Balduin Winter

 

Ascheregen und Lavabrodel

 

Von den Sagas in die Postmoderne – isländische Literatur

 

 

 

Die Lebensweisen der Isländerinnen und Isländer scheinen sich nicht sonderlich zu unterscheiden von denen in Europa oder Nordamerika, jenen Kontinenten, auf die sich der Blick von der Insel aus am meisten richtet. Tatsächlich gehört Island trotz seiner Abseitslage zu beiden Kontinenten, denn es liegt geologisch sowohl auf der Nordamerikanischen als auch auf der Eurasischen Platte, die allerdings beide auseinanderstreben. Bei Reykjanes gibt es aber, zumindest für das Auge, eine rettende Brücke. Für den fundamentalen Zusammenhalt der wild zerklüfteten Insel sorgt ein im Erdmantel lagernder Plume, ein Aufstrom sehr heißen Gesteins aus dem Erdkern, der geschmolzenes vulkanisches Material quasi als Klebemasse produziert – sozusagen der synthetisierte Grundwiderspruch, sonst würde es wohl mindestens drei Eisländer geben. An Widersprüchen mangelt es diesem terrestrischen Klebeprodukt nicht, selbst im hochtechnologisierten Informationszeitalter zieht die Natur dem menschlichen Leben enge und spürbare Grenzen. Nicht wenige zivilisationsmüde Touristen besuchen die Insel gerade wegen ihrer Natursensationen und Wildnisse. Ins Auge springen Kargheit, oft wüstenhafte Lavalandschaften, weite, windreiche Hochplateaus, Gletscher, das Meer, der Garten, das Grab. Die als Erste hierher kamen, erwartete ein hartes Leben.

Das ist eine Hauptachse der Literatur: der schwierige Umgang mit einer rauen Natur und ihren Dämonen, das Einwurzeln in diesem felsigen Boden, Familiengründungen, Gemeindebildungen, immer wieder Kampf um eine ungewisse Identität, bald auch gegen außen, gegen koloniale Unterwerfung, erst unter norwegische, dann lange Zeit unter dänische Herrschaft; erst 1944 wurde Island ein souveräner Staat.

 

Schon seine Gründermythen sind voller Widersprüche. Der schwedische Wikinger Gardar Svarvarsson überwintert 870 in Nordisland. Mit Hilfe dreier Raben sucht Flóki Vilgerdarson nach dem Entdecker in Gardarsholmur. Darüber berichtet das Landnámabók, das Buch der Besiedlung Islands, das 400 skandinavische Kolonisatoren zwischen 870 und 930 auflistet. Seine älteste Verschriftlichung (zwischen 1275 und 1280) stammt von Sturla Thordarson, dem Neffen des Skalden (Dichter) Snorri Sturluson. Dieser wiederum ist der Verfasser der vierteiligen Snorra-Edda, einem Lehrbuch für nordische höfische Dichter des Mittelalters zum Vortrag der Heldenlieder der Edda und als Regelwerk für eigene Dichtkunst. Durch sie wird die Lieder-Edda, diese Sammlung von 16 Götter- und 24 Heldenliedern, überhaupt erst zugänglich gemacht. Island hat eine seit dieser Zeit durchgängige literarische Tradition, die sich nicht zuletzt darin ausdrückt, dass IsländerInnen mit ihrer heutigen Sprache noch mühelos das alte Isländisch lesen und verstehen können.

Wie es sich für Mythen gehört, bewegen sich ihre Themen in einer schwer begreifbaren vorchristlichen Götter- und Heldenwelt des nordischen Kreises und der europäischen Völkerwanderung in einem weiten Bogen bis zum Schwarzen Meer, denn »die Wikinger« oder Normannen waren hoch wanderaktiv. Doch ist diese viel beforschte »Edition« – der isländische Name Edda wird oft von editio abgeleitet – als eine Art mittelalterliche Wissenssammlung wiederum nur Ausgangspunkt früher literarischer Entfaltung, zu der schon das Landnámabók mit seinen biografischen Anekdoten zählt; vor allem aber die im 13. und 14. Jahrhundert einsetzenden Íslendingasögur, die Isländersagas, deren älteste die Geschichte der Landnahme metaphorisch variieren.

