Detlef Sack
Angesichts des epochalen Strukturwandels vom Fordismus zur Globalisierung hat sich – nicht nur – die Regulationstheorie auf die Suche nach jenen Institutionen begeben, die zwischen Mikro- und Makroökonomie, zwischen Lokalem und Globalen vermitteln. Welche Interaktionen und Konfigurationen, in denen der ungleiche Zugang zu der wichtiger werdenden Ressource Wissen verhandelt wird, sind in der Lage die neue weltweite Ordnung (mit) zu gestalten? Auch die Glokalisierungsdebatte fragt nach dem Verhältnis zwischen dem Ort und dem weltweiten "Raum der Ströme" (Castells), zwischen Top-down- und Bottom-up-Entscheidungsprozessen, in denen nicht nur Interessen und Ressourcen aufeinander prallen, sondern neue Räume geschaffen werden. (1) Mittlerweile zeichnen sich in unterschiedlichen Debatten institutionelle Konfigurationen ab, denen ein maßgeblicher Stellenwert für die Verbindung zwischen dem Lokalen und Globalen zugesprochen wird. Insbesondere lokale Netzwerkkonzepte für die unterste Regelungsebene auf der Achse zwischen Welt und Ort sind prominent
"Eine wesentliche Dimension der Heterogenität von ökonomischen Phänomenen hängt von der Information ab. Die Information ist kostspielig, unvollständig, ungleich, organisiert in Strukturen, die weit davon entfernt sind, allein vom Markt herzukommen. Sie schafft Asymmetrien des Einflusses, die Machtverhältnisse zwischen den Akteuren begründen. Sie vermehrt sich in vermittelnden Organisationen zwischen Mikro- und Makroökonomie, die selbst keine Aggregationen mikroökonomischer Akteure sind, sondern Anordnungen von Beziehungen, die dazu beitragen, die globalen Ordnungen zu gestalten." (Aglietta 2000: 10)
In der Interaktion von ansässigen öffentlichen und privaten Akteuren, vor allem den Kommunen, kleinen und mittleren Unternehmen, Finanzinstitutionen, Kammern und Verbänden sowie Wissenschaftseinrichtungen soll die lokale Anpassungsfähigkeit an den aktuellen Strukturwandel gewährleistet werden. So verspricht sich etwa Aglietta von der dezentral betriebenen Gründung innovativer Unternehmen in den Regionen die Schaffung neuer Arbeitsplätze (Aglietta 2000: 100 ff). Insgesamt kreisen die Diskussionen um lokale Strategien, die auf die Internationalisierung des Raum antworten oder diese gestalten, um drei Begriffe: Region, Innovation und Netzwerk (vgl. z. B. Lompe u. a. 1996; Bullmann/Heinze 1997; Kujath 1998). Der Frage nach der Existenz und Leistungsfähigkeit lokaler Innovationsnetzwerke soll im Folgenden insbesondere mit dem Blick auf mittlere Großstädte und "Normalregionen" (Krumbein 1994) ohne spezifische Begabungen nachgegangen werden.
Innovation als doppelte Integration
Der "Kreativität Raum schaffen". Dies war das Motto der "Kasseler Innovationstage" im September 2000. Die Veranstaltung wurde als Impulsgeber für die regionale Entwicklung vorgestellt. Neues Denken, neues Handeln, neue Beschäftigung wurden propagiert. Die Themenfelder der Veranstaltung erstreckten sich von Umwelt und Energie über die I&K-Technologie, Verkehr und Logistik, Kultur und Tourismus bis hin zu Gesundheit und Soziales. Eine Vielzahl unterschiedlicher Gesellschaften, Betriebe, Vereine und Initiativen präsentierte sich. Neben der regionalen Wirtschaftsförderungs- und der kommunalen Tourismus-GmbH hatten Speditionsunternehmen und Consulting-Firmen ebenso ihre Stände aufgebaut wie Technologie-, E-Commerce- und Gründerinnenzentren, die Zeitbörse oder ein Kinderzirkus. Ist also, so lässt sich anhand dieser Veranstaltung süffisant fragen, eine clowneske Jonglage ähnlich innovativ wie die Power Point-Präsentation eines Unternehmensberaters? Eine solche Veranstaltung verdeutlicht zumindest zweierlei: Innovation ist en vogue. Auch in der lokalen Praxis ist es zur Zeit der Begriff, der Aufbruch, Lernen und Fortschritt präsentiert. Gleichwohl bleibt er inhaltlich heterogen und unbestimmt. Innovativ ist, so hat es den Anschein, wer sich das entsprechende Label ans Revers heftet (siehe Kasten: Innovation – Definition eines Begriffs).
