Martin Altmeyer
Unser Autor sieht mit den Schrecken und dem Trauma des 11. September auch eingeschliffene Deutungsmodelle an ihr Ende gekommen. Etwa auch jene Kategorie vom imperialistischen Westen, der das Unglück über eine unschuldig Welt bringt. So macht er historische Fixierungen im linken Weltbild aus, die daran hindern, Veränderungen zu erkennen. An sechs "Glaubensformeln" der Linken versucht er eine Dekonstruktion. Sie mündet in eine Neubewertung des Westens, dessen Werte durchaus verteidigenswert und universell übertragbar seien.
Es ist eine Frage der Welt- und Selbstdeutung, ob die Verwandlung ziviler Flugzeuge in Bomben als Angriff oder als Gegenangriff verstanden wird, als radikale Kriegserklärung eines totalitären politischen Projekts oder als verzweifelte Tat aus der Mitte einer neokolonial unterdrückten und ökonomisch ausgebeuteten, politisch marginalisierten und kulturell diskriminierten Weltgegend. Es ist eine Frage der Welt- und Selbstdeutung, ob der Krieg in Afghanistan einem wie immer gearteten imperialistischen Interesse des Westens zugeschrieben wird oder der Notwendigkeit, die logistischen Zentren eines chiliastischen Terrorismus anzugreifen. Es ist eine Frage der Welt- und Selbstdeutung, ob in unserer politischen Fantasie die Zivilisation gegen die Barbarei, die aufgeklärte Vernunft gegen den religiösen Wahn steht oder der Kampf der Völker gegen Unterdrückung und Ausbeutung, ob das Gute gegen das Böse, das Böse gegen das Gute oder gar das Böse gegen das Böse angetreten ist.
Bei der Beurteilung solcher Zusammenhänge folgen wir unterschwelligen Überzeugungen, über die wir uns selten Rechenschaft geben. Wir selbst konstruieren die Interdependenz, indem wir bestimmte zeitliche Reihenfolgen, Ursache-Wirkungs-Beziehungen oder komplexe Abhängigkeitsmuster entwerfen im Übergangsbereich zwischen objektiver und subjektiver Realität. Bei der politischen Interpunktion von Aktion, Reaktion und Gegenreaktion stehen immer auch imaginäre Welten gegeneinander, die nun beim Krieg in Afghanistan wieder einmal, wie schon in Bosnien oder im Kosovo auf den Prüfstand des Realen geraten. Um diesen Realitätstest angesichts von politischem Terror und asymmetrischer Kriegsführung zu bestehen, ist die internationalistische, antikoloniale, kapitalismuskritisch, multikulturell und Dritte-Welt-freundlich eingestellte Linke, sind wir alle aufgefordert, unsere irritierten Überzeugungen vor einer Wirklichkeit zu prüfen, die sich mit dem "schwarzen Dienstag" als real gewordener Albtraum in die Zeitgeschichte eingeschrieben hat.
Das Trauma des 11. September
Manche Ereignisse verändern die Welt, indem sie eine Veränderung anzeigen. Schlagartig bringen sie eine Wirklichkeit zum Vorschein, die wir vorher nicht sehen konnten oder wollten. Die Veränderung betrifft dann weniger die Realität als unser Bild davon. Das Bild, das wir uns von der Welt machen, hat sich mit dem 11. September geändert die Welt selbst hatte sich schon vorher geändert. Gab es nicht lange vorher bereits Anschläge mit vergleichbarem Ziel, gescheiterte Pläne, Anzeichen und Vorwarnungen? Aber wir waren nicht in der Lage, die Schrift an der Wand zu lesen. Aus diesem Grunde war der Schock so groß, als die Flugzeuge in die Türme rasten, die wenig später wie Kartenhäuser zusammenfielen und Tausende von Menschen unter Megatonnen aus Schutt und Asche begruben. Wir waren auch deshalb so schockiert, weil wir, die universellen Zeugen dieses medial verstärkten Mega-Events, unseren Augen nicht trauen und nicht glauben wollten, was wir sahen. Mit fürchterlicher Gewalt brach in unser Bewusstsein eine Realität ein, der wir uns durch Flucht oder Verleugnung, durch Virtualisierung und Ästhetisierung eine Weile zu entziehen versuchten, weil sie die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens verletzte. (1) Aus diesem Grunde wurde das Inferno von New York zur traumatischen Erfahrung in der kollektiven Psyche der ganzen Menschheit.
