Ernesto Francos Fünf Knöpfe aus Seide lesen sich wie eine als Roman getarnte Programmschrift gegen den Fortschritt. Sie findet in einem geläuterten Technikfan ihr Sprachrohr. Gio Magnasco ist halbseitig gelähmt und nicht mal in der Lage zu tun, was er Tag für Tag versucht: aus dem Fenster zu springen. Der Infarkt packte ihn, als er am Ende einer fantasmagorischen Messe der europäischen Eisenhändler auf der äthiopischen Hochebene erkennen musste, dass die Eingeborenen all die nützlichen Dinge, die er zu bieten hat, anders nutzen als gedacht. Die Messe ist in einem Wolkenbruch untergegangen. Gio Magnasco unternimmt einen Rundgang durch die Überreste. "Hinter einem unförmigen Holzstapel ... hört er ein Kreischen und Gelächter. Er schaut nach und findet einen Mann und eine Frau. Splitterfasernackt. Sie bewegt sich rittlings auf seinem aufgerichteten Glied, das als einziger Körperteil aus dem Schlamm ragt. Ihr üppiger Busen wippt im Takt mit den zwei kleinen Yale-Schlössern, die an ihren Ohrläppchen baumeln. Sie verbiegt sich in einer Art Turnübung auf seinen Schenkeln. Dann bemerkt sie Gio Magnasco und lächelt ihm zu."
Eben das war zu viel für ihn. Jetzt würde der halbseitig Gelähmte seinen Kollegen gerne sagen, "daß wir diejenigen sind, die um Tausende von Jahren zurück sind. Die Wilden, wie sie sie nach wie vor bezeichneten, hatten sich genau so mit unseren Sachen verhalten, wie sich auch Neugierige oder Archäologen in einigen hundert Jahren damit verhalten werden: Sie behandelten sie wie Schmucksachen oder Fundstücke, die man für Reisende und Schulkinder in Museen ausstellt."
Der Luxusliner, bei dessen Bau Gio Magnascos Erfindungsgabe sich zum ersten Mal zeigte und die Fertigstellung beschleunigte, geht schließlich unter - wahrscheinlich weil beim zweiten Bauabschnitt eine rationellere Verschraubung angewandt wurde als beim ersten. Der Fortschritt hat wie den genialen Erfinder selbst auch das Schiff aus dem Gleichgewicht gebracht. Solch schlichte Lehren werden in der erzählten Zeit zwischen 1865 und 1925 "romanhaft" verrätselt. Das muss man sich nicht antun.
Andrea Camilleri fährt nicht auf diesem Dampfer. In Jagdsaison liefert er einmal mehr eine Lokalsatire von universellem Reiz. Das Buch kommt nicht ganz an Die sizilianische Oper heran, ist aber zwischen Büroalltag und Sizilienurlaub umwerfend genug. Bei Wagenbach, Piper und Heyne sind neuerdings mit jeweils mehreren Büchern die unterschiedlichen Wege zu verzeichnet, die Camilleri schon eingeschlagen hat. Um Mord- und Totschlag geht es immer, aber die literarischen Aufklärungsweisen wechseln. Andrea Camilleri spricht die Intelligenz des Publikums an, statt sie wie Ernesto Franco zu strapazieren. Gelegentlich verhilft Camilleri zu neuem Verständnis dessen, was mit Biowein auch gemeint sein könnte. Der Marchese fragt Trisìna, die seine Geliebte wird, was machst du denn da: "Ich pisse, Exzellenz. Alle machen das so, wenn sie den Wein treten. Es heißt, er wird dadurch besser.." Was sonst noch alles im Kelterbottich passiert, erinnert eher an Ernesto Francos abessinische Ausschweifungen als an die norditalienische Prüderie seines Helden. Die Jagdsaison dient der späten Verwirklichung einer großen Liebe, für die es einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen gilt, so unter anderen auch jenen Marchese.
