Klaus-Peter Martin

Für eine Auseinandersetzung »auf Augenhöhe«

Die Debatte um die Integration muslimischer Jugendlicher in Deutschland

 

 

Es ist überzogen, die Integration »der Muslime« oder »die Integration der Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken« für gescheitert zu erklären. Aber dass der Prozess zumindest ins Stocken geraten ist, ist unübersehbar. Ein Fortschritt wäre es, wenn – ohne Rassismusverdacht und »Diskriminierungskeule« – darüber diskutiert werden könnte, dass die jahrzehntelang verschleppte Integrationspolitik nur eine Seite des Problems darstellt, während die andere Seite in der Verweigerungshaltung eines Teils der Migranten liegt.

Deutsche Sprachregelung als Versuch der Zwangsgermanisierung?

18 Monate lang krähte kein Hahn nach der Schulordnung der Berliner Herbert-Hoover-Realschule. Erst als türkische Massenmedien wie Hürriyet und Türkiye den Protest schürten, gingen die Emotionen hoch. Dabei könnte man an unzähligen Beispielen aus Schulen, Jugendeinrichtungen, Vereinen aufzeigen, dass vor Ort bereits eine ganze Reihe sehr pragmatischer Lösungen gefunden wurden und im Einzelnen das Zusammenleben organisiert wird, während immer dort, wo andere Interessen ins Spiel kommen, die Sache kompliziert wird. In erster Linie geht es um eine Geste der allgemeinen Wertschätzung und der Höflichkeit. Niemand soll ausgegrenzt werden, weil er am Gespräch nicht teilhaben kann oder weil er nicht weiß, was die Umstehenden gerade über ihn erzählen. Die Atmosphäre wird aufgeladen, wenn (männliche) Jugendliche bewusst ihre Muttersprache einsetzen um sich abzugrenzen und andere – etwa bei Auseinandersetzungen mit Lehrerinnen oder im Umgang mit Mädchen – herabzusetzen. Das Machogehabe spielt hier eine große Rolle.

Interessant bei der ganzen Auseinandersetzung ist, dass nach meiner Kenntnis nur türkische Vertreter einen Rückschlag für die gesamte Integration befürchteten, von Vertretern anderer Bevölkerungsgruppen ist dagegen kein Widerspruch bekannt geworden. Und doch ist ein Fortschritt in der Diskussion zu sehen. Niemand mehr stellt – zumindest in der Öffentlichkeit – grundsätzlich die Notwendigkeit in Frage, Deutsch zu lernen. Das war vor ein paar Jahren noch anders. Necla Kelek weist zu Recht darauf hin, dass für viele lange Zeit nicht die Förderung der Integration im Mittelpunkt stand, sondern die Befürchtung, die Migranten könnten in dem Anpassungsprozess an die Moderne ihre Identität verlieren.(1)

Türkische Jugendliche mit nur geringem Erfolg im deutschen Bildungssystem

Unzweifelhaft sind türkische Jugendliche im Bildungssystem benachteiligt. Sie sind überproportional in den Sonderschulen zu finden, sie wiederholen häufiger eine Klasse. Türkische Kinder besuchen zu 56 Prozent nur die Hauptschule (gegenüber ca. 20 % der deutschen Kinder) und lediglich 13 Prozent ein Gymnasium, weniger als 10 Prozent schaffen es bis zum Abitur. Sie verlassen die Schule überdurchschnittlich häufig ohne Abschluss, finden sich anschließend besonders oft in Warteschleifen wie einem Berufsvorbereitungsjahr. Ihre Ausbildungsbeteiligung ist relativ gering. Die Arbeitslosenquote der türkischen Bevölkerung ist doppelt so hoch wie die Gesamtquote im Bundesgebiet. Rund 87 Prozent der bei den Arbeitsagenturen gemeldeten Türken sind ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Die Ausbildungsbeteiligung türkischer Jugendlicher hatte im Jahr 1993 ihren Höchststand erreicht, seitdem ist sie kontinuierlich gesunken. Deutschland gelingt es im internationalen Vergleich nur äußerst schlecht, Migrantenkinder durch das Schulsystem zu fördern, so die zweite PISA-Studie. Türkische Jugendliche zählen –auch wenn sie hier geboren wurden – zur größten Problemgruppe. 50 Prozent von ihnen erreichen nur marginale Kompetenzen, die nicht über die – niedrigste – Stufe 1 hinausgehen.

