Der Balkan

 

Erschütterungen und Möglichkeiten eines kulturellen Raumes

 

Victor Ivanovici

 

Die große Tradition der “Balkanfalle” zeichnet unser Autor nach: Zum einen wurde sie von Europa gestellt (Romantik, Großmachtpolitik), zum anderen tappten die Völker Südosteuropas in Abkehr von der gemeinsamen byzantinischen (und osmanischen) Vergangenheit bereitwillig in sie hinein. Die Konstruktion des Nationalen als Bindeglied zum Westen führte zu einem Verlust an kultureller Identität und zur Partikularisierung der Völker. Erst in jüngster Zeit zeichnen sich Tendenzen ab, die mangelnde Kommunikation unter den schwierigen Nachbarn zu verbessern.

 

Europa, das Pulverfass des Balkans ...

Seit zehn Jahren macht die als Balkan bekannte geopolitische Einheit immer wieder durch tragische, komische, tragikomische oder groteske Ereignisse von sich reden, stets versehen mit der keineswegs schmeichelhaften Kennzeichnung als “Pulverfass Europas”, die ihr seit Anfang des vorigen Jahrhunderts anhängt. So wurden die Region und ihre Bewohner im Westen allmählich exotisiert, um nicht zu sagen dämonisiert. Dies wiederum zeitigte alsbald unter anderem die Wirkung, dass die Balkanbewohner selbst darin wetteiferten, sich von allem Balkanischen zu distanzieren, wenigstens mit Worten, wenn schon nicht in Sitten und Gebräuchen, Mentalitätsformen und Praktiken. Die einen, denen die Geographie keinen Ausweg offen lässt, setzen auf den Ausdruck “Südosteuropa”, der mit negativen Konnotationen weniger behaftet ist; einige andere wie die Griechen legen großes Gewicht auf ihre mediterrane Dimension, die sie mit dem ganzen Süden Europas, mit dem Maghreb und dem Nahen Osten verbindet, indes andere wiederum (Slowenen, Kroaten und immer öfter auch die Rumänen) sich als Mitteleuropäer mit Interessenverbindungen zum Balkan darzustellen versuchen.

Solch euphemistisch getönte Alternativbezeichnungen haben das Verdienst, darauf hinzuweisen, dass unser Raum, wie übrigens jeder andere auch, eigentlich eine Kreuzung aus mehreren Räumen ist; dass also weite Teile des Balkans genauso zu Mitteleuropa wie zu Südeuropa und zur Mittelmeerregion gehören, mit denen sie zahlreiche historische und kulturelle Eigenarten gemein haben. Der Nachteil jener Termini aber ist, dass sie, die Bäume immerzu mehrend, den Wald aus dem Blick verschwinden lassen, bis schließlich vor lauter einzelnen Balkans der Balkan/Balkanien nicht mehr auszumachen ist. Vor allen Dingen aber leisten diese – an sich notwendigen und verdienstvollen – Differenzierungen dem “perversen” Drang Vorschub, den Gegenstand selbst zu dislozieren und in sich zu spalten: durch die diskriminierende Unterscheidung zwischen guten und bösen, “zivilisierten/europäischen” und “primitiven/wilden” Balkans: erstere westlich von der alten Grenze zwischen den beiden Hälften des Römischen Reiches angesiedelt und heute römisch-katholischer Glaubensausrichtung sowie Tradition, die anderen östlich von dieser Grenze und kulturell wie glaubensmäßig im Bereich der Orthodoxie und des Islams aufgehoben. Damit habe ich das Bild angesprochen, das sich aus Samuel P. Huntingtons Theorie herleitet, die er vor nicht allzu langer Zeit in seinem Essay The Clash of Civilizations dargelegt hat (die aber durchaus auf ältere Vorläufer zurückblicken kann).(1)

