Am Rande der Mordschlucht von Babij Jar bei Kiew wuchs
Anatoli Kusnezow auf, überlebte als Kind das Naziverbrechen, begann mit
vierzehn, seinen Roman darüber zu schreiben, der erst viel später unzensiert
erscheinen durfte. Denn der Krieg in der Ukraine war auch für die Sowjetunion
ein heikles Thema, zumal Kusnezow nichts beschönigt, nichts verschweigt.
Benjamin Korn betont den Wert dieser Erinnerungsarbeit: Alle politischen und
weltanschaulichen Strömungen waren in der Familie des Autors vertreten und
kommen zu Wort; Kusnezow schreibt ohne Hass, es gelingt ihm, den Namenlosen
ihre Gesichter wieder zu geben. So durchkreuzt er den Versuch der Nazis, „eine
totalitäre frontale Attacke gegen die Erinnerung in der Geschichte zu führen“.
“Ich selbst habe gesehen, wie die Deutschen Säuglinge in
die Schlucht hinabwarfen. In der Schlucht befanden sich nicht nur Erschossene,
sondern auch Verletzte und sogar lebende Kinder. Dennoch schütteten die
Deutschen die Schlucht zu; dabei war zu bemerken, dass sich die dünne Schicht
über den Menschenleibern bewegte.”
Die Zeugin Gorbatschewa am 28. November 1941
Als
im März 1942 Albert Hartl, ein Gestapo-Fachmann für Kirchenfragen, mit Blobel,
dem Organisator des Massakers, an der Schlucht vorbeifuhr, sah er kleine
Explosionen, die Erdsäulen aufwarfen. Die Erde bewegte sich wieder im Babij
Jar. Es waren nicht die Schreienden, Stöhnenden, Weinenden, die von der Erde
und den auf ihnen lastenden Toten erdrückt wurden und erstickten. Es war jetzt
das Tauwetter, das die Gase der Tausende von Leichen freiließ, und Blobel
erklärte stolz: “Hier liegen meine Juden begraben.”
In
der Erinnerung von Anatoli Kusnezow bewegte sich diese Erde ein Leben lang.
Vierzehn Jahre war er alt, als er seinen “dokumentarischen Roman” zu schreiben
begann, und er war bald vierzig, als er ihn zum ersten Mal ungekürzt und
unverstümmelt von der stalinistischen Zensur veröffentlichen konnte. Um ihn zu
Ende zu schreiben, musste er sogar das Haus seiner Mutter, das unweit der
Schlucht lag, verlassen, “denn ich konnte nicht schlafen. Nachts hörte ich es
im Traum immerzu schreien ...
Die
Erde bewegt sich nicht mehr im “Babij Jar”, und die Toten haben aufgehört zu
schreien. Aber sie schreien weiter in der Erinnerung der wenigen Zeugen, die
noch am Leben sind; und sie schreien in den Werken der Kunst, die sich dem
Vergessen entgegenstemmen, im großen Gedicht “Babij Jar” von Jewgenij
Jewtuschenko, in der Dreizehnten Symphonie von Schostakowitsch, sie schreien im
unvergesslichen Roman von Anatoli Kusnezow (“Wir haben kein Recht, diesen
Schrei zu vergessen: Er ist nicht Geschichte geworden. Er ist unser Heute”),
und wir, die wir ihn gelesen haben, werden es schwer haben, ihn aus unserem
Gedächtnis zu streichen; denn wir leben in Deutschland, einem Land, in dem der
Völkermord nicht Geschichte werden will und sich nicht abheften lässt wie ein
Akte. Er bebt seit 60 Jahren unter unsere Füßen nach.
Das
Beben reißt keine Abgründe mehr auf wie zu Kriegsende, und es überschüttet
unsere überforderten Sinne nicht mehr mit den Knochen der Toten und der
Überlebenden aus den Konzentrationslagern, aber es hat noch Kraft genug, die
Schweizer Konten zu durchrütteln, in denen auf einmal das Geld der Ermordeten
zu tanzen beginnt, es schüttelt die Gemälde von den Wänden der französischen
Museen, die sie bis vor zwei Jahren vor den beraubten Juden versteckten, es
reißt die Fenster in den Chefzimmern der deutschen Konzerne und Großbanken auf,
die sich an die Mörder verkauften und am Gold der Toten mästeten.
Wir
sind nicht frei, den Genozid zu vergessen. Jeden Tag werden wir daran erinnert,
durch neue Klagen und neue Verurteilungen, durch ein neues Buch, einen neuen
Film, durch Klosprüche und Friedhofsschändungen.
Einigen
der Überlebenden klebte die Zunge 60 Jahre lang am Gaumen, und sie löst sich
erst heute, hier gesteht ein alter Nazi ein unaufgeklärtes Verbrechen, dort
werden die Bauern des polnischen Städtchens Jedwabne ins Verhör genommen, weil
sie, den deutschen Mördern zuvorkommend, ihre 1200 jüdischen Mitbürger in einer
Scheune verbrannten. Im Jahre 2001, 60 Jahre nach den Ereignissen, die
Kusnezows Roman ausgelöst haben, laufen in Italien 100 Ermittlungsverfahren
gegen deutsche Kriegsverbrecher, tauchen in einem Wiener Archiv 12000
vergessene Akten von Gestapo-Opfern auf, wird in Deutschland ein 83-jähriger
ehemaliger SS-Mann wegen siebenfachen Mordes zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt,
belagern Historiker aus aller Welt die Geheimarchive des Vatikan, die über die
zwielichtige Rolle der katholischen Kirche und Pius XII. im Zweiten Weltkrieg
Auskunft geben sollen.
