Gewalt – nein danke?

Unsystematische Betrachtungen eines Nach-Achtundsechzigers

Werner Mackenbach

Der 22. November 1963 war ein schöner Herbsttag: Die Sonne lag noch wärmend über den sanften Hügeln des hinteren Odenwalds, als ich mit Vater und Mutter von einem Spaziergang in unser Dorf zurückkam. Irgendwann am Abend dann die Nachricht: Der amerikanische Präsident Kennedy war erschossen worden. Bestürzung bei den Eltern, in Orts- und Kreisverband aktiven Sozialdemokraten, und ein unbestimmtes Kribbeln im Bauch des damals Zwölfjährigen, das sich bei den Fernsehbildern aus Dallas noch verstärkte. Habe ich gar geweint?

Diese bis weit in die Achtzigerjahre hinein verdrängten Erinnerungen lassen einiges von den ursprünglichen Anlässen und Motivationen der politischen Sozialisierung und Radikalisierung eines "Nach-Achtundsechzigers" erahnen. Am Anfang stand die Begeisterung für Demokratie und Freiheit – Werte, die von den jungen, strahlenden Helden in Amerika, allen voran dem in allen Medien präsenten Präsidenten Kennedy, verkörpert wurden. Gegenbilder zu der sich langsam über Schulunterricht und eigene Lektüre, weniger über die Erzählung der Eltern (für die das alles noch zu schmerzhaft war, obwohl oder gerade weil sie aus einer alten sozialdemokratischen Familie stammten und den Nazis immer ablehnend gegenübergestanden hatten), erschließenden braunen Vergangenheit, aber auch zu den dumpfen, abstoßenden Politkarikaturen des anderen Deutschlands hinter Stacheldraht und Mauer, die noch gar nicht lange vorher errichtet worden war.

Auch was später als "Internationalismus" beschworen werden sollte, scheint in diesen Erinnerungsfetzen auf: die Bereitschaft, über den Tellerrand zu gucken, die Situation der Menschen in den ärmeren Regionen der Welt im Zusammenhang mit den eigenen Lebensbedingungen zu sehen und sie als veränderbar zu begreifen. Deutlich wird auch die Bedeutung der Medien, ihrer zunehmenden Präsenz, ohne deren Bilderflut die politische Sozialisation und die Radikalisierung jener Jahre nicht zur erklären wären. Schließlich die anfängliche Bewunderung für den american way of life: Vielleicht war es gerade meine Generation, in der sich diese Begeisterung für alles, was von "drüben" kam (auch in Absetzung von dem anderen "Drüben"), zum ersten Mal ohne Reserven äußerte (bei der Elterngeneration waren zwischen den Zeilen immer noch Ressentiments gegen die "Amis" zu vernehmen).

Das mag die Plötzlichkeit und Heftigkeit erklären, mit der diese Bewunderung in Verachtung umschlug, als – wieder in den Medien – die ersten Bilder aus Vietnam auftauchten und unser Vertrauen in die älteste Demokratie der Welt grundlegend erschütterten. Der Anti-Amerikanismus der westdeutschen Linken war geboren, und die Hassliebe gegenüber den USA ist ein Widerspruch, der sich bis heute durch die Geschichte der Nachkriegslinken zieht. Neue Idole wurden gesucht und gefunden. Die Helden hießen Che Guevara, Ho Chi Minh und für viele vor und über allem Mao Zedong. Aber auch neue Erklärungen, jenseits der Personalisierung der Konflikte, wurden gebraucht: Der von der jüngsten deutschen Geschichte doppelt tabuisierte Marxismus bot sich an, die verschütteten Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung und das (gegen den Nationalsozialismus) nicht praktizierte Recht auf Gewalt gegen Unterdrückung wurden entdeckt. Dieses Mal wollten wir nicht zu spät kommen.

Empörung gegen den Krieg in Vietnam, aber auch gegen den Einmarsch der Roten Armee in Prag, Kriegsdienstverweigerung, Engagement in Schüler- und Studentengruppen waren Stationen einer Politisierung, wie sie wohl für viele Biografien meiner Altersgenossen typisch sind. Vielleicht war es die von Anfang an empfundene Abneigung gegen den Kasernensozialismus jenseits des "Eisernen Vorhangs", vielleicht aber auch nur Zufall oder ein spontaner Reflex gegen den maoistischen main stream an (einigen) deutschen Universitätsseminaren, die mich bei einer trotzkistischen Minivariante des Protests landen ließen. Immerhin entstand daraus eine bewusste Ablehnung der Übernahme von stalinistischen Praktiken in der Linken, es bewahrte mich vor einer Reihe von extremen Dummheiten und Irrationalismen und machte mich nicht blind gegenüber den im Namen sozialistischer Ideale begangenen Gräueln, den undemokratischen Verhältnissen in den Staaten des Ostens und den entsprechenden Verhaltensweisen bei ihren Apologeten im Westen.

