Die Last der Vergangenheit und die Last des Erinnerns

Lily Brett im Gespräch mit Peter Klingebiel

Lily Brett wird 1946 in einem Lager für Displaced Persons in Bayern geboren. Ihre Eltern, polnische Juden, heirateten im Getto von Lodz, überlebten Auschwitz und fanden sich erst nach sechs Monaten Trennung wieder. 1948 übersiedelt die Familie von Deutschland nach Australien. Mit 20 Jahren beginnt Lily Brett als Journalistin für ein Rockmagazin zu schreiben und interviewt unter anderen Jimi Hendrix, Mick Jagger, Janis Joplin und Jim Morrison. Mitte der Achtziger wendet sie sich der Schriftstellerei zu und veröffentlicht einige Gedichtsammlungen, darunter die preisgekrönten Auschwitz Poems (1986, dt. 2001). Mit ihrem ersten Roman Einfach so (1994, dt. 1998) landet die Autorin einen Überraschungserfolg. Lily Brett erzählt darin von der New Yorkerin Esther Zepler, dem Kind polnisch-jüdischer Auschwitz-Überlebender, und ihrer ebenso schwierigen wie liebevollen Beziehung zu ihrem Vater Edek, eine Anatomie des Lebens und Überlebens. Es folgen die Essaysammlungen Zu sehen (1997, dt. 1999) und New York (2000). Seit über zehn Jahren lebt Lily Brett mit ihrem Mann, dem Maler David Rankin, und ihren drei Kindern in New York. Anlässlich einer Lesereise im Frühjahr 2001 durch Deutschland, Österreich und die Schweiz traf Peter Klingebiel Lily Brett in Frankfurt.

Ihr Buch Zu viele Männer beginnt mit einer drastischen Szene: Die Protagonistin Ruth Rothwax erinnert ihre letzte Begegnung mit einer Gruppe von Deutschen, denen sie "am liebsten die Augen ausgestochen" hätte. Haben Sie ähnliche Empfindungen, wenn Sie in Deutschland sind?

Nein, nein. Ich habe auch nicht so empfunden, bevor ich tatsächlich das erste Mal nach Deutschland gekommen bin. Ich bin jetzt zum fünften Mal hier, in drei Jahren. Vor meinem ersten Besuch hatte ich keine Erfahrung als Erwachsene in diesem Land. Ich hatte auch Angst vor einem Besuch. Das war irrational, es war keine rationale Angst. Aber ich habe nie das im Buch beschriebene Gefühl gehabt.

Deutschland hat viele Probleme mit Rechtsradikalen und Neonazis. Es gibt zunehmend Übergriffe auf ausländische Mitbürger und jüdische Einrichtungen. Fühlen Sie sich in Deutschland sicher?

Ja, ich fühle mich hier sicher. Deutschland ist nicht das einzige Land, das Probleme mit Neonazis hat, es gibt ähnliche Probleme in ganz Europa.

Ich selber habe bei meinen Besuchen in Deutschland aber ganz andere Erlebnisse gehabt. Für mich ist das eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, denn ich sehe, dass ich eine starke Verbindung zu Deutschen habe. Wir sind durch die gleichen geschichtlichen Ereignisse verbunden. Wir sind durch die gleichen geschichtlichen Ereignisse belastet. Und wir sind auch in auffallend ähnlicher Weise belastet. Eine ganze Generation von Deutschen, die, die jetzt 65 oder 70 Jahre alt sind, die während des Nazi-Regimes noch nicht erwachsen waren, sind mit dem Schweigen ihrer Familien über diesen Teil ihrer Geschichte aufgewachsen. Sie sind mit der Scham, Deutsche zu sein, und mit Schuldgefühlen über ihr Land und ihre Kultur groß geworden. Diese Erkenntnis war für mich ziemlich schockierend, denn für die Kinder der Opfer verhält es sich doch ganz genauso: Für eine ganze Generation, für die, die damals noch nicht geboren waren, ist es das gleiche Schweigen, das Schweigen über die Vergangenheit, die ständigen Fragen, was passiert ist.

