Mikroglobalisierung in Frankfurt am Main

"Glokalisierung" Perspektiven und Chancen, Teil 3

Robert Lohde Reiff

"Glokalisierung" verweist auf die Rolle des Lokalen bei der Gestaltung von Globalisierungsprozessen vor Ort. Lokale Reaktionen auf globale "Zumutungen" (siehe dazu Scherrers [2000: 56] Typologie) und das Schaffen globaler Räume im und aus dem Lokalen heraus sind so würde Robertson (1998) betonen zwei Seiten einer Medaille. Dieses Wechselspiel erst konstituiert überhaupt das Phänomen der Globalisierung. In den Artikeln zur "Glokalisierung" vergleicht Hennig anhand der Innovationsproblematik (als Versuch, globale Räume zu schaffen) US-amerikanische mit bundesrepublikanischen Entwicklungslinien im Glokalisierungsprozess. Seine eher skeptische Einschätzung der Rolle der Politik in der Bundesrepublik als "primär reaktiv", weil auf der Leitphilosophie der Gleichheit gegründet, wird speziell am Beispiel der Stadt Frankfurt am Main festgemacht. Dennoch erscheint Frankfurt im bundesrepublikanischen Rahmen als die Stadt, die es am besten verstanden hat, ihre lokalen Voraussetzungen zur besseren "Ausbeutung" von Glokalisierung zu nutzen.

"Außerdem gibt es noch die Frage der Vielfalt auf lokaler Ebene. ... Hinter der Idee des Welt-Raums steckt die Aufforderung, das Lokale als Mikro-Erscheinungsform des Globalen anzusehen ..." (Roland Robertson 1998: 214)

Der in FFM seit den Achtzigerjahren forcierte Ausbau zu einer "Dienstleistungsstadt" (vergl. Noller/Ronneberger 1995: 47 ff., 254 ff., Noller 1999: 126 ff.) verfolgt das Leitbild, den Status einer, wenn nicht der bundesrepublikanischen "global city" (vgl. Sassen 1991) zu behaupten. Tatsächlich lassen sich einige Hinweise auf das Gelingen dieses Unterfangens anführen. So ist etwa die Skyline bundesweit einzigartig. In keiner anderen Stadt stehen so viele, so hohe, architektonisch so vielfältige Häuser in so hoher Konzentration im zentralen Geschäftsbezirk. Auch die Spitzen-Mieten für Büroflächen in City-Lage sind ansonsten unerreicht (58-75 DM/m2): "... dorthin drängen Finanzdienstleister und Anwaltssozietäten, denen die Nähe zu den Auftraggebern hohe Mieten wert ist. Ein ähnliches Streben einiger großer und vieler kleiner Betriebe zum kostspieligen Zusammenrücken ist in anderen deutschen Großstädten nicht gegeben" (Freund 2000: 58).

Im Rahmen einer arbeitsteiligen Hierarchie globaler Städte (vgl. Sassen 1994) erfüllt Frankfurt vorrangig die Funktion eines Finanzplatzes, aber auch Touristen- und Migranten werden von der Börse, dem Flughafen und den Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten der Stadt angezogen. Zum Stichtag 31.12.1999 beträgt der Anteil der Nicht-Deutschen an der Bevölkerung mit Hauptwohnung in Frankfurt 29 Prozent (vgl. Ramb 2000: 214) und liegt damit an der Spitze deutscher Großstädte, vergleichbar etwa mit Amsterdam. Was den Fremdenverkehr angeht, liegt Frankfurt 1999 zwar "nur" an dritter Stelle (hinter München und Hamburg), in Hinsicht auf den Anteil ausländischer Gäste (knapp 50 %) jedoch nimmt die Mainmetropole den Spitzenplatz unter den bundesrepublikanischen Großstädten ein (vgl. Lauterbach 2000). Und noch ein Superlativ: Die Zuwachsrate der Bruttowertschöpfung (in Marktpreisen) von 1980 auf 1996 liegt mit 142,5 Prozent allgemein und mit 129 Prozent je Erwerbstätigem an einsamer Spitze. Den größten Anteil hieran tragen mit knapp 56 Prozent Dienstleistungsunternehmen. Dienstleistungen zusammen mit Handel und Verkehr (tertiärer Sektor) erreichen bei der Bruttowertschöpfung 82,5 Prozent (vgl. Hildebrand 2000) auch dies, na klar, eine Spitzenposition, genauso wie übrigens der Flughafen als bundesweit größter Einzelarbeitgeber.

