Daniel Cohn-Bendit
Die Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus stand und steht bei der deutschen Linken unter Verdacht. Unter dem Verdacht des Antikommunismus, unter dem Verdacht, die Singularität der Verbrechen des Nationalsozialismus solle bestritten werden. Mit der Abwehr eines Vergleiches von Herrschaftsformen verschwindet aber auch die Fähigkeit, die Auseinandersetzung mit den Strukturen revolutionärer Prozesse zu führen. War es nur ein Missgeschick, das Revolutionen entarteten und in die Unfreiheit führten? Unser Autor glaubt, dass man auch vor der Kritik der Theorie nicht Halt machen darf. Ein Desillusionierungsprozess?
Die heftigen Reaktionen auf das Schwarzbuch des Kommunismus (1) haben gezeigt, wie unterschiedlich dieses Thema in Frankreich und Deutschland rezipiert wurde. Im Gegensatz zu den Spekulationen des Verlags Editions Robert Laffont ist das Buch in Frankreich auch von Linken gekauft worden, insbesondere von Kommunisten. Die Erwartung, dass man mit der Untersuchung der kommunistischen Verbrechen in erster Linie die politische Rechte ansprechen würde, war trügerisch. Stattdessen haben sich die französischen Kommunisten endlich der eigenen Vergangenheit gestellt. Die Kommunistische Partei Frankreichs hat ihre jahrzehntelangen Vorbehalte aufgegeben und dieses nicht nur für ihre Geschichte, sondern auch für ihre Glaubwürdigkeit zentrale Thema aufgegriffen. Trotz einiger nur schwer zu übersehender Fehler im Schwarzbuch hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass es sich bei der Studie um eine im Kern zutreffende Analyse verschiedener kommunistischer Regime handelt.
Im Vergleich dazu spielen hierzulande die linken Intellektuellen in der Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus meistens immer noch das alte Spiel, und die Linksliberalen bilden dabei keineswegs eine Ausnahme. Man verhält sich so, als befände man sich immer noch in der Zeit des Kalten Krieges und als hätte das Schwarzbuch im Wesentlichen die Aufgabe, jegliche Alternative zum Kapitalismus zu delegitimieren und von dessen Verbrechen abzulenken. Im Grunde genommen verwechseln sie den Überbringer der Botschaft mit der Botschaft. Diese ideologische Folie existiert in Deutschland immer noch, während sie in Frankreich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nunmehr der Vergangenheit anzugehören scheint. Der Kommunismus mit seinem verheerenden Totalitarismus delegitimiert den Antikapitalismus, und nur wer nachweisen kann, dass er den totalitären Kommunismus überwunden hat, kann, sofern er das für notwendig hält, eine antikapitalistische Position wieder relegitimieren.
Eine besondere Rolle bei der Abwehr des Schwarzbuchs spielt dabei der Verweis auf angebliche Parallelen zwischen Ernst Nolte (2) und François Furet (3). Allein die Tatsache, dass die beiden einen Briefwechsel miteinander geführt haben, stellt für einen erheblichen Teil des aufgeklärten deutschen Publikums bereits eine Provokation dar. (4) Diese Idiosynkrasie lässt sich nicht erklären, ohne auf die Fünfzigerjahre, die Hochzeit des Kalten Krieges, zu rekurrieren. Die bundesdeutsche Linke musste sich gegen die antikommunistische, restaurativ-autoritäre Rhetorik des Adenauer-Regimes behaupten. Und in dieser Zeit der radikalen Konfrontation zwischen Ost und West hat sie eine ihrer größten Niederlagen erlitten. Sie hat sich damals als unfähig erwiesen, die von ihrer Ideologie her antikommunistische und ihrer Praxis nach restaurative Politik der damaligen Bundesregierung anzugreifen und gleichzeitig eine radikale Opposition zum real existierenden Sozialismus, der Sowjetunion, der DDR und den anderen kommunistischen Staaten, zu formulieren. Das war eine der schwersten und folgenreichsten Niederlagen der bundesdeutschen Linken.
