Peter
Lohauß
Wachstum
und Systemwechsel
Das Ende des Sozialstaates, wie wir ihn kannten
Eine historische Wende in den Funktionsprinzipien des deutschen
Sozialstaates ist eingeleitet. Dabei unterscheiden sich die beiden
Volksparteien in ihren Analysen der Lage nicht wesentlich, wohl aber in ihren
Programmatiken. Das ökonomistische Credo der SPD macht ihre Vorstellungen enorm
wachstumsabhängig, während die Christdemokraten – in der bequemeren Position
der Opposition – mehr »Eigenverantwortung«, sprich: Liberalisierung, wollen und
wieder bei der Familiensubvention landen. Beide Vorstellungen aber sind wie
abgelegener Speck vom Fett der Traditionslinien durchzogen und weisen enorme
Problemlinien auf. Das soziale Netz jedoch wird deutlich lockerer.
Die rot-grüne
Koalition hat mit Beginn dieses Jahres Steuersenkungen und eine umfassende
Strukturreform am Arbeitsmarkt durchgesetzt. Die Menge der gleichzeitig
geänderten Sozial- und Steuergesetze sowie der schiere Umfang der Gesetzesmaterie
waren einzigartig in der Geschichte des Bundestages. Die Verhandlungen im
Vermittlungsausschuss verliefen dramatisch und das Themenspektrum, über das mit
der Union Kompromisse gefunden werden mussten, war so breit wie noch nie.
Die Bewertung der Ergebnisse ist
umstritten. Sowohl Regierung als auch Opposition beanspruchten zunächst, sich
mit weit reichenden Veränderungen durchgesetzt zu haben. Die Kommentatoren in
den großen Medien stritten dies überwiegend ab und meinten, die Steuersenkung
bliebe konjunkturell weitgehend wirkungslos, und die Veränderungen am
Arbeitsmarkt gingen nicht weit genug. Die CDU beanspruchte, ein Konzept für
eine wirklich tiefgehende Veränderung des Steuer- und Sozialsystems zu haben,
das sie aber erst umsetzen könne, wenn sie die nächste Bundestagswahl gewonnen
habe. Schröder und Eichel kündigten im Gegenzug sofort Verhandlungen für weiter
reichende Veränderungen des Steuersystems an. Die politische Öffentlichkeit
wirkt erschöpft und verunsichert. Wähler und Mitglieder wenden sich in Scharen
von der SPD ab, ohne dass aber die Unionsparteien nachhaltig ihre
Stammwählerschaft ausweiten können.
Die Umstände der Verabschiedung
der so genannten Agenda 2010 zeigen gleichwohl, dass inmitten des scheinbar
wirren politischen Parteienstreits eine historisch einschneidende Wende in der
Grundausrichtung des bundesdeutschen Sozialstaates eingeleitet wurde. Diese
These stützt sich vor allem darauf, dass die großen Volksparteien, die ja
wesentlich den Sozialstaat auf- und ausgebaut haben, eine Kehrtwende
eingeleitet haben. Im Laufe des Jahres 2003 wurden von beiden großen Parteien
ausführliche Grundsatzbeschlüsse gefasst, die (unter Einbeziehung einiger früherer
Änderungen wie der Riester-Rente und der sozialen Grundsicherung) mit den
bisherigen Grundlinien der Ausgestaltung der sozialen Absicherung in
Deutschland brechen.(1) Dies zeigt sich oft weniger an der Ausgestaltung von
Ansprüchen und Regelungen im Einzelnen als an der veränderten Grundrichtung
vieler Maßnahmen. Darin wird deutlich, dass es nicht mehr nur um einzelne, aus
der Knappheit von Haushaltsmitteln erzwungene und möglicherweise auch nur
befristete Maßnahmen geht, die die Regierung umsetzt, sondern dass die Basis
der Volksparteien selbst grundlegenden Kursänderungen zustimmt.
Was die politische Entscheidungslage
des letzten und auch des vor uns liegenden Jahres 2004 so einmalig macht, ist
auch die Tatsache, dass alle wesentlichen Teile des Sozialstaates sowie des
Steuersystems gleichzeitig in Frage gestellt und mehr oder weniger stark
verändert werden. Das macht die Lage unübersichtlich, und da vor allem die
letzten Ziele und zukünftigen Resultate des Umbaus des Sozialstaates der
politischen Öffentlichkeit noch weitgehend unklar geblieben sind, ist die
massive allgemeine Politikverdrossenheit durchaus begründet. Um die behauptete
fundamentale Wende zu verdeutlichen, sollen zunächst die Grundlinien des
bisherigen sozialen Konsenses und seine Herausforderungen knapp dargestellt
werden. Die politischen Begründungen für die Abkehr von bisher bewährten
Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit sowie die langfristigen Ziele sind
selbstverständlich bei CDU und SPD sehr unterschiedlich und sollen später auch
differenziert dargestellt werden.