Wodurch unterscheidet sich diese Literatur von aller damaligen europäischen so sehr? Im Begleitband zur vierbändigen Neuausgabe der Isländersagas im S.-Fischer-Verlag hebt Julia Zernack hervor, »durch ihre Vielfalt und Qualität, durch das Ausmaß, in dem die Volkssprache gegenüber dem Lateinischen zum Zuge kommt, und vor allem dadurch, dass sie Textgattungen tradiert, die es außerhalb Islands nur selten oder gar nicht gibt«. Es ist zudem eine gegenüber dem feudal zerklüfteten Europa junge Gründergesellschaft, die in kleinen politischen Einheiten unter sehr widrigen Naturbedingungen ihr Auskommen finden muss: hart arbeitende hierarchische Gemeinschaften, die durch eben diese Bedingungen – dunkle eisige Winter – zu langen Ruhephasen gezwungen ist, bei aller Lebenskargheit jedoch über »Zeit und Kalbshaut« (Sigurdur Nordal) verfügen, also Muße zum Schreiben und Material für Pergament. Die Zeit wird genutzt, um das Land, seine Unbilden und Schönheiten zu schildern und die eigenen Erlebnisse zu dokumentieren – und das mit wenig religiösem Brimborium, aber viel Realismus. Es geht um Existenzbehauptung und politische Identität. Literatur ist Selbstvergewisserung einer unsicheren Situation. Erst später erfolgt die Koppelung an die frühe Kirchengeschichte.

Angelpunkt ist die Volkssprache und ihre Literarisierung. Vorgetragen wurde auf den großen, aber auch kleineren Höfen, später auch in Kirchen und durch wandernde Vorträger. »Lebensnerv des Volkes«, so Laxness, sind die Sagas schon früh und bleiben es lange. Lebensgeschichte, Familien- und Bezirkschronik, Einzelkonflikt und Gruppenfehde, Satire und phantastische Überhöhung sind strukturbildende Momente der Sagas. Manche Literaturtheoretiker unterstellen ihnen eine »große Dramaturgie« ähnlich der griechischen Tragödie: Konfliktaufbau, Gruppierung der Personen um den Konflikt, Konfliktzuspitzung, Austragung des Konflikts im Kampf oder in der Thing-Versammlung, Konfliktlösung.

Aber es gibt auch märchenhafte oder satirische Sagas, auf die dieses Muster nicht passt. Vor allem gilt es die Realität zu gestalten. Einen sehr guten und ästhetisch gelungenen Eindruck vermitteln Tilman Spreckelsens Nacherzählungen Der Mordbrand von Örnolfsdalur und andere Isländer-Sagas mit Reproduktionen von Siebdrucken Kat Menschniks. Auf jeden Fall sind hier für spätere Literatur, auch wenn es im weiteren Verlauf »Pausen« (etwa während der Reformation im 16. Jahrhundert) oder Wellentäler gibt, schon viele Grundlagen gelegt. Kein Zufall, dass moderne Autoren wie Laxness und Gudmundsson gerne Analogien zu den Konflikten der Sagas ziehen.

 

Diametral entgegengesetzt zu dieser Tradition erscheinen einige der »postmodernen« oder globalisierten Produkte der isländischen Literatur. Das vormals vorwiegend Landwirtschaft, dann industriellen Fischfang betreibende Land ist längst von den Lavaströmen einer gesellschaftlichen und ökonomischen Umwälzung erfasst worden, die mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in den Dienstleistungssektor getrieben hat, viele davon in die stürmischen Fjorde der Finanzwelt. Eine ähnliche historische Kluft zwischen Alt und Neu gab es bereits im Verlauf des 20. Jahrhunderts, der zum Sprung aus kolonialer Rückständigkeit in den modernen Industriestaat (insbesondere der industriellen Hochseefischerei) führte, zugleich den Stadt-Land-Widerspruch hervortrieb und zuspitzte, als Reykjavik zum übermächtigen Zentrum wurde und Menschen aus allen Landesteilen aufsog. Halldór Kiljan Laxness (1902–1998), selbst Modernisierer und Brückenbauer zur Tradition zugleich, hat diese Prozesse und Brüche kongenial ins Literarische übersetzt.