Ich glaube, alle Kinder fühlen sich schuldig, wenn es den Eltern schlecht geht. Ich kann mich mit sehr vielen Deutschen identifizieren. Viele Leser meiner Bücher haben mir außergewöhnlich anrührende Dinge mitgeteilt. Und ich bin schockiert, weil ich verstehen kann, wie schmerzhaft es ist, die Eltern oder die Großeltern zu betrachten und zu überlegen, was sie getan haben und was sie nicht getan haben. Ich bin mit einem Gefühl von Grauen darüber aufgewachsen, was damals wohl bloß passiert sein mag. Ich wusste, es musste etwas ganz Schlimmes passiert sein. Seit ich vier Jahre alt war, sagte meine Mutter zu mir: "Du wirst nie, nie wissen, was ich alles durchgemacht habe." Und solange ich klein war, war mir klar, dass ich das nie, nie wissen würde.

Das zu verstehen, war in meinem Leben ganz wichtig. Ich habe hier in Deutschland so viele Leute kennen gelernt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Wenn sie erzählen, dass sie sich in meinen Büchern wiederfinden, macht mich das sehr glücklich, denn darin liegt eine grundlegende Wahrheit: Es ist egal, wer wir sind, es ist egal, welche Farbe unsere Haut hat, es ist egal, welcher Religion wir angehören, es ist egal, in welchem Land wir leben, und es ist egal, mit welcher sexuellen Präferenz wir leben, wir sind in gleicher Weise menschliche Wesen. Wenn wir das nicht verstehen, ist das der Anfang einer echten Katastrophe für alle.

Sie wurden in Deutschland geboren. Konnten Sie als Kind Deutsch sprechen?

Ich wurde hier geboren und zwei Jahre später sind meine Eltern mit mir nach Australien ausgewandert. Als Kind konnte ich Deutsch und habe es dann auch in der Schule gelernt. Meine Mutter war nämlich felsenfest davon überzeugt, dass es für mich wichtig sei, Deutsch zu können, falls die Nazis nach Australien kämen. Als Teenager war ich nicht sehr überzeugt von ihrer Meinung und habe ihr vorgehalten: "Na klar, wenn sie kommen, werde ich sie mit ,Guten Abend, Herr Nazi‘ begrüßen." Aber für sie war es enorm wichtig, dass ich Deutsch lerne. Mit 18 bin ich das erste Mal wieder nach Deutschland gekommen. Ich habe meinen Eltern aber nicht davon erzählt. Ich bin auch nur auf einen Sprung gekommen, ein kurzer Besuch in Dachau, und dann nichts wie weg.

Haben Ihnen Ihre Eltern von der Nazi-Zeit und der Zeit im Konzentrationslager erzählt?

Meine Eltern haben mir nie von sich aus erzählt, was passiert ist und was sie erlebt haben. Sie haben eher versucht, mich davor zu bewahren, so wie alle Eltern versuchen, ihre Kinder zu behüten. Das eine oder andere ist meiner Mutter dann doch rausgerutscht. Sie hatte vier Brüder, drei Schwestern, eine Mutter, einen Vater, eine Oma, einen Opa, Onkeln, Tanten, Cousins, Cousinen, Neffen, Nichten. Alle, alle sind von den Nazis ermordet worden. Als meine Mutter aus dem KZ befreit wurde, war sie das einzige Mitglied ihrer Familie, das noch am Leben war. Sie war 17, als sie ins Getto von Lodz eingesperrt wurde. Und es ist ja auch nicht eben mal so, in einem Nebensatz, zu erwähnen, was ihr in diesen unaussprechlichen sechs Jahren passiert ist. Es funktioniert aber auch nicht, so etwas erlebt zu haben und es nicht irgendwie weiterzugeben. Ich wusste, dass etwas ganz Schlimmes passiert war, ich wusste aber nicht, was passiert war. Und das, was ich wusste, konnte ich auch nicht richtig einordnen.

