesellschaftsporträt« ist auf jeden
Fall zu hoch gehängt.
Immer möchte man weg von hier in die
weite Welt, London,
Paris, Amerika, ins Große. Manche versuchen es, indem sie einfach das Kleine,
Island, hinter sich lassen. Oder aus dem Großen, etwa aus New York, der
Traumstadt, weltgewandt ins periphere Reykjavik zurückkehren. Es mit einem
Roman beehren wie Steinar Bragi (Jg. 1975) mit Frauen.
Eine Elementarkrise. Ohne Zweifel ein ganz schwieriges Buch.
Im Zentrum
steht eine jüngere Künstlerin, die sich nach einer gescheiterten Beziehung aus
den USA nach Reykjavik zurückzieht. Ein Banker hat ihr dort seine
hochgesicherte und komfortable Penthouse-Wohnung zur Verfügung gestellt. Eva
ist Alkoholikerin, doch zunächst nimmt sie die Realität sehr deutlich wahr:
»Die Fernsehnachrichten bestanden aus fast unverschämt aufgeblasenen
Bedeutungslosigkeiten… Eva bemerkte, dass kaum noch über Fisch, Seefahrt und
Fangquoten berichtet wurde. Stattdessen ging es in den meisten Nachrichten um
Finanz-Unternehmen und Banken: Glitnir, Landsbanki, Kaupthing. Dabei war
immer wieder von Expansion die Rede.« Es ist die Zeit
des großen Fiebers vor dem Infarkt. Bragi entwirft das Bild einer raffgierigen
Gesellschaft, der er die Metapher des »Raubtiers« zugrunde legt: »Unsere ganze
Kultur basiert darauf, dass irgendwann einmal einige Raubtiere beschlossen
haben, zusammen auf die Jagd zu gehen, um erfolgreicher zu sein.« Dieses Bild fokussiert er auf die Banker, »während die
Verlierer in Supermärkten nach Aas suchen«. In diesem nihilistischen Rahmen bewegt
sich seine Versuchsanordnung, wobei er im zweiten Teil »das Fernglas umdreht«,
auf die Innensicht der jungen Frau. Destruktion und Autodestruktion. Gewalt
gegen Frauen. Aber wer ist der Täter, sind die Täter? Bragi entwirft eine
schwer beschreibbare, stellenweise unerträgliche »Performance« des Eingesperrt-
und Ausgesetztseins. Alles verändert sich nun
ständig, Eva, das Personal, die Gegenstände, der Raum. Die Realität changiert
ins Wahnhafte, Wahn und Wirklichkeit sind nicht mehr unterscheidbar.
Effekte haschender
Thriller für den satten, gelangweilten Mittelstand? Oder Literatur als
Experimentierfeld für etwas wirklich Neues? Nur die Sozialkritik im ersten Teil
bietet festen Boden, da fühlt man sich sicher. Ungesichert kommt hingegen, ob
gelungen oder nicht, der literarische Hochseilakt von Steinar
Bragi daher. Das ist bei aller Spannung kein Krimi, niemand ermittelt, das
»Verbrechen« passiert vielleicht nur im Kopf einer Person. Das ist – vielleicht
– ein Versuch, den Schock der Finanz- und Gesellschaftskrise auf eine Person zu
konzentrieren, als schrille Inszenierung menschlicher Zerstörung durch den
Finanzgewaltfuror.
Hält man Hallgrímur Helgasons (Jg. 1959)
Roman 101 Reykjavík dagegen, in Island 1996 erschienen und Kultbuch
einer Generation, liest sich das so altmodisch wie viele Erfolge des Mainstream
von einst im Mai. Faulenzen, Drogen, Masturbieren, Partys, Saufen, Vögeln,
Nichtstun: Die Spaßgeneration. Ein schon gammelig gewordenes Innenstadt-Muttersöhnchen
schwängert Mamas Geliebte. Über 400 Seiten heroisches Ringen gegen die innere
Leere plus Codewörter (Bands, Marken). Auch mit solchen Büchern tauchte damals
Island plötzlich in den europäischen Literatursalons auf, stimmte ein in die
kurze Happy Hour des Westens mit dem eher missverstandenen anything
goes nach dem Untergang des europäischen Kommunismus.
