Wilhelm Pauli
Ja, Freunde und vor allem Freundinnen dieser Hitparade, wunderbare Frauen, die mir anlässlich der 2000er Kollektion ihre sublime Ergötzung aufs Band kollerten oder kicherten, und denen ich nun auf diese Weise meinen späten Dank abstatten möchte ja, diesmal fällt der Frohsinn aus. Stattdessen wird ein doppeltes Knirschen diese Zeilen begleiten: das des Autors über die in den Berliner Zuständen sich manifestierenden mentalen Malazien unseres Führungspersonals und das der hier kompromiss- und mitleidslos Ausgegrenzten. Aber es geht nicht anders. Einer muss mal anfangen.
Wer die Verlagsprogramme aufmerksam erblättert, mit einem geschärften Auge auf deutschsprachige Autoren und Dichter, unter besonderer Berücksichtigung der Debütanten, der wird, sofern er in sicherer Entfernung von der Hauptstadt lebt, vom amüsierten Schmunzeln zum ungläubigen Kopfschütteln vorangrimassieren, wenn er ein ums andere Mal zu lesen bekommt: lebt in Berlin, lebt in Berlin, lebt in Berlin ..., sofern er aber in der Hauptstadt residiert, wird ihm ganz eng ums Herz und eine Beklemmung nahe am Erstickungstod wird ihn schnüren wie viele brotlose Westartisten wollen sich denn noch um die abgenagten Knochen in der winzigen neuen Mitte balgen?! , und er atmet schon auf, wenn auch nur panisch und flach, darf er erfahren: lebt in Berlin und in der Toskana, lebt in Berlin und Posemuckel, wobei es allerdings bei "lebt in Berlin und Dresden" auch zum Herzkasper kommen kann. Immerhin, einige sind nicht das ganze Jahr da, was angesichts der Standorttreue der alteingesessenen östlichen Urdichter des Prenzlauer Berges und das sind wahrhaftig nicht wenig , also wegen der natürlichen Dichterdichte pro Quadratkilometer, nicht ohne Bedeutung ist. Offenbar fällt die numinose geistige wie poetische "Elite" auf die von ihr mitfabrizierte Weltstadt-Propaganda herein oder versucht die in einem verzweifelten Akt von Selffulfilling prophecy zu beglaubigen. Hinterrücks beteiligen sich nun auch solche Kräfte, die einst stark überzogen vor "Viertem Reich" und "Zentralisation" warnten, daran, die Deppenkonzentration von zugezogenen Koofmichs aus Presse und anderer Dienstleisterei, die ihre kilotonnenschwere selbstreferenzielle Dummheit um den Gendarmen- oder Hackeschen-Markt ausstellen und begießen, schöpferisch zu umedeln. Zweifache Missfremdung der "Generation Laptop" wird das Ergebnis sein: vom Restreich wie von Berlin selbst. Berlin, dessen Substanz in einem desaströsen Zustand ist, dessen Kieze verkommen, dessen Kids verkommen, während die Zugereisten des "Neuen Berlin" an ihren parfümierten Organen rubbeln und nicht zum Abspritzen kommen.
Zugereiste, in größerer Zahl Zugereiste, schmeißen sich in der Regel in produktive Lücken oder in Dienstleistung ganz unten. Reißen sich die Ärsche auf und bringen was. Die Luxus-Zugereisten in Berlin versauen die Zentren und die Preise und greifen von oben her den Dienstleistungstopf ab. Nur: Wie soll der nachgefüllt werden, wo in Berlin die Industrie, also die Wertschöpfungsmaschine, total zerstört wurde? Auch hier scheinen die Propagandisten des Dienstleistungswahns ihrem eigenen Geschwätz auf den Leim zu gehen oder auf dem Schleim hinterherzuschlittern.
Die Einwohnerbilanz ist nach wie vor negativ. Bis 30.000 Menschen verliert Berlin jährlich. Das Geld bleibt in Frankfurt, produziert wird anderswo, der Geist weht, wo er will und in der Praxis rät jeder Kenner der Neuen Medienwelt den arbeitswilligen Hasen: Geht nach München, geht nach Köln wenn ihr irgend könnt! Geldgeile Abschöpfer oder -zocker auf der einen, depraviertes Proletariat und sich selbst heckendes Subproletariat auf der anderen Seite, das kann heiter werden. Neofolkloristische Verkleidung zur Dichter-Metropole ist ungefähr das letzte, was gebraucht wird. Dichter bleibt, wo ihr seid! Diesmal hier nur Dichter, die nicht in Berlin leben.