Mit 18 kannte ich die gestreiften Uniformen von KZ-Insassen. Ich bin in Dachau herumgelaufen, als ob ich selbst dort gelebt hätte. Niemand hat mir von sich aus etwas darüber erzählt, doch aus unterschiedlichen Quellen habe ich das eine oder andere erfahren. Ich wusste von Babys, deren Köpfe zerschmettert wurden. Ich wusste, dass meine Mutter Jüdin ist, und dass sie wusste, zu welchen Untaten Menschen fähig sind.

Ich hatte eine Mutter, die mit seelischem Schmerz gelebt hat, immer mit seelischem Schmerz. Sie hatte ihre Familie, ihre Kultur, ihr Land, ihre Sprache, ihre Bildung, ihre Jugend verloren. Sie hatte nichts mehr zu verlieren. Wie konnte sie nach all dem weiterleben? Sie und mein Vater, der seine Leiden nicht so gezeigt hat, haben beide in einer Fabrik gearbeitet. Meine Mutter, die einmal Kinderärztin werden wollte, musste in einer Fabrik arbeiten. Sie war sehr intelligent und wunderschön, und sie musste in einer Fabrik arbeiten. Mein Vater vergrub sich in Büchern, wenn er nicht Doppelschichten in der Fabrik arbeiten musste.

Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass unser Haus voll war mit Toten und dass die Toten viel wichtiger und viel lebendiger waren als sonst irgendetwas. Die Toten waren es, die wirklich mit uns gelebt haben. Meine Eltern wollten mir nichts von sich aus erzählen.

Mein Vater war sehr aufgeregt, als ich anfing über die Vergangenheit zu lesen. Er sagte: "Warum musst du so etwas lesen? Es wird dich noch umbringen." Ich habe ihn angesehen und geantwortet: "Das Lesen soll mich umbringen? Ganz wenige Bücher haben jemals irgendjemand umgebracht. Doch ihr habt all das erlebt. Ich werde nicht deswegen sterben, weil ich darüber gelesen habe." Aber meine Eltern wollten es nicht. Ich kann es verstehen, da war so viel Schmerz und so viel Demütigung. Warum sollten sie jemand davon berichten? Und besonders einem unschuldigen Kind? Ich war ihre Zukunft, ihre große Hoffnung.

Wann haben Sie angefangen, sich mit dem Holocaust und der Vergangenheit intensiver zu beschäftigen?

Da war ich schon ziemlich alt, in meinen frühen Dreißigern. Ich habe immer schon einiges gewusst. Dann habe ich eines Tages den plötzlichen Entschluss gefasst, mir unbedingt anzusehen, woher meine Eltern kamen. Ich bin vorher nie in Polen gewesen, ich habe nicht einmal geglaubt, dass es Polen in Wirklichkeit gibt. Ich dachte, Polen sei ein abstrakter Ort des Schreckens und kein reales Land. Es war für mich ein richtiger Schock zu begreifen, dass dieses Land tatsächlich immer noch existiert. Das war der Wendepunkt für mich. Damals habe ich angefangen, alles zu diesem Thema zu lesen, was mir in die Finger fällt, und ich habe angefangen, mit meinen Eltern darüber zu reden. Und einmal damit angefangen, konnte mich nichts mehr aufhalten.

Ab wann haben Sie über dieses schwierige und schreckliche Thema geschrieben?

Ich habe damals als Journalistin gearbeitet und schrieb Reportagen über Prominente. Ich glaube sogar, ich bin Journalistin geworden, weil ich die Fragen, die mich bewegten, meinen Eltern nicht stellen konnte. Und dann hat mich auch mein Mann ermutigt, als er eines Tages zu mir sagte: "Du bist ja viel interessanter als all die Leute, über die du schreibst." Er machte mir den Vorschlag, im Job ein Jahr Pause zu machen und mir dann anzusehen, was ich geschrieben habe. Ich wusste gar nicht, wovon er spricht, ich wollte überhaupt nicht aufhören zu arbeiten. Aber dann habe ich es doch getan. Was am Ende dabei herauskam, war für mich ein Schock, es waren die Auschwitz Poems.

