Geschichte, Mythos, Psychodynamik

Deutungsmuster in der 68er-Debatte

Martin Altmeyer

Die Diskussionen um das "rote Jahrzehnt" von 1967 bis 1977, der Streit um die "richtige Interpretation" von jener Kulturrebellion, die mit dem Label 68 nur unzureichend beschrieben wird, beschäftigt die Akteure jeglicher politischer Couleur. Mit dem FORUM 68 ff. wollen wir hier weitere Aspekte jener Chiffre 68 zur Diskussion stellen. Es wird ein breiter Bogen geschlagen: Von der Skizze der Deutungsmuster der 68er-Debatte über die Fremd-Wahrnehmung aus ostdeutscher Sicht bis hin zur Einschätzung von Post-68ern.

Die Debatte um die 68er, in der sich die Selbstverständigung einer Generation mit der gesellschaftlichen Reflexion über eine markante Epoche der Bundesrepublik Deutschland verbindet, demonstriert gegenwärtig einen eigentümlichen Charakter von narrativer Geschichtsschreibung.(1) Jenseits der tagespolitischen Instrumentalisierung geht es bei diesem Generationengespräch um Aufklärung als Selbstaufklärung. Dazu gehört auch der Blick auf die unbewussten Determinanten der Revolte. Ins Licht gerückt wird nicht nur das, "was wir waren" (Joscha Schmierer) und zu verantworten haben, sondern auch das, was wir hätten sein können und eben nicht waren. Zur Debatte steht die historische Wahl, die wir damals hatten, beziehungsweise die Zwangsläufigkeit, aus der sich unser Handeln ergab. Im bisherigen Verlauf schälen sich bei grober Analyse drei Deutungsmuster heraus. Sie entstammen verschiedenen Perspektiven auf jene Zeit, die ich der Einfachheit halber als historisierende, als mythologisierende und als sozialpsychologische Sichtweise voneinander unterscheiden möchte, auch wenn diese Differenzierung keine trennscharfen Positionen zeigt und der tatsächliche Diskurs manchmal kreuz und quer verläuft. Eine vierte Perspektive will ich ergänzen, die auf den kulturellen Umbruch verweist, der jene Zeit begleitete.

Demokratischer Aufbruch

Aus der historisierenden Betrachtung ergibt sich eine Freiheitsbewegung gegen autoritäre gesellschaftliche und politische Strukturen, die – wenn auch mit fatalen Um- und Abwegen revolutionsromantischer, organisationsfetischistischer oder terroristischer Art – letztlich zur Liberalisierung und Demokratisierung beigetragen hat. Sie hat der bundesdeutschen Gesellschaft nicht nur dazu verholfen, die unabgetragene Hypothek aus der nationalsozialistischen Vergangenheit zu erkennen und als konstitutiven Bestandteil der Republik anzuerkennen, sondern ihr auch einen überfälligen Modernisierungsschub gegeben. Wolfgang Kraushaar geht sogar so weit, von einer "soziokulturellen Neugründung" der Republik unter der katalysatorischen Wirkung der 68er zu sprechen.

So wird der Diskurs weitgehend innerhalb und am Rande der Grünen geführt, angeleitet von den inzwischen ergrauten Kämpfern, die über ihre revolutionäre Vergangenheit Selbstauskunft erteilen. Die alten Fehden zwischen den Führern des spontaneistischen Lagers, das faktisch ein antiautoritäres Kadertum pflegte, und den Kadern der maoistischen Organisationen, die in exotischen Revolutionsmodellen ihr Heil suchten, sind längst der gemeinsamen Erleichterung darüber gewichen, dass all jene Strategien gescheitert sind und im grünen Projekt eine demokratische Alternative gefunden worden ist. Höchstens aus den Zwischentönen klingt noch der Veteranenstolz auf die Zeiten von Klassenkampf und Straßengewalt. Joschka Fischer und Dany Cohn-Bendit, Joscha Schmierer und Christian Semler sind die Protagonisten, die auf dieser Linie argumentieren – unterstützt von weise gewordenen ehemaligen Gegnern wie Peter Boenisch oder Richard von Weizsäcker, die einst auf der anderen Seite der Barrikade standen, oder von liberalen Journalisten wie Gunter Hofmann, Johannes Willms, Karl Grobe und vielen anderen.