Zu den Reaktionen auf eine solche “Exotisierung” – die den Balkan tendenziell zu einem fremdartigen, dem übrigen Europa völlig unvergleichlichen Ort erklärt – gehört es, dass im Gegenzug seine Gemeinsamkeiten mit dem Westen besonders hervorgestrichen werden, oder auch, dass man dem Westen seinen Schuldanteil an der “Balkanisierung” der Region vorrechnet. So greift die bulgarische Wissenschaftlerin Maria Todorova in ihrem ebenso schönen wie klarsichtigen Buch Understanding Balkans auf das logische Gerüst von Edward Saids Orientalismus-Essay zurück, um ihre These zu stützen, dass die Balkanismus-Dimension im Grunde ein Produkt des westlichen Blicks auf die Region ist, einer Wahrnehmung also, die vom eigenen Erwartungshorizont bestimmt wird und nicht in erster Linie vom Bestreben, dem Gegenstand gerecht zu werden. Francisco Veiga, ein junger Historiker aus Barcelona (einer der besten westlichen Fachleute auf diesem Gebiet), geht noch weiter, spitzt den Gedankengang zu und überschreibt das erste Kapitel seines Buches La trampa balcanica (“Die Balkan-Falle”) mit “Europa, das Pulverfass des Balkans”. Unser Kontinent, so Veiga, hat in seiner ganzen raum-zeitlichen Existenz sowohl Stammesdenken wie auch Religionskriege und Schübe ethnischer Säuberungen gekannt, und zwar oftmals weit grausamere als die, die in den letzten Jahren in Ex-Jugoslawien tobten.(2) Somit betreibt Europa eigentlich ideologische Verschleierung, wenn es seine eigenen Dämonen, die bis gerade eben noch aktiv waren und auch heute noch nicht wirklich ruhen, auf den Balkan projiziert.(3)

Zum Abschluss dieser “apologetischen” Betrachtungen würde ich ergänzend sagen, dass der Balkan seine explosive Persönlichkeit erst gewann, als er aufhörte, ein durch mächtige Imperien (Rom, Byzanz, Osmanen) vereinheitlichter Raum zu sein, um wie das restliche Europa zu einer Region von Nationen-Staaten zu werden.(4) Für diese Situation verwendet das Neugriechische den Begriff „ethnokratos“, der sie sehr genau beschreibt (und im Folgenden wird auch klar werden, warum). Es ist hier jetzt nicht der Ort und die Zeit, um zu analysieren, wie die in die “orientalische Frage” verstrickten Großmächte im Verlauf dieses insgesamt etwa ein Jahrhundert dauernden Prozesses (von 1810 bis zu den Balkan-Kriegen 1910-13, in einzelnen Fällen bis Ende des Ersten Weltkrieges) ihre eigenen Interessenkonflikte in unsere Region exportiert und damit erheblich zu deren Destabilisierung beigetragen haben. Ohne den Bereich des Ideologischen im Mindesten zu verlassen, behaupte ich nur, dass die modernen balkanischen Nationalismen ganz unbestreitbar westlicher Herkunft sind.(5) Speziell deutscher Herkunft, würde ich sagen; und dies schon deshalb, weil in den meisten Balkan-Sprachen der rassisch-biologische Identitätsbegriff (für die Ethnie) und der politisch-rechtliche (für die Nation) durch dasselbe Wort bezeichnet werden und die Bedeutung der betreffenden Wörter (popor, narod, ethnos) sich recht genau mit dem Bedeutungsfeld des Wortes Volk deckt. So werden die beiden Begriffe, genau wie in Fichtes Reden an die deutsche Nation zu Beginn des 19. Jahrhunderts, bis zur völligen Verschmelzung gleichgesetzt, und von da ist es nur noch ein Schritt – und schon sind alle nicht der eponymen Ethnie angehörenden Individuen aus der Nation ausgegrenzt (Unterdrückung der Minderheiten, ethnische Säuberungen, oder in der milderen Form, Austausch ganzer Bevölkerungsteile mit dem Ziel der Homogenisierung des Ethnokratos), ein Schritt, der auf dem Balkan oft mit verdammenswerter Leichtigkeit getan worden ist.