Der auffällig viel geliebte Robert Gernhardt (lebt in Frankfurt am Main) hat den Extrakt aus drei längeren Berlinaufenthalten in vier Jahrzehnten in dem von eigener Hand stilsicher und getränkereich illustrierten Bändchen Berliner Zehner zusammengetragen. "Man steigt nicht zweimal/ in dieselbe Stadt", hebt er an und zeigts in der kontrastierenden Verarbeitung eines alten Kästnergedichtes über den Potsdamer Platz am sinnfälligsten: Wo einst Berlin sein starkes Gebiss fletschte, funkelt jetzt angeberisch eine Talmi-Krone. Gernhardt legt im Block "Frühsommerabend am Hundekehlesee" durchaus den Dichterfinger in die Wunde neuerer Klassenspaltung. Und trotz seiner Rundummilde, das Geheimnis seines Erfolges icke will mir doch nich ooch noch bei die Gedichte uffregen , zwingt ihn sein Restgewissen zu schierer Aufrührerei: O daß es doch niemand den Armen erzählte,/ sie müßten sich nicht mal durch Brei hindurchfressen./ Das Schlaraffenland läge/ direkt um die Ecke:/ "Es liegt nur an euch, euch dort breitzumachen." Freilich dann auch bei Gernhardt wieder das Elend der Humordichterei, hier über den bekanntlich bis heute von R.xxR. und anderen schmerzlich vermissten finalen "Hauptstadtroman", wo er nicht aufhören kann mit der Litanei, bis alles, was sich auf "an" (von "Hauptstadtroman") reimt, verdichtet ist: Bahn, Wahn, Parmesan, Dschingis-Khan ... Die Humordichter trauen ihrer Kundschaft nichts zu. Im abschließenden Block "Berliner Zehner", aus dem Sommer 2000, gelingt es ihm indes, ein paar bittere Wahrheiten über Berlin leichthändig zusammenzufummeln:
6
In der großen Stadt Berlin
mußt du ständig lernen.
Solltest bloß nicht fragen: Was?
Das steht in den Sternen.
Sehr richtig. Sehr hübsch.
Das wars mit der U-Abteilung. Unglaublich, unsere Dichter! Kaum wird der Spaßgesellschaft das Glöckerl geläutet, schon gibts nichts mehr zu lachen. Seismographen!
Das müssende Merken hat wieder einen Namen", schrieb ich an dieser Stelle 1999 beim Debüt von Christoph W. Bauer (lebt in Innsbruck), und im selben Text begrüßte ich den ebenfalls Newcomer Henning Ahrens (lebt in Kiel) volltönend: "Schöne, wahre Gedichte zur Agenda", Gedichte für "eine verantwortlich landwirtschaftlich bearbeitete Natur", und damit auch in den Metropolen der Würde des Nährstandes ein Denkmal gesetzt sei und in die Herzen die Erinnerung daran, woher wir kommen. Nun haben beide, dicht nacheinander, ihren Zweitling eingereicht, Ahrens Stoppelbrand, Bauer die mobilität des wassers müsste man mieten können. Beide haben sich thematisch einiges getraut, die Wasser sind heute wie alle Elemente schlecht beleumdet, und von den Bauern wollen wir lieber schweigen. Aber beide meistern alle Klippen. Ahrens wechselt häufig störungsfrei und hochrhythmisch lange und kurze Zeilen, nimmt schon mal einen Gelegenheitsreim mit, der die Textmaschine schmiert oder ein achtungsvolles "Hoppala!" erzwingt, seine Olga-Gedichte durchhirschelt ein angemessen ländliches Seufzen, Sabbern und Stoßen: "Olga, wir waren so schamlos wie Tiere"! In den "Geschichten der Wiesen" werden im Frühjahr nach der Wirklichkeit mit absehbaren Folgen die Bullen aus den Ställen befreit, in denen "der Felder" die Bäuerinnen geadelt: "Bauernspur. Staub in der Luft,/ Licht flirrt. Himmelsglut. Quer/ auf dem Weg, der zur Dachwiese führt,/ nah beim Pisserbach// stehen zwei Frauen. Mit Schlunterhut,/ Harke und Forke ..." Aus dem Kapitel "Stoppelbrand":
3
Es tanzt ein Bauer in den Flammen,
er trägt den Kornsack auf den Schultern,
die Ährenkrone auf dem Kopf.
Den Schopf darunter leckt das Feuer,
es küsst ihn heiß auf beide Wangen
und flüstert: Sei getrost.
Die Erde glost. Er tanzt alleine,
und neben ihm tanzt noch ein Zweiter,
nur Haut und Knochen, auch ein Mann.
Im Bann der Flammen tanzen Dreie,
der dritte ist ein Hauch von Asche,
der Wind bläst ihn herum.
Sie tanzen stumm, sie brüllen Lieder,
und aus den Löchern ihrer Münder,
die sich nie schließen, quillt der Rauch.
