In der Diskussion um die Bluttat des
Robert S. in Erfurt zeigte sich deutlich eine Erklärungshektik in Medien und Politik.
Hilflose Fragen und ungestüme Antworten sowie Schuldzuweisungen kursierten.
Wieder einmal war von einem ”Ruck” die Rede, der durch die Gesellschaft gehen
müsse, ohne dass man sich auf die Signifikanz der Tat eingelassen hätte. Martin Altmeyer plädiert in seinem
Beitrag nun dafür, den Täter nicht einfach als Opfer von Umständen zu
behandeln, sondern als Autor seiner Tat. Harry
Kunz tritt der weit verbreiteten Meinung entgegen, die Gewalt von
Jugendlichen sei ein allgemeines Phänomen. Er sieht eine zunehmende Diskrepanz
zwischen der Tendenz, den Nachwuchs in den Mittelpunkt vielerlei Anstrengungen
zu stellen, und dem Anwachsen von Individualisierungsverlierern in bestimmten
Milieus. Wolfgang Geiger
schließlich wendet sich dem Thema der Gewalt in den Medien zu. Problem sei
nicht die Darstellung von Gewalt an sich, sondern das Verschwimmen von Fiktion
und Realität.
Als Menetekel wird die Tat von Erfurt
behandelt, als Schrift an der Wand, die wir zu entziffern haben – ein
Palimpsest. Welche rätselhaften Botschaften an die Welt enthält dieser Akt, der
offenbar nicht nur von einer rasenden Vernichtungswut, sondern auch von einem
symbolischen Mitteilungsbedürfnis zeugt? Welche offenen und welche verdeckten
Ziele hat der Täter verfolgt? Warum hasst er so maßlos und zerstört so
gründlich? Je kritischer wir uns den Kontext der Tat anschauen, je weiter wir
die Lebens- und Familiengeschichte des Täters zurückverfolgen und je tiefer wir
in seine Innenwelt eindringen – desto mehr entfernen wir uns zugleich vom szenischen
Charakter der Tat und eröffnen immer weitere Felder der begründeten
Spekulation. Man sollte aber den zeittypischen Charakter dieser individuellen
Inszenierung verstehen, wenn man erfahren will, welches Stück gespielt wird.
Bevor ich – in Tradition früherer Beiträge zu verschiedenen Formen postmoderner
Identitätsfindung (1) – meine eigene Rezension zu dem neuen Stück Erfurt
vorstelle, aber vorangehend ein kritischer Blick auf aktuelle Deutungsoptionen,
die das Ereignis nur unzureichend begreifen.
Robert S. und der Mord als
Menetekel: Wo die Familie versagt, helfen weder die besten Schulen, noch die
strengsten Gesetze (Susanne Gaschke in der Zeit v. 2. Mai
2002). Die unbarmherzige Gesellschaft: Wozu erziehen wir unsere Kinder?
(Ulrich Greiner in der gleichen Ausgabe) Das Kino allein macht noch keine
Mörder (Günther Rohrbach, Film- und Fernsehproduzent, in der FAZ). Die
Hassindustrie. Eine Emotion wird Ware: Das Internet gibt Mördern das Gefühl,
nicht alleine zu sein (Frank Schirrmacher in der FAZ).
Der Tiefendiskurs hat Hochkonjunktur. Die
Diskursteilnehmer überbieten sich mit Deutungsangeboten, als ob es sich bei der
öffentlichen Erforschung der Tat um eine Auktion handelt, bei der die gewagteste
These den Zuschlag erhält. Und jeder reitet dabei sein Steckenpferd. Der
Wissenschaftsjournalist fragt sich, ob Männer ”wandelnde Testosteronbomben
sind, die irgendwann explodieren”. Der Pop-Theoretiker diagnostiziert die
”Narrationen der Aggression”, welche die Realität sozialer Gewaltverhältnisse
bloß dokumentieren, auf die sie symbolisch verweisen. Der Kulturanthropologe
erkennt im Massenmord ein archaisches Blutopfer und das unstillbare Bedürfnis
nach Transzendenz. Post mortem entdecken die Profiler den auf Gelegenheit
wartenden psychopathischen ”Schläfer”, die Internet-Gegner den durchgeknallten
”Counterstriker”, die Tiefenpsychologen die Dekompensation einer unerkannten
narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Die Gesellschaftskritiker klagen die
Gesellschaft an, die Schulkritiker das Schulsystem, die Medienkritiker die
Medien. Die Kämpfer gegen den Werteverfall plädieren für den ”Mut zur
Erziehung”, die Anhänger der Prohibition für ein ”Verbot gewaltverherrlichender
Darstellungen”, die sozialwissenschaftlichen Gewaltforscher für eine ”Kultur
der Anerkennung”, die christlichen Kirchen für die ”Sorge um den Anderen”.