Das also war das Ergebnis meines Schreibens. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet, ausgerechnet über dieses Thema nachzudenken und zu schreiben. Es war in gewisser Weise wie ein Signal, das mir gezeigt hat, womit ich mich die nächsten 20 Jahre beschäftigen sollte. Aber das war mir damals natürlich noch nicht klar. Ich war sehr glücklich, denn ich habe einen der bedeutendsten Lyrikpreise meines Heimatlandes gewonnen. Und dann kam das Buch auch noch in die engere Auswahl eines bedeutenden Literaturpreises, gegen alle Romane und Erzählungen. All das gab mir so viel Vertrauen, dass ich begann, über ein Leben mit immer weniger journalistischer Arbeit nachzudenken. Dann hat es noch einige Jahre gedauert, bis mir klar war, dass ich jetzt an dem Punkt angelangt war, Bücher zu schreiben.

Haben Sie beim Schreiben eine Absicht, ein Ziel, oder erleben Sie das eher als eine innere Notwendigkeit?

Um schreiben zu können, muss man einen starken inneren Wunsch dazu verspüren und dann sehr diszipliniert sein. Man muss sehr viel Zeit mit sich selbst verbringen und den starken Wunsch haben, alles sagen zu wollen, egal, was es ist. Und wenn man schreibt, ist das oft wie Zauberei: Man wundert sich, wie das alles in einem hochkommt.

Ich war sehr gern Journalistin, ich habe schon immer gern geschrieben. Was ich schreibe, spielt dabei keine so wichtige Rolle. Ich schreibe einen Einkaufszettel und ich bin richtig glücklich darüber. Ich gehöre nicht zu denen, die hundert Dinge gut beherrschen. Aber was ich gut kann, ist Schreiben, und womit ich mich sehr vertraut fühle, ist ein Blatt Papier und ein Stift in der Hand. Dann habe ich festen Boden unter den Füßen.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich in meinem Leben an einem Punkt angelangt bin, allein zu entscheiden, worüber und was ich schreiben möchte. Ohne Schreiben wäre ich eine unausstehliche Zeitgenossin. Ich würde alle, die mich gern haben, verrückt machen. Wenn ich nicht schreibe, frage ich meine Kinder ständig danach, was sie gerade machen. Wenn ich schreibe, kümmere ich mich um sonst gar nichts, ich will nur schreiben. Ich möchte direkt aus dem Herzen sprechen und so die Herzen anderer berühren. Daher konzentriere ich mich darauf, alles so klar wie mir möglich zu sagen.

In Zu viele Männer führen Sie den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß ein. Warum?

Das ist schon komisch, denn mir scheint, die Leute verstehen es ganz oder gar nicht. Für mich ist es ein sehr wichtiger Teil des Buchs. Ich wollte mich mit diesem Thema schon lange beschäftigen und habe nur auf die passende Gelegenheit gewartet. Ich wollte mich mit einem Nazi beschäftigen. Es sollte ein höher gestellter Nazi sein, aber nicht eine Karikatur. Zu viele der führenden Nazis sind Karikaturen: Goebbels, Göring und so weiter. Auch Hitler ist eine Karikatur. Über ihn zu schreiben ist sicherlich sehr schwierig. Alle glauben, Hitler ist ein Monster. Hitler, Göring und die anderen sind Karikaturen, sie sind keine menschlichen Wesen mehr. Daher wollte ich eine Person, die eine bedeutenden Rolle spielte, aber keine Karikatur war. Und ich wollte zeigen, dass diese Person ein ganz normaler Mensch war. Denn in Wirklichkeit ist Rudolf Höß ein normales menschliches Wesen, so wie du und ich. Das zu verstehen, halte ich für sehr wichtig. Er war ein guter Ehemann, er war ein guter Vater, er war ein sehr effizienter und disziplinierter Arbeiter. Er hat seine Arbeit gut erledigt. Seine Arbeit bestand nun einmal darin, Menschen zu ermorden. Aber er war ein ganz normaler Mensch, nicht besser und nicht schlechter als du und ich. Es ist zu einfach, eine Katastrophe damit zu begründen, dass sie von Monstern ausgelöst wurde, Monstern, die nun wirklich nicht wie du und ich sind. Deswegen habe ich Rudolf Höß ausgewählt. Denn in jedem von uns ist ein Stück Höß, mit seinen guten und seinen schlechten Seiten.

