Die
Haltung der USA zum Völkermord
Die
Politik der Unterlassung beenden und die Vorbeugung beginnen
Das 20. Jahrhundert ist eines der grausamsten in der Geschichte der
Menschheit, und es ist trotz des beschwörenden “Nie wieder” nach dem Holocaust
der Deutschen an den Juden ein ungemein grausames geblieben. Unsere Autorin
fragt nach der Verantwortung der Vereinigten Staaten, Genozide zu verhindern
oder abschreckend einzugreifen. Sie zeigt auf, dass es, etwa im Fall Ruanda,
nicht eine Frage zu geringer oder widersprüchlicher Information war, sondern
eine Frage mangelnden Willens der politischen Verantwortlichen, die vor einem
Eingreifen zurückschreckten. Jedes Nichteingreifen aber senkt die Schwelle zu
Gewaltbereitschaft und erhöht das weltweite Konfliktpotenzial.
Genozidvorbeugung ist daher eine zentrale Aufgabe zur Erhaltung des
Weltfriedens.
Im
Laufe des letzten Jahrhunderts haben die Vereinigten Staaten bescheidene
Fortschritte gemacht, was die Auseinandersetzung mit dem Völkermord und mit der
vorsätzlichen Vernichtung von ethnischen, nationalen oder religiösen Gruppen
betrifft. Die Beharrlichkeit und Vermehrung von kritischen Stimmen innerhalb
der US-Regierung und von Vertretern der Menschenrechte außerhalb von ihr haben
eine Fortsetzung der Politik des Totschweigens von Völkermorden schwieriger
gemacht. Wie der serbische Präsident Slobodan Milosevic lernen musste, schützt
staatliche Souveränität einen Völkermörder nicht mehr zwangsläufig vor
militärischer Intervention oder der Bestrafung durch einen Gerichtshof.
Aber
solche Fortschritte wurden in den Schatten gestellt durch Amerikas Tolerierung
von unglaublichen Gräueltaten, die oft in aller Öffentlichkeit begangen wurden.
Die Personen und die geopolitischen Zwänge, die die Entscheidungsfindung in den
USA beeinflussen, haben sich zwar im Laufe der Zeit verändert, aber die
Vereinigten Staaten haben sich beständig geweigert, Gefahren auf sich zu
nehmen, um Völkermorde zu verhindern. Damit stehen die Vereinigten Staaten
nicht allein. Die Nachbarstaaten von Gesellschaften, in denen Völkermord
begangen wurde, und die europäischen Regierungen haben ebenso beiseite gesehen.
Trotz der großen öffentlichen Übereinstimmung, dass Völkermord “nie wieder”
geduldet werden dürfe, und trotz der weit verbreiteten Siegesfreude über den
Aufstieg von liberalen und demokratischen Werten ist das letzte Jahrzehnt des
20. Jahrhunderts eines der tödlichsten in einem der grausamsten Jahrhunderte
der ganzen Geschichte gewesen. Ruandische Hutus konnten 1994 ungehindert, froh
und munter und systematisch hundert Tage lang etwa 8000 Tutsi pro Tag
abschlachten, ohne dass es zu irgendeiner ausländischen Einmischung gekommen
wäre. Völkermorde gab es nachdem Kalten Krieg; nachdem Anwachsen
von Gruppen zur Verteidigung der Menschenrechte; nachdem Aufkommen von
Technologien, die eine unmittelbare Kommunikation ermöglichen, und nach der
Errichtung des Holocaust-Museums in der Mall von Washington, D. C.
Es
klingt pervers, aber die Wahrnehmung des Holocaust in der amerikanischen Öffentlichkeit
scheint die Schwelle der Betroffenheit so hoch gelegt zu haben, dass wir uns
sagen konnten, dass die heutigen Völkermorde weit darunter blieben. Wie der
Schriftsteller David Rieff notierte, sollte “nie wieder” am besten als “Nie
wieder werden die Deutschen Juden im Europa der 40er-Jahre umbringen” definiert
werden.(1) Durch das Verschließen ihrer Augen oder indem sie sich dringlicheren
konventionellen strategischen und politischen Fragen zuwandten, haben führende
US-Politiker, die den Holocaust kritisierten, selber Völkermorde zugelassen.
Am
schockierendsten an Amerikas Reaktion auf die Ermordung von fast einer Million
Armenier durch die Türken, auf den Holocaust, auf Pol Pots Terrorregime, unter
dem etwa zwei Millionen Menschen starben, auf die Abschlachtung von mehr als
100000 Kurden, auf den Massenmord von etwa 200000 Moslems und Kroaten durch die
bosnischen Serben und auf den Versuch der Hutu, die Tutsi auszurotten, ist
nicht, dass die USA sich weigerten, ihre Bodentruppen einzusetzen, um diese Gräueltaten
zu bekämpfen. Fast das ganze Jahrhundert über haben selbst die glühendsten
Interventionisten nicht für Invasionen mit US-Bodentruppen plädiert. Am
schockierendsten ist, dass diejenigen, die in Washington die Richtlinien der
Politik bestimmten, fast nichts getan haben, um vor dem Verbrechen
abzuschrecken. Weil die “lebenswichtigen nationalen Interessen” Amerikas durch
schlichten Völkermord als nicht gefährdet erachtet wurden, schenkten die
älteren US-Politiker dem Völkermord nicht die moralische Aufmerksamkeit, die
nötig gewesen wäre. Anstatt Schritt für Schritt in einem Kontinuum der
Intervention vorzugehen – von der Verurteilung der Missetäter oder Einstellung
der US-Hilfe bis zur Bombardierung oder Aufstellung multinationaler
Streitkräfte –, neigten die US-Politiker dazu, auf Verhandlungen zu vertrauen,
auf diplomatischen Spitzfindigkeiten und “Neutralität” zu beharren und
humanitäre Hilfsgüter zu verschiffen.