Der
Zweite Weltkrieg war ein Meteoreinschlag der Menschheitsgeschichte, und den
Menschen werden noch lange die Brocken um die Ohren fliegen. Die Wellen des
Erd- und Seebebens, das dem Einschlag folgte, gehen nicht mehr so hoch, aber
sie haben an Breite zugenommen und überziehen heute den halben Globus mit den
berechtigten Ansprüchen all derer, die noch etwas einzufordern haben und die
von den Erben der Industriellen, die sie bis aufs Blut ausgebeutet haben,
heruntergefeilscht, diffamiert und von der Öffentlichkeit mit der hochnäsigsten
Verachtung behandelt werden.
Und
die Rückwelle dieser noch nicht zum Stillstand kommenden Bewegung ist der Wunsch
nach Vergessen. Die Menschen möchten vergessen, und wie sehr begreife ich, dass
sie vergessen möchten, denn sie müssen sich ungerechterweise an Taten erinnern,
die nicht von ihnen, sondern von ihren Vätern und Großvätern, ihren Ahnen
begangen wurden. Sie drohen, an der Tonnenlast der Vergangenheit zu ersticken.
Und die Kinder der Opfer, denen die KZ-Wächter in ihren Träumen auf dem Herzen
herumtanzen, wollen gleichfalls vergessen, denn sie wollen endlich aufhören,
mehr unter den Toten zu leben als unter den Lebenden. Aber das Vergessen lässt
sich nicht dekretieren. Die Zeit des Vergessens ist noch nicht gekommen.
Wir werden von den Büchern der Kinder und Kindeskinder überschwemmt, von
Theorien, die nicht mehr von der Erfahrung des Lagers, sondern vom Hass auf das
Land der Mörder gespeist werden – Bücher über die Schuld der Deutschen in der
Art von Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker oder Filme wie
Spielbergs Schindlers Liste. Sie haben ein simples und durchschlagendes
Rezept: Sie teilen die Menschen in gute Völker und böse Völker, Mörder und
Opfer, Wölfe und Lämmer, und weil wir denkfaul sind, und aufgrund unserer
moralischen und religiösen Erziehung eine Tendenz haben, die Menschen in gut
und böse aufzuteilen, haben diese Bücher und Filme einen gewaltigen Erfolg.
Ich
habe lange die Fotos betrachtet, auf denen man die Angehörigen des
Sonderkommandos 4a sieht, das im Babij Jar so entsetzlich gewütet hat und das
Tal in ein Schlachthaus verwandelte. Ich kann nichts Böses in diesen Menschen
entdecken, solange ich auch in die Gesichter blicke. Sie gleichen einem Lehrer,
einem Schauspieler, einem Schulkameraden, die ich kannte. Sie sind wie du und
ich, wie der Nachbar von nebenan. Sie befestigen auch nicht die Theorien, die
da sagen, die Deutschen seien ein einmalig schlimmes Volk. Sie haben es ja mit
Hilfe der ukrainischen Hilfstruppen getan, mit Hilfe der Weißrussen und Balten,
die ihre Privatpogrome veranstaltet haben, mit Hilfe der französischen Miliz in
Oradour-sur-Glane, mit Hilfe von Denunzianten, Kollaborateuren und großer Teile
der Bevölkerung in den besetzten Ländern. Sie geben, so lange man sie auch
anschaut, keinen Anhaltspunkt für all die manichäischen Theorien, die die
Menschen in Gut und Böse teilen. Die Massaker werden immer von Menschen begangen,
die sich zu den Guten zählen. Der Böse, das sind die andern! Schopenhauer
drehte diesem Satz den Kragen um und stellte ihn auf die Füße: “Wer vom Hass
beseelt, feindlich eindränge auf seinen verhasstesten Widersacher, und bis in
das Tiefinnerste desselben gelangte, der würde zu seiner Überraschung sich
selbst entdecken.”
Kusnezow
vergisst in seinem gewaltigen Fresko über Babij Jar und den Krieg in Kiew nicht
sich selbst. Er beschreibt die Nazis und ihre Helfershelfer, aber er zeigt an
Ukrainern und Russen, seinen Bekannten und Schulfreunden, dass es leicht ist,
zu werden wie sie; er verleugnet nicht einen seiner mörderischen Impulse (“ich
war böse, ich hätte den Hund mit der Säge getötet, hätte ihn gebissen, ihm mit
Fingernägeln die Augen ausgekratzt”) und verschweigt nicht, wie eng in jedem
von uns “Gut” und “Böse” beieinanderliegen und jederzeit eins ins andere
umschlagen kann.
Sein
Buch ist von schmerzlicher Offenheit und Wahrhaftigkeit, ein Fotoalbum
menschlicher Grausamkeiten von ungeheurer Tiefenschärfe des Sehens und
Erinnerns. Keine ideologische Nebenabsicht trübt seinen Blick. Kusnezow klagt
die Mörder aller Parteien an und entzieht keinem Opfer das Mitleid, nicht
einmal den beiden jungen deutschen Soldaten, die tot im Grase liegen und über
denen weinend eine russische Mutter zusammenbricht. Ja, er verfolgt seine
eigenen Vorurteile bis an den Punkt, an dem er sich vorwirft, keine deutschen
Schäferhunde zu mögen, obschon sie doch nichts für ihre Herrn können, die sie
zum Beißen abgerichtet haben. Er erteilt uns eine Lektion in Menschlichkeit.