Ein seelisches Trauma ist bekanntlich mehr als die Verletzung durch ein äußeres Ereignis (so objektiv wird der Trauma-Begriff in der somatischen Medizin verstanden). Es ist auch mehr als ein inneres Erlebnis (so subjektiv missversteht ihn die reine Psychologie). Ein seelisches Trauma entsteht, wenn ein reales Geschehen die psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten überfordert. Es spielt sich in einem Raum ab, in dem die Übersetzung einer objektiven, aus der Perspektive der dritten Person beschreibbaren Wirklichkeit in die subjektive Wirklichkeit der ersten Person geschieht. Deshalb hinterlassen die Katastrophen von Naturgewalten und Unfallereignissen, die furchtbaren Erfahrungen des Krieges, der physischen Misshandlung, des sexuellen Missbrauchs oder der chronischen Missachtung nicht bei allen Betroffenen gleichermaßen traumatisierende Spuren. Traumatisierung findet dann statt, wenn die aus der Außenwelt stammende katastrophale Erfahrung nicht vom somatopsychischen Netzwerk der Innenwelt angemessen aufgenommen werden kann. Auf die Integration einer nicht-integrierten Erfahrung in die Sinnstruktur eines lebensgeschichtlichen Narrativs zielt deshalb, im Einzelfall, das psychoanalytische Konzept der Traumabehandlung.
Die makabre Live-Übertragung aus New York, sie hat eine universelle Erschütterung bewirkt, die den Wirkungen eines individuellen Traumas durchaus vergleichbar ist. Die diversen Deutungen des wortlos exerzierten Massenmords kann man als Versuche lesen, dieser Erfahrung, die unser fest gefügtes Bild von der Welt erschüttert hat, einen Sinn zu geben. Um mit der traumatischen Erfahrung zurechtzukommen, werden erkennbar zwei Strategien gewählt, die sich im schier unübersichtlichen Wirrwarr der Deutungen grob unterscheiden lassen: Entweder müssen die sichtbar gewordenen Risse im Weltbild schnell verfugt werden, bevor es völlig auseinander bricht oder die Wirklichkeit kann neu gesehen werden. Im ersten Fall wird die Realität verzerrt, um das Bild von ihr zu retten; im zweiten wird das alte Weltbild korrigiert, aber man blickt dann auf eine andere Welt. Gelegentlich vermischen sich die Strategien.
Die viel beschworene Zeitenwende ist jedenfalls auch eine des Denkens. Unsere eingefahrenen Denkfiguren sind aus der Spur geraten. Der schmerzhafte Paradigmenwechsel, der bei allen Rückfällen hier im Gange und zu beobachten ist, lässt sich an der heftigen Auseinandersetzung zwischen Regierungs- und Basis-Grünen um Kriegsbeteiligung und Friedenssicherung in Afghanistan erkennen, die an die Wurzeln der politischen Identität dieser Generationenpartei rührt. Er ist in der "linken" taz zu besichtigen, welche im Kampf mit der eigenen Geschichte zugleich um ihre Zukunft kämpft und die auseinander strebenden Positionen mühsam zusammenzuhalten versucht. (2) Aber auch die "rechte" FAZ bleibt davon nicht unberührt und hält den Spagat: Während im politischen Buch die Zustimmung zum Interventionismus der Anti-Terror-Allianz vorherrscht, gibt sie im Feuilleton kritischen Positionen arabischer und amerikanischer Intellektueller (und eigener Redakteure) Aufsehen erregend viel Raum. Die Kommune macht hier keine Ausnahme. (3)
Dass es bei dieser intellektuellen Anstrengung auch um mühsam erworbene und hartnäckig verteidigte Lebenslügen geht, macht die Sache nicht leichter. Wenn wir aber den Wirklichkeitsverlust im Schockzustand überwinden wollen, kommen wir um eine selbstkritische Inventur unserer historischen Fixierungen nicht herum, die im Archiv der Linken abgespeichert sind und nicht nur intellektuelle Denkblockaden verursachen, sondern auch die politische Handlungsfähigkeit beeinträchtigen. Gerd Koenens These (Kommune 11/01) vom politischen Islamismus als der "äußersten Antithese" zur Weltzivilisation und von den Terrorangriffen als einer "totalen Feinderklärung", die uns allen gilt, stimme ich ausdrücklich zu. Aber er irrt mit seiner Annahme, dieser Totalangriff könne "weder verleugnet noch abgelehnt werden". Die Mechanismen der seelischen Abwehr funktionieren auch und gerade unter extremen emotionalen Belastungen freilich um den Preis einer schweren Manipulation an der Realität. (4) Der 11. September ist mit seinen Folgen geradezu eine Probe auf unsere Realitätswahrnehmung unter den Bedingungen einer massiven Traumatisierung.