Der Ausbau der Stadt zur Dienstleistungs- und Finanzmetropole und die damit erreichte Wirtschaftskraft können durchaus als Beispiel gelungener lokaler Umsetzung globaler Prozesse gelesen werden auch wenn es sich teilweise um eine Dynamik handelt, die "... hinter dem Rücken der städtischen Akteure abläuft" (Völker/Hennig 2000: 61). Es ist aber auch ein Beispiel für Glokalisierung, also der Wechselseitigkeit von globalen und lokalen Prozessen. Man könnte sagen, um die Symbolik der Skyline aufzugreifen, dass Frankfurt sich metaphorisch aus der Mitte heraus in den globalen Raum hineinstreckt und so versucht, globale Ströme "anzuzapfen".

Aber nicht jede Stadt erreicht durch den Ausbau lokaler Gegebenheiten den Status einer "global city" (Frankfurt hat durch seine Tradition als Banken- und Börsenplatz, als Messestadt und als Verkehrsknotenpunkt günstige Voraussetzungen) insofern sind die Chancen der Globalisierung ungleich verteilt. Und dies nicht nur in Hinsicht auf den Standort-Wettbewerb der Städte, sondern auch in Hinsicht auf die Bewohner dieser Städte.

Viel ist schon geschrieben worden zu den Auswirkungen von Globalisierungsprozessen auf Städte und deren Bewohner. Ausgegangen wird zumeist von Globalisierung als weltweiter Verflechtung ökonomischer Aktivitäten, deren politische, soziale und räumliche Auswirkungen dann untersucht werden (vgl. statt vieler: Friedrichs 1997). Die interne Struktur globaler Städte wird vorwiegend mit dem Konzept der Polarisierung erfasst ("dual-city"-Ansatz, vgl. Mollenkopf/Castells 1992). Demnach würde die Veränderung der nachgefragten Qualifikationen zu höheren Anteilen Beschäftigter mit hoher Qualifikation, aber auch zu steigenden Zahlen von Beschäftigten mit niedriger Qualifikation führen. Ebenso stiege die Zahl der Arbeitslosen, deren Qualifikation nicht mehr nachgefragt wird (Langzeitarbeitslose). Daraus folge eine Einkommenspolarisation, die Ungleichheiten in der Wohnraumnachfrage bewirke, denn in globalen Städten stiegen aufgrund der Konzentration von unternehmensbezogenen Dienstleistungen die Bodenpreise und Mieten. Aus der Kombination von Einkommensdifferenzierung und steigenden Bodenpreisen resultiere die Gentrifizierung innenstadtnaher Bereiche, eine steigende soziale und ethnische Segregation sowie eine steigende Zahl von Armutsvierteln.