Diese »Übersetzung« mag angesichts der neuesten sozialen, politischen und ökonomischen Erschütterungen ungleich schwerer sein. Einar Már Gudmundsson (Jg. 1954), mit Engel des Universums (1993, dt. 1998) Autor eines der großartigsten Bücher der neueren Island-Literatur, hat gleich den politischen Essay gewählt, als er sich mit der prekären Lage seines Landes befasste: Wie man ein Land in den Abgrund führt. Die Geschichte von Islands Ruin (2010). Die »fetten Jahre« zuvor basieren, abgesehen von der Finanzblase, auf »verschwendetem realem Gemeinbesitz«: »dem Fisch, den Rentenfonds und den staatlichen Betrieben«. Sein Krisenkonzept greift auf eine Traditionslinie zurück: gemeinsames Arbeiten, gemeinsames Wirtschaften. Auch breite Kreise der neuen Mittelschichten hätten sich durch den Konsumismus der fetten Jahre blenden lassen, hätten vergessen, worauf Islands Lebensgrundlagen beruhen.

Andri Snær Magnason (Jg. 1973) hat 2002 in seinem Science-Fiction-Roman LoveStar die Umwälzungen der Neuen Medien als Folie für eine skurrile Groteske genommen, um Gefahren wachsender Überwachung in Fortsetzung von Orwells 1984 sowie den extremen Glauben an den wissenschaftlichen Positivismus und den »Gott der Statistik« zu skizzieren. Darin steckt schon die Warnung vor der Abkehr von und der Zerstörung der Natur, ein Thema, das in seinem neuen Buch – auch er bedient sich des Sachbuchgenres – Traumland. Was bleibt, wenn alles verkauft ist? im Zentrum steht. Er verhöhnt die Hohlheit der flotten Marktmetaphern. Die ewige Deadline vom Wirtschaftswachstum. Dieses, sagt er, »ist blind gegenüber Krieg, Ausbeutung von Naturressourcen oder der Tatsache, dass zukünftige Generationen horrende Schulden abzahlen müssen und dafür eine zerstörte Natur erben«. Hier geht er weiter als der »rote« Gewerkschaftsmensch Gudmundsson. Der Stoffwechsel mit der Natur tritt in den Vordergrund. Damit hakt der »grüne« Magnason tief in den gordischen Knoten Islands ein.

 

Da hat die Literatur so ihre Probleme. Mit den fetten Jahren umzugehen, fällt zwar vielen AutorInnen gar nicht schwer. Die Krise hingegen ist ihnen ein gewaltiges Problem – oder gar keines. Natürlich ist niemand verpflichtet, am Puls der Zeit, am Zeitgeschehen entlangzuschreiben. Wie schon in der Saga-Zeit gibt es auch heute eine große Themenvielfalt. Manche widmen sich dem historischen Roman wie Einar Kárason, der in Versöhnung und Groll jene blutige Phase im 13. Jahrhundert schildert, überliefert in der »Sturlunga Saga«, die mit der Machtübernahme durch den fremden norwegischen König endet – was sich heute auch als Paraphrase auf den Ausverkauf Islands an fremdes Kapital lesen lässt. Oder wie Elias Snaeland Jónsson (Jg. 1943), der sich in seinem Thriller Runen die Edda-Interpretation der Nazis vornimmt, die nach Thors Wunderwaffe suchten, und darauf eine fulminante internationale tödliche Verfolgungsstory um geheime Pläne zu konstruieren, wie man zu Odins Wunderbrunnen gelangen könnte.

Schon immer stark vertreten sind die Bereiche der fantastischen (nicht Fantasy!) und der Familienliteratur mit ihrem eher dokumentarischen Charakter. Hier gibt es echte »Perlen« zu entdecken. Das ist aus dem Kernholz isländischer Existenz geschnitzt, die Insel ist ein grundlegend von Naturgewalten bedrohtes Eiland. Den Kampf mit den Elementarkräften ist man von alters her gewohnt. Doch hat sich eine Reihe von AutorInnen auch an die Gesellschaft und ihre neuen Bruchlinien herangewagt. Und sich ganz erstaunlich zu den brennenden Fragen verhalten.