Gelegentlich
haben die USA sogar direkt oder indirekt denjenigen geholfen, die Völkermord
begingen. 1979 inszenierte die Carter-Regierung im UN Credentials Committee das
Votum zu Gunsten der Roten Khmer, das es den barbarischen Radikalen erlaubte,
noch nach ihrer Niederlage für zehn Jahre Kambodschas UN-Sitz einzunehmen. 1987
bis 1988 gewährte die Reagan-Regierung dem Irak Kredite zum Aufbau der
Landwirtschaft und Industrie in Höhe von mehr als 500 Millionen Dollar pro
Jahr, während Saddam Hussein versuchte, die kurdische Landbevölkerung des Irak
auszurotten. Zwischen 1992 und 1995 erhielten die Bush- und Clinton-Regierungen
zusammen mit ihren europäischen Verbündeten ein Waffenembargo gegen die
bosnischen Moslems selbst dann noch aufrecht, als klar war, dass das Embargo
bewirkte, dass die Moslems sich nicht verteidigen konnten. Da sie den Krieg
nicht “amerikanisieren” oder “Partei nehmen” wollten, sorgten sie für eine
große Disparität, was den Waffenbesitz betraf, von der der Aggressor
profitierte. Im April 1994, als der Bosnienkrieg immer noch im Gang war,
benutzte die Clinton-Regierung ihren Einfluss im UN-Sicherheitsrat, um für den
Rückzug der UN-Friedenstruppen aus Ruanda zu stimmen und Bemühungen, sie
umzugruppieren, zu blockieren. Den Völkern in Bosnien und Ruanda stellten die
Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten im UN-Sicherheitsrat das Versprechen
in Aussicht, sie zu schützen – ein Versprechen, auf dessen Einhaltung sie gar
nicht vorbereitet waren.
Nach einem Jahrhundert falscher Versprechungen lautet die entscheidende
Frage: Warum stehen die USA untätig abseits? Die häufigste Antwort lautet: “Wir
haben ja nichts davon gewusst.” Das ist nicht wahr. Gewiss, die Informationen
aus Ländern, die vom Völkermord bedroht waren, waren unvollständig.
Botschaftspersonal wurde abgezogen, Aufklärung vor Ort war selten, Herausgeber
zögerten bezeichnenderweise, ihre Reporter an Orte zu schicken, an denen es
keine US-Interessen gab oder für die amerikanische Leser sich nicht
interessierten, und Journalisten, die von den Gräueln berichten wollten, wurden
in ihren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt. Die Roten Khmer zum Beispiel
riegelten Kambodscha völlig ab und zwangen die Reporter außerhalb, an der
thailändischen Grenze zu kampieren, wo sie nur mit den Kambodschanern sprechen
konnten, die das Glück hatten, zu entkommen. Die Hand voll von tapferen westlichen
Reportern, die während des Völkermords in Ruanda blieb, war kaum in der Lage,
die Hauptstadt Kigali zu verlassen. Daher waren Berichte von Überlebenden nur
schwer zu bestätigen und Zahlen über die Opfer kaum zu ermitteln. Weil
Völkermorde zumeist unter dem Deckmantel des Krieges begangen werden, hatten
einige US-Politiker zunächst echte Schwierigkeiten, vorsätzliche Massaker an
der Zivilbevölkerung von Kriegsopfern in konventionellen Konflikten zu
unterscheiden.
Aber
auch wenn die US-Verantwortlichen nicht alles über die Art und den Umfang der
Gewalt wussten, was man wissen konnte, so wussten sie doch eine ganze Menge.
Von Henry Morgenthau Senior, dem mit guten Beziehungen ausgestatteten
US-Botschafter in Konstantinopel im Jahre 1915, bis zu Charles Twining, dem
Kambodscha-Experten in der US-Botschaft in Bangkok in den Jahren 1976 und 1977,
oder bis zu Jon Western, einem jüngeren Analytiker im Nachrichtendienst, der
Berichte über Gräueltaten in Bosnien im Jahre 1993 sammelte, haben US-Beamte
einen beständigen Informationsstrom in die höheren Ränge der
Entscheidungsfinder gepumpt – sowohl Warnungen vor dem Völkermord als auch
klare Dokumentationen während seines Ablaufes. Viele der besten Informationen
erschienen in den Morgenzeitungen. Schon 1915, als die Kommunikationsmittel
noch primitiv waren, gelang es der New York Times, 145 Berichte über das
Massaker der Türken an den Armeniern zu veröffentlichen. Fast achtzig Jahre
später berichtete dieselbe Zeitung vier Tage nach dem Beginn des Genozids in
Ruanda, dass “Zehntausende” Ruander bereits ermordet worden seien. Dem Horror
in Bosnien widmete sie zwischen 1992 und 1995 mehr Kolumnenplatz, als sie es
jemals zuvor bei einer anderen Auslandsgeschichte gemacht hatte.
Im
Zeitalter unmittelbarer Information sind die US-Verantwortlichen von der
Behauptung, sie hätten “nichts davon gewusst”, dazu übergegangen – wie
Präsident Clinton 1998 in seiner Ruanda-Abbitte – zu sagen, dass sie das
ablaufende Verbrechen “nicht richtig eingeschätzt” hätten. Auch dies ist irreführend.