Räumliche Nähe in einer globalisierten Ökonomie
In der internationalen regionalökonomischen Debatte (vgl. zusammenfassend Blotevogel 1999 und Hellmer u. a. 1999) hat sich, angesichts der ökonomischen Erfolge des "Dritten Italiens", Baden-Württembergs oder Silicon Valley, die Einschätzung durchgesetzt, dass, gerade auch im Rahmen der Globalisierung dem Lokalen eine erhöhte Bedeutung zukommt. Während angesichts zunehmender translokaler Verkehrs-, Handels- und Kapitalverflechtungen und flexibilisierter Produktionskonzepte die Mobilität von Unternehmen wächst und traditionelle Standortfaktoren (Rohstoffe und Halbfertigwaren, Infrastruktur, Kapital, Arbeitskräfte) zunehmend ubiquitär werden, "glokalisiert" sich der aktuelle Strukturwandel nicht nur im Sinne eines Zwanges zur regionalen Standortkonkurrenz. Vielmehr gewinnt die Einbettung von Unternehmen in regionale Milieus an Bedeutung, die kollektive Lern- und Umwandlungsprozesse befördern und so die Konkurrenzfähigkeit von Unternehmen in Zeiten sich verkürzender Produktlebenszyklen unterstützen. Dieser Bedeutungsgewinn des Lokalen im Rahmen der Globalisierung als ein "auf institutioneller und räumlicher Nähe basierender Verflechtungszusammenhang und Handlungskontext" (Blotevogel 1999: 56) lässt sich auch mit dem Sinken der Kosten für die Raumüberwindung und der relativ zunehmenden Relevanz von Transaktionskosten (gegenüber den Transportkosten) begründen, die für Such- und Informations-, Kooperations- und Kontrollprozesse entstehen. Angesichts der zunehmenden Bedeutung von Lernen, Wissen und Innovation, so bilanziert Blotevogel die internationale regionalökonomische Debatte, gewinnt das lokalisierte implizite Wissen ("tacit knowledge") an Bedeutung, welches durch die regionale Qualifikationsstruktur, vor allem aber durch die räumliche Nähe, Face-to-Face-Kontakte, Vertrauen und institutionelle Kooperationen bestimmt wird. Insofern gewännen lokale, lose gekoppelte Netzwerke an Gewicht (Blotevogel 1999: 56 f).
Ebenso wie in der internationalen regionalökonomischen Debatte zeichnet sich auch in der bundesdeutschen Diskussion um eine lokale Wirtschafts- und Strukturpolitik ein Mainstream ab, in dem Innovation, also lokale Anpassungsfähigkeit an Globalisierungserfordernisse, mit der institutionellen Konfiguration des Netzwerkes verknüpft wird (vgl. Grabow/Henckel 1998: 624 ff., Naßmacher/Naßmacher 1999: 380). Diese Strategie soll für sehr unterschiedlich strukturierte Räume Wohlfahrtswirkungen entfalten. Für die weitere Debatte um lokale Innovationsnetzwerke als Anpassungsreaktion auf die Globalisierung mag es jedoch sinnvoll sein, sich nicht nur auf die Literatur zu den Regionen zu beschränken, die ihre Position innerhalb der globalen Ökonomie verbessern konnten, sondern sich empirische Fallstudien anzusehen, die sich vor allem mit mittleren Großstädten und "Normalregionen" (Krumbein 1994) befassen. Diese Definition ex negativo – also die Begrenzung auf die Nicht-Gewinner-Regionen – führt allerdings fast zwangsläufig zu einem skeptischen Blick auf das Versprechen, mit lokalen Netzwerken Globalisierung zu managen.
Vertrauen und Interessenkonflikte
In der bisherigen Debatte zum Verhältnis von Innovation und Netzwerken werden die Kooperationsbeziehungen in Multiakteurssystemen (über-)betont, die relativ dauerhaft, reziprok und mit der "generalisierten Erwartung" verbunden sind, dass "die Partner die Schädigung ihrer wechselseitigen Interessenposition vermeiden werden" (Scharpf 1993: 76). Es geht um Vertrauen. Diesem wird "eine Schlüsselposition bei der Etablierung von Netzwerkbeziehungen und innerhalb funktionsfähiger Netzwerke" (Hellmer u. a. 1999: 61) zugesprochen. Es werde durch räumliche Nähe befördert und erleichtere den vorbehaltlosen Austausch von Informationen und Ressourcen (ebd.: 60). Vertrauen stellt sich also als ein historisches Verhältnis dar, als Teil einer lokalen politischen Kultur, in der die Erfahrungen unterschiedlicher Akteure zu Überzeugungen und Erwartungen geronnen sind, die zukünftige Interaktionen strukturieren. Zu fragen wäre jedoch, ob räumliche Nähe und historische Erfahrung nicht gerade zur Schließung von Akteurssystemen führen, welche dann als "old-boys-networks" oder Seilschaften verharren, die eine lokale Innovationsfähigkeit behindern. Netzwerke weisen durchaus auch strukturkonservative Tendenzen auf (Hellmer u. a. 1999: 77). Des Weiteren erscheint der unterstellte Zusammenhang zwischen räumlicher Nähe, wechselseitigen Erfahrungen und Vertrauen weder theoretisch noch empirisch plausibel. Aus vergangenen Konflikten kann dauerhaftes Misstrauen zwischen unterschiedlichen, für die Bildung von Innovationsnetzwerken wesentlichen Akteuren resultieren. (2)
Misstrauen verweist auf gegnerische Interaktionserfahrungen und Interessenkonflikte lokaler Akteure. Bezogen auf Innovationsnetzwerke ist mithin davon auszugehen, dass sich, trotz einer existierenden Schnittmenge gemeinsamer Anliegen, die für deren Bildung konstituiv ist, die unterschiedlichen Repräsentanten bemühen, ihre jeweiligen Ziele durchzusetzen. Dabei dienen selektive Ein- und Ausschlüsse von Akteuren der Bestimmung politischer Inhalte. In der Tendenz zeichnet sich ab, dass sich neben den kommunalen und regionalen administrativen Einrichtungen insbesondere die Industrie- und Handelskammern, die öffentlich-rechtlichen Banken, örtlich ansässige Wissenschaftsinstitutionen sowie einzelne Großunternehmen in Innovationsnetzwerken engagieren. "Vertretungsdefizite" sind hingegen neben kleineren und mittleren Unternehmen vor allem bei Umweltverbänden oder Frauennetzwerken festzustellen. Während diese im Rahmen der nordrheinwestfälischen Strukturpolitik auch den Gewerkschaften bescheinigt wurden (Heinze/Voelzkow 1997: 244), waren in den Regionen Mittelfranken und Südostniedersachsen sowie in der Stadt Leipzig die Gewerkschaften, vor allem die IG Metall und ihr nahestehende Beratungs- und Qualifikationseinrichtungen, maßgeblich an der Konstituierung von Innovationsnetzwerken beteiligt (vgl. Dörre 1999: 195 ff., Lompe u. a. 1996: 268 ff., McGovern 1997: 138). (3)
In den Konflikten zwischen unterschiedlichen Akteuren kristallisiert sich heraus, dass Innovations- bzw. Entwicklungsstrategien gesellschaftlich umstritten sind. Ein prominentes Beispiel etwa ist der Umgang mit der Biotechnologie. So wurde Ende der Achtzigerjahre nach öffentlichen Protesten und einer heftigen politischen Auseinandersetzung die geplante Errichtung eines Bio-Technologie-Zentrums in Braunschweig ausgesetzt, obwohl dieses Projekt wichtiger Bestandteil des lokalen Entwicklungskonzeptes war (Kooistra 1991: 72). Auch Brätzel verweist in einer Studie zu den Innovationsbedingungen kommunaler Verkehrspolitik auf die "eminente Bedeutung politischer Machtkonstellationen", deren Wandel auch durch Protestmobilisierungen gegen große Infrastrukturprojekte befördert wurde (Brätzel 1999).
