Editorial 6/2002
Michael Ackermann
Ginge es nach etlichen
Prophezeiungen der Vormonate, dann stände ein Militärschlag der Unilateralisten
unmittelbar bevor. Stattdessen warb ein US-Präsident vor dem Deutschen
Bundestag für seine Politik, sprach er von der „globalen Tragödie von Krankheit
und Armut, die unzählige Leben fordern und ganze Nationen anfällig für
Unterdrückung und Terror machen“, versprach den Verbündeten Konsultationen im
Kampf gegen „die Achse des Bösen“ und kündigte die Befreiung von den „letzten
Relikten der Konfrontation des Kalten Krieges“ zwischen den Vereinigten Staaten
und Russland an. Alles nur Gerede, um von den eigenen Interessen (etwa an
Ölvorräten am Kaspischen Meer) abzulenken und ihnen dadurch erst recht zur
Durchsetzung zu verhelfen? Die neue Partnerschaft mit Putin also eine Finte,
die das ökonomisch schwache Russland umgarnt, während sich der russische
Präsident im Kampf gegen die „Terroristen in Tschetschenien“ weiter freie Hand
verschafft? Die USA damit also eigentlich auf dem Weg, die ehemalige
zweite Supermacht, gedemütigt und gebauchpinselt zugleich, an seine Seite zu
ziehen – während der „Cowboy-Präsident“ die ökonomische Knebelung der Welt
durch die Vorherrschaft im Globalisierungsprozess vorantreibt, und erst recht
seine Kriegsvorbereitungen?
Es ist die
„Eigentlichkeits-Sicht“, die aus den komplexen Interessen der US-amerikanischen
Supermacht (mit ihrer Tendenz, sich selbst zu genügen) auch nach dem 11.
September 2001 gerne nur das Neue aus dem alten imperialen Wesen heraussintert.
Diese Sicht ist jedoch eine Widerspiegelung dessen, was sie der – in Sonderheit
konservativen – Politik der Vereinigten Staaten vorwirft: Vereinfachung. In
einem Interview in der Zeit (23.5.02) hat Außenminister Colin Powell auf
die Frage, ob die verstärkte kritische Diskussion über die Rolle der USA in der
„transatlantischen Familie“ nicht auch mit dem Vokabular moralischer
Eindeutigkeiten („Gut“, „Böse“) zu tun habe, gesagt: „Ja, das spielt eine
Rolle. Wir Amerikaner tendieren dazu, mit sehr klaren Begriffen zu operieren.
Wir beginnen mit einer eindeutigen Aussage, mit Schwarz und mit Weiß, und dann
mischen wir die Farben und schauen, welcher Grauwert am Ende rauskommt.“ Dieser
Grauwert, wenn man einem Weltmacht-Politiker noch traut, stehe aber zur
Diskussion: etwa mit den Europäern.
Ein Grauwert kann sehr
hässlich sein. Samantha Power hat die US-Politik in Sachen Völkermord
untersucht und kommt in ihrer Analyse (S. 42) zu dem Ergebnis, dass sich die
US-Administration vor der Bekämpfung des Völkermordes in schwer wiegenden
Fällen systematisch gedrückt habe, bis sie an anderen Stellen – Bosnien, Kosovo
– sich habe eines Besseren belehren lassen müssen. Nach den Terroranschlägen in
den USA habe die Administration nun die Chance, eine systematische Politik des
Vorbeugens gegen Völkermord zu beginnen, die erst dann überhaupt ein
erfolgreicher Kampf gegen den Terror sein könne.
Samantha Powers
analytische Intervention steht in der Tradition jener „konkreten Analyse einer
konkreten Situation“, die die Linke oft beschworen, aber leider selten so
konkret geleistet hat. Auch Dany Cohn-Bendit setzt in seiner Rede zur
Verleihung des Hannah-Arendt-Preises 2001 (siehe „Dokumentation“) an diesem
heiklen Punkt an, wenn er die scharfe Kritik der Studentenbewegung am
Vietnam-Krieg verteidigt und doch darauf besteht, den Krieg in Afghanistan an
seinen konkreten Ergebnissen zu messen und nicht am „Wesen“ der USA.
Determinismus ist ein
Schaden für jede Kritik. Das kann man auch im Falle der Kritik am Vorgehen
Israels gegen einen „Selbstmordterrorismus“ erkennen, die auch in der
Bundesrepublik von verschiedenen Seiten her über das Ziel – Befriedung der
Situation, die Sicherung des israelischen und die Herstellung eines autonomen
palästinensischen Staates – hinaustreibt. Die Auslassungen eines Jürgen
Möllemann oder das Wort vom „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser
(Norbert Blüm) sind so falsch wie die Projektionen einer „anti-deutschen“
Linken, die im ganzen arabischen Raum nur einen Faschismus am Werke sieht, gegen
den es Israel und die USA „bedingungslos“ zu verteidigen gelte. In jedem Falle
wird hier die Bezugnahme auf Antisemitismus oder Faschismus zu einer
unsäglichen Hülse, die der Tabuisierung konkreter Kritik in die Hände spielt.
Gerade die Tabuisierung aber bringt die „Brecher“ hervor – die dann sagen, was
„mal gesagt werden muss“. Mit diesem Gestus betreibt die Westermölle-FDP nun
Wahlkampf.
Für unseren langjährigen
Niederlande-Kolumnisten Frank Eckardt ist der Aufstieg des ermordeten Pim
Fortuyn nicht Ausdruck einer rechtsextremen Wende, sondern Folge einer
kulturellen Globalisierung, deren Probleme eine den Konsens nur beschwörende
politische Klasse im Alltag unterschätzte (siehe „Thema“, S. 6). Damit aber
tritt so wenig das „Wesen“ der Niederlande zu Tage – wie etwa das „Wesen“ der
Deutschen sich im Nationalsozialismus offenbarte. In einem schmerzvollen Essay
(S. 49) zu einem Buch von Anatolij Kusnezow erinnert Benjamin Korn an die
Massenmorde der Wehrmacht an den Juden von Kiew in der Schlucht von Babij Jar,
die durch die vorangegangenen und folgenden Untaten des stalinistischen Regimes
keineswegs „entlastet“ werden. Sie machen vielmehr den Massenmord zum
unabweisbaren Signum des vergangenen Jahrhunderts. Dass das neue nicht unter
demselben Signum Fortsetzung finde, auch das ist der Hintergrund von Samantha
Powers Kritik an der US-Politik. Ganz konkret.