Dabei kann dies alles nicht einfach an der Migration liegen. Das beweisen zum einen polnische oder griechische Kinder, die teilweise bessere Schulerfolge vorweisen können als deutsche Kinder, und zum anderen sind türkische Schüler keine Seiteneinsteiger. Die meisten sind hier geboren und haben einen Kindergarten und anschließend die Grundschule in Deutschland besucht. Dennoch haben Wissenschaftler im Jahr 2002 bei 90 Prozent der Berliner Abc-Schützen aus Migrantenfamilien – die meisten mit türkischem Hintergrund – erhebliche Deutschdefizite festgestellt.

Sicherlich wäre es falsch, »dem Islam« die Schuld zu geben, darin ist Yasemin Karakasoglu, Professorin für interkulturelle Bildung an der Uni Bremen und Hauptinitiatorin des »Offenen Briefes« in der Zeit(2) zuzustimmen. Ich sehe aber auch nicht, wo dieser Vorwurf so erhoben wird. Jugendlichen aus anderen islamischen Ländern, zum Beispiel aus Pakistan oder Afghanistan, wird immer wieder ein geradezu außerordentlicher Ehrgeiz und Fleiß bescheinigt – und teilweise herausragende schulische Leistungen. Ganz offensichtlich ist nicht die religiöse Ausrichtung, sondern vielmehr die Herkunftsfamilie und die soziale Situation ausschlaggebend, ob die Schule in Deutschland erfolgreich durchlaufen wird. Da scheint es bei türkischen Jugendlichen einige Besonderheiten zu geben. Denn dass türkische Jugendliche noch hinter Jugendlichen aus dem ehemaligen Jugoslawien und hinter italienischen Jugendlichen zurückbleiben, bleibt erklärungsbedürftig.(3)

Metin Erdogan, Arbeits- und Sozialattaché im türkischen Generalkonsulat, hat im Jahr 2002 in einem Arbeitspapier »Gründe für das geringere Interesse türkischer Jugendlicher an einer Ausbildung« aufgezählt. Dabei arbeitete er heraus, dass es neben einer zweifelsfrei nach wie vor vorhandenen Benachteiligung durch die Mehrheitsgesellschaft, neben Rassismus und einem Rückgang an angebotenen Ausbildungsplätzen auch spezifische Faktoren in der türkischen Community gibt. Dazu zählte er unter anderem die »Rückkehrorientierung«, das enge Berufsspektrum, fehlende Vorbilder, der Mangel einer langfristigen Lebensplanung bei vielen türkischen Jugendlichen, die Tatsache, dass viele das »schnelle Geld« einer drei- oder dreieinhalbjährigen Ausbildung vorziehen würden, das Informationsdefizit und den Stellenwert der Bildung in türkischen Familien auf.(4)

Förderung der Gewaltbereitschaft durch Identifikation mit Macho-Kultur

Bei türkischen Jungen sind es oft auch ein auffälliges Sozialverhalten und eine völlige Fehleinschätzung der eigenen Kompetenzen, eine grandiose Selbstüberschätzung und Verkennung der Realitäten, die diesen Jungen den Zugang zur Berufsausbildung verstellen.(5) Das eigene Scheitern kann für sie dann demnach nur an allem anderen, vor allem an der Ausländerfeindlichkeit der Deutschen liegen. Necla Kelek erklärt ihre mangelhafte »Zukunftskompetenz« damit, dass die kleinen, »von der Mutter gehätschelten Prinzen« auf der Straße lernen (müssen), sich durchzusetzen, hart, »männlich« zu sein – zu Hause ist kein Platz für sie. Sie gewöhnen sich dort einen Umgangston und ein Verhalten an, »das den normalen Umgang mit ihnen äußerst erschwert«.(6) Zwischen einem solchen Verhalten und einem bestimmten Männlichkeitsideal, einer Zustimmung zu Machosprüchen und einer gleichzeitigen Geringschätzung »der Deutschen« und der Abgrenzung von ihnen existiert ein enger Zusammenhang.