Es ist richtig, dass die Gräuel, die bekannt waren, abstrakt und weit entfernt
waren, sodass sie kaum den Status von allgemein bekannten Fakten bei den
Durchschnittsamerikanern bekamen. Weil die Grausamkeit des Völkermords der
Alltagserfahrung so fern ist, sind viele von uns darin gescheitert, sich mit
ihm zu beschäftigen. Wir haben nach und nach gelernt, das Grauen des Holocaust
zur Kenntnis zu nehmen, es dann aber in unserem Bewusstsein als “Geschichte”
abgehakt; wir weigerten uns zu sehen, dass der Völkermord in der Gegenwart
geschah. Überlebende und Zeugen hatten es schwer, das Unglaubliche glaubhaft zu
machen. Die Zuschauer konnten sich somit in das “Zwielicht zwischen Wissen und
Nichtwissen” zurückziehen.(2)
Aber
das ist kein Alibi. Wir sind verantwortlich für unsere Ungläubigkeit. Die
Geschichten, die von Genozidgesellschaften erzählt werden, sind per Definition
unglaublich. Diese Lektion sollte der Holocaust uns gelehrt haben. Bei einem
Genozid nach dem anderen haben sich Zahlen und Fakten, die übertrieben klangen
und die nicht unabhängig verifiziert werden konnten, wiederholt als wahr
erwiesen. Nachdem unser Wunschdenken so oft gescheitert ist, hätten wir die
Last des Beweises schon lange von den Flüchtlingen nehmen und sie den
Skeptikern übergeben sollen, die aufgefordert werden sollten, überzeugende
Gründe anzuführen, warum sie Augenzeugenberichte in Frage stellen. Eine Neigung
zum Glauben würde weniger Schaden anrichten als eine Neigung zum Unglauben.
Die
Regierungsvertreter der USA haben sich wegen der Konsequenzen geweigert, sich
das Unvorstellbare vorzustellen. Zu glauben, dass Saddam Hussein kurdische
Zivilisten vergast hat, hätte bedeutet, dass die US-Politiker gezwungen gewesen
wären, ihre “strategische” Partnerschaft mit ihm in Frage zu stellen. Zu
akzeptieren, dass moslemische Flüchtlinge aus Srebrenica tatsächlich
Leichenhaufen neben den Straßen gesehen hatten, hätte die US-Verantwortlichen
gezwungen, entweder General Mladics serbischen Streitkräften oder ihrem eigenen
Gewissen die Stirn zu bieten. Aber anstatt sich aktiv um bessere Erkenntnisse
zu bemühen oder zu veröffentlichen, was bereits bekannt war, haben die
US-Politiker hartnäckig Schutz im Nebel der plausiblen Verleugnung der
Tatsachen gesucht. Sie benutzten die Suche nach Gewissheit als Entschuldigung
für ihre Lähmung und Verzögerungstaktik. In den Fällen von Völkermord, die in
meinem Buch A Problem from Hell (3) dokumentiert sind, haben sich die
US-Verantwortlichen, die “nichts davon gewusst” oder es “nicht richtig eingeschätzt”
haben, in der Regel entschieden, nichts zu tun.
Eine zweite Antwort auf die Frage, warum die USA so wenig getan haben, lautet, dass sie
nicht viel hätten tun können, um den Horror zu stoppen. Der einzige Weg, um die
Wirksamkeit der diplomatischen, wirtschaftlichen oder militärischen Maßnahmen
der USA festzustellen, wäre gewesen, diese Maßnahmen durchzuführen. Wir wissen
jedenfalls, dass diejenigen, die für den Völkermord verantwortlich sind,
schnell lernen und in bemerkenswerter Weise sowohl mit den Taktiken ihrer
mörderischen Vorläufer als auch mit der Reaktion der Welt umgehen können. Von
ihren brutalen Vorgängern haben sie alles Mögliche gelernt, von der
Entmenschlichung ihrer Opfer und dem Auffahren von Schönfärbereien bis zum Bau
von Konzentrationslagern und Lügen über ihre Verbrechen, die sie am liebsten
verbergen. Und von der Außenwelt haben sie die Lektion der Straflosigkeit
gelernt.
Wenn
irgendetwas die Fähigkeit der USA zur Einflussnahme beweist, dann ist es das
Ausmaß, in dem die Anstifter zum Völkermord ein geübtes Auge auf Washington und
andere westliche Hauptstädte werfen, wenn sie beschließen, wie vorzugehen ist.
Talaat Pasha, der türkische Innenminister, hat mehrfach gesagt, dass niemand
Sultan Abdul Hamid davon abgehalten habe, die Armenier zu ermorden. Hitler
wurde durch die Tatsache ermutigt, dass absolut niemand “sich an die Armenier
erinnerte”. Saddam Hussein – der die schwache Reaktion der internationalen
Gemeinschaft auf seinen mit chemischen Waffen geführten Angriff auf den Iran und
auf das Plattwalzen kurdischer Dörfer festgestellt hatte – nahm zu Recht an,
dass er nicht dafür bestraft werden würde, Giftgas gegen die Kurden
einzusetzen. Ruandische Bewaffnete schossen zu Beginn ihres Genozids ganz offen
auf belgische Friedenstruppen, weil sie von der Reaktion der USA auf den Tod
von 18 US-Soldaten in Somalia im Jahre 1993 wussten, dass die Ermordung von
westlichen Soldaten deren Rückzug eher beschleunigten würde. Die bosnischen
Serben feierten öffentlich die Opfer von Mogadischu, erfüllt von der neuen
Gewissheit, dass sie nie mit den Bodentruppen der USA kämpfen müssten.