 

“Zweites Rom” und “Byzanz“ nach “Byzanz”

Bei aller Kritik an den Balkan-Klischees dürfen wir nicht darüber hinwegsehen, dass wir an ihrem Aufkommen in überwiegendem Maß selbst schuld sind. Die Opferrolle, in der wir geradezu aufgehen – mal rechtend (“alle sind gegen uns”), mal larmoyant (“keiner versteht/liebt uns”), ist gewiss nicht sehr geeignet, die Einsicht zu fördern, dass die Balkanisierung des Balkans vor allem hausgemachte Ursachen hat. Als die schwerwiegendste dieser Ursachen erscheint die Tatsache, dass sich die Nationen, Völker oder Bevölkerungen der Region trotz der großen Nähe und stellenweise unentwirrbaren Vermischung im Grunde ignorieren, und das betrifft auch die politischen, wirtschaftlichen und geistigen Eliten. Ob es uns gefällt oder nicht – dieses Bild von Nachbarn, die sich gegenseitig gleichgültig den Rücken zukehren, wenn sie sich nicht gar schiefe Blicke über die Schulter zuwerfen, dieses Bild findet seine Entsprechung, jenseits aller Geopolitik, auch im gegenwärtigen kulturellen Profil des Balkans.

Wann und vor allem wie konnte es dazu kommen? Das Phänomen tritt mit den nationalen Befreiungsbewegungen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf (Serbien 1805-1817; Griechenland 1821-1830; die Walachei 1821). Zählt man die Zeit der ideologischen Vorbereitung hinzu, so kann man den Beginn dieses Prozesses etwa ein halbes Jahrhundert früher ansetzen. Es ist die Zeit, in der das Gedankengut der europäischen Aufklärung (vor allem der französischen) und dann des romantischen Nationalismus (deutscher Prägung, wie bereits gezeigt) mit Wucht auf den Balkan drängen und das Auseinanderbrechen und den Kollaps der alten ideologisch-institutionellen Ordnung einleiten, die über Jahrhunderte hinweg die kulturelle Einheit dieses Raumes Gewähr leistet hatte.

Ehe ich mich mit den entsprechenden Folgen in der Moderne befasse, ein Blick auf die Zeit davor, also auf das hochkomplexe Ancien Régime, das der russische Historiker Dimitri Obolensky sehr treffend als Byzantinisches Commonwealth bezeichnet hat. Gemeint ist damit das Überleben der byzantinischen Institutionen nach dem Verschwinden der politischen Einheit Byzanz, deren Verlängerung, Anpassung und Weiterentwicklung durch die “Nachfolge”-Staaten; ebenso der Fortbestand des “harten Kerns” byzantinischer Kultur, der griechisch-orthodoxen christlichen Religion und Kirche, der griechischen Sprache als Kirchensprache(6), wie auch, in großen Teilen, als Verkehrssprache; vor allem aber die “Kolonisierung” der Mentalitäten und der kollektiven Vorstellungswelt durch Byzanz auf einem Territorium, das nicht nur der Ausdehnung des Kaiserreichs in Südosteuropa und Kleinasien entsprach, sondern auch die Weiten Russlands mit einschloss, das nicht zum Oströmischen Reich gehört hatte. Nach dem religiösen Schisma von 1066 hatte die östliche Hälfte des Römischen Reiches für den Westen einen betont negativen Ruf erhalten, galt als Brutstätte für Verrat und Intrigen, als Wiege eines “Byzantinismus” genannten perversen und sterilen Raffinements, auf die Spitze getrieben im finsteren, nahezu vollkommen “schwarzen” Bild, das Gibbon in seiner Geschichte von Byzanz malt. In einer weniger von Ressentiments gefärbten historischen Sicht hat das Reich von Konstantinopel trotz Akkulturation (also sprachlicher Fixierung auf das Griechische) und institutioneller(7) Orientalisierung, was auf den Westen schockierend wirkte, nicht aufgehört, das “zweite Rom” zu sein, das dem ersten an Glanz keineswegs nachstand. Somit ist die Faszination, die von Byzanz ausgeht, nichts anderes als die für den östlichen und südöstlichen Teil des Kontinents spezifische Erscheinungsform des Phantasmas der Romanität, ein Phantasma, welches das ganze Mittelalter hindurch im kollektiven Bewusstsein Europas herumspukte. Mit anderen Worten, die gleichen ehrenwerten Gründe, die die frühen Deutschen bewogen, dem Anführer einer Koalition oder Föderation von Stämmen (nichts anderes war das damalige Reich) den Titel Kaiser (also Caesar) zu geben, haben auch die alten Slawen veranlasst, ihre Stammesfürsten Zaren (ebenfalls von Caesar) zu nennen, die Russischen Zaren wiederum dazu, bei der Bezeichnung Autokrator zu bleiben.