Die
Finanzkrise hat Helgason verändert, sein einleitender
Kurzessay zu Niemandstal. Junge Literatur aus Island zeigt einen
nachdenklichen Autor, der die jähe Aufmerksamkeit des internationalen Literaturbetriebs
für Island um die Jahrhundertwende eher ironisiert, als junge, freche AutorInnen von der Insel wie »eine seltene Tierart in der
Savanne betrachtet« wurden. Heute macht er sich
kritische Gedanken über die Folgen der Finanzkrise und aktuell zu Libyen und
zum NATO-Einsatz. Ein Glück, meint er, dass so ein kleines Volk »der Welt
nichts zu geben hat als Gedichte und Geschichten«. In dem Band sind es einige
gute und berührende Erzählungen. Die Titelgeschichte von Gudmundur
Óskarsson, »Bald ein Niemandstal«, kommt geradezu
»schwebend« daher, ein alter Mann, vermutlich ein Bauer, Letzter in seinem
verlassenen Tal, der in seinen Erinnerungen zu den einst bewohnten Hütten
seiner Nachbarn einkehrt, bald wird er selbst sterben, und doch ist schon alles
vorbei. Das hat, anders als der eher enttäuschende Bankster,
eine ganz sensible, sehr schöne Balance. Denn in dieser Geschichte brodelt es,
ruhig zwar, aber intensiv.
Das passiert
öfter. Irgendwie machen es hier die SchriftstellerInnen
den aus dem Island-Plume gespeisten Vulkanen nach. Die produzieren dann und
wann etwas glühende Lava und Asche, brechen aber selten aus. Die Werbung macht
aber, ob Asche, Lava oder echter Ausbruch, alles zum großen Wurf. So bei Steinunn Sigurdardóttir (Jg.
1950) etwa, die vor Jahren mit dem sprachmächtigen Bestseller Der Zeitdieb (1997) international bekannt geworden ist und
einige gute Bücher nachgelegt hat. Inzwischen hat es mächtig gebrodelt, das
Wüten der »Expansionswikinger« brachte, so Gudmundsson,
»das Ende der Idylle«. Das scheint jedoch an Frau Sigurdardóttir
spurlos vorübergeglitten zu sein.
Ihr neues
Buch, Der gute Liebhaber, spielt zwar in der Welt der Großspekulanten
und Immobilienhaie, ist aber eine von allen gesellschaftlichen Wirrnissen
völlig abgehobene Story einer großen Lebensliebe, in die nochmal eine große
Liebe hineinfunkt, die Himmelsmacht eben. Muttersöhnchen und Milliardär
entführt auf Rat einer Jet-Set-Psychiaterin, die wiederum ihn heiß liebt, seine
Jugendgeliebte aus Island. Ein High-Society-Roman, konturlos die Figuren, mit
seitenlangen psychologischen Betrachtungen überfrachtet. Da kocht überhaupt
nichts. Ein ziemlich lieblos geschriebener Liebesroman. Mehr als ein müder
Aschenregen ist das nicht. Und die wirklich große Enttäuschung des
Island-Herbstes. Dass Steinunn Sigurdardóttir
schreiben kann, beweist sie zum wiederholten Mal mit der kleinen Erzählung
»Frau und Schaf« im Insel-Band Die schönsten Erzählungen Islands, eine
routiniert zusammengestellte Sammlung meist etablierter AutorInnen.
An
Nebensachen merkt man, dass der angebliche »Frauenroman Nr. 1«, Am liebsten
gut von Jónína Leósdóttir,
mitten in der Finanzkrise spielt. Hier verschwindet die größte Finanzblase im
Filibuster überbordender Geschwätzigkeit. 300 Seiten lang. Sogar das wirklich
Tragische versandet im Wortschwall. Eine Pfarrersgattin, ängstlich, konfliktscheu,
die aber immer nicht nur gut, sondern supergut sein
möchte; die ihr Riesen-Ego in einen Riesen-Anorak eingebildeter Selbstlosigkeit
hüllt. Die äußere Krise verschwindet im Sensationsplot: Gefühlsvulkane
brechen aus, Drogenkatastrophen, Krisen-Tsunamis, die Steuerfrau kriegt das
gebeutelte Familienschiff im tobenden Nordmeer der Globalisierung nicht mehr
klar …
In solch
rauen Zeiten werden Bücher wieder aufgelegt, die an frühere Umbrüche erinnern. Thórbergur Thórdarson (1888–1974)
markierte mit Briefe an Laura 1924 eine kleine Revolution in der
Inselliteratur. Mit Islands Adel (1938) liegt die fantastische
(Auto-)Biografie eines hochgelehrten Taugenichts vor, der sich mit Marx und
Nietzsche auskennt, in einer Heringsfabrik arbeitet und seiner himmlischen
Liebe natürlich vergeblich nachläuft. Scheitern in Freiheit, aber dem Leben
eins draufsetzen, das ist wohl sein Programm, zugleich ein Stil, der den Ring
frei macht für die Moderne.