Lorenza Mazzettis Roman Der Himmel fällt ist im Original bereits 1961 erschienen, aber erst jetzt übersetzt worden. Die Autorin hat ihre ganze Anstrengung darauf verwandt, die Erinnerung der Erwachsenen und das Wissen um den Ausgang der traumatischen Ereignisse am Ende des Faschismus und der deutschen Besatzung von der Beobachtung des kleinen Mädchens fern zu halten, mit dessen Augen, Gedanken und Gefühlen geschildert wird, wie es zu diesen Ereignissen kommt und wie sie die Erzählerin treffen. Das Wissen um das spätere Geschehen soll nicht abfärben auf die Sichtweise des Kindes, das dieses Wissen nicht hatte. In einer Nachbemerkung zu der italienischen Neuausgabe von 1993 schreibt die Autorin: "Ich widme dieses Buch meinem Onkel Robert Einstein, einem Cousin Albert Einsteins, meiner Tante Nina Mazzetti Einstein, meinen Cousinen Annamaria (Cicci) und Luce Einstein. Sie alle ruhen auf dem Friedhof von Badiuzza, oberhalb von Florenz zwischen San Donato in Collina und Rignano sull´Arno. Auf ihrem Grab steht ,von den Deutschen niedergemetzelt am 3. August 1944´. Meine Schwester und ich wohnten in der Villa, seit wir klein waren (unsere Mutter war gestorben), und wurden von der SS verschont, weil wir nicht Einstein hießen, sondern Mazzetti."
Das Grauen deutet Lorenza Mazzetti zunächst nur indirekt an. Das Kind wächst katholisch auf und muss sich mit der Frage herumschlagen, ob der jüdische Onkel über das Fegefeuer in den Himmel kommen kann oder ob er grundsätzlich zur Hölle verdammt ist. Und wen soll das Kind mehr lieben, den Duce oder den Onkel? Keine einfache Frage. Auf ihrem Rückzug machen sich die deutschen Truppen auf dem Gut und in der Villa breit, aber das wirkt zunächst nur ein bisschen lästig. Der Offizier spielt mit dem Onkel Schach. Der Pfarrer, der doch die Kinder um die Seele ihres Onkels fürchten ließ, rät dem Onkel vergeblich zur Flucht. Die Front rückt immer näher. "Der Kanonendonner war inzwischen ein so vertrautes Geräusch, dass nicht einmal mehr die Vögel erschraken und wegflogen." Dann ist der Kanonendonner ganz nah "und die letzten Lastwagen der Soldaten verlassen die Villa unter den Schüssen der feindlichen Artillerie." Bevor jedoch die alliierten Truppen einrücken, wütet die SS auf dem Gut. Die Bauern und der Pfarrer beerdigen den Onkel, seine Frau und ihre Töchter. "Der Pfarrer betete. Baby ging zu ihm: ,Kommt der Onkel jetzt in die Hölle?´ ,Die Hölle ist nur für die Bösen´, sagte der Pfarrer." Die theologischen Spitzfindigkeiten sind angesichts des Grauens und der Verbrechen einer elementaren Moral gewichen.
Kindheits- und Jugenderinnerungen bearbeiten auch Julijana Matanovi´cs als Roman zusammengestellte Erzählungen Warum ich euch belogen habe. Sie sind 1997 im kroatischen Original erschienen und hangeln sich an Gegenständen und Stichworten entlang. Schuhe zum Beispiel sind Gegenstände, an denen Erinnerungen der Erzählerin hängen. Ihre Wohnung ist ein ganzes Schuhmuseum, Name ist ein Stichwort – um ihn muss ein bürokratischer Kleinkrieg geführt werden -, Lesehaus ein anderes. "An den Wochenenden nehme ich regelmäßig alle Schuhe heraus und versuche sie besser zu ordnen." Wegen Schuhen kann man lügen lernen: "Eines Tages beschloss ich Ljilja Schuhe zu schenken. Sie waren grün und neu, mit einem roten Rand um den Knöchel, aber sie standen mir nicht, da sie meine Waden noch dicker machten. Der Tante log ich vor, ich hätte sie im Umkleideraum des Turnsaals vergessen." Das bringt eine Tracht Prügel ein. Es ist für Kinder schwer, Wunsch, Traum und Wirklichkeit auseinander zu halten. Der Gegensatz von Wahrheit und Lüge wird dem selten gerecht.
