Balduin Winter
Einen Großversuch, die inneren Strukturen der Gesellschaft, des sozialen, ökonomischen und technologischen Wandels der Welt zu analysieren, hat der Soziologe Manuel Castells von der University of California in Berkeley mit seinem Werk Das Informationszeitalter unternommen. Der erste Band erhellt den Begriff "Netzwerk" in der globalisierten Welt als neue soziale Morphologie unserer Gesellschaften. Jüngst hat sich Castells zu Fragen des Wandels und dabei aufbrechender Widersprüche geäußert. Die Fürsprecher der Globalisierung singen das Lied des Fortschritts, zeichnen das Bild vom globalen Dorf, in dem Kulturen und Religionen zu Gunsten einer Weltzivilisation verschwinden, halluzinieren ein rationales Gebäude von Weltdemokratie und Menschenrechten; und auf allem der Streusel des Pursuit of Happiness. Doch "die alte Aufklärung ist illusionär", sagt er, "weil sie zwei Dinge am Prozess der Globalisierung übersieht: Seine große technologische Kreativität und das, was er an sozialem Ausschluss mit sich bringt, vor allem an Entwertung von Kulturen und Identitäten".
Die Ausgeschlossenen wehren sich, man kennt das aus der Geschichte. Neu ist, dass sie sich nunmehr in Netzwerken formieren. Gewisse Umstände führen dazu, dass eine regionale Opposition wie die Zapatistas plötzlich weltweites Aufsehen erregt. Gleichzeitig schafft die Technologie erst die Möglichkeiten, dass lokale Aktivitäten global erfasst und koordiniert werden können. Nie hat es Gesellschaftskritik leichter gehabt, sich in Szene zu setzen. Und natürlich auch andere gesellschaftliche Kräfte wie die politischen Institutionen. In ihrer Umwandlung zu flexiblen Netzwerken humpeln sie jedoch hinterher und glänzen als Langeweiler vom Dienst. – Unauffälliger sind nur noch terroristische Netzwerke. Sie haben in den letzten 20 Jahren eine entscheidende Entwicklung mitgemacht, wie sie Olivier Mongin analysiert (siehe S. 6). In ihnen sieht Castells nicht nur einen Nutznießer der kapitalistischen Infrastruktur, sondern auch einen Global Player, der gar kein Interesse an der Zerstörung der materiellen Grundlagen des Systems hat, das er aus eigener Kraft gar nicht reproduzieren kann. Und eine echte Gefahr: "Nämlich die, dass sich die sozial Ausgeschlossenen und wirtschaftlich Entrechteten mit den Mördern verbünden." Denn der Hass – das hat in den letzten Wochen die US-amerikanische Öffentlichkeit ziemlich beschäftigt – ist groß und sucht nach Erklärung. Vor allem bedarf es An- und Aussprache und Handlungen, die das Misstrauen verringern.
Gerade im enorm sich zuspitzenden Nahostkonflikt hat sich auf Seiten der Ausgeschlossenen ein solcher Pakt gebildet – nicht zuletzt auf Grund der über weite Strecken desolaten Politik des Völkerrechtsbruchs durch Israel und dessen Duldung durch die westlichen Demokratien. Wie sie sich, ihnen voran die USA, darin verhalten, ist über den Konflikt hinaus wesentlich für die Stimmungslage im arabischen und muslimischen Raum. Es kann natürlich keine Sympathien für Dschihad, Hamas und Hisbollah geben, das ist klar. Aber es darf auch nicht sein, dass ein Militarist, der die Palästinenserfrage als Apartheidproblem behandelt, die Unterstützung der demokratischen Staatenwelt erhält. Eine mutige Haltung würde der USA neue politische Spielräume öffnen. Denn die Kehrseite des in der arabischen Welt weit verbreiteten Hasses ist die Erwartung, die man in die Amerikaner setzt: Können sie eine neue Annäherung stiften?
Freilich gibt es auch ganz andere Antworten, warum man die Amerikaner hasst. Ob die indische Publizistin Arundhati Roy oder der amerikanische Linguist Noam Chomsky oder auch die hiesige antiimperialistische Linke: Für sie war der "US-Imperialismus" schon immer eine klare Sache, nämlich Erklärungsmodell für alle Machenschaften des Kapitalismus, der Satan als ökonomisch-militärischer Komplex (siehe dazu Martin Altmeyers Kritik, S. 14). "Die USA sind nach dem von ihnen erfolgreich betriebenen Untergang der Sowjetunion ... die einzig verbliebene Weltmacht", schreibt der Altlinke Günther Jacob in Indymedia. Alles klar. Sein Problem ist ja nur, mit dem "heiligen Antiimperialismus" nicht verwechselt zu werden ...
Wo sich einst das angeblich von der USA exorzierte Sowjetimperium befand, nämlich in Russland, scheinen sich die chaotischen Verhältnisse der Nachwendezeit allmählich zu verbessern (Erhard Stölting (S. 49); dass Russland jedoch über weite Strecken zu den Ausgeschlossenen im Sinne Castells zu gehören scheint, zeigt Gerd Koe-nens Reportage aus der russischen Provinz (S. 55).
Aus der globalen Provinz des Öko-Hauses wünscht die Redaktion allen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch!