Redaktion: Balduin Winter
Über den 7. Dezember gibt es zwar meterweise Literatur, doch als Gedenktag taugte er bislang nicht so recht – wer erinnert sich schon gern an Niederlagen? In diesem Jahr war alles anders: "Für die achthundert überlebenden Veteranen des Angriffs, die sich am Freitag auf Oahu, Hawaii, versammelt hatten, kamen die veränderten Rollen, die sie auszufüllen hatten, fast wie ein Schock. In Hawaii-Hemden standen sie vor Kameras und Mikrofonen und wunderten sich, warum sie, um die sich all die Jahre niemand kümmern wollte, vor Einladungen und Ehrungen nicht mehr sicher sind." (FAZ, 10.12.01)
Der Grund für diese Großveranstaltung liegt in den Ereignissen vom 11. September. Natürlich hinkt jeder Vergleich. Neben dem Charakter des Krieges unterscheiden sich die Weltlage und der Status des Ortes grundlegend. Die Welt befand sich damals mitten im Krieg, und Franklin D. Roosevelt bereitete eine pazifistische Nation auf den Kriegseintritt vor. Der Ort, Hawaii, lag weit außerhalb der USA und war eine Kolonie, bestückt mit einem US-Stützpunkt. "Am frühen Morgen des 7. Dezember 1941 griffen japanische Flugzeuge die US-Kriegsschiffe auf Hawaii an. Die USA erlitten einen Schock, wohl den schlimmsten vor dem 11. September dieses Jahres. Es war, wie Roosevelt am nächsten Tag in einer Rundfunkansprache verkündete, ‚eine nicht provozierte Tat‘, eine ‚Kriegshandlung‘, und das unfassbare Ereignis würde auf immerdar als ‚Tag der Schande‘ erinnert werden. Aber Roosevelt wusste nicht bloß von dem kommenden Angriff, es gab, wie Robert B. Stinnett in seinem Buch ‚Day of Deceit‘ (2000) nachweist, im Weißen Haus sogar einen ‚systematischen Plan, der sein Ziel in diesem Überfall hatte‘." (SZ, 7.12.01)
Außergewöhnliche Ereignisse, so will es jedenfalls die Legende, führen dazu, dass die USA dann in Konflikte eingreifen, in die sie eigentlich gar nicht involviert werden wollten. Das war in den beiden Weltkriegen so. Und als Flaggschiff der freien Welt in der bipolaren Weltordnung konnte sich die US-Administration nicht gut vor der Verantwortung drücken, wobei man, wie die Gegenseite auch, die Dreckarbeit ganz gern durch Stellvertreter erledigen ließ. Aber schon die gestrigen Kriege sind alte Kriege, erst recht die vorgestrigen. Die Ära des alten Imperialismus, der territorialen Aufteilung der Welt, ist ebenso vorbei wie die des Kalten Krieges. Das strategische Grundlagendokument des Verteidigungsministeriums, America’s Security in the 21st Century, formuliert diese Wende folgendermaßen: "Eine Einschätzung des globalen Sicherheitsumfelds enthält eine große Menge an Unsicherheiten über die potenziellen Quellen an militärischen Bedrohungen, die Führung zukünftiger Kriege und die Form dieser Bedrohungen und Attacken, denen die Nation ausgesetzt sein wird. Die Geschichte hat gezeigt, dass schnelle und unspektakuläre Umbrüche, zum Beispiel der Kollaps der Sowjetunion, die geopolitische Landkarte grundlegend verändern können. Sie hat auch gezeigt, dass neue militärische Technologien die Form des militärischen Wettstreits und die Natur des bewaffneten Konflikts in einer Weise revolutionieren können, dass militärische Kräfte und Doktrinen plötzlich überholt sind." (Quadrennial Defense Review Report, 30.9.01)
Der 60. Jahrestag des Überfalls auf Pearl Harbor wurde mit gewisser Genugtuung begangen. Der Zeitraum zwischen der Katastrophe und dem ersten Sieg war diesmal wesentlich kürzer, manchen Unkenrufen zum Trotz wurde Afghanistan kein zweites Vietnam, umgekehrt verbreitete die US-Regierung keine Jubelstimmung. Paul Wolfowitz, stellvertretender Verteidigungsminister, äußerte sich ziemlich gewunden: "‚Wir haben Bedingungen geschaffen, mit denen wir, vermute ich, unser Hauptziel erreicht haben‘, sagte Wolfowitz und fügte sogleich hinzu, dass der ‚Krieg in Afhganistan nicht gewonnen sei.‘ Die Amerikaner sollten sich auf eine Jagd auf Taliban und Al-Qaida einstellen, die Monate dauern könne. Nur zwei oder drei führende Mitglieder der Taliban sind den Truppen der Nord- und Ostallianz in die Hände gefallen." Und über bin Laden: "‚Ich glaube, wir haben wahrscheinlich seine Autorität unter den Leuten, die auf ihn hören, substanziell reduziert.‘" (Welt, 12.12.01)