Anhand der vorliegenden qualitativen Fallstudien zeichnen sich zwei Tendenzen des Umgangs mit möglichen Interessenkonflikten in lokalen Innovationsnetzwerken ab: Zum einen werden in einem zeitintensiven Diskussionsprozess die Schnittmengen verschiedener Zielorientierungen formuliert, sei es im Hinblick auf die Qualifikationsanforderungen in der mittelfränkischen Metallindustrie oder die Produktions- und Verkehrskonzepte in Südostniedersachsen. Der Begriff der Innovation scheint in diesem Zusammenhang auch eine wichtige ideologische Funktion zu erfüllen: Er symbolisiert, wie am Beispiel der Kasseler Innovationstage benannt, lokalen Aufbruch, ohne inhaltlich markant zu sein; er lässt also gerade die politische Auseinandersetzung um die doppelte Integrationsleistung außen vor. Zum zweiten lässt sich auch eine Strategie der permanenten Rückbindung der jeweiligen Institutionen beobachten. So beschreibt etwa Wolfgang Gerstlberger für die Stadtregion Kassel, dass die öffentlich-private Kooperation im Rahmen "public-private-partnerships" – ohnehin nur von unsystematischen Initiativen kommunaler Schlüsselpersonen ausgelöst – im Laufe der Zeit über Kopplungen an die traditionellen Entscheidungsprozesse und -organe wieder eingegrenzt wurde. (4)
Glokale Wissensdiffusion
Universitäten und Großbetrieben kommt für die Entstehung und Wirksamkeit lokaler Innovationsnetzwerke ein besonderen Stellenwert zu. Insbesondere den Hochschulen eilt der Ruf voraus, maßgeblich zu deren Entstehung beizutragen. Die wesentliche Funktion der zentralen lokalen Forschungs- und Bildungsstätten wird insbesondere in der (planmäßigen) Wissensdiffusion in die Region gesehen, in raumwirksamen Spill-over-Effekten (Blume/Fromm 2000: 50). Diese Wissensdiffusion vollzieht sich vor allem über den Personaltransfer zwischen Hochschulen und Unternehmen, aber auch über Forschungs- und Entwicklungskooperationen, die viel beschworenen Ausgründungen (spin-offs) der Hochschulen sowie informelle Dialoge mit Unternehmen, Administrationen, Verbänden und Initiativen, die Beteiligung an "public-private-partnerships" zur Gründung von Technologietransfer- und Existenzgründerzentren oder die wissenschaftliche Begleitung von Kooperationsprozessen; kurz: über unterschiedlich formalisierte Beziehungen zu lokalen öffentlichen und privaten Akteuren. (5)
Neben Wissenschaftseinrichtungen erscheinen teilweise auch die regional ansässigen Großunternehmen für die Ausbildung von lokalen Innovationsnetzwerken relevant. Vereinzelt übernahmen große Unternehmen bei der Initiierung öffentlich-privater Zusammenarbeit "eine gewisse Vorreiterrolle als größte Arbeitgeber" (Batt 1994: 50). So engagierten sich die BASF, die angesichts ihres Bedarfs an qualifizierten Führungskräften an der regionalen Attraktivitätssteigerung im Rhein-Neckar-Dreieck interessiert war, und die VW AG, die sich von der Förderung eines verkehrsorientierten Produktionsclusters in Südostniedersachsen eine Unterstützung eigener Diversifikationsstrategien versprach, nicht nur als Mitglieder der entsprechenden