Ein Bauch voll Korn, ein Bauch voll Knochen,
ein Bauch voll Asche. Wie sie tanzen!
Komm, Grete. Wir zwei tanzen auch.
Im Herbst 2000 ist Stoppelbrand erschienen. Heut liest mans wohl etwas anders, und auch der "Lärm von Mähdreschern", zu dem er, Ahrens, mitten in der Stadt morgens noch immer erwacht, hat einen Klang dazu bekommen.
Bauer lässt uns zum Zeichen, dass ihm das nasse Element freihändig vertraut, mit einem fröhlichen " Ahoi" einsteigen, um gleich darauf mit den unsterblichen Worten des Octavio Paz, "das Gedicht fließt", die Brücke zum Nachwort zu schlagen: "möglicherweise liegt der zauber des mythos (der großen Weltumsegler und -entdecker, pau.) darin, dass in ihm unbekanntes und bekanntes, vergangenes wie gegenwärtiges und zukünftiges für einen augenblick in eins fließen. und das wäre vielleicht vergleichbar jenem vorgang, der und den ein gedicht beschreibt." Und so vertäut er in kompakten, griffigen Textfeldern, deren Zeilen gern gegen den Augenschein vom Takt geschlagen werden, Bilder von gestapelten Meeren : "typischer fall von trugschluss das wasser nämlich/ ist nur selten auch flüssig spotten hydrologen...", von "gestrandeten Dörfern", ans "Meer geflohenen Ländern", "Magellans Erben" und Exilanten des Wünschens und Wollens, Fernsehnsüchtige:
die mobilität des wassers
müsste man mieten können
als verflüssigtes leben mit
wechselndem wohnsitz
die gestrandeten dörfer verlassen
und sich rauswälzen aufs meer
um wieder land zu sehen
wo die nacht alles gefunkel
an die fische verfüttert
denen man eine welt und
unentbehrlich ihrem wesen
ganz zu schweigen
von der aussicht abzudampfen
und wirklich aufzusteigen
himmelwärts
Mit Barbara Frischmuth (lebt in Wien), 2000 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels behängte Schriftstellerin, springt nun eine Praktikerin und Erfahrungsverdichterin auf unsere kleine Bühne, deren bisher unveröffentlichte Gedichte aus den Jahren 1961 bis 1991 dem Droschl-Literaturverlag Auftakt der schönen, großformatigen Kostbarkeiten-Reihe "Libell" sind und das Herz des Rezensenten ihr zufliegen ließen. Es sind hauptsächlich "politische" Gedichte, und die sind in unspektakuläre Korpusse der geläufigen Moderne vernäht, oft erzählerisch mit Besinnungspointen, und wir finden auch ohne Aufwand Kitsch: "... trage mich Kusrak,/ Königin aller Stuten,/ durch den schwarzen Sand,/ tritt die weißen Wölfe,/ ihre schäumenden Zähne/ sollen in Muscheln zergehen./ Prometheus ist weit im Osten ..." ("Am Schwarzen Meer"), meist, wenn um die Lenden so ein leichtes Schwesternziehen mitspielt. Aber, aber, aber!: Wir haben es hier mit einer der letzten Vertreterinnen der vergessenen Tugend der Nichteinmischung in die inneren kulturellen Angelegenheiten anderer Länder zu tun, bei gleichzeitiger weher Solidarität mit den Unterdrückten. Das gilt für ihren Türken/Kurden- wie ihren Afrika-Zyklus:
Die Frau
nein der Mann
der die Tochter
aushändigt
an den besten Käufer
mit der größten
Hammelherde
ist ebensowenig
zu verachten
wie der Mann
nein die Frau
die Zigaretten kauft
vormittags
an einer Straßenecke
in Green Village
weil das
so üblich ist
vormittags
in Green Village
Gut, das Gedicht stammt aus dem 63er-Jahr. Aber wie wichtig Abstand ist, um zueinander zu finden oder es miteinander auszuhalten, scheint bei ganz anderem Sujet auch 91 noch auf: "Früher schreibt meine Freundin/ aus New York war eine Zigarette/ zwischen mir und den Leuten./ Zwei Herzinfarkte/ hat dieser Schutz mich gekostet./ Jetzt gehe ich seltener aus./ Ich ertrage die Menschen schlechter,/ selbst Freunde,/ ohne die Zigarette dazwischen ..."
Verehrung, gnädige Frau.