”Die Toten von Erfurt haben ein Recht
darauf, dass über ihren Särgen nicht geheuchelt wird” – voller Pathos eröffnet
Susanne Gaschke auf der Titelseite der Zeit ihre Generalanklage gegen
die Familie, die ihrem Zerfall nichts entgegensetzt, ihre Erziehungsaufgabe
nicht mehr wahrnimmt und deshalb für die Verwahrlosung der Kinder
verantwortlich ist. Die obsessive Leidenschaft, mit der die wertkonservative
Volkspädagogin seit Jahren den Stock über der dekadenten 68er-Generation
schwingt, hat mit der Tat von Erfurt nun einen neuen Gegenstand gefunden, an
dem sie ihren erzieherischen Furor austobt. Ulrich Greiner assistiert, möchte
aber lieber die gnadenlose Leistungsgesellschaft, auf die schließlich hin
erzogen wird, für das Verbrechen verantwortlich machen. Frank Schirrmacher
erkennt in der ”Hassindustrie” des wuchernden Internet jenen Sumpf, der dem
Psychopathen neben der dramaturgischen Anregung die nötige Billigung für seine
mörderischen Fantasien liefert, bevor er zur Tat schreitet. Die Film- und
Fernsehindustrie sieht sich wieder einmal an den Pranger gestellt, und Günther
Rohrbach wehrt sich stellvertretend, indem er elegant returniert: ”Nun heucheln
sie wieder. Gewalt, so tönt es aus allen Richtungen, dürfe nicht verherrlicht
werden, sie dürfe sich vor allem nicht lohnen. Ja, was tut sie denn sonst?
Unsere Welt ist voll von Gewalt, und nur selten gereicht sie denen, die sie
anwenden, zum Nachteil.
Wie sie sich ähneln, die Strategien
von Verteidigung und Beschuldigung: Der schwarze Peter kreist, alle wissen,
woran es liegt oder woran es gewiss nicht liegt – aber es ist immer etwas
anderes. Jeder zeigt im Kreise auf den anderen. Auch wenn die Rechercheure
höchst verschiedene Quellen der bösen Tat aufgespürt haben, fündig sind sie
allemal geworden. Endlos könnte man die Zitatensammlung fortsetzen, in der die
wahren Ursachen des Massenmords aufgeführt und die falschen dementiert
werden. All diese Ergebnisse komplexer Ursachenforschung oder einfühlsamer
Interpretationskunst – auch die Präventionsüberlegungen, die ihnen folgen wie
die Therapie der Diagnose – sind freilich nicht einfach von der Hand zu weisen.
Neben Verstiegenem enthalten sie Kluges, Richtiges und Bedenkenswertes. Sie
zeigen auch, unter wie vielen Perspektiven man eine solche Tat betrachten und
was man alles ersinnen kann, um eine Wiederholung zu verhindern.
Die zahllosen Versuche, die Tat von
Erfurt zu erklären, haben etwas gemeinsam. Sie teilen – weil sie von der reinen
Tatoberfläche in die Tiefen dringen, wo die Wahrheit vermutet werden darf – wie
selbstverständlich die stumme Logik der kausalen Ableitung. Hinter dem
Geschehen liegt etwas, was es eigentlich hervorbringt, hinter der Sache etwas,
was sie letzten Endes bewirkt: die Ursache eben, die Causa. In einem potenziell
endlosen Regress verfolgen wir die weit verzweigten Spuren, bis wir zu den
Urquellen vor- oder besser zurückstoßen. Die Logik der Erklärung ist deshalb
zugleich eine Logik des Verdachts. Es muss – so fordert diese Logik und so sagt
sich der aufgeklärte und um Aufklärung bemühte Verstand, der schließlich in
Zusammenhängen denkt – es muss Ursachen für eine solche Tat geben,
psychologisch, pädagogisch, sozialwissenschaftlich zu ergründende Ursachen, ein
ganzes Ursachenbündel womöglich. Auf den weit verzweigten Spuren des Verdachts
gelangt man auf diese Weise zu allen möglichen Faktoren, welche die Tat
verursacht oder mitverursacht haben könnten.