Milosevic sah, dass er mit der brutalen Unterdrückung einer
Unabhängigkeitsbewegung in Kroatien im Jahre 1991 davonkam, und meinte, er
würde keinen Preis für die Völkermorde in Bosnien und im Kosovo zu bezahlen
haben.
Weil
so viele Leute zum ersten Mal töteten und täglich entschieden, wie weit sie
gehen könnten, hatten die USA und ihre Verbündeten in mehreren kritischen
Situationen die Möglichkeit, den Versuch zu machen, sie davon abzuhalten – es
dann aber doch nicht getan. Auch wenn die US-Verantwortlichen Völkermorde auf
der ganzen Welt ignorierten, so hatten sie sicherlich nicht die Absicht
denjenigen, die sie begingen, grünes Licht zu geben. Aber da zumindest einige
Mörder dachten, dass sie der Welt einen Gefallen taten, wenn sie “unerwünschte
Personen” beseitigten, interpretierten sie das Schweigen vermutlich als
Billigung oder Unterstützung.
Obwohl
es unmöglich ist, das Ergebnis von Handlungen, die nie ausgeführt wurden, zu
beweisen, ist der beste Beweis für das, was die USA hätten erreichen können,
genau das, was die USA erreicht haben. Trotz des Geredes über die Nutzlosigkeit
eines Engagements der USA haben die wenigen Beispiele, in denen die Vereinigten
Staaten gehandelt haben, doch einen Unterschied bewirkt. Nachdem George Shultz
als Staatssekretär kritisiert hatte, dass Saddam Hussein Giftgas gegen die
Kurden eingesetzt hat, und nach Senator Claiborne Pells gescheitertem Versuch,
1988 Sanktionen durchzusetzen, hat Saddam Hussein kein Giftgas mehr verwendet.
Nach den Appellen der türkischen Regierung und der persönlichen Begegnung von
Staatssekretär James Baker mit kurdischen Flüchtlingen setzten sich die USA
zusammen mit ihren Verbündeten 1991 dafür ein, eine Schutzzone im Nordirak zu
schaffen, sodass über eine Million Kurden in ihre Heimat zurückkehren konnten.
In kleinerem Maßstab schrieb ein ruandischer Hotelbesitzer den Telefonanrufen
eines US-Diplomaten das Verdienst zu, mit dazu beigetragen zu haben, die Milizen
davon zu überzeugen, die Tutsi-Bewohner dieses Hotels während des Völkermords
nicht anzugreifen.
Als
die NATO 1995 endlich Bosnien bombardierte, kam der dreieinhalbjährige Krieg
schnell zu einem Ende. Als die NATO 1999 den Kosovo bombardierte, wurden 1,7
Millionen Albaner von der tyrannischen serbischen Herrschaft befreit. Und eine
Hand voll Verhaftungen durch die NATO im ehemaligen Jugoslawien hat Dutzende
von mutmaßlichen Kriegsverbrechern dazu gebracht, sich zu stellen. Man kann
nicht davon ausgehen, dass jede Maßnahme, die von der US-Regierung oder von
Fürsprechern außerhalb der Regierung erwogen wurde, wirksam gewesen wäre, aber
es besteht kein Zweifel, dass auch diese kleinen oder verspäteten Schritte
Hunderttausende von Leben gerettet haben. Wenn die Vereinigten Staaten der
Vorbeugung von Genoziden Priorität eingeräumt hätten, hätten noch sehr viel
mehr gerettet werden können.
Der wahre Grund, warum die Vereinigten Staaten nicht getan haben, was sie konnten
und was sie hätten tun sollen, um den Völkermord zu stoppen, war kein Mangel an
Wissen oder Einfluss, sondern ein Mangel an Willen. Einfach gesagt, die
amerikanischen Führungskräfte haben nicht gehandelt, weil sie nicht wollten.
Sie glaubten zwar, dass Völkermord falsch ist, aber sie waren nicht darauf
vorbereitet, das nötige militärische, finanzielle, diplomatische oder
innenpolitische Kapital zu investieren, um ihn zu stoppen. Die US-Politik in
Bezug auf die Völkermorde im 20. Jahrhundert war kein zufälliges Produkt der
Vernachlässigung. Nach einer unausgesprochenen, aber dennoch expliziten
Abwägung der Kosten und Gewinne wurden von den einflussreichsten
Entscheidungsfindern dieses Landes ganz konkrete Entscheidungen getroffen.
Jedenfalls
hatten die US-Politiker im Bereich der Exekutive (gewöhnlich mit der passiven
Unterstützung der Mehrheit der Kongressmitglieder) zwei Ziele. Zunächst wollten
sie ein Engagement in Konflikten vermeiden, die nur eine geringe Bedrohung für
die (recht eng definierten) amerikanischen Interessen darstellten. Und dann
hofften sie, die politischen Kosten zu beschränken und die moralische
Stigmatisierung zu vermeiden, die mit der Duldung von Völkermorden verbunden
ist. Im Großen und Ganzen haben sie beide Ziele erreicht. Um die politischen
Folgen einzugrenzen, übertrieben die US-Vertreter die Doppeldeutigkeit der
Fakten. Sie bauschten die vermutliche Nutzlosigkeit, Perversität und Gefahr
jeder vorgeschlagenen Intervention auf. Unerschütterlich vermieden sie es, das
Wort “Genozid” zu verwenden, das ihrer Meinung nach mit einem legalen und
moralischen (und somit politischen) Imperativ, handeln zu müssen, verbunden
war. Und sie trösteten sich mit den normalen Operationen der außenpolitischen
Bürokratie, die eine Illusion von kontinuierlicher Bedachtsamkeit, komplexer
Aktivität und intensiver Beschäftigung vermittelte. Eine der wichtigsten
Schlussfolgerungen, zu denen ich gekommen bin, lautet daher, dass die Bilanz
der USA keine des Scheiterns, sondern eher die eines Erfolges ist. Das ist
vielleicht nicht der Rede wert, aber man muss anerkennen, dass die
US-Funktionäre mit System arbeiteten und dass das System funktionierte.
