Martin Altmeyer
In Fragen der Bioethik sind wir dabei, in einen Raum einzudringen, den die Menschheit einmal aus guten Gründen zur Tabuzone erklärt hatte. Die anhaltende Debatte über die edlen Zwecke der "verbrauchenden" Embryonenforschung und der selektiven Implantation künstlich befruchteter Eizellen hat ein bereits morsches Tor eingedrückt, hinter dem diese Zone der Unverfügbarkeit bisher geschützt lag. Die Schwindel erregende Aussicht auf das Utopia einer Regeneration der Gattung, die sich nun eröffnet, verstärkt den Sog, der uns im Strudel der Lebenswissenschaften zu neuen Ufern der Plan- und Herstellbarkeit zieht. Aber der Zustand des Schwindels, steht er auch in diesem Fall am Beginn der Weisheit, wie Sokrates die Entwicklung neuen Wissens einmal beschrieben hatte?
Jenseits des Rubikon
Der Geschosshagel der Sequenzierroboter hat nicht nur das Humangenom in seine molekularen Bestandteile zerlegt, er hat auch schwere Schäden am Damm hinterlassen, den Recht und Moral gegen die Embryonenforschung aufgerichtet hatten. Die berufsethischen Bedenken der Ärzte sind mit dem Hinweis auf zukünftige Heilungschancen von ihrer eigenen Standesvertretung relativiert worden. Die grundsätzlichen Einwände der Moralphilosophie gegen die Instrumentalisierung von Embryonen sind von den Vertretern einer utilitaristischen Ethik zunächst zur reinen Meinungsäußerung, dann mit dem Hinweis auf verschenkte therapeutische Optionen gar zum Ausdruck einer unmoralischen Position erklärt worden. Die Bedürfnisse einer vereinigten Lobby aus Gesundheitsindustrie und Forschung sind mit Hilfe von Standortüberlegungen und Arbeitsplatzargumenten in den Rang schutzbedürftiger Interessen der Nation erhoben worden.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die aus Angst vor der fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz lange Zeit die Linie der Erforschung adulter Stammzellen favorisiert und das strenge Embryonenschutzgesetz verteidigt hatte, ist rechtzeitig umgeschwenkt und hat das entscheidende Signal zum Sturm gegeben. Am gleichen Tag, an dem der Kanzler seinen nationalen Ethikrat berief, verkündete die DFG durch den Mund ihres Vorsitzenden Winnacker (Schröder-Berater und Mitglied des Rats, Genforscher und Biotech-Unternehmer, Aufsichtsrat eines großen Pharmaunternehmens und Cheflobbyist der Branche alles in einer Person und ohne Interessenkonflikte selbstverständlich): Um den Anschluss an die internationale Forschung nicht zu verlieren und die viel versprechenden Entwicklungen neuer Therapien bei schwersten Erkrankungen zu fördern, müsse die embryonale Stammzellenforschung erlaubt werden der Rubikon sei mit der Zulassung von künstlicher Befruchtung, Abtreibung und Nidationshemmern wie der Spirale längst überschritten.
Fundamentalistische Lebensschützer und versprengte Intellektuelle aus allen Lagern, die deutsche Bischofskonferenz und eine standhafte Justizministerin, die liberale Presse und ein Großfeuilleton, das nach einem zwischenzeitlichen Ausflug in den wissenschaftsgläubigen Futurismus zur kritischen Vernunft zurückgekehrt ist, die Evangelische Kirche (aber auch sie schon mit offenen Optionen) und die Grünen (auch sie schon mit Bewegung in der Führungsspitze), so scheint es, halten die letzte Bastion gegen den Fortschrittsmythos, der sich als radikale Aufklärung über die natürlichen Grundlagen menschlichen Lebens verkleidet und die Menschenwürde des Embryos gegen die Solidarität der Gattung aufrechnet. Jetzt hat sich der Bundespräsident dazugesellt und bietet dem Kanzler moralisches Paroli: Ethisch Unzulässiges werde nicht dadurch zulässig, dass es wirtschaftlichen Profit verspricht; vermeintlich edle Zwecke heiligten nicht jedes unedle Mittel es gebe auch diesseits des Rubikon genügend Raum für Forschung, die der Menschheit dient. Klingt das nicht wie die ferne Stimme aus einer vergangenen Epoche? Hat sich hier nicht eine Koalition der Ewiggestrigen zusammengefunden, die sich dem unaufhaltsamen Strom des Fortschritts entgegenstemmt und untergehen wird? Sind die Bedenken nicht altmodische Marotten von Leuten, die die neue Zeit nicht mehr verstehen?