In diesem Buch ist kein Hass. Man zögert, es große Literatur zu nennen, weil es
eine der bestialischsten Menschenschlachtungen des Zweiten Weltkriegs zum
Gegenstand hat. Aber es ist mehr als ein Werk über ein entsetzliches Massaker,
über den Krieg in Kiew, über den stalinistischen Terror. Es ist ein Lehrbuch
der menschlichen Untaten. Es erzählt von Bücherverbrennungen, Plünderungen,
Hunger, Denunziation, Verrat und rassistischem Mord.
Um
all dies zu erleben, musste Kusnezow nicht einmal reisen; die Geschichte reiste
zu ihm. Sein Schicksal war, dass er am Rande des Babij Jar aufwuchs,
“Ohrenzeuge” der Erschießungen wurde, zwei Jahre lang Tag für Tag das Rattern
der Maschinengewehre aus der Mordschlucht hörte, und er, um diese Schandtat dem
Gedächtnis der Menschheit zu überliefern, zum Schriftsteller wurde, wofür er
von Geburt geschaffen war.
Der
Erdball rollte vier Jahre lang gleichsam unter seinen Füßen hindurch. Denn die
Nazis, die zuerst von der Mehrzahl der Ukrainer als Befreier vom Stalinismus
gefeiert wurden, überrannten, von Westen kommend, Kiew, lösten die Sowjet-Macht
ab, und fluteten drei Jahre später, ein zweites Massaker anrichtend, zurück,
diesmal in panischer Flucht.
Es
ist ein grandioses Werk, eine einzigartige Montage aus dem “Erziehungsroman”
eines Kindes, das den Krieg mit naiven Augen erlebt, einem historisches
Dokument von fundamentaler Bedeutung (“nichts ist erfunden, nichts
weggelassen”), und eine philosophische Reflexion über die Niedrigkeit des
Menschen. Ein Bericht von schmerzlicher Klarheit und minutiöser
Erinnerungskraft. Man würde von großem Stil sprechen, wenn dieser Stil nicht
der pure Herzschlag seines Autors wäre, den er umweglos aufs Papier gebracht
hat. Kusnezow war im Jahre 1941, dem Jahr, in dem der Roman beginnt, gerade
erst 11 Jahre alt. Er beschönigt nichts, weder den Stalinismus noch den
Zarismus, dem sein Großvater in ungerechtfertigter Verklärung nachtrauert.
Er
beschönigt nichts, nicht einmal sich selbst. Er spürt, weil er “in Großvaters
Worten” zu denken beginnt, plötzlich entfesselten antisemitischen Hass gegen
seinen besten Freund Schurka Maza. Er gesteht es. Er würde, wenn er nur könnte,
eine Gruppe von Plünderern erschießen, die ihm seine Diebesbeute geraubt hat.
Er sagt es offen. Er hat die Kraft, nicht einen seiner Raubtierinstinkte zu
unterschlagen und so viel Anstand, lieber über sich selbst als über die andern
zu lachen. Er entwickelt dabei einen geradezu chaplinesken Humor, und die
Szenen, in denen er die Plünderung der Stadt Kiew beschreibt, wobei er selbst
zu den Dieben gehört, sind von unwiderstehlicher Komik. “Plündern ist
verteufelt interessant, aber man muss es können”, heißt ein Kapitel, in dem er
beim Plündern immer zu spät kommt. Er stürzt sich in ein Schuhgeschäft: “ Ich
sprang auf fremde Rücken, ich war außer mir darüber; dass die Leute mir alles
vor der Nase wegschnappten, während ich nicht hinlangen konnte. Inzwischen war
es so weit, dass man Schnürsenkel und Büchsen mit Schuhcreme einander aus den
Händen riss”, zuletzt geht er, mit lächerlicher Beute und übersät von blauen
Flecken, “gerädert und schwankend auf die Straße hinaus. Ich war dem Weinen
nahe. Ich war niemals gierig gewesen, Großmutter hatte mich zu einem
wohlerzogenen, höflichen Enkel erzogen. Und plötzlich war dieses Plündern über
mich gekommen wie eine heiße Lawine. Ich konnte kaum atmen vor Habgier und
Verzückung.” Unterdessen hatten deutsche Soldaten sein Haus geplündert und
Kartoffeln, Kohl und Tomaten mitgenommen. Philosophisches Fazit: “Es war das
reinste Teufelswerk: die einen plündern dort, die andern plündern hier. Eine
schöne Welt!”
Wie
in einem Chaplin-Film ist der Held ein amoralischer Gauner, der alles tut, um
sich in dieser Maschine namens Welt zu retten und nicht unter die Räder zu kommen.
Der Humor hält Kusnezow am Leben. Sein Buch ist überhaupt nur erträglich wegen
dieses unzerstörbaren Humors: “Der Meister schlug grimmig und fachmännisch zu.
Mit der einen Hand hielt er mich an der Schulter fest, mit der anderen Faust
schlug er mir abwechselnd zwischen die Rippen und den Nacken. Mein Kopf
pendelte nur so hin und her.” Wieder ein böser Slapstick wie in einem
Stummfilm. Ja, dieselbe absurde Komik, dieselbe Kraft, die Geschehnisse, trotz
Schwindel erregender Nähe, aus der Distanz, als menschliche Komödie zu sehen,
überträgt sich auf seine Prosa, in eine seiner zahlreichen philosophischen
Resümees: “Die russischen Menschen wurden zu allen Zeiten geprügelt und gejagt,
von den fremden und den eigenen Leuten: von den Tartaren und Türken, von Iwan
Grosnyi, Peter und Nikolaij, von den Gendarmen und Bolschewiken. Das Ergebnis
war eine nun schon historische Eingeschüchtertheit, sodass die gegenwärtige,
nämlich deutsche Menschenjagd bereits ganz natürlich erschien. Im Gegenteil:
Ein längeres Ausbleiben der Menschenjagd wäre vielen Leuten unwahrscheinlich
und sogar verdächtig vorgekommen ...” Philosophischer Pessimismus und Sinn für
die Komik der menschlichen Existenz schließen einander nicht aus.
