Ereignisse
& Meinungen 6/2002
Rechtsruck
in Europa?
Redaktion: Balduin Winter
„Ein Jahrhundert des Autoritarismus ist keineswegs die unwahrscheinlichste Prognose für das 21. Jahrhundert.“ Ralf Dahrendorf, 1997
Im
Alltagsgebrauch huscht der Begriff, stete Verfinsterung der Zeiten beschwörend,
durch die linkere Publizistik. Im Wonnemonat Mai ist er auf Schröders Zunge und
auf rosa Papier gelandet. Die Financial Times Deutschland berichtet am
13.5. vom Treffen des Kanzlers mit Tony Blair in Berlin, er habe „die
Konservativen in Europa davor gewarnt, den gegenwärtigen Rechtsruck in der
europäischen Politik zu ihrem Vorteil zu nutzen. Die ‚demokratischen
Konservativen‘ sollten stattdessen zusammen mit den Kräften der linken Mitte
gegen Rassismus und Intoleranz kämpfen“, wobei er sich auf die Wahlen in
Frankreich und in den Niederlanden bezog. Auch durch die Redaktionsstube der Welt
ist dieser Ruck, wieder einmal, gegangen, ihr Kolumnist Zippert, wohl arg
gezippelt, „warnt“ am 22.5. vor den Folgen: „Wenn es rechts ruckt, werden wir
erst mal alle nach links geschleudert.“ Seine Empfehlung: Matratze links
aufstellen um weich zu fallen. Das hat er wohl vergessen, seither zappt es bei
ihm: „Bei einem Rechtsruck könnten Personen, die sich in dem Moment am linken
Bildschirmrand befinden, aus dem Gerät und direkt in Ihr Wohnzimmer fallen. Sie
dürfen sie mit dem Hausmüll entsorgen ...“ Aha, entsorgen.
Andere,
wie Claus Koch in der taz vom 23.5., geben sich gelangweilt – links,
rechts: „Man kann mit dieser Frage kaum etwas anfangen, es steht ohnehin kein
Interesse am Politischen dahinter. Sie lautet alle paar Jahre anders, läuft
aber immer aufs Gleiche hinaus.“ Er sieht in solchen Debatten nur die
Spiegelung der politischen Leere Europas; die einzige Variable darin sind die
Figuren: „Es gibt einstweilen in Europa nirgends einen Politikwechsel. In der
überall gleichen politischen Farblosigkeit kann man nur das Personal
auswechseln.“ Schlussendlich: „Es gibt ... heute kein soziales und kein
ideologisches Reizmittel, das die Parteiendemokratie noch einmal zum Leben
erwecken könnte.“ Es gibt also nicht nur Politik-, sondern auch
Erklärungsverdrossenheit.
Auch
auf der ganz linken Seite scheinen einige Leute – nach der „Zerschlagung des
Sozialismus“, wie es bündig in der programmatischen Erklärung der DKP heißt –
mit links und rechts nicht mehr viel anfangen können. Robert Kurz, Autor des
viel beachteten Ziegels Schwarzbuch Kapitalismus, nutzt die Postmoderne
zur Aufhebung des Widerspruchs: „In der Postmoderne ist diese kapitalistische
immanente Polarität von ‚Fortschritt‘ und ‚Reaktion‘ in sich zusammengefallen,
was gerne als Überwindung des Gegensatzes von ‚links‘ und ‚rechts‘ gefeiert
wird, tatsächlich aber neben der kulturellen auch auf die politische und
ideologische Erschöpfung des Kapitalismus verweist. Der bürgerliche
‚Fortschritt‘ ist in eine sinnlose Kreisbewegung übergegangen und deshalb mit
der ‚Reaktion‘ identisch geworden. Die Entwertung der Vergangenheit findet
jetzt nur noch in der einen identischen Weise statt, daß sich auch die
Geschichte, die vergangenen Kulturen, Ideen und Verhältnisse in Waren
verwandeln, die vermeintlich beliebig konsumiert werden können. Diese
halluzinierte Gleichzeitigkeit, die den gesamten Raum der menschlichen
Geschichte in das kalte Licht des Marktes taucht und alle Differenzierungen
auslöscht, je mehr von ‚Differenz‘ geredet wird, gibt der postmodernen
kommerziellen Kultur eine verzweifelte Ähnlichkeit mit dem Treiben von Affen,
die in einer Bibliothek spielen und kreischend die Bücher durcheinanderwerfen.“
(Die kulturelle Richtung des 21. Jahrhunderts) Demgegenüber wird „die
Linke“ bedeutungslos, dem „Terror der Ökonomie“ unterworfen, unfähig die
richtige Kritik zu führen. Was soll denn schon das Eiapopeia vom Rechtsruck –
für den Katastrophentheoretiker befinden wir uns schon mitten in der
Katastrophe.