Die Politik jedenfalls scheint bereit, den Heilsversprechen der Biowissenschaften zu vertrauen und die rechtlichen Barrieren zu lockern, welche den Forscherdrang bisher begrenzt haben. Die SPD wird ihrem Kanzler und seinen Jungministerinnen für Forschung und Gesundheit auf dem mit einer kreativen Sozialethik gepflasterten Weg in die neue Ideologiefreiheit folgen. Die Grünen werden diesem Zug der Zeit, der von der FDP unter Dampf gehalten wird, nicht viel entgegenstellen. Die CDU hat ihr christliches Menschenbild ohnehin geopfert und windet sich gerade noch in fundamentalistischen Restzweifeln an der biotechnologischen Zukunft. Das deutsche Parlament das wäre meine Prognose angesichts der rapiden Erosion moralischer Bedenken und der suggestiven Wirkungen der kurativen und wirtschaftlichen Hoffnungen wird über kurz oder lang den Weg freigeben.
Die Freigabe wird zunächst wohl auf die Präimplantationsdiagnostik (PID) beschränkt werden, weil die genetische Untersuchung den Embryo nicht vernichtet, sondern "bloß" seiner Einpflanzung vorbeugt, falls er Schäden im Erbgut aufweist. Aber jedem Eingeweihten ist klar, dass es kein Halten geben wird. Warum sollte die Selektion auf die Resultate der seltenen künstlichen Befruchtung beschränkt bleiben und der Wunsch nach dem genetisch gesunden Kind anderen Eltern abgeschlagen werden, wenn sie pränatale Qualitätssicherung verlangen? Die bei der In-vitro-Fertilisation entstandenen überzähligen Embryonen, die als "Waisenkinder" der Reproduktionsmedizin keine Gebärmutter gefunden haben, soll man sie wirklich sinnlos vernichten, wo sie in den Kühlhäusern bereits auf ihre nützliche Verwendung warten? Das "therapeutische" Klonen auf dem Weg zu einer Zelltherapie, an die sich die Hoffnungen großer Patientengruppen knüpfen, warum sollte es verboten oder vom teuren Import embryonaler Stammzellen abhängig bleiben? Die ethischen und rechtlichen Weichen werden für den unaufhaltsamen Zug des biomedizinischen Fortschritts nach dem gleichen Muster gestellt wie bei der Debatte um den Hirntod, die der Organtransplantation den Weg gebahnt hat: Die Definition des menschlichen Lebens wird unter den Fortschritten der Wissenschaft variiert und den Desideraten einer biomedizinischen Industrie angepasst der technologischen Dynamik folgt eine plastische Ethik und dieser wiederum das normsetzende Recht.
Die DFG hat Recht: Der Rubikon ist bereits überschritten. Es geht der Forschungslobby darum, die bestehende Furt zu verbreitern, wenn nicht den ganzen Fluss trockenzulegen, dessen Wasserstand erschreckend abgesunken ist. Die Biopolitik braucht diese Grenze nicht, die bloß eine trostlos kontingente Gegenwart von ihrer heilen Zukunft trennt. Sie möchte nicht nur den "Geburtenfatalismus" durch die "optionale Geburt" ersetzen, wie es Sloterdijk zur Eröffnung der bioethischen Großdebatte in seiner berüchtigten Elmauer Rede vorschlug. Ihre anthropotechnische Planungsvision geht weiter: Der grausame Zufall ist überhaupt auszuschalten, der behinderte Kinder und erbkranke Menschen erzeugt, schwer erträgliche Tatsachen des Lebens Krankheiten, das Altern, der Tod werden sich eines Tages abschaffen lassen. Die Umrisse einer neuen Biopolitik jenseits des Rubikon zeichnen sich ab.