Am Ende ist je nach Provenienz des
Spurenlesers eine Hauptquelle ausgemacht: die frühe Kindheit, die aktuellen
Familienverhältnisse, das selektive Schulsystem, die entfesselten Medien, die
laxen Waffengesetze, die grausamen Regeln einer Leistungs- und
Ellbogengesellschaft und einiges mehr. Vielleicht wird auch ein komplex
verschachteltes Bedingungsgefüge konstruiert, eine Gemengelage, aus der
schließlich die Tat als fatale Resultante hervorgeht. Die deduktive Suche nach
den Ursachen ist immer eine Suche nach dem wahren Täter und nach der
eigentlichen Schuld. Die Ableitung in einem höheren Sinne als Ableiter. Wer
sich auf diese Suche begibt, hat sich längst dafür entschieden, dem
tatsächlichen Akteur seine eigene Tat zu entwinden und sie Umständen
zuzuschreiben: Der Täter ist selbst nur Transmissionsriemen, Produkt der
Umstände, die ihn schließlich geprägt und zu dem Monster gemacht haben, als das
er bei der Tat erst in Erscheinung treten sollte.
Die Bundesprüfstelle hat sich
nun mutig gegen einen Zeitgeist gewendet, der es sich damit bequem gemacht hat,
die Schuld für Jugendgewalt bei Games zu suchen – nicht bei Leistungsdruck,
schlecht ausgestatteten Schulen oder allgemeinem Desinteresse an den Problemen
Jugendlicher (Tilman Baumgärtner: „Fachgebiet: Computer- und
Internetkultur“, in der Pfingstausgabe der taz).
Bei Robert Steinhäuser, der selbst
nichts mehr zu seinen Motiven sagen kann, hat die Ursachenforschung
eine Fülle von Hypothesen erbracht, die nun in der Arena des öffentlichen
Diskurses miteinander um die Deutungshoheit ringen. Die Ursachen liegen in der
Person des Täters, einer besonderen Vulnerabilität, extremer Kränkbarkeit,
zunehmender Vereinsamung, einer geheimen Größenfantasie mit Wirklichkeitsverlust,
vielleicht einer unerkannten seelischen Krankheit, einer latenten Psychose gar,
die durch eine zusätzliche Belastung ausgebrochen ist. Oder sie sind in seiner
belasteten Lebensgeschichte zu finden, in den zerbrochenen
Familienverhältnissen des Täters, der chronischen Überforderung durch
ehrgeizige Eltern, einer aussichtslosen Konkurrenz mit dem überlegenen Bruder.
Schuld hat das auf Auslese angelegte Schulsystem, das die Fehlangepassten, die
Leistungsverweigerer und Versager ohne weitere Perspektive aussortiert.
Beteiligt sind auch die Unachtsamkeit und Gedankenlosigkeit der Lehrer, die
sich um einen endlich der Schule verwiesenen Jungen meinten nicht mehr kümmern
zu müssen, mit dem sie nicht zurechtkamen. Oder es ist eine gnadenlose Konkurrenzgesellschaft,
deren notorische Verlierer ein explosives Gewaltpotenzial bilden, das sich vor
allem im strapazierten Osten Deutschlands ansammelt. Ein manisches
Wirtschaftssystem, das auf der Rückseite seiner ökonomischen Effizienz eine
Schattenwelt von Verzweiflung und Depression, aber auch eine Welt voller Neid
und Eifersucht, voller Hass- und Rachegefühle erzeugt. Oder es ist die
Waffenlobby, die Jagd- und Schützenvereine mitsamt den Männerfantasien, derer
sich diese Tarnorganisationen der Präpotenz bedienen – und die sie bedienen.
Oder all das zusammen ...
Diskursführend in dieser Großdebatte
über die ”wahren” Ursachen ist gegenwärtig die These, es seien die neuen
Medien, die Gewaltorgien im Internet, an denen sich der Täter berauscht, die
gewaltverherrlichenden Videoproduktionen, die martialischen Computerspiele, mit
denen er sich so exzessiv beschäftigt hat. Er habe sich in die virtuelle Figur
des Terminators hineinfantasiert, bevor er wie ein dem Bildschirm entstiegener
Ninja-Kämpfer seine ehemalige Schule in den Schauplatz eines Massenmords
verwandelt hat. Auch diese These bedient sich – wie die konkurrierenden Thesen
auch – einer kausalen Ableitungskette. Die grausame Tat wird selbst als
abhängiges Ereignis betrachtet, als Konsequenz eines Geschehens, das jenseits
von ihr liegt: außerhalb, davor oder dahinter. Wie in der klassischen Physik
wird die abhängige von der unabhängigen, determinierenden Variable
unterschieden. Nahe liegend auch die Analogie zum medizinischen Modell, wo ein
Symptom auf einen Krankheitsherd verweist: Die Tat ist lediglich die sichtbare
Oberfläche, die erklärt werden muss, das Explanandum – das Unsichtbare (und
deshalb umso Interessantere) sind die Umstände, die zu ihr hinführen.