Gudmundur Óskarsson (Jg. 1978) ködert mit dem Titel: Bankster heißt das Tagebuch eines gekündigten kleinen Managers, dem die goldenen Felle und die Frau davongeschwommen sind. Diese Zusammenziehung aus »Bank« und »Gangster«, lässt eine kriminelle Erklärung des Crashs vermuten. Doch Reflexion ist die Stärke des Buches nicht. Tatsächlich wird der Finanzkrach behandelt wie in den alten Sagas – als eine Naturgewalt, die den »Helden« überfällt. Verursacht scheint sie ihm von anonymer Menschenmacht, kriminell eben, »gangsterhaft«. Man möchte wohl Mitleid mit dem Arbeitslosen haben. Aber dieser, eben noch im Luxus lebend, ist unfähig zu jeder größeren Entscheidung. Er schreibt. Tag eins, Tag 20, Tag X. Seine Befindlichkeit im ungewohnten Strudel. Der ebbt ab. Er bleibt im flachen Wasser. Und schreibt weiter. Chronist des Niedrigwasserstands. Erinnerungen an frühere Urlaube, Ansichtskarten von Barcelona. Schließlich schreibt er nicht abgeschickte Entwürfe an die Ex-Geliebte. Der alte Trennungsschmerz. Die alte Melancholie. Die Finanzkrise zur Ich-Krise zusammengefaltet. Die ganz persönliche Brücke von Reykjanes. Wahrscheinlich gibt es solcher nicht wenige. Gudmundur Óskarssons Buch mag man nehmen, wie man will. Immerhin wurde es mit dem Isländischen Literaturpreis ausgezeichnet. Das Prädikat »Gesellschaftsporträt« ist auf jeden Fall zu hoch gehängt.

 

Immer möchte man weg von hier in die weite Welt, London, Paris, Amerika, ins Große. Manche versuchen es, indem sie einfach das Kleine, Island, hinter sich lassen. Oder aus dem Großen, etwa aus New York, der Traumstadt, weltgewandt ins periphere Reykjavik zurückkehren. Es mit einem Roman beehren wie Steinar Bragi (Jg. 1975) mit Frauen. Eine Elementarkrise. Ohne Zweifel ein ganz schwieriges Buch.

Im Zentrum steht eine jüngere Künstlerin, die sich nach einer gescheiterten Beziehung aus den USA nach Reykjavik zurückzieht. Ein Banker hat ihr dort seine hochgesicherte und komfortable Penthouse-Wohnung zur Verfügung gestellt. Eva ist Alkoholikerin, doch zunächst nimmt sie die Realität sehr deutlich wahr: »Die Fernsehnachrichten bestanden aus fast unverschämt aufgeblasenen Bedeutungslosigkeiten… Eva bemerkte, dass kaum noch über Fisch, Seefahrt und Fangquoten berichtet wurde. Stattdessen ging es in den meisten Nachrichten um Finanz-Unternehmen und Banken: Glitnir, Landsbanki, Kaupthing. Dabei war immer wieder von Expansion die Rede Es ist die Zeit des großen Fiebers vor dem Infarkt. Bragi entwirft das Bild einer raffgierigen Gesellschaft, der er die Metapher des »Raubtiers« zugrunde legt: »Unsere ganze Kultur basiert darauf, dass irgendwann einmal einige Raubtiere beschlossen haben, zusammen auf die Jagd zu gehen, um erfolgreicher zu sein Dieses Bild fokussiert er auf die Banker, »während die Verlierer in Supermärkten nach Aas suchen«. In diesem nihilistischen Rahmen bewegt sich seine Versuchsanordnung, wobei er im zweiten Teil »das Fernglas umdreht«, auf die Innensicht der jungen Frau. Destruktion und Autodestruktion. Gewalt gegen Frauen. Aber wer ist der Täter, sind die Täter? Bragi entwirft eine schwer beschreibbare, stellenweise unerträgliche »Performance« des Eingesperrt- und Ausgesetztseins. Alles verändert sich nun ständig, Eva, das Personal, die Gegenstände, der Raum. Die Realität changiert ins Wahnhafte, Wahn und Wirklichkeit sind nicht mehr unterscheidbar.

Effekte haschender Thriller für den satten, gelangweilten Mittelstand? Oder Literatur als Experimentierfeld für etwas wirklich Neues? Nur die Sozialkritik im ersten Teil bietet festen Boden, da fühlt man sich sicher. Ungesichert kommt hingegen, ob gelungen oder nicht, der literarische Hochseilakt von Steinar Bragi daher. Das ist bei aller Spannung kein Krimi, niemand ermittelt, das »Verbrechen« passiert vielleicht nur im Kopf einer Person. Das ist – vielleicht – ein Versuch, den Schock der Finanz- und Gesellschaftskrise auf eine Person zu konzentrieren, als schrille Inszenierung menschlicher Zerstörung durch den Finanzgewaltfuror.