1995 schenkt die Nichte der Tante zum einundsiebzigsten Geburtstag ein Buch, dessen Titel der Name einer Straße von Vukovar ist, der Stadt, in der die Tante "ihre schönsten Jahre verbracht hatte und in die sie bis ´91 noch ernsthaft zurückkehren wollte". Danach war die Rückkehr ausgeschlossen, weil es die Stadt der Tante nicht mehr gab. Der Tante ist bewusst, "daß mein Verständnis das Resultat des gedruckten Textes und nicht ihrer vieljährigen Gedächtnisübungen ist". Lesehaus hieß das Wirtshaus in dem Dorf, wo die Großmutter lebte. Für ein Mädchen, das von sich hören muss, "daß ich nur verstand, was in Büchern beschrieben wurde", verbarg sich darin ein Versprechen. Und eine Verpflichtung zur Nüchternheit: "Im Unterschied zu meinem Vater, der das Lesen veredelt hat, trinke ich immer noch kein Bier und werde sicher auch keinen Branntwein probieren." Vorsicht! Kein Wunder, der Kerl trank nichts als Milch, schrieb Baudelaire über einen notorischen Langweiler.
Ernesto Franco, Fünf Knöpfe
aus Seide. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Krieger, Stuttgart (DVA)
2001 (143 S., 32,00 DM) Andrea Camilleri, Jagdsaison, Roman. Aus dem Italienischen
von Monika Lustig, München (Piper Verlag) 2001 (154 S., 32,00 DM)Lorenza
Mazzetti, Der Himmel fällt, Roman. Aus dem Italienischen von Victoria
von Schirach, München (btb) 2001 (190 S., 24,00 DM) Julijana Matanovic,
Warum ich euch belogen habe. Roman. Aus dem Kroatischen von Barbara Antkowiak,
Frankfurt am Main (Frankfurter Verlagsanstalt) 2000 (186 S., 34,00 DM)
In Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ließ er tschechoslowakische Emigrantinnen und Emigranten mit westlichen Linken zusammentreffen. Aufeinandertreffen und Sich-verfehlen ist eines der großen Themen von Kundera. In Die Unwissenhei, seinem neuen Roman, kehren eine Emigrantin aus Paris nach Prag und ein Emigrant aus Dänemark in die böhmische Provinzstadt, aus der er ursprünglich kam, zurück. In der Abflughalle haben sie sich getroffen. Für Irena war Josef unvergesslich geblieben. Es waren für sie nur äußere Umstände, die dazu führten, dass sie und er sich nach dem ersten Zusammentreffen vor zwanzig Jahren verloren. Josef erinnert sich gar nicht an Irena, versäumt aber die Gelegenheit, bei der er das noch zwanglos hätte zu erkennen geben können. Nach dem Sturz des Regimes kehren beide jetzt zum ersten Mal in ihre Heimat zurück. Sie haben sich Zeit gelassen. Nun wissen sie nicht, was sie dort erwartet. Josef gibt Irena die Telefonnummer seines Hotels in der Provinzstadt, damit sie sich verabreden können: Eine kleine Versicherung gegen die Enttäuschungen mit den Daheimgebliebenen.