Vereine und Gesellschaften, sondern stellten auch personelle Ressourcen zur Verfügung. Daran schloss sich die Kooperationsbereitschaft von kleineren und mittleren Unternehmen an, die in hierarchische Zuliefer-Abnehmer-Beziehungen zu den großen Produktionsstätten eingebunden waren (Batt 1994: 49 ff.; Lompe u. a. 1996: 257 ff.). Während es sich bei diesen Beispielen um Regionen handelt, die von Global Players dominiert werden, deren Entscheidungszentralen sich vor Ort befinden, so stellt sich in anderen Regionen das Problem der "absentee-controlled-firms", das heißt dass Betriebe in international agierende Konzerne eingebunden und externen Entscheidungen unterworfen sind. Die Führungskräfte dieser Produktionsstätten konzentrieren sich, so Hiltrud Naßmacher, auf die nationalen und internationalen Märkte und vernachlässigen die lokale Ebene (Naßmacher 1987: 153). Dieser Trend ist keineswegs zwangsläufig: Gerade die Einbindung des Führungspersonals von Zweigwerken in informelle Kommunikationsprozesse kann dazu führen, dass diese sich für die Implementierung lokaler Netzwerke engagieren – sofern sich diese mit Unternehmensstrategien der externen Flexibilisierung verbinden lassen. Dies zeigte sich in der Region Mittelfranken (Nürnberg, Fürth, Erlangen), wo seit Mitte der Neunziger verschiedene Geschäftsführungen von großen und extern kontrollierten Metallbetrieben – in Abgrenzung zur intransigenten Politik des dortigen Unternehmensverbandes – die lokalen Bestrebungen für eine "Innovationsregion Nürnberg" durch konsensorientierte Kooperationen mit den Gewerkschaften unterstützten. Allerdings blieb dieses Element der Bildung lokaler Netzwerke anfällig: In der zweiten Hälfte der Neunziger führten die Betriebsstrategien und Personalpolitik der multinationalen Konzerne aufgrund einer verstärkten Managerrotation und einer straffen Profitsteuerung teilweise zu einer Abkehr des bisherigen Kooperationskurses zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung, teilweise aber auch zu einer Intensivierung der Kooperationsverhältnisse, die sich aber in Richtung einer einzelbetrieblich orientierten Wettbewerbspartnerschaft wandelten (Dörre 1999).
Die traditionellen, gleichwohl nicht zu unterschätzenden Wohlfahrtseffekte von Hochschulen und Großunternehmen für die Region liegen in ihren multiplikativen Beschäftigungs- und Nachfragewirkungen, damit also den materiellen Ressourcen, die dem Lokalen zugute kommen (Blume/Fromm 2000: 11 ff.). Im Rahmen des hier Diskutierten gewinnen sie ihre Bedeutung jedoch auch durch ihre lokale Verankerung einerseits und ihre Einbindung in überlokale (nationale, europäische oder weltweite) Innovationssysteme andererseits. Damit fungieren diese Einrichtungen als glokale Knotenpunkte der Wissensdiffusion. Ihre Bereitschaft zur Einbindung in innovative Netzwerke bleibt letztlich allerdings prekär, da sie zum einen nicht zwangsläufig auf räumliche Nähe angewiesen sind und zum anderen externen Einflüssen unterliegen, die sie zu einem diskontinuierlichen Kooperationspartner machen (können).