Barbara Frischmuth wird in ein paar Tagen 60. Katharina Höcker (lebt in Hamburg) ist so um die 40. Das ist altersmäßig ein Zuckerl gegen den Schnitt in der Kunst zur verehrten Ordensträgerin. Katharina Höckers "dichtungen" nacht für nichts heißt der Band finde ich hervorragend. Das Erschütternde: Ich kann weder genau sagen, warum, noch verstehe ich sie überhaupt (na, wolln mal nicht übertreiben: Ein paar verstehe ich nicht. Noch nicht). Es sind schier ausgeschlachtete Textkörper, wie mit der Schrotflinte hineingeschossen, sodass helfende Wörter zu fehlen scheinen, manchmal blinken nur ein paar sparsame Substantive wie Leuchttürme am entfernten Strand aus dem getriebenen adjektivischen und verbischen Toben. Dabei quält uns Frau Höcker gelegentlich mit der Macke, den 1-A-Rhythmus ihrer Zeilen dergestalt zu zerstören, dass das Ende der einen gleichzeitig der Anfang einer neuen, oder euphemistisch eines neuen Sinnzusammenhangs ist, dass wir also gezwungen werden, revisionistisch zu lesen drei Schritte vor, zwei zurück , was anfangs ganz schön ins Schleudern bringen kann, vor allem dann, wenn wir diese Methode beginnen, Hilfe heischend an Gedichten anzuwenden, von denen wir zwei Tage später erkennen, dass sie gar nicht in jener Weise gestrickt wurden. Und dennoch: Eine Dynamik, ein Rhythmus, wo man mitmuss, unsentimentale Wörterlandschaften, die in uns düstere Leidenssedimente ablegen oder gereizte Spannung erzeugen, als erwarteten wir jeden Augenblick einen Geisterfahrer aus dem Nebel auftauchen. Oder wie die Höcker im durch dürren Wortübersprung seitenlang zusammengehaltenen Abschnitt "vexations" (also "Quälereien") schreibt: "... aber im/ hirnsaal selbst der zerschlagensten/ sprache bleibt da vom stückwerk niegesehener/ szenen ein rest ..."
Und dann gar eine "dichtung" aus vielen Oktobertagen zum wendländischen Drama?
neunundzwanzigster oktober, oder nach luft
stürzen gärten, zehnfach verschweißt auf den salzstock
geschnürt rollen landschaft verladen zum
schacht, aber
strahlen der
irre zum ende stechende
tag, im grasigen wind lagert tief, tröpfchenhaft
atmend nach nacht als
ahnten wir nicht nur noch meter zum
unzählbaren rand
Ein Wort zu Lutz Seiler (lebt in Wilhelmshorst). Er hat 1999 den Kranichsteiner Literaturpreis bekommen und im Jahr drauf den Lyrikpreis Meran. Und bei aller Jurorennot: Das ist ein bisserl übertrieben. Da müssten ziemlich viele alle Preise bekommen. Gewiss sind in seinem Bändchen pech & blende ein paar schöne Gedichte, aber auch etliche, da denkt man, der weiß, wie es geht und hat den um Unterschiede in Maßen barmenden Fachleuten dass man sich bloß nicht blamiert! was hinkonstruiert. Aber er, der in Gera Geborene, hat den Anfang jener ungeklärten und unbeherrschten Kette, von deren letztem Glied die Höcker oben sang, mit ins Erinnerungstableau seiner Jugendtage genommen und den Opfern = Tätern der Uranförderungsverbrechen in der DDR, um Culmitzsch und anderswo, ein überfälliges Gedenken, jenseits des dorten noch immer in den Köpfen spukenden Schundes, gespendet. Aus "haldenglühn":
hiess physikalisch: havarien, scheintot, plötzlich
purpur schläfen-schächte; haldenglühn
war trinkbranntwein, akzisefrei
für troglodyten, dann
"heraus zum ersten mai"
und abends
das sakko aus polyakryl, im sperrsitz die steinzeit
operetten, das viehzeug
im schuppen, abends
das oster-karnickel-zucken; windig
das bündel am balken vergleiche
mit krätze-erloschenen hasen: als
zuerst deine füsse erblinden, als
deine augen langsam verschwinden;