Aber es geht um mehr als ein Halali auf führende Talibanköpfe und bin Laden. Die USA, schwer gekränkt, meinen es ernst mit dem Krieg gegen den Terror und wollen jetzt, auch wenn es Widersprüche über die Taktik gibt, das Gesetz des Handelns nicht aus der Hand geben. Die FR berichtet am 12.12.01 von Richard Perle, der als Vorsitzender des Defense Policy Board Donald Rumsfeld berät und "jetzt mit dem früheren UN-Waffeninspekeur Richard Butler und Ex-CIA-Chef James Woolsey den Agit-Prop-Stoßtrupp der Irak-Hardliner" bildet. Beweise für eine Verbindung Saddam Husseins zu bin Laden oder gar für eine Beteiligung an den Anschlägen gibt es nicht, aber das stört sie nicht. "Das Regime in Bagdad, findet Richard Perle, trage ‚alle Merkmale eines Terrorstaats‘. Überdies habe Saddam nicht nur Massenvernichtungswaffen entwickelt, sondern auch die Bereitschaft demonstriert, diese einzusetzen – im eigenen Land gegen die Kurden und an der Front gegen den Iran. In dieser Kombination, argumentiert Perle, stelle Irak die größte Bedrohung der internationalen Gemeinschaft dar. Militärisches Handeln gilt ihm deshalb nicht nur als geboten, sondern auch als beste Abschreckung: Ist nach den Taliban auch Saddam gestürzt, werde das ‚unsere Fähigkeit deutlich erhöhen, andere zu überzeugen, ihre Finger besser vom Terrorismus zu lassen‘."
Auf der Liste der "rogue states" steht der Irak ganz oben. Diese Position wird wohl noch gefestigt mit Meldungen wie die der dänischen Tageszeitung Politiken (hier nach der NZZ vom 12.12.01 zitiert), "dass der Irak in Europa und Nahost ein Netzwerk mit 14 Spionagezentralen aufgebaut habe. Die Angaben stammen von einem abgesprungenen irakischen General, der in der Türkei von der CIA und dem FBI verhört werde. Dieser habe selbst Spione angeworben, die auch in Schweden, Dänemark und Norwegen aktiv seien." Vor allem aber zählt, dass in den USA auch als liberal geltende Senatoren der Demokratischen Partei wie Joseph Lieberman für die Strategiewende eintreten: "Wenn wir nicht handeln, um uns zu schützen, wird Saddam die Gewalt womöglich bis vor unsere Haustüren tragen", zitiert ihn die ZEIT vom 6.12.01. Und: "Der Krieg gegen den Terrorismus kann ohne den Sturz Saddam Husseins nicht gewonnen werden." Freilich wird es wesentlich komplizierter werden als mit dem Taliban-Regime, auch wesentlich schwieriger als im Golfkrieg 1991, wie die Autoren des ZEIT-Artikels unter Berufung auf einige US-Planspieler ausführen. Über die Bündnisfrage schreiben sie nach einem Gespräch mit dem republikanischen Senator Thompson: "Die kunstvoll geschmiedete Antiterrorkoalition fiele sofort in sich zusammen – das ist im Senat jedem klar. Die meisten islamischen Verbündeten würden sich abwenden, die Europäer protestieren schon vorsorglich. Doch das scheint bisher nicht abschreckend zu wirken. Senator Fred Thompson sagt es so: ‚Natürlich ist es schön, Verbündete zu haben. Aber im letzten Golfkrieg haben uns die Alliierten daran gehindert, die Sache zu Ende zu bringen.‘ Das soll nicht noch einmal geschehen. Fürs Militärische werden am Ende ohnehin nur Türken und Kuwaitis gebraucht, vielleicht die Saudis, und schön wäre auch eine Beteiligung der Engländer. Und die anderen Europäer? Sie werden, lautet die Kalkulation, jaulen und quietschen und am Ende doch irgendwie zustimmen."