Für kleine und mittlere Unternehmen hingegen – oftmals Hoffnungsträger im Diskurs um die Entstehung regionaler Produktionscluster – deutet sich in den Fallstudien an, dass sie, sofern sie nicht unmittelbar als universitäre Spin-offs entstanden sind oder als Zulieferbetriebe für fokale Unternehmen existieren, in den verschiedenen Netzwerken deutlich unterrepräsentiert sind. Dies ließe sich mit der mangelnden "Abkömmlichkeit" (M. Weber) von Unternehmerinnen und Unternehmern begründen, die vom Betriebsalltag vollständig ausgelastet sind. Hellmer u. a. führen allerdings für die Regionen Südniedersachsen und Oldenburg an, dass sich Face-to-Face-Kontakte, die für Wissensdiffusion und Innovationen unerlässlich erscheinen, im Zuge der Globalisierung von der räumlichen Nähe zunehmend entkoppeln (Hellmer u. a. 1999: 165). Mit der Verbreitung von I&K-Technologien und dem Sinken der Reisekosten entstanden Wissensräume, die überlokalen Charakter haben und auch für kleine und mittlere Unternehmen anschlussfähig sind. Die lokale Anbindung, die unter Umständen mit provinzieller Enge verbunden ist, wird somit auch für diesen Betriebstyp zur Option.
Fazit
Der kursorische Blick auf unterschiedliche Fallstudien zur Netzwerkbildung im Feld der lokalen Wirtschafts- und Strukturpolitik hatte das Ziel, der oftmals emphatischen Einschätzung dieser institutionellen Konfiguration eine realistische Perspektive entgegenzusetzen. Gerade mit Blick auf Städte und Regionen, die nicht zu den unmittelbaren Gewinnerinnen der Globalisierung gehören, erscheint der Hinweis angebracht, dass die derzeitige Tendenz in Wissenschaft und Politik, lokale Innovationsnetzwerke als Anpassungsreaktion an die Globalisierung zu preisen, sich nicht auf strukturelle Zwangsläufigkeiten berufen kann. Es gibt eine Reihe von Ansätzen zur Ausbildung entsprechender Verhandlungssysteme, deren tatsächliche Umsetzung erweist sich jedoch als ein zäher und vor allem kontingenter Prozess. Zum einen gilt für die beschriebenen institutionellen Gefüge das, was Christoph Scherrer bereits in seiner Kritik an den "Global Governance"-Konzepten ausführte: Die Propagierung von Netzwerkkonzepten neigt dazu, die jeweiligen Interessenkonflikte und Machtasymmetrien auszublenden. Innovationen sind immer umstritten und mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Zielen verknüpft. Die Parallelität von Interdependenz und Kooperation auf der einen und von Konflikt und Interessenpluralismus auf der anderen Seite prägen den Netzwerkalltag. Zu dieser bekannten Schwierigkeit gesellt sich die Ambivalenz räumlicher Entwicklungen im Zuge der Glokalisierung: Es ist sowohl ein Trend zur Agglomeration und Ortssensibilität innovativer Betriebe festzustellen wie auch zur Entkoppelung von Wissensdiffusion und räumlicher Nähe. Eine "zweifache Ubiquitifizierung" (Malmberg/Maskell 1999), in der nach den traditionellen Standortfaktoren auch die lokalisierte "tacit knowledge" kodifiziert und damit transferierbar gemacht worden ist (Blotevogel 1999: 55), erscheint nicht nur theoretisch plausibel, sondern ist – wie das Beispiel der kleinen und mittleren Unternehmen in Südniedersachsen und Oldenburg zeigte – tatsächlich vorfindbar.