Die lexikalisch-semantische Frage der vom Römischen hergeleiteten Monarchentitel eröffnet uns einen interessanten Ausblick auf ein Kapitel der Institutionen- und Mentalitätsgeschichte. Ich meine die diversen selbst ernannten Rom-Nachfolger, die alle das Erbe des ersten, noch mehr aber des zweiten Roms für sich beanspruchten. Keine Frage, dieses Phänomen hat seine Parallelen auch im Westen(8), im Osten aber bekommt es etwas Messianisches, weil hier die (christlichen) Völker dem Druck der osmanischen Okkupation ausgesetzt sind.(9) Zuerst beansprucht Russland den Titel und die Mission eines “dritten Roms” und begründet dies mit der Legende, das Vermächtnis von Byzanz, dessen sich die dekadenten Griechen von Konstantinopel unwürdig erwiesen hatten, sei Moskau übertragen worden als rechtgläubigem (orthodoxem) christlichem Reich, dessen Mission es war, die Kaiserstadt von den Ungläubigen zurückzuerobern. Ein “viertes Rom” zu werden waren die beiden Donaufürstentümer Walachei und Moldau bestrebt, als die einzigen Länder in der Region, die von der Pforte zwar abhängig, aber nicht unmittelbar besetzt waren und darüber hinaus beachtliche Autonomiebereiche hatten. Dieses “Byzanz nach Byzanz” wie es der rumänische Historiker Nicolae Iorga in seinem berühmt gewordenen Buch gleichen Titels genannt hat, das in den Dreißigerjahren auf Französisch erschien, ist ein Low-profile-Byzanz, das das Verschwinden des ursprünglichen historischen Bezugsmodells hinnimmt und infolgedessen bemüht ist, auf seinem Territorium zu retten, was noch zu retten ist oder gar wiederaufzubauen, was sich vom alten Modell rekonstruieren lässt. So sind die rumänischen Fürstentümer nicht nur Asyl bietendes Land, ähnlich wie es Italien in größerem Ausmaß und unter anderen Bedingungen gleich nach 1453 für einen Teil der byzantinischen Intelligenz war, sondern auch ein Brennpunkt byzantinisch-postbyzantinischer Kultur, mit zuweilen ausgesprochen beachtlichen originellen Leistungen, vor allem im 18. Jahrhundert, als in Bukarest und Iassy Griechen aus dem Fanar-Viertel Konstantinopels auf dem Fürstenthron saßen und gerne eine Art Synthese zwischen “viertem” und “zweitem” Rom zu Stande gebracht hätten.(10)

Und schließlich ist sogar das Osmanische Reich in einem gewissen Sinne ein “neues Rom” oder besser gesagt: ein “neues Byzanz”. Die türkischen Eroberer hatten nicht nur die Verwaltung und einen großen Teil der Institutionen des eroberten Reiches unangetastet gelassen, sie schufen auch gewisse Reservate, worin sich byzantinisches Leben ohne Kontinuitätsverlust entfalten konnte. Eines davon war das so genannte „Rumi Miliet“, die autonome und selbst verwaltete Gemeinde der christlichen Bevölkerung mit dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel an der Spitze, der mit nahezu kaiserlicher Macht über seine Untergebenen ausgestattet war.(11) Zwischen diesen byzantinischen Enklaven und dem osmanischen Staat kam es sogar zu typischen Interaktionen (typisch für das “Byzanz nach Byzanz”), beispielsweise im Bereich der Außenpolitik der Pforte, die voll und ganz in die Zuständigkeit des “Großen Dragomans” (Übersetzers) fiel; dieser wurde fast ausschließlich (wie im Übrigen auch die Fürsten der beiden rumänischen Länder im 18. Jahrhundert) unter den Mitgliedern der alten, wohlhabenden und gebildeten Familien des christlichen Miliet ausgewählt.(12) Hier, in diesem Bereich, der von den drei Machtpolen Ökumenische Patriarchie, Kanzlei des Großen Dragomans und – später – den moldowalachischen Fürstenstühlen abgesteckt ist, entsteht eine wahre byzantinisch-postbyzantinische Aristokratie (die so genannten Phanarioten(13)) griechischer Sprache, orthodoxen Glaubens und kosmopolitischer Mentalität, die innerhalb des Osmanischen Reiches zu einer starken Lobby werden.(14)

