Redaktion: Albert Sterr
Für die Oberschicht ist die Zukunft auch nicht mehr das, was sie einmal war", fasst der kenntnisreiche Korrespondent der linksliberalen Tageszeitung La Jornada die Stimmung unter den Reichen und Mächtigen in San Cristóbal de las Casas zusammen. Der seit 1994 vor Ort wirkende Hermann Bellinghausen, der als Chronist der Zapatistenbewegung arbeitet und als bestinformierter Journalist zum Thema gilt, zeichnet ein subtiles Bild der Veränderungen in Chiapas: "Ob sie nun mit den Zapatisten sympathisieren oder nicht, deren Erhebung hat das Verhalten aller Indígenas verändert. Zwar gab es schon immer Widerstand, aber seither hat er zugenommen und ist gereift. Mit der neu erlangten Würde verschwindet ihre Unterwürfigkeit. Sie behandeln einen von gleich zu gleich und verlangen auch so behandelt zu werden. Sie schauen jedem in die Augen ohne den Blick zu senken. Sie benutzen die Bürgersteige" (La Jornada, 25.2.01).
Während der für seine Reportagen mehrfach ausgezeichnete Bellinghausen eine vorsichtige Aufbruchstimmung unter den 20.000 versammelten Indianern registrierte, welche den Abmarsch der 24-köpfigen EZLN-Delegation in die Hauptstadt einläuteten, werfen konservative Kritiker Marcos und den Zapatisten dagegen seit Jahren vor, dass die Erhebung den Ureinwohnern in Chiapas nicht nur nichts genützt, sondern sogar geschadet habe. Exponenten dieser Sichtweise sind Maite Rico und Betrand de la Grange, Korrespondenten der Tageszeitungen El País und Le Monde. In ihrem 1998 in Mexiko, Spanien und Frankreich erschienenen Buch Subcomandante Marcos, die geniale Hochstapelei sowie in ihren nachfolgenden Artikeln, deren Grundaussagen von vielen Journalen aufgegriffen und variiert wurden, lancierten sie die These, dass sich die soziale Lage der Indianer nicht gebessert habe, die Zapatisten in den von ihnen kontrollierten Gemeinden repressiv vorgingen, "indem sie hartnäckige Gegner als ,Verräter verstoßen und Unvorsichtige zu Zwangsarbeit verurteilen oder ihre Grundstücke konfiszieren". Seit dem Waffenstillstand 1994 seien mehr als 1000 Indianer ermordet worden. "Chiapas hat sich in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem sich Zapatisten und Anhänger der PRI, Katholiken und Protestanten, Indios und Mestizen gegenüberstehen. Der Frieden ist im Endeffekt blutiger als der Krieg" (Der Überblick, 2/00, S. 28).
Marcos, dem sie unterstellen, er benutze die Indianer nur, um seinem Vorbild Che Guevara und seinen Revolutionsidealen nachzueifern, nahm mehrfach zu diesen Anwürfen Stellung. In seiner Argumentationsfigur stellt er der weiterhin miserablen sozialen Lage die er zugesteht die Hoffnung gegenüber, dass mit der Erhebung in Chiapas eine neue historische Phase angebrochen sei, welche den indianischen Gemeinden ein Mehr an Anerkennung und Rechten bringen werde. Auf die anhaltende soziale Misere angesprochen sagte er im Gespräch mit dem spanischen Krimiautor Manuel Vázquez Montalbán (Marcos. Herr der Spiegel, Wagenbach, 2000, S. 145): "Die indianische Bevölkerung in der Konfliktzone ist nicht ärmer als 1994. Ärmer als vor 1994 ist die gesamte mexikanische Bevölkerung, und zwar durch die Folgen des ökonomischen Modells. Der Unterschied zwischen einer zapatistischen und einer nicht zapatistischen Gemeinschaft besteht nur darin, dass die zapatistische Gemeinschaft weiß, ihre Armut hat Zukunft. Sie setzt auf den Widerstand, um emanzipatorische Ziele zu erkämpfen, während die andere in Armut resigniert." Im Interview mit Julio Scherer García, Herausgeber des angesehenen liberalen Wochenmagazins Proceso, griff Marcos dieses Argument wieder auf und spitzte seinen Gedanken bezüglich der Armut folgendermaßen zu:
"Es gibt etwas, was schlimmer ist als all das. Nämlich die Hoffnungslosigkeit denjenigen weiterzuvererben, die nach uns kommen. Du lebst dann mit der Gewissheit, dass all die Schwierigkeiten, die Du hast, Du an Deine Kinder vererben wirst, und zwar ohne die Möglichkeit, diese zu lösen. In diesem Sinne haben unsere Gemeinden verstanden, dass es nicht nur darum geht, der Staatsmacht zu widerstehen, sondern auch ein Alternativmodell zu konstruieren" (11.3.01).