Soweit die Abteilung Ignoranten. Doch hilft die dick aufgetragene Polemik eines Mario
Vargas Llosa gegen die französische Linke in der El Pais am 21.5. auch
nicht weiter: „Mit ihren Attacken gegen Liberalismus und Globalisierung als die
Quelle allen sozialen Übels hat die Linke dazu beigetragen, dass das
nationalistische, antidemokratische Monster namens Le Pen zum Faschismus der
heutigen Zeit wurde. Das Predigen gegen den Neoliberalismus hat nicht zum
Wiederaufleben des Marxismus, sondern des Faschismus geführt.“ Jospin, der
marxistische Brandredner gegen die Globalisierung?... – Der Begriff „Linke“
wird überhaupt sehr leichtfertig verwendet. Wenn ein Kommentator der FAZ
schlussfolgert: „Die Rechtspopulisten profitieren von der Schwäche der Linken.“
(6.5.), so knüpfen sich einige Fragen daran. Er belegt dies unter anderem mit
Österreich: „Dann gewannen die Freiheitlichen bei der Nationalratswahl 5,3
Prozent hinzu, während die SPÖ 4,7 Prozent verlor – ihr schlechtestes Ergebnis
der Nachkriegszeit. Das Wiener ‚Zentrum für Angewandte Politikforschung‘
bilanzierte in seiner Wahlanalyse, die FPÖ sei vor allem unter den
SPÖ-Stammwählern in den Arbeitergebieten erfolgreich gewesen und habe die
Sozialdemokratie als Arbeiterpartei abgelöst.“ Die Frage stellt sich, ob die
SPÖ eine linke Partei ist; sie ist die klassische staatstragende Partei in
Österreich gewesen, die über Jahrzehnte die Geschäfte des verstaatlichten
Kapitals geführt, dann die wesentlichen Deregulierungsprozesse zur
Marktliberalisierung eingeleitet hat. Arbeiterpartei: ja und? Ist die FPÖ
deshalb eine linke Partei? Hier werden entleerte Begriffe einfach weiter
verwendet, weil der Autor des Artikels gegen „links“ argumentieren möchte. Was
er meint, ist wohl die „linke Mitte“ oder jener Platz in der Mitte, der nicht
von Christdemokraten oder Liberalen eingenommen wird.
Über
Konsequenzen gegen den Rechtsruck denkt Werner A. Perger in der ZEIT am
16.5. unter dem Schock der niederländischen Wahlen nach: „Dieser Rechtsruck
wirkt in seiner Dimension wie ein politischer Umsturz.“ Parallelen zieht er zum
Fall Haider: „... vorschnell, ungeordnet, ungenau, aber der Idee nach richtig.
Chauvinismus, Intoleranz, Xenophobie sollten in der EU nicht regieren dürfen.
Sie wollten eine Art Brandmauer errichten.“ Will man heute diese „richtige
Idee“ durchführen, dann wird Europa bald von einem Mauerlabyrinth durchzogen
sein: Der Vlaams Blok in Belgien, Haiders FPÖ in Österreich,
Blochers Schweizerische Volkspartei, in Italien Umberto Bossi mit der Lega
Nord und Gianfranco Fini mit der Alleanza Nazionale, in Norwegen
Carl Hagens Fortschrittspartei, in Dänemark Pia Kjaersgaards Folkeparti,
Jean-Marie Le Pens Front National, der Partido Popular in
Portugal und die Liste Pim Fortuyn; dazu bald noch einige Gruppierungen
der Beitrittskandidaten.
Dirk Schümer verwehrt sich in der FAZ vom 18.5. zu Recht „gegen die simple Addition
dieser Strömungen zu einer homogenen Neuen Rechten“. Zwei Hauptgründe für ihr
Erstarken stellt er in den Vordergrund, „die Frage nach der Einwanderung“ und
„Europa“. Etwas weiter fassen Jean-Yves Camus und Jochen Hille das Hauptmotiv
rechter Anziehungskraft: Beide sprechen von der „Frage der Identität“, wobei
Ersterer in seinem Aufsatz Alles, was rechts ist (Le Monde
diplomatique, 17.5.) „das Primat des Nationalen“ in den Vordergrund stellt,
während für Hille (taz, 11.5.) zwar Ausgangspunkt „die alte Geschichte
von der eigenen Nation“ ist, diese aber heute in ihrer Transformation gesehen
werden muss: „Erst wenn eine europäische Identität zumindest ansatzweise die
Orientierungsfunktion der nationalen Gemeinschaft übernimmt, sind weitere
Integrationsschritte möglich, ohne dass rechte Bewegungen dies sofort
ausnutzen.“ Im Gegensatzpaar „Entweder mehr Europa oder rückständiger
Nationalismus“ sieht er deshalb einen Denkfehler: Allzu schnelle Entgrenzung
schafft zu viele Unsicherheiten und eine Quelle für rechtspopulistische
Parteien. „Wenn die europäische Integration ein Erfolg werden soll, dann muss
diesem Bedürfnis nach Orientierung mit symbolischer Politik entsprochen
werden.“ Verlangsamt Europa, setzt mehr symbolische Akte, lautet daher seine
Devise.