Und noch ein Wort zu Gerhard Falkner. Falkner (lebt in Weigendorf), gerühmt und umstritten, seit jeher ein Brötler und Kulturbetriebsflüchtling, war 1989 ausgestiegen und vom öffentlichen Dichten zurückgetreten. Einerseits war ihm die Frage nach dem Dichten als Last des Glücks oder Glück der Last zur unlösbaren Tortur geworden, andererseits kulminierte das jahrzehntelange Drücken der vollen kulturpessimistischen Dröhnung in der Befürchtung, dass unabhängig vom Willen des Schöpfers der Text zunehmend nur noch zum Vehikel eitler Autorenfaxen verkäme. Ganz hat den Entzug Falkner nie ausgehalten. Er lief schon da und dort zu Freundschaftsspielen oder Kameradschaftsabenden auf, aber nun ist er auch offiziell und selbstkritisch vom Rücktritt zurückgetreten. Weil: Gerade der Rücktritt hat den Blick aufs Werk noch mehr verstellt als alle vorherigen Spambernadln. Wie auch immer: Was Loddar und Bobbele recht war, kann Falkner billig sein. Endogene Gedichte heißt sein erster Band nach vierzehn Jahren, und Falkner hat an Spielkultur, an Stilsicherheit, Passgenauigkeit, Dribbelkunst und effetgestützter Treffsicherheit in Standardsituationen nichts verlernt. Was den Formenreichtum seiner Gedichte betrifft, so tritt er unterdessen auf alles, was sich bewegt und manchmal auch auf das, was schon liegt. So schön es ist, jedem Stoff und Eingeweidebrennen die kongeniale Form aufzumessen, so flott, den flirrenden Fundus zu fleddern, so unergiebig scheint es doch, noch einmal die wortlosen Spielerein à la "Fisches Nachtgebet" ff., diesmal mit Kommas, nachzustellen. Einen blöden Nachgeschmack hinterlassen gleich eingangs die "Sprechwiesen", in denen wir kleine, wohl gelungene Naturdramen noch einmal "destabilisiert" in sinnlos zerfledderter Form dargeboten bekommen. Also die Zeilen "schwere Felder/ unkrautzerrüttet ..." so: "schw e re f el der / u nkr aut ze rrü ttet ..." Nein, es lässt sich nicht erkennen, dass wir es hier mit einem satirischen Zaunpfahl gegen junge Zeilenzertrümmerer zu tun haben.
Von außen nach innen führt in zwei großen Kapiteln das Buch, von der "offenen" zur "geschlossenen Abteilung", und in beiden zürnt durch alte Meisterschaft immer wieder der Hammer alten Zivilisationsverdrusses. Und wie stets haut dieser Hammer vieles allzu platt: "...haben/ 50 Jahre Fernsehen/ weiter nichts gezeigt/ als das Geilwerden/ von Dummheit/auf sich selbst", heißts am Ende von "Imprematur", und das ist einfach zu wenig, nicht intelligent. Erinnert stark ans Väterchen so um 1965, als es sich wieder (aus Geiz) weigerte, einen TV-Apparat unter den Weihnachtsbaum zu schupfen. (Trotz dieser Einwände habe ich es gewagt, die Überschrift der Kollektion 2001 aus einem seiner Gedichte zu klauen.) Aber dann wieder wunderbare Liedchen: "Bläue/ kleiner Geiger/ Wolkensteiger/ Überklinger/ stummer Himmelsfinger ..." ("Blauer Himmel"), oder scharfe, kleine Wirklichkeiten:
1989
Freimut, Reinhild, Hagen, Horst und Ilse
gingen in die Pilze
was sie fanden
waren die Verwandten
ausm Westn
Kevin, Sabrina, Nathalie, Marlon und Carsten
auch nicht die Wahrsten
oder die Bestn
aber ihr Geld
hat sich die Pilze bestellt
Aber dann, aber dann, das lange, legendäre "ACH; DER TISCH (Zur PoeSie des PoeDu)", das man hören sollte, gesprochen vom Falkner ich hatte die Ehre, vor Jahren im verblichenen "Café Clara", auch auf "lyrikline.de" besteht die Chance , vom durch den Tisch getriebenen mythischen U-Brot zum unterm Tisch mimosierend verweigerten Arschfick ein so artistisches wie artifizielles universelles Nahkampfgedicht, dem Dank Redundanz das Sprechen eingeschrieben ist, woran sich Rapper & Slammer mal eine Urbrot-Scheibe abschneiden könnten: "Und er wird mich sagen hören: ach der Tisch!/ ach der ... wird mich sagen hören: ach der Tisch!/ und er wird mich fragen werden: wo! Zu!/ und er wird mich sagen hören, ach der/ sagen hören ... ach der ... ach der Tisch!/ der Tisch ... mit dem Brot!/ Und er wird mich haben wollen, haben wollen / wie ich sage, ach die ... ach der Tisch ..." (folgen drei unvergessliche Seiten).
Lange dachte ich, ihm mit der Palme des Jahres wedeln zu dürfen: Norbert Hummelt. Schon die kristalline Klarheit des Druckbilds seiner Gedichte, schnörkellos! Makellos der Zeilen Fluss. Norbert Hummelt (lebt in Köln) hatte vor knapp zehn Jahren bei den Galrevs vom Prenzlauer Berg ein Bändchen Knackige Codes hingeknattert, durchaus gelungen, noch mit dem Kraftüberschuss der Jugend und ein bisserl trendy. Jetzt ...
