Leben unter Vorbehalt

Neues zur Bioethik

Harry Kunz

Die Literatur zu Bioethik, Genetik, Biomedizin, zu Eugenik und Euthanasie wird immer dichter. Unser Autor gewährt einen Überblick über Positionsbildungen.

Noch Anfang des Jahrhunderts waren viele Babys zu einem frühen Tod verdammt und manche Nationen zweigten beträchtliche Summen ab, um Behinderte zu betreuen, heißt es im Staatsbürgerunterricht des Jahres 2070. Doch dank verantwortungsbewusster Fortpflanzung sei heute das Down-Syndrom ("Mongolismus") praktisch ausgemerzt. Angeborene Herzerkrankungen seien extrem selten, und es gebe weitaus weniger Dicke, weitaus weniger Kleinwüchsige, weitaus weniger Homosexuelle. – Doch sind die Menschen auch glücklicher? Genetik und Ethik von Philip Kitcher ist eines der wenigen Bücher zum Thema, das dieser Frage nicht ausweicht. Also nicht die übliche, als "Bioethik" verbrämte Politikberatung, bei der mit vorgegebenen Entscheidungsalternativen ein Räsonieren über den Weg des geringsten Widerstandes stattfindet. Vielmehr diskutiert Kitcher auch die Rahmenbedingungen, in die der Siegeszug der Genmedizin eingebettet ist.

– Die medizinischen Versorgungsniveaus klaffen zunehmend auseinander. Während in der ersten Welt darüber gestritten wird, ob das "Kind nach Maß" ein Ziel der Medizin sei, haben zwei Milliarden Menschen nicht einmal Zugang zu reinem Trinkwasser. – In Das Ende der Gesundheit beschreibt Laurie Garret außerdem die Rückkehr der Pest in Indien, die kollabierenden Gesundheitssysteme Osteuropas und die Hilflosigkeit gegenüber Viren, Keimen und Bakterien in Afrika. Deutlich wird: Die meisten Menschen hätten gerne unsere bioethischen Probleme.

– Was Krankheit bedeutet, verliert an Eindeutigkeit: Indem Dispositionen unabhängig von einem Krankheitsausbruch entdeckt werden, kreiert Medizin eine neue Gruppe Behandlungsbedürftiger ohne Krankheitssymptome. Und das Damoklesschwert der Krankheitswahrscheinlichkeit gräbt sich tief in den Lebensalltag der Gesunden ein. Damit ist in der Genmedizin eine Basis für eine neue Solidarität angelegt. Zugleich sind neue Ausgrenzungen wahrscheinlich, wenn von biologischen Informationen auf Biografien und Schicksale geschlossen wird. – In Alles genetisch? nennt Bertrand Jordan Beispiele für die absehbare öffentliche Wirkmacht des genetischen Determinismus: Depressionen, Homosexualität und Kriminalität wird der Alltagsverstand künftig an den Genen festmachen, weil ihm ein Denken in Wahrscheinlichkeiten fremd ist.

Dies alles lädt ein zu einem energischen "Einerseits-Andererseits". Doch Philip Kitcher benennt einen eindeutigen Maßstab: Die Freiheit des Einzelnen, das zu tun, was ihm wichtig ist. Daran bemessen sich Lebensqualität und ein sinnvolles Leben. Lebensqualität wird zum "objektiven" Kriterium für Entscheidungen über Leben und Tod. Entsprechend handeln jene Eltern verwerflich, die nicht alles tun, um ein Kind zu vermeiden, das etwa aufgrund einer Behinderung absehbar nicht das tun kann, was ihm wichtig ist.

Um die Zukunft der Freiheit sorgt sich auch Kathrin Braun. Menschenrechte und Biomedizin kann getrost als "Anti-Kitcher" gelesen werden. In der Kantischen Idee universaler Menschenrechte sieht Braun ein Bollwerk, um das zu verhindern, was Kitcher anstrebt: Kriterien für lebens(un)wertes Leben. Dies überzeugt allerdings nur jene, die schon überzeugt sind. Wer wie Philip Kitcher die Annahmen Kants (und der Aufklärung und der Weltreligionen) über die Sonderstellung des Menschen nicht teilt, rekurriert lieber auf konkrete Interessen, statt auf die metaphysisch aufgeladene "Idee der Menschheit".