Die bemerkenswert große und positive Resonanz auf "Marcos´ großen Marsch", wie Ignacio Ramonet in Le monde diplomatique (3/01) auf Mao anspielend titelte, zeigt, dass es in Mexiko einen Nährboden für diese Botschaft der Hoffung und der Würde gibt. Sowohl auf der Straße, wo sich mehrere hunderttausend Menschen an dutzenden Manifestationen beteiligten, als auch in den Massenmedien setzte sich eine Stimmung durch, wonach es endlich an der Zeit sei, die Diskriminierung und Entrechtung der indianischen Gemeinschaften zu beenden und diesen den ihnen gebührenden Platz in Mexiko einzuräumen. Dieser Stimmungswandel, der neue politische Rahmenbedingungen für alle Akteure setzt, scheint auch das wichtigste Ergebnis der mehrwöchigen Zapatisten-Tour zu sein. Der Anthropologe Roger Bartra hatte zu Beginn der EZLN-Rundreise noch geunkt, die Emissäre der Zapatisten seien "Teil eines großen Spektakels: Ohne Zweifel wird der Zócalo voll sein und danach bleibt nichts davon übrig" (Proceso, 25.2.01). Auch der Schriftsteller Carlos Montemayor hatte überwiegend "negative Signale" vernommen. Ihm stieß besonders der Widerspruch zwischen den ausschweifenden Erklärungen und den schwächlichen Taten der neuen Regierung unter Präsident Vicente Fox auf. Zwei Monate später sah Montemayor die Dinge schon wesentlich positiver und betonte, dass der Zapatistenmarsch ein Mexiko gezeigt habe, "das wir nicht kennen wollten, das nicht verschwunden ist. Wir müssen uns daran gewöhnen, auch dieses Mexiko zu sehen und zu akzeptieren" (La Jornada, 11.3.01).
Enrique Krauze, einer der bedeutendsten konservativen Intellektuellen und Herausgeber der von Octavio Paz gegründeten Zeitschrift Letras libres, misst der Zapatistenmobilisierung ebenfalls große Bedeutung bei. Ihm zufolge steht die EZLN nun an einer Wegkreuzung. Der harsche Marcos-Kritiker sieht zwei Interpretationsmöglichkeiten der Karawane. Wäre sie in ihrer "Essenz eine Prozession, eine Art weicher Revolution", seien Frustration und ein möglicher Guerillakrieg vorgezeichnet. Sei sie jedoch als "demokratisches Referendum" zu verstehen, "das auf die Herausbildung einer neuen linken Kultur" hindeute, so könne die Mobilisierung positive Folgen für Mexiko zeitigen. Dazu müsse sich aber diese Linke "sofort in eine positive Kraft mit Vorschlägen verwandeln. Sie soll nicht nur marschieren und protestieren, sondern planen und projektieren, die Hand anlegen an Arbeiten, um einen umfassenden Feldzug zu führen, der die Lebensbedingungen der marginalisierten Mexikaner verbessert". Krauze, der im Zapatismus im Wesentlichen das Substrat einer parareligiösen Erweckungsbewegung mit dem Messias Marcos sieht, lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass er an dieser Wendung zweifelt und eher der ersten, pessimistischen Interpretation zuneigt (Proceso, 4.3.01).
Ansichten und Einwände, wie sie Enrique Krauze in Bezug auf den Zapatismus formuliert, sind in den intellektuellen Kreisen Mexikos weder mehrheitsfähig noch sind sie derzeit im offiziellen politischen Diskurs en vogue. Sie bilden jedoch das ideologische Fundament für die reservierte Haltung der "Nationalen Aktionspartei" (PAN), der Partei des Präsidenten Vicente Fox, die im Kongress die relative Mehrheit hat, für Mehrheitsentscheidungen jedoch entweder auf die Stimmen der ehemaligen Staatspartei PRI, der zweitgrößten Fraktion, oder der linkszentristischen PRD von Cuauthémoc Cárdenas angewiesen ist.