Das Credo des biologischen Szientismus
Aber auf welches gesicherte Wissen stützt sich diese grenzüberschreitende Vision und auf welche seriösen Prognosen? Für welche gentechnologisch angestrebte Interventionen gibt sie die moralischen Standards und rechtlichen Sicherungen preis, unter denen bisher werdendes menschliches Leben geschützt war? Was sind die biologischen Risiken dieser Eingriffe? Welchen Entwicklungsmodellen folgen sie? Welche Paradigmen der Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten liegen zugrunde, deren Behandlung in Aussicht gestellt wird? Die großen Volkskrankheiten mit komplexer Ätiologie wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose (die üblichen Verdächtigen also), lassen sie sich heilen mit Methoden des gentherapeutischen Eingriffs, der regenerativen Zelltherapie, der Züchtung und Implantation neuer Organe?
Das Credo des biologischen Szientismus, der die öffentliche Meinung in seinen Bann geschlagen hat, lautet vereinfacht etwa folgendermaßen. Mit den molekularen Bausteinen im Genom des Menschen haben wir die natürlichen Grundlagen seiner Existenz entdeckt, die uns bisher verborgen waren. Programmiert sind allerdings auch Eigenschaften, die uns unwillkommen sein mögen, wie etwa der natürliche Alterungsprozess der Zellen. Und das Programm kann fehlerhaft sein, Abweichungen von einer genetischen Norm enthalten, die als (Prä-)Dispositionen zwangsläufig oder unter bestimmten zusätzlichen Bedingungen zu Erbkrankheiten führen. Die Diagnostik des individuellen Erbguts erlaubt uns zunächst die Kenntnis solcher Veranlagungen, die wir zur Entwicklung spezifischer, individuell wirksamer Heilmittel (Medikamente) brauchen oder auch zur präventiven Einrichtung einer Lebensweise, die den genetischen Risiken angemessen ist. Irgendwann wird uns aber auf der Basis erweiterten Wissens eine kausale Behandlung gelingen, wenn wir nämlich die Mittel zu einer gentherapeutischen Korrektur zur Verfügung haben.
Damit wir die genetische Disposition für solche Erbkrankheiten ermitteln und Techniken zu ihrer Kompensation oder Beseitigung entwickeln können, brauchen wir weitere humangenetische Forschung. Insbesondere müssen wir das komplizierte Wachstumsgeschehen in der Zelle erforschen, also etwa die Prozesse, die zur ihrer Entartung führen (wie beim Krebs) oder zu ihrer Degeneration (wie bei manchen Erkrankungen des Nervensystems). Am besten geeignet für solche Grundlagenforschung sind menschliche Stammzellen, die molekularbiologischen Alles-Könner, aus denen sich die verschiedenen Gewebe und Organe entwickeln. Die Stammzellenforschung wird uns nicht nur ermöglichen, die komplizierten Prozesse der Zellentwicklung besser zu verstehen, sondern auch funktionell differenziertes Zellgewebe zu züchten. In der Petrischale bauen wir mit unserem Wissen und Können die Bestandteile des menschlichen Lebens nach, die wir eines Tages zu Reparatur- oder Ersatzzwecken an geschädigte, degenerierte oder sonst in ihrer Funktion eingeschränkte Organe transportieren werden.
Dass es sich dabei um ein plausibles Forschungsprogramm mit praktikablen Anwendungsaussichten handelt, wird in der gegenwärtigen Großdebatte über Bioethik stillschweigend unterstellt, wenn sie sich auf die kritische Frage der ethischen Zulässigkeit konzentriert. Die Biopolitik stellt, wenn sie eine Prüfung dieser zweifelhaften Annahme unterlässt, einen ungedeckten Wechsel auf die Zukunft aus, dessen Deckung nicht in Sicht ist und der nicht nur mit verlorenen Forschungsgeldern bezahlt werden muss, wenn er platzt. Meine grundsätzlichen Zweifel fasse ich in der Form dreier Einwände zusammen.