Um
zu verstehen, warum die Vereinigten Staaten nicht mehr getan haben, um
Völkermorde zu bekämpfen, reicht es natürlich nicht, sich nur mit den
Aktivitäten der Präsidenten und ihrer außenpolitischen Berater zu beschäftigen.
In einer Demokratie kann auch eine Regierung, die abgeneigt ist, zu handeln,
dazu gebracht werden, es doch zu tun. Der entsprechende Druck kann von innen
oder von außen kommen. Bürokraten innerhalb des Systems, die verstehen, um was
es geht, können geduldig Einfluss ausüben oder kühn handeln, um ihre Chefs dazu
zu bringen, ihren vollen Handlungsspielraum zu nutzen. Obwohl jeder Völkermord
bestimmte Aktivitäten der US-Außenpolitik auslöste, beherzigten die
Staatsbeamten im Außenamt unglücklicherweise besonders, was sie für
Gleichgültigkeit des Präsidenten und Apathie der Öffentlichkeit hielten. Sie
gingen davon aus, dass die US-Politik unveränderlich war, dass ihre Anliegen
schon von ihren Vorgesetzten verstanden würden und dass seine Meinung zu sagen
(oder etwas zu unternehmen) nur ihre Fähigkeit schwächen würde, die Reaktion
der USA zu verbessern. Bosnien war der einzige Völkermord im 20. Jahrhundert,
der eine Rücktrittswelle in der US-Regierung auslöste. 1992 und 1993 verließen
vier Staatsbeamte das State Department. Es ist kein Zufall, dass Bosnien der
einzige Fall war, in dem Proteste von Außenamtsbeamten täglich durch anhaltende
öffentliche und Presseaktivitäten von außerhalb des Stadtteils Foggy Bottom
unterstützt wurden.
Die
Exekutive war auch keinem Druck von der zweiten möglichen Quelle ausgesetzt:
der Heimatfront. Die amerikanischen Führungskräfte konnten weiterhin beiseite
sehen, weil Völkermord in fernen Ländern für Senatoren, Parteicliquen im
Kongress, Washingtoner Lobbyisten, Meinungsmacher, einfache Parteimitglieder
oder individuelle Bürger nicht von Interesse war. Obwohl einzelne Stimmen gegen
das Gemetzel protestierten, verhielten sich die Amerikaner außerhalb der
Exekutive weitestgehend stumm, wenn es zum Völkermord kam. Als ein Ergebnis des
gesamtgesellschaftlichen Schweigens glaubten Funktionäre auf allen Ebenen der
Regierung, dass die innenpolitischen Kosten einer Beteiligung an der
Genozidvorbeugung weit höher waren als alle denkbaren Kosten, die sich aus
einer Nichteinmischung ergaben. Die Ausnahmen, die die Regel bestätigten, waren
Ronald Reagans Entscheidung im Jahre 1985, sich – kurz nach seinem Besuch von
SS-Gräbern in Bitburg, der eine Welle der Empörung in den USA ausgelöst hatte –
für die Ratifizierung der Genozidkonvention einzusetzen, und Bill Clintons
Beschluss, mit der NATO-Bombardierung Bosniens zu beginnen, kurz nachdem der
Führer der Senatsmehrheit (und spätere Präsidentschaftskandidat) Bob Dole sich
mit verschiedenen Aktivisten aus der Führungsclique und von der Basis verbündet
hatte, um Präsident Clinton klar zu machen, dass man ihn “fertig machen” würde,
wenn er die serbischen Gräueltaten zuließ.
Mit
außenpolitischen Krisen auf der ganzen Welt, die die traditionellen
US-Interessen mehr betrafen, hat Völkermord als solcher nie allerhöchste
Aufmerksamkeit erregt. Es war politischer Druck nötig, um Genozid auf die
Tagesordnung in Washington zu setzen. Als Alison Des Forges von Human Rights
Watchzwei Wochen nach dem Beginn des Völkermordes in Ruanda Anthony Lake,
den Berater für nationale Sicherheit, traf, teilte er ihr mit, dass die
Telefone nicht klingelten. “Macht mehr Lärm!”, forderte er. Da nur so wenig
Lärm über den Genozid gemacht wurde, widersetzten sich die
US-Entscheidungsfinder einer US-Intervention. Sie sagten sich, dass sie alles
taten, was sie konnten (und, noch wichtiger, was sie tun sollten) – allerdings
im Licht von konkurrierenden amerikanischen Interessen und eines äußerst
begrenzten Verständnisses von dem, was innenpolitisch an US-Aktivitäten
“möglich” war.