 

Das Fehlen der Renaissance

Dies also sind die Wesenszüge des “Ancien Régime”, von dem die historische und kulturelle Moderne des Balkans ausgeht – und sei es nur, um es zu “dekonstruieren”. Es ist ein Hintergrund, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen, den man andererseits aber auch nicht idealisieren darf (wie es die neueren und älteren örtlichen Fundamentalisten tun, die von der Globalisierung erschreckt wurden). Denn das historische Modell enthält auch manche Züge, die das Verhältnis zum modernen Europa (zu dem der Balkan sich ja bekennt) verzerren. Als Beispiel sei an eine Stelle bei Danilo Kiš erinnert, der im Zusammenhang mit der Christianisierung der Russen nach dem orthodoxen Ritus ironisch bemerkt: “... Russland wird vom Kult der Ritterlichkeit unberührt bleiben und die Russen werden weiterhin ihre Frauen schlagen, als habe es den Kult der Frau nie gegeben.” Ein anderer problematischer Zug ist die Tatsache, dass die byzantinisch-orthodoxe Welt keine Renaissance gekannt hat, und damit auch nicht die Erhöhung des Individuums in den Rang eines privilegierten Subjekts der Geschichte(15): Priorität hat in der traditionellen Zivilisation des Balkans die ethnische und religiöse Gemeinschaft – in der russischen Theologie Sobornost’ genannt –, was die relative Gleichgültigkeit den Rechten des Individuums gegenüber (nach dem Prinzip Salus populi suprema lex) erklärt und auch, dass auf dem Balkan das menschliche Leben so wenig zählt.

 

Die Romantik und die Konstruktion des Nationalen

Die westliche Aufklärung dringt wie bei einer Belagerung mit der Gewalt und der Wucht eines “Rammbocks” in den kulturellen Raum des Balkans und erschüttert die Befestigungen der alten Ordnung immer wieder, bis diese zerstört oder doch unwiderruflich geschwächt ist. Als nächster Schritt folgt die Romantik als komplementäre Phase des (Wieder-)Aufbaus, wobei weitgehend Brocken aus dem Abriss der alten Ordnung wieder verwertet werden. Die große Leistung der Romantik ist die Kompilierung der so genannten “Großen Erzählungen” (Grands Récits), in denen ganze Kapitel der gemeinsamen (byzantinischen) Vergangenheit gelöscht und als Episoden der historischen und kulturellen Identitätsfindung einzelner “Nationen” neu geschrieben werden. Die gleiche Romantik stellt diesen neu geschaffenen kulturellen Einheiten einen neuen Pol von Universalität gegenüber, der von nun an im Westen lokalisiert sein wird. So beansprucht nun jede der “National”-Literaturen ihren eigenen Platz in dem Bereich, den Goethe als Weltliteratur bezeichnet hat, der amerikanische Theoretiker Harold Bloom hingegen in dem gleichnamigen, sehr polemischen Buch als den “Kanon des Westens” (The Western Canon). Dabei ist eine interessante, neue komplementäre Symmetrie zu beobachten: Während die Romantiker davor die “spezifische Differenz” betont hatten, nämlich darin, was die einzelnen nationalen Kulturen vom alten (byzantinischen) Kanon unterschied, sind sie nun auf der Suche nach Wahlverwandtschaften mit dem Westen, ja erfinden sie nötigenfalls.(16)