All diese unterschiedlichen, zum Teil widersprüchlichen – ja auch individuell sehr verschiedenen – Aspekte wird berücksichtigen müssen, wer sich ein Bild über die damalige Zeit machen und aus ihr Erkenntnisse für heutiges politisches Denken und Handeln ziehen will, ohne sich hinter neuen/alten Kollektivmythen zu verstecken oder sie nur pauschal als vergeigten Lebensabschnitt abzuhaken (wie Gerd Held das vorschlägt). Das gilt auch und gerade für das Thema Gewalt. Das eigentliche politische Problem des Verhältnisses von Politik, gesellschaftlichen Bewegungen und Gewalt wurde bisher kaum thematisiert. Dabei ging und geht es damals wie heute nicht um eine abstrakte Debatte um Gewalt "an sich", sondern um ihre Legitimität und Tauglichkeit in der politischen und sozialen Auseinandersetzung, bei der Erreichung politischer Ziele. Zum Erbe der westdeutschen Linken gehört hier die unvermittelte Übertragung geschichtsphilosophischer Betrachtungen auf das politische Handeln. Eine schnelle und oberflächliche Engels-Lektüre über die Rolle der Gewalt in der Geschichte mündete direkt in politische Handlungsanweisungen, ja -maximen. Für die theoretischen Köpfe der Roten Armee Fraktion wurde sie gar zur Legitimation für individuelle Morde. Hier besteht der unleugbare politische – nicht praktische – Zusammenhang zum Terrorismus jener Jahre, auch wenn wir dessen extreme Konsequenzen schon damals offen kritisierten und ablehnten.

Eng damit verbunden war der Eiertanz, den wir unternahmen, um diese Gewalt gegenüber einem Staat politisch zu legitimieren, dessen demokratische Institutionen zwar immer noch viele Defizite aufwiesen, der aber eindeutig auf allgemeinen, freien und geheimen Wahlen basierte. Diese Legitimierung war nur möglich durch die Denunzierung der Bundesrepublik als nicht-demokratischem, autoritärem Staat in der Tradition des Nazi-Regimes (Joschka Fischer spricht hier richtig aber eher zurückhaltend vom "Kontinuitätsverdacht", denn dass die Bundesrepublik ein Nachfolgestaat des NS-Staats war, galt für uns als ausgemacht). Auch hier zog die RAF die extremsten Konsequenzen, indem sie die Bundesrepublik nicht nur als faschistischen Staat, sondern auch als faschistisch formierte Gesellschaft denunzierte, wobei in Anknüpfung an die dunkelsten Traditionen des deutschen Stalinismus alle, die nicht von ihrer "reinen Lehre" überzeugt waren, zu den Faschisten gerechnet wurden, insbesondere natürlich diejenigen, die der RAF eigentlich politisch am nächsten standen und sich oft für die Freilassung der gefangenen Terroristen einsetzten. Es hilft wenig, einer politischen Gruppierung angehört zu haben, die diesen Unsinn schon damals öffentlich kritisierte und auch theoretisch zu widerlegen suchte, wurde diese Kritik doch nicht bis zu ihren letzten Konsequenzen gedacht. Denn er basierte auf der völligen Unterschätzung der formalen Demokratie und einer Gleichsetzung von kapitalistischer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und autoritärem politischem Regime ("Kapitalismus führt zum Faschismus, Kapitalismus muss weg" war nicht von ungefähr eine der beliebtesten Parolen auf den damaligen Demonstrationen).