Historische Fixierungen im linken Weltbild
Fixierungen nenne ich in Analogie zur psychoanalytischen Terminologie jene politischen Gewissheiten, die so fest gefügt und unbefragt sind, dass sie wie selbstverständlich unsere theoretischen Analysen steuern und unser praktisches Handeln schematisch präformieren. Wie neurotische Fixierungen im individuellen Seelenhaushalt engen solche reflexhaften Bereitschaften unsere kreativen Möglichkeiten im Bereich des politischen Denkens und Verhaltens erheblich ein. Eine Fixierung bildet hier wie da eine unbewusste mentale Einheit, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung lebensgeschichtlich ihren guten Sinn hatte, sich unter veränderten Umständen aber hemmend auf den weiteren Entwicklungsprozess auswirkt. Wie Scheuklappen, welche die Reize der Außenwelt filtern und der Wirklichkeit nur einen schmalen Korridor lassen. Fixierte Überzeugungen sichern selektive Wahrnehmung und dienen zugleich der Sicherung von Identität. Deshalb sind sie hoch besetzt und schwer zugänglich, wie innere Festungen, zum Schutz, aber auch zum Angriff aufgebaut. Auf direkte Attacken reagieren solche Bauwerke, falls sie nicht sogar verstärkt werden, allenfalls mit steinerner Gleichgültigkeit oder mit Gegenattacken. Da sie aber nicht aus Steinen und Mauern bestehen, sondern aus Worten und Sätzen, die einen Sinn ergeben, lassen sie sich potenziell auch wieder abbauen, dekonstruieren.
Auch zu Fixierungen erstarrte politische Überzeugungen gehören einer symbolischen Welt an; sie können sich, ebenso wie die privatsprachlichen Fixierungen der Neurose, in lebendige Sprache zurückverwandeln lassen. Diese Möglichkeit ist in den normativen Ansprüchen menschlicher Kommunikation begründet. Wenn wir einmal von einer These rational überzeugt sind und die Gegenthese aus guten Gründen verworfen haben, geben wir ihr einen Wahrheitsanspruch, der nicht nur für uns gilt, sondern für jedermann. Wenn wir eine Handlung für moralisch gerechtfertigt halten und eine andere für verwerflich, beanspruchen wir für dieses Urteil allgemeine Geltung. Auf diese in unsere Sprachspiele eingelassene intersubjektive Bezogenheit subjektiver Meinungen hat kürzlich wieder Jürgen Habermas in seiner Preisrede für Richard Rorty hingewiesen: Unvermeidlich unterwerfen wir unsere Überzeugungen, die wir für wahr und gerechtfertigt halten, einem zwanglosen Zwang zur Begründung, diskursfähige Begründungen aber entstammen nicht kontingenten Innenwelten, sondern einer gemeinsamen Außenwelt, über die wir uns verständigen können.
Freilich entziehen sich politisch tief verwurzelte Überzeugungen mit Fixierungscharakter gerne diesem Zwang zur externen Validierung, indem sie sich auf eine nicht weiter befragbare Evidenz im ideologischen Fundus meinen stützen zu können: Die imperialistische Politik der USA; die Menschenfeindlichkeit des kapitalistischen Systems; der Terrorismus als stummer Schrei nach Gerechtigkeit; die prinzipielle Ungerechtigkeit des Krieges; "Nie wieder Deutschland" ... Hier ruhen bei der Linken unbefragte Gewissheiten, die man zu einer opulenten Welterzählung auskomponieren könnte, deren narrativer Kern etwa folgendermaßen lautet:
"Die Ursache des Elends in der Welt ist letzten Endes die kapitalistische Ökonomie, die auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruht. Es liegt an dieser Wirtschaftsweise, dass der Norden/Okzident reich und der Süden/Orient arm ist. Globalisierung bedeutet die globale Ausdehnung dieser ausbeuterischen Wirtschaftsweise. Damit unterwirft der Kapitalismus nicht nur die letzten Residuen des Gebrauchswerts seiner kalten Verwertungslogik. Er zwingt auch jenen Völkern seine Art des Produzierens auf, welche gar nicht danach verlangen und gerne die traditionellen Formen ihrer Ökonomie bewahren würden. Mit der Verwandlung der Welt in einen einzigen Arbeits-, Kapital- und Warenmarkt setzt sich endgültig ein imperialistisches Interesse durch, das mit dem Kolonialismus begonnen und im Neo-Kolonialismus seine Fortsetzung gefunden hat. Während der Systemgegensatz im ,kalten Krieg die Expansionsgelüste eine Zeit lang gehemmt hat, ist nun nach dem Zusammenbruch des Kommunismus der globalisierte Kapitalismus dabei, sein historisches Ziel der Weltherrschaft zu erreichen. Die ,Entwicklungsländer werden nicht nur politisch unterdrückt, sozial verwüstet und in ihren kulturellen Ausdrucksformen diskriminiert, sie werden auch einem ungerechten Weltmarkt ausgesetzt, der ihre eigenen Beiträge ständig entwertet und auf ihre innere Entwicklung in verheerender Weise zurückwirkt. Ökonomische Katastrophen, grausame Bürgerkriege und die Ausbreitung fundamentalistischer Gesellschaftsmodelle sind die Folgen eines dynamisch expandierenden, grenzen- und alternativlos gewordenen kapitalistischen Entwicklungsmodells, dessen universeller Siegeszug auch den politischen Terrorismus hervorgebracht hat."
