Schwarzer Superlativ

 

Über Hans Magnus Enzensberger

 

Ernst Köhler

 

Irgendwann vor längerer Zeit hat Hans Magnus Enzensberger den Bezug zur politischen Realität verloren. Oder wie man bei diesem unvergleichlichen Autor sagen muss: gekappt, sausen lassen. Man hat es schon fast vergessen. Nur das Befremden darüber ist noch da – vage, dumpf, und es bedarf eines scharfen Reizes, es sich wieder ganz präsent zu machen. Wie das Lob der Jurorin des Ludwig-Börne-Preises, den Enzensberger im Juni erhält: Er sei “ein Moralist bester westeuropäischer Provenienz, allem Doktrinären abgeneigt, der Freiheit des Geistes verschrieben”, ein “wahrer Humanist in der Nachfolge Börnes”. Das ist starker Tobak, aber auch er reicht noch nicht ganz – es sei denn, man lese zufällig gerade das Buch von Philip Gourevitch über den Völkermord in Ruanda (Wir möchten Ihnen mitteilen, daß wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden, Berlin 1999):

“Als ich zum ersten Mal nach Ruanda fuhr, las ich ein Buch mit dem Titel Aussichten auf den Bürgerkrieg, das bei der Kritik großen Anklang gefunden hatte. Aus einer Perspektive unmittelbar nach dem kalten Krieg schrieb der Autor Hans Magnus Enzensberger: ‚Sichtbarstes Zeichen für das Ende der bipolaren Weltordnung sind die dreißig bis vierzig offenen Bürgerkriege, die derzeit auf der ganzen Welt geführt werden.‘ Sodann widmete er sich der Untersuchung, worum sie eigentlich geführt wurden. Das wirkte vielversprechend – bis ich erkennen mußte, daß Enzensberger an den Details dieser Kriege überhaupt nicht interessiert war. Er behandelte sie alle als ein einziges Phänomen und verkündete nach wenigen Seiten: ‚Was dem Bürgerkrieg der Gegenwart eine neue, unheimliche Qualität verleiht, ist die Tatsache, daß er ohne jeden Einsatz geführt wird, daß es buchstäblich um nichts geht.‘... Daß ein solcher Blick auf entlegene Bürgerkriege einen bequemen Grund liefert, sie zu ignorieren, erklärt vielleicht seine enorme Popularität in unserer Zeit...Es geht uns aber an. Wenn Enzensberger die Besonderheit der Völker leugnet, die Geschichte machen, und die Möglichkeit, daß es sich dabei um Politik handelt, dann verwechselt er seine Unfähigkeit zu erkennen, worum es bei den Ereignissen geht, mit dem Wesen dieser Ereignisse. Also nimmt er nur das Chaos wahr – die Erscheinung statt des Wesens –, und seine Analyse weicht der eigentlichen Frage aus: Wenn es tatsächlich ideologische Unterschiede zwischen den kriegsführenden Parteien gibt, wie sollen wir sie beurteilen?”

Der “wahre Humanist” ist geschenkt. Unmittelbar vor den Aussichten auf den Bürgerkrieg (1993) war Die Große Wanderung (1992) erschienen, und wenn man die Essays heute wieder liest, kann man nicht übersehen, dass sie beide auf die feigen, gemeinen Gewaltakte gegen Ausländer im soeben vereinigten Deutschland reagieren. “Über einige Besonderheiten bei der Menschenjagd. Eine Fußnote”, lautet die abschließende Passage des früheren Textes, und sie attackiert mit spitzer Feder die unverzeihliche Untätigkeit der Staatsorgane in dieser Situation. Die Frage ist gar nicht, ob dieser oder jener Schriftsteller ein Humanist ist, sondern ob der Humanismus heute eine brauchbare Antwort darstellt. Oder nicht vielmehr eine Ausflucht – und zwar eine, die vor dem speziell deutschen Hintergrund einer jahrzehntelang eingeübten außen- und militärpolitischen Zurückhaltung gar nicht so leicht auszumachen ist. Die praktische Quintessenz dieser Schriften lautet nämlich, dass eine Gesellschaft zuerst einmal der Menschenverachtung im eigenen Hause zu widerstehen habe, ehe sie sich auch noch alle möglichen internationalen Verpflichtungen aufbürdet. Den “Moralisten” schluckt man schon weniger glatt. Aber wiederum ist die Frage nicht, ob Hans Magnus Enzensberger tatsächlich einer ist, sondern ob es nach dem Bosnienkrieg überhaupt noch vertretbar ist, von einem “Moralismus bester westeuropäischer Provenienz” zu reden.