Besonders aufschlussreich war in dieser Hinsicht das Gespräch zwischen Adam Michnik und Jürgen Habermas, das 1993 in der Zeit veröffentlicht wurde. (5) Der listige Michnik macht darin Habermas zunächst ein Kompliment, dann aber schiebt er die Frage nach, warum dieser sich nie zum Kommunismus beziehungsweise Stalinismus geäußert habe. Daraufhin erklärt Habermas, er habe nie geglaubt, dass es wichtig gewesen wäre, darüber zu schreiben. In diesem Bekenntnis manifestiert sich die gesamte Schwäche der Linken. Habermas bringt sie unfreiwillig auf exemplarische Weise zum Ausdruck.
Die deutsche Linke hat im Grunde genommen nur eine moralische Position gegen das Böse, und das absolut Böse ist der Faschismus. Ihr Kernbekenntnis ist das Horkheimer-Diktum: "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen." (6) Dem ist die Maxime eines Mannes entgegenzuhalten, der zur Résistance gehörte, die KZ-Haft in Buchenwald überlebt und sich zwei Jahrzehnte später vom Kommunismus abgewandt hat: "Wer vom Stalinismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen." Das Wort stammt von dem Schriftsteller und ehemaligen spanischen Kulturminister Jorge Semprun. (7)
Die ganze Debatte über den konstitutiven Zusammenhang zwischen Marxismus und Stalinismus hat in der deutschen Linken nie wirklich eine Rolle gespielt. Und wenn irgendein Ansatz dahingehend auftauchte, wurde darauf zumeist nur denunziatorisch reagiert. So ist es ganz typisch, dass ein französischer Intellektueller wie Furet, der im Grunde in der Fortsetzung von Hannah Arendt nichts anderes gemacht hat, als die klassische Revolutionstheorie, die in der Französischen Revolution ihren Ursprung hat, in Frage zu stellen, per se als Verräter hingestellt wird. Weil er die Legitimität des revolutionären Ansatzes in Zweifel gezogen und einen Diskurs mit Nolte aufgenommen hat, gilt er weithin als Persona non grata.
Eine entscheidende Weichenstellung hat die öffentliche Debatte 1986 durch den Historikerstreit erhalten, der während der Römerberggespräche in Frankfurt am Main ausgelöst wurde. (8) Habermas hat damals sicher zu Recht die Gefahr gespürt, dass Nolte in seiner historischen Forschung die Totalitarismustheorie funktionalisiert, indem er die Möglichkeit einer historischen Relegitimation des Faschismus schafft und damit den Holocaust zu normalisieren versucht. Zugleich aber hat Habermas in autoritärer Weise einen Deckel über die ausbrechende Kontroverse gestülpt und durch die Reaktivierung moralischer Tabus eine wirkliche Auseinandersetzung verhindert.
Habermas und die deutsche Linke haben in der gesamten Auseinandersetzung um die Nolte-Position ein absolut autoritäres Politikverständnis an den Tag gelegt. Danach gab es nur noch die Frage, ob jemand Feind oder Freund von Nolte oder von Habermas war. Die Öffentlichkeit teilte sich genau entlang der Grenzen, die ihr in den ideologischen Lagerblöcken vorgezeichnet waren. Und damit war eine Klärung der spannenden Frage, wo irrt Nolte, was klagt er zu Recht ein, wo hat Habermas Recht und wo irrt er, von vornherein unmöglich. Die deutsche Linke und die deutsche Rechte leben beide von einer wechselseitigen Verweigerungshaltung, letztlich von der Negativposition: Sie diskutieren nicht miteinander.
Die undogmatische Linke, und das weiß ich nur zu genau aus meiner eigenen Geschichte, hat bekanntlich die antikapitalistische Grundposition eingenommen, für die die Marktwirtschaft an und für sich menschenverachtend ist. Wenn nun eine Debatte über den Totalitarismus einsetzt, die nicht nur den Kommunismus als moderne Diktatur durchleuchtet, sondern auch danach fragt, ob nicht bereits in den Strukturen eines revolutionären Prozesses, in dem eine Klasse über die andere Macht erringt, Fundamente für neue totalitäre Herrschaftsformen gelegt werden, dann wird damit zugleich die Prämisse der eigenen Position, die Kritik am Kapitalismus, in Frage gestellt. Wenn diese Barriere überwunden wird, gerät auf Seiten der Linken auch alles andere ins Rutschen.