Also man erinnere sich des fahlen Prousts, bis Mittag in den Pfühlen, langsam von der balkanesken Haushälterin in den Tag massiert, kurz darauf der Tee und die Madeleines, die in ihm, eingebissen nach kurzem Tunken, sofort auf oder unter der Zunge den typischen Madeleinen-Geschmack hervorhauchen, der in ihm wiederum sofort Bilder von massierend balkanesken Haushälterinnen hervortreibt. Déjà-vu-Kraftwerk, Erinnerungsgenerator. Und was mit Madeleines funktioniert, funktioniert natürlich auch mit Hering, Karo-Kaffee, Schweinsbraterl, Handkäs, Schattenmorellen. Vor allem mit Schattenmorellen. Hummelt ist ein Gourmet der Erinnerungen, seine ganze Kindheit, die Liebe zum, die Sehnsucht nach dem wohl früh verstorbenen Vater, die nachgelassenen Kriegsleiden, transzendieren durch einen Pudding mit besagten Morellen, durch ein Duschgel, ein Einweckglas, ein Apfeltascherl. Aber nicht wie beim seligen Bisinger, der im Appetit im Gedicht alles handfest wegfraß oder -soff, sondern in filigranster hochästhetischer Verwebung, dass es eine sanfte Lust ist, eine zarteste Versuchung. Dazu dann tritt noch die bleiche Überreizung des Allergikers! Wenn ich mich so reden hör: Es ist nur einer plötzlich aufgetretenen Magenverstimmung geschuldet, dass der Hummelt nicht auf der Top-Position brummelt:
geträumte erinnerung
tief in den kissen dämmert es dir wieder
der staub, die stille, der geruch von gas
u. spitze gegenstände, die latente angst
vor nadeln, stiften, aufgeklappten scheren
u. scharfen kanten, die ins offene ragen
an die du immer dich zu denken zwangst
doch ihre drohung hat sich übertragen
auf alles flüssige, auf blut, auf harn
u. ganz umstellt von fremdem mobiliar
wirst du des heimlichen bezugs gewahr u.
du erinnerst dich der dunklen tütensuppen
die schon vom datum längst hinüber warn
Paulus Böhmer ist ein großer Totenbeter & -kläger und Grabsänger. Seinen neunten Kaddish stimmt er gewaltig, dies- und jenseitig, für die 1998 verstorbene dauerheimatlose Kafkanerin Libuse Monikova an. Tief greift er in uralte Sängermythen wie Dichterinnenfalten, Halt macht er vor nichts, packt noch die von Picasso hinreichend geschändete und mit Vorliebe unvorteilhaft gemalte Dora Maar, samt weißem Hunderl plus New York und irgendwelche Streifen im Gehirn dazu, lässt, von Analverkehr bis Zitzenkrebs nichts aus, foltert, satanisiert, greift in BHs und kneifende Zwickel, lässt keine Klitoris wie sie is, kurz: Paulus Böhmer (lebt in Frankfurt am Main) beerdigt die ganze organische Welt in einem mittig gesetzten sechsundzwanzigseitigen ununterbrochenen saftigen Spasmus. Und die "Libuse lacht".
Auf ihrer Closchüssel hockt
eine alte Dichterin
und bringt unendliche Einreden
gegen Altern und Tod vor. Trostlos, nass, stumm. Später
erscheinen Bilder, wie sie gefunden wurde:
Nackt und verklebt zwischen Fritten und Fotos von Tieren.
Unmengen blasser Hausschweine trotten
durch Einkaufspassagen, fahren in Aufzügen, auf & ab
auf & ab, sitzen vor dem TV und fressen Erbrochenes
(geröstet oder vereist).
Hinter den Scheiben Frauen. Hinter den Frauen nichts.
Libuse öffnet ihren Mantel aus
Samtimitat, Lurex, es erscheinen
nach dem Takt der Erdtektonik tanzende Archipele,
vor Millionen Jahren gewachsen, geschrumpft, explodiert,
an die Oberfläche gestiegen, immer aufs neue,
mit Gips oder Mehl oder Schminke bemalte
Körper schießen hoch wie die Stengel haariger Pflanzen,
das Satansreich, geformt wie ein Trichter,
an dessen Rand Verdammte haften
und immer tiefer rutschen in das Gemenge aus
Nacken, verdrehten Augen, Zellulitisfleisch, klaffenden
Schenkeln und Löchern, scheint für einen Moment
auf,
kalt und starr
wie ein Verbluteter morgens im Beet.
Angeekelt versucht McBetha,
sich das Blut abzuwaschen. Madonna lutscht
an einer faulen Ratte.