Christian Pfeiffer vom kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen beobachtet seit langem die Entwicklung der Jugendgewalt in Deutschland und im europäischen Ausland. Er hat in verschiedenen Publikationen darauf aufmerksam gemacht, dass männliche türkische Jugendliche weit überproportional an Gewaltdelikten beteiligt sind. Auch in seiner neuesten Untersuchung, in der 17000 repräsentativ ausgesuchte SchülerInnen der 9. Klassen befragt sowie aktuelle polizeiliche Daten und weitere Informationen zur Gewalt an Schulen ausgewertet wurden, fördert er wieder einige problematische Erkenntnisse zutage.(7) Obwohl insgesamt die Jugendgewalt im Vergleich zum Jahr 1997 nachgelassen und die Gewalt der Eltern gegenüber ihren Kindern und das Prügeln der Eltern untereinander – auch in den Migrantenfamilien – abgenommen hat, hat sich am harten Kern der »Intensivtäter«(8) im Vergleich der ethnischen Gruppen auch nichts geändert: »Von den jungen Deutschen gehören danach 2,9 Prozent diesen Intensivtätern an, bei den Aussiedlern sind es mit gut 6 Prozent doppelt so viele. An der Spitze stehen Jugendliche aus Jugoslawien mit 8,3 Prozent und die aus der Türkei mit 10,3 Prozent.« Weiter hat Pfeiffer festgestellt, dass die einzelnen Ethnien intern relativ gut zusammenhalten, gegen »die anderen« aber sehr schnell die Faust einsetzen. Wenn Deutsche Opfer werden, so sind die Täter nur zu etwa einem Drittel ebenfalls Deutsche, zu zwei Dritteln jedoch Jugendliche aus anderen ethnischen Gruppen.

Pfeiffer, der zwar dazu neigt, bei der Ursachenforschung oft sehr pauschal und monokausal zu argumentieren, weist hier auf ein Bündel von Faktoren für die überproportionale Gewaltbereitschaft hin. Neben der sozialen Situation führt er vor allem die frühe Erfahrung innerfamiliärer Gewalt an. 15-Jährige aus türkischen Familien wurden nach eigener Aussage mehr als dreimal so oft von ihren Eltern misshandelt wie einheimische Deutsche.(9) Zudem erlebten sie mehr als viermal so oft, dass die Eltern sich untereinander prügelten. Drittens konnte Pfeiffer einen engen Zusammenhang zwischen der Akzeptanz Gewalt legitimierender Männlichkeitsnormen und tatsächlicher Gewalttätigkeit nachweisen. Nichts fördert die Gewaltbereitschaft männlicher Jugendlicher so sehr wie die Identifikation mit den Werten der Macho-Kultur.(10) Es verwundert nicht weiter, dass bei männlichen jungen Türken eine besonders häufige Identifikation mit Macho-Aussagen zu finden ist: bei jedem Vierten von ihnen, bei jedem Fünften aus dem früheren Jugoslawien, aber nur bei jedem 25. jungen Deutschen.

Zunehmender Einfluss ethnisch-nationalistischer Gruppierungen

Den Optimismus von Werner Schiffauer – »Die westliche Gesellschaft wird jeden verändern, der sich auf sie einlässt. Das wird den Islamismus von innen aufknacken.«(11) – oder von Barbara John, für die »der Prozess der Integration, das Hineinwachsen in eine neue Gesellschaft, fast gesetzmäßig«(12) und somit automatisch verläuft, würde man ja gerne teilen. Jedoch dürfte Peter Schneider mit seiner Aussage Recht haben, dass die Gewährung von Bürgerrechten nur eine Voraussetzung, aber keinesfalls eine Garantie für die kulturelle Einbürgerung moslemischer Migranten ist.(13) Denn völlig übersehen oder in seiner Tragweite noch nicht erfasst werden die heftigen Bemühungen gut organisierter nationalistischer und teilweise fundamentalistischer türkischer Vereinigungen, gerade Jugendliche anzusprechen und für sich zu gewinnen.