Kusnezow
betrachtet die Welt mit einem lachenden und einem weinenden Auge, als “Comédie
Humaine”, als Mischung aus Tragödie und Farce. Seine Prosa ist von
atemberaubender Wucht und Mühelosigkeit. Was immer er beschreibt, den Brand im
Höhlenkloster, die Verwurstung eines Pferdes, den Angriff der sowjetischen
Bomber auf Kiew: es ist von meisterlicher Klarheit. Immer findet er das
richtige Bild, das treffende Wort. Das Leben selbst fließt durch die Feder
Kusnezows.
In Kusnezows Familie haben sich alle politischen und weltanschaulichen Strömungen
seiner Zeit versammelt. Sein Großvater hasste die Sowjetmacht und erwartete die
Deutschen wie Erlöser, seine Großmutter war eine fromme, hilfsbereite Frau,
deren Zimmer voll von Ikonen stand, der Mutter, einer Schullehrerin, hatte “die
Revolution viel gegeben. Ohne die Revolution wäre sie Dienstmädchen oder
Wäscherin geworden.” Und der Vater, Wassilij Kusnezow, der sich früh von ihr
geschieden hatte, “war ein ehrlicher Bolschewik. Solche Bolschewiken wie er
wurden im Jahre 1937 ins Jenseits befördert, während sie noch in der
Sterbeminute: es lebe Stalin! riefen.”
Der
Vater hatte ihm von den Säuberungen in den dreißiger Jahren erzählt, als Stalin
den Widerstand der Bauern gegen die Zwangskollektivierung brach. Sieben
Millionen Menschen ließ Stalin verhungern, Churchill gegenüber rühmte er sich,
dass es zehn Millionen gewesen seien. Kusnezows Vater hatte im Auftrag der
Partei einmal eine ganze Familie erschossen, weil sie vor Hunger eine tote
Tochter aufgegessen hatte.
Aber
Kusnezow widersteht der Versuchung, das Leid der stalinistischen Opfer gegen
das der Opfer Hitlers aufzuwiegen. Die Asche, von der Kusnezow nach seinen
eigenen Worten zwei Kilo aus dem Babij Jar nach Hause trug (“weil die Asche des
Klaas, wie es im Till Eulenspiegel heißt, “an mein Herz pocht”), Asche
von Juden, Ukrainern, Zigeunern und Russen, war “internationale Asche”. Was hat
der russische Bauer, der sein eigenes Kind verspeist, davon, dass in einem
Viehwagen, der nach Auschwitz fährt, die Überlebenden die Toten essen? Aus der
Sicht der Opfer ist das Vergleichen, das nicht mehr aus der Mode kommt, obszön.
Das Leid der Opfer wiegt sich nicht auf, es addiert sich.
Kusnezows
Buch bringt den Menschen auf seinen kleinsten bestialischen Nenner, der sich
mit allen politischen Mordsystemen multiplizieren lässt. Er weicht der Frage,
ob man eines dieser beiden Systeme schlimmer nennen könne als das andere, nicht
aus. Er wagt nicht, sie zu entscheiden: “Zwischen den Sadismen beider Seiten
gibt es keinen prinzipiellen Unterschied. Hitlers ,deutscher Humanismus‘ war erfindungsreicher
und phantastischer, aber in den Gaswagen und Verbrennungsöfen kamen die Bürger
fremder Nationen und besiegter Völker ums Leben. Stalins ,sozialistischer
Humanismus‘ brachte es nicht zum Verbrennungsofen, dafür fiel er über die
eigenen Bürger her. In solchen Abweichungen besteht der ganze Unterschied.
Schwer zu sagen, was schlimmer ist.” (Wir in Deutschland wissen natürlich
besser, dass Hitler, bevor er über die fremden Völker herfiel, Hunderttausende
von politischen und religiösen Widerständlern und Querköpfen im eigenen Land
liquidierte, und wir vergessen nicht, dass die deutschen Juden, die Hitler
ermordete, ebenfalls Deutsche waren.) Aber dann zitiert Kusnezow die Russen im
Arbeitslager vom “Babij Jar”, die schon in den sowjetischen Gulags gesessen
hatten: “Man kann das nicht vergleichen. Im Vergleich mit Babij Jar ist jedes
sowjetische Lager ein Luftkurort.”
Wer
Kusnezows Buch gelesen hat, wird schwerlich einen anderen Vergleich für Babij
Jar finden als die Vernichtungslager Auschwitz, Majdanek, Treblinka. Denn im
Gegensatz zum sowjetischen Gulag, in dem der Tod eine Folge der unmenschlichen
Haftbedingungen war, war er im “Babij Jar” das Ziel.
Die
Bolschewiken haben Millionen verhungern, in Lagern und Gefängnissen verkommen
und sterben lassen, zu Unrecht hingerichtet – aber die Idee, ein Volk, nein,
wenn man die Zigeuner dazurechnet: zwei Völker, bis zum letzten
Menschenexemplar, dem letzten Erwachsenen, der letzten Greisin, dem
neugeborenen Säugling auszulöschen und vom Erdboden verschwinden zu lassen,
hatten die Nazis.
