Michael Blum
68 in 2001: Debatten um die "Putzgruppen"-Vergangenheit des Vizekanzlers, die Aufrüstung und Verflachung des politischen Feuilletons zum Selbstvergewisserungsinstrument, die Auflösung des Links-Rechts-Schemas bei den medialen Flaggschiffen und die Revitalisierung der Springer-"Kampfpresse" bis hin zur Aufgabe jedweder politischer Differenzierungs- und Reflexionsfähigkeit auch bei manchen "68ern" (die etwa in die Entgleisung mündet, die Auseinandersetzung um die Rolle Fischers als "Machtputsch" zu bezeichnen) die Republik diskutiert in Sachen Deutungshoheit mit bekannter Überhitzung und Oberflächlichkeit alte Erregungszustände. Merkwürdig defensiv geht die Linke aus dem "Roten Jahrzehnt" 1967-1977 (Gerd Koenen, Kommune 2/01), mit "ihrer" Kulturrevolte um. Dies ist umso erstaunlicher, als Gerd Koenen rund 150000 Personen zu den Linksradikalen des "Roten Jahrzehnts" zählt.
Die etwa auf dem Vietnam-Kongress 1968 mitschwingende Perspektive der Weltrevolution liefert ein erstes Indiz für die Tiefengründe des derzeit breiten Diskurses, der aber elementare Kernfragen ausblendet: Die Notwendigkeit zum Systemwandel und der Kampf gegen ein politisches Herrschaftssys-tem wurden seinerzeit erklärt mit der Berufung auf höheres Recht. Die Geschlossenheit in der Perspektive (Marxismus/Leninismus) und die Entschlossenheit (Revolution) verdeutlichen, dass der Anspruch auf eine Umwälzung der politischen Herrschaftsverhältnisse einhergeht mit einem teilungsunwilligen Machtanspruch und damit mit einem Totalitarismus.
Unverdächtig ist zunächst der Brockhaus (hier die Ausgabe von 1982): "Totalitarismus das Prinzip jener polit. Herrschaft, die einen uneingeschränkten Verfügungsanspruch über die von ihr Beherrschten stellt. Im Unterschied zur autoritären Herrschaft dehnt die totalitäre Herrschaft ihren Verfügungsanspruch über die öffentlich-gesellschaftl. Sphäre hinaus auf den Bereich des Persönlichen, d. h. v. a. auf Selbstverständnis und Gewissen des einzelnen aus. Ziel totalitärer Herrschaft ist es, ein umfassendes neues Wertesystem durchzusetzen und in ihrem Machtbereich einen neuen Menschen zu schaffen. Als sekundäre Merkmale des T. ergeben sich dabei u. a. poli. Diktatur, geistige Manipulation der Bevölkerung, Terror gegen einzelne und Gruppen, die sich nicht fügen oder als potentielle Gegner gelten, und Politisierung der Privatsphäre."
Es geht hier nicht um die Kennzeichnung des "Roten Jahrzehnts" als Versuch der Errichtung eines totalitären Herrschaftssystems gleichwohl muss aber auch die Frage gestellt werden, auf welches Sys-tem politischer Macht die Programmlagen der "Avantgarde" jener Zeit denn abzielten.
Der im Brockhaus erwähnte Autoritarismus als Regierungsform verkörpert den Obrigkeitsstaat, der sich in Deutschland bis 1918 und nach 1945 fand, also auch "68", der Totalitarismus hingegen den Nationalsozialismus mit seiner Barbarei (Holocaust) und den Stalinismus (Archipel Gulag). Lange bevor Globalisierungsgegner in Nizza und Davos mobil machten, hat Herbert Marcuse die kapitalistische Gesellschaft mit ihren ökonomischen Zwängen in die Nähe des Totalitarismus gerückt. Und in Zeiten des Kalten Krieges hat sich die herrschende politische Klasse in den USA mit ihrem McCarthyismus durchaus der Mittel totalitärer Herrschaft bedient.
Der Totalitarismus hat, wie Wolfgang Kraushaar schreibt, zwei Bedeutungen: einerseits herrschafts-theoretischer Terminus, andererseits politischer Kampf- und Gegenbegriff. Gerade Linken gilt er wegen der Verwischung der jeweiligen Singularität als Instrument, die Nazi-Verbrechen zu relativieren. In Hochzeiten des Kalten Krieges und des "Roten Jahrzehnts" hier zu Lande bezeichnete etwa Franz Neumann (1977) den Totalitarismus als "wissenschaftlich unhaltbare Theorie", die unter Ausblendung ökonomischer und gesellschaftlicher Aspekte Faschismus und Kommunismus (Stalinismus) gleichsetze. Diese Frontlinie wurde auch bei der Diskussion um das Schwarzbuch Kommunimus gute 20 Jahre später kaum aufgebrochen fast so, als hätte es Hannah Arendt und ihre Forschungen nie gegeben. Und das hat es ja auch für viele Linke nicht war sie und ihre Totalitarismus-theorie doch vielen suspekt.
Die Falle, in die die Linke damit insgesamt gegangen ist, wird bei den defensiven Diskursmustern um das "Rote Jahrzehnt" deutlich. Hohe Zeit, sich mit dem Totalitarismus offensiv auseinander zu setzen. Durchaus umstrittene, gleichwohl hilfreiche "Denkanstöße für eine antitotalitäre Linke" liefert Wolfgang Kraushaar mit seinem neuen Buch (Linke Geisterfahrer, Verlag Neue Kritik). Das Eis, auf dem man sich bewegt ist gleichwohl sehr dünn: nach 1989 und dem Rechtsradikalismus/-extremismus in Europa sowie der Zunahme des Nationalismus weltweit. Wir eröffnen mit einem Beitrag von Daniel Cohn-Bendit und einem Diktaturvergleich von Armin Pfahl-Traughber den Diskurs.
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Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.
Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)
Ausgabe März 2001 (19. Jg., Heft 3/2001)