Wenn als Anpassungsstrategie an die Globalisierung für die lokale Regelungsebene die Einrichtung lokaler Innovationsnetzwerke propagiert wird, so bleibt zunächst einmal unbestimmt, ob diese sich – entsprechend der Matrix von Scherrer – der Anpassung, also der Stärkung der regionalen Ökonomie in einer arbeitsteiligen Globalisierung, oder aber der Veränderung ihrer Rahmenbedingungen "von unten" verschrieben haben. Die strategischen Ausrichtungen liegen zwischen "regionalem Wirtschaften als linke Reformperspektive" mit nachhaltiger Umweltpolitik und öffentlichem Beschäftigungssektor (Crossover 2000) und der Installierung kleinräumiger subcontracting-Pyramiden, an deren Ende prekäre Arbeitsverhältnisse die Regel sind. Des Weiteren verweist die Zufälligkeit der tatsächlichen Entstehung lokaler Innovationsnetzwerke auf den von Eike Hennig benannten Aspekt der Ungleichheit und der regionalen Disparitäten im Rahmen der "glokalen" Produktion von Räumen. Offenkundig bleibt diese Strategie mit wenigen Ausnahmen eher auf Gewinnerregionen beschränkt, die häufig genannte Zielbeschreibung, "Innovationsinseln" schaffen zu wollen, ist semantisch entlarvend. Die Kontingenz lokaler Innovationsnetzwerke erscheint so ausgeprägt, dass damit Einschätzungen diskreditiert sind, die von einer zwangsläufigen, weit verteilten Bildung dieser institutionellen Konfiguration, gerade auch in Regionen ohne spezifische Milieus und Begabungen, ausgehen und diesen die notwendige doppelte Integrationsleistung zusprechen.
Allerdings bleibt beim derzeitigen Stand der Debatte um Anpassungsreaktionen an die Globalisierung das Konzept der Innovationsnetzwerke – mit all seinen Schwierigkeiten – als Anstrengung der unteren und örtlich gebundenen Regelungsebene alternativlos. Aus den dargestellten Schwierigkeiten dieser institutionellen Konfiguration lassen sich keine anderen wegweisenden Konzepte ablesen. Die Hinweise auf Kontingenz und Konflikte münden aber darin, der bestehenden "Vitalität hierarchischer Koordinierung" (Hellmer u. a. 1999: 226) eine hohe Relevanz für die Anpassungsfähigkeit des Lokalen zuzuweisen. Insofern läge ein wesentlicher Teil der Kompetenz für eine lokale Innovationsfähigkeit bei Bund und Ländern. Im Sinne einer doppelten Integrationsleistung wäre von diesen eine stetige, räumlich gleich verteilte, sich allerdings an lokalen Profilen orientierenden Innovationspolitik zu verfolgen und zu intensivieren. Über Förderrichtlinien ließen sich die benannten Vertretungsdefizite insofern eingrenzen, als auch ressourcenschwache Akteure in die entsprechenden Netzwerke integriert werden müssten. Dieser appellative Blick auf die Innovationssysteme der Länder und des Nationalstaates darf allerdings über die Umstrittenheit der jeweiligen strategischen Ausrichtung nicht hinwegtäuschen.
1 Für kritische Anmerkungen bedanke ich mich bei Eike Hennig, Robert Lohde-Reiff und Christoph Scherrer. – Einen aktuellen Überblick über die Glokalisierungsdebatte gab Eike Hennig in Kommune 11 + 12/2000.
2 Die blockierende Existenz solcher "Erblasten" lässt sich etwa für die Stadt Kassel belegen, in der es aufgrund von Auseinandersetzungen in der ersten Hälfte der 80er Jahre bis Mitte der 90er Jahre eine verhärtete Konfliktsituation zwischen der lokalen Administration, den Kammern, den Unternehmen und der Universität gab, die erst durch verschiedene personelle Wechsel entschärft wurde (Sack 1996).
3 Als wesentliche Faktoren einer Kooperationsfähigkeit von Organisationen erwies sich in den verschiedenen Fallstudien zum einen ihre jeweilige finanzielle, rechtliche und personelle Ausstattung, die damit verbundenen Möglichkeiten der Nutzung formeller und informeller Informationskanäle sowie die Kohärenz der internen Willensbildung. Zum zweiten müssen die jeweiligen Akteure zunächst Probleme oder Interessen wahrnehmen, die aus ihrer Sicht interdependent erscheinen und im Feld der lokalen Wirtschafts- und Strukturpolitik verortet sind (vgl. z. B. Heinze/Voelzkow 1997: 246).
4 Die "erhöhte Flexibilität dezentraler Einheiten [wurde] zu Gunsten zentraler Steuerungsmöglichkeiten schrittweise wieder eingeschränkt" (Gerstlberger 2000: 19). Eine beteiligte Person resümierte den Kooperationsprozeß in privat-öffentlichen Unternehmen als "ein bißchen Frischwasser" in einem Kanal traditioneller Entscheidungsfindung (ebd.: 28).
