John Lloyd
Die Linke ist immer bereit, die Notwendigkeit des Krieges in Frage zu stellen. Aber ein blinder Anti-Amerikanismus läuft Gefahr, das antifaschistische Erbe der Linken zu verraten.
Krieg oder das Bevorstehen eines Krieges führt zu Entscheidungen und Spaltungen, die tiefer gehen als zu Friedenszeiten. Die anstehenden Entscheidungen betreffen das Leben vieler Menschen: nicht nur das der Soldaten, deren Aufgabe es ist, ihr Leben zu riskieren, sondern auch das der Zivilisten, die durch moderne Kriege gefährdet werden und die Hauptangriffsziele für den modernen Terror sind.
Die Frage "Lohnt sich der Krieg überhaupt?" ist immer eine gute Frage. Die Linke hat sie – aus guten demokratischen Gründen – immer nachdringlicher gestellt als die Rechte. In den meisten Ländern hat sich die Rechte ein Restgespür für militärische Notwendigkeit und militärische Ehre bewahrt: die Notwendigkeit, in den Krieg zu ziehen, um die Sicherheit des Staates zu garantieren, indem man seine gegenwärtigen oder künftigen Feinde abschreckt, und die Ehre, die den Soldaten verpflichtet, diese Forderungen des Staates unhinterfragt zu erfüllen.
Die Linke hat eine lange Tradition des Pazifismus. Ein Teil dieser Tradition war ethisch oder religiös und somit nicht auf die Linke beschränkt. Der größte Teil dieser Tradition entstammte der historischen Grundlage der linken Bewegungen, die aus den Bevölkerungsschichten kamen, die am meisten unter den modernen Kriegen gelitten haben: die Armen, die in größerer Anzahl bombardiert oder beschossen wurden, und die Armen, die in größerer Zahl eingezogen wurden und starben – und nur wenig Einfluss auf die Entscheidungen hatten, die zur Kriegserklärung führten.
Aber die Zwickmühlen von modernem Krieg und Terror sind ideologisch nicht so eindeutig auszumachen. Individualismus – eher dem rechten Flügel zuzuordnen als dem linken – privilegiert die Entscheidungsfreiheit und die Verbesserung des Lebens. Entscheidungen zu treffen, steht aber in direktem Konflikt mit Gehorsam und Ehre, welche die impliziten Grundlagen von bewaffneten Kräften gewesen sind. Die Masse kann nicht mehr als Masse behandelt werden, und sie lässt sich auch nicht mehr durch Massenaufrufe von links oder rechts mobilisieren.
Die Linke hat auch eine stärkere und besser bewahrte Tradition des Antifaschismus. Es war die Linke in Deutschland und in Italien, die am meisten Widerstand gegen den Faschismus geleistet hat (wenngleich es auch Teile der Linken waren, die zu seiner Entstehung beigetragen haben). Die europäische Linke organisierte auch den internationalen Widerstand gegen die nationalistischen Kräfte in Spanien während des Bürgerkrieges, und sie forderte ihre jeweiligen Staaten auf, auf Seiten der republikanischen Regierung zu intervenieren.
Diese Traditionen des Pazifismus, des Individualismus und des Antifaschismus treffen heute auf eine weitere: den Anti-Amerikanismus, der nicht auf die Linke in den entwickelten Staaten begrenzt ist, sich bei ihr aber als besonders stark erweist. Inspiriert von (bei der Jugend) wirksamen Propheten wie Professor Noam Chomsky und verschärft durch die Antiglobalisierungsbewegung, die dahin tendiert, Amerika mit Kapitalismus gleichzusetzen, hat die gefühlsbedingte Kraft des Widerstandes gegen die globale Supermacht schon vor dem 11. September an Stärke gewonnen und ironischerweise auch danach weiter zugenommen.
Es sind einige Definitionen vonnöten, insbesondere für jene Amerikaner, die die europäischen Debatten verfolgen. Anti-Amerikanismus ist ebenso wenig eine Kritik der amerikanischen Regierungspolitik, wie die Kritik der israelischen Regierungspolitik Antisemitismus ist. Aber es gibt heute eine Erzählung bei den Linken – die wie jede dieser Erzählungen in sich abgeschlossen ist –, die in den USA einen imperialen Räuber sehen, dessen Handlungen – alle Handlungen – von diesem Aspekt seines Daseins bedingt werden.
Diese Erzählung hat aufgehört kritisch zu sein und ist zu einer Art Vorherbestimmung geworden: So wie Anhänger der Vorherbestimmung die Menschheit aufgeteilt haben in jene, deren Handlungen niemals falsch sein können, und jene, deren Handlungen niemals richtig sein können, so nimmt dieser Strang der linken Kritik Ersteres für sich in Anspruch und weist den USA Letzteres zu. Es ist wichtig, diese große, totalisierende Kritik nicht mit einer kritischen Einschätzung, ob nun von links oder von rechts, zu verwechseln. Letztere ist wichtig bei Regierungen, und besonders wichtig bei Regierungen, die eine so gewaltige Macht haben wie die US-Administration. Aber die totalisierende Kritik ist ein intellektuelles Konstrukt, das sich von den Techniken der Philosophie des 19. Jahrhunderts herleitet, die alle Fakten so hinbiegt, dass sie zur ideologischen Linie passen.