 

Hält man Hallgrímur Helgasons (Jg. 1959) Roman 101 Reykjavík dagegen, in Island 1996 erschienen und Kultbuch einer Generation, liest sich das so altmodisch wie viele Erfolge des Mainstream von einst im Mai. Faulenzen, Drogen, Masturbieren, Partys, Saufen, Vögeln, Nichtstun: Die Spaßgeneration. Ein schon gammelig gewordenes Innenstadt-Muttersöhnchen schwängert Mamas Geliebte. Über 400 Seiten heroisches Ringen gegen die innere Leere plus Codewörter (Bands, Marken). Auch mit solchen Büchern tauchte damals Island plötzlich in den europäischen Literatursalons auf, stimmte ein in die kurze Happy Hour des Westens mit dem eher missverstandenen anything goes nach dem Untergang des europäischen Kommunismus.

Die Finanzkrise hat Helgason verändert, sein einleitender Kurzessay zu Niemandstal. Junge Literatur aus Island zeigt einen nachdenklichen Autor, der die jähe Aufmerksamkeit des internationalen Literaturbetriebs für Island um die Jahrhundertwende eher ironisiert, als junge, freche AutorInnen von der Insel wie »eine seltene Tierart in der Savanne betrachtet« wurden. Heute macht er sich kritische Gedanken über die Folgen der Finanzkrise und aktuell zu Libyen und zum NATO-Einsatz. Ein Glück, meint er, dass so ein kleines Volk »der Welt nichts zu geben hat als Gedichte und Geschichten«. In dem Band sind es einige gute und berührende Erzählungen. Die Titelgeschichte von Gudmundur Óskarsson, »Bald ein Niemandstal«, kommt geradezu »schwebend« daher, ein alter Mann, vermutlich ein Bauer, Letzter in seinem verlassenen Tal, der in seinen Erinnerungen zu den einst bewohnten Hütten seiner Nachbarn einkehrt, bald wird er selbst sterben, und doch ist schon alles vorbei. Das hat, anders als der eher enttäuschende Bankster, eine ganz sensible, sehr schöne Balance. Denn in dieser Geschichte brodelt es, ruhig zwar, aber intensiv.

Das passiert öfter. Irgendwie machen es hier die SchriftstellerInnen den aus dem Island-Plume gespeisten Vulkanen nach. Die produzieren dann und wann etwas glühende Lava und Asche, brechen aber selten aus. Die Werbung macht aber, ob Asche, Lava oder echter Ausbruch, alles zum großen Wurf. So bei Steinunn Sigurdardóttir (Jg. 1950) etwa, die vor Jahren mit dem sprachmächtigen Bestseller Der Zeitdieb (1997) international bekannt geworden ist und einige gute Bücher nachgelegt hat. Inzwischen hat es mächtig gebrodelt, das Wüten der »Expansionswikinger« brachte, so Gudmundsson, »das Ende der Idylle«. Das scheint jedoch an Frau Sigurdardóttir spurlos vorübergeglitten zu sein.

Ihr neues Buch, Der gute Liebhaber, spielt zwar in der Welt der Großspekulanten und Immobilienhaie, ist aber eine von allen gesellschaftlichen Wirrnissen völlig abgehobene Story einer großen Lebensliebe, in die nochmal eine große Liebe hineinfunkt, die Himmelsmacht eben. Muttersöhnchen und Milliardär entführt auf Rat einer Jet-Set-Psychiaterin, die wiederum ihn heiß liebt, seine Jugendgeliebte aus Island. Ein High-Society-Roman, konturlos die Figuren, mit seitenlangen psychologischen Betrachtungen überfrachtet. Da kocht überhaupt nichts. Ein ziemlich lieblos geschriebener Liebesroman. Mehr als ein müder Aschenregen ist das nicht. Und die wirklich große Enttäuschung des Island-Herbstes. Dass Steinunn Sigurdardóttir schreiben kann, beweist sie zum wiederholten Mal mit der kleinen Erzählung »Frau und Schaf« im Insel-Band Die schönsten Erzählungen Islands, eine routiniert zusammengestellte Sammlung meist etablierter AutorInnen.