Mythos der Gewalt

Die mythologisierende Diskurslinie verzweigt sich in zwei scheinbar entgegengesetzte Deutungen. Die eine entstammt einer geistsprühenden Schicht von ständig um Distinktionsgewinn ringenden Intellektuellen, einer Art intellektueller Boheme der Postmoderne. Hier wächst der Mythos aus der Verklärung eines historischen Begriffs sozialrevolutionärer Gewalt, die als Chiffre für radikale gesellschaftliche Veränderungsprozesse bemüht wird. Beschwörend werden die Bilder der französischen oder der russischen Revolution in Erinnerung gerufen – von Slavoj Zizek das bolschewistische Exekutionskommando (Die Zeit, 1.2.), von Karl-Heinz Bohrer die jakobinische Guillotine (Die Zeit, 8.2.) –, um der Militanz der 68er eine respektable historische Kontinuität zu verleihen und dieser Generation zugleich eine kollektive Amnesie zu attestieren, einen Bewusstseinsverlust: Die ehemaligen Kämpfer haben mit ihrer Machtübernahme selbstvergessen die Erinnerung an ihre emanzipatorische Gewaltgeschichte gegen eine "Bankangestelltenmentalität" (Bohrer) eingetauscht, die einer bloß im formalen Sinne demokratischen Gesellschaft ohne wirkliche "radikale Wahl" entspricht. Im provokativen Gestus der Systemkritik wird eine politisch korrekte, anpasslerische Tabuisierung von Gewalt als "Erkennungszeichen des Bösen" angeprangert, der auch die Fantasie zum Opfer gefallen ist, die mit dem "geistigen Abenteuer" von Achtundsechzig einst verbunden war (Bohrer). Im "Namen der Wahrheit" wendet man sich gegen die "Pragmatik" einer kompromisslerischen Politik und fordert buchstäblich die "Rückkehr zu Lenin" (Zizek). Richard Herding (taz, 13.2.) hat, freilich in weniger schrillem Ton, diesen geschichtsmythologischen Bogen einer historisch gerechtfertigten Gewalt bis zu den militanten Gegnern einer neoliberalen Globalisierung gespannt, die sich in der Tradition des zivilen Ungehorsams dem "Terror der Ökonomie" widersetzen.

Der umgekehrte Vorwurf wird im Rahmen einer gespenstischen Deutung erhoben, welche die 68er in einen ganz anderen geschichtlichen Zusammenhang stellt: Die revoltierenden Studenten waren die "neuen Barbaren", deren gewaltgeschwängerte Endzeitstimmung im revolutionären Pathos des Nationalsozialismus ihr unbewusstes phantasmagorisches Vorbild hatte. Hintergrund dieser These – etwa von Thomas Schmid (FAZ) in einem Stakkato von Leitartikeln mit renegatenhaftem Eifer vorgetragen – ist die Verklärung der frühen Bundesrepublik zu einer vorbildlichen Demokratie. Sie hatte angeblich ihre Lehren aus der faschistischen Barbarei gezogen, lange bevor die Gewalttätigkeit der revoltierenden Jugend den schon in die Flasche gebannten Nazigeist ihrer Eltern wieder freiließ. Mit der Metapher vom "ideologischen Glühkern" des Faschismus, der, "brandgefährlich", wie er war, in der Nachkriegszeit zuerst habe "abkühlen" müssen, hat der bilderverliebte ehemalige Kader des Spontaneismus in einem nachgeschobenen Besinnungsaufsatz ("Ein deutsches Wunder", FAZ, 3.2.) diese Deutung ergänzt: Das kommunikative Beschweigen der Nazi-Vergangenheit, das – so tadelt er milde die Strategie der Selbstbegnadigung – gewiss auch "seine hässliche, klägliche, verstockte Seite" hatte, war eigentlich eine kluge Strategie der lautlosen Ankunft in einer zivilisierten Gesellschaft, die später dem antizivilisatorischen Sturm der Protestbewegung standgehalten hat. Selbst die kulturelle Öffnung der Bundesrepublik in Fragen der Sexualität oder der Kindererziehung, die Veränderungen im Geschlechterverhältnis, im Umgang mit der Natur, in der Austragung von Konflikten, die der 68er-Generation als historische Leistung auch von konservativen Beobachtern immerhin zugestanden wird, verdanken wir "dem hellen Zug der Zeit", wo immer dieser auch hergekommen sein mag.