Zweifellos waren das zwei der (vielleicht historisch erklärbaren, dennoch politisch nicht zu rechtfertigenden) größten Irrtümer der westdeutschen Linken. Wie wahrscheinlich viele andere meiner Generation habe ich diese erst in einem langwierigen Erfahrungsprozess überwunden: Wichtige Stationen auf diesem Weg waren Spanien vor und nach Francos Tod, Portugal nach dem Sturz der Diktatur, die polnische Gewerkschafts- und Volksbewegung, der Sturz der Diktatur in Nicaragua und die Degeneration der Guerilla an der Macht. Aber auch die direkte Erfahrung mit der DDR, interessanterweise nicht der Kontakt zu Bürgerrechtlern, sondern mit einem mittelmäßigen Vertreter des Staates, der den jungen Wehrpflichtigen bei Verwandtenbesuchen in Leipzig erfolglos für Informationsdienste (natürlich gegen finanzielle Hilfen beim beabsichtigten Studium) anwerben wollte. Man musste als Westdeutscher ja kein IM werden, wenn man das nicht wollte (die anders lautende Heuchelei vieler westdeutscher Linker heute ist auch hier kaum zu ertragen).

Dieser Abschnitt der jüngsten Geschichte ist bisher in der Diskussion nicht ins Blickfeld gerückt. Dabei waren es gerade die Ereignisse in Polen, die zu einem point of no return für die westdeutsche Linke (und nicht nur diese) wurden. Die Bedeutung des August 1980 in Gdánsk für unsere eigene Entwicklung, die nur mit der des Pariser Mai 1968 verglichen werden kann, ist bisher kaum thematisiert worden. Das mag daran liegen, dass es aufgrund unterschwellig immer noch existierender Ressentiments nach wie vor kaum als "chic" gilt, einen direkten Einfluss unseres östlichen Nachbarn auf unsere eigenen Geschicke zuzugestehen, was in Bezug auf den westlichen inzwischen zum guten Ton gehört. Sicher hat es auch damit zu tun, dass (von wenigen Ausnahmen abgesehen) weder Sozialdemokraten noch Spontis damals die epochale Bedeutung der Umwälzungen in Ost- und Mitteleuropa und der dortigen Bewegungen für die Veränderung des Status quo in Europa (und darüber hinaus) begriffen. Es waren gerade (ehemalige) Angehörige von K-Gruppen, die sich am ehesten sensibel dafür zeigten (oft zusammen mit Menschen und Gruppierungen aus dem katholischen Spektrum). Da ist es kaum verwunderlich, dass beim jetzigen Medienspektakel von interessierten Kreisen gerade diese Jahre ausgeblendet werden und zum Beispiel ein Joscha Schmierer plötzlich direkt und bruchlos von KBW-Empfängen für kambodschanische Massenmörder ins Auswärtige Amt einzieht (wie in Jochen Staadts Artikel "Nicht unter 200 Anschlägen pro Minute" in der FAZ, 31.1.01). Auch und gerade hier besteht ein ziemlicher Bedarf an "Selbstaufklärung", sollte das Feld nicht denen überlassen bleiben, die 1968 ein für alle Mal entsorgen wollen.

Es geht also heute nicht darum, im Brustton moralischer Rechtschaffenheit die Gewalt als solche abzulehnen und im Nachhinein all jenen die politische Legitimation abzusprechen, die dieses Spiel nicht mitmachen, sondern die Lehren aus dieser konkreten Geschichte zu ziehen und ein politisches, nicht religiöses Verhältnis zur Gewalt zu gewinnen, jenseits aller Rabulistik von Gewalt gegen Sachen und Personen, Verteidigung und Angriff, "rechter" und "linker", gerechter und ungerechter Gewalt, die immer in heillosen Widersprüchen endet. Ebenso wenig wie von "ein bisschen schwanger" geredet werden kann (eine in der Linken damals beliebte Redewendung, die als besonders scharfsinnig galt, um eine Position radikal zuzuspitzen), so wenig macht es Sinn, von "ein bisschen Gewalt" zu sprechen. Nein, Gewalt bleibt ultima ratio im Kampf gegen demokratisch nicht legitimierte, diktatorische Regimes, sie ist dafür immer wieder konkret und neu zu begründen und gegen die Ausschöpfung aller anderen Mittel abzuwägen. Hier hat die westdeutsche Linke im Kampf gegen den bundesdeutschen Staat geirrt. Allerdings ist dieser Staat selbst Resultat von Gewalt und Gegengewalt. Wie anders könnte die Bundesrepublik ihre Entstehung erklären und ihre Existenz legitimieren, ist sie doch Kind der gewaltsamen Einmischung von außen, da die inneren Kräfte nicht ausreichten, das Joch der braunen Diktatur abzuschütteln? Und das nicht, weil die im Widerstand stehenden Kräfte aus prinzipiellen Gründen Gewaltanwendung abgelehnt hätten. Ganz im Gegenteil.

 

COPYRIGHT:

Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.

Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)

Ausgabe März 2001 (19. Jg., Heft 3/2001)