Es ist noch immer weit verbreitet, das Hauptproblem der Integration in der fehlenden Bereitschaft der deutschen Gesellschaft zu sehen, die Kultur der Migranten als gleichwertig anzuerkennen. Die vorzufindende Selbstethnisierung bei einem Teil der Migranten sei deshalb nur die Schlussfolgerung auf die gesellschaftlichen Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen.(14) Zu denken gibt allerdings, wie sich ethnisch-nationalistische Organisationen und islamistisch-fundamentalistische Gruppierungen »mit ihren politischen Zielvorstellungen längst in der Bundesrepublik Deutschland etabliert (haben) und inzwischen einen erheblichen Zuspruch und Rückhalt gerade unter Migrantenjugendlichen der zweiten und dritten Generation gefunden« haben, wie Kemal Bozay in seinem Buch ... ich bin stolz, Türke zu sein! berichtet. Der Mehrheitsgesellschaft wirft er vor, dass in Deutschland lange Zeit keine kritische Auseinandersetzung mit diesen ethnisch-nationalistischen und rechtsextremistischen Strömungen stattgefunden habe.

Ausgangspunkt für Massenaktionen rechtsextremer und extrem nationalistischer türkischer Vereinigungen waren die Proteste nach den Brandanschlägen von Mölln und Solingen. Somit ist der Zuspruch nicht ohne die gesellschaftspolitische Situation in Deutschland zu erklären. Aber »man kann den Einfluss der ethnisch-nationalistischen Bewegungen nicht allein auf bundesdeutsche Rahmenbedingungen beschränken. Diese Strukturen sind zugleich von einer politischen Linie oder Ideologie geprägt, die im Mutterland bestimmt wird.«(15) Viele Migrantenjugendliche hätten sich nie mit dem Begriff der Integration identifiziert. Unterstützt werde dies mit der Parole »Werde Deutscher, bleibe Türke!« türkisch-rechtsextremer Gruppierungen, die den Begriff eines »Europäischen Türkentums« prägten und zu einer »Rückführung der türkischsprachigen Einwohner Europas zu ihren so genannten Wurzeln und zur Wiedergewinnung ethnisch-nationaler Identitäten« beitragen wollen. Servet, als Jugendlicher bei den »Turkish Power Boys« in Frankfurt und heute als Student Mitglied der Grauen Wölfe/»Türk Federasyon«, sagt ganz offen: »Ob ich Türke bin oder nicht, ist nicht festgelegt an meinem Pass. Ich bin deutscher Staatsbürger, aber bei mir hat sich nichts geändert.«(16) Immer wieder werden in den Interviews, die Bozay mit Jugendlichen geführt hat, sämtliche Integrationsbemühungen mit Assimilation gleichgesetzt. Alperen (17 Jahre): »Die labern alle von Integration oder so, aber wollen, dass wir uns ihnen unterwerfen. Ein Türke darf so was nie akzeptieren. Also, wir sind doch keine Sklaven. ... Wenn jemand irgendetwas gegen meine Familie, Religion und mein Türkischsein hat, dann schlag ich einfach zu.«(17) Ein anderer Jugendlicher: »Wir haben gesehen, dass uns die Deutschen assimilieren möchten. Mit Assimilation möchten sie, dass wir unsre Identität verlieren, sie möchten uns vernichten. Eindeutschen möchten sie uns, nichts anderes. Du sollst wie ein Deutscher leben, wie ein Deutscher denken.«(18) Mit Deutschen, den Unreinen, wollen sie nichts zu tun haben, sie verabscheuen das ehrlose Leben und fühlen sich selbst stark und überlegen. Offensichtlich sind die Aufrufe der Türk Federasyon hier auf fruchtbaren Boden gefallen. Sie fördert mit ihrem Ansatz eine stärkere Ethnisierung und Gettoisierung türkischsprachiger Migranten, wenn sie im Rahmen der Diskussion um Zuwanderung fordert: »Die Aufnahmegesellschaft muss Integrationsangebote bereitstellen, die von den Zuwanderern wahrgenommen werden können. ... Die Werte (des Aufnahmelandes) zu akzeptieren bedeutet aber nicht, nach diesen zu leben ...« Stattdessen sei Toleranz zu erwarten, denn man dürfe nicht unter dem Deckmantel der Integration Assimilation anstreben.(19) Mit ihren zahlreichen Angeboten der Jugend- und Sozialarbeit, Hausaufgabenhilfe, Computerkursen, eigenen Sportvereinen und so weiter ist es Milli Göres und anderen durchaus gelungen, für türkische Jugendliche eine attraktive Alternative darzustellen. Bei diesen Rekrutierungsbemühungen ist immer wieder vom »Dreck der Straße« die Rede, vor dem türkischstämmige Jugendliche bewahrt werden und stattdessen für ihre eigenen Traditionen, Werte und ihre türkisch-nationale Identität zurückgewonnen werden sollen.