Die
Trägheit der Regierten kann jedenfalls nicht von der Gleichgültigkeit der
Regierung getrennt werden. Die amerikanischen Führungskräfte haben sowohl ein
zirkuläres als auch ein aktives Verhältnis zur öffentlichen Meinung. Zirkulär,
weil ihre Wählerschaft nur selten oder gar nicht von ausländischen Krisen und
auch Völkermorden aufgerüttelt wird, wenn sie nicht von der politischen Führung
dazu angespornt wird, und weil die US-Politiker ständig auf das Fehlen von
öffentlicher Unterstützung als Grund für ihre Untätigkeit verweisen. Und das
Verhältnis ist aktiv, weil die politische Führung in solchen Situationen
keineswegs nicht vorhanden war: Sie war vorhanden, aber hauptsächlich
entschlossen, die öffentliche Empörung einzudämmen.
Ein Mechanismus, um die Haltung der US-Führungskräfte zu verändern, wäre es, sie
öffentlich oder parlamentarisch für die Untätigkeit verantwortlich zu machen.
Amerikanische Politiker sind darauf eingestellt, die Auswirkungen ihrer in
ihrem Amt begangenen Sünden zu fürchten – die Folgen von falschen politischen
Entscheidungen. Aber sie fürchten nicht, dass sie für ihre Unterlassungssünden
bezahlen müssen. Wenn auch alle in der Regierung sich eifrig bemühen, “ein
zweites Somalia” oder “ein zweites Vietnam” zu vermeiden, so denken nur wenige
zwei Mal darüber nach, eine Rolle dabei zu spielen, “ein zweites Ruanda” zu
dulden.
Andere
Länder und Institutionen, deren Vertreter wirklich vor Ort waren, als
Völkermorde begangen wurden, haben zumindest eine kritische Selbstüberprüfung
vorgenommen. Die Niederlande, Frankreich und die UNO haben Untersuchungen über
ihre Mitverantwortung für die Eroberung von Srebrenica und die darauf folgenden
Massaker angestellt. Aber als die Untersucher der UNO die US-Vertretung in New
York um Hilfe baten, wurden ihre Telefonanrufe nicht beantwortet. Letztendlich
wurde es dem UNO-Team verboten, irgendeinen unabhängigen Kontakt zu
Angestellten der US-Regierung aufzunehmen. Die Untersucher bekamen Zugang zu
einer handverlesenen Gruppe von unteren und mittleren Beamten, die fast nichts
darüber erzählten, was die US-Regierung von den Massakern in Srebrenica wusste.
Die
Franzosen, die Belgier, die UNO und die Organisation für Afrikanische Einheit
haben Untersuchungen über die Verantwortung für den Genozid in Ruanda
unterstützt. Als in den Vereinigten Staaten einige verärgerte Mitglieder des Congressional
Black Caucus versuchten, Hearings über die Rolle, die die USA gespielt
haben (bzw. nicht gespielt haben), einzusetzen, wurden sie zurückgewiesen. Zwei
Vertreter der Clinton-Administration – einer vom Nationalen Sicherheitsrat, der
andere vom State Departement – stellten interne Untersuchungen über die
Reaktion der Regierung auf das Gemetzel in Ruanda an. Aber sie durchforschten
nur die Akten und äußerten sich nicht öffentlich über ihre Erkenntnisse. Die
Vereinigten Staaten brauchen Untersuchungskommissionen des Kongresses, die das
Recht auf volle Akteneinsicht haben und Beamte aller Ränge in der Exekutive und
in der Legislative vorladen dürfen. Ohne stichhaltige Enthüllungen,
öffentliche Kenntnisnahme und offizielle Scham kann man sich kaum vorstellen,
dass sich die Reaktionen der USA in nächster Zeit verbessern werden.
Auch
Bemühungen außerhalb der Regierung, auf Verantwortlichkeit zu pochen, können
etwas bewirken. Im September 2001 veröffentlichte der Atlantic Monthly die
Ergebnisse meiner dreijährigen Untersuchung zur Reaktion der Clinton-Regierung
auf den Völkermord in Ruanda. Laut einigen Mitgliedern des Nationalen
Sicherheitsrates fand ein paar Wochen später ein Memorandum zum Thema
Genozidvorbeugung seinen Weg auf den Schreibtisch von Präsident George W. Bush.
In diesem Memo wurden die Erkenntnisse aus meinem Atlantic-Artikel
zusammengefasst, und es wurde darauf hingewiesen, dass ein ähnlicher Ausbruch
von ethnischer Gewalt in Burundi bevorstehen könnte. Während des
Präsidentschaftswahlkampfes im Jahr davor hatte Bush gesagt, dass es nicht
Amerikas Angelegenheit sei, Völkermorde zu stoppen. “Ich mag keinen Völkermord,
und ich mag keine ethnische Säuberung”, hatte Bush zu Sam Donaldson von ABC
gesagt, “aber ich würde nicht unsere Truppen losschicken.” Nachdem er gewählt
worden war und mit dem Ausmaß des Versagens der Clinton-Administration
konfrontiert wurde, schrieb Bush jedenfalls entschlossen auf den Rand des
Memos: “NOT ON MY WATCH” (in etwa: Mit mir nicht!). Als er Oberbefehlshaber
war, sagte er, dass Genozid nicht wieder vorkommen würde.