Ein Neuerer
nach dem Zweiten Weltkrieg ist Indridi G. Thorsteinsson (1926–2000), der mit Taxi 79 ab Station
(1955) eine rasante Road & Love Story im Hemingway-Sound hinlegte. Egal
welcher Sound, die Geschichte des Taxifahrers Ragnar und der reichen,
verheirateten Gogo liest sich immer noch ganz stark.
Ganz einfach, eine kleine Geschichte, die letztlich schief und ganz verquer läuft, »Liebe als Totalschaden«, doch ganz dicht
weht einen der Hauch der Zeit an: So tickte der NATO-Stützpunkt Island damals.
Ein Pflichtbuch.
Und weist den
Weg dorthin, wo heute die Vulkane rauchen. Zunächst zu einem »Märchen«. Das
heißt, sein Autor, der heuer mit dem Nordischen Literaturpreis ausgezeichnete
Dichter Gyrdir Elíasson
(Jg. 1961), bezeichnet seinen Erstling aus 1987, Ein Eichhörnchen auf
Wanderschaft, selbst als Roman. Es ist eine poetische Reise, nicht ganz
Wirklichkeit und nicht nur Fantasie. Der junge Sigmar von einem einsamen Hof
verwandelt sich in ein Eichhörnchen und kommt in eine von Menschen fast
verlassene, vorwiegend von Tieren bewohnte Stadt. Aber Eichhörnchen gibt es in
Island gar nicht – oder nur in der Edda: Da sitzt oben auf der Weltenesche
Yggdrasil der Adler, unten die Schlange, und zwischen ihnen läuft Ratatosk, das Hörnchen, als Bote auf und ab, denn es kann sich
zwischen verschiedenen Welten bewegen. Auch Sigmar versucht sich eine neue Welt
zu erschaffen und bedient sich dabei allerlei oft unnütz erscheinender Dinge,
die ihm einen gänzlich veränderten Blick ermöglichen. Zugleich zeigt Elíasson die Bedrohtheit des
fantasievollen Spiels in der heute so engen Welt auf. Und wie wenig
selbstverständlich »Natur« selbst für Isländer ist. Denn das ist kein bezauberndes
Buch, ihm zugrunde liegt eine Poesie der Angst.
Geradezu das
Kontrastbuch dazu liefert Vigdís Grímsdóttir
(Jg. 1953). Dabei ist der langjährigen Lehrerin das Fantastische alles andere
denn fremd, hat sie doch selbst mit Das Mädchen im Wald (2002) ein
seltsam verrätseltes Buch verfasst. Die Geschichte
der Bíbí Ólafsdóttir
aber ist eine Hardcore-Dokumentation, das isländische Frauenbuch, eine
mit Vulkanbrodeln erzählte Lebensgeschichte von ganz weit unten. Bibi ist die
Tochter einer Wirtschafterin, der von zwölf Schwangerschaften zehn Kinder
überleben, wovon sie sechs in Pflege geben muss. Die Mutter hat das Elend satt
und verlässt plötzlich alle. Bibi wächst in der Barackensiedlung Múlakampur bei Reykjavik auf und entwickelt einen enormen
Überlebenswillen. Sie rennt zwar in alle möglichen Unheile,
oft durch Gewalt und Alkohol gekennzeichnete
Männerbeziehungen. Zugleich ist sie eine hellsichtige Elfenfrau, die mit ihrem
»zweiten Gesicht« Gefahren für andere Frauen erkennt. Sie kämpft sich durch
alle Niederungen, einen Aufenthalt in der Psychiatrie, die ständige Sorge um
die wachsende Zahl Kinder. Und doch berichten Bíbí
und Vigdís von einem »geglückten Leben« und liefern
zugleich eine Rundschau über die letzten fünfzig Jahre Islands.