Aber ist das Geheimnis der Verwandlung
einer privaten seelischen Disposition in eine öffentliche Handlung durch solche
Vermittlungen gelüftet? Ist dadurch erklärt, wie eine geheime Fantasie die
Grenze zur Realität durchbricht? Haben wir am Ende unserer intellektuellen
Anstrengung nicht ein Rätsel durch ein anderes ersetzt? Ich befürchte, dass wir
Kunstprodukte unserer linearen Erkenntnismethode herstellen, wenn wir die Tat
von Robert S. nur aus ihrer Vorgeschichte zu erklären versuchen, die so den
Rang einer Ursache erhält. Menschliches Verhalten folgt nicht dem mechanischen
Modell von Ursache und Wirkung. Wir bewegen uns in komplexen sozialen Systemen,
die durch vielfache Rückkoppelungsschleifen gekennzeichnet und von symbolischen
Strukturen durchzogen sind. Wir handeln in diesen Systemen mit der Absicht,
Wirkungen zu erzielen, aus Gründen, nicht aus Ursachen – auch wenn uns Absicht
und Gründe nicht immer bewusst sein mögen, weil wir sie mitunter verbergen,
verdrängen, verleugnen.
Gewiss, wir agieren im Rahmen unserer
Lebenswelt, unter den Bedingungen unserer sozialen Herkunft, unter dem Einfluss
der Kulturindustrie, unter den Einflüsterungen des Zeitgeists und so weiter. Im
Laufe unserer Sozialisation eignen wir uns diese Kontexte aber
lebensgeschichtlich an und können gar nicht anders, als unser Erleben und
Handeln uns selbst zuzuschreiben. Wir begreifen uns deshalb – außer im Traum
oder im Bannkreis psychotischer Beeinflussungserlebnisse, etwa im paranoiden
Beziehungswahn – nicht als Objekte heteronomer Steuerung. Wir handeln nicht als
Organe fremder Verfügung, sondern als Subjekte, die ihr Verhalten
rechtfertigen und über Motive prinzipiell Auskunft geben könnten.
Das gilt auch für Robert S., dessen
Erfurter Großtat alles andere war als ein von rätselhaften Kräften gesteuerter,
besinnungsloser Amoklauf – im Gegenteil: Er beherrschte die Szene in einer
geradezu absoluten Dominanz.
Das Menetekel von Erfurt
besteht nicht in der Erkenntnis, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von innen
heraus, von ihren eigenen Mitgliedern, gefährdet ist. Viel gefährlicher ist es,
nicht alle mitspielen zu lassen (Verena Kern in der Pfingstausgabe
der taz).Danach befragt, warum von den Star-Wars-Figuren
Darth Vader wohl die beliebteste bei Kindern ist, antwortete Regisseur George
Lucas: ”Weil der Bösewicht allmächtig ist.” (Frankfurter Rundschau
v. 18. Mai 2002)
Auch die Psychoanalyse – darin besteht bekanntlich
ihr ”szientistisches Selbstmissverständnis” (Habermas) – neigt zu Kausalketten,
wenn sie destruktives Verhalten aus unbewussten Motiven abzuleiten beansprucht.
Nur sind es aus ihrer Sicht lebensgeschichtlich erworbene intrapsychische
Dispositionen, die eine Tat motivieren: also etwa sado-masochistisch entgleiste
frühe Triebschicksale, die in einer aktuellen Szene unbewusst neu arrangiert
werden (Triebtheorie); Ich- oder Überich-Defekte, die sich dramatisch
fehlgeleiteten Prozessen seelischer Strukturbildung verdanken
(Ich-Psychologie); pathologisch deformierte Beziehungserfahrungen, die
internalisiert worden sind und nun wiederholt werden müssen
(Objektbeziehungstheorie), oder ein böses ”inneres Objekt”, das vermittels
Projektion externalisiert und schließlich außen zerstört werden muss
(Kleinianische Variante). All diese Spielarten des psychoanalytischen
Pluralismus unterstellen psychogenetisch wirksame Ursachen, die das Erleben und
Handeln des Subjekts von innen nach außen determinieren.