Zugleich interessant und ärgerlich ist Brauns Bezug auf Michel Foucault als Gewährsmann ihrer Medizinkritik: Das Gesundheitswesen erscheint demnach als Speerspitze einer alles dominierenden Biomacht, die auf den Ausschluss alles Unproduktiven, Abweichenden und Kranken abzielt. Der Bioethik kommt nur eine Scharnierfunktion zwischen den Ansprüchen der Medizin und der im Recht verkörperten Souveränitätsmacht zu. Unterhalb der Schwelle des staatlichen Gewaltmonopols soll sie Abstufungen der Menschenrechte legitimieren und damit das Töten jener erlauben, die der Produktivitätssteigerung im Wege stehen. Das alles klingt reichlich ideologiebehaftet – und ist es leider auch: Wohin man schaut, Biomacht und Normalisierungsgesellschaft sind schon da. Dass es trotz Rationalisierungsdrucks und Normierung im Gesundheitswesen auch echte Anteilnahme und Solidarität gibt, gerät diesem Ansatz völlig aus dem Blick.

Sichtlich wohl fühlt sich Andreas Kuhlmann als Schiedsrichter in der durch Kitcher und Braun angelegten Streitordnung. Gleichermaßen nach rechts und links austeilend seziert er in Politik des Lebens. Politik des Sterbens argumentative Verzerrungen und Fehleinschätzungen, die das biomedizinische Konfliktfeld prägen. Gegen das Konzept einer Biomacht als allgemeinen Verblendungszusammenhang erhebt er drei plausible Einwände:

– Medizin bewirkt nicht nur die bei Foucault beschriebene Zurichtung des Einzelnen in das Rationalitätsgefüge der Gesellschaft. Im Gegenteil. Die Fortschritte in der Aids- und Krebsbehandlung und der Boom der – von der links-alternativen Kritik heftig befehdeten – Transplantationsmedizin ermöglichen vielen Menschen ein längeres Leben als Schwerkranke und Versehrte. Auch am Lebensanfang kann von einer generellen Aussonderung "unproduktiven" Lebens trotz der Ausweitung vorgeburtlicher Diagnostik keine Rede sein. Die parallelen Fortschritte in der Frühgeborenenmedizin und der Kinderintensivmedizin führen dazu, dass der Anteil behinderter und chronisch kranker Kinder eher zunimmt.

– Der Medizinbetrieb ist kein "Staat im Staate". Noch in den Achtzigerjahren konnte Ulrich Beck die Medizin als "Subpolitik" charakterisieren, die sich der Einflussnahme entzieht, aber gleichzeitig die Sozialität nachhaltiger verändert als die formale Politik. Heute bestimmen dagegen neben den Ärzten auch Biochemiker, Biologen und Informatiker mit eigenen Interessen und Ambitionen über die Medizinentwicklung. Und neben den durch die Gesundheitspolitik vermittelten ökonomischen Zwängen wird das Gesundheitswesen auch immer stärker durch das Recht bestimmt. Das Embryonenschutzgesetz von 1990 markiert hier einen deutlichen Bruch: Mit der Ablehnung der Embryonenforschung widersetzte sich die Politik kompromisslos den Forschungszielen der Medizin und deren Selbstregelungskompetenzen, weil diese – anders als etwa in Großbritannien – der Öffentlichkeit ihre Anliegen nicht vermitteln konnte. Zwar findet aktuell ein Rollback statt: Biopolitische Weichenstellungen werden wieder auf medizinische Fachgremien oder Ethikräte verlagert. Doch deren Ergebnisse wirken auf die staatliche Gesetzgebung zurück – und alles bleibt den Argusaugen der Öffentlichkeit ausgesetzt.

– Weil die Medizin kein abgeschlossenes System ist, ist auch die Vorstellung einer die Menschen nur disziplinierenden Biomacht abwegig. Auch umstrittene Maßnahmen, wie die Präimplantationsdiagnostik oder das Klonen, liegen im ureigenen Interesse einzelner Patienten, obwohl sie mit Fremd- und Selbstkontrolle einhergehen mögen. Moderne Medizin werde gerade da zum ethischen, sozialen und politischen Problem, wo sie neue Abhängigkeiten schafft, indem sie auf die authentische Nachfrage Einzelner reagiert.

Auch Zygmunt Baumans Idee einer auf Leidvermeidung um jeden Preis zielenden Moderne reiht Kuhlmann in die Riege der Verschwörungstheorien ein. Zu Unrecht. In Unbehagen in der Postmoderne finden sich wiederum schöne Beschreibungen des ständig scheiternden Bemühens, den Tod zu töten. Wo immer der Medizinbetrieb "Fortschritt" ruft, zeigt der Tod nur sein neues Gesicht. Ein chaotisches Spiel, das sich in den eigenen Widersprüchen verfängt: In einer ergrauten Gesellschaft lässt sich das Sterben nicht länger kasernieren. Das massenhafte Siechtum Hochaltriger und die neuen Grenzbereiche zwischen Leben und Sterben (langzeitkomatöse Patienten, Hirntote) markieren die postmoderne Rückkehr des Todes in das Leben. Und je weiter die Medizin das Sterben technisch hinauszögern kann, umso mehr scheitert der Sozialstaat an der Finanzierung und gerechten Verteilung der Überlebenschancen. Wo man den Tod derart nicht besiegen kann, will man ihn wenigstens beherrschen: Die "Vermeidung, Verhütung und Begrenzung von Leben" wird zum Bestandteil medizinischer Praxis.