Sicher ist in jedem von uns ein Stück Rudolf Höß. Dennoch habe ich nicht verstanden, wie Sie Höß ihn die Story eingebaut haben.

Meinen Sie die Konstruktion, wie ich Höß in mein Buch eingebaut habe, weder richtig lebend noch richtig tot? Das habe ich so gemacht, weil ich eine gewisse Zweideutigkeit wollte. Es ist sehr schwer, einen Toten in einem Roman auftauchen zu lassen. Daher wollte ich in diesem Punkt eine gewisse Zweideutigkeit. Wer ist er? Gibt es tatsächlich einen Ort wie die Hölle? Glauben Sie, Sie haben eine Möglichkeit an der Hölle vorbeizukommen, wenn Sie eine neue Lektion im Leben lernen? Ist es nur Einbildung oder ist es wirklich möglich? Sind wir mehr, als wir verstehen können? Ist es möglich, dass wir eine Verbindung zu einer Person haben, die nicht mehr lebt? Für mich ist das eine klare Sache. Meine Mutter starb vor 14 Jahren. Für mich ist sie aber noch sehr lebendig, denn ich habe sie sehr geliebt. Für mich ist es möglich, mit meiner Mutter zu reden. In den ersten zehn Jahren nach ihrem Tod konnte ich ihren Namen nicht hören ohne loszuheulen. Daher ist es meiner Meinung nach möglich, mit einer Person zu reden, die bestimmt nicht mehr am Leben ist. Das ist möglicherweise wie ein Geist, der in uns allen lebt.

Wie ein Dibbuk aus der jüdischen Mystik?

Ja. Eine Person, die physisch gar nicht mehr anwesend ist, kann sehr viel Kraft haben. Für Ruth Rothwax war die Begegnung mit Höß zwingend. Für sie war es eine Begegnung, eine Wechselwirkung, eine Beziehung zu einer Person, die mit ihrer Vergangenheit und mit der ihrer Eltern eng verbunden war. Irgendwie hatte ich am Ende des Buchs das Gefühl, dass sie es hinter sich hatte, weil sie sich auf ihn eingelassen hat. Einige Leute sagten mir, dass ich es fertig gebracht habe, Sympathie für ihn zu wecken. Das hat mich sehr gefreut, denn ich glaube, es ist sehr wichtig, menschlich zu bleiben und niemals, niemals unmenschliche Gefühle gegenüber einem anderen Menschen zu haben. Denn ich bin mit dem handfesten Beweis aufgewachsen, was passiert, wenn man nicht mehr wie ein Mensch handelt.

Wie wird Zu viele Männer in Australien und den USA aufgenommen? Welche Reaktionen erleben Sie?

Das Buch erscheint in Amerika erst im August. Mein Verleger ist zwar hellauf begeistert davon, aber ich weiß nicht, wie es von der Öffentlichkeit aufgenommen wird. In Australien war ich regelrecht betroffen, denn es ist ein furchtbar dickes Buch. Ich dachte, niemand wollte es lesen. Es ist ja auch ganz schön schwer, es mit sich herumzuschleppen. Daher war ich von seinem Erfolg – Nummer eins auf der Bestsellerliste – sehr überrascht, denn ich kann ja gut verstehen, wie schwer es zu lesen ist. Es war aber auch sehr schwer, es zu schreiben. Ich machte eine Lesereise durch Australien, und was mich dabei sehr glücklich machte, war die große Anzahl von jungen Leuten bei meinen Lesungen. Denn sie sind die Zukunft. Die Zukunft liegt in den Händen einer Generation, die hoffentlich mit ein wenig Glück etwas aus der Geschichte gelernt hat.