Funktionsprinzipien der
deutschen Wohlfahrtsdemokratie
Der in der
Geschichte der Bundesrepublik aufgebaute Konsens der Sozialstaatsentwicklung in
der sozialen Marktwirtschaft kann in wenigen wesentlichen Grundsätzen oder
Funktionsprinzipien zusammenfasst werden:
Die entscheidende Basis für die
soziale Sicherung (Renten-, Kranken-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung)
aller Arbeitnehmer und der von ihnen abhängigen Bevölkerung beruht auf
gesetzlichen Zwangsbeiträgen für alle Versicherungssysteme aus den
Erwerbseinkommen der Vollzeitarbeitsplätze. Diese Konstruktion des Sozialstaates
hat in Deutschland tiefe historische Wurzeln. Sie ist nicht die einzige
Möglichkeit, die grundlegende soziale Absicherung könnte auch über das
Steuersystem geschehen (wie bei den so genannten versicherungsfremden
Leistungen oder der sozialen Grundsicherung) oder nach Grundsätzen der
Privatversicherung (wie bei den Selbstständigen). De facto sind in Deutschland
und allen vergleichbaren Ländern je eigene Mischsysteme entstanden, die sich
mehr in ihrem politisch-kulturellen Kontext als in ihrer ökonomischen Verteilungswirkung
unterscheiden. Keine der grundlegenden Finanzierungsformen ist per se gerecht
oder ungerecht, allerdings gibt es ganz unterschiedliche Risiken und
Nebenwirkungen.
Das grundlegende Funktionsprinzip
des deutschen Sozialstaates hat mehrere Implikationen: Es ist nicht nur an den
Arbeitsplatz, sondern auch an die Arbeitgeber gekoppelt, die paritätische
Beiträge leisten. Hierdurch wird gewährleistet, dass das Gesamtsystem einen
Klassenkompromiss darstellt und im Konsens zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern
entwickelt wird. Des Weiteren ist es von der Beitragsseite an die Lohnhöhe
gekoppelt, sodass es im Prinzip auf der Leistungsgerechtigkeit von Beiträgen
und Leistungen beruht. Die »automatische« Zwangsabführung der Beiträge über die
Löhne dient der einfacheren Kontrolle der Versicherungspflicht und hat den
Nebeneffekt, die Arbeitnehmer von der eigenverantwortlichen Vorsorge für die
großen Lebensrisiken zu entlasten. Die entscheidende Implikation ist aber, dass
die Gesamtsumme der Beiträge der gegenwärtig abhängig Erwerbstätigen der Gesamtsumme
der aktuell gezahlten Sozialleistungen entsprechen muss. Das gilt nicht nur für
die Leistungen an nicht mehr Erwerbstätige (Generationenvertrag), sondern auch
für die Gesundheitsleistungen und den Unterhalt der nicht erwerbstätigen Anspruchsberechtigten.
Das System bildet systematisch weder Rücklagen für Risiken und künftige
Leistungen, noch Kapital, sondern funktioniert nach dem System der sofortigen
Umverteilung von »Arbeitserträgen« in Sozialleistungen. Damit ist seine Leistungsfähigkeit
nicht nur von der Lohnhöhe und den Beitragssätzen abhängig, sondern fundamental
von der Proportion der Gesamtzahl der Erwerbstätigen zu der Gesamtzahl der
Leistungsempfänger und den Ansprüchen der gegenwärtigen Leistungsempfänger an
die mit ihnen nicht identische Gruppe der gegenwärtigen Beitragszahler. Das
Gesamtsystem funktioniert so, dass mit wachsender Wirtschaft und steigenden
Arbeitseinkommen auch die Beiträge und damit die Finanzierungsmöglichkeiten für
verbesserte Ansprüche und höhere Renten gegeben sind. Es sorgt automatisch für
ein mitwachsendes Niveau aller Ansprüche gemäß dem wirtschaftlichen Wachstum
nach dem Vorbild der dynamischen Altersrente.
Der Arbeitsmarkt wird durch
rechtliche Abschottung in Teilmärkte für Arbeiter, Meister, Angestellte, freie
Berufe, Beamte und so weiter aufgespalten. Diese werden jeweils durch eigene
Systeme reguliert: durch Tarifhoheit und Flächentarifverträge für Handel,
Industrie und Gewerbe; durch Handwerksordnungen; öffentlich-rechtliche Kammern;
standesmäßige Verfassung der so genannten Freien Berufe; Sicherung des
Beamtenstatus und Übernahme wesentlicher Prinzipien für den gesamten öffentlichen
Dienst; gesetzliche Konkurrenzeinschränkungen wie Ladenschlusszeiten und so
weiter. Eine lang dauernde und qualifikationssichernde Arbeitslosenversicherung
soll das Risiko absichern und zusätzlich Lohndrückerei durch Arbeitslose
vermeiden helfen.