Wie das unter Bedingungen des modernen Sozialstaats funktioniert, liest sich eindrucksvoll in Asking to die. Inside the Dutch Debate about Euthanasia. Vor allem die Schilderungen von Euthanasie praktizierenden Ärzten und von Personen, deren Angehörige "eingeschläfert" wurden, eröffnen einen Einblick in die Denkwelt des Gnadentodes. Ein Denken, das gerade in Wohlfahrtsstaaten eine Anwendungsbegrenzung auf wohl definierte Fälle illusorisch erscheinen lässt. Zwar setzt das (im jetzt verabschiedeten niederländischen Gesetz nur mühsam kaschierte) Recht auf Euthanasie eine selbstbestimmte Entscheidung der Betroffenen voraus. Doch was soll ein Hausarzt tun, wenn ein Patient mit einem fortgeschrittenen Krebsleiden sich nicht mehr artikulieren kann? Was ein Geburtsmediziner mit einem schwer behinderten Säugling, der zuckt und nach Luft japst? Auch losgelöst von Finanzierungsengpässen bei wachsenden Krankheitskosten am Lebensende oder hinsichtlich des Betreuungsaufwandes Behinderter lässt sich Euthanasie nicht auf Situationen beschränken, denen eine selbstbestimmte Entscheidung zugrunde liegt. Gibt es ein Recht auf einen "schönen Tod", so ist es zutiefst ungerecht, ja unmenschlich, diesen den Schwächsten zu verwehren, die sich nicht mehr oder noch nicht äußern können. Ist es dann nicht ein Gebot der Solidarität, Leben unter den Vorbehalt einer Bewertung der Lebensqualität zu stellen?

Auch die Beiträge in Euthanasie und die aktuelle Sterbehilfe-Debatte deuten darauf hin, dass die im Mittelpunkt der "neuen" Euthanasiebewegung stehenden Verweise auf die Patientenautonomie und auf die Vermeidung individuellen Leidens keinen strukturellen Bruch gegenüber Euthanasie (und Eugenik) der NS-Ära beinhalten. Vielmehr stechen Gemeinsamkeiten ins Auge: Denn trotz der monströsen Verbrechen blieb auch die nazistische Vernichtungsmaschinerie in das individualtherapeutische Bemühen um die Heilung konkreter Patienten eingebettet. Penibel wurden therapiefähige Patienten von "aussichtslosen Fällen" getrennt. Getötet wurde, wem sonst nicht zu helfen war. Zurück bleibt die Frage: Gibt es ein Lernen aus der Geschichte?

Die Bücher:

Zygmunt Bauman, Unbehagen in der Postmoderne. Deutsch von Wiebke Schmaltz, Hamburg (Hamburger Edition) 1999 (370 S., 58,00 DM)

Kathrin Braun, Menschenwürde und Biomedizin. Zum philosophischen Diskurs der Bioethik, Frankfurt a. M. (Campus) 2000 (309 S., 68,00 DM)

Andreas Frewer/Clemens Eickhoff (Hrsg.), "Euthanasie" und die aktuelle Sterbehilfe-Debatte. Die historischen Hintergründe medizinischer Ethik, Frankfurt a. M. (Campus) 2000 (491 S., 78,00 DM)

Laurie, Garrett, Das Ende der Gesundheit. Bericht über die medizinische Lage der Welt. Deutsch von Thorsten Schmidt, Ulrich Enderwitz, Rolf Schubert, Monika Noll, Bernd Leineweber, Berlin (Siedler) 2001 (540 S., 48,00 DM)

Bertrand Jordan, Alles genetisch? Deutsch von Bernd Wilczek und Annette Kopetzki, Hamburg (Rotbuch) 2001 (200 S., 36,00 DM)<R>Philip Kitcher, Genetik und Ethik. Die Revolution der Humangenetik und ihre Folgen. Deutsch von Thorsten Schmidt/Barbara Schade, München (Luchterhand) 1998 (447 S., 48,00 DM)

Andreas Kuhlmann, Politik des Lebens. Politik des Sterbens. Biomedizin in der liberalen Demokratie, Berlin (Alexander Fest Verlag) 2001 (234 S., 36,00 DM)

David Thomasma/Thomasine Kimbrough-Kushner/Gerrit Kimsma (eds.), Asking to die. Inside the Dutch Debate about Euthanasia, Dordrecht (Kluwer Academic Publishers) 1998 (584 S., 198 $)