Was
bei den Betrachtungen zu Europa meist fehlt, ist eine Dimension, die seit dem
11. September schmerzhaft zu Tage getreten ist und bestimmt auch im Bewusstsein
der Menschen ihren Niederschlag findet. Jochen Buchsteiner schreibt, freilich
in einem etwas anderen Kontext, am 14.4. in der Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung: „Es wird ungemütlich in Europa. Das Selbstvertrauen, die
weltpolitischen Geschehnisse mitzubestimmen, jedenfalls dem großen Rad
gelegentlich in die Speichen greifen zu können, schwindet. ... Die ‚Alte Welt‘
hat derart an Gewicht verloren, dass sie kaum noch ernst genommen wird.“ Oder auch:
Der Börsenkurs des politischen Europa sinkt (vorübergehend), der des Nationalen
steigt.
Das
Primat des Nationalen, das Camus bei den Rechten wirken sieht, ist
ausschließlich auf die Staatsbürger qua Abstammung bezogen, die multikulturelle
Gesellschaft wird abgelehnt. In diesem „nationalistischen Kompromiss“ sieht er
den „einigenden Faktor der unterschiedlichen Traditionen der extremen Rechten“.
Die knappste Formel zum Front National hat Le Pen selbst gegeben: „Ich bin
sozial gesehen links, wirtschaftlich gesehen rechts und national gesehen aus
Frankreich.“ (Le Monde, 22.4.) Camus meint zu der von der
FN verkündeten „sozialen Wende“: „Worin besteht diese Wende? In der
Rehabilitierung der Rolle, die der Staat als regulierende soziale und
ökonomische Kraft – sprich: als Bollwerk gegen die liberale Globalisierung – zu
übernehmen hat. Aus Sicht der FN geht es dabei allerdings nicht darum, die
staatliche Umverteilungspolitik und staatliche Impulse für die Wirtschaft zu
fördern: Die Schutzfunktion des Staats besteht darin, dass er das, was noch an
Leistungen und sozialen Rechten übrig bleibt, nach dem Prinzip des nationalen
Primats ausschließlich den eigenen Staatsbürgern zukommen lässt.“ Der Ruf nach
dem Staat hält sich in Grenzen. Camus betont, dass keine dieser rechten
Gruppierungen sich auf traditionelle faschistische Ideologien berufen:
„Vielmehr ist das, was wir heute erleben, der Erfolg einer atypischen extremen
Rechten, die sich vom Kult des starken Staats zu Gunsten ultraliberaler
Auffassungen verabschiedet hat, vom Korporativismus zu Gunsten des freien
Spiels der Marktkräfte und manchmal sogar vom Rahmen des Nationalstaates zu
Gunsten regionaler oder rein lokaler Partikularinteressen.“
Das
National-Nationalistische stellt sich natürlich auch in Deutschland, Tissy
Bruns Stoßseufzer in der rechts gerückten Zipp-Welt vom 23.5., „wir sind
ja ziemlich clean, wir Deutschen“, war wohl eine Fehlanzeige. Dirk Schümer soll
noch einmal zu Wort kommen mit seiner Frage, warum Europa „rechtspopulär“
wählt. „Europas Establishments haben sich eben darauf geeinigt, bestimmte
Konflikte zu Tabus zu erklären und ihnen im politischen Diskurs keinen
Zentimeter Raum zuzuerkennen. ... Das wiegt umso schwerer, als beide
Themenkreise – die Zuwanderung und die politische Union – für die Zukunft des
Kontinents von höchster Virulenz sind. Und doch gibt es keine demokratische
Partei auf dem Kontinent, die an die Tabus rühren würde und die negativen
Folgen der Zuwanderungen bekämpfte oder die Schattenseiten von Europa durch
demokratische Überprüfung auflichtete. Und so haben die vereinten Sozial-,
Christ- und Liberaldemokraten die beiden wichtigsten Zukunftsfragen obskuren
Demagogen, Amateuren und Bauernfängern in die Hand gegeben.“ Eine sich selbst
bespiegelnde Mediendemokratie habe vor den wichtigsten Fragen ein Denk- und
Sprachverbot errichtet. Nicht eine Welle von rechts, sondern „die faule
Harmonie der Verwalter und Troubleshooter in Europas Politik hat die Populisten
geboren“. Letztlich: „Die Diktatur der Harmonie“ ... Das klingt ja fast schon
so linksradikal wie Robert Kurzens „politische und ideologische Erschöpfung des
Kapitalismus“!