Erster Einwand: Die Komplexität des Organismus
Unser Wissen über die molekularen Verhältnisse im hochinteraktiven Netzwerk der Biochemie des Lebens ist immer noch geringer als unser Nichtwissen. Mit dem entzifferten Humangenom haben wir eine unendlich lange digitale Konstruktion von Zeichen, von denen nur ein kleiner Teil codiert ist, also Erbinformationen trägt. Von diesen Genen im eigentlichen Sinne wissen wir, dass sie Eiweiße bilden, Proteine, die für die Eigenschaften der Zelle verantwortlich sind. Wie die eigentlichen Gene miteinander verkoppelt sind (sie sind nicht unabhängig voneinander), in welchen Wechselbeziehungen sie mit ihrer Umgebung stehen (sie stehen), was der große nicht-codierte Rest für eine Bedeutung hat (er ist nicht bloß biologischer Abfall aus der Evolution), darüber wissen wir wenig.
Weil es sich bei der gefeierten Sequenzierung des Humangenoms um eine computergestützte Technik des Zerlegens in kleinste Einheiten handelt, bei der das Erbgut gewissermaßen in seine molekularen Teile "zerschossen" wird, haben wir lediglich eine Art statisches Fundament. Um etwas über die dynamischen Vorgänge in der Zelle zu erfahren, müssten wir nicht nur die beteiligten Gene kennen, die Transkription, sondern auch die Proteine als die eigentlichen zellbiologischen Aktivisten. Ein einziges Gen kann aber viele und unterschiedliche solcher Eiweißmoleküle codieren, deren Gesamtheit das Proteom einer Zelle bilden. (Die Proteomforschung steht deshalb im Zentrum der zweiten Phase des Humangenom-Projekts.)
Das Proteom der menschlichen Nervenzelle etwa enthält Tausende, die für deren enorme funktionelle Vielfalt sorgen. Die Proteinvarianten, die letztlich für die Eigenschaften einer Zellart verantwortlich sind, werden durch Entwicklungsphase, Organumgebung und Umwelteinflüsse und weitere Mechanismen reguliert, die sich unserer Kenntnis entziehen. Wir haben es hier mit einem komplizierten Netzwerk zu tun, dessen Bildung keinem einfachen Kausalmodell folgt. Inzwischen gibt es sogar Zweifel, ob dem Gen überhaupt eine materielle Substanz entspricht (wie es beim Chromosom unzweifelhaft der Fall ist). Womöglich handelt es sich lediglich um ein Konzept, mit dem wir uns seine generierende Wirkung plausibel machen. Die Funktionen, die wir diesem Konzept aufgebürdet haben, nämlich gleichzeitig das Erbgut der Menschheit zu sichern, die Entwicklung des Einzelnen zu programmieren und die Merkmale seiner äußeren Erscheinung (den Phänotyp) festzulegen, hat die Evolution jedenfalls in einem komplexen Zusammenspiel geregelt, an dem außer der DNA andere Faktoren beteiligt sind.
Das Genom lässt sich nicht als ein Ursachenbündel verstehen, aus dem Wirkungen entstehen. Wenn wir aber das einzelne Gen als Ursache behandeln wollen, so trifft es auf jeden Fall ständig auf seine eigenen Wirkungen. Die unterstellte Kausalität existiert nicht in der Wirklichkeit eines komplexen lebendigen Organismus.
Einwand zwei: Die Nicht-Linearität selbstorganisierender Systeme
Die Dynamik lebender Systeme, die sich bekanntlich selbst organisieren, erlaubt keinen gezielten Eingriff, dessen Folgen ohne weiteres zu steuern wären. Die Vorstellung der isolierten Veränderung einer Einzelinstruktion ist wissenschaftstheoretisch naiv. Ein gentherapeutischer Eingriff bleibt schon im Genom nicht unbemerkt. Er hat auf der Ebene der Proteinbildung Konsequenzen, die schwer voraussehbar sind. Bei der enormen Zahl von zusätzlichen Wechselwirkungen, die ins Spiel kommen, scheint die Idee einer im Erbgut festgelegten Befehlsstruktur, die eine getreue Weitergabe der Informationen im Soma sichert, viel zu einfach. Vielmehr müssen wir von zirkulären, mehrfach rückgekoppelten Vorgängen auf den verschiedenen Stufen der biochemischen Prozesse ausgehen.