Die
Spanier löschten die Inkas aus, weil es um ihr Gold ging, und die Inquisition
verbrannte die Juden, wenn sie nicht zum Christentum übertraten, die Truppen
Dschingis Khans rotteten auf ihren Raubzügen ganze Städte und Weltgegenden bis
zum letzten menschlichen Lebewesen aus; aber in einem Punkt haben die Nazis der
Barbarei die welthistorische Krone aufgesetzt: Sie brauchten keinen rationalen
Grund um zu töten, und es gab kein Schlupfloch für die Opfer. Die Habgier konnte
daran beteiligt sein, musste es aber nicht. Die Nazis töteten mit historisch
unübertroffenem, grenzenlosem Vernichtungswillen. Nichts kann den Naziterror
übertreffen – man wird in Zukunft natürlich noch technisch perfekter,
rationeller morden können, aber die Bereitschaft, die Welt systematisch von
allem “Bösen” zu reinigen, bis hin zum letzten “Untermenschen”, Juden,
Zigeuner, ist als ideologischer Plan und Vorsatz nicht zu überbieten. Er ist
der pure, Realpolitik gewordene Manichäismus, die restlose Vernichtung des
angeblich Bösen durch das angeblich Gute, die Auslöschung des zur Ratte und
Küchenschabe herabgewürdigten Menschen, sein Verschwinden aus dem Kosmos bis in
alle Ewigkeit. Darum ragt Babij Jar so schreiend zum Himmel.
Zwei Jahre nach dem Einmarsch der deutschen Armee bricht das “Tausendjährige Reich”
zusammen. Der Totentanz geht seinem Ende entgegen, der Erdball dreht sich
zurück, die Geschichte rollt wieder auf Kusnezow zu. Die Deutschen laufen in
die umgekehrte Richtung, in den einst martialischen Gesichtern steht die Angst,
und so wie sie einst versucht hatten, das letzte Exemplar eines Zigeuners oder
Juden auszulöschen, sind sie jetzt von der Idee besessen, die physischen
Beweisstücke ihrer Untaten zu beseitigen.
“Die
Leichen vernichten”, lautete der Auftrag an Blobel, der auch die
Massenerschießungen geleitet hatte: und dann die Gefangenen töten, die die
Leichen verbrannt hatten und sie auf den von ihnen selbst errichteten
Scheiterhaufen anzünden, und die Asche der Verbrannten in alle Winde verstreuen.
Die Nazis wollten den perfekten Massenmord begehen und, nachdem sie Millionen
von Menschen getötet hatten, sie spurlos verschwinden und in Rauch aufgehen
lassen. Kein einziger Überlebender sollte zu einer Zeugenaussage fähig sein,
kein Sherlock Holmes die geringste Spur finden. Die Mörder würden schon um
ihrer eigenen Haut willen schweigen oder lügen.
Die
Organisation der Gefangenen, die man “Figuren” nannte, um sie nicht Menschen zu
nennen, in “Hakenmänner”, “Goldsucher,” “Garderobenmänner”, “Heizer”,
“Feststampfer”, “Gemüsegärtner”, also in solche, die die Leichen an Haken aus
der Grube zogen, andere, die ihnen die Goldzähne herausbrachen, andere, die sie
auszogen – die KZ-Wächter tauschten ihre Kleider auf dem Markt gegen Schnaps –,
in solche, die sie verbrannten, und andere, die ihre Asche verstreuten, wird
bei Kusnezow ausführlich beschrieben. (Vielleicht ist das wirklich Einzigartige
am deutschen Faschismus diese Verschränkung von Wahnsinn in der Idee und
Rationalismus in der Exekution.) Jene Seiten, auf denen er erzählt, wie die
Gefangenen mit Eisenstangen erschlagen, die Mädchen aus einem Kiewer Nachtklub
lebendig ins Feuer geworfen werden, wie der deutsche Schäferhund Rex die
Geschlechtsteile der Internierten zerreißt und die deutschen Soldaten bei all
dem zusehen und ihre Zigaretten rauchen, verdienen es wohl, ein “Inferno”
genannt zu werden, nur dass es von Menschen statt vom Satan organisiert wurde
und die haarsträubenden Seiten Dantes an Schrecken weit überragt.
Aber
es waren der Toten zu viele, und nur ein Teil der Leichen wurde während des
Rückzugs der deutschen Armee verbrannt, mehrere Gefangene entkamen den
deutschen Mördern. Eine Frau, die Zeugin Dina M. Pronitschewa, hatte das
Massaker an den Juden Kiews vom 29. und 30. September 1941 überlebt und sich
aus dem Massengrab gerettet. Die Häftlinge, die am zweiten Jahrestag des
Massakers hingerichtet werden sollten, versuchten in der Nacht zum 30.
September 1943 einen Ausbruch; 311 der Fliehenden wurden getötet, vierzehn
erreichten Anfang November die Reihen der Roten Armee. Zwei von ihnen, Vladimir
Davidov und David Budnik, berichteten der Welt als Zeugen in Nürnberg 1946 über
Babij Jar.
Die
Nazis haben versucht, eine totalitäre frontale Attacke gegen die Erinnerung in
der Geschichte zu führen, aber im Weltall geht keine Energie verloren, und in
der Geschichte bleibt immer eine Spur Erinnerung zurück. Irgendwo überlebt ein
letzter Mohikaner, um zu berichten. Die Türken haben bei ihrem versuchten
Völkermord gegen die Armenier geplant, nicht nur ein Volk, sondern seine Steine
zu vernichten; denn die Steine könnten sprechen. Vergeblich! Kusnezow: “Nicht
ein einziges gesellschaftliches Verbrechen kann geheim bleiben. Es retten sich
fünfzehn Leute, zwei Leute, ein Mann, die Zeugnis ablegen. Man kann alles
verbrennen, in den Wind streuen, zuschütten, niedertrampeln, aber es bleibt das
menschliche Gedächtnis. Die Geschichte lässt sich nicht beschummeln. Und man
kann nichts vor ihr verbergen.”