Eine Tür fällt sehr langsam zu, eine lange Sekunde
lang ...
Die großartige lebend Dauerheimatlose der deutschsprachigen Literatur, die Banatschwäbin Herta Müller (nichts für Ungut, früher, da sagte man einmal: Heimat ist da, wo ich meinen Hut hinhänge, ... wo die Halbe unter fünf Mark kostet, ... wo ein Kabelanschluss ist aber vielleicht zwingt eine derartig bekömmliche, den Zeitläuften angemessene Haltung nicht so viel Kunst heraus), hat ein wundervolles Gedichtbuch, ein Gedichtkunstbuch gemacht: Im Haarknoten wohnt eine Dame. Schwer hängt Temeswar im Haar, oder Nitzkydorf. Aus einer Gegend voller Friseure erreichen uns kleine Familienkunden, Landschaften, die Düfte der Jahreszeiten. Sehnsuchtsseufzer schweben hin und her, in ihnen vibrieren die Moleküle der alten Ängste. Und das Elend der Frauen, das vom Elend der Männer kommt, und die Kriege des vergangenen Jahrhunderts reißen und zerren in den Eingeweiden. Sind so kleine Lieder, müssen so viel tragen. Wird es zu schmerzlich, wird es gern auch expressiosurrealistisch. Und als käme es auf jedes Wort an, auf das es ankommt, sind die Zeilen von ausgeschnittenen Wörtern gefügt und geklebt, sodass jedes Gewicht hat. Sie sind in farbige Beete gesät, jedes in seines, nach Länge des Wortes, und die Farben sind vielleicht die der fernen Felder vorm Aufgehen der Saat und des Himmels darüber. Dazu auf jeder Seite eine kleine, von Herta Müller (lebt in Hamburg) gefertigte, groteske, vornehmlich ländliche Collage. Bezaubernd melancholisch, möchte man die Stimmung, die dem Gesamtkunstwerk beim Durchblättern entsteigt, nennen. Aber dann stören uns wieder die Füße in Haushaltsschuhen auf, die hinter einer Tür hervorschauen, von einer Alten, die es hinter sich gebracht hat.
hatten so ein schönes Haus
Mutter ging als erste raus
als man sie am Bahndamm fand
hieß es Leichnam unbekannt
hatten so einen schönen Tisch
Vater gab dem Tod Bakschisch
hatten mal ein schönes Kind
Sträucher dort wo Gleise sind
Himbeeren durchziehn die Haut
hat sie niemand angebaut
Der Star dieser Saison ist mir Julian Schutting (lebt in Wien und Spittal an der Drau). Dem Erinnern entrissen heißt wahrheitsgemäß sein Werk, und ihn ihm versammelt sind auf klassischem Fuß einerseits dahinbürokratisierende, dann andererseits aber wieder völlig den bildungsbürgerlichen Anstand verlierende fette Gedichte, die im ersten Teil die griechischen Mythen ehrend selbigen auf die Hörner hauen, und im zweiten der Kaiserin Elisabeth von Österreich, auch Sissi, ein herzschmerzschweres Angedenken wahren, ja eigentlich erst ermöglichen. Der Witz beim Klassikanertum ist ja, dass die blindeblöde Verehrung der deutschen Michel fürs alte Woanders plus das Problem, den fremden Text in eine Form zu bringen, die möglichst mit dem Deutschen kollidiert, schon immer Gebilde voller seltsam erheiternder Windungen und Wendungen hervortrieb. Schutting nun besprüht den gefaketen guten alten Leichenstil mit den Geruchssinn verschlagenden, bürokratischen Duftnoten "aus Meeresglättungs-, aus Liebesrettungsgründen" rufen beispielsweise der eifersuchtsrasenden Schaumgeborenen die Liebhaber "Kein Grund vorhanden!" zu und bastelt feine Satzstellungen, die, hätte man sie weiland in seiner Dummschule gewagt, die Verzweiflung des Lehrerkollegiums hervorgerufen hätte. Aber alles passt bei Schutting prima, und dann sprengt er in den edlen Gedichtkörper immer wieder gnadenlos die Unsittlichkeiten heutiger Sichtweisen und Problemhubereien: Nur ein Ausschnitt aus "Klagebrief des Menelau nach Paris":
Um dieses hunsorinäre Weib uns zu streiten?
Täglich eilt sie zum Markt,
feil auf den fleischigsten Schwatz.
Geh ihr doch nach, um nicht länger
zum Kriege zu rüsten:
schleicht sich in Plissoirs,
kniet zu den Wissenden hin
wie viele an ihr sich leer gehisst haben,
das frag sie selber:
Und über zwei Seiten erfährt nun Herr Paris, wie die Umkämpfte die Herrenwelt bis zur Neige saugt und melkt in die Tiefen ihres Schlundes, mit nimmermüdem Maul, das gemeinsam zu stopfen, aus Friedenserzwingungsgründen, der Menelaos ihm vorschlägt.