Psychodynamik, Pathologie und Verkennung

Den eindrücklichsten Beitrag für einen sozialpsychologischen Diskurs liefert Gerd Koenen. Der profilierte Historiker der großen sozialistischen Erzählungen, hat im Februarheft dieser Zeitschrift (und zuvor in der FAZ, 13.1.) seine Auffassungen entwickelt, im Vorgriff auf sein Buch über das "rote Jahrzehnt". Diesen triftigen Begriff hat er zur Bezeichnung einer Dekade gewählt, die er 1967 (mit der Anti-Schah-Demonstration und der Erschießung von Benno Ohnesorg in West-Berlin) beginnen und 1976/77 (mit den Selbstmorden in Stammheim und ihren ernüchternden Folgen) enden lässt. Der ehemalige Kader des KBW dekonstruiert die sozialrevolutionäre Legende als unbegriffenen Familienkonflikt: als beiderseits hasserfüllten Zusammenprall von Kriegs- und Nachkriegsgeneration im Kostüm politischer Auseinandersetzung. Im Gegensatz zu Schmierer, der den politischen durch den Generationenkonflikt bloß verschärft sieht, erkennt Koenen im klassenkämpferischen Vokabular eher eine dämpfende Wirkung auf den "rasenden" Furor einer destruktiven Dynamik zwischen den Fronten, die im Wesentlichen innengeleitet, also "Psychodynamik" gewesen sei.

Ihre besondere Schärfe gewinnt diese psychodynamische Sicht der Dinge durch die Gegenüberstellung einer pathologisch verzerrten subjektiven Welt beim Großteil der jungen politischen Generation mit einer beneidenswert günstigen gesellschaftlichen Situation, die – objektiv alles andere als krisenhaft oder gar revolutionär – eigentlich eine "jeunesse dorée" hätte hervorbringen müssen. Erst in diesem Kontrast erscheinen die Wahrnehmungen der Wirklichkeit als so wahnhaft, halluzinatorisch, paranoid, die eigene Innenwelt von solch obsessiven Zwangsideen und narzisstischen Größenfantasien beherrscht, die Außenwelt so katastrophenhaft imaginiert, dass die Fundamentalopposition in ein weltrevolutionäres Phantasma münden konnte, das bei Koenen alle Züge einer kollektiven Psychose trägt. Nur weil sie gewissermaßen zeittypisch und zum "vorherrschenden Lebensgefühl" geworden sei, gilt ihm diese Art von Realitätsverweigerung nicht als krankhaft im klinischen Sinne. Mit der Diagnose mörderischer Projektionen und intimer Familiensurrogate bei den terroristischen Gruppen, fanatischer Selbstreinigungsrituale und narzisstischer Methoden der Selbsterfindung bei anderen Fraktionen der Revolte erkennt Koenen aber spezifisch deutsche "Motive einer radikalen Sezession vom kontaminierten Eltern- und Volkskörper". Es sind pathologische Motive einer infantilen Abgrenzung, die auf eine unbewusste Entsorgung von historischer Schuld abzielen und im deutschen Herbst ihre rituelle Form gefunden haben: mit dem "symbolischen Vatermord" an Hanns-Martin Schleyer, dessen SS-Vergangenheit mit seiner Gegenwart als Repräsentant der großen Industrie zu einer hybriden Imago verdichtet war, und mit der Selbsttötung der RAF-Kader in Stammheim.