Ich habe lange die Fotos der vier Angeklagten im Prozess über den Völkermord in
Uganda betrachtet, der in diesen Tagen in Brüssel verhandelt wird. Ich kann
nichts Viehisches an ihnen entdecken. Die beiden katholischen Schwestern, die
das Benzin geliefert, ja selbst mit Hand angelegt haben sollen, als man hunderte
von Tutsis verbrannte, sehen “ganz normal” aus, die eine mild, die andere etwas
strenger; und von dem Universitätsprofessor, der jene berüchtigten “10 Gebote”
der Hutus verfasst haben soll, die zur Grundlage des Völkermords wurden, heißt
es, er sei so sympathisch und habe so viele Fürsprecher gefunden, dass die
Opfer fürchteten, das Gericht werde an seine Schuld nicht glauben.
Nicht
anders war es in Nürnberg. Hier saßen, unter der Anklage, “Eine Million
Menschen” ermordet zu haben, 23 Männer vor Gericht. Von Mordszenen wurde
berichtet, dass man, einem Richter zufolge “vor ihrem Anblick zurückwich wie
vor einem Strahl brühenden Dampfes”; aber die Angeklagten zitierten reihenweise
Zeugen herbei, die sie als “ehrlich”, “wahrheitsliebend”, “rechtdenkend”, “freundlich”
schilderten, als zutiefst aufrichtige, anständige Menschen – also als genauen
Gegensatz zu jenen selben, die sich in Polen und Russland in einen sadistischen
Rausch hineingesteigert und Bäuche aufgeschlitzt, alte Männer in den Staub
getreten, Frauen vergewaltigt, Kinder gegen Wände geschmettert hatten. Und das
weibliche Publikum war von dem blassen, sich sehr gut ausdrückenden
Einsatzgruppenführer Ohlendorf fasziniert, der auf die Frage, ob ihm der
Befehl, die gesamte jüdische Bevölkerung Südrusslands, einschließlich der
Kinder, zu ermorden, keine Bedenken verursacht habe, antwortete:
“Selbstverständlich”.
Warum
er ihn trotzdem ausgeführt habe?
“Weil
es mir undenkbar erscheint, dass ein untergeordneter Führer Befehle, die die
Staatsordnung gibt, nicht ausführt”.
“Wurde
den Leuten die Rechtmäßigkeit dieser Befehle vorgetäuscht?”
“Ich
verstehe Ihre Frage nicht. Denn der Befehl war von den Vorgesetzten gegeben,
sodass die Frage der Rechtmäßigkeit gar nicht kommen konnte.”
Paul
Blobel erinnerte in Nürnberg ausdrücklich daran, dass Himmler im Spätsommer
1941 in Nikolajew die Führer und Männer der Einsatzkommandos antreten ließ und
den ihnen gegebenen Liquidationsbefehl mit dem Hinweis wiederholte, dass Führer
und Männer, die an der Liquidation beteiligt seien, keinerlei persönliche und
eigene Verantwortung für die Durchführung dieses Befehls trugen. Die
Verantwortung trüge allein er mit dem Führer. Diese simple Strategie der
Verantwortungsübernahme erleichterte ihren Anhängern und Untergebenen, die ohnehin
sklavisch gehorsam waren, den Entleerungsvorgang des menschlichen Ich und aller
ihm angelernten Gebote. Es bildete sich eine Art Hohlraum, offen für jeden
Befehl. Der Uniformierte war das eine, das andere war der Privatmensch; der
eine war höflich, der andere monströs; der eine war der, der sein
Maschinengewehr gnadenlos auf tausende von nackten Frauen und Männern richtete,
der andere war der, der uns so freundlich aus dem Foto entgegenblickt. Der
Soldat war der Behälter für die Befehle, das Individuum hat gelitten und sich
allnächtlich besoffen. Aber die Rollen waren ungleich verteilt; das
Individuelle war nur ein Wurmfortsatz, wie der Blinddarm, und konnte jederzeit
herausoperiert werden.
Und
jetzt, am Ende des Krieges, warfen sie jene Puppe namens Soldat,
Obersturmbannführer, SS-Mann, Uniformträger wieder weg und wollten für nichts
verantwortlich gewesen sein. Ihre Verteidiger erfanden das Wort von der
“Doppelnatur” des Menschen. Aber es war nun einmal derselbe erbärmliche Mensch,
auch wenn er die Bestie, wie ein Flaschenteufelchen, wieder eingepackt hatte
und sagte, er sei jetzt Zivilist.
Der
Anwalt von Paul Blobel sagte in seinem Schlussplädoyer, sein Mandant habe
Aufgaben “rein verwaltungstechnischer Art” gehabt. Eine davon war die Leitung
von Exekutionen. Für all diese Massenmörder, für all diese Vollakademiker mit
Doktorgraden war Töten pure Pflichterfüllung. Die Angeklagten insistierten
darauf, dass sie nicht aus persönlicher Niedertracht, sondern nur aus
“Pflichtschuldigkeit” getötet hätten. Ein Angeklagter gestand sogar, er habe
mit einer jüdischen Frau gelebt. “Die Gegner wurden als Ungeziefer betrachtet,
aber nicht auf dem Weg des persönlichen Ressentiments, sondern durch das Urteil
der Wissenschaft.”