Bushs
Notiz war sicherlich eine schöne Absichtserklärung, aber in der Realität fiel
der Präsident wieder in die Reihe der anderen amerikanischen Präsidenten
zurück, die auch “nie wieder” geschworen hatten. Um die guten Vorsätze in die
Tat umzusetzen, hätte er aussagekräftige öffentliche und bürokratische Schritte
unternehmen müssen, um Völkermorde zu stoppen. Er und seine wichtigsten
außenpolitischen Berater hätten eine explizite Direktive des Präsidenten
veröffentlichen müssen, in ihren Reden für Unterstützung werben müssen, sich
mit ihren Verbündeten beraten und die Vorbereitung einer “standardmäßigen”
militärischen Notfallplanung verlangen müssen. Ansonsten ist es höchst
unwahrscheinlich, dass Regierungsvertreter oder Bürger sich beim nächsten Mal
anders verhalten werden, wenn ethnische Chauvinisten anfangen, systematisch eine
Minderheitengruppe auszurotten. Aber am 11. September 2001 – wenige Tage,
nachdem der Präsident seine Randbemerkung geschrieben hatte – verwandelten
islamistische Terroristen vier amerikanische Zivilflugzeuge in menschliche
Benzinbomben, ermordeten mehr als dreitausend Zivilisten, erschütterten in den
USA das Gefühl der Unverwundbarkeit und zwangen den Präsidenten dazu, alle
Ressourcen für einen langfristigen “Krieg gegen den Terrorismus” zu
konzentrieren.
Der Angriff auf die Vereinigten Staaten am 11. September wird die
US-Außenpolitik grundlegend verändern. Dieser Angriff macht die Amerikaner
innerhalb und außerhalb der Regierung vielleicht empfindsamer für die Opfer von
Völkermorden. Die Fanatiker, die die Vereinigten Staaten angegriffen haben, ähneln
denjenigen, die Völkermorde begehen, in ihrer Übernahme von kollektiver
Verantwortung der übelsten Art. Sie greifen Zivilisten nicht wegen etwas an,
was diese persönlich getan haben, sondern wegen dessen, was sie sind. Um zum
Tode verurteilt zu werden, genügte es im 20. Jahrhundert, Armenier, Jude oder
Tutsi zu sein. Am 11. September genügte es, Amerikaner zu sein. 1994 erlebte
Ruanda, ein Land mit etwa acht Millionen Einwohnern, das zahlenmäßige
Äquivalent von mehr als zwei Angriffen auf das World Trade Center pro
Tag, und das hundert Tage lang. Auf den Maßstab der USA umgerechnet, würde das
23 Millionen ermordete Menschen in drei Monaten bedeuten. Als die Vereinigten
Staaten sich am 12. September 2001 um Hilfe an ihre Freunde auf der ganze Welt
wandten, war die Reaktion überwältigend. Als die Tutsi um Hilfe riefen,
verhielten sich dagegen alle Länder dieser Welt abweisend.
Selbst
wenn die Amerikaner in die Lage versetzt würden, sich die Gemetzel besser
vorzustellen und sich mit den Opfern zu identifizieren, ist es wahrscheinlich,
dass die US-Regierung Genozidvorbeugung als ein Unternehmen ansieht, das sie
sich nicht leisten kann, da sie sich vorgenommen hat, den Schutz von
Amerikanern zu verstärken. Viele sind jetzt der Meinung, dass
Terrorismusbekämpfung bedeutet, sparsam mit den Ressourcen des Landes umzugehen
und humanitäre Interventionen zu vermeiden, da diese angeblich die
“Wachsamkeit” der USA verringern. Die Intervention im Kosovo und der Prozess
gegen Milosevic, die einst als wichtige Präzedenzfälle gedacht waren, werden
für lange Zeit vielleicht der Höhepunkt bei der Vorbeugung und Bestrafung von
Genoziden bleiben.
Das
wäre ein tragischer und letztendlich selbstzerstörerischer Fehler. Die
Vereinigten Staaten sollten der Genozidbekämpfung aus zwei Gründen Priorität
einräumen. Der erste und zwingendste ist die Moral. Wenn unschuldiges Leben in
einem solchen Ausmaße bedroht ist und die Vereinigten Staaten die Macht haben,
das Morden zu stoppen, ohne unvertretbare Risiken einzugehen, dann haben sie die
Pflicht zu handeln. Dieser Glaube motiviert die meisten, die für Interventionen
plädieren. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass allein das Leid der Opfer die
Vereinigten Staaten nur selten mobilisiert hat.
Daher
haben auch diejenigen, die von einem Gefühl für Amerikas moralische
Verantwortung getrieben werden, versucht, Argumente vorzubringen, die sich auf
den zweiten Grund beziehen: aufgeklärtes Eigeninteresse. Sie warnten, dass die
Duldung von Völkermorden die regionale und internationale Sicherheit unterminieren
und militante Flüchtlinge schaffen würde. Das könnte bei den Tyrannen den
Eindruck erwecken, dass Hass und Mord zulässige Mittel der Staatskunst seien.
Da diese Bedrohungen der US-Interessen langfristige und nicht unmittelbar
aufscheinende Gefahren sind, haben sie die führenden Politiker nur selten
beeinflusst. Daher kam es zu humanitären Interventionen nur bei den seltenen
Anlässen, wenn die kurzfristigen politischen Interessen der USA gefährdet
waren.
Wenn
es schon vor dem 11. September schwierig war, die Entscheidungsfinder in den
USA dazu zu bringen, die langfristigen Kosten der Duldung von Völkermord zu
sehen, da wird das heute, wo die Sicherheitsprobleme in den USA so akut und so
sichtbar sind, noch schwieriger. Aber die Sicherheit der Amerikaner im In- und
Ausland ist abhängig von der internationalen Stabilität, und es gibt vielleicht
keine größere Quelle von Zerstörungen als eine Gruppe von gut bewaffneten
Extremisten, die darauf aus sind, aus ethischen, nationalen oder religiösen
Gründen ganze Gemeinschaften auszurotten.