Risiken und Nebenwirkungen
Die
bundesrepublikanische Wohlfahrtsdemokratie ist im internationalen Vergleich eine
der erfolgreichsten der Welt. Sie erzeugte ein hohes Maß sozialer Absicherung
bei hohen Arbeitseinkommen und Renten und sinkenden Arbeitszeiten. Sie ist darüber
hinaus durch ein ungewöhnlich hohes Maß an politischem Konsens getragen. Vor
allem leistete sie das, was sie nach dem politischen Mehrheitswillen leisten
sollte, nämlich den Kerngruppen der Arbeitnehmer und ihren Familien im und nach
dem Arbeitsleben ein Höchstmaß an sozialer Sicherheit zu geben. Beide
Volksparteien sahen grundsätzlich ihren politischen Auftrag im Ausbau der so
verstandenen sozialen Gerechtigkeit.
Das so erfolgreiche System birgt
allerdings Risiken und Nebenwirkungen, für deren Sicherung es weniger tauglich
ist.
Erstens: Wenn eine
größere Zahl von Leistungsbeziehern versorgt werden muss, müsste auch die Zahl
der Beitragszahler, also der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten,
wachsen. Das erste Grundproblem des Sozialstaates ist zunächst, dass alle
Leistungsbereiche schneller wachsen, als das Wirtschaftswachstum seit Jahren
finanzieren kann: Die Zahl der Rentner wächst wegen der demographischen Verschiebung
schneller als die Zahl der Beitragszahler; die Gesundheitskosten wachsen wegen
des Alterungsprozesses aber auch von der Kostenseite her beschleunigt; die Zahl
der Arbeitslosen bleibt dauerhaft hoch oder wächst und somit sind auch weniger
Beitragszahler vorhanden, und die Pflegeversicherung ist noch im Auf- und
Ausbau und wird auch stärker in Anspruch genommen.
Diese Probleme könnten gelöst
werden, wenn die Wirtschaft und damit die Zahl der sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten schneller wachsen würde oder die Produktivität und damit die
Erwerbseinkommen und Beiträge der Beschäftigten außerordentlich steigen würden.
Ist beides nicht in ausreichendem Maße der Fall, steigen die Sozialbeiträge
nach der Gesetzeslage automatisch. Das heißt, dass die Bruttolöhne und die
Arbeitskosten steigen – und das selbst in Zeiten von Rezessionen.
Zweitens: Daneben
gibt es immer größere Gruppen, die ganz außerhalb des ehemals so vorbildlichen
Systems sozialer Sicherung in Deutschland stehen, weil sie eben keine
lebenslangen Vollzeitarbeitsplätze haben oder als Angehörige versorgt sind:
Jugendliche, die nicht in den regulären Arbeitsmarkt kommen, allein erziehende
Mütter, Langzeitarbeitslose, gering Qualifizierte, Menschen mit Minijobs und
viele andere. Für diese wurde die Sozialhilfe das Auffangsystem. Die Leistungen
der Sozialhilfe wachsen exorbitant mit der Zahl derjenigen außerhalb des
sozialversicherungspflichtigen Beschäftigtensystems, trotz Beschränkung der
Leistungen für die einzelnen Leistungsempfänger. Die wachsende Zahl von
erwerbsfähigen Menschen außerhalb des Erwerbsystems ist im Wesentlichen
Resultat der bisherigen Funktion des sozialen Sicherungssystems, insofern es
für soziale Lagen »am Rande« des Arbeitsmarktes nur wenig geeignete
Hilfsmaßnahmen kennt.
Drittens: Es
gehörte zu den Ergebnissen des deutschen Systems der Regulierung des
Arbeitsmarktes und der Berufsausbildung, dass hohe Produktivitätsfortschritte
zur Aufrechterhaltung der hohen Lohnniveaus erforderlich waren, beziehungsweise
sie auch begünstigten. Gerät die Zahl der sozialversicherungspflichtig
Beschäftigen zur Zahl der Leistungsempfänger ins Missverhältnis, schlägt ein
früherer Vorzug in eine Gefährdung um, da eine produktivere Wirtschaft
tendenziell weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stellt und das »Reservoir«
gering bezahlter Massenarbeit beschleunigt abgebaut wird. Folge: Deutschland
hat unter vergleichbaren Ländern die höchste Langzeitarbeitslosenrate, und
diese setzt sich überwiegend aus nicht oder gering Qualifizierten zusammen.
Angesichts der ständig wachsenden
Produktivität war es zudem sinnvoll, den wirtschaftlichen Zuwachs zum großen
Teil als Arbeitszeitverkürzung zu verteilen, um ein höheres Beschäftigungsniveau
zu sichern. Angesichts beschleunigt steigender Ansprüche an die sozialen
Leistungen gerät diese Grundstrategie in eine Sackgasse: Die Arbeitskosten der
sozialversicherungspflichtig Beschäftigten steigen schneller als die
Produktivität. Wenn zudem die »Arbeitsumverteilung« wesentlich dadurch geschieht,
dass immer größere Gruppen auf Kosten des Sozialstaates in die Frühverrentung
gedrängt werden, wird die Finanzierung des Sozialstaates direkt untergraben.