Die Ausschmückungen und Ausschweifungen dieser Erzählung von der einen Welt des Kapitalismus mögen bunt und vielfältig sein. Es ist nicht alles falsch daran. Die zentrale Botschaft aber ist ein unbeirrbares Glaubensbekenntnis: Es enthält eine tiefe Sicht auf die Wurzel des Übels, die eindeutige Zuschreibung von Täter- und Opferrolle, die unmissverständliche Aufteilung von Schuld und Verantwortung, eine geschichtsphilosophische Aporie und eine apokalypsenahe Prognose. Diese stumme Evidenz im Untergrund linker Überzeugungen hält ein quasireligiöses Weltbild zusammen, das unhaltbar geworden ist und dennoch überlebt hat. Einige dieser haltlos gewordenen Gewissheiten ich nenne sie Glaubensformeln versuche ich im Folgenden zu dekonstruieren.
Sechs Glaubensformeln und Versuche einer Dekonstruktion
Beginnen wir mit dem wissenschaftlichen Sozialismus und seinen Lehren zur politischen Ökonomie. Hier lautet die Glaubensformel: "Der Sozialismus mag gescheitert sein seine radikale Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise bleibt richtig." Also, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel hat die Ökonomie in den ehemals sozialistischen Staaten zwar ruiniert. Die Produktivkräfte, die doch hatten entfesselt werden sollen, sind durch die Planwirtschaft zwar gelähmt worden. Der Internationalismus des sozialistischen Lagers hat sich (spätestens) durch den Einmarsch in die Tschechoslowakei zwar diskreditiert. Das versprochene kommunistische Paradies hat sich zwar als totalitärer Albtraum erwiesen. All das kann aber unserer Analyse des Kapitalismus nichts anhaben: Das Privateigentum an den Produktionsmitteln bleibt die eigentliche Quelle des gesellschaftlichen Übels. Als ob aus den Ruinen des realen Sozialismus ausgerechnet dieser Grundstein in seinem Fundament zu retten sei. Dass schon die Idee einer ganzheitlichen Lenkung gesellschaftlicher Prozesse etwas Totalitäres hat, dass in ihr bereits der GULAG für die Dissidenten mitgedacht ist, dass die gezielte Verwandlung der Gesellschaft in ein einziges Arbeitslager eine fundamentalistische Wahnvorstellung ist zu solchen Einsichten haben wir uns mit Hannah Arendt bereits durchgerungen. Aber klammheimlich halten wir doch daran fest, dass der eigentliche Menschenfeind letztlich in der Figur des Kapitalisten zu erkennen ist.
Diese fixe Idee steckt auch in der zweiten Glaubensformel: "Die Globalisierung ist nichts weiter als die universelle Ausdehnung eines gefräßigen Kapitalismus." Unter der Fahne des Neo-Liberalismus und mithilfe von Einrichtungen wie Weltbank, Internationaler Währungsfond oder Welthandelsorganisation, so heißt es, exportierten die reichen Länder unter Führung der USA ihre Produktionsweise. Immer noch schwingt Lenins Idee vom Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus in solchen Analysen mit, und alle möglichen Verschwörungstheorien haben wieder Konjunktur. Als ob es einen identifizierbaren Agenten der Weltgeschichte gäbe, einen ideellen Gesamtkapitalisten, der die Fäden zieht und seine verwerflichen Profitinteressen durchsetzt, mit einem ideellen Gesamtarbeiter auf der anderen Seite, dem gar nichts anderes übrigbleibt, als sich gegen den Finsterling zur Wehr zu setzen. Durch unsere Globalisierungskritik geistern immer noch die fahlen Gespenster des Klassenkampfs und die stille Hoffnung auf die revolutionäre Erhebung der Völker. Bei der Globalisierung handelt es sich aber um einen evolutionären Prozess, der über die Welt verteilt eine Vielzahl von Agenten hat, überall Gewinner und Verlierer kennt und nicht von einem Zentrum aus zu steuern ist. Dieser widersprüchliche Prozess muss demokratisch gestaltet, seine enthemmte ökonomische Dynamik durch Regelungen kanalisiert, seine schreienden Ungerechtigkeiten politisch erkannt und beseitigt werden aber seiner Dynamik ist nicht mit dem leidenschaftlichen Gestus von Antikapitalismus und Antiimperialismus beizukommen.