Dieses düstere Bild der Lebensverhältnisse in Global Citys, das nur Gewinner und Verlierer kennt, wird ergänzt von Beiträgen, die nicht die Spaltung der Stadt, sondern deren Teilung betonen ("divided-city"-Ansatz, vgl. Fainstein/Gordon/Harloe 1992; für den Vergleich Frankfurt/Los Angeles/Amsterdam: Hennig 1996; Hennig/Lohde-Reiff/Schmeling/Völker 1997; Hennig/Lohde-Reiff/Schmeling 1997). "Living the Global City", eine der wenigen Mikrostudien zu den Auswirkungen von Globalisierungsprozessen auf den Alltag der Einwohner von globalen Städten, zeigt etwa eine Vielfalt an Einstellungen zu und Umgangsweisen mit globalisierungsinduzierten Differenzen und Ungleichheiten auf lokaler Ebene und deutet so eher auf Teilung denn auf Spaltung der Stadt (vgl. Eade 1997). (1) Menschen, die in global-lokalen Spannungsverhältnissen (nicht nur) einer Global City leben, entwickeln im Zuge sozio-ökonomischer Strukturwandlungen neue Muster von Einstellungen, denen nachzuspüren sich die Mitarbeiter des Kasseler Forschungsclusters "Politische Kultur und Glokalisierung" (PoKu+Glok) (2) zur Aufgabe gemacht haben. Einen Schwerpunkt dieser Einstellungsforschung bilden die seit 1994 alljährlich vom Bürgeramt in Frankfurt durchgeführten repräsentativen Bürgerbefragungen "Leben in Frankfurt". In loser Folge sind in diesem Zusammenhang drei quantitativ orientierte Arbeiten erschienen, die sich jeweils mit verschiedenen Operationalisierungen der Trägerschaft von Einstellungen zu Globalisierungsprozessen beschäftigen. Diesen noch sehr explorativen "Suchbewegungen" unterliegt die gemeinsame Frage: Wer trägt die globalen Entwicklungsprozesse in Frankfurt und welche Einstellungen verbinden sich mit dieser "Trägerschaft"?

Im ersten Schritt (Völker/Hennig 2000) wurde versucht, durch sozialstrukturell konstruierte Kontrastgruppen im Sinne des "dual-city"-Ansatzes Unterschiede bei Einstellungsmustern von "Gewinnern" und "Verlierern" des sozio-ökonomischen Strukturwandels zu finden. (3) In Annäherung an ein mit "Globalisierungs-Gewinnern" oft assoziiertes Bild von Schlips und Handy tragenden "Yuppies" ("Young Urban Professionals" vergl. hierzu Noller/Ronneberger 1995 und Noller 1999) oder "Dinks" ("Double income no kids") modelliert eine Kombination aus Alter und Einkommen Gewinner als gut (mehr als 5000 DM) verdienende junge Menschen von 25 bis 40 Jahren, Verlierer demgegenüber als ältere Menschen (50 Jahre und mehr) mit niedrigem Einkommen (bis 2000 DM). Dazwischen liegen die Gruppen junger Menschen mit wenig Einkommen und finanziell besser ausgestatteter älterer Menschen. Diese Kontrastierungen erlauben das Auffinden einiger Unterschiedlichkeiten in Bezug auf Einstellungen zu Lebensbereichen wie der Zufriedenheit mit der Wohnung, der Wohngegend, der Stadt allgemein und verschiedenen anderen Bedingungen in der Stadt. Jene etwa 10 Prozent Gewinner, die hypothetischen Träger der dominanten Entwicklung, weisen geringere Bindungen an die Stadt auf. Ihre Ressourcenausstattung erlaubt ihnen, Umzugswünsche in die Tat umzusetzen, das heißt, sie verfügen aufgrund höherer Bildung, besserer Jobs und mehr Einkommen über "Austritts-Optionen" (vgl. dazu auch Kriesi 2000). Entscheidend ist die Unzufriedenheit mit Frankfurt allgemein, insbesondere aber werden der Individualverkehr und die öffentliche Sicherheit sowie die Sauberkeit der Luft negativ bewertet Bereiche also, die auch durch höheres Einkommen nur schwer kompensierbar sind. Hohe Zufriedenheitswerte mit der Wohnung, den Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten sowie höheren, aber von 1995 auf 1998 sinkenden Zufriedenheitswerten bei ärztlicher Versorgung und kulturellem Angebot verhindern nicht, dass sich 27 Prozent der befragten Gewinner einen Umzug vorstellen können und 20 Prozent diesen sogar schon planen. Im Gegensatz dazu ist die Gruppe der Verlierer (die sich durch ein niedrigeres Bildungsniveau und hohe Anteile an Rentnern und Pensionären auszeichnet) weniger zufrieden mit der Wohnung, zunehmend unzufriedener mit der Wohngegend, aber zufriedener mit der Stadt allgemein (umgekehrt ausgedrückt: die Unzufriedenheiten mit besonderen Lebensbereichen in der Stadt sind mit Ausnahme der öffentlichen Sicherheit weniger stark ausgeprägt). Die Polarisierungen innerhalb einer globalen Stadt wie Frankfurt führen also paradoxerweise offenbar gerade bei den Trägern der entscheidenden Prozesse zu Unzufriedenheiten mit der Stadt, während sich die wenig mobilen Verlierer solcher Prozesse, vielleicht weil sie mehrheitlich schon außerhalb des Arbeitsprozesses stehen und damit nicht so sehr einem Zwang zur Mobilität ausgesetzt sind, in der "Stadt der Widersprüche" (Noller/Ronneberger 1995: 244 ff.) eingerichtet haben.