Die deterministische Vorstellung eines genetischen Programms ist ein konzeptionelles Kunstprodukt der Forschung, mit dem wir uns eine generierende Wirkung plausibel machen. Die Funktionen, die wir diesem Konzept aufgebürdet haben, hat die Evolution jedenfalls in einem komplexen Zusammenspiel geregelt, an dem außer der dann<D> viele Akteure des Lebens beteiligt sind. Eine Systembiologie ist im Entstehen, die sich diesen Fragen zuwendet. Dabei lehren die ersten Ergebnisse eine neue Bescheidenheit angesichts der Leistungen der Evolution, an die biotechnologische Kunst nicht heranreicht. Die grandiose Vorstellung der Evolutionsbeherrschung ist eine Sciencefiction-Idee, weil die Evolution ihrerseits ein selbstorganisierendes System ist, bei dem der Mensch immer noch Mitspieler ist und sich schon deshalb nicht zum Regisseur aufschwingen kann.
Solche Systeme sind nicht von außen zu steuern oder zielgerecht zu manipulieren. Wenn man in sie eingreift, weiß man vorher nicht, was passieren wird. Es ist kein Fehler der Versuchsanordnung, dass bei den Klonversuchen am Tier in der Regel Tot- oder Missgeburten entstehen (das Schaf "Dolly" war bekanntlich ein Zufallstreffer nach 270 Fehlversuchen); es ist die mechanistische Logik des Experiments selbst, die zu den nichtlinearen Prozessen der Natur nicht passt. Schon mit den Turbulenzen, die an der Mündung eines Flusses im Meer entstehen, haben wir ein Problem. Systemtheorie und Chaosforschung haben uns gezeigt, wie komplexe Systeme funktionieren und was sie nicht gestatten. Der "gezielte" Eingriff einer gentherapeutischen Manipulation (für die es kein einziges gelungenes Beispiel gibt, aber einige entsetzlich misslungene) gliche dem Flügelschlag des Schmetterlings in China, der möglicherweise den Sturm in Europa auslöst. Sein Vorbild ist die Strategie des Blackboxing in der Pharmaforschung, die an einfachen Wenn-dann-Beziehungen, Input-Output-Relationen interessiert ist und die Nebenwirkungen von Medikamenten wiederum medikamentös zu behandeln vorschlägt, um die unerwünschten Folgen zu beseitigen, dadurch zusätzlich unkontrollierte Effekte produziert, die weitere therapeutische Maßnahmen indizieren und so fort.
Die gesamte gentechnologische Metaphorik vom "molekularen Skript" oder "Bauplan der Natur" basiert auf Vorstellungen von Kausalität und Determinismus, die als verstaubte Ladenhüter der Wissenschaftstheorie in den humanwissenschaftlichen Archiven abgelegt sind. Ein solcher Ladenhüter ist auch die reduktionistische Tendenz des ganzen Projekts.
Einwand drei: Die intersubjektive Genese des Subjekts
Das Humangenom-Projekt gibt uns keine Auskunft auf die alte Frage, wie Geistiges aus Materiellem, wie Seelisches aus Körperlichem, wie Bewusstsein aus Nicht-Bewusstsein entsteht. Es ist die Frage nach der Emergenz von Phänomenen, die uns vom Tier unterscheiden. Bei unseren klassischen Antwortversuchen landen wir immer noch im cartesianischen Dualismus oder im physiologischen Reduktionismus, wahlweise auch im Idealismus christlicher, zenbuddhistischer oder esoterischer Provenienz, der den Geist aus dem Geist erschafft. Hier bietet nicht die Gen-, sondern die neuere Hirnforschung spannende Lösungsansätze.
Seit die Neurobiologie einen Paradigmenwechsel vollzogen hat und die ebenso aufwändige wie ergebnislose Suche nach dem zerebralen Konvergenzzentrum, dem Homunkulus im Kopf, aufzugeben beginnt, liefert sie Befunde für die Triftigkeit eines Modells, das, in den Sozialwissenschaften schon lange und zunehmend auch in der Psychoanalyse favorisiert, vom biochemischen Determinismus weit entfernt ist: die intersubjektive Genese des Subjekts. Das Intersubjektivitäts-Paradigma besagt, dass wir ein Bewusstsein von uns selbst erwerben, indem wir uns aus der exzentrischen Sicht des Anderen betrachten lernen. Identität entsteht gewissermaßen von außen nach innen über ein Zwischen. Es ist das Modell der Perspektivenübernahme.