Die Grünen stehen in vielerlei Hinsicht im Widerspruch zur traditionellen Theorie der Linken. Das müssen beide Seiten endlich zur Kenntnis nehmen. Die Grünen sind von ihrem theoretischen Anspruch her keine sozialistische Partei. Zweifellos gibt es eine Sehnsucht nach einer radikalen sozialistischen Partei, nach einer antikapitalistischen Partei. Das Problem der Grünen jedoch ist nicht der Antikapitalismus, ihr Problem ist die industrielle Gesellschaft. Die Aufgabe der Grünen ist die Reform der Industriegesellschaft und nicht, ein neues sozialistisches Experiment zu wagen. Diese Sehnsucht wird heute von der PDS ausgebeutet. Die Stärke der PDS in den neuen Bundesländern bedarf jedoch auch einer anderen Erklärung. In großen Bevölkerungskreisen der ehemaligen DDR manifestiert sich die Enttäuschung über eine historische Entwicklung, die nicht hat halten können, was man sich anfänglich von ihr versprochen hatte. Dieser Teil identifiziert sich mit der PDS. Im Westen gibt es hingegen eine weit verbreitete Nostalgie, die Sehnsucht nach einer radikalen antikapitalistischen und sozialistischen Rhetorik.
Solange eine Gesellschaft existiert, in der es möglich ist, dass ein Unternehmen mit seiner Entscheidung, Tausende von Arbeitsplätzen zu vernichten, zugleich die Börsenkurse nach oben jagt, wird es den historisch überholten Antikapitalismus einer traditionellen Linken geben. Die Empörung über diese Ungerechtigkeit ist das Ferment einer antikapitalistischen Emotion; das ist nur zu verständlich. Solange diese antisoziale Unternehmerlogik nicht verschwindet, wird es das traditionelle antikapitalistische Denken geben, ganz einfach deshalb, weil es diese schreienden Ungerechtigkeiten gibt.
Jeglicher Antitotalitarismus, der im Grunde nichts anderes nachweisen will, als dass der eine Totalitarismus schlimmer ist als der andere, macht sich angreifbar. Wenn auf der einen Seite der Antitotalitarismus von links behauptet, im Endeffekt sei der Kapitalismus das Grundübel und deshalb schlimmer noch als der Faschismus, und auf der anderen Seite der Antitotalitarismus von rechts verharmlosend erklärt, der Faschismus sei lediglich eine historische Parenthese zum Kommunismus gewesen, dann haben wir es mit einer Verdoppelung des Ausgangsproblems, dem der antitotalitären Haltung insgesamt zu tun. In gewisser Weise versucht jeder, indem er über die Singularität der Verbrechen des anderen spricht, den Sieg über das absolut Böse für sich zu beanspruchen. Um das zu vermeiden, muss hier, wie Gerd Koenen es in seinem Buch Utopie der Säuberung vorgeschlagen hat, (9) von zwei Singularitäten, zwei verschiedenen einmaligen Formen totalitärer Herrschaft, gesprochen werden.
Damit haben wir zwei theoretische Aufgabenstellungen. Der eine Ansatz fragt danach, was Totalitarismus ist, wie er funktioniert, was er außer Kraft setzt, wie er Demokratie zerstört, die freie Entscheidung der Bürger unterbindet und mit welchen Mitteln er dies durchsetzt. Wir haben in der Geschichte ganz unterschiedliche Formen faschistischer Herrschaft kennen gelernt. So sind etwa der spanische und der italienische Faschismus ohne Antisemitismus ausgekommen. Man kann also keineswegs behaupten, der Faschismus sei, wie im Fall des Nationalsozialismus, mit dem Antisemitismus gleichzusetzen. Das bedeutet, dass unterschiedliche Stufen und Formen des Totalitarismus, auch die totalitäre Dimension in demokratischen Regierungen wie etwa im McCarthyismus in den USA, untersucht werden müssen. In der Theorie des Totalitarismus gilt es genau zu unterscheiden, worin die jeweilige Singularität besteht.
Der andere Ansatz wirft das Problem Deutschland auf. Hier gibt es eine andere Form der Singularität. Die Deutschen sind in der Tat das einzige Volk, das den Faschismus demokratisch ermöglicht hat. Sie haben Hitler und die NSDAP auf parlamentarische Weise an die Macht gebracht. Sie haben die Ausschaltung des Parlaments und die Etablierung einer Einparteienherrschaft akzeptiert, sie waren zum Teil bereits antisemitisch und zum Teil haben sie den Antisemitismus übernommen. Das heißt nichts anderes, als dass die Debatte über die Singularität des Nationalsozialismus bedeutet, dass eine Bevölkerung, in diesem Fall die deutsche, die Verantwortung für ihre Geschichte übernehmen muss.