Viertens: Der
erweiterte europäische Markt übt ebenso wie die »Globalisierung« genannte
Entwicklung Druck auf die regulierten Arbeitsmärkte aus. Während die Märkte
gegen Zuwanderung zumindest außerhalb der EU abgeschottet bleiben, kann die
Verlagerung von Kapital und Arbeitsplätzen ins Ausland nicht direkt verhindert
werden. Dieser Entwicklung kann die Politik allenfalls durch Verbesserung der
Verwertungsbedingungen wie Verminderung der Kapital- und
Unternehmensbesteuerung entgegentreten sowie durch Herstellung einheitlicher
Besteuerungsgrundsätze in der EU und Schließung von Steuerschlupflöchern.
Dennoch ist der Druck auf die Löhne durch internationale Konkurrenz in den
letzten Jahren beträchtlich gewachsen, was sich zwangsläufig auch negativ auf
die Summe der gezahlten Sozialbeiträge auswirkt. Auch deshalb ist zusätzliche
sozialversicherungspflichtige Beschäftigung dringend erforderlich.
Fünftens: Wenn sich
wegen der Finanzierungsprobleme der sozialen Leistungen die Prioritäten auf die
Schaffung von neuen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen verlagern,
wird die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums zur zentralen Frage, nicht nur
wie früher, wegen der Auseinandersetzung um die Verteilung der Zuwächse,
sondern wegen der Priorität der Aufrechterhaltung des bisherigen Systems
sozialer Leistungen. Aus diesem Grund gerät auch die Einkommensteuerpolitik in
den Fokus der Problemlösungsstrategien, insofern die Senkung oder Streichung
der Einkommensteuern für die unteren Lohngruppen de facto Spielraum für einen
Niedriglohnsektor erweitern, eine allgemeine Senkung die private Kaufkraft und
damit das Wirtschaftswachstum stärken und die Senkung der Spitzensteuersätze
Kapitalflucht begrenzen und damit Investitionen im Lande begünstigen soll.
Sechstens:
Langfristig wird das Verhältnis von Rentnern und Bevölkerung in erwerbsfähigem
Alter durch die Verlängerung der Lebenszeit und den Geburtenrückgang aus rein
demographischen Gründen so ungleich, dass ein grundlegender Wandel des
Rentensystems erfolgen muss. Wegen der Langfristigkeit auch der Änderungsverfahren
müssen diese entsprechend früh, also jetzt, eingeleitet werden. Die Senkung des
Rentenniveaus findet ihre Grenze an den sozial akzeptierten Armutsstandards und
auch an der Zumutung für die jetzigen Erwerbstätigen, im Laufe ihres Arbeitslebens
wesentlich mehr an Beiträgen zu entrichten, als sie am Ende verzehren können.
Allerdings wirken alle Maßnahmen abmildernd, die die individuellen Entscheidungen
für Kinder befördern.
Stark vereinfacht und im Ganzen
gesehen dominieren zwei Grundprobleme: eine lang dauernde Wachstumsschwäche,
deren Ursachen umstritten sind, und die demographische Verschiebung, die erst
in 30 Jahren ihr volles Ausmaß erreicht. Das sicherste System sozialer
Sicherheit ist in eine Krise geraten und muss repariert oder in den Grundlagen
geändert werden.
SPD: Wachstum pur
Auf dem
Bochumer Parteitag der SPD im Dezember 2003 machte Gerhard Schröder eine
selbstkritische Bemerkung, als er auf die erste rot-grüne Regierungsperiode zurückblickte:
»Wir haben eine Steuerreform und eine Rentenreform gemacht. Hans Eichel hat
damit begonnen, den Haushalt zu konsolidieren ... Viele von uns haben gedacht,
das würde zunächst einmal reichen. Aber auch wir haben das Wachstum zu
optimistisch eingeschätzt.« Und die neue Lehre sei, dass der Aufschwung nicht
komme, wenn er nicht durch Wachstumspolitik befördert würde. Die Agenda 2010
soll ein Programm für den »notwendigen Umbau des Sozialstaates« sein und eben
deshalb ist sie im Kern ein »sozialdemokratisches Programm für Wachstum und Beschäftigung«;
denn der Umfang des so »schwierigen Umbaus und teilweisen Abbaus sozialer
Leistungen wird letztlich bestimmt von den Ergebnissen des wirtschaftlichen
Wachstums in Deutschland und von der Verteilung der Ergebnisse dieses Wachstums«
(SPD 2003a). Später heißt es ganz unverblümt, dass Ursache der zentralen
Wachstumsschwäche »eine über viele Jahre hinweg leistungsfeindlich hohe, erst
seit Rot-Grün wieder konkurrenzfähige und sinkende Steuerbelastung der privaten
Einkommen sei« sowie »eine zu hohe Belastung des Faktors Arbeit durch hohe
Sozialversicherungsbeiträge« (SPD 2003b). Die Antworten der SPD auf die
Herausforderungen lassen sich in vier Punkten bündeln:
1. Maßnahmen für
Wirtschaftswachstum: Die Perspektive der Agenda 2010 für den Kernpunkt »Arbeit
und Wirtschaft« ist eindeutig gesamtwirtschaftlich ausgerichtet. Schwerpunkt
ist die Steuerreform zur Stärkung der Kaufkraft und Nachfrage um 42 Milliarden
Euro im Zeitraum 2002 bis 2005. Hinzu kommt ein Wohnraum- und Modernisierungsprogramm
in Höhe von 8 Milliarden bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Mit der
Einführung einer Zinsabgeltungssteuer auf Basis der EU-Zinsrichtlinie, einer
Mittelstandsbank und einer Steuerbefreiung für Kleinunternehmen sollen Investitionen
erleichtert werden. Mit einer Fülle weiterer kleiner Maßnahmen, die auch zu den
Stichpunkten »Bildung, Ausbildung Innovation« »Modernisierung von Arbeitsmarkt
und Arbeitsvermittlung« zusammengetragen werden, werden alle aktuellen
Maßnahmen der Bundesregierung zu diesen Themenkomplexen aufgelistet. Soweit sie
nicht weit reichend sind und keine grundsätzlich neuen Elemente beinhalten,
brauchen sie an dieser Stelle nicht erwähnt zu werden.