Gestiegene Bedeutung des Islam – Auswirkung auf Integrationsbereitschaft?

Wie viele Jugendliche unter den Einfluss dieses neuen Typus des Rechtextremismus (»ethnischer Nationalismus«) geraten sind, ist schwer zu sagen, hier gibt es nach wie vor ein eklatantes Forschungsdefizit.(20) Als vor einigen Jahren Heitmeyer und andere die Behauptung aufstellten, ein Drittel der türkischsprachigen Migrantenjugendlichen im Alter zwischen 15 und 21 Jahren neigten einem gewaltzentrierten islamischen Fundamentalismus und ethnischen Nationalismus zu, wurden die Untersuchungsergebnisse von vielen angezweifelt und es wurde die Parole ausgegeben, »diese Zahlen dürfen nicht an die Öffentlichkeit!«

Belegt ist, dass die Religiosität unter den hier lebenden Türken innerhalb kurzer Zeit beträchtlich zugenommen hat. Laut »Zentrum für Türkeistudien« bezeichneten sich im Jahr 2005 28 Prozent von ihnen als »sehr religiös« gegenüber 8 Prozent im Jahr 2000. Und der Eindruck, dass mit Einführung des Islamunterrichts und dem Besuch von Koranschulen die Zahl der Mädchen, die mit Kopftuch zur Schule kommen, sprunghaft angestiegen ist, ist wohl nicht falsch. Untersuchungen zeigen auch, dass mit verstärktem Moscheebesuch die Neigung und das Interesse abnehmen, Kontakte und damit den Austausch mit Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft zu pflegen beziehungsweise zu verstärken.(21) Dementsprechend lässt sich auch bei muslimischen Jugendliche feststellen: je ausgeprägter ihre Religiosität, desto niedriger ihre sprachlich-soziale Integration.(22)

Mittlerweile befürworten 47 Prozent der befragten Türken bei muslimischen Frauen das Tragen eines Kopftuchs in der Öffentlichkeit (im Jahr 2000 nur 27 %). Gegen den gemeinsamen Sportunterricht oder gegen Klassenfahrten von Jungen und Mädchen sprechen sich inzwischen 30 Prozent aus, vor fünf Jahren waren es nur 19 Prozent.(23) Was von Gerichten in begründeten Einzelfällen als zulässig erklärt wurde, nimmt inzwischen organisierte Züge an. Lehrkräfte berichten von vorformulierten Entschuldigungszetteln – mit Hinweis auf einschlägige Urteile –, auf denen Eltern nur noch den Namen ihrer Tochter einsetzen müssen.(24)