Eine
Partnerin auf gleicher Augenhöhe in der Schilderung von Frauenschicksalen
findet Vigdís Grímsdóttir
in Kristín Steinsdóttir
(Jg. 1946) mit ihrem ruhigen, aber eindringlichen Roman Eigene Wege. Es
ist die Geschichte der 66-jährigen Witwe Siegtrud Kristbjörg Ólafsdóttir,
Zeitungsausträgerin in Reykjavik, die gerne zu Begräbnissen und
Leichenschmausen geht, in der Kirche singt, aber auch auf Vernissagen und
Versteigerungen. Seit dem Tod ihres Mannes kümmert sie sich um das
gesellschaftliche Leben. Sie stammt aus »ungeklärten Verhältnissen«, über den
Vater weiß sie kaum etwas, über den Vater ihrer Mutter schwebt ein Rätsel.
Dieses beginnt mit dem Koffer ihrer Mutter, der einen französischen Schal,
einen Bildband über Frankreich und ein Foto ihres Großvaters Magnús Pétursson enthält. Und
noch etwas: Siegtruds Finger der linken Hand sind wie
zu einer Flosse zusammengewachsen, eine Behinderung, die ihr viel Spott und
Erniedrigung eingebracht hat. Steinsdóttir erzählt
auf einer Erinnerungs- und einer Handlungsebene. Sie rollt alte Geschichten auf
und gibt dadurch der erstaunlichen Handlung eine besondere Tiefenschärfe. Das
ist gekonnt und vor allem schön. Es ist sogar wunderbar: Wie ein Mensch nach
einem harten und entbehrungsreichen Leben mit einer Selbstverständlichkeit
seine Dinge in die Hand nimmt, in die »Seehundflosse«, und einen sein Leben
verändernden Entschluss fasst. Eine Heldinnensaga.
Bleibt noch
einer, und der fügt sich da gut an. Óskar Árni Óskarsson (Jg. 1950) fällt
nicht nur durch den Titel seines Buches besonders auf: Das Glitzern der Heringsschuppe
in der Stirnlocke. Ein isländisches Familienporträt. Es ist, auf seine Art,
eine Saga, die im Winter 1920 einsetzt, als auf dem Tisch der Großmutter Stefanía in der Heringsbaracke in Siglufjördur
ihrem Sohn Stebbi das Bein amputiert wird und ein
nicht mehr entfernbarer Blutfleck ins Tischholz einsickert.
Óskarsson fährt 2005 durch Island und sucht die Orte
seiner Vorfahren auf. Im Gegensatz zu Huldar Breidfjörd, der in Liebe Isländer herumfährt, um
seine Landsleute kennenzulernen, erzählt er die Geschichte dieser Fahrt als
eine Geschichte in die Vergangenheit einer Familie, von der kaum noch jemand
lebt. Nordisland, der Hering, das Salzen, die eiskalten Winter, Auswanderungen
nach Amerika, Heimweh, Rückwanderungen. Ein Dichter taucht auf. Es sind kleine
Geschichten, Fragmente, es existieren nur noch ein paar alte Fotos und Briefe,
kaum ein Ort ist erhalten geblieben. Manchmal stellen Dichterzeilen die
Realität her. Papa war Chauffeur bei Esso. Das Haus existiert nicht mehr. Wir
leben in den Zimmern unserer Erinnerungen. Manchmal, wie die Arbeit mit den
Heringen, ist es bloßes Überleben, manchmal mehr. Aschenregen oder Lavabrodel.
Manchmal steht davon etwas in einem Buch. Meistens nicht.
Klaus
Böldl, Andreas Vollmer, Julia Zernack
(Hrsg.): Die Isländersagas in vier Bänden mit einem
Begleitband. Verschiedene ÜbersetzerInnen, Frankfurt
am Main (S. Fischer Verlag) 2011 (2676 S., 98,00 €)
Der
Mordbrand von Örnolfsdalur und andere Isländer-Sagas.
Nacherzählt von Tilman Spreckelsen, illustriert und
gestaltet von Kat Menschik. Nachwort Arthur Björgvin Bollason, Berlin (Galiani Verlag) 2011 (200 S., zahlr. farb.