Es gibt auch Gegenstimmen, die prominenteste stammt wohl von UN-Generalsekretär Kofi Annan, der davor warnte, "ein Angriff auf den Irak wäre ‚unklug‘, und die Entschließung des UN-Sicherheitsrats decke nur den Kampf in Afghanistan" (FAZ, 10.12.01). Bei Gesprächen rund um die Entgegennahme des Friedensnobelpreises in Oslo forderte er verstärkte Bemühungen um politische Lösungen unter Einbindung der Vereinten Nationen; konkret mahnte er dies für den Nahen Osten an, wo – unüberhörbar die Kritik auch an den USA – alle beteiligten Parteien nicht in der Lage wären, den Konflikt zu lösen.
Inzwischen werden immer neue Regionen genannt, Somalia, Nordkorea, Kaschmir. Nach dem Anschlag auf das Parlament in Neu-Delhi berichtet die FR am 15.12.01.: "‚Was den USA billig ist, soll uns Indern recht sein‘, so der Tenor der Hardliner. Zu ihnen gehört der frühere Premier V. P. Singh: Wenn die USA das Recht hätten, Afghanistan zu bombardieren, ‚werden wir doch auch ein Recht haben, die terroristischen Ausbildungslager im pakistanisch besetzten Teil Kaschmirs anzugreifen.‘" Der neue "American Way of Bush" scheint Schule zu machen. Geradezu symptomatisch erscheint seine Rede vor Kadetten in South Carolina, wenn er von einer "Neuformung" militärischer Taktik spricht, die angesichts des Kriegs gegen den Terrorismus "so dramatisch wie während des Zweiten Weltkriegs" erforderlich sei; Länder, die Terroristen mit Massenvernichtungswaffen unterstützen, können nicht akzeptiert werden, "sie sind gewarnt, sie werden beobachtet, und sie werden zur Rechenschaft gezogen"; der Preis werde nicht nur hoch sein, "er muss vernichtend sein" (FR, 13.12.01).
In einem klugen Artikel fasst Karl Otto Hondrich eine weit verbreitete Haltung zusammen (FAZ 8.12.01): "Zwar seien die Attentate unverzeihlich, heißt es immer wieder, aber dass es so weit gekommen sei, ‚haben sich die Amerikaner selbst zuzuschreiben‘. Sind sie nicht verantwortlich für Hiroshima, Vietnam, die Stützung befreundeter Diktatoren, ja der Taliban selbst ... Die Schuld wird verteilt. Die Terroristen sind für den Terrorismus verantwortlich, die Amerikaner für seine Ursachen."
"In der Tat: Die Liste der politischen und moralischen Fehler, die auf das Konto der Amerikaner gehen, ist lang. Aber nehmen wir das Unmögliche an: sie hätten alles richtig gemacht. Dass es dann keinen Antiamerikanismus, keinen Fundamentalismus, keine lokalen Kriege und Stammesfehden, keinen Palästina-Konflikt gäbe, wird niemand behaupten wollen. Gegen drei Probleme ist auch die mächtigste Ordnungsmacht auf Erden machtlos: gegen lokale Konflikte, die sie nicht allüberall kontrollieren kann; gegen die Dynamik moderner Gesellschaften, die die Statik der älteren erschüttert (und fortwährend die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen erzeugt); und gegen den unauflöslichen Widerspruch zwischen supranationaler Ordnung und nationalen Eigeninteressen. Amerika als einzige nationale Weltmacht ist zum Adressaten von Weltordnungs- und Konfliktausgleichserwartungen geworden, die ihm über den Kopf wachsen müssen."
Den USA als Leitnation der westlichen Zivilisation stellt Hondrich eine islamische Welt gegenüber, die sich seit etwa fünfzig Jahren auf dem Vormarsch befindet: "Ihre äußeren Merkzeichen – die antikolonialen Freiheitskämpfe, die Gründung islamischer Staaten von Marokko bis Indonesien, die weltwirtschaftliche Bedeutung des Öls – verdecken allerdings die tieferen Gründe des Machtzuwachses: die merkwürdige Verschränkung von religiöser Statik und demografischer Dynamik ... Die Macht der Muslime wächst nicht einfach mechanistisch mit ihrer Zahl, ihrer Mobilität und der Stabilität ihres Glaubens, sondern im Wechselspiel mit der Aufnahmebereitschaft und Liberalität der westlichen Demokratien."
Es ist ein starkes und klares Bild, das Hondrich entwickelt, vielleicht liegt darin seine Schwäche. Zweifel kommt auf, wenn er von "der stillschweigenden, friedlichen und arglosen Machtnahme des Islams in den ursprünglich christlichen Gesellschaften" schreibt. War die Welt bisher in Ordnung? Sind ihr jetzt "die Terroristen in den Rücken gefallen"? Da werfen sich Fragen auf, und das ist gut so.