Siegfried Knittel
Gerd Koenen schreibt in der Kommune 2/01 zu Recht, dass die rätedemokratischen Vorstellungen von 1967 alles andere als demokratisch waren. Und wenn, wie Joscha Schmierer in der FAZ schrieb, es der studentischen Linken 1967 schien, als ob die BRD qua Großer Koalition und Notstandsgesetze auf dem Weg in einen autoritären Staat zu sein schien, so lag dieser Wahrnehmung selbst ein undemokratisches "Gut-und-Böse-Schema" zugrunde. Nur in den Alternativen Faschismus oder sozialistische Utopie zu denken, war selbst Ausdruck von Politikunfähigkeit, war Ausdruck eines Denkens, das politische Ziele in nicht verhandelbaren Wahrheitsbegriffen verfolgte, statt sie als politisch auszuhandelnde zu begreifen.
Aber dieses ultimative Denken eines Teiles der 68er und der aus ihr hervorgehenden maoistischen und spontaneistischen Gruppen hat seinen Ursprung im gesellschaftlichen Klima der Adenauerrepublik. Das auch für die Frühzeit der BRD konstitutive Freund-Feind-Denken der politischen Philosophie Carl Schmitts war noch längst nicht überwunden. Von der Ebene hoher Politik, Beispiel KP-Verbot, bis in den bundesrepublikanischen Alltag hinein war die Gesellschaft von einem illiberalen, krähwinkelhaften Geist durchzogen, der, wie sich nach der Wiedervereinigung zeigte, in der DDR in sozialistischem Gewande überlebte und im dortigen Rechtsradikalismus weiterwest. Er war in der alten BRD, wie sich am Berufsverbotserlass zeigte, auch mit der Regierungsübernahme durch die sozialliberale Koalition 1969 noch keineswegs überwunden. Die "formierte Gesellschaft" wurde so zum Nährboden für die radikale Opposition der jüngeren Generation. Im Protest gegen die Gesellschaft bediente sie sich derselben Denkstruktur, desselben Freund-Feind-Denkens sie kannte keine andere Form der Auseinandersetzung.
Auch der Geist der Utopie, der als Gegenstück der "formierten Gesellschaft" Denken und Handeln der Protestgeneration bestimmte, war eine sehr deutsche Angelegenheit. Hinter dem Traum von der Aufhebung aller gesellschaftlichen Widersprüche verbarg sich jene romantisch-deutsche Sehnsucht nach der Heimkehr aus der gesellschaftlichen Welt, in der die sich entfremdeten Individuen ihre Interessen durchzusetzen suchen, in eine Gemeinschaft, in der es per se keine gegensätzlichen Interessen gibt eine Utopie, die dann in der Vorstellung eines Lebens im Einklang mit der Natur bei den Grünen ihre Fortsetzung fand. Aber dies war schon die Utopie der Romantik des 19. Jahrhunderts, die Philosophie einer Gesellschaft gewesen, die, weil ihr die Teilhabe an der Politik verweigert war, sich auf die Suche nach der blauen Blume begeben hatte.
Und doch wurde diese Art des Denkens im Fortdauern der 68er-Revolte zunehmend aufgebrochen. Zum einen geschah dies in der Konfrontation mit der staatlichen Autorität, das heißt der Frage nach den Konsequenzen einer eskalierenden Gewalt. Des Weiteren in der Erfahrung des Scheiterns aller revolutionären Hoffnungen von Kuba, über Vietnam nach Portugal; und nicht zuletzt im Zerbrechen der Utopie einer aus den Zwängen einer autoritären, bornierten Sozialisation befreiten, nicht repressiven und sexuell befreiten Form des Zusammenlebens.
Wie kaum sonst war zu Beginn der Siebzigerjahre in Frankfurt der Widerspruch zwischen einer radikal-utopischen Bewegung und staatlicher Ordnungsmacht aufeinander geprallt. Frankfurt war zum einen das intellektuelle Zentrum der Kritischen Theorie, der theoretischen Basis der Studentenbewegung. Zum anderen aber wuchs die Stadt mehr und mehr in die Rolle eines internationalen Finanzzentrums hinein. Antikapitalistischer Protest, verbunden mit der Utopie eines anderen, befreiten Lebens, und der Kapitalismus in seiner avanciertesten Form prallten hier aufeinander.
In diesem Kampf kamen die zwei für die revolutionäre Linke konstitutiven Bewegungsmomente zusammen: Der Kampf gegen das kapitalistische System und der Versuch, in den besetzten Häusern Gerd Koenen hat in der Kommune von den "befreiten Zonen" gesprochen neue, von allen staatlichen und gesellschaftlichen Zwängen befreite Formen des Zusammenlebens zu finden vor allem auch von dem als repressiv empfundenen Familiensystem. Der Häuserkampf diente zugleich der Realisierung der politischen und individuellen Utopie. Bekanntermaßen misslang beides. Das emphatisch-programmatische "Wir wollen alles" zerbrach an der Erfahrung, dass der Versuch der Durchsetzung des privat wie politisch unmittelbar für wahr Gehaltenen statt im Paradies im Krieg der Geschlechter und mit dem Staat enden musste.