Eine ähnliche Debatte müssen auch die Franzosen führen über ihre Verantwortung für die Kollaboration, über die nicht zu leugnende Tatsache, dass die französische Polizei Juden ohne deutschen Befehl verhaftet hat. Zum einen hat sich die französische Rechte mit den deutschen Besatzern identifiziert und deren Positionen und Anschauungen übernommen, zum anderen ist aber im affirmativen Verhalten der Bevölkerung auch etwas genuin Französisches zum Ausdruck gekommen. Das Drama der Franzosen besteht darin, zu entdecken, dass es nicht die Wehrmacht war, die ihnen etwas aufoktroyierte, sondern dass sie vieles, was damals geschah, selbst gewollt haben.
Die Deutschen sind verantwortlich für das Schlimmste, was die an Schrecken gewiss nicht arme Weltgeschichte kennt, den Versuch, ganze Völker wie Juden, Roma und Sinti oder verschiedene Minderheiten wie Homosexuelle zu vernichten. Und das hat, so schrecklich das ist, gesellschaftlich funktioniert. Im Zentrum jeglicher Totalitarismustheorie hätte die Frage zu stehen, wie es möglich ist, dass Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit in einer Gesellschaft zum Mehrheitsfaktor werden und mit allen schrecklichen Mechanismen von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung funktionieren kann. Wie in einem Mikrokosmos lässt sich heute in einigen der neuen Bundesländer, in denen man von "national befreiten Zonen" spricht, beobachten, wie Gruppen der neuen Rechten ein minderheitenfeindliches Mehrheitsgefühl artikulieren. Dort hat man im Kleinen eine real funktionierende autoritär-faschistische Volksgemeinschaft vor Augen.
In Russland wiederum bestand das Problem darin zu erklären, wie im Laufe eines revolutionären Prozesses, in dem Armut und soziale Ungleichheit überwunden werden sollten, Kräfte der Befreiung in solche der Unterdrückung umschlagen konnten. Während sich in der Revolution zunächst ein starkes emanzipatives Ethos entfaltete, machten sich in der Gesellschaft innerhalb kürzester Zeit Denunziantentum und Verfolgung breit. Auch dort sind in einem ganz ähnlichen Mechanismus Massenloyalitäten entstanden, Millionen und Abermillionen von Menschen waren am Prozess des Denunzierens beteiligt, haben die Augen verschlossen, die Verfolgung und letzlich die Vernichtung von Parteigenossen und Mitbürgern akzeptiert. Im Falle der Sowjetunion war es kein Volk, das eliminiert werden sollte, sondern hier waren es vor allem die so genannten Kleinbürger, die Kulaken, die Anarchisten oder vermeintliche innerparteiliche Gegner wie Trotzkisten, Bucharinisten und Rätekommunisten. Von dem Moment an, in dem zwischen diesen Fraktionierungen unterschieden wurde, setzten bereits die Funktionsmechanismen im Vorhof der gesellschaftlichen Vernichtung ein. Man musste nur jemanden denunzieren und schon verschwanden die Betreffenden in den Konzentrationslagern.