Aussichten auf den Bürgerkrieg ist während der Jugoslawienkriege geschrieben worden, nicht aus abgeklärter Distanz nach ihrem Ende. Inzwischen steht der Hauptverantwortliche vor Gericht, und die ganze Welt gibt sich Rechenschaft darüber, was hätte getan werden müssen, um ihn beizeiten zu stoppen. Andererseits war Vukovar zum Zeitpunkt dieser Publikation bereits ausgerottet, hatte Sarajevo bereits ein Jahr seiner Belagerung hinter sich, waren Massenmord und Vertreibung in vollem Gange, wusste die Weltöffentlichkeit bereits von den serbischen Konzentrationslagern in Nordwest-Bosnien. Ein Satz wie: “Auf diese Weise kann jeder U-Bahn-Wagen zu einem Bosnien en miniature werden”, war auch schon damals eine Zumutung.

 

Von Interesse ist die politische Wahrnehmung Enzensbergers. Oder der Begriff von “Bürgerkrieg”, mit dem er hantiert: “Der Bürgerkrieg kommt nicht von außen, er ist kein eingeschleppter Virus, sondern ein endogener Prozeß. Begonnen wird er stets von einer Minderheit; wahrscheinlich genügt es, wenn jeder Hundertste ihn will, um ein zivilisiertes Zusammenleben unmöglich zu machen. Noch gibt es in den Industrieländern eine starke Mehrheit von Leuten, denen der Frieden lieber ist. Unsere Bürgerkriege haben bisher nicht die Massen ergriffen; sie sind molekular. Sie können aber, wie das Beispiel von Los Angeles zeigt, jederzeit eskalieren und zum Flächenbrand werden. – Aber kann man das eine mit dem anderen vergleichen? Den Tschetnik mit dem Gebrauchtwarenhändler, der in Texas, mit einer Maschinenpistole bewaffnet, auf einen Turm steigt und in die Menge schießt? ... Ich fürchte, daß es – über alle Unterschiede hinweg – einen gemeinsamen Nenner gibt. Was hier wie dort auffällt, ist zum einen der autistische Charakter der Täter, und zum anderen ihre Unfähigkeit, zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung zu unterscheiden.”

Im Fall Bosnien kam der “Bürgerkrieg” nebenbei gesagt von außen, und es war auch kein Bürgerkrieg. Aber wie kann dieser Krieg im Einheitsbrei einer flächendeckenden Gewalttätigkeit versinken? Das Weltereignis in der schleichenden sozialen Pathologie? Mindestens zwei Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit es zu einer eklatanten Konfusion dieser Art kommen kann: Man muss den Staat hinter dem Krieg, die Politik, die Strategie, die Planung hinter dem Verbrechen verleugnen. Zum anderen muss man bereit sein, sich seiner politischen Desillusionierung ungehemmt zu überlassen und den Bruch mit den Utopien von gestern über die Grenze der Ernüchterung hinaus in eine schon spießerhafte Politikferne voranzutreiben. Beides zusammen – das Verfahren und die Haltung – macht aus der Welt einen Abgrund, der alle besonderen politischen Konstellationen oder Machtverhältnisse längst verschlungen hat. Und mit ihnen die prekären, unvermeidlich risikobehafteten Chancen des Eingreifens.

Übrig bleibt in dem leer geräumten Panorama unserer Zeit nur die Figur des Täters – vielgestaltig, aber dem Wesen nach immer identisch. Und die schockierte Zuschauerschaft natürlich. Die Opfer hingegen sind beliebig und dürfen daher getrost in den Hintergrund treten. Der Mörder löst sich bei Enzensberger aus dem Nebel einer nicht näher bestimmten Misere. Irgendwo im Text ist einmal flüchtig von der weltweit unabsehbaren Masse der Modernisierungsverlierer die Rede. Im Kroatien, im Bosnien, im Kosovo der Neunzigerjahre sind die Opfer nicht beliebig, und die Killer kommen hier vom Innenministerium in Belgrad. Ausnahmslos alle serbischen Paramilitärs, Milizen, Banden sind von hier aus rekrutiert, instruiert und gesteuert worden – bis zum Ende. Man hat sie zunächst ganz gezielt vor allem dort eingesetzt, wo die Masse der serbischen Zivilbevölkerung von sich aus noch nicht bereit war, sich an den Nachbarn von der anderen Ethnie zu vergreifen. Oder wo sie die neue Politik anfangs nicht einmal begreifen wollte – wie es der italienische Journalist Paolo Rumiz auf den Punkt bringt: “Die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der die ethnischen Säuberungen erfolgten, ging ... nicht nur auf ihre lange und sorgfältige Vorbereitung zurück, sondern auch auf die Tatsache, daß die Opfer und die Menschen im allgemeinen einfach nicht daran glauben konnten. In dieser ungläubigen Haltung liegt vielleicht der beste Beweis dafür, daß Bosnien nicht vom Haß zerstört worden ist, wie viele glauben machen wollen, sondern im Gegenteil von der weitverbreiteten Unkenntnis des Hasses.”