Wenn wir darin übereinstimmen – und ich sehe keinen Anlass, es nicht zu tun –, dass dieser doppelte Vorstoß der Romantik von Erfolg gekrönt war, müssen wir daraus schließen, dass es für die neuen kulturellen Formationen, die nach dem Kollaps des byzantinischen Commonwealth auf dem Balkan auftauchten, keine verbindenden Linien untereinander gab, sondern im Gegenteil nur die direkte Linie zur westlichen Kultur. Mit anderen Worten: Es gab in den letzten zwei Jahrhunderten weder eine direkte Kommunikation noch einen unmittelbaren Dialog zwischen den griechischen, rumänischen, türkischen, bulgarischen, serbischen Schriftstellern, Gelehrten, Künstlern, noch gab es eine gemeinsame Rezeption kultureller Stimuli von außen, sondern nur eine individuelle Ausrichtung jeder einzelnen Kultur an Bezugssystemen aus dem Westen. In diesem Sinne beschreibt die bulgarische Komparatistin und Rumänistin Rumjana Stanceva die kulturellen (Non-)Beziehungen zwischen Rumänien und Bulgarien folgendermaßen: “... ich stelle die Situation der Komparatistik in Südosteuropa wie ein gleichschenkliges Dreieck dar. Beide Seiten suchen die Vorbilder und Modelle im Westen. Und der Westen ist in Bulgarien wie Rumänien bekannt und als Spitze des Dreiecks anerkannt. Es bleibt nur zu wünschen, dass beide – aus Interesse oder Neugierde wie unter Nachbarn, auch zu direkten Kontakten übergehen mit dem Ziel, sich übereinander zu informieren.“(17)

 

Nach dem kulturellen Identitätsverlust

Der Prozess der Zuwendung zum Kanon westlicher Prägung verlief also stufenweise, nachdem der eigene Kanon, das byzantinische Commonwealth, oder aus einer anderen Perspektive Nach-Byzanz, verloren gegangen, gewissermaßen auch verneint worden war. Gewiss, dieser Paradigmenwechsel, der einem kulturellen Identitätsverlust gleichkam, da nicht sofort eine neue Identität bereitstand, war zu seiner Zeit ein schmerzhafter Bruch. Doch waren die Balkan-Völker weder die ersten noch die letzten, denen Vergleichbares widerfuhr.

Die Hispanistik als Gebiet meiner Haupttätigkeit gab mir Gelegenheit, ganz aus der Nähe relativ analoge kulturelle Mutationen zu verfolgen. In Lateinamerika waren sie Anlass zu einem wahren hermeneutischen Delirium zum Thema “Abhängigkeit” der so genannten kolonialen lokalen Kulturproduktion von einem Markt der kulturellen Werte, der von der “Metropole” (d. h. Westeuropa und USA) kontrolliert wird. Die Lächerlichkeit solcher Klagen wird deutlich, wenn man bedenkt, dass diese “Abhängigkeit” dazu geführt hat, dass Lateinamerika heute zum ersten Mal gleichrangig an der Produktion der Weltkultur teilhat und dass besagte “koloniale” Ergebnisse keine geringeren Namen tragen als Jorge Luis Borges, Octavio Paz, Julio Cortázar, Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa oder Carlos Fuentes. Gespeist werden solche “Perlen”, die die “Schule des Ressentiments”, wie sie Harold Bloom scharfsinnig nennt, hervorbringt, in der spanischsprachigen Welt von den Überresten einer Linken der Dritten Welt, aufgefrischt mit einer Spritze “political correctness” made in USA. Interessant und gleichzeitig Besorgnis erregend ist, dass dieser Diskurs sich auch auf dem Balkan bemerkbar macht und gespeist wird aus einem unglaublichen Gemenge aus nostalgischen Nationalkommunisten in der Gefolgschaft Ceauçescus beziehungsweise Anhängern Miloševićs, von faschistoiden Nationalisten und von Vertretern einer “neuen” Kirchenschicht.