Der entscheidende Punkt in der selbstkritischen Analyse besteht darin, die Frage aufzuwerfen, wieso Revolutionen nicht funktionieren können. Auch bei unterschiedlichsten Ausgangsbedingungen zeigen die Erfahrungen: Revolutionen sind in aller Regel zwar gut gemeint, wollen notwendige gesellschaftliche Reformprozesse beschleunigen, schlagen aber immer ins Gegenteil dessen um, was sie zu verwirklichen vorgeben. Warum haben sich auch bei uns, die wir als undogmatische Linke doch wirklich eine andere Gesellschaft wollten, so rasch autoritäre und im Kern auch totalitäre Strukturen durchgesetzt? Eine der großen Tragödien von Massenbewegungen besteht darin, dass sie ihre selbst gesteckten emanzipatorischen Ziele gar nicht aufrechterhalten können, weil sich in ihnen auf naturwüchsige Weise Strukturen entwickeln, die im Ansatz undemokratisch sind. Der große Trugschluss liegt darin zu glauben, durch ein legitimes Ziel sei zugleich eine bestimmte Radikalität von Politik gerechtfertigt. Da sich diese Radikalität nur außerhalb von demokratischen Strukturen realisieren lässt, entgleitet einem letztlich jede Kontrolle über das eigene Handeln, insbesondere über die Frage nach der Zulässigkeit gewaltsamer Mittel. Es ist bezeichnend, dass aus einer bestimmten Krisenerfahrung heraus eine zentrale Debatte über die Legitimität von Gewalt und das Gewaltmonopol des Staates resultierte. Damit begann ja innerhalb unserer Bewegung die gesamte Demokratiedebatte. Unseren Verfassungspatriotismus haben wir in gewisser Weise erst in der Auseinandersetzung mit der RAF gefunden. Dort mussten wir Farbe bekennen.
Nach 1990 sind eine Reihe von Arbeiten erschienen wie die von Antonia Grunenberg etwa (10) - in denen sich Linke an einer Entmystifizierung des Antifaschismus abgearbeitet haben. Dieser Ort in der politischen Auseinandersetzung, die Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, ist ja nicht verwaist, sondern nur terminologisch offen geblieben. Seitdem existiert eine gewisse Unsicherheit, welcher Terminus an Stelle des historisch verschlissenen und diskreditierten Begriffs Antifaschismus gebraucht werden sollte.
Der einzige Begriff, der seine Legitimationsfähigkeit unter Beweis stellen kann, ist meines Erachtens der einer demokratischen Solidargesellschaft. Der Begriff Antifaschismus spiegelt dagegen immer noch das Dilemma des Totalitarismus. Das Ziel besteht also nicht darin, einen antifaschistischen Abwehrkampf zu organisieren, sondern für eine demokratische Solidargesellschaft einzutreten, eine Solidargesellschaft, die die Menschen nicht gleichmachen, sondern ihnen die Möglichkeit zu gleichen Entwicklungschancen bieten soll. Der Kampf um eine demokratische Solidargesellschaft, die Unterschiede akzeptiert, ist eine Verpflichtung, nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Die Mystifizierung des Antifaschismus ist dagegen ganz sicher eines der verheerendsten Probleme der linken Geschichte, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich. Es handelt sich um eine echte Beziehungsfalle.
So wurden etwa in Frankreich unmittelbar nach der Befreiung 1944 Frauen, die mit Deutschen ein Verhältnis hatten, kahl geschoren und in der Öffentlichkeit an den Pranger gestellt. Darin kam ganz ohne Zweifel eine faschistoide oder totalitäre Struktur zum Vorschein. Die Kommunisten haben gegen Kriegsende nur sagen müssen, dieser oder jener sei ein Kollaborateur oder ein Hitlero-Trotzkist gewesen. Das reichte völlig aus, um so jemanden zu erschießen.
Die Beziehungsfalle Faschismus/Antifaschismus zeigt auf eine absurde Weise, wie verheerend Ideologien sein können. Die Geschichte der Kommunisten, die im Gefängnis saßen, 1939/40 durch den Hitler-Stalin-Pakt plötzlich zu Bündnispartnern der Nazis gemacht wurden und dies zum Teil auch noch als historische Notwendigkeit akzeptiert haben, diese Geschichte ist für mich eines der größten Dramen dieses Jahrhunderts. Diese Tragik ist immer noch nicht richtig ergründet eine Ausnahme bilden Autoren wie Manès Sperber und einige andere.
Beim Vergleich von Sowjetkommunismus und NS-System verweisen linke Kritiker immer wieder gern auf den Partikularismus im nationalsozialistischen Herrschaftsanpruch und den Universalismus im kommunistischen Anspruch, der durch die Diktatur des Proletariats angestrebten klassenlosen Gesellschaft. Diese Unterscheidung ist zwar zutreffend, jedoch werden daraus meistens verkehrte Schlussfolgerungen gezogen.