Während Präsident Fox seit Amtsantritt im vergangenen Dezember alles daransetzt, um mit den Zapatisten ins Gespräch zu kommen, und deshalb auf deren Marsch mit konkreten Zugeständnissen (Schließung von sieben Militärstützpunkten, Freilassung von etwa 100 inhaftierten Zapatisten) und offiziellem Wohlwollen reagierte, schießt seine eigene Partei quer. So war der Auftritt der EZLN-Kommandantin Esther vor dem Parlament nur möglich, weil erstens der Präsident das Parlament heftig unter Druck setzte und zweitens eine Koalition aus den Oppositionsparteien seine eigene PAN-Mehrheitsfraktion überstimmte, die den Zapatisten mit juristischen Argumenten das Rederecht vor dem Plenum zu verweigern versuchte. Die PAN unterlag in der entscheidenden Abstimmung, boykottierte die historische Sitzung und wurde ex post durch eine sehr gemäßigte Rede der Indígena-Frau zusätzlich blamiert. Der schlaue Fuchs Marcos, ohnehin kein Freund des Parlamentarismus, nahm nicht an der Sitzung teil und nahm so der Kritik, die sich weitgehend auf seine Person fixierte, den restlichen Wind aus den Segeln. Obendrein wurde wieder der schöne Schein aufpoliert, in diesem Fall von der Rednerin Esther, Marcos habe nicht teilgenommen, weil er letztlich nur militärischer Führer sei, "Subcomandante" eben, während sie, die Indígena-Führerinnen und führer, das Leitungsgremium der Zapatistenbewegung seien. Die auch dem Mitläuferego schmeichelnde These: "Setz Dir eine Mütze auf, schau in den Spiegel und es sieht Dir Marcos entgegen!" vom kokettierenden Marcos selbst in die Welt gesetzt und seither vielfach wiedergekaut, zuletzt etwa von der taz-Berichterstatterin Anne Huffschmid (10./11.3.01) , ist nicht nur als blanker Unsinn zu bezeichnen, sondern Marcos selbst hat sie in seinem in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Gespräch mit dem Proceso-Herausgeber Julio Scherer García, dem liberalen journalistischen Gewissen Mexikos, nicht aufrechterhalten. Auf Scherers Vorhaltung, er sei ein charismatischer Führer, reagierte er zunächst abweisend: "Nein, das bin ich nicht", aber als Scherer in dem von zwei TV-Stationen am Samstagabend (zur besten Sendezeit) übertragenen Interview nachfasste und ihm entgegenhielt, das könne er nicht leugnen, schließlich sei es so, zog sich Marcos zuerst vorsichtig zurück, bevor er in der folgenden Passage ehrlich zugab, dass es weder in der Zapatistenbewegung noch außerhalb jemand gebe, der ihm als charismatische Führungsperson gleiche. "Ich leugne nicht, was ich bin. Ich versuche nur die Umstände zu erklären, in der wir uns wiederfinden. In der einen oder anderen Weise verliert oder löscht man die wirkliche Perspektive dessen, was die Person ist. Die meisten unserer Stellungnahmen sind sehr diskutierbar, aber sie werden nicht diskutiert, weil sie in sozialen Umständen stehen, die andere Dinge implizieren. Die Positionen von Marcos zu diskutieren bedeutet, die Legitimität der Sache zu diskutieren. Das ist immer problematisch, vor allem auf intellektueller Ebene" (Proceso, 11.3.2001)
Die im Parlament bevorstehende Debatte um die Verabschiedung des COCOPA-Friedensplanes, das viel zitierte San-Andrés-Friedensabkommen vom 16. Februar 1996, das von der PRI-Regierung unterschrieben und dann auf Eis glegt wurde, muss nun zeigen, ob eine rationale Debatte um die Ursachen des Zapatisten-Aufstandes und den Umgang damit möglich ist. Es gibt vor allem in der Regierungspartei PAN, aber auch in der ehemaligen Staatspartei PRI, eine ganze Reihe von Abgeordneten, die mit den Zapatisten noch ein Hühnchen zu rupfen haben. Es ist gut möglich, dass sie die Parlamentsdebatte nutzen, um nebenbei auch dem Präsidenten Fox eins auszuwischen, der auf eine schnelle Verabschiedung der COCOPA-Initiative setzt, um Chiapas zu befrieden. Alles in allem hat der Zapatistenmarsch die Indianer-Frage auf Platz eins der Tagesordnung gesetzt, wie Enrique Krauze kritisch anmerkte. Ob das aber schon hinreichend ist für deren erfolgreiche parlamentarische Bearbeitung, scheint derzeit noch offen.