Was mich angeht, sehe ich die Loslösung vom archaischen Kanon des nachbyzantinischen frühen 19. Jahrhunderts uneingeschränkt positiv und begrüße die Orientierung des Balkans am Paradigma der Moderne. Diese Entwicklung ist in meinen Augen alles andere als einebnende Anpassung, sie hat uns vielmehr den Horizont der Weltliteratur erschlossen, und das ist nur innerhalb des westlichen Kanons denkbar. Dieser Wandel hat gewiss seinen Preis gehabt, und der war bis vor kurzem der völlige Mangel an Kommunikation zwischen den unmittelbaren Nachbarn.

In letzter Zeit ist eine gewisse Lockerung des Kanons festzustellen (oder zu erahnen). Die Verteidiger des postmodernen axiologischen Relativismus wollen darin das Verschwinden jeglichen Kanons erkennen. Ich halte eine solche Entwicklung überhaupt nicht für wünschenswert, weil sie einer “Balkanisierung” des westlichen Kanons gleichkäme. Wenn sie aber, wie ich glaube und hoffe, zum Verschwinden der einseitig hierarchischen Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie führt und zur Neuherausbildung des Kanons nach dem Prinzip der Pluralität, also mit vielen Zentren, die untereinander vielfältig verbunden sind, dann ist der Wandel, der sich anbahnt, außerordentlich erfreulich.

 

(Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka)

 

 

1

Wir brauchen nur an den vergleichsweise sympathischen Kalauer der Wiener zu erinnern, demzufolge “Europa am Ring endet”, oder an Metternichs Ausspruch, jenseits von Wien beginne Halb-Asien.

2

Um nicht bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges und bis zur Shoah zurückzugehen, nenne ich ein Beispiel aus der unmittelbaren Gegenwart. Im Falle des Bürgerkriegs “im Larvenzustand”, der im Baskenland tobt, liegt dem terroristischen Aktivismus der ETA ein derart “reiner” und “harter” Rassismus zu Grunde, dass sogar ein Rosenberg vor Neid erblassen müsste: ein ethnisch emanzipiertes Euskadi müsste nicht nur frei von Kastiliern und Spaniern aus anderen Regionen sein, sondern selbst von ... allen Pflanzen, die nicht aus den Pyrenäen stammen.

3

Ich weiß nicht, ob Veiga seine Vorgänger in dieser Art, die Dinge zu betrachten, kennt. Was mich angeht, freue ich mich, darin den Widerhall der Gedanken eines heute leider wenig gelesenen und zitierten deutschen Denkers zu entdecken, eines Vertreters jener deutschen Geisteshaltung, die ihr Augenmerk auf feine Unterschiede und Differenzierungen legt und die – nach Ansicht des rumänischen Philosophen Lucian Blaga – von “katalytischer” Wirkung ist, da sie einen nicht dazu drängt, sich ihr anzugleichen, sondern dazu ermuntert, man selbst zu sein. Es handelt sich um Graf Hermann Keyserling, den Globetrotter-Philosophen, den ich zusammen mit dem Spanier Ortega y Gasset für einen der wichtigsten Vorkämpfer der europäischen Idee halte. Keyserling scheint in dem Balkan-Kapitel seines in den Zwanzigerjahren erschienenen Buches Spektrum Europas die gleiche Idee ins Metaphysische zu verlängern: Indem Europa seine “Dämonie” auf dem Balkan-Raum eingrenzt, vollzieht es einen Akt des Exorzismus und der Katharsis, ohne den sich die ganze Welt “balkanisieren” würde.

4

Der erste Teil des Kompositums ist unmittelbar verständlich, der zweite bedeutete im Altgriechischen “Macht”, “Gewalt” und erhielt im modernen Griechisch die Bedeutung von “Staat”.

5

Denn in der vormodernen (osmanischen) Zeit war die einzig greifende kollektive Identität das so genannte „Miliet“, die “Religions-Nation” nach muslimischem Recht.

6

Freilich neben anderen “Hagioglossen” (von wesentlich geringerer Verbreitung) wie etwa dem Kirchenslawischen.