In Anlehnung an Bourdieu könnte man die Struktur der Gruppenbildung wohl am ehesten mit seinem Begriff des ökonomischen Kapitals in Verbindung bringen (Bourdieu 1983). Auch wenn der hohe Bildungsgrad der Gewinner-Gruppe auf kulturelles Kapital verweist, so ist es diesen relativ jungen Menschen doch gelungen, sehr früh ihre Bildung in Geld umzusetzen. (4) Eine Gruppenbildung, die mehr am Begriff des sozialen Kapitals orientiert ist, liegt im zweiten Versuch vor (Hennig 2000b). Diese Art der Kapitalbildung entsteht durch soziale (Austausch-)Beziehungen bzw. durch Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einem Netzwerk. Die Möglichkeiten des Einsatzes und der Umsetzung der anderen Kapitalarten wird dadurch "multipliziert" (Bourdieu 1983: 191).

Im vorliegenden Falle werden nicht sozio-ökonomische Indikatoren, sondern Einstellungsvariablen als Ausgangspunkt zur Gruppenbildung herangezogen. Wie wird mit den Widersprüchen der Stadt umgegangen? Wie schlagen sie sich im Urteil über die Stadt nieder? Gefragt wird 1998 nach der Beurteilung Frankfurts in Hinsicht auf die Attributierung der Stadt als gastlich, wirtschaftskräftig, weltoffen, reizvoll, zukunftsorientiert, interessant, sicher, hektisch, modern und international. Die Annahme ist, dass die Beurteilungen und die dahinter stehenden entsprechenden Einstellungen in sozialen Beziehungen herausgebildet werden und als soziales Kapital betrachtet werden können. Faktoranalytisch (5) lassen sich aus dem genannten Strauß von Attributen, denen jeweils Zustimmung gegeben oder versagt werden kann, drei "Urteilssyndrome" analysieren, deren eines hier besonders interessiert, weil es die Beurteilung der Stadt als sowohl "wirtschaftskräftig" wie auch "hektisch" verbindet und damit offenbar Licht und Schatten der Wirtschaftsentwicklung zusammen sieht. Hinzu kommen die Aussagen, die Stadt sei weder reizvoll noch gastlich. 28 Prozent der Stadtbevölkerung lassen sich diesem Urteilssyndrom zuordnen. Für diese Menschen spielt die Stadt als "reizvoll-interessante und gastlich-sichere" (so das gegenläufige Urteilssyndrom) keine Rolle. Dem "gemütlichen" Frankfurt gegenüber wird der Wirtschaftskraft der Vorzug gegeben und die Hektik vielleicht als Ausdruck "zwangsweiser" Mobilität in Kauf genommen. Verblüffend sind die Ergebnisse auf die Frage, wer denn die Träger dieser Meinung über Frankfurt seien. Es sind keinerlei soziodemographische Auffälligkeiten zu verzeichnen (außer, dass die Anhänger des Urteilssyndroms etwas jünger sind als der Durchschnitt), es gelingt keine sozialräumliche Verortung und auch in Hinsicht auf die oben erwähnten Zufriedenheiten mit Lebensbereichen in der Stadt ergeben sich kaum Unterschiede zur Allgemeinheit. Diese Gruppe entspricht nahezu einem repräsentativen Querschnitt der Stadtbevölkerung und nicht dem fast schon klassischen Bild einer Yuppie-Ansammlung. Gebunden an die nicht auf solche Fragestellungen zugeschnittene Frankfurter Bürgerbefragung resümiert Hennig: "Es bleibt eine offene Frage, wie sich diese Einstellung ausbildet und wer sie warum vertritt" (Hennig 2000b: 199). Möglicherweise zeichnet sich ab, dass zumindest ein Teil der Menschen, die in den Widersprüchen einer globalen Stadt leben, integrative Einstellungssyndrome herausbilden, die es ihnen ermöglichen, unabhängig von ihrem sozialen Status als Gewinner oder Verlierer die Widersprüche zu leben (möglich und denkbar ist aber auch die Interpretation dieses Syndroms als "resignativ" oder als schlicht "realistisch").