Zu den bemerkenswerten Seiten des Nürnberger Prozesses gehörte, dass die
Schilderung der Gräueltaten ständig mit den akademischen Titeln der Täter
durchsetzt war, die sie begangen hatten. Die Angeklagten waren fast durchweg
gebildete Menschen, Ministerialbeamte, Rechtsanwälte, Architekten, sogar ein
protestantischer Geistlicher und ein Opernsänger waren darunter. “Je
zivilisierter der Mensch, umso stärker sind seine sadistischen Tendenzen”,
schreibt Hanspeter Born, Rossis Buch Geheimagent Stalins zitierend. Und
Johann Siebert, einer der Kommandanten des Ghettos von Riga, soll den berühmten
jüdischen Historiker Dubnow, bei dem er in Heidelberg studiert hatte, im Ghetto
aufgesucht und lachend gesagt haben: “In meiner Jugend war ich so dumm, Ihre
Vorlesungen zu besuchen. Was für einen Unsinn haben Sie uns doch vorerzählt!
Sie wollten, dass wir weich werden und an den Triumph des Humanismus zu glauben
beginnen. Lachhaft!” Johann Siebert versagte sich nicht das Vergnügen, bei der
Ermordung Dubnows persönlich anwesend zu sein.
Das
ist vielleicht eine der schlimmsten Desillusionierungen des 20. Jahrhunderts:
die zerbrochene Hoffnung, dass der zivilisierte, “aufgeklärte” Mensch
widerstandsfähiger gegen die Barbarei sei als der ungebildete. Der Genozid hat
uns gelehrt, dass die Instinkte, die aus uns herausbrechen, stärker sind als
alle moralischen Sätze, die uns als Kinder eingetrichtert wurden. Die
jahrhundertealte Hoffnung brach zusammen, dass man den Menschen zu einem
besseren Wesen erziehen könne.
Die Sprache der Mörder war von unglaublicher Eintönigkeit. Sie hatte keinen
individuellen Klang. Sie war völlig linear, administrativ, austauschbar. In den
Aussagen Blobels findet sich keine Spur von Mitleid mit den Opfern. Von ihnen
sprechend, schleicht sich Verachtung in die Sätze des SS-Standartenführers:
”Sie haben sich in ihr Schicksal gefügt. Und das ist das Eigentümliche dieser
Menschen da im Osten”, oder: “Sie erkannten ihren inneren Wert nicht.” Die
Einsatzleute wurden nicht müde, in Nürnberg “die ungeheuren seelischen und
gesundheitlichen Schäden” für die Exekutoren zu beschwören, die nachts in
Schreikrämpfe verfielen, über Kopfschmerzen klagten, depressiv wurden: “Ja,
also unsere Schützen, die mussten betreut werden ... Ich muss sagen, dass
unsere Männer, die daran teilgenommen haben, mehr mit ihren Nerven runter waren
als diejenigen, die dort erschossen werden mussten.”
Die
Mörder leiden, die Opfer nicht. Die Begriffe stehen Kopf. Das ist aber keine
“Frechheit”, wie Richter Dixon meinte, es ist viel schlimmer: Blobel meinte das
wirklich. Er war nach wie vor unfähig, in den Opfern Menschen zu sehen, und
diese Gefühlskälte ist erschreckender als die Grausamkeit, obschon sie
jederzeit in Grausamkeit umschlagen kann. Die Verhöre von Nürnberg lassen einem
in jedem Satz die Haare zu Berge stehen, nicht nur wegen der unsagbaren Leiden
der Opfer, sondern wegen des immer gleichen indifferenten Sprachduktus, mit dem
der “grundsätzliche Befehl zur restlosen Beseitigung des Judentums” kommentiert
und justifiziert wurde.
Man
möchte mit dem Brecheisen in diese Sprache eindringen, um ihr verborgenes Wesen
zu verstehen; das, was drinsteckt von denen, die sie verwenden; das sind doch
Menschen, die diese Sprache sprechen; das ist doch Deutsch! Gibt es überhaupt
etwas deutscheres als dieses Deutsch? Dieses selbstbewusste, mit harten
Konsonanten und militärischen Reizworten strukturierte Deutsch? (Dieses
Hitler-Deutsch, das ja selbst nur ein angelerntes Militär- und
Bürokratendeutsch und abgeschriebenes Antisemitendeutsch war.) Aber man sieht
hinein und findet nichts. Die menschliche Sprache hat Schwingungen, diese
nicht. Diese Sprache gleicht einem Elektrokardiogramm, wenn das Herz aufgehört
hat zu schlagen.
Aber
die Sprache der Mörder war nicht nur phantasieloser und kälter als die Sprache
der Opfer, sie war auch tausendmal mächtiger. Die Nazis haben eine
Räubersprache zum Aufspießen von Menschen erfunden, die nichts mit dem Deutsch
ihrer Dichter und Denker zu tun hatte, eine Räubersprache im bürokratischen
Gewand. Sie war bald verlogen und kleidete die Mordabsichten in Verwaltungsformeln
(“Endlösung”, “Sonderbehandlung”, “Umsiedlung”) ein, bald war sie offen zynisch
(im “Babij Jar” hieß ein MG-Massaker “Konzert” oder “Laienkunstabend”), bald
brutal. Ob man nun die Tagesbefehle der Generäle liest, die Anschläge an den
Häuserwänden, die Aussagen im Nürnberger Prozess, immer schlägt uns dieses
hermetische eisige Deutsch entgegen: “Das jüdisch-bolschewistische System muss
ein- für allemal ausgerottet werden ... Der deutsche Soldat hat daher nicht
allein die Aufgabe, die militärischen Machtmittel dieses Systems zu
zerschlagen. Er tritt auch als Träger einer völkischen Idee und Rächer für alle
Grausamkeiten, die ihm und dem deutschen Volk zugefügt wurden, auf ... Für die
Notwendigkeit der harten Sühne am Judentum, dem geistigen Träger des
bolschewistischen Terrors, muss der Soldat Verständnis aufbringen”
(Generalfeldmarschall Erich von Manstein, Befehl vom 20. November 1941).