Die höheren geistigen Funktionen und insbesondere die Fähigkeit, Bewusstsein und Selbstbewusstsein auszubilden so der Leiter des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, Wolf Singer , hängen wahrscheinlich damit zusammen, dass wir mit einem "inneren Auge" unsere eigenen kognitiven Prozesse beobachten können. Wir betrachten auf einer zweiten Repräsentationsebene gewissermaßen unser Gehirn bei seiner basalen Arbeit. Das Vorbild für dieses "innere Auge" ist der Andere, der uns betrachtet. Die selbstreflexive Fähigkeit entsteht im Kern bereits durch die Interaktion des Säuglings mit seinen frühesten Bezugspersonen und wird durch Prozesse der Spiegelung unseres Selbst im Gegenüber ausgebildet sie ist ein soziales Konstrukt, das sich der Perspektivenübernahme verdankt.
Die neuronale Grundlage dafür bietet anscheinend ein besonderes System von Nervenzellen in der Großhirnrinde, das eng mit Funktionen der Motorik und Sprache verknüpft ist. Es wird nicht nur dann aktiviert, wenn wir selber handeln oder sprechen, sondern auch, wenn andere das tun, die wir beobachten. Handlungen oder Sprechakte eines Gegenüber werden also in den zerebralen Strukturen so abgebildet als ob es die eigenen. wären. Man nennt diese Zellen, weil sie den anderen reflektieren, Spiegelneuronen. Sie erlauben so etwas wie Identifizierung, Einfühlung oder Nachahmung, Prozesse also, die für die kognitive und affektive Orientierung in der sozialen Welt unerlässlich sind. Das Problem für das Gehirn ist dabei weniger, wie man dem anderen etwas zuschreibt, sondern wie man sich selbst als Verursacher einer wahrgenommenen Handlung erleben kann. Es gibt inzwischen faszinierende Experimente, die zeigen, dass dazu körpereigene Rückmeldungen nicht ausreichen, sondern ein visuelles Feed-back aus der Umwelt nötig ist. Das Selbst ist keine Monade.
Es macht einen Unterschied, aus der Perspektive der dritten Person objektive Hirnprozesse zu erforschen oder subjektives menschliches Erleben zu erfassen, welches einer Perspektive der ersten Person entstammt. Dazwischen liegt eine (bisher zumindest) unüberbrückbar erscheinende erkenntnistheoretische Kluft. Die Genforschung wird diese Brücke nicht finden, weil sie in ihrem grotesken Reduktionismus danach gar nicht sucht; sie kann sie auch nicht finden, weil der Geist nicht aus der Flasche springen will, die sie geöffnet hat zumindest nicht der Geist, der sich in Bewusstsein, Empfindungen, Fantasien, Sehnsüchten, Ängsten und all jenen psychischen Phänomenen findet, die wir der Subjektivität zurechnen und die intersubjektiv generiert sind. Sie entstammen der sozialen Lebenswelt, die sich nicht programmieren oder reprogrammieren lässt.
@ZU1 = Freiheit, Selbstverantwortung und Gattungsethik
@BODY O.E. = Die deutsche Verfassung und den Embryonenschutz, den sie gewährt, zum Schutzwall für die Menschenwürde zu machen, ist eine verständliche, aber aus vielen Gründen kurzsichtige Strategie, die dem Ansturm des biotechnologischen Zugriffs nicht lange standhalten wird. Sie greift zu kurz, nicht nur weil sie (national beschränkt) auf den Spuren einer deutschen "Sondermoral" wandelt und den weltrevolutionären Anspruch der Biotechnologie übersieht, die sich auf einem Milliardenmarkt bereits tummelt. Das Verlangen nach der Biomasse in statu nascendi, nach jenem punktgroßen Zellhaufen "ohne Menschenähnlichkeit, ohne Sinnesempfindlichkeit" (so ein Mitglied des schröderschen Ethikrats) ist Teil eines größeren Projekts, das den Menschen einer Designervorstellung unterwirft und zum Produkt eines Herstellungsprozesses verdinglicht.