Für eine Auseinandersetzung »auf Augenhöhe«

Das Problem besteht also leider eben nicht nur darin, wie Lale Akgün in der Zeit schreibt, dass sich »immer mehr integrieren wollen, ihnen aber Chancen der gesellschaftlichen Teilhabe vorenthalten werden«.(25) Ihr ist aber unbedingt bei ihrem Appell zuzustimmen, »endlich ein reales Bild von der Lebenssituation muslimischer und nichtmuslimischer Migranten« zu vermitteln. Dass dazu mehr in die Migrationsforschung investiert werden muss, dürfte einleuchten. Lale Akgün ist zuversichtlich, dass es möglich sein wird, unter dem Leitbild eines Verfassungspatriotismus »ein neues, taugliches gesellschaftliches Leitbild zu entwerfen, von einer Gesellschaft, die ethnisch heterogen und religiös pluralistisch ist und deren kollektive Identität keine völkischen Grundlagen mehr hat. ... Das wäre dann auch endlich eine Identität, die ein neues Wir-Gefühl, ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt ...« Auf dem Weg dorthin ist es aber nicht nur die Aufgabe, »viele Zugewanderte von ihrem Minderwertigkeitsgefühl (zu) befreien«, sondern auch fair darüber zu streiten, nach welchen Grundsätzen sich das Zusammenleben abspielen soll. Weiterhin nur ein größtmögliches Maß an Toleranz einzufordern, also den anderen »zu ertragen«, ist zu wenig für die Gestaltung einer multikulturellen Gesellschaft. Dabei ist die Angst völlig überflüssig, dass Integrationswillige dies als neuen Angriff und als Abwehrhaltung missverstehen könnten. Im Gegenteil. Mit Jugendlichen machen wir die Erfahrung, dass sie eine Auseinandersetzung »auf Augenhöhe« durchaus schätzen und sie sich ernst genommen fühlen. Bei manchen hat man den Eindruck, dass sie geradezu darauf warten, dass sich jemand mit ihnen beschäftigt und ihnen sagt, was geht – und was nicht. Deutschen »ohne Rückgrat«, ohne Prinzipien, wird von muslimischen Einwanderern wenig Achtung entgegengebracht. Bei einer Minderheit allerdings, die ethnisch-nationalistische Bestrebungen verfolgt, ist tatsächlich weniger Toleranz angebracht.

1

Necla Kelek: »Sie haben das Leid anderer zugelassen«, in: Zeit, 9.2.06.

2

Mark Terkessidis, Yasemin Karakasoglu: »Gerechtigkeit für die Muslime! Die deutsche Integrationspolitik stützt sich auf Vorurteile. So hat sie keine Zukunft. Ein Weckruf«, in: Zeit, 1.2.06.

3

Hier irrt die Autorin in ihrer heftigen emotionalen Erwiderung auf Necla Kelek und Seyran Ates. Siehe »Tremolo der Betroffenheit«, in: taz, 19.1.06.

4

Metin Erdogan: Ausbildung türkischer Jugendlicher in Deutschland, Köln 2002.

5

Klaus-Peter Martin: »Ausbildungskrise: Lost Generation?«, in: Kommune, Heft 6/04.

6

Necla Kelek: Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes, Köln 2006, S. 135.

7

Christian Pfeiffer: »Friedlich nach innen – die Faust dem Fremden. Eine neue Untersuchung zur Jugendgewalt in Deutschland zeigt Positives und Bedrohliches«, im Internet unter: www.kfn.de. In leicht gekürzter Fassung unter dem Titel »Der Macho als Vorbild. Eine neue Jugendstudie zeigt: Zwischen ethnischen Gruppen in Deutschland wächst die Feindschaft«, in: Zeit, 10.11.05.

8

Zu den »Intensivtätern« zählen Jugendliche, die mit fünf und mehr Delikten im Jahr aufgefallen sind.

9

28,5 Prozent gegenüber 6,4 Prozent bei deutschen Jugendlichen.