Der Faschismus ist partikular auf die Vernichtung von Minderheiten und die Herrschaft einer Rasse ausgerichtet. Das ist schlimm, aber evident. Dass jedoch ein universalistischer Ansatz genauso verbrecherisch sein kann wie der faschistische, das ist im Grunde noch viel schlimmer. Die verheerendste Folge besteht darin, dass damit den Menschen letztlich der Glaube an den Menschen geraubt wird. Ihre Grundlagen für eine Vertrauensbasis werden zerstört. Wenn sich ein Faschist wie ein Faschist verhält, sagt man, klar, das ist ein Faschist; man erwartet nichts anderes. Wenn jedoch ein Kommunist, ein Mensch, der eine bessere, eine gerechte Gesellschaft will, sich wie ein Faschist verhält, dann zweifelt man an den Menschen überhaupt. Und in diesem Sinne ist das, was unter kommunistischen Vorzeichen geschehen ist, noch schlimmer und hat zu noch fataleren Folgen geführt.
Die Kritik am weitgehend untergegangenen kommunistischen System ist eine Sache, die am Marxismus zumeist eine völlig andere. Für Hannah Arendt war die Frage nach den totalitären Wurzeln im Marxismus der Titel eines Forschungsprojekts, das aus finanziellen Gründen nicht realisiert werden konnte. Für die meisten deutschen Linksintellektuellen bleibt die Herrschaftskritik am Marxismus weitgehend tabu. Man stellt eine überaus künstliche und deshalb anfechtbare Trennung zwischen dem Marxismus als Theorie sowie dem Kommunismus als Idee auf der einen und dem kommunistischen Totalitarismus und der in seinem Namen begangenen Verbrechen auf der anderen Seite her.
Es gibt eine lange Tradition in Deutschland, die Theoretiker von dem freizusprechen, was sie schreiben. Das gilt für Jünger, das gilt für Heidegger, und das gilt auch für Marx. Mit anderen Worten, das Problem existiert für die Linke ebenso wie für die Rechte. Die Behauptung, dass Marx im Kern auch für eine autoritäre, totalitäre Ideologie mitverantwortlich ist, bedeutet natürlich nicht zugleich, dass alles, was Marx gesagt hat, falsch ist. Das Gleiche gilt allerdings auch für Heidegger als ideologischem Stützpfeiler des Nationalsozialismus. Damit muss nicht zugleich auch seine Technologiekritik absurd sein.
Die auch in den Debatten von Linksliberalen immer wieder auftauchende Position, dass die marxsche Kritik am Kapitalismus dennoch gestimmt habe, ist falsch. Die zentrale Aussage, mit der Marx die Notwendigkeit der Revolution postuliert hat, ist doch, dass der Kapitalismus durch seine Organisationsform die Entfaltung der Produktivkräfte behindere und dies zum tendenziellen Fall der Profitrate, zu ökonomischen Krisen und zur Verelendung der Gesellschaft führe. Das ist jedoch nicht der Fall. Im Kapitalismus gibt es zwar Armut und Ungerechtigkeit, aber es gibt auch einen schier unermesslichen Reichtum. Man kann dem Kapitalismus alles vorwerfen, aber dass er die Produktivkräfte nicht entwickle, stimmt einfach nicht. Wenn Marx sagt, dass die Industrialisierung die Umwelt zerstöre, verwechselt er die ökologische Kritik mit der an der Entwicklung der Produktivkräfte. Und das war für Marx schließlich die einzige Legitimation für eine Revolution: Man muss die Revolution machen, damit eine andere Herrschaftsform die Gesellschaft in den Segen der industriellen Produktion bringt, um dieses Potenzial auszuschöpfen, anstatt es in Kolonialismus und Krieg umschlagen und sich als Destruktionskraft entfalten zu lassen. In dieser Mission haben Marxisten der ganzen Welt ihre historische Pflicht gesehen, sie waren mit ihren revolutionären Ideen angetreten, um den Menschen zu helfen. Und in dem Moment, in dem sich die Kritik am Kapitalismus als unwahr herausstellt, bricht der Marxismus als Revolutionsideologie in sich zusammen. Der Marxismus als Gesellschaftskritik hat unzweifelhaft seine Meriten, nicht aber als Revolutionstheorie; in dieser Hinsicht ist er im Kern gescheitert. Das Fatale am Marxismus war und ist jedoch, dass er mit seiner Revolutionstheorie, das heißt, mit dem Postulat, er formuliere mit der historischen Notwendigkeit der Revolution zugleich eine wissenschaftliche Erkenntnis, die ideologische Basis für eine Parteidiktatur geschaffen hat. Der Glaube, er sei Agent einer historischen Notwendigkeit, die die Massen nur noch nicht verstehen könnten, stellt den totalitären Kern in der marxistischen Revolutionstheorie dar. Gut gemeint, aber mit verheerenden historischen Folgen.