Eine dritte Variante der Gruppenbildung rekurriert indirekt auf das kulturelle Kapital als strukturierendes Moment. Die als Gewinner etikettierte Gruppen ergibt sich schlicht aus dem Zugang zur Informationstechnologie (Lohde-Reiff 2001). "Zugang" zu Gütern und Dienstleistungen zu haben, ersetzt möglicherweise zunehmend den Eigentumsgedanken (vgl. Rifkin 2000 (6)), ist also ein Schlüsselbegriff (im doppelten Wortsinne) bei der Untersuchung globaler Vernetzungen. Das Internet etwa kann man nicht besitzen. Nirgends gibt es einen Info-Laden, bei dem man 500 Gramm Internet kaufen kann. Man braucht "Zugang". Zugang zu Informationen und zur Informationstechnologie aber besteht aus zwei Komponenten, nach denen Bourdieu das kulturelle Kapital unterteilt. Der Computer und der Internetanschluss entsprechen dem materieller Aneignung zugänglichen "objektivierten Kulturkapital" (Bourdieu 1983: 188). Die Kenntnisse und Fertigkeiten, die zur Bedienung dieser Gerätschaft und der entsprechenden Software nötig sind, können dem "inkorporierten Kulturkapital" (ebd.: 186) zugeordnet werden und setzen einen "Verinnerlichungsprozess", der nicht delegierbar ist, voraus. (7) Es muss also einiges an kulturellem Kapital akkumuliert werden, bevor der Umgang mit einer Technologie, von der Castells (1995) behauptet, sie sei die treibende Kraft des neuen, globalen Kapitalismus, geleistet werden kann. Deshalb ist es nahe liegend, Menschen, die zu Hause über einen Internetzugang verfügen, zu den möglichen Trägern globalisierungsinduzierter Entwicklungsprozesse zu zählen. Wer sind in Frankfurt diese Menschen?

Von 1998 auf 1999 steigt der Anteil der Befragten mit Internetanschluss in Frankfurt von 14,7 auf 22,3 Prozent. Sozialstrukturell erinnert diese Gruppe ein wenig an die jungen, gut verdienenden Menschen, ist aber weiter zu fassen, denn nur 46 Prozent entsprechen tatsächlich dieser Definition. Sie sind hoch gebildet, ein Drittel hat Abitur, ein weiteres Drittel verfügt über einen Hochschulabschluss. Sie sind zur Hälfte 30 bis 44 Jahre alt, je ein knappes Viertel ist jünger oder älter und nur 4 Prozent sind älter als 60 Jahre. Sie sind zu zwei Dritteln vollbeschäftigte Angestellte (der Anteil der Selbstständigen verdoppelt sich von 1998 bis 1999 auf 20 %) und die Hälfte von ihnen hat ein Einkommen über 5000 DM. "Frauen und Technik" dies scheint immer weniger ein Problem zu sein. Waren die Frauen 1998 noch deutlich unterrepräsentiert (36 %), so haben sie in Jahresfrist doch kräftig aufgeholt (43 %).

Was nun die Einstellungen dieser Gruppe von Internetzugangsbesitzern angeht, so erinnern sie eher an die oben beschriebenen "dialektischen Persönlichkeiten", sind aber enger zu fassen. Sowohl die im Vergleich zum allgemeinen Querschnitt nicht zu unterscheidende Zufriedenheit mit städtischen Lebensbereichen als auch eine große Zufriedenheiten mit den Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten in Frankfurt treffen zu und hier wie dort spielt die Geschlechterfrage kaum eine Rolle. Die Einschätzung der Stadt als "wirtschaftskräftig und hektisch" ist jedoch nicht gegeben. Vielmehr wird die Stadt bruchlos als "wirtschaftskräftig, zukunftsorientiert und modern" beurteilt. Trotz der großen Zufriedenheiten würden, ähnlich den jungen Reichen, mehr als ein Viertel "lieber woanders wohnen".