Die Odysse bildet den mythischen Hohlspiegel, in dem Kundera das Emigrationsthema reflektiert. Das Exil schafft über die Differenzen hinaus, die hinter der Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben, stehen mögen, eine unüberwindbare Kluft. Der Erzähler denkt mit: "Während Odysseus´ zwanzigjähriger Abwesenheit bewahrten die Ithaker viele Erinnerungen an ihn, empfanden aber keine Nostalgie nach ihm. Odysseus hingegen litt an Nostalgie und erinnerte sich fast an nichts. Man versteht diesen kuriosen Widerspruch, wenn man sich klarmacht, dass das Gedächtnis, um gut zu funktionieren, ständiges Training braucht: wenn Erinnerungen nicht wieder und wieder in Gesprächen mit Freunden wachgerufen werden, verschwinden sie ... jene, die nicht mit ihren Landsleuten verkehren, wie Irena und Odysseus, werden unweigerlich von Amnesie befallen. Je stärker ihre Nostalgie ist, desto mehr entleert sie sich von Erinnerungen. Je stärker Odysseus sich sehnte, desto mehr vergaß er. Die Nostalgie verstärkt die Gedächtnisleistung nämlich nicht, sie ruft keine Erinnerungen wach, sie genügt sich selbst, ihrem eigenen Gefühl, so verzehrt wie sie von ihrem bloßen Leiden ist."
Der Heimkehrer ist also schlecht gerüstet. Nach der Rückkehr beherrschen die Daheimgebliebenen schon allein durch ihre immense Überzahl die Situation. "Zwanzig Jahre hatte er nur an seine Rückkehr gedacht. Doch als er dann zurückgekehrt war, ging ihm verwundert auf, dass sein Leben, die eigentliche Essenz seines Lebens, dessen Mittelpunkt, dessen Schatz sich außerhalb von Ithaka befand, in den zwanzig Jahren seiner Irrfahrt. Und diesen Schatz hatte er verloren und hätte ihn nur wiederfinden können, indem er erzählte." Aber um ihm zuhören zu können, sind die Daheimgebliebenen zu voll gestopft mit ihren Geschichten, mit denen sie die Heimkehrer überschütten. Odysseus "wartete nur auf eines: dass sie endlich zu ihm sagten: Erzähle! Und das war das einzige Wort, das sie nie sagten." Sich verfehlen beim Wiedersehen, das erfahren sowohl Josef bei Bruder und Schwägerin, als auch Irena bei ihren Freundinnen und Bekannten.
Damit ist eine starke Begründung gefunden für die Notwendigkeit eines ausgleichenden, weil allwissenden Erzählers, dessen Rolle freilich nicht naiv ausgefüllt werden kann. Es braucht einen Kundera. Der hält die Fäden in der Hand, die bis zum Schluss hinter dem Rücken der agierenden Personen gezogen sind. Irena hat keine Ahnung was ihre Mutter und ihr bisheriger Lebensgefährte treiben. Sie merkt, dass Josef jede Erinnerung an die längst vergangene Situation fehlt, die ihr Vertrauen zu ihm weckt. Sie weiß aber nicht, was Joseph von ihr wegholt und an Dänemark bindet. Und weder Josef noch Irena wissen, welche Wirkung Josefs jugendliche Rotzbubenhaftigkeit, an die er bei der Rückkehr in sein Elternhaus erinnert wird, auf jene Frau hatte, die als einzige ein Gespür für die Einsamkeit Irenas unter den Daheimgebliebenen zeigt.
Kundera knüpft, indem er erzählt, verschiedene Lebensstränge zu einem nur von oben in seinen Verknüpfungen übersehbaren Knoten. Dann zieht er an den Enden dieser Stränge. Der Knoten löst sich. Und ab dato haben die Leserinnen und Leser die Freiheit, den Knoten in seiner Entstehung noch einmal rückwärts zu überdenken und sich zu überlegen, wo die losen Enden des Romans hinführen könnten. Das Kräftefeld, in dem sich die Erzählung herauskristallisiert hat, wirkt weiter. Kundera als allwissender Erzähler verschafft der Fantasie freien Raum.
Joscha Schmierer
Milan Kundera, Die Unwissenheit, Roman.
Aus dem Französischen von Uli Aumüller, München (Hanser
Verlag) 2001 (180 GEBEN., 35,00 DM)
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Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.
Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)
Ausgabe März 2001 (19. Jg., Heft 3/2001)