Die
westlichen Regierungen haben im Allgemeinen versucht, Genozide einzudämmen,
indem sie deren Verursachern Einhalt geboten. Aber die traurige Bilanz des
letzten Jahrhunderts zeigt, dass die Wälle, die die Vereinigten Staaten um
Völkermordgesellschaften herum zu errichten versuchten, fast unvermeidlich
zusammengebrochen sind. Staaten, die ihre eigenen Bürger ermorden und foltern,
bedrohen auch die Bürger anderer Länder. Ihre Gier wird unersättlich. Hitler
begann mit der Verfolgung seiner eigenen Bürger und breitete dann den Krieg auf
ganz Europa und nach einiger Zeit sogar auf die USA aus. Saddam Hussein
vernichtete das Leben der Kurden auf dem Lande und wandte sich dann Kuwait zu,
indem er seinen völkermörderischen Gefolgsmann Ali Hassan al-Majid aussandte,
um das gerade besetzte Land zu regieren. Die Vereinigten Staaten hatten nun
Grund für die Befürchtung, dass die Giftwaffen, die Hussein an den Kurden
ausprobiert hatte, als Nächstes auf Amerikaner gerichtet würden. Milosevic
weitete seine Kriege von Slowenien und Kroatien auf Bosnien und den Kosovo aus.
Die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Bündnispartner zahlen immer noch
für ihre frühere Vernachlässigung des Balkans, wo die Gewalt in Mazedonien
droht, die Stabilität Südosteuropas zu unterminieren.
Menschen,
die Opfer von Genoziden sind und die von der internationalen Gemeinschaft im
Stich gelassen werden, geben keine guten Nachbarn ab, da ihr Rachedurst, ihr
Irredentismus und ihre Gewaltbereitschaft zur Herbeiführung von Veränderungen
sie zu zukünftigen Bedrohungen machen kann. In Bosnien, wo die Vereinigten
Staaten und Europa ein Waffenembargo über die Moslems verhängt hatten, tauchten
extremistische islamistische Kämpfer und Missionare auf und boten ihre Unterstützung
an. Einige weltliche moslemische Bürger wurden durch die Partnerschaft
radikalisiert, und der gescheiterte bosnische Staat wurde zum Zufluchtsort für
islamistische Terroristen, die auf der ganzen Welt gemieden wurden. Wie es
scheint, war eine der Organisationen, die Bosnien infiltrierte und es als
Trainingslager benutzte, Osama bin Ladens al-Qaida.
Die
Vereinigten Staaten sollten ihre Politik nicht darauf beschränken, entweder gar
nichts zu tun oder einseitig die marines zu schicken. Angesichts des gewaltigen
Schadens, der durch Völkermord verursacht wird, ist die Genozidvorbeugung eine
Aufgabe, die geteilt werden muss. Die Führungsrolle Amerikas bei der Ermutigung
der Verbündeten der USA und der regionalen und internationalen Institutionen,
ihr Engagement und ihre militärischen Kräfte zu erhöhen, ist unverzichtbar.
Gleichzeitig müssen die Vereinigten Staaten auf Völkermord mit einem viel
größeren Gespür für die Notwendigkeit reagieren; sie müssen diejenigen, die
Völkermord begehen, identifizieren und mit Verfolgung bedrohen; sie müssen die
Ausschließung von Vertretern völkermörderischer Regime aus internationalen
Institutionen wie den Vereinten Nationen verlangen sowie deren Botschaften in
den USA schließen; und sie müssen Länder, die mit ihnen in Verbindung stehen,
auffordern, ihren Einfluss geltend zu machen, um zu versuchen, dem Morden ein
Ende zu machen.
Wenn
die Situation es rechtfertigt, können die USA Wirtschaftssanktionen verhängen,
die Auslandsvermögen von mörderischen Regierungen einfrieren oder ihre
technischen Ressourcen nutzen, um die Mörder daran zu hindern, Radiosender oder
andere Mittel zur Propagierung des Hasses zu benutzen. Zusammen mit ihren
Verbündeten können die Vereinigten Staaten Sicherheitszonen einrichten, um
Flüchtlinge und Zivilbürger aufzunehmen, und sie können diese mit gut
bewaffneten und einem starken Mandat versehenen Friedenstruppen, die am Boden
und in der Luft aktiv sind, schützen. Wenn Amerikas am meisten geschätzte Werte
und seine Interessen gefährdet sind – wie in Fällen, in denen ganze Völker von
Zerstörung bedroht sind –, müssen die Vereinigten Staaten auch darauf
vorbereitet sein, das Leben ihrer Soldaten aufs Spiel zu setzen, um dieses
ungeheuerliche Verbrechen zu stoppen.
[Samantha Power ist Leiterin des Carr Center for
Human Rights Policyan der Kennedy School of Governmentin Harvard. Der vorliegende Artikel ist mit
freundlicher Genehmigung ihrem gerade erschienenen Buch A problem for hell entnommen.]
Aus
dem Amerikanischen übersetzt von Ronald Voullié.
1
David Rieff:
Slaughterhouse: Bosnia and the Failure of the West, New York 1995, S. 27
(dt.: Schlachthaus: Bosnien und das Versagen des Westens, München 1995).
2
W. A.
Vissert’t Hooft, ein protestantischer Theologe und der erste Generalsekretär
des Ökumenischen Kirchenrates, der während des Holocaust in der Schweiz lebte,
benutzte diesen Ausdruck in seinen Memoirs(London 1973), S. 166.
3
Samantha Power: A problem from hell: America and
the age of genocide, New York 2002.