2. Maßnahmen zur Ausweitung der
Zahl der Beitragszahler: Eher als einschneidende Präzisierung bisheriger
Politik denn als Kehrtwende kommt der Umbau der Sozialhilfe unter der Parole
»Fördern und Fordern« daher. Die Leistungen für als erwerbsfähig eingeschätzte
Personen außerhalb des Erwerbssystems sollen zusammengefasst werden und
grundsätzlich auch Beitragszahlungen an die Sozialkassen umfassen. Dieser
Personenkreis soll grundsätzlich mit dem Ziel der Arbeitsaufnahme betreut
werden. Implizit steckt hierin aber die wichtigste Kehrtwende überhaupt. Im Zusammenhang
mit der Reformdiskussion soll der Haupteffekt dieser Maßnahmen sein, dass
grundsätzlich die ganze für abhängige Beschäftigung zur Verfügung stehende
Bevölkerung erstens Sozialbeiträge entrichtet und zweitens grundsätzlich keine
sozialstaatlichen Unterhaltsansprüche mehr hat, wenn sie nicht erwerbstätig
ist. Dies ist ein Bruch mit der bisherigen Annahme, dass für die Arbeitslosen
unter gleichen Bedingungen grundsätzlich keine Arbeit vorhanden sei und die
Übernahme der Vorstellung, die Menge der nachgefragten Arbeit sei auch von der
Lohnhöhe abhängig.
Auch unter dem Stichwort
»Zukunftssicherung der sozialen Sicherungssysteme« werden viele Einzelpunkte
neben den entscheidenden Umbrüchen aufgeführt. Der entscheidende Punkt ist der
»Paradigmenwechsel in der Beschäftigung Älterer«. Hier werden eine ganze Reihe
von Maßnahmen zur Verlängerung der tatsächlichen durchschnittlichen
Lebensarbeitszeit um 2,5 Jahre entworfen. Die noch auf dem Berliner Parteitag
grundsätzliche Ablehnung einer Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters über 65
Jahre hinaus wird schon im November wieder in Frage gestellt.
3. Vorsichtige Schritte zu einem
Systemwandel: Ein weiterer Systemwandel in der Rentenversicherung (trotz
»Riester-Rente« und »Sozialer Grundrente«) wird zunächst abgelehnt. Auf dem
Bochumer Parteitag heißt es stattdessen: »Wir wollen die Ausweitung der
Rentenversicherung zu einer Erwerbstätigenversicherung für alle zukünftigen
Erwerbstätigen. Bisher nicht erfasste Erwerbstätigengruppen wie Beamte,
Selbstständige und Freiberufler sollen schrittweise in die Rentenversicherung
einbezogen werden, Die dadurch entstehenden Mehreinnahmen, dass neue Gruppen
erst einzahlen und später Leistungsansprüche geltend machen, sollen... einem
Generationenfonds zugeführt werden … der dazu beiträgt, die Belastungen der
künftigen Generationen zu begrenzen«(SPD 2003b).
Ob dies ausreicht, wird dann doch
ausdrücklich an Voraussetzungen geknüpft: »Wir werden die private Vorsorge
weiter stärken. Die gesetzliche Rentenversicherung mit ihren solidarischen
Elementen, die betriebliche Altersversorgung und die eigenverantwortliche
Vorsorge werden in einer neuen Balance auch künftig die Garanten für ein sicheres
Einkommen im Alter sein. Voraussetzung ist, dass rechtzeitig die entscheidenden
politischen Schritte unternommen werden und jeder Einzelne seine eigenen
Entscheidungen zur notwendigen privaten Vorsorge trifft.« (SPD 2003b) In diesen
Formulierungen steckt viel Euphemismus. Es ist ja gerade nicht so, dass »auch
künftig« etwas garantiert ist, sondern dass letztlich der Umstieg auf die
private Vorsorge als neues Element eingeführt wird und wie die »Balance« aussehen
wird, bleibt ausdrücklich offen.