7

So wird z. B. der kaiserliche Titel vom militärischen Imperator (der Oberste Befehlshaber der Truppen Rei publicae) zum monarchischen Autokrator, wörtlich: der die staatliche Macht (kratos) aus sich selbst zieht (auto). Man könnte meinen, er resümiere den stolzen Ausspruch des Sonnenkönigs: L’état c’est moi.

8

Erinnern wir uns nur an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aus dem 10. Jahrhundert, das auf das Erste Reich Karls des Großen folgte, der sich, nachdem er den ganzen Westen unter seinem Szepter vereinigt hatte, in Rom zum Kaiser krönen ließ (eine Geste, die Jahrhunderte später Napoleon an der gleichen Stelle wiederholt). Aus wahrscheinlich demselben Grund hat Carolus Magnus die Vorstellungswelt der Völker quer durch den Kontinent so fasziniert, dass im Osten durch Autonomasie aus dem Namen des ersten Kaisers der westlichen Welt der Begriff für den feudalen Herrscher westlichen Zuschnitts entstand.: korol (bei den Russen), kral bei den Südslawen, kiraly (bei den Ungarn) und crai (bei den Rumänen).

9

Dieser Messianismus ist so stark, dass er bis in die moderne Epoche zu verfolgen ist: So umfasst etwa ein so radikales Projekt wie das der jakobinisch inspirierten “Hellenischen Republik”, das der griechische Revolutionär Rhigas Pheraios Ende des 18. Jahrhunderts verfolgte und das die Völker des Balkans und Kleinasiens (Türken inklusive) zusammenschließen sollte, ganz genau das Territorium des ehemaligen Byzanz.

10

Für das Gelingen dieser Synthese spricht u.<|>a. die Beobachtung von Graf Keyserling in seinem Buch Spektrum Europas: Als er von den Rumänen spricht, betont er, dass bei ihnen der byzantinische Charakter noch deutlicher ist als bei den modernen Griechen.

11

Die Türken gingen sogar so weit, im kontinentalen Teil Griechenlands und auf dem Archipel die Autorität der orthodoxen Kirche wieder herzustellen, die nach dem 4. Kreuzzug für die Dauer der Frankenherrschaft von den Katholiken usurpiert war.

12

Eine mögliche Erklärung ist das in ihrer Religion begründete Verbot, Fremdsprachen zu erlernen.

13

Abgeleitet von dem Namen des Istanbuler Stadtteil des Leuchtturmes (ngr. Fanari, tk. Fener), wo auch der Palast des Patriarchen lag.

14

Zur Gruppe der Phanarioten gehört auch das so genannte “Phanarioten-Paradox”: dass sie einerseits typische Ausprägung des byzantinischen Nach-Byzanz waren, andererseits aber den Kern der Zerstörung dieses Phänomens hervorbrachten: Dank ihrer privilegierten Beziehungen zum Westen waren sie par excellence Träger und Multiplikatoren der Ideen, die zur Auflösung dieser kulturellen historischen Erscheinung führten.

15

Zaghafte Anzeichen eines geistigen Wandels vom Typus der Renaissance-Ideen hat es zwar gegeben, aber erst spät, zur Zeit der Paleologen. Sie wurden von der türkischen Eroberung zunichte gemacht.

16

So haben z. B. griechische Historiker die Tendenz, die Rolle byzantinischer Exil-Gelehrter beim Beginn des Humanismus im Westen überzubewerten, wobei sie gleichzeitig auf der Existenz einer “kretischen Renaissance” beharren. Ihre rumänischen Kollegen erkennen gotische Stilelemente in der dörflichen Architektur in Nordtranssilvanien und beschreiben einen komplexen und vielwertigen “rumänischen Barock” am Beginn des 18. Jahrhunderts. Auf Grund einer ähnlich funktionierenden Logik haben auch die Ukrainer ihren eigenen Barock erfunden (der sich aus dem berühmten polnischen Barock Sarmacki entwickelt haben soll – auch wenn es in der Ukraine als politisch unkorrekt gilt, dies zu behaupten).

17

Leider muss man sagen, dass bis heute die Basis des Dreiecks, also die direkten Kontakte mit dem Ziel der Information, ein frommer Wunsch geblieben ist.