Die Molotow-Cocktails bei der Demonstration anlässlich des Todes von Ulrike Meinhofs, war ein letztes verzweifeltes Aufbäumen gegen die endgültige politische Niederlage der Bewegung, ein letztes Aufbäumen gegen die Einsicht vom Ende eines Traums. Aber der halbverbrannte Polizist und die darauf folgende Verhaftungswelle machten auch bewusst, dass hier eine Grenze überschritten worden war, die man nicht überschreiten durfte. Joschka Fischers Rede mit dem Satz: "Hebt die Steine wieder auf" war der erste Schritt weg von dem "Ausnahmezustand" (Gerd Koenen) einer ganzen Generation, hin zu einem neuen Realitätsbewusstsein. Es war dies ein langer und schmerzhafter Prozess der Selbstbesinnung, der manche in den Selbstmord trieb oder in der Psychiatrie landen ließ.
Mit der Konsequenz, mit der große Teile sowohl der spontaneistischen als auch der maoistischen Linken in Frankfurt diese Hinwendung zur Realität vollzogen, kam ihnen ein weiteres Mal eine "Avantgarderolle" zu. Der "Ausnahmezustand", der radikale Versuch, unmittelbar mit der Errichtung einer anderen Gesellschaft zu beginnen, hatte in Frankfurt, dem Zentrum des deutschen Finanzkapitals, eine radikalere Form als in den übrigen Teilen der BRD. Und umso härter war auch die Frankfurter Erfahrung der Unmöglichkeit dieses Traums, der bis heute bei einem Teil der Grünen noch weitergeträumt wird, wie an deren Kontroversen zu zentralen politischen Fragen wie der Beteiligung am Militäreinsatz im früheren Jugoslawien und aktuell dem Verhalten angesichts bevorstehender Castor-Transporte immer wieder sichtbar wird.
Nicht zufällig waren es vor allem Aktivisten aus der Frankfurter Szene, die nicht zuletzt in der Kommune die bundesrepublikanische Debatte um die Zivilgesellschaft Ende der Achtzigerjahre und vor dem Fall der Mauer angestoßen haben. In der darin vollzogenen Hinwendung zum westlichen Pragmatismus vollzog sich auch die theoretische Abkehr vom utopischen Denken der Revolte. In einer Rede über Gustav Stresemann, jenen Außenminister der Weimarer Republik, der in den Zwanzigerjahren mit seinem französischen Kollegen Briand eine erste Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland in die Wege leitete, sprach sein späterer Kollege Fischer davon, dass der ursprünglich nationalistisch eingestellte Stresemann zum Vernunftsrepublikaner geworden sei. Fischer sprach dabei zugleich für sich und jenen Teil der 68er, deren existenziell-revolutionäre Lebenserfahrungen sie vom moralischen Rigorismus einer Gesinnungsethik Abschied nehmen ließen, zugunsten einer Verantwortungsethik, die weiß, dass ethisch-moralische Ziele bisweilen nur auf krummen Wegen zu erreichen sind.
Aber diese Generation hat eben nicht nur sich selbst verändert. Verändert hat sich unter ihrem ungestümen Ansturm auch die Mehrheitsgesellschaft. In der Konfrontation haben beide gelernt, miteinander zu leben, überhaupt Andersartigkeit nicht nur in der Politik, sondern auch im Lebensstil zu tolerieren. Mit Sicherheit hätte etwa die Homosexualität den heutigen Grad gesellschaftlicher Toleranz ohne die 68er-Revolte nicht erreicht.
Nun wäre es vermessen zu sagen, das liberalere Gesicht der deutschen Gesellschaft sei nur ein Resultat dieser Auseinandersetzung. So hat etwa die Spiegel-Affäre schon sehr viel früher den Autoritarismus der Adenauerrepublik in Frage gestellt. Und das größere Maß an gesellschaftlicher Offenheit gegenüber fremden Lebensformen ist auch ein Ergebnis des in den Sechzigerjahren einsetzenden Auslandstourismus und der Konfrontation mit der Kultur der Gastarbeiter. Nicht zuletzt hat der zunehmende Wohlstand die deutsche Bevölkerung selbstbewusster und deshalb innerlich freier werden lassen, ja man kann zu Recht sagen, wie Rezzo Schlauch in der SZ schrieb, dass ohne den in den Sechzigerjahren erreichten Wohlstand die 68er-Revolte gar nicht hätte stattfinden können. Trotzdem bedarf jede historische Situation ihrer Akteure.
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Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.
Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)
Ausgabe März 2001 (19. Jg., Heft 3/2001)