Im Zuge dieser fulminanten Analyse rückt Koenen dem "berserkerhaften" Klaus Theweleit – dem "Psycho-Apokalyptiker", wie er ihn verächtlich bezeichnet – freilich näher, als er glauben mag. Etwa wenn er mit einer Mischung aus psychoanalytischer Suggestion und poststrukturalistischem Diskurs des Anderen aus der politischen Biographie von Joschka Fischer eine "abgespaltene dunkle Seite" herausfiltert, die ihm in "seinem Schattenmann Hans-Joachim Klein" gegenübertrete. Und er begibt sich in die Nähe von Thomas Schmids These von den "neuen Barbaren", auch wenn er sie nicht der intakten Gesellschaft gegenüberstellt, sondern aus ihrer Mitte kommen sieht. Dessen "historischen Kontinuitätswahn", den er gerade noch kritisiert hat, verlängert er selbst über den Vergleich mit der nationalsozialistischen Rebellion hinaus, indem er eine Linie von 1968 zur Kriegsbegeisterung der deutschen Jugend von 1914 zieht und eine vergleichbare Mischung aus apokalyptischer Heils- und Unheilsideologie erkennen möchte. Keine Erwähnung ist ihm dagegen wert, dass sich die Revolte in vergleichbaren mentalen Ausprägungen, Aktionsformen und Organisationstypen bis hin zur Bildung terroristischer Gruppen von San Francisco über Paris, London und Mailand bis nach Tokio ausbreitete. Dass zur gleichen Zeit in der gesamten westlichen Welt ein Aufruhr der Jugend stattfand, lässt sich aus der besonders aufgeladenen Generationendynamik in Deutschland eben nicht erklären, sondern muss andere Gründe gehabt haben. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die Radikalisierung der Schwarzen, der Protest gegen den Vietnamkrieg oder gegen die Diktaturen in Südeuropa sind gewiss keine Phantasmagorien der deutschen Seele.

Kultureller Umbruch

Dem von mir sehr geschätzten Gerd Koenen will ich damit nicht Unrecht tun. Sein Buch, auf das man gespannt sein darf, wird diese unterschlagenen Seiten der Protestbewegung gewiss beleuchten. Er lenkt mit seiner an Norbert Elias geschulten anthropologischen Sozialpsychologie den Blick – wie bei einer scharf eingestellten Nahaufnahme – auf wichtige, bisher ausgeblendete Aspekte im Affekt- und Bewusstseinshaushalt der 68er, die aber nur einen Teil ihrer mentalen Verfassung ausmachen. Die historisierende Perspektive dagegen – wie bei der Totalen aus grosser Distanz eingenommen und notwendig vergröbernd – erfasst andere Seiten der Revolte im Sinne einer politischen Wirkungsgeschichte, während feindiagnostische Erkenntnisse durch ihr grobes Raster fallen. Auch der mythologisierende Tiefendiskurs hat in beiden Varianten seine Wahrheit, in der Kritik an einem zeitgenössisch moralisierenden, undifferenzierten Gewaltdiskurs (Bohrer) ebenso wie im Hinweis auf eine neurotische Fixierung der Revolte an den "Geist der Väter" (Schmid). Alle diese Deutungen erfassen Facetten einer vielschichtigen Zeitströmung, die ein ganzes Jahrzehnt bestimmt hat. Falsch werden sie erst in ihrer Verallgemeinerung, in der Überdehnung ihres besonderen Erklärungsanspruchs, die zugleich eine Verengung der Perspektive bedeutet.