(Ich danke meiner Kollegin Juanita Biensack ganz herzlich für die englische Abschrift des Bandes und ihre Hilfe bei der Übersetzung.)

 

 

Ein Mann zu viel

Ruth Rothwax hat ihr Leben unter Kontrolle: Zum dritten Mal geschieden, lebt die knapp über 40-Jährige ohne Mann und Kinder in New York und ist beruflich mit einer gut gehenden Korrespondenz-Agentur sehr erfolgreich. Sie schreibt Briefe für andere Leute, die diese selber nicht zu Papier bringen. Der Alltag ist wohl geordnet, alles hat seinen festen Platz. Wäre da nicht die Vergangenheit: Ruth ist das Kind polnischer Juden, die während der Nazi-Zeit unsägliches Leid erlitten haben, das Getto von Lodz und das KZ Auschwitz überlebt haben. Mutter Rooshka ist mittlerweile verstorben, Vater Edek lebt noch in Australien, wohin die Familie nach Krieg und Befreiung ausgewandert war. Die eigene Geschichte liegt wie ein Schatten auf jeder alltäglichen Verrichtung, die Gegenwart ist unlösbar mit der Vergangenheit verbunden und von ihr bestimmt. Ruth überredet Edek, sie nach Polen zu begleiten und die Orte der Erinnerung aufzusuchen. Die Stationen der Spurensuche sind Warschau, Lodz, Krakau und zuletzt Auschwitz und Birkenau.

Wie schon in ihrem ersten Roman Einfach so beschreibt Lily Brett auch in Zu viele Männer genau und einfühlsam die Sorgen und Nöte des Kindes von Holocaust-Überlebenden und erweist sich dabei erneut als Meisterin der ironischen Betrachtung des Alltags, in dem Komik und Trauer nahe beieinander liegen und sich ständig abwechseln. Mitten in einer komischen Szene überrumpelt sie den Leser mit der Erinnerung an das Unfassbare, das Lachen bleibt im Halse stecken. Fast grotesk ist die Beschreibung der Gier eines alten polnischen Ehepaares, das jetzt im ehemaligen Haus der Familie wohnt und den Besuchern aus Übersee die eigens hierzu lange gehüteten Familienfotos und Einrichtungsgegenstände für teure Dollars verkauft. Großartig gerät die Kritik an der Kommerzialisierung des Holocaust, die Auschwitz auf ein Museum reduziert und die Stätten des Grauens und des Gedenkens mit dem schlichten Satz bagatellisiert: "Auch hier hat Spielberg ,Schindlers Liste‘ gedreht!"

Zu viele Männer hat durchaus Schwächen. Insbesondere die Kapitel, in denen der 1947 hingerichtete ehemalige Kommandant des KZ Auschwitz, Rudolf Höß, im Dialog mit Ruth Rothwax auftaucht, sind matt. Wie Lily Brett Höß als Biedermann und als "Mensch wie du und ich" darstellt, der sich für seine Taten gegenüber Ruth rechtfertigt, er habe doch nur seinen Job gemacht, ist gekonnt und zum Verständnis des Holocaust ohne Zweifel wichtig, stört aber den Fluss und die Stringenz des Romans: Höß ist ein Mann zu viel.

Trotzdem: Zu viele Männer ist eine wunderbare Geschichte, eine Liebeserklärung an den Vater, ein lohnendes Buch.

Peter Klingebiel

Lily Brett, Zu viele Männer. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz, Wien (Deuticke) 2001 (655 Seiten, 49,90 DM) – Auch die übrigen Bücher der Autorin im Deuticke Verlag.