Die explorativen Suchbewegungen nach der Trägerschaft von Glokalisierungsprozessen in Frankfurt, so könnte man zusammenfassen, streifen verschiedene Bevölkerungskonglomerate, die sich offensichtlich zum Teil überlappen. Als Schnittmenge ergibt sich vielleicht der junge, vollzeitbeschäftigte und dabei gut verdienende Internetzugangsbesitzer, der in der Lage ist, widersprüchliche Einstellungen, die eine globale Stadt ihm quasi von außen anträgt, in sich zu "befrieden". In so einer Konstruktion der hier nicht weiter nachgegangen werden kann kommen ökonomisches und kulturelles Kapital, verstärkt durch soziales Kapital in Form von "Meinungs- und Einstellungsgemeinschaften" zusammen. Ob sich hieran Gewinner und Verlierer scheiden diese Ohrwurm-Etiketten aus der Polarisierungsthese bleibt eine offene Frage. Klar ist aber, dass die Gewinner, so wie sie bei Noller/Ronneberger (1995) und Noller (1999) als Angehörige mutmaßlich globalisierungsnaher Berufsgruppen (Banken, Werbeagenturen, Ingenieure und EDV-Fachleute) auftreten, zu simpel gestrickt sind. Gewinn- und Verlustrechnungen der Individuen mögen subjektiv eingefärbt sein (darauf verweisen Eades Studien in London), abhängig von Lebenszielen, abhängig von der jeweiligen individuellen Ausgangslage, abhängig vielleicht auch von eher zufällig sich ergebenden Chancen. Von einer Annäherung an ein Muster der Trägerschaft von globalen Prozessen jenseits der ökonomischen Global-player-Ebene kann aber wohl gesprochen werden. Im Labor der globalen Stadt brauen sich neue (Einstellungs-)Muster zusammen, die in der Lage sind, Polarisierungsprobleme der Mikroglobalisierung zu entschärfen. Jedenfalls: Diese Muster nehmen einen breiteren Raum ein als die Polarisierungsthese zulässt, oder mit den Worten von Laura Buffoni: "The image of the global city is one of complexity but not of duality ..." (Buffoni 1997: 125).

 

Anmerkungen

1 Vgl. die ausführliche Rezension: Lohde-Reiff, Robert: Varianzen der Mikroglobalisierung, in: vorgänge 145, Heft 1/99, S. 130-133.

2 Informationen zum Forschungscluster Politische Kultur und Glokalisierung am Fachbereich 5 der Universität Gesamthochschule Kassel: "http://www.uni-kassel.de/fb5/politikwissenschaft/Theorie/foclu.html".

3 Die Begriffe Gewinner/Verlierer dies sei hier ausdrücklich betont sind recht pauschale semantische Etiketten, deren komplexe inhaltliche Relationen kaum zu operationalisieren sind. Dennoch sind sie nicht gänzlich falsch und werden hier aufgrund ihres (im übertragenen Sinne) "Ohrwurm-Charakters" verwendet.

4 Bourdieu weist darauf hin, dass die Umwandlung der Kapitalarten mit Kosten verbunden ist. Insbesondere die Umwandlung von kulturellem in ökonomisches Kapital ist aufgrund der zeitaufwändigen Aneignungsphase von z. B. Bildung schwierig. Der frühe Eintritt in die Berufsphase bei hoher Bildung entspricht insofern einem geldwerten Vorteil.

5 Die Faktoranalyse ist ein rechnerisches Verfahren, das eine Vielzahl von verschiedenen Variablen auf eine möglichst kleine Menge von latenten Hintergrundvariablen (Faktoren) reduziert. Anders ausgedrückt: Wenn einer Batterie von Variablen unterschiedliche Dimensionen unterliegen (z. B. privat/öffentlich), werden diese von der Faktoranalyse gefunden.