5 Empirische Untersuchungen zur Rolle der universitären Ausgründungen verweisen darauf, dass sich zwar eine Reihe von partnerschaftlichen Kooperationen in diesem Feld herausbilden, diese aber keinen Netzwerkcharakter haben (Hellmer u. a. 1999: 242). Zudem scheint es im Verhältnis zwischen den Universitäten und privaten Unternehmen weiterhin die Tendenz zu geben, dass sich die entsprechenden Kooperationskontakte vor allem auf große und mittlere Unternehmen erstrecken, die selber F&E betreiben bzw. eine innovative Produktpalette aufweisen (Blume/Fromm 2000:100 f.).
Innovation – Definition eines Begriffs
Der Begriff der Innovation bezeichnet in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion in der Regel eine gelungene Anpassungsreaktion (vor allem) an die Globalisierung und den ökonomischen Strukturwandel. Er ist eng verbunden mit dem Begriff des Lernens, also einer Wissensgenerierung, die Neugestaltungen und Umordnungen nach sich zieht (Blotevogel 1999: 50). Dabei bleibt der Begriff aus politikwissenschaftlicher Sicht eigenartig unbestimmt und oftmals auf der Ebene einer "catch-all"-Formel. Die Literatur zum Thema Innovation kann zwar – in Anlehnung an Schumpeter – zwischen Produkt-, Prozess- und Organisationsinnovation ebenso unterscheiden wie zwischen radikalen und (pfadabhängigen) inkrementellen Innovationen (Hellmer u. a. 1999: 16 ff.; Blume/Fromm 2000: 56 f.). Die Bestimmung der "Neuerung" erfolgt jedoch in der Regel marktabhängig, wird also gemäß des jeweiligen Tauschwertes bestimmt. Eine Definition, die darüber hinausgeht, gleichwohl aber den Begriff der Innovation als gelungene Anpassungsreaktion an Globalisierungszwänge nimmt, kann nicht nur die Konkurrenzfähigkeit des einzelnen Produktes betrachten. Sie muss zunächst den Begriff der Innovation auf übergeordnete räumliche Einheiten und Branchen beziehen; je nach Sichtweise auf regionale Produktionscluster bzw. nationale Industriestrukturen. Die Begriffsbestimmung erstreckt sich des Weiteren, da Konkurrenzfähigkeit von Produkten, Regionen und Branchen nicht unmittelbar und zwangsläufig Wohlfahrtswirkungen für soziale, kulturelle und ökologische Bereiche beinhaltet, auf die Problembearbeitungskompetenz der jeweiligen Innovationen. Gerade in diesem Zusammenhang besteht häufig ein Streit über den Innovationsgrad politischer Maßnahmen, der auf unterschiedlichen Kernüberzeugungen der verschiedenen lokalen Akteure fußt (z. B. Brätzel 1999). Der Begriff der Innovation – sofern er für die Anpassungsleistungen an die Globalisierung bemüht wird – bestimmt sich also aus politikwissenschaftlicher Sicht durch eine doppelte Integrationsleistung: einerseits durch die konkurrenzfähige Einbindung in die aktuellen kapitalistischen Marktstrukturen, andererseits durch die Kompetenz, negative Auswirkungen des derzeitigen Strukturwandels (wie auch "Altlasten" des fordistischen Wohlfahrtsstaates) zu regulieren. Entsprechende Zielkonzepte führen nicht einfach Forschungs- und Produktionsaktivitäten zusammen, sondern haben zu gegenwärtigen, dass "gerade die umfassende gesellschaftliche Diskussion um Nutzen und Konsequenzen derartiger Innovationen eine zentrale Bedeutung einnimmt" (Lompe u. a. 1996: 108)
D. S.
Literatur
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Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)
Ausgabe März 2001 (19. Jg., Heft 3/2001)