Hannah Arendt, die von vielen meiner Freunde lange Zeit als Rechte apostrophiert worden ist, hat einmal, Faulkner zitierend, gesagt: "Das Vergangene ist niemals tot, es ist nicht einmal vergangen." (11) Und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Welt, in der wir leben, in jedem Augenblick auch die Welt der Vergangenheit ist. Sie besteht aus den Zeugnissen und Überresten dessen, was Menschen im Guten wie im Schlechten getan haben. Ihre Fakten sind immer das, was geworden ist. Mit anderen Worten, es ist wahrhaftig so, dass uns die Vergangenheit heimsucht. Es ist die Funktion der Vergangenheit, uns Lebende nicht loszulassen, die wir in der Welt, so wie sie wirklich ist, leben wollen, das heißt, in einer Welt, die zu dem, was sie ist, geworden ist. Weil dem so ist, kann die Auseinandersetzung mit den Totalitarismen unterschiedlichster Couleur nicht einfach eine Frage akademischer Geschichtsaufarbeitung bleiben. Nur wer sich des fatalen Erbes zweier totalitärer Regime gewiss ist, wird eine Chance haben, die demokratischen Herausforderungen der näheren Zukunft zu bestehen.
Bei diesem Beitrag handelt es
sich um einen Vorabdruck der Einleitung zu dem Band:
Wolfgang Kraushaar, Linke Geisterfahrer. Denkanstöße für
eine antiautoritäre Linke
Eine Sammlung von Aufsätzen des Autors aus den letzten
zwanzig Jahren, die allesamt um die Linke und ihr Verhältnis zum
Kommunismus und zur Totalitarismustheorie handeln. Hier einige
Titel der Beiträge: "Sich aufs Eis wagen. Plädoyer für
eine Reaktualisierung der Totalitarismustheorie" (1992),
"Zivilisationsbruch Auschwitz. Singularität versus
Universalität" (1995), "Die auf dem linken Auge blinde
Linke. Antifaschismus und Totalitarismus" (1994).
Der Band erscheint in diesen Tagen im Verlag Neue Kritik,
Frankfurt/M. (284 S., 36,00 DM). Wir bedanken uns für die
Abdruckgenehmigung.
Anmerkungen:
1 Stéphane Courtois/Nicolas Werth/Jean-Louis Panné/Andrzej Paczkowski/Karel Bartosek/Jean-Louis Margolin, Le livre noir du communisme. Crimes, terreur, répression, Paris 1997. Dt. Ausgabe: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München/Zürich 1999.
2 Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus, Frankfurt/M., West-Berlin 1987.
3 François Furet, Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München/Zürich 1996.
4 François Furet/Ernst Nolte, "Feindliche Nähe". Kommunismus und Faschismus im 20. Jahrhundert. Ein Briefwechsel, München 1998.
5 Die Zeit Nr. 53/1993.
6 Max Horkheimer, "Die Juden und Europa", in: ders., Gesammelte Schriften Bd. 4: Schriften 1939-1941, hg. von Alfred Schmidt, Frankfurt am Main 1988, S. 308f.
7 Jorge Semprun,"Stalinismus und Faschismus", in: Hilmar Hoffmann (Hg.), Gegen den Versuch, Vergangenheit zu verbiegen. Eine Diskussion um politische Kultur in der Bundesrepublik aus Anlass der Frankfurter Römerberggespräche 1986, Frankfurt/M. 1987, S. 49.
8 Hilmar Hoffmann (Hg.), a. a. O.
9 Gerd Koenen, Utopie der Säuberung, Berlin 1998, S. 271 ff.
10 Antonia Grunenberg, Antifaschismus ein deutscher Mythos, Reinbek 1993.
11 Hannah Arendt, "200 Jahre Amerikanische Revolution", in: dies., Zur Zeit. Politische Essays, hg. von Marie Luise Knott, Hamburg 1999, S. 173.
COPYRIGHT:
Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.
Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)
Ausgabe März 2001 (19. Jg., Heft 3/2001)