An Nebensachen merkt man, dass der angebliche »Frauenroman Nr. 1«, Am liebsten gut von Jónína Leósdóttir, mitten in der Finanzkrise spielt. Hier verschwindet die größte Finanzblase im Filibuster überbordender Geschwätzigkeit. 300 Seiten lang. Sogar das wirklich Tragische versandet im Wortschwall. Eine Pfarrersgattin, ängstlich, konfliktscheu, die aber immer nicht nur gut, sondern supergut sein möchte; die ihr Riesen-Ego in einen Riesen-Anorak eingebildeter Selbstlosigkeit hüllt. Die äußere Krise verschwindet im Sensationsplot: Gefühlsvulkane brechen aus, Drogenkatastrophen, Krisen-Tsunamis, die Steuerfrau kriegt das gebeutelte Familienschiff im tobenden Nordmeer der Globalisierung nicht mehr klar …

 

In solch rauen Zeiten werden Bücher wieder aufgelegt, die an frühere Umbrüche erinnern. Thórbergur Thórdarson (1888–1974) markierte mit Briefe an Laura 1924 eine kleine Revolution in der Inselliteratur. Mit Islands Adel (1938) liegt die fantastische (Auto-)Biografie eines hochgelehrten Taugenichts vor, der sich mit Marx und Nietzsche auskennt, in einer Heringsfabrik arbeitet und seiner himmlischen Liebe natürlich vergeblich nachläuft. Scheitern in Freiheit, aber dem Leben eins draufsetzen, das ist wohl sein Programm, zugleich ein Stil, der den Ring frei macht für die Moderne.

Ein Neuerer nach dem Zweiten Weltkrieg ist Indridi G. Thorsteinsson (1926–2000), der mit Taxi 79 ab Station (1955) eine rasante Road & Love Story im Hemingway-Sound hinlegte. Egal welcher Sound, die Geschichte des Taxifahrers Ragnar und der reichen, verheirateten Gogo liest sich immer noch ganz stark. Ganz einfach, eine kleine Geschichte, die letztlich schief und ganz verquer läuft, »Liebe als Totalschaden«, doch ganz dicht weht einen der Hauch der Zeit an: So tickte der NATO-Stützpunkt Island damals. Ein Pflichtbuch.

Und weist den Weg dorthin, wo heute die Vulkane rauchen. Zunächst zu einem »Märchen«. Das heißt, sein Autor, der heuer mit dem Nordischen Literaturpreis ausgezeichnete Dichter Gyrdir Elíasson (Jg. 1961), bezeichnet seinen Erstling aus 1987, Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft, selbst als Roman. Es ist eine poetische Reise, nicht ganz Wirklichkeit und nicht nur Fantasie. Der junge Sigmar von einem einsamen Hof verwandelt sich in ein Eichhörnchen und kommt in eine von Menschen fast verlassene, vorwiegend von Tieren bewohnte Stadt. Aber Eichhörnchen gibt es in Island gar nicht – oder nur in der Edda: Da sitzt oben auf der Weltenesche Yggdrasil der Adler, unten die Schlange, und zwischen ihnen läuft Ratatosk, das Hörnchen, als Bote auf und ab, denn es kann sich zwischen verschiedenen Welten bewegen. Auch Sigmar versucht sich eine neue Welt zu erschaffen und bedient sich dabei allerlei oft unnütz erscheinender Dinge, die ihm einen gänzlich veränderten Blick ermöglichen. Zugleich zeigt Elíasson die Bedrohtheit des fantasievollen Spiels in der heute so engen Welt auf. Und wie wenig selbstverständlich »Natur« selbst für Isländer ist. Denn das ist kein bezauberndes Buch, ihm zugrunde liegt eine Poesie der Angst.

Geradezu das Kontrastbuch dazu liefert Vigdís Grímsdóttir (Jg. 1953). Dabei ist der langjährigen Lehrerin das Fantastische alles andere denn fremd, hat sie doch selbst mit Das Mädchen im Wald (2002) ein seltsam verrätseltes Buch verfasst. Die Geschichte der Bíbí Ólafsdóttir aber ist eine Hardcore-Dokumentation, das isländische Frauenbuch, eine mit Vulkanbrodeln erzählte Lebensgeschichte von ganz weit unten. Bibi ist die Tochter einer Wirtschafterin, der von zwölf Schwangerschaften zehn Kinder überleben, wovon sie sechs in Pflege geben muss. Die Mutter hat das Elend satt und verlässt plötzlich alle. Bibi wächst in der Barackensiedlung Múlakampur bei Reykjavik auf und entwickelt einen enormen Überlebenswillen. Sie rennt zwar in alle möglichen Unheile, oft durch Gewalt und Alkohol gekennzeichnete Männerbeziehungen. Zugleich ist sie eine hellsichtige Elfenfrau, die mit ihrem »zweiten Gesicht« Gefahren für andere Frauen erkennt. Sie kämpft sich durch alle Niederungen, einen Aufenthalt in der Psychiatrie, die ständige Sorge um die wachsende Zahl Kinder. Und doch berichten Bíbí und Vigdís von einem »geglückten Leben« und liefern zugleich eine Rundschau über die letzten fünfzig Jahre Islands.