Das führt direkt zu einer dritten Glaubensformel: "Die Dritte Welt bleibt Opfer der ersten und zweiten, solange sie sich von deren Vorherrschaft nicht befreit." Diese Parole, die in den Zeiten der Entkolonisierung eine suggestive Kraft besaß, ist inzwischen gründlich widerlegt. Die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien etwa in Afrika hat mitnichten dazu geführt, dass diese Länder sich ökonomisch, sozial und kulturell entwickeln konnten. Im Gegenteil, unter der revolutionären Befreiungsrhetorik haben sich dort politische Oligarchien festgesetzt, Diktaturen übelster Sorte, die für eine desaströse Wirtschaftslage ebenso verantwortlich sind wie für politische Korruption und Vetternwirtschaft, mit denen sie ihre Herrschaft sichern. Die neuen Herren führen ihre Länder in verheerende Kriege und Bürgerkriege, die entlang von ethnischen Unterschieden, religiösen Differenzen und allfälligen Clankonflikten ausgetragen werden; in grausamen Gemetzeln werden nicht nur Kriegsordnungen, sondern sämtliche Regeln der Zivilisation missachtet. Keine moralische Selbstbezichtigung des Westens, keine sozialhelferische Allmachtsvorstellung und kein Paradigmenwechsel in der Entwicklungszusammenarbeit kann darüber hinwegtäuschen, dass hier "hausgemachte" Probleme vorliegen, deren Ergebnis und nicht deren Ursache Armut und Elend sind (so Gerd Koenen, Kommune 11/01). Die Festlegung auf die Opferrolle ist aber eine zählebige Zuschreibung, welche die Mittäterschaft der "Entwicklungsländer" ignoriert und deren Selbstverantwortung untergräbt.
Eng mit der ideologischen Viktimisierung der Dritten Welt verbunden ist die Forderung nach Nichteinmischung in deren innere Angelegenheiten. Hier lautet die (vierte) Glaubensformel: "Die Unabhängigkeitsbestrebungen der Völker müssen unterstützt und ihre Souveränität nach innen respektiert werden." Wir verharren gern in einem negativen Ethnozentrismus, dem sich auch unsere liebenswürdige Fremdenfreundlichkeit, unser romantisches Bild vom edlen Asylbewerber und unsere warmherzige Emphase für die multikulturelle Kuschelgesellschaft verdanken. Aus dieser Perspektive besteht die Dritte Welt aus lauter unterdrückten, entrechteten, ausgebeuteten Ländern, aus unschuldigen Opfern also, die von den schuldbeladenen Tätern in der ersten und zweiten Welt lediglich Wohltaten wie Entwicklungshilfe, Wiedergutmachung oder Asyl verlangen dürften aber keine politische Einmischung. Wir sollten endlich realisieren, dass auf der Rückseite der Globalisierung ganze Weltgegenden in eine Situation der zivilen Unordnung geraten sind, die von den betroffenen Ländern alleine nicht mehr zu regeln ist. Sie selbst fordern Interventionen, die sie nicht als Einmischung erleben, sondern als Schutz vor Bürgerkrieg und Verbrechen.
Hier hindert eine fünfte Glaubensformel, die eng mit fatalen Fixierungen auf die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert verknüpft ist: "Deutschland darf sich an militärischen Operationen im Ausland nicht beteiligen; der Pazifismus ist die aufgeklärte Antwort auf die fürchterlichen Kriege, die von deutschem Boden ausgegangen sind." Auch wenn die Motive respektabel sind, die in diesem negativen Nationalismus zum Ausdruck kommen, haben sie ihre ursprünglich selbstkritische Funktion längst eingebüßt. Sie sind kathartisch nach innen gerichtet, reflektieren die historischen Erfahrungen des Faschismus, aber sie bleiben daran auch auf fatale Weise fixiert, wenn sie eine veränderte Welt mit den Augen der Vergangenheit betrachten. Die regionale Massierung von sozioökonomischen, ethnischen und religiösen Konflikten hat "schwarze Löcher" der Weltpolitik entstehen lassen. In diesen von Dauerkonflikten strapazierten, chronisch erschöpften Krisenregionen kann gerade das bisher so zurückhaltende Deutschland sich als anerkannter Vermittler bewähren, wenn es sich seiner Verantwortung für den Zustand dieser Welt bewusst wird. (5) In der praktischen Antizipation einer zukünftigen Weltinnenpolitik erhalten auch UN-mandatierte militärische Optionen den legitimen Charakter polizeilicher Ordnungsfunktionen.