Illustr., 24,99 €)
Einar
Már Gudmundsson: Wie man
ein Land in den Abgrund führt. Die Geschichte von Islands Ruin. Aus dem
Isländischen von Gudrun M. H. Kloes, München (Carl
Hanser Verlag) 2010 (208 S., 16,90 €)
Andri Snaer Magnason: LoveStar. Roman. Aus dem Isländischen von Tina Flecken. Köln (Bastei Lübbe Verlag) 2010 (300 S., 13,99 €)
Andri Snaer Magnason: Traumland. Was bleibt, wenn alles verkauft ist?
Aus dem Isländischen von Stefanie Fahrner, Freiburg
(orange-press) 2011 (288 S., 20,00 €)
Einar
Kárason: Versöhnung und Groll. Roman. Aus dem
Isländischen von Kristof Magnusson, München (btb Verlag) 2011 (192 S., 18,99 €)
Elias
Snaeland Jónsson: Runen.
Thriller. Aus dem Isländischen von Richard Kölbl, Berlin (Verlag Rütten & Loening) 2011 (416 S., 16,99 €)
Gudmundur Óskarsson: Bankster. Roman. Aus dem Isländischen von Anika Lüders,
Frankfurt am Main (Frankfurter Verlagsanstalt) 2011 (254 S., 22,90 €)
Steinar Bragi: Frauen. Roman. Aus dem Isländischen
von Kristof Magnusson, München (Verlag Antje
Kunstmann) 2011 (272 S., 19,90 €)
Hallgrímur Helgason: 101 Reykjavik. Roman. Aus dem Isländischen
von Karl-Ludwig Wetzig, Stuttgart (Clett-Kotta
Verlag) 2002, TB-Ausgabe: München (Deutscher Taschenbuch Verlag) 2011 (448 S.,
9,95 €)
Ursula
Giger, Jürg Glauser (Hrsg.): Niemandstal. Junge Literatur aus Island. Mit einem
Geleitwort von Hallgrímur Helgason,
München (dtv) 2011 (288 S., 8,90 €)
Steinunn Sigurdardóttir:
Der gute Liebhaber. Roman. Aus dem Isländischen von Coletta
Bührling, Reinbek (Rowohlt Verlag) 2011 (224 S.,
17,95 €)
Soffia Audur Birgisdóttir, Gert Kreutzer, Halldór Gudmundsson
(Hrsg.): Die schönsten Erzählungen Islands, Berlin (Insel Verlag) 2011 (336 S.,
8,95 €)
Jónína Leósdóttir: Am
liebsten gut. Roman. Aus dem Isländischen von Tina Flecken, Köln (Verlag Kiepenheuer
& Witsch) 2011 (304 S., 16,99 €)
Thórbergur Thórdarson: Islands Adel. Roman. Aus dem
Isländischen von Kristof Magnusson, Frankfurt am Main
(S. Fischer Verlag) 2011 (320 S., 18,95 €)
Indridi G. Thorsteinsson:
Taxi 79 ab Station. Roman. Aus dem Isländischen von Betty Wahl, Berlin (Transit
Verlag) 2011 (117 S., 14,80 €)
Gyrdir Elíasson: Ein
Eichhörnchen auf Wanderschaft. Roman. Aus dem Isländischen von Gert Kreutzer.
Illustriert von Laura Jurt, Zürich (Walde + Graf Verlag) 2011 (112 S., 18,95 €)
Vigdís Grímsdóttir: Die
Geschichte der Bíbí Ólafsdóttir.
Aus dem Isländischen von Christina Böhner, Schwülper (Cargo Verlag) 2011 (384 S., zahlr. Abb., 19,80
€)
Kristín Steinsdóttir:
Eigene Wege. Roman. Aus dem Isländischen von Tina Flecken, München (Verlag C.
H. Beck) 2009, TB-Ausgabe 2011 (127 S., 7,90 €)
Huldar Breidfjörd: Liebe
Isländer. Roman. Aus dem Isländischen von Gisa Marehn,
Berlin (Aufbau Verlag) 2011 (224 S., 16,95 €)
Óskar Árni Óskarsson: Das Glitzern der Heringsschuppe in der
Stirnlocke. Ein isländisches Familienporträt. Aus dem Isländischen von Betty
Wahl, Berlin (Transit Verlag) 2011 (120 S., 14,80 €)