Ich selbst plädiere für eine Erweiterung des Blicks, die verschiedene Sichtweisen zulässt. An zwei Fotos lässt sich das verdeutlichen, die am gleichen Tag (13.2.) im Zentralblatt des gebildeten deutschen Konservativismus und in der linksliberalen Frankfurter Konkurrenzzeitung erschienen sind. Das eine zeigt Andreas Baader und Gudrun Ensslin in jener legendären Aufnahme von 1968, auf der Anklagebank im Kaufhausbrandprozess einander liebevoll anlächelnd. Die FAZ illustriert damit unter der Überschrift "Terror und Stil" die Rezension eines Schlüsselromans über die Rote Armee Fraktion – und fragt in der Bildunterschrift: "John Lennon und Yoko Ono? Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo? Warren Beatty und Faye Dunaway? Falsch ..." Im Feuilleton der FR sehen wir – über dem Beitrag einer Kulturanthropologin zur 68er-Rebellion – Rainer Langhans und Uschi Obermaier aus der notorischen Kommune 1, er an der Sitar, sie am Joint, beide ein wenig selbstversunken "Experimente mit Sozialem und Erotischem" betreibend. Es gibt schon untergründige Verbindungen im Netz der medialen Kommunikation. Unsere beiden berühmt gewordenen 68er-Paare werden in imaginärer Eintracht als Ikonen eines kulturellen Umbruchs vorgestellt, der in den Sechzigerjahren mit der Musik der Beatles und Stones, den Filmen von Godard, der Verbindung von Kunst, Lebensstil und gesellschaftlichem Engagement begann und in der Internationale einer weltweiten Jugendrevolte seinen spektakulären Ausdruck fand.

Der hier angedeutete kulturelle Diskurs erweckt, wenn man ihn weiterdenkt und sich zurückbesinnt, Erinnerungen an vergangene Zeiten, die nicht um Gewalt und Terror kreisen. Assoziationen stellen sich ein vom "anderen Leben" jenseits der "Verdinglichung" aller Beziehungen, von der Sehnsucht nach "befreiter Sexualität" und menschlicheren "Verkehrsformen", vom Abscheu an der fetischistischen "Warengesellschaft", von der Entdeckung der "dritten Welt" – auch von der halluzinogenen "Bewusstseinserweiterung", einer neuen "Innerlichkeit" und dem "New Age" des Wassermannzeitalters. Die Absage an den Konsumismus, die Absage an Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung, die Absage an den Kapitalismus, in dem man die Ursache für die Übel der Menschheit vermutete, war mit vagen ästhetischen und esoterischen Utopien verbunden, lange bevor diese von wieder entdeckten sozialistischen Theorien und Revolutionsmodellen ersetzt wurden. "Die Phantasie an die Macht!" oder "Unter dem Pflaster liegt der Strand!", waren die Parolen, in denen sich der Veränderungswille in jenen Jahren kreativen Ausdruck verschaffte. Es war die Suche nach dem "richtigen Leben im falschen" (das es doch nach der Kritischen Theorie nicht geben konnte), welche dieser Bewegung im vorpolitischen Raum eine existenzielle Dynamik gab, die sie später in die Bahnen der Selbstverwirklichung lenkte und gewiss auch ihre terroristische Perversion noch antrieb.

Die Revolte, ihr Erbe und ihr Preis

Das ist ein anderer Deutungskontext als die Vergangenheitsbewältigung der dritten Art, die von der 68er-Generation im Rahmen einer bizarren historischen Demagogie verlangt, sich ihrer Geschichte zu stellen wie ihre Eltern den Nazi-Verbrechen und die Brüder und Schwestern in der ehemaligen DDR ihrer Verwicklung in die Stasi-Diktatur. Es sind die jugendlichen Wiedergänger der Vorgängergeneration, die sich an den Rändern des intragenerationellen Diskurses gerne mit solchen Forderungen beteiligen. Aus durchsichtigen Motiven und ihrerseits mit glatten Lebensläufen und ungebrochenem Karriereehrgeiz ausgestattet, spielen sie den konservativen Tugendwächter, um die 68er, allen voran Joschka Fischer, vorzeitig aus ihren Positionen zu vertreiben. Da kennt die Denunziation keine Grenzen, für die freie Assoziation gibt es kein Halten, und selbst Jürgen Habermas gerät mit seinem vor vierzig Jahren veröffentlichten "Strukturwandel der Öffentlichkeit" in den obskuranten Schuldzusammenhang (FAZ, 6.2.). Frank Schirrmacher hat dagegen in einem nachdenklichen Beitrag zur Fischer-Debatte (FAZ, 4.1.) die von den 68ern eröffnete Diskussion um einen neuen Begriff von "Umwelt, Mensch und Biologie" zum Bleibenden erklärt und in einer "von Überzeugungen geleiteten ökologischen Politik" das eigentliche Erbe dieser Generation erkannt, das nicht verspielt werden dürfe. Was er als überdauernden "idealistischen Kern" der Revolte identifiziert, nennt Christian Semler in bemerkenswerter Übereinstimmung den "humanen, befreienden, universalistischen Impuls jener Jahre" (taz, 11.1.).