Es ist freilich nicht nur die offensichtliche Überforderung solcher Krisenregionen, welche die Verantwortung der Weltgemeinschaft herausfordert. In den toten Winkeln der Weltpolitik haben sich nämlich die ökonomischen Zentren des Drogengeschäfts, des Pornografiegewerbes, des Menschen- und Organhandels, der Kinderprostitution eingerichtet. Die Absatzmärkte dieser im Schatten der neuen Weltordnung expandierenden Geschäftszweige liegen vorwiegend im "dekadenten" Westen, der die Kundschaft für die heiße Ware liefert. Es existiert eine untergründige Verbindung zwischen dem schmierigen Sex-Touristen, dem pädophilen Pornofreund, dem todessüchtigen Großstadt-Junkie, dem fememordenden Satanisten, dem rassistischen Skinhead und dem religiös motivierten Selbstmordattentäter auch wenn die Gemeinsamkeit nicht in der "Formlosigkeit des Bösen" (M. Rutschky) oder im triebhaften Kern einer unbewussten "Todessehnsucht" (H. M. Enzensberger) wurzelt, sondern in der Pathologie einer aus den Fugen geratenen Welt. Auch der totalitäre Islamismus ist symptomatisch für diese "Welt ohne Halt" (R. Dahrendorf). Der weltweit operierende, asketisch sich stilisierende fundamentalistische Terrorismus ist mit den mafiosen Banden in seinen Herkunftsländern, mit dem weltweiten Drogenhandel und der internationalen Kriminalität seit langem eine unheilige Verbindung eingegangen. Deshalb ist auch die sechste Formel einer linksradikalen Weltsicht Makulatur: "Der islamistische Terrorismus, wie jeder Terrorismus die Waffe der Schwachen, ist eine zwar untaugliche, aber aus der Verzweiflung über die Ungerechtigkeit der Welt geborene Strategie der Notwehr." Diese romantische Verklärung mischt die jakobinische Moral eines Frantz Fanon oder Che Guevara mit einem Zerrbild der westlichen Welt, das bei der Linken selbstgefällig gepflegt worden ist und gerade von der Rechten übernommen wird.
Eine Neubewertung des Westens steht an
Der integristische Islamismus verfolgt ein politisches Projekt mit einem doppelt totalitären Ziel, das wir ernst nehmen müssen: die Apokalypse als irdische Vernichtung und himmlische Verheißung zugleich. Die mörderisch-selbstmörderischen Methoden des islamistischen Terrors sind "Propaganda der Tat". Sie leisten eine Art symbolischer Sinnstiftung, bei der Mittel und Zweck ineinander fließen das Medium ist zugleich die Botschaft: die Vernichtung einer gottlosen Welt, deren Dekadenz am Verfall der Moral zu erkennen und die beherrscht ist von Materialismus, Mammonismus, hemmungsloser Vergnügungssucht, sozialer Kälte und weiteren Erscheinungsformen des Bösen. Von den evangelikalen Fernsehpredigern in den USA sie haben die Attentate als apokalyptische Antwort auf das selbstverschuldete Sodom und Gomorrha des Westens gedeutet ist diese Botschaft sofort verstanden worden.
Man verkennt die antizivilisatorische Dynamik des politischen Islam, in dessen Motiven sich die destruktiven Folgen einer historischen Kränkung mit der Unbedingtheit einer moralischen Obsession verbinden, wenn man ihm mit einer Rhetorik der Beschwichtigung begegnet. Er ist, Fall-out der Globalisierung, eine Katastrophe für die Welt, auch und gerade für ihren islamischen Teil. Das Bild vom "Orientalen" von der Pseudowissenschaft des "Orientalismus" einmal zum Forschungsgegenstand erhoben und von Said seit vielen Jahren angegriffen ist als Stereotyp im Westen längst verblasst. Stattdessen beherrscht das Bild des schutzbedürftigen Fremden den öffentlichen Diskurs, die Anerkennung des Anderen, wenn man von einer marginalisierten Rechten einmal absieht, bildet den Maßstab der Moral. Diese Verschiebung aber ist ein Produkt der Aufklärung, unter deren Universalien auch der Islam Respekt genießt. (6) Umgekehrt wird man das vom Islam nicht sagen können, der sein Klischee vom Westen weiter pflegt und für den das Nicht-Islamische zugleich das Gottlose, das Ungläubige, der Feind ist. Die Rede vom "Feindbild Islam", das die Leerstelle verschwundener projektiv erzeugter Feindbilder zu füllen habe, ist selbst Ausdruck einer unbewussten Abwehr (7) oder interessierte Propaganda, die sich gerade noch auf den Stammtisch berufen kann.