Der Hass war die Folge, nicht die Ursache des Krieges. Und der Terrorismus war hier wie auch in Ruanda ein Staatsterrorismus.

 

Was ist der Gegenstand von Aussichten auf den Bürgerkrieg? Die idealtypische Mentalität des Gewalttäters von heute? Seine geistige Leere, seine eigenartige “Selbstlosigkeit” – das heißt: seine Gleichgültigkeit sich selbst, seinem Leben und seiner Zukunft gegenüber? “Der dümmste serbische Präsident weiß ebenso wie der dümmste Rambo, daß der Bürgerkrieg, den sie führen, das eigene Land in eine ökonomische Wüste verwandeln muß. Der einzig mögliche Schluß ist, daß die kollektive Selbstverstümmelung nicht ein Nebeneffekt ist, der in Kauf genommen wird, sondern das eigentliche Ziel. Die Kämpfer wissen sehr wohl, daß sie nur verlieren können, daß es keinen Sieg gibt. Sie tun alles, was in ihrer Macht steht, um ihre Lage bis ins Extrem zu verschärfen. Sie wollen nicht nur die andern, auch sich selber in den ‚letzten Dreck‘ verwandeln.”

Hier wird noch einmal deutlich, wie sehr Enzensberger sich übernimmt. Weniger wäre mehr gewesen. Die teilnehmende Beobachtung vermag vielleicht die Tragik der Jugendlichen in den Vorstädten von Paris oder Lyon zu begreifen. Aber nicht den politischen Kalkül des Diktators. Nicht einmal die wahnhaften Hoffnungen und das Geschichtsbild jener Massen, die er ins Unglück führt. Denn was diese betrifft, so hätte es vollauf genügt, auf den schnellen Verschleiß der bei ihrer Mobilisierung aufgebotenen Ideologien, auf die verkürzte Verfallszeit der vermeintlich übermächtigen Mythen hinzuweisen. Damit hätte man der Modernität Rechnung getragen, der auch oder gerade der Mann auf der Straße nicht entkommen kann. Einem Selbstbesessenen so etwas wie einen abgründigen Mangel an Selbstliebe andichten zu wollen – einem politischen Führer, der eher eine ganze Region ruiniert, als dass er aufgäbe und endlich von der Bildfläche verschwände, das mutet geradezu absurd an. Aber auch die Menschen hinter oder unter dem Machthaber wollten sich nicht kaputtmachen. Eher haben sie sich von der Angst bestimmen lassen, dass man sie sehr leicht und sehr bald kaputtmachen könnte. Sie haben sich also wider Willen kaputtgemacht. Oder – wenn man ihre Verantwortung nicht ganz so stark unterstreichen möchte – kaputtmachen lassen.

Der anhaltende Erfolg des Textes ist eine andere Frage. Es scheint so etwas wie ein Bedürfnis nach der kaum mehr überbietbaren Negativität, nach dem schwarzen Superlativ zu geben. Der Rückgriff auf die conditio humana pur – durch das ganze scheinhafte Gespinst der politischen Verhältnisse hindurch – ist populär. Der barocke Gestus der Absage an Frau Welt. Vielleicht ist es allzu naiv, immer unbedingt eine konkrete Erfahrung, eine unbewältigte Besorgnis hinter einem Fehlurteil aufspüren zu wollen. Die Konjunktur der falschen Verzweiflung, wie sie sich von den Halbwahrheiten Enzensbergers bedienen lässt, lebt möglicherweise von der Konjunktur der falschen Verzweiflung.