Diese Tatsachen liegen der zunehmenden Spaltung der britischen Linken zu Grunde. Die Gründung der New Labour-Bewegung vor acht Jahren, ihre Übernahme der Macht und ihre Beherrschung der britischen politischen Szene sind auf Kosten einer zunehmenden Abwanderung der Linken zu Stande gekommen – insbesondere was die Intellektuellen betrifft. Tony Blair hat nur wenig Unterstützung in akademischen Kreisen, auf die er zählen kann, und noch weniger im Bereich der neuen Medien. Linke und Rechte tendieren dahin, sich in einer im Wesentlichen kulturellen Kritik der New Labour-Bewegung zu vereinen, die als Gebilde ohne jegliche geschichtliche Tiefe gesehen wird, das auf Effekthascherei aus ist, ungenau mit der Wahrheit umgeht und – wo es sich in manchen politischen Punkten der Rechten zuneigt – zu schlaff und feige ist, sich auf die eigene Wählerschaft zu stützen, um die verschwommenen Versprechen zu erfüllen.
Der Anti-Amerikanismus der Linken, die sich selber als Bewahrer des echten Sozialismus sehen, den New Labour über Bord geworfen hat, betrachtet New Labour als einen schlichten Erfüllungsgehilfen des US-Präsidenten, der wegen der von Blair angenommenen Haltung unfähig ist, die wahren britischen Interessen zu vertreten. Er schöpft Mut aus den Meinungsumfragen, die zeigen, dass die Briten – wie die meisten Europäer – nicht geneigt sind, einen Militärschlag gegen den Irak zu unterstützen. Zudem gibt es die Forderung, die Beteiligung der irakischen Regierung am Anschlag vom 11. September erst einmal zu beweisen. Und der Anti-Amerikanismus wird auch genährt durch den jüngsten Bericht des "UK Joint Intelligence Committee", in dessen Schlussfolgerungen es angeblich heißen soll, dass eine solche Verbindung nicht hergestellt werden kann.
Es mag sein, dass es keine solche Verbindung gibt, und es ist unwahrscheinlich, dass sie jemals definitiv bewiesen werden kann. Die Modalitäten jeder Militäraktion gegen den Irak setzen eine vorsichtige und öffentliche Diskussion voraus. Aber die Sichtweise, die die extreme Linke in Europa mit Macht zum Ausdruck bringt, nämlich, dass bei Überlegungen für eine Intervention im Irak die Torheit, der Imperialismus und die Verbrechen Amerikas das Einzige sei, was die Diskussion bestimme, ist mit einem Verzicht der Linken auf ihre eigene Bindung an den Rationalismus der Aufklärung gleichzusetzen.
Ebenso gibt sie ihre eigenen antifaschistischen Glaubensartikel auf oder unterdrückt sie zumindest. Osama bin Ladens al Qaida ist in großem Maßstab ebenso mörderisch wie Saddams Regierung. Diese Regierung war besonders mörderisch für jene Gruppen innerhalb des Irak (vor allem die Kurden), die als unloyal ihr gegenüber angesehen wurden. Saddam hat seine Bereitschaft, in Nachbarstaaten einzufallen und Waffen zur Massenvernichtung aller Art (atomare, biologische und chemische) zu erwerben, gezeigt. Er hat sich verpflichtet, den israelischen Staat zu vernichten, und er hat Terroranschläge gegen ihn und andere gesponsert.
Es ist weder Torheit noch Imperialismus zu diskutieren, wie er abgesetzt werden könnte und wie man die irakische Opposition dabei unterstützen könnte, ihn zu ersetzen. Die Frage: "Lohnt sich das?", ist ein großer Teil solcher Überlegungen. Aber die automatische Annahme, dass sich das niemals lohnen kann, ist absurderweise das Spiegelbild des Denkens eines wesentlichen Teils der linken Intelligenzija in Europa.
Die linke Mitte hat eine andere, wenn auch unterentwickelte Sichtweise. Sie geht davon aus, dass der Globalisierungsprozess ein Gegengewicht durch eine weltweit gültige Regierungsform und Rechtsprechung haben müsse, welche die modernen Faschisten dazu bringen könnte, eine gewisse Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen – so wie Slobodan Milosevic, der ehemalige Präsident Jugoslawiens, der gegenwärtig in Den Haag vor Gericht steht. Die USA wollen bis heute – und wohl auch weiterhin – von solchen Überlegungen nichts wissen. Aber sie müssen hier umdenken, denn sie haben eine exponierte Position in einer Welt, in der selbst ihre gewaltige Macht Bündnisse mit schwächeren Nationen braucht, die ihre demokratischen und freiheitlichen Ideale teilen.
Der Artikel erschien am 17. März 2002 in der englischen Zeitung
The Observer. – Aus dem Englischen übersetzt von Ronald Voullié.