Das "westliche" Modell ist weder partikular noch in seiner Anwendbarkeit auf bestimmte Regionen dieser Welt beschränkt. Es ist kein illegitimer Export, den man im Namen der kulturellen Differenz unter Imperialismusverdacht stellen könnte. Es taugt deshalb als Grundlage einer Weltmoral, weil es jedermann die gleichen Rechte zuerkennt, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, ethnischer Herkunft oder Religion. Die Verpflichtung auf Demokratie und Gewaltenteilung, allgemeine Menschenrechte und individuelle Freiheiten ist nicht die Forderung der Starken gegenüber den Schwachen. Heterogenität, Offenheit und Toleranz verteidigen wir als Werte von universeller Bedeutung. Sie sind humane Errungenschaften einer blutigen Geschichte der westlichen Zivilisation, die, ungeachtet aller Rückfälle in die Barbarei, durch solche Werte sich konstituiert. Insofern hat Richard Rorty recht, wenn er unverblümt die "Verwestlichung" der Welt fordert und den Vorwurf des interkulturellen Imperialismus zurückweist. (8)
Auf die dunkle Kehrseite dieses Projekts einer universalisierenden Verwestlichung hat Jürgen Habermas in seiner Paulskirchenrede kürzlich hingewiesen. Sein Einspruch rührt an eine Gewissheit in den Fortschrittsüberzeugungen der Linken, die als Gegenströmung auch den grassierenden Fundamentalismus in den westlichen Gesellschaften begünstigt. Von einer gelungenen Säkularisierung, so Habermas, müsse man verlangen, dass sie übersetzt und nicht vernichtet, was die religiöse Tradition einmal geboten hat. Das ökonomische Erfolgsmodell des Westens habe der islamischen Welt die Schmerzen einer rapiden Modernisierung abverlangt, ohne für den Verlust traditionaler Lebensformen und religiöser Sinnstiftung eine Entschädigung in Aussicht zu stellen. Gleichzeitig habe die Aufklärung im Westen den absoluten Anspruch der Religion auf Moral zurückgewiesen, ohne freilich dem schleichenden Sinnverlust entgegenzuwirken, der unter der Vorherrschaft technischer Rationalität, instrumenteller Vernunft und Nutzenmaximierung entstanden sei. Angesichts der totalitären Ansprüche des politischen Islam einerseits, der Selbstermächtigungsideologie der Biowissenschaften andererseits müsse die Gattung ihr Selbstverständnis neu definieren.
Kapitalistische Globalisierung und fundamentalistischer Terrorismus haben nicht nur die Neuerfindung der Politik, sondern auch die alte Frage nach dem Sinn des "guten Lebens" auf die Agenda dieser einen Welt gesetzt. Zur Zeitenwende gehört auch eine Neubewertung dessen, was wir, nicht ohne Spuren von Selbsthass, den Westen nennen. Daran ist mehr zu verteidigen, als wir bisher dachten.
(1)
Der Vergleich mit den Gewaltinszenierungen des Hollywoodkinos oder der martialischen Dramaturgie von Computerspielen, von keinem Feuilleton ausgelassen, drängte sich gewiss auf; aber er diente auch der psychischen Entlastung. Ein eindrückliches Beispiel für das Wirken eines Abwehrmechanismus lieferte auch Karlheinz Stockhausen, der in der ersten ästhetischen Erregung beim Anblick der Fernsehbilder fasziniert vom "absoluten Kunstwerk" sprach.
(2)
Bestes Beispiel war die skandalöse Nummer zum Grünen-Parteitag in Rostock (24.11.01), bei der auf der Titelseite Claudia Roth als bellizistische "Gurke des Jahres" präsentiert und die angebliche Kriegsbegeisterung der Führung schärfstens gegeißelt wurde, während im Inneren der Autor in einem Debattenbeitrag die militärische Intervention in Afghanistan als Vorgriff auf die Zukunft einer pazifizierenden Weltinnenpolitik begründen durfte.
(3)
Das nachdenkliche "Editorial" von Michael Ackermann zur militärischen Intervention in Afghanistan im Dezemberheft (12/01) zeigt, dass dieser Widerspruch reflektiert wird. Andererseits haben sich die "wissenden" Prognosen von Hartwig Berger über die schädlichen Wirkungen der Einmischung (im gleichen Heft) als falsch erwiesen; es hat seine Tücken, wenn man seine eigenen Projektionen als Perspektive des Anderen ausgibt.