Eine echte Kehrtwende ist auch die
Erklärung, dass im Gesundheitssystem alle Anstrengungen der Optimierung des
Systems nicht ausreichten, um einen Beitragsanstieg zu verhindern. Deshalb
sollen gesamtgesellschaftliche Aufgaben wie Leistungen bei Schwangerschaft und
Mutterschaft zukünftig aus Steuermitteln finanziert werden und das Krankengeld
allein von den Beitragspflichtigen übernommen werden. Hier werden erste, noch
kleine Schritte gemacht, Teile der Gesundheitsleistungen nicht mehr paritätisch
zu finanzieren und somit aus den Arbeitskosten herauszurechnen. In ähnlicher
Weise wirkt die Forderung nach gleichen Beitragssätzen für Rentner und
Erwerbstätige in die Richtung, dass für Gesundheitsausgaben der Versicherte und
nicht der Arbeitgeber oder der Steuerzahler aufkommen muss (SPD 2003a). Das
wird weiterentwickelt zum Vorschlag einer Bürgerversicherung, in die alle mit
allen Einkommensarten nach ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit einzahlen, die
aber für die unselbstständig Beschäftigten weiterhin die Arbeitgeber anteilig
in die Pflicht nimmt.
4. Maßnahmen zur demographischen
Herausforderung: Die SPD macht direkt keine Vorschläge zur Verminderung der
demographischen Probleme. Sie stellt aber sehr entschieden die Frage der
Schaffung von Vollzeitschulen und Ganztagskindergärten für wesentlich mehr
Kinder als bisher in den Mittelpunkt von Strategien zur Erhöhung der
Frauenerwerbstätigkeit - und damit auch in den Dienst des wirtschaftlichen Aufschwungs.
Indirekt steht hinter diesen Vorschlägen die Erwartung, dass die Entscheidung
für Kinder erleichtert wird, wenn es mehr und bessere Infrastruktur zu ihrer
Betreuung gibt.
CDU: Kapitaldeckung als
Systemwechsel
Die CDU
hat ihren programmatischen Nachholbedarf in recht kurzer Frist aufgearbeitet.
Auf den ersten Blick ergeben sich breite Gemeinsamkeiten mit den Positionen der
Sozialdemokraten. Bei der Analyse der gesellschaftlichen Lage werden die gleichen
Faktoren in der gleichen Gewichtung aufgeführt, die Veränderungen erfordern:
Wissensgesellschaft, Globalisierung, Bevölkerungsentwicklung. Überraschenderweise
werden auch die gleichen Grundwerte in der gleichen Reihenfolge beschworen:
Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität (CDU 2003a). Dennoch werden die Schwerpunkte
anders gesetzt: Allein die demographische Entwicklung mache die Systemveränderung
unvermeidlich, und die Einführung von kapitalgedeckten Elementen wird als
positives Ziel gesetzt, »um den deutschen Sozialstaat langfristig so demographiefest
wie möglich zu machen«. Überhaupt macht es sich aus der Opposition heraus
leichter, dräuend grundsätzliche gesellschaftliche Probleme aufzuwerfen,
während die SPD als Regierungspartei immer noch gleichzeitig beschwören muss,
dass sie ja bereits die bestmögliche aller Welten für uns geschaffen hat.
Die CDU-Vorschläge bilden ein
deutlich zusammenhängendes Konzept, das aber einer ganz anderen Logik als das
der SPD folgt. Es hat die einzelnen Bürger im Blick, die durch eine »soziale
Ordnungspolitik« verlässliche Rahmenbedingungen für ihre »Eigenverantwortung
und Eigenvorsorge« erhalten sollen. Familie und Kinder werden als
gesamtgesellschaftlich zu unterstützende Aufgaben angesehen. Diese zwei
Prinzipien strukturieren alle Vorschläge:
–
Kapitalgedeckte Elemente der Renten- und Pflegeversicherung sollen die Eigenverantwortung
stärken. Bei der Pflegeversicherung soll der Arbeitgeberanteil in den Nettolohn
überführt werden.
– Die
Krankenversicherung soll nach dem Modell der privaten Versicherung umstrukturiert
werden: Einheitliche Beiträge zur Absicherung des Minimalrisikos (Gesundheitsprämie),
Abschaffung der paritätischen Finanzierung, staatlicher Prämienzuschuss für
Einkommensschwache, Kostenerstattungs- statt Sachleistungsprinzip. Da letztlich
auch die gesetzliche Krankenversicherung den Privaten angepasst wird, entfällt
die Notwendigkeit, für die bisherigen privat Versicherten etwas zu ändern.
– Um die
privaten Beitragsleistungen ohne Abstriche an den Nettoeinkommen finanzieren zu
können, bedarf es einer weit gehenden Einkommenssteuersenkung. Diese soll
vornehmlich durch Streichung bisheriger Ausnahmetatbestände und indirekter
Subventionen finanziert werden. (Wären diese schon zur Finanzierung des Vorziehens
der Steuerreform gestrichen worden, hätte sich die CDU ein neues Finanzierungskonzept
überlegen müssen.)