Eine Partnerin auf gleicher Augenhöhe in der Schilderung von Frauenschicksalen findet Vigdís Grímsdóttir in Kristín Steinsdóttir (Jg. 1946) mit ihrem ruhigen, aber eindringlichen Roman Eigene Wege. Es ist die Geschichte der 66-jährigen Witwe Siegtrud Kristbjörg Ólafsdóttir, Zeitungsausträgerin in Reykjavik, die gerne zu Begräbnissen und Leichenschmausen geht, in der Kirche singt, aber auch auf Vernissagen und Versteigerungen. Seit dem Tod ihres Mannes kümmert sie sich um das gesellschaftliche Leben. Sie stammt aus »ungeklärten Verhältnissen«, über den Vater weiß sie kaum etwas, über den Vater ihrer Mutter schwebt ein Rätsel. Dieses beginnt mit dem Koffer ihrer Mutter, der einen französischen Schal, einen Bildband über Frankreich und ein Foto ihres Großvaters Magnús Pétursson enthält. Und noch etwas: Siegtruds Finger der linken Hand sind wie zu einer Flosse zusammengewachsen, eine Behinderung, die ihr viel Spott und Erniedrigung eingebracht hat. Steinsdóttir erzählt auf einer Erinnerungs- und einer Handlungsebene. Sie rollt alte Geschichten auf und gibt dadurch der erstaunlichen Handlung eine besondere Tiefenschärfe. Das ist gekonnt und vor allem schön. Es ist sogar wunderbar: Wie ein Mensch nach einem harten und entbehrungsreichen Leben mit einer Selbstverständlichkeit seine Dinge in die Hand nimmt, in die »Seehundflosse«, und einen sein Leben verändernden Entschluss fasst. Eine Heldinnensaga.

Bleibt noch einer, und der fügt sich da gut an. Óskar Árni Óskarsson (Jg. 1950) fällt nicht nur durch den Titel seines Buches besonders auf: Das Glitzern der Heringsschuppe in der Stirnlocke. Ein isländisches Familienporträt. Es ist, auf seine Art, eine Saga, die im Winter 1920 einsetzt, als auf dem Tisch der Großmutter Stefanía in der Heringsbaracke in Siglufjördur ihrem Sohn Stebbi das Bein amputiert wird und ein nicht mehr entfernbarer Blutfleck ins Tischholz einsickert. Óskarsson fährt 2005 durch Island und sucht die Orte seiner Vorfahren auf. Im Gegensatz zu Huldar Breidfjörd, der in Liebe Isländer herumfährt, um seine Landsleute kennenzulernen, erzählt er die Geschichte dieser Fahrt als eine Geschichte in die Vergangenheit einer Familie, von der kaum noch jemand lebt. Nordisland, der Hering, das Salzen, die eiskalten Winter, Auswanderungen nach Amerika, Heimweh, Rückwanderungen. Ein Dichter taucht auf. Es sind kleine Geschichten, Fragmente, es existieren nur noch ein paar alte Fotos und Briefe, kaum ein Ort ist erhalten geblieben. Manchmal stellen Dichterzeilen die Realität her. Papa war Chauffeur bei Esso. Das Haus existiert nicht mehr. Wir leben in den Zimmern unserer Erinnerungen. Manchmal, wie die Arbeit mit den Heringen, ist es bloßes Überleben, manchmal mehr. Aschenregen oder Lavabrodel. Manchmal steht davon etwas in einem Buch. Meistens nicht.