(4)
Wie uns etwa Wiglaf Droste in seinen von eigenen Gewaltfantasien getränkten, vom pathologischen Hass auf die Kriegsbefürworter diktierten "Kriegstagebüchern" in der taz regelmäßig vorführt (beispielhaft: 6.12.01). Auch Rudolph Walter demonstriert beharrlich, wenn auch intellektuell ein wenig anspruchsvoller, wie man die ideologischen Eier findet, die man vorher in der Wirklichkeit versteckt hat (z. B. taz, 10.12.01).
(5)
Die literarischen Reportagen von Hans Christoph Buch verschaffen denen, die es interessiert, einen Einblick in die Pathologien der Welt an ihren vergessenen Rändern (zuletzt: Blut im Schuh Schlächter und Voyeure an den Fronten des Weltbürgerkriegs, Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2001).
(6)
Darin liegt die Pointe von Hondrichs Analyse, der im Westen den eigentlichen Verbündeten des Islam sieht, nämlich "eine Mischung aus Humanität und politischer Klugheit", die er den "moralischen Faktor" nennt. Es sei der immanente Rechtfertigungszwang eines von westlichen Werten dominierten "Weltgewissens", der auch dem islamistischen Terror noch die "Schonung des Schwächeren" gewährt (Karl Otto Hondrich: "Unschuld und Sühne Zum Sinn des Krieges", FAZ, 8.12.01).
(7)
Siegfried Kohlhammer hat diese These bereits 1995 gründlich widerlegt. Dass seine Polemik gegen das angebliche "Feindbild Islam" heute noch trifft und im Novemberheft des Merkur (11/01) unverändert nachgedruckt werden kann, verweist auf die Zählebigkeit solcher Klischees. Es wird aber nicht nur zum Zwecke "larmoyanter Appeasement-Rhetorik" am Leben gehalten wie Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel in ihrem Vorwort suggerieren , sondern hat tiefere psychodynamische Wurzeln, die mit der ambivalenten Funktion dieses Fantasmas bei der Bewältigung von latentem Antisemitismus und deutscher Schuld zu tun hat. Psychoanalytisch handelt es sich dabei um die Kombination zweier Abwehrmechanismen, nämlich der Verschiebung (vom Juden auf den Muslim) und der Verkehrung ins Gegenteil (vom Feindbild zum Freundbild): der gehasste Jude wird zum geliebten Muselmanen, mit dessen Judenhass man sich wieder ohne Schuld identifizieren kann.
(8)
Vom korrumpierten Berlusconi unterscheidet sich Rorty u. a. dadurch, dass jener die "westlichen" Werte zu "christlichen" erklärt die er überdies für sich selbst nicht gelten lassen will, wenn er in Italien schamlos die demokratische Macht als persönlichen Besitz usurpiert und skrupellos zum eigenen Vorteil die Unabhängigkeit der dritten Gewalt angreift.
Nach dem 11. September siehe zum Thema in der Kommune auch:
Dick Howard: Krieg oder Politik (10/01)
Eike Hennig: ... one Nation under God ... (10/01)
Martin Altmeyer: Nach dem Terror, vor dem Kreuzzug. Spekulationen über das Böse und seine Quellen (10/01)
Birgit Laubach: Bündnisfall Verteidigungsfall Spannungsfall. Eine Rechtsexpertise (10/01)
Michael Werz: "Sie hatten nichts zu verbergen." Wider die Legende vom Kampf der Kulturen (10/01)
Dunja Melcic: Vom Vermögen, zu unterscheiden. Der "neue Krieg" im Angesicht der Jugoslawien-Erfahrungen (10/01)
Gerd Held: Zivilisationspatriotismus. Moderne Zivilisation versus Exklusivität der Kulturen) (10/01)
Gerd Koenen: Terror und Moderne. Die eine Welt und ihr Schrecken (11/01)
Martin Altmeyer: Grüne Vernunft. Der Blick in die Abgründe des Weltgeschehens als politischer Realitätstest (11/01)
Michael Opielka: Politischer Pazifismus. Die Grünen und "einfache Botschaften" (11/01)
Helmut Fleischer: Politikum Zivilisation. Weltkampf gegen den Terrorismus? (11/01)
Tsafrir Cohen: "Bekämpfenswerte Unwissende". Der arabische Gelehrte Sasson Somekh über zentrale islamische Begriffe (11/01)
Mohsen Makhmalbaf: Ein Aufgegebenes Land. Impressionen eines iranischen Filmemachers aus Afghanistan (12/01)
Eike Hennig: Neueste Unübersichtlichkeiten. Habermas und die "Politik der Anerkennung" (12/01)
Hartwig Berger: Der Krieg aus der Perspektive Afghanistans. Ein Versuch (12/01)
Siegfried Knittel: Terror der Privilegierten. Aum-Sekte und 11. September (12/01)