Zur Erbschaft jener Zeit gehört aber noch mehr, und ich kann das hier nur andeuten: ein geschichtsgeschwängerter moralischer Rigorismus, der uns bei der Kosovo-Intervention nur die Alternative des "Nie wieder!" ließ, weil es entweder ein neues Auschwitz oder einen deutschen Krieg zu verhindern galt; ein negativ konnotierter Nationalismus, der mit dem Affekt, sich für Deutschland schämen zu müssen, zugleich den rebellischen Gegenaffekt bei der Nachfolgegeneration schürte; eine chronifizierte Oppositionshaltung, die mit dem über die Zeit durchgehaltenen Blick des Kindes auf die böse Welt deren erwachsene Gestaltung lange verweigerte. Für all diese Hinterlassenschaften war freilich ein Preis zu entrichten – das humanitäre Fiasko in Jugoslawien für den hochfahrenden, zutiefst ambivalenten Moralismus, der enthemmte Nationalstolz der neuen Rechten für die eitle nationale Scham, die Ewigkeit der Kohlregierung für die verlängerte Adoleszenz. Auch mit verspäteten, ausgeschlagenen oder gescheiterten bürgerlichen Karrieren musste bezahlt werden.

Eines aber stimmt nicht, Gerd Koenen: Die Entgrenzung von Privatem und Öffentlichem, die mediale Inszenierung von Selbst und Politik, die narzisstische Durchdringung des gesellschaftlichen Raums waren nicht verachtenswerte kulturrevolutionäre Fehlleistungen der 68er, wie man zwischen den Zeilen lesen kann. Auch wenn unsere Generation diese Trends gewiss aufgesogen und befördert hat, wäre eine solche Zuschreibung zu viel der Ehre und selbst eine narzisstische Projektion. Man kann uns für alles Mögliche verantwortlich machen, aber die Intimisierung von Politik, die Vergesellschaftung des Narzissmus und die Medialisierung der Welt folgen anderen Regeln als denen eines entgleisten Generationenkonflikts. Hier wäre ein neuer Diskurs fällig und Nachsicht fürs Erste doch angebracht.

1

Geschichte wird bekanntlich nach vorne gelebt und nach hinten begriffen. Ihre Akteure sind, weil ihnen die Distanz fehlt, nie auf der Höhe der Zeit und auf Nachsicht – im wörtlichen und im übertragenen Sinn - angewiesen. Erst im Rückblick auf Vergangenes erschliessen sich die heimlichen und unheimlichen Bezüge, die in der Unmittelbarkeit des Handelns verborgen geblieben sind. Nur ex post können wir der Kontingenz des Augenblicks entgehen: blinde Flecken ausleuchten, unbegriffene Motive verstehen, neues Wissen und später erworbene Einsichten integrieren. Geschichtsbetrachtung ist deshalb jenseits der Faktensicherung immer ein sinnstiftendes Nachdenken über die Bedeutung dessen, was im Lichte alternativer Möglichkeiten geschehen ist. Das gilt für die individuelle Lebensgeschichte ebenso wie für die Geschichte von Kollektivsubjekten. Historische und biografische Wahrheit sind beide hermeneutisch kontaminiert, ihre Rekonstruktion ist zugleich eine interessierte Konstruktion. Nachträglichkeit ist nicht nur eine psychoanalytische, sondern auch eine historische Kategorie.

 

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Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.

Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)

Ausgabe März 2001 (19. Jg., Heft 3/2001)