– In die
Einkommensteuer und alle Versicherungssysteme wird eine sehr massive von der
Gesamtheit der Steuerzahler zu tragende Förderung von Familie und Kinder
eingebaut: 8000 Euro Grundfreibetrag pro Person, Ehepartner und Kind, hiermit
zu verrechnendes Kindergeld bis 2880 Euro im Jahr, Anerkennung des Haushalts
als Arbeitgeber und damit steuerliche Abzugsfähigkeit von Hauspersonal,
Zuschuss in Höhe einer halben Gesundheitsprämie pro Kind, Zuschuss von 50 Euro
pro Kind und Monat zu den Rentenversicherungsbeiträgen der Eltern, Erweiterung
der Anrechnung von Kindererziehungszeiten bei der Rente.
Im Unterschied zur SPD wird das
Konzept zum Umbau des Sozialstaates nicht in erster Linie mit der Verbesserung
der Wachstumsbedingungen begründet, sondern mit der demographischen
Entwicklung. Eine »wachstumsfreundliche« Wirtschaftspolitik ist quasi immer
schon vorausgesetzt. So würden nach dem CDU-Konzept etwa die Lohnnebenkosten
noch weit stärker gesenkt und die Arbeitslosenversicherung auf ihre historische
Funktion als Versicherung gegen Lohnausfallsleistungen zurückgeführt – also der
zweite Arbeitsmarkt weitgehend beseitigt. Man darf auch nicht übersehen, dass
die CDU, genauso wie die SPD, die Schaffung zusätzlicher sozialversicherungspflichtiger
Arbeitsplätze für den Kern der Problemlösung hält. Sie hält am Prinzip der
gesetzlich angeordneten Sozialversicherung für alle fest, nur werden nicht
allein paritätische Beitragszahlungen, sondern auch private Versicherungen
vorgeschrieben. Und die CDU ist der Auffassung, gerade über die Rücknahme staatlicher
Funktionen und die Stärkung kapitalbildender Elemente etwas zur Schaffung von
Arbeitsplätzen tun zu können.
Einstieg in den Ausstieg
Der Vergleich der programmatischen
Entwicklungen fördert ein zwiespältiges Ergebnis zu Tage: Beide Volksparteien
bemühen eine Rhetorik des Wachstums, der Senkung der Arbeitskosten, der
individuellen Verantwortung, des Vertrauens auf Marktkräfte und Kapitalbildung
und des Abbaus staatlicher Leistungen, die vor gar nicht langer Zeit in dieser
Form als neoliberal bezeichnet wurden. Da nimmt es nicht Wunder, dass die FDP
seit einiger Zeit sich schier gar nicht mehr bemerkbar machen kann.
Auf der anderen Seite reagieren
beide Parteien immer noch erkennbar entlang ihren bekannten Traditionen: Die
SPD will im Kern am beitragsfinanzierten Sozialstaat festhalten und setzt auf
die Ausweitung neuer staatlicher Dienste (Kinderbetreuung, Bildung, Forschungs-
und Technologieförderung), deren Finanzierung im erforderlichen Umfang
allerdings in den Sternen steht. Getrieben von den Finanzierungszwängen der
sozialen Sicherung, aber festhaltend an den alten Grundprinzipien, baut sie nur
stückweise, zögernd und ohne Perspektive auf ein neues Modell den Sozialstaat
ab und um. Typisch ist hierfür die Riester-Rente: Eine dritte Säule der Finanzierung:
ja – aber nur so wenig, dass es noch keinen Systemwechsel, doch dafür eben auch
keine Entlastung der Kassen bringt. Derweil verschärft sich die Kassenlage dennoch,
und es müssen Ersatzmaßnahmen eingeleitet werden. Insgesamt ergibt sich so das
Bild einer hektischen und getriebenen Politik.
Da ein arbeitsplatzschaffender
Wirtschaftsaufschwung tatsächlich den aktuellen Finanzierungsspielraum des
Haushalts und der Sozialversicherung wieder sehr erhöhen würde, wollte man sich
das Ausmaß der Veränderungen nicht durch die vermeintlich nur
konjunkturbedingte Wachstumsschwäche diktieren lassen. Die Fixierung auf
angeblich wachstumsfördernde Maßnahmen ist ein Reflex dieser Einschätzung. In
den Mitteln dazu – Steuersenkungen und Erhöhung des Drucks auf die
Langzeitarbeitslosen – haben sich SPD und CDU mittlerweile angenähert, sodass
der Konsens über die Agenda 2010 möglich war. Dies allein kann aber nicht zur
nachhaltigen Verbesserung der strukturellen Schieflage der beitragsfinanzierten
Sozialversicherungssysteme führen. Wenn die SPD allein auf zukünftiges Wachstum
setzt, um die wachsende Disproportion zwischen Beitragszahlern und Leistungsempfängern
zu entschärfen, bewegt sie sich weiter im Bereich der Illusionen.