10

Wer Sprüchen wie »Ein Mann, der nicht bereit ist, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren, ist ein Schwächling«, oder »Einem Mann als Familienvater müssen Frau und Kinder gehorchen«, uneingeschränkt zustimmt, gehört zwanzigmal häufiger zur Gruppe der Intensivtäter als derjenige, der sie strikt ablehnt. Weitere Aussagen waren: »Ein richtiger Kerl trägt eine Waffe ... Er schlägt sofort zurück, wenn er beleidigt wird« oder »Ein echter Mann kann zu Hause Gehorsam verlangen und notfalls durchsetzen.« Siehe: Insa Gall, André Zand-Vakili: »Machokultur als Wurzel der Gewalt. Die Kriminalität junger Ausländer macht der Polizei zu schaffen. Die Integration ist weitgehend misslungen«, in: Welt, 2.10.05.

11

Martin Spiewak: »Du bist Döner«, in: Zeit, 8.12.05.

12

Siehe Interview mit Barbara John: »Die Frauen sind die Gewinner der Integration«, in: taz, 11.02.06.

13

Peter Schneider: »Wir brauchen die Deutschen nicht«, in: Welt, 8.12.05.

14

So zum Beispiel Hermann Tertilt: Turkish Power Boys. Ethnographie einer Jugendbande, Frankfurt 1996, oder Christoph Butterwegge in der Vorbemerkung zu Kemal Bozay: ... ich bin stolz, Türke zu sein! Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte im Zeichen der Globalisierung, Schwalbach/Ts. 2005.

15

Kemal Bozay, a. a. O. S. 176.

16

Ebd., S. 286.

17

Ebd., S. 308.

18

Ebd., S. 329 f.

19

Ebd., S. 191.

20

Siehe: Jürgen Leibold, Steffen Kühnel, Wilhelm Heitmeyer: »Abschottung von Muslimen durch generalisierte Islamkritik?«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 1–2/06, S. 3 ff.

21

Siehe Helmut Schröder, Jutta Conrads, Anke Testrot, Matthias Ulbrich-Hermann: »Ursachen interethnischer Konfliktpotentiale«, in: Wilhelm Heitmeyer, Reimund Anhut (Hrsg.): Bedrohte Stadtgesellschaft. Soziale Desintegrationsprozesse und ethnisch-kulturelle Konfliktkonstellationen, Weinheim 2000, S. 101 ff.

22

Katrin Brettfeld, Peter Wetzels: »Junge Muslime in Deutschland: Eine kriminologische Analyse zur Alltagsrelevanz von Religion und Zusammenhängen von individueller Religiosität mit Gewalterfahrungen, -einstellungen und -handeln«, in: Bundesministerium des Inneren (Hrsg.): Islamismus, Berlin 2004 (3. Auflage), S. 274 ff. – Während bei sehr niedriger Religiosität etwa 27 % eine geringe sprachlich-soziale Integration aufwiesen, waren es bei hoher Religiosität mit 47 % fast die Hälfte, die in diesem Sinne im Bereich der Gleichaltrigen schlecht in die Aufnahmegesellschaft integriert sind.

23

Siehe Pressemitteilung des »Zentrums für Türkeistudien« vom 14.11.05: »Bedeutung des Islam für Türken in Deutschland gestiegen – aber keine Belastung für Zusammenleben.«
Zentrum für Türkeistudien: Religiöse Praxis und organisatorische Vertretung türkischstämmiger Muslime in Deutschland. – Religiöse Praxis, – Organisatorische Einbindung, – Einstellungen, Essen 2005.

24

Siehe: Anette Rammelsberger: »Alltag in der Parallelwelt. Über den täglichen Kampf um die Integration«, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 4, Frankfurt 2006, S. 219 ff.

25

Lale Akgün: »Das Wir-Gefühl. Die Unterscheidung von Mehrheit und Minderheit ist anachronistisch. Wir brauchen ein neues gesellschaftliches Leitbild«, in: Zeit, 16.2.06.

»Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur«, 2/2006