 

Klaus Böldl, Andreas Vollmer, Julia Zernack (Hrsg.): Die Isländersagas in vier Bänden mit einem Begleitband. Verschiedene ÜbersetzerInnen, Frankfurt am Main (S. Fischer Verlag) 2011 (2676 S., 98,00 €)

Der Mordbrand von Örnolfsdalur und andere Isländer-Sagas. Nacherzählt von Tilman Spreckelsen, illustriert und gestaltet von Kat Menschik. Nachwort Arthur Björgvin Bollason, Berlin (Galiani Verlag) 2011 (200 S., zahlr. farb. Illustr., 24,99 €)

Einar Már Gudmundsson: Wie man ein Land in den Abgrund führt. Die Geschichte von Islands Ruin. Aus dem Isländischen von Gudrun M. H. Kloes, München (Carl Hanser Verlag) 2010 (208 S., 16,90 €)

Andri Snaer Magnason: LoveStar. Roman. Aus dem Isländischen von Tina Flecken. Köln (Bastei Lübbe Verlag) 2010 (300 S., 13,99 €)

Andri Snaer Magnason: Traumland. Was bleibt, wenn alles verkauft ist? Aus dem Isländischen von Stefanie Fahrner, Freiburg (orange-press) 2011 (288 S., 20,00 €)

Einar Kárason: Versöhnung und Groll. Roman. Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson, München (btb Verlag) 2011 (192 S., 18,99 €)

Elias Snaeland Jónsson: Runen. Thriller. Aus dem Isländischen von Richard Kölbl, Berlin (Verlag Rütten & Loening) 2011 (416 S., 16,99 €)

Gudmundur Óskarsson: Bankster. Roman. Aus dem Isländischen von Anika Lüders, Frankfurt am Main (Frankfurter Verlagsanstalt) 2011 (254 S., 22,90 €)

Steinar Bragi: Frauen. Roman. Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson, München (Verlag Antje Kunstmann) 2011 (272 S., 19,90 €)

Hallgrímur Helgason: 101 Reykjavik. Roman. Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig, Stuttgart (Clett-Kotta Verlag) 2002, TB-Ausgabe: München (Deutscher Taschenbuch Verlag) 2011 (448 S., 9,95 €)

Ursula Giger, Jürg Glauser (Hrsg.): Niemandstal. Junge Literatur aus Island. Mit einem Geleitwort von Hallgrímur Helgason, München (dtv) 2011 (288 S., 8,90 €)

Steinunn Sigurdardóttir: Der gute Liebhaber. Roman. Aus dem Isländischen von Coletta Bührling, Reinbek (Rowohlt Verlag) 2011 (224 S., 17,95 €)

Soffia Audur Birgisdóttir, Gert Kreutzer, Halldór Gudmundsson (Hrsg.): Die schönsten Erzählungen Islands, Berlin (Insel Verlag) 2011 (336 S., 8,95 €)

Jónína Leósdóttir: Am liebsten gut. Roman. Aus dem Isländischen von Tina Flecken, Köln (Verlag Kiepenheuer & Witsch) 2011 (304 S., 16,99 €)

Thórbergur Thórdarson: Islands Adel. Roman. Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson, Frankfurt am Main (S. Fischer Verlag) 2011 (320 S., 18,95 €)

Indridi G. Thorsteinsson: Taxi 79 ab Station. Roman. Aus dem Isländischen von Betty Wahl, Berlin (Transit Verlag) 2011 (117 S., 14,80 €)

Gyrdir Elíasson: Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft. Roman. Aus dem Isländischen von Gert Kreutzer. Illustriert von Laura Jurt, Zürich (Walde + Graf Verlag) 2011 (112 S., 18,95 €)

Vigdís Grímsdóttir: Die Geschichte der Bíbí Ólafsdóttir. Aus dem Isländischen von Christina Böhner, Schwülper (Cargo Verlag) 2011 (384 S., zahlr. Abb., 19,80 €)

Kristín Steinsdóttir: Eigene Wege. Roman. Aus dem Isländischen von Tina Flecken, München (Verlag C. H. Beck) 2009, TB-Ausgabe 2011 (127 S., 7,90 €)

Huldar Breidfjörd: Liebe Isländer. Roman. Aus dem Isländischen von Gisa Marehn, Berlin (Aufbau Verlag) 2011 (224 S., 16,95 €)

Óskar Árni Óskarsson: Das Glitzern der Heringsschuppe in der Stirnlocke. Ein isländisches Familienporträt. Aus dem Isländischen von Betty Wahl, Berlin (Transit Verlag) 2011 (120 S., 14,80 €)

 

In: Kommune, Forum für Politik, Ökonomie, Kultur 5/2011