6 Kürzer: Die Rezension von M. Altmeyer in Kommune 11/2000, S. 59.

7 Bourdieu arbeitet mit einer dritten Variante, dem "institutionalisierten Kulturkapital", die hier nicht interessiert. Sie bezieht sich vor allem auf akademische Titel als "Objektivierung" von "inkorporiertem Kulturkapital" (vgl. Bourdieu 1983: 183 f.).

Literatur:

Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Kreckel, R. (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten, Göttingen (Sonderband 2 der Sozialen Welt), S. 183-198

Buffoni, Laura (1997): Rethinking Poverty in Globalized Conditions, in: Eade, John (ed.): Living the Global City. Globalization as Local Process, London/New York: Routledge, S. 110-126

Castells, Manuel (1995): The Informational City, Malden, MA/Oxford, UK: Blackwell

Eade, John (ed.) (1997): Living the Global City. Globalization as Local Process, London/New York: Routledge

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Hennig, Eike (2000a): "Californication!" Und die Bundesrepublik? ("Glokalisierung": Perspektiven und Chancen. Teil 2), in: Kommune 12/2000, S. 45-52

Hennig, Eike (2000b): Wirtschaftskräftig und hektisch: Frankfurt am Main im Urteil seiner Bevölkerung, in: frankfurter statistische berichte, 62. Jg., Heft 2/3, S. 187-203

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Kriesi, Hanspeter (2000): Nationaler politischer Wandel in einer denationalisierenden Welt, Genf (Papier zur Tagung "Politische Partizipation und Protestmobilisierung im Zeitalter der Globalisierung", AK Soziale Bewegungen der DVPW, 30. 6. bis 1.7.00 in Berlin)

Lauterbach, Jörg (2000): Entwicklung und Struktur des Femdenverkehrs in Frankfurt am Main, in: frankfurter statistische berichte, 62. Jg., Heft 1, S. 76-85

Lohde-Reiff, Robert (2001): Sozialstrukturelle Aspekte der Computer- und Internetnutzung in Frankfurt am Main. Explorationen mit den Frankfurter Bürgerbefragungen, in: frankfurter statistische berichte, 63. Jg., Heft 1, (i. E.)

Mollenkopf, John H./Castells, Manuel (eds.) (1992): Dual City. Restructuring New York, New York

Noller, Peter (1999): Globalisierung, Stadträume und Lebensstile. Kulturelle und lokale Repräsentationen des globalen Raumes, Opladen

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Ramb, Hans (2000): Aktuelle Daten zur Bevölkerungsstruktur der Frankfurter Ortsteile, in: frankfurter statistische berichte, 62. Jg., Heft 2/3, S. 214-238

Rifkin, Jeremy (2000): Access Das Verschwinden des Eigentums, Frankfurt/M.: Campus Verlag

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Sassen, Saskia (1991): The Global City, Princeton/New York

Sassen, Saskia (1994): Citys in a World Economy, Thousand Oaks: Pine Forge Press

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Siehe zum Thema in der Kommune auch:

Joscha Schmierer: "Zeitalter der Globalisierung"?, 9/97

Ralph Graf: Die Inszenierung der Globalisierung, 9/97

Antje Hellmann-Grobe: Mythos und Risiko der Globalisierung, 9/97

Michael Hintz: Neoliberale Globalilsierung und die Krise der Kritik, 4/98

Meinhard Creydt: Das Fernste nah, das Nächste fern. Die gesellschaftliche Raumordnung als Brennpunkt gegenwärtiger Debatten, 1/99

Christoph Scherrer: Das Spektrum möglicher Antworten. Globalisierung eine Zwischenbilanz, 7/00

Christoph Scherrer: Die Spielregeln der Globalisierung ändern? Global Governance zu welchem Zweck, 9/00

Eike Hennig: "Glokalisierung". Perspektiven und Chancen. Teil 1 und 2, 11 + 12/00

 

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Ausgabe Februar 2001 (19. Jg., Heft 2/2001)