Editorial

Michael Ackermann

Ein Anruf am Abend: "Wir haben MKS-Verdacht, Wettenberg ist seit Nachmittag abgesperrt!" – Ausgelöst ist der Verdacht durch den Tod eines Schafes in der 15-köpfigen Herde der Gärtnerei L., die am Rande des Ortsteils Krofdorf-Gleiberg liegt. Die Gärtnerei bekommt auch Blumen aus Holland (aha!). Herbeigezogene Veterinäre stellen den MKS-Verdacht fest, alle Tiere werden per Injektion getötet. Dann wird über den zwei Wochen zuvor nach Krofdorf ausgeliehenen Zuchtbock (aha!) eine Verbindung zu den Herden des Hofgutes B. in Biebertal, Ortsteil Königsberg, gezogen. Dort ist zudem ein Bewohner von einem England-Aufenthalt zurückgekommen (aha!). Herborner Veterinäre teilen der auf dem Hofgut lebenden Tierärztin K. mit, dass in Krofdorf "hundertprozentig ein MKS-Fall" vorliegt, obwohl die Untersuchungen an den getöteten Tieren nicht abgeschlossen sind. Tierärztin K. wendet ein, daß keines der 44 Schafe MKS-Symptome aufweist. Trotzdem werden die Tiere später (negative Befunde liegen längst vor) allesamt "gekeult". Insgesamt 70 getötete Schafe sind es schließlich in Biebertal und Wettenberg (bei einem Bestand von 1020 Rindern, 1800 Schweinen, 2600 Schafen und acht Lamas im Sperrbezirk). Irgendwann taucht das Gerücht auf, auch Pferde, Katzen und Hühner müssten, wenn der MKS-Verdacht sich bestätige, vielleicht ...

Ab Dienstag/Mittwoch arbeiten die verschiedenen Krisenstäbe auf Hochtouren. Desinfizierungsschleusen werden aufgebaut, 860 Feuerwehrleute und THWler befinden sich letztlich im Einsatz. Sie verwenden an den vier, dann sechs Schleusen der Ausfallstraßen als Desinfizierungsmittel (wie sich im Nachhinein herausstellt) munter krebsverdächtigen Formaldehyd. C.s Tochter J. staunt nicht schlecht, als der Wagen eines holländischen Blumenhändlers unbehandelt in den Ort einfahren kann (aha!). Ab Mittwoch setzen im Ort Hamsterkäufe ein, die Wartezeiten an den Schleusen schnellen während der Stoßzeiten ortsauswärts bis auf vier Stunden. (Die Gemeinde Wettenberg hat etwa 12.000 Einwohner, täglich circa 4300 Berufsauspendler, 1200 Berufseinpendler und etwa 800 auspendelnde Schüler.)

Als sich kein MKS-Fall bestätigt, wird der Sperrbezirk nach dreieinhalb Tagen aufgehoben, bevor allerdings die letzten Untersuchungen (an zwei tot aufgefundenen Schafen) abgeschlossen sind (aha!). Die wenigen Kleinbauern in Krofdorf gründen eine Intitiative "Impfen statt Keulen", Bürgermeister S. muß im "Amtsblatt" eine Art "Rechenschaftsbericht" vorlegen, und in den beiden Gießener Tageszeitungen hagelt es Leserbriefe gegen die "Überreaktion" der Krisenstäbe und der verantwortlichen Veterinäre, gegen die Landwirtschaftspolitik der EU im Allgemeinen, gegen die "Keulerei" und die "Fleischverschiebungen" in Europa und nach Übersee im Besonderen ...

Die ganze Aktion besaß mehr als nur groteske Züge. Im Falle von MKS wäre die Quarantänezeit um mindestens 16 Tage verlängert worden. Dann hätte das "Sandkastenspiel Sperrbezirk" die schon vorhandene Mischung aus Hysterie und Sicherheitsphobie ebenso ins Unüberschaubare getrieben wie die Engpässe bei Hilfspersonal und Kosten. Von den wirtschaftlichen Verlusten von Unternehmen und Beschäftigten (kein Arbeitgeber zahlt Ausfallstunden) ganz zu schweigen.

Sobald man den "Fall Wettenberg" auf einen größeren Ballungsraum überträgt, etwa auf den Frankfurter "Grüngürtel", wird ersichtlich, dass (nicht nur) die herrschende Agrarpolitik so unhaltbar ist wie die Seuchen-Reaktionsmuster einer noch "übenden" Bürokratie (das Wahnhafte liegt dicht neben dem Lächerlichen). Auch würde die Unkenntnis über die realen Wirkungsketten der Maßnahmen noch massiver zutage treten (der "mechanische" Umgang mit einer eigentlich harmlosen Seuche etwa). Doch zeigt schon der "Fall Wettenberg/ Biebertal", wie die verschiedensten Beteiligten in die Vorherrschaft einer Ökonomie verstrickt sind, in der die Verknüpfung von gesellschaftlichen Teilbereichen mit sich wechselseitig fremden "Marktinter-essen" pervertierte Züge aufweist. In einem hoch verdichteten und mobilen Wirtschaftsraum wie der Bundesrepublik gibt es real keine Kontaminierungsschutzzonen(1) (auch nicht bei Anwendung rigidester Katastrophen- und Ausnahmezustands-Bedingungen, die hier nun erst aufschienen).

Es ist interessant, aber wenig amüsant zu beobachten, wie die jahrzehntelange Ausweitung internationalisierter (Fleisch-)Märkte unter den Wirkungen von BSE/MKS nun als "Problemlöser" das Bedürfnis zur Abschottung hervortreibt. Da macht einen auch eine grüne Krisenpolitik nicht hoffnungsfroher, in der das Verhältnis zwischen politischer Macht und Wissen kaum thematisiert ist (siehe Eike Hennig, S. 14). Im Lichte eines fehlenden vorausschauenden "Risikomanagements" und einer Politik, die glaubt, sich noch unter widersprechendsten Umständen "marktkonform" verhalten zu können, wird man die Reflexions- und Durchsetzungskraft einer "Bürgergesellschaft" (ein thematischer Schwerpunkt in diesem Heft) zukünftig sehr viel höher ansetzen müssen. Ansonsten könnte Claude Lefort (siehe "Dokumentation") auch in diesem Zusammenhang gut auf die Gefahren eines "Nichtdenkens des Totalitarismus" verweisen, vor dem eine Demokratie nicht gefeit ist.

1 Die Flächenversiegelung, also die Siedlungs- und Verkehrsfläche, nimmt in der Bundesrepublik täglich um etwa 120 Hektar zu; ihr Anteil an der Gesamtfläche im alten Bundesgebiet steigerte sich von 7 % 1950 auf 13,3 % 1997 – Informationen aus dem Artikel "Der Ansturm auf die Fläche", von M. Schmalholz/H. Wiggering, FAZ, 21.4.01., S. 15).