In
ihren Erinnerungen und Zeugnissen stellen sich die Opfer immer in ihrer
Schändlichkeit dar, die Mörder vergöttern sich; die ersten schildern
Verbrechen, die sie aneinander begingen, die zweiten besingen selbstlose
“Heldentaten”: “Wir müssen hart mit uns sein, um für unsere Nachkommen ein
schöneres und ewiges Deutschland zu bauen. Wöchentlich drei bis vier Aktionen,
und ein andermal Juden, Partisanen und sonstiges Gesindel”(Brief eines
Wehrmachtangehörigen aus dem Osten nach Hause).
Man
wird ohnmächtig vor dieser Sprache. Die Wahrheit in ihr ist angefault wie ein
Apfel, den der Wurm frisst, aber sie kommt gleichsam gesund und in Stiefeln
daher, markig, kräftig, unwiderleglich. Kein Zögern, kein Zweifel ist in dieser
im Stechschritt vormarschierenden Sprache. Diese Sprache ist stärker als unsere
Widerlegung. Sie appelliert an einflussreichere Instinkte.
Kein Bericht eines Opfers gleicht dem andern. Jedes Herz hat einen anderen
Gesang. Kein Leben gleicht einem andern; es steht riesengroß und allein im
Universum. Die Sprachen der Opfer und der Mörder haben nichts miteinander
gemein. Es kommt einem vor, als ob sie nicht vom selben Geschehen erzählen. Der
Krieg aus der Perspektive der Opfer und der Mörder, das sind zwei Kriege. Die
Mörder im Babij Jar haben die Lebenden wie Sprotten auf die Toten geschichtet,
um sie nach der Exekution nicht mehr wegtragen zu müssen, sie traten sie mit
Füßen, prügelten sie mit Stöcken und Schlagringen, haben sie in Zehnergruppen
ermordet, mit dem Maschinengewehr, 33771 in zwei Tagen war ihre stolze Bilanz.
Es war ihnen gar nicht aufgegangen, dass sie vor lauter kostbaren, in alle
Ewigkeit unwiederholbaren Menschen standen, vor leidenschaftlichen jungen
Denkern, vor Verliebten, vor zutiefst ergebenen und frommen Leuten, vor
Revolutionären, vor Atheisten, vor Kinderreichen und Sterilen, vor Depressiven
und solchen, die vor Lebensfreude überflossen, vor einem Schreiner, einem
Bankier, einem Lehrling, einem Philanthropen, einem Gauner, einem Stotterer,
einer guten und einer schlechten Schülerin, einer Kurzsichtigen, einem armen
Alten, lauter Einzelne, die sich in allem unterschieden und nur eins gemein
hatten: dass sie Juden waren (aber dann kamen die Zigeuner dran, die stammweise
hingerichtet wurden, die Politoffiziere, die Matrosen der Dnjepr-Flotte,
Tausende von so genannten Geiseln usw.). Die Mörder sahen nur die nackten
Frauen, die versuchten, auf die Grube zulaufend, ihre Brüste mit den Händen zu
bedecken und Berge von nackten Toten, die wie geschlachtete Kälber übereinander
lagen.
Kusnezow
hat einem Teil dieser Toten das Leben wiedergegeben und sie in unsere
Erinnerung zurückgebracht. Er hat sie aus der Grube gezogen und ihnen ihre
Namen zurückerstattet und uns daran erinnert, dass es Menschen waren und kein
Schlachtvieh für entfesselte Faschisten. Er hat die Geschichte zurückgedreht
und Hunderte von Juden, Ukrainern, Russen aus dem Sumpf des Vergessens
gerettet; er hat die überlebenden Zeugen befragt, damit nicht eine Einzelheit
der Verbrechen unterschlagen und unter den Richterstuhl der Geschichte gefegt
werde.
Die
Kunst leistet Widerstand gegen das Vergessen, und so wie Jewtuschenko 1961 geschrieben
hat: “Kein Denkmal steht im Babij Jar”, um mit seinem Gedicht ein für immer
unzerstörbares Denkmal zu setzen, hat Kusnezow jenes schöne, von 800.000
Menschen bewohnte Kiew wiederauferstehen lassen, das von den Sowjets und den
Nazis in Schutt und Asche gelegt worden war. Mehr kann Kunst nicht leisten;
wenn sie den Menschen schon nicht bessern kann, so erinnert sie ihn wenigstens
an seine Schandtaten.
Kusnezow
sagte sich, dass “die humanen und klugen Menschen, die nach uns leben werden,
Schwierigkeiten haben werden zu begreifen, wie der Gedanke eines Mordes, eines
Massenmordes in uns aufkeimen konnte. Ein normales menschliches Wesen begreift,
dass nicht nur es allein, sondern auch alle andern Wesen fürs Leben gern leben
möchten.” Aber diese humanen und klugen Menschen, von denen Kusnezow träumt,
die gibt es nicht; sie werden, wie in jeder Generation, in der Minderheit
bleiben. Sie werden keinen Einfluss auf die Geschichte nehmen, obschon auch sie
von einer ”Erde unter dem Himmel” träumen, die “nicht jüdisch, nicht arisch,
nicht zigeunerisch ist, sondern einfach den Menschen gehört. Aber, mein Gott,
vielleicht gibt es gar keine Menschen auf der Welt, oder es gibt sie irgendwo,
aber ich weiß nicht wo.”