Die CDU gibt vor, dass sie die
selbst geschaffenen Grundlagen nachhaltig ändern will und führt dazu mehr
demographische als wirtschaftliche Gründe an. Sie will im Kern eine weit
gehende Stärkung der individuellen Verantwortung und der Privatversicherungen
im Bereich der sozialen Sicherung, mit einem steuerfinanzierten Netz begrenzt
auf die Armen. Dieses Konzept ist gesellschaftspolitisch deutlich liberaler
fundiert, als es bisher in der CDU üblich war. Zugleich sollte aber nicht
übersehen werden, dass es weiterhin tief greifende Unterschiede zu einem
neoliberalen Modell oder etwa der USA gibt: Auch die CDU hält an einer
einheitlichen, gesetzlich regulierten Kranken-, Arbeitslosen-, Alters- und
Pflegeversicherung für alle abhängig Erwerbstätigen fest. Der Übergang von
einem weitgehend auf gesetzlichen Ansprüchen auf der Basis von Sozialbeiträgen
beruhenden System sozialer Sicherheit zu einem mehr auf Kapitaldeckung und
steuerlichen Umverteilungen beruhenden System bedeutet allerdings auch die
Einführung von Elementen, die – gerade in Deutschland – als deutlich weniger
»sicher« eingeschätzt werden.
Die CDU will zugleich die
Familienförderung steuerfinanziert noch deutlich ausweiten. Das ist – bei allem
Geschrei um den angeblich erforderlichen Abbau von Subventionen –, nichts
anderes als eine massive zusätzliche Subvention, nur eben für Familien und
nicht für Eigenheime oder Nacht- und Schichtarbeiter. In ihrer Logik heißt das,
dass die Lebensgestaltung getreu liberaler Prämissen in erster Linie den
Privaten obliegt, mit der einzigen Ausnahme: der Verpflichtung der
Gesellschaft, die Familien bei der Sorge um die Nachkommenschaft zumindest
finanziell besser zu stellen. Auf diese Frage ist dann wohl auch das spezifisch
Christlich-Soziale in ihrer Programmatik geschrumpft.
Um die Einzelnen und gerade auch
die Einkommensschwächeren nicht plötzlich und drastisch schlechter zu stellen,
wenn sie zusätzliche private Beiträge für die Renten-, Kranken- und
Pflegeversicherungen entrichten müssen, muss die CDU weitere erhebliche
Einkommensteuersenkungen ankündigen. Zusammen mit der Familienkomponente werden
hierdurch die bereits jetzt total überschuldeten öffentlichen Kassen noch
weiter erheblich belastet – würde das tatsächlich umgesetzt, müssten andere
staatliche Leistungen im bislang unerhörten Umfang eingestellt werden. Hier tun
sich weitere Felder der politischen Auseinandersetzung auf, in der sich SPD und
CDU sehr unterscheiden: Während die SPD gerade den Ausbau der Ganztagsbetreuung
von Kindern in Kindergärten und Schulen auf ihre Fahnen geschrieben hat,
überlässt es die CDU eben den Familien, ob und wie sie mit steuerlich
geförderten Kindermädchen für eine Entlastung der berufstätigen Frauen sorgen.
Die Konzepte der großen Parteien
sind in der vorliegenden Form nicht geeignet, den Sozialstaat dauerhaft zu
sichern. Die von beiden Parteien propagierte Balance der gesetzlichen,
betrieblichen und privaten Versicherung steht auf tönernen Füßen, solange die
gesetzliche Versicherung durch ein Missverhältnis von Beitragszahlern und
Leistungsansprüchen geprägt ist, betriebliche Rentenpläne großer Konzerne mit einem
Federstrich gekündigt werden können und der Kapitalmarkt weniger denn je eine
langfristig hinreichend sichere Perspektive bietet – wie der Zusammenbruch der
»New Economy« gerade gezeigt hat, in dem privates Kapital in gigantischem Maßstab
vernichtet wurde. Die bereits beschlossenen Maßnahmen zum Umbau des Sozialstaates
zeigen dennoch, dass der Einstieg in den Ausstieg aus dem Sozialstaat, wie wir
ihn bisher kannten, von beiden Volksparteien vollzogen wurde.
1
Die SPD beschloss auf ihrem
außerordentlichen Bundesparteitag vom 1. Juni 2003 in Berlin die Grundlinien
der Agenda 2010 unter dem Titel »Mut zur Veränderung« (SPD 2003a) und baute
dies auf dem Bundesparteitag in Bochum vom 17. November 2004 unter dem Titel
»Unser Weg in Zukunft« (SPD 2003b) aus. Die CDU überwand ihre programmatische
Erstarrung seit der Regierungszeit Helmut Kohls erst mit den Beschlüssen des
17. Parteitages am 1. Dezember 2003 in Leipzig: »Deutschland fair ändern« (CDU
2003a) sowie »Ein modernes Einkommensteuerrecht für Deutschland« (CDU 2003b).
Die Dokumente sind auf den Webseiten der Parteien zugänglich.