Was aber, wenn die Erfurter Tat nicht
in einer Fülle von Ursachen, sondern in sich selbst ihre Erklärung fände? Wenn
sie aus jenen Umständen verstanden werden könnte, die sie erst schafft, aus dem
Zweck, den sie erfüllt, aus den Reaktionen des Publikums, auf die sie abzielt?
Wenn die Determinanten der Tat aus ihren inneren und äußeren Wirkungen
abzuleiten wäre, die in der imaginären Welt des Täters szenisch vorweggenommen
sind, also vorfantasiert werden? Wenn sie also aus ihrer aktuellen Dramaturgie
und einer szenischen Zukunftsfantasie zu entschlüsseln wäre – und nicht aus den
Faktoren der Vergangenheit, denen sie sich angeblich verdankt? Wenn sie einer
großartigen Selbstinszenierung entspräche, die sich der zeitgenössischen
Stilmittel, der postmodernen Bühnentechnik und der gewaltkontaminierten
Symbolsprache lediglich funktional bedient, welche wir gerne kausal
umdeuten?
Meine Antwortversuche ergeben sich aus
der Sicht einer intersubjektiv verstandenen Psychoanalyse. Ich schlage vor, zum
Tatort als Szene zurückzukehren, zur Schule als Bühne eines Massenmords, verübt
an Lehrern, Mitschülern und an einem Polizisten, und dort den Täter zu
betrachten, der sich in den Mittelpunkt dieser Szene gestellt hat und genau in
dieser Position betrachtet werden will: Ich, Robert S., kehre an den Ort
meiner unerträglichen Schande zurück und verwandele ihn zum Heldenplatz.
Mein Vorschlag läuft darauf hinaus, den Täter von Erfurt als Subjekt zu
begreifen, der sich im Spiegel seiner Umwelt selbstreflexiv betrachtet und in
einer grandiosen Aktion das Bild korrigiert, das ihm aus diesem Spiegel
entgegenkommt: Er ist dann nicht mehr der überforderte Versager, nicht länger
der von den Lehrern verkannte, übersehene, missachtete und schließlich unter
demütigenden Umständen der Schule verwiesene Außenseiter, sondern eine mächtige
Figur, die anderen ihren Willen aufzwingt und mit ihrem Auftreten Schrecken und
Tod verbreitet.
Im korrigierten Bild
beherrscht er nun die Szene, die vorher ihn beherrschte. Und nicht nur das: Er
hinterlässt in diesem narzisstischen Finale auch der Nachwelt eine
unauslöschliche Erinnerung, ein gewaltiges Schauspiel der entgrenzten Rache,
der dem Akteur als makabre Berühmtheit einen Platz in den Annalen der
Zeitgeschichte sichern wird. Wenn er die Schlagzeilen jenes Wochenendes hätte
lesen können, das er für seinen dramatischen letzten Auftritt gewählt hat, es
hätte ihm gefallen. Nun hatte er die Berühmtheit, nach der er sich nach
Aussagen seiner Mitschüler immer gesehnt hatte – mehr Tote als in Littleton,
der blutigste Massenmord, den es in der Bundesrepublik je gegeben hat,
Erwähnung in den Nachrichten noch im letzten Weltwinkel, Live-Fernsehbilder,
Dokumentationen über sein Leben, Befragungen von Lehrern, Bekannten, Opfern,
Stadtgespräch in Erfurt, Großdebatte im Feuilleton, Gedränge um die Expertise
von Gewaltforschern, Indizierungsanträge, Gesetzesnovellen, Kanzlerrunden,
kurzum: Eine fantastische Bühnenszenerie mit ihm selbst im Zentrum in einem
grandiosen Akt der Selbsterschaffung. Robert S. wäre mit seiner Leistung
zufrieden gewesen.
1
Siehe in der Kommune:
Das neue Subjekt entsteht im Auge der Kamera. ”Big Brother” und andere
Inszenierungen von postmoderner Identität (6/00); Gewalt als Inszenierung. Ein
Diskursversuch zur rechten Radikalen (11/00); Highschool-shooting, Waffen und
Medien (4/01)