Im zweiten Teil aber Elisabeth. Oder Sisi, wie es ihm lieber ist, wenn schon Sissy oder Sissi sein soll. Aus der unglücklichen Reise- und Fluchtkaiserin, der Rollenverweigerin und Korfubesoffenen malt er uns eine Frau, weit vor ihrer Zeit, eine Mischung aus Rosa Luxemburg und Courtney Love wenn jene nicht so blond wäre. Welch Ironie des Schicksals, dass jener Frau eine profane Feile ins Herz gestoßen ward. Sie "ist bei der vierten Rippe in den Körper eingedrungen; diese Rippe war von der Wucht des Stoßes zerbrochen. Die Wunde hatte einen Umfang von 2 ½ Millimetern ... Die Waffe durchquerte das Herz von oben nach unten und trat bei dem unteren Theile der linken Herzkammer wieder aus dem Herzen heraus ... Durch den Stich trat das Blut in die Herzkammer ein, wohin es allmählich sickerte; solange der Herzbeutel nicht so stark mit Blut gefüllt ist, dass dadurch die Thätigkeit des Herzens behindert wird, kann die verwundete Person leben. In dieser Zeit ist die Kaiserin zu Fuß gegangen mit dem durchbohrten Herzen ..." (aus einem Protokoll). Sie ist noch ziemlich weit gegangen. Mählich erblassend. Hätte Sisi gar gerettet werden können?
Schluss der schuttingschen Grußbotschaft, "zur hundertsten Wiederkehr der von Euch,/ als der Rempler eines Lümmels erlebten Feile ..."
Nur eines sei Euch telepathiert:
daß Ihr Euch seelenverwandt erweist
den übermütigen Heutigen an jungen Leuten,
die sich mittels Stürzen am Seil in die Tiefe
sogenannte Adrenalinausschüttungen verpassen:
Ihr laßt Euch an den Bug binden
eines kleinen Schiffes, um Euch am eigenen Leib
in das Mysterium der Meereswogen
peitschen zu lassen und diese Sensation
weltfern auszukosten!
an Eurem Geburtstag, Ihr versteht,
lasse ich Euch am Genfer See lustwandeln,
in septembrischer Jännersonne,
mit einem Veilchenstrauß am Busen,
auf dass kein Verblendeter
mit einer Feile in der Hosentasche
Euch entgegengegangen komme
wenn doch, so vergißt er seine Mordgelüste,
bezaubert von den Sternschnuppen und Schnee-
sternen, die es auf Euer Schneewittchenhaar
im Jänner herniederregnet
greift statt nach der Feile
nach einem Taschenkamm,
Sternenasche und Sternschmelze zu beseitigen!
Ergriffenheit. Ende. Echte Tränen.
Die Bücher:
Robert Gernhardt, Berliner Zehner. Hauptstadtgedichte. Mit Illustrationen von R. G., Zürich (Haffmans Verlag) 2001 (63 S., 29,00 DM)
Henning Ahrens, Stoppelbrand, Stuttgart/München (Deutsche Verlags-Anstalt) 2000 ( 95 S., 28,00 DM )
Christoph W. Bauer, Die Mobilität des Wassers müsste man mieten können, Innsbruck (Haymon-Verlag) 2001 (94 S., 27, 00 DM)
Barbara Frischmuth, Schamanenbaum, Graz/Wien (Droschl Literaturverlag) 2001 (105 S., 58,00 DM)
Katharina Höcker, Nacht für nichts, Lüneburg (Zu Klampen Verlag) 2001 (96 S., 38,00 DM)
Lutz Seiler, Pech & Blende, Frankfurt a. M. (edition suhrkamp) 2000 (90 S., 16,90 DM)
Gerhard Falkner, Endogene Gedichte, Köln (DuMont Buchverlag ) 2000 (119 S., 36,00 DM)
Norbert Hummelt, Zeichen im Schnee, München (Sammlung Luchterhand) 2001 (104 S., 18,50 DM)
Paulus Böhmer. Du aber bist schön wie eine Million Waggons. Der neunte Kaddish, Frankfurt a. M. (Anabas-Verlag) 2000 (26 S., 25,00 DM)
Herta Müller, Im Haarknoten wohnt eine Dame. Reich collagiert, Reinbek (Rowohlt) 2000 (90 S., 58,00 DM)
Julian Schutting, Dem Erinnern entrissen, Salzburg/Wien (Otto Müller Verlag) 2001 (96 S., 27,50 DM)