Der französische Wissenschaftsforscher Bruno Latour (Die Büchse der Pandora) hat in der epidemischen Ausbreitung von BSE und MKS Entgleisungen eines kollektiv angelegten Großversuchs in der Zwischenzone von Natur und Kultur erkannt. Um ein solches kollektives Großexperiment mit einem vergleichbaren Defizit an humanwissenschaftlichen Regeln, Protokollen und Seriosität, aber auch an gesellschaftlicher Legitimation und moralischer Rechtfertigung handelt es sich auch bei der humangenetischen Forschung und dem biomedizinischen Eingriffsarsenal, das sie hervorbringt. Die unterschiedlichen, durch Tierversuche vorbereiteten Versuche am Menschen, die Entwicklung gentherapeutischer Verfahren zur Krankheitsbehandlung, die Keimbahntherapie zur dauerhaften, generationenübergreifenden Krankheitsprävention, auch bereits die künstliche Befruchtung und die dadurch erst ermöglichte Präimplantationsdiagnostik am extrakorporal hergestellten Embryo und schließlich das Klonen zu therapeutischen und zu reproduktiven Zwecken: zusammengehörende Bestandteile einer komplexen Versuchsanordnung, für welche die Embryonenforschung unverzichtbare Erkenntnisse und potentes Zellmaterial liefern soll.
Jürgen Habermas hat seine "begründete Enthaltsamkeit" aufgegeben und die "Verdinglichung des Embryos" zum Anlass genommen, am Beispiel des Klons auf die viel weiter gehende Frage einzugehen, welche die biotechnologisch möglich gewordene Verfügbarkeit über das bisher unverfügbare organische Substrat aufwirft: Sie sei, weil sie dem Menschen das ungestörte "Selbstseinkönnen" (Kierkegaard) raube, unter Gesichtspunkten einer "Gattungsethik" generell regelungsbedürftig und nicht etwa als Freiheit zur manipulativen Selbstermächtigung normativen Überlegungen entzogen. Die "unscheinbare Kontingenz", die in der Unvorhersehbarkeit des kombinierten Chromosomensatzes im Humangenom liegt, bilde eine stumme Bedingung für die Gleichheit aller Menschen und die selbstverantwortliche Aneignung der individuellen Lebensgeschichte. Sie erlaube ein reflexives Selbstverhältnis, das die Haftung eines anderen für die eigene Identität ausschließt. Der gezielt mit Anlagen versehene Mensch bleibe auf eine Weise von seinen Herstellern dauerhaft abhängig, die sich von der Abhängigkeit des natürlich gezeugten Kindes von seinen Eltern grundsätzlich unterscheide. Der biowissenschaftliche Szientismus verwische mit den Möglichkeiten einer genetischen Manipulation die Grenzen zwischen Personen und Sachen.
Das ist die eigentliche Grenzüberschreitung, die in einer Selbstverständigung der Menschheit zu benennen und im Rahmen eines gattungsethischen Diskurses zu revidieren wäre. Das gesamte Projekt müsste dazu gesichtet und bewertet werden. Der erste Schritt wäre (wie von Jeremy Rifkin in einem Vertragsentwurf für die Vereinten Nationen gefordert), den Genvorrat der Welt unter die gemeinsame Verantwortung der Menschheit zu stellen und ökonomischer Nutzung zu entziehen: Das Erkenntnisinteresse der Forschung darf nicht länger von profitablen Anwendungsaussichten korrumpiert werden. Eine Zwischenbilanz müsste zweitens die universellen Gesamtkosten erfassen, die materiellen, die intellektuellen, die moralischen und die gesellschaftlichen Kosten einschließlich derer, die die narzisstische Illusion der Perfektheit für den wirklichen Umgang mit Behinderung, Krankheit und Sterben bedeutet. Dann müsste über zukünftige Enthaltsamkeit entschieden werden.
Der Artikel ist die ausführlichere Fassung eines Artikels in der FR vom 22.5.01: "Im Geschosshagel der Sequenzzierroboter. Der neue Szientismus ignoriert die Ergebnisse der modernen Wissenschaftstheorie"
Siehe zum Theme in der Kommune:
Martin Altmeyer: Zeitdiagnose: Erregung. Eine Metabetrachtung der anschwellenden gesellschaftlichen Hysterie (1/01)
Martin Altmeyer: Perfektionierung, Neuschöpfung, Unsterblichkeit. Die Fragwürdigkeit der biotechnologischen Utopien in den New Sciences (9/00)