Michael Ackermann
„Robin sagte, als er fertig war: ,Henry, du kannst einfach
nicht rumgehen und Menschen abmurksen, als existierten sie nur auf dem Papier.‘
,Das kann ich nicht? Und wer sagt das ihnen? Denn genau das haben sie
mit mir versucht, mich zu eliminieren, auf dem Papier.‘“
Henry Beach, in John Updikes „Beach in Bedrängnis“
„Es gibt keine Nähe zu anderen, die nicht zur Feindseligkeit
führt.“
Martin Walser, „Meßmers Gedanken“
Es
war das Jahr 1994, als Jorge Sempruns Schreiben oder Leben in der
Bundesrepublik erschien. Erneut durchlebte der Autor, ehemals Kommunist und
Mann des Widerstandes gegen das Franco-Regime, seine Erfahrungen im KZ
Buchenwald, ging wieder einmal „durch den Tod hindurch“, sah sich mit dem
Schnee konfrontiert, der immer aufs Neue in seinen Träumen gefallen war, sah
den Rauch über dem Lager, in dem seine „Freunde aufgegangen waren“, tauchte ein
in die Situation nach der Befreiung des Lagers und spürte sie wieder: die
ungläubigen Blicke der Soldaten und die falsch gestellten Fragen, die ein
Erzählen unmöglich machten. Warum aber setzte er sich nach Büchern wie Was
für ein schöner Sonntag und die Die große Reise noch einmal in
literarischer Form den grausigen Erinnerungen aus?
Der
Anlass war die Wiederbegegnung mit dem Lager Buchenwald für einen
dokumentarischen Fernsehfilm über sein Leben. Genauer aber war es der Umstand,
dass ein Angestellter der Dokumentationsstelle mit den Worten „Das stimmt nicht“
dem Überlebenden widersprach, als er dem Reporter von seiner Registrierung als
„Student“ erzählte. Und da stand es wirklich auf der Karte seiner „Aufnahme“,
schwarz auf weiß: „Stuckateur“. In diesem Moment des Jahres 1992 wurde Jorge
Semprun klar, dass er die 50 Jahre seines Überlebens vielleicht nur jenem alten
Kommunisten verdankte, der dem jugendlichen intellektuellen Heißsporn die
Berufsbezeichnung „Philosophiestudent“ nicht durchgehen ließ, sondern ihn
stillschweigend mit dem falschen Eintrag, der ihn zu einem „nützlichen
Mitglied“ des Arbeits- und Vernichtungslagers machte, überhaupt die Chance des
Überlebens gab. Denn Intellektuelle wurden zuerst in die Vernichtungsarbeiten
oder gleich in die Gaskammern geschickt. Es war also ein Zufall, der, wie so
viele andere Zufälle, die die Überlebenden von den Toten schied, ihm ein
„zweites Leben“ gab.
All
das erinnert Jorge Semprun in seinem Buch also noch einmal, aber vor allem
führt er sich und seinen Lesern noch einmal vor Augen, warum er nach der Befreiung
aus dem KZ Buchenwald in vielen Jahren danach nicht in der Lage war, seine
Erfahrungen aufzuschreiben, warum es ihn, als er es versuchte, an den Rand des
Selbstmordes trieb, und warum er schließlich über viele Jahre hinweg den
„durchlebten Tod“ zu verdrängen suchte – und lebte: jung, gierig, mit vollen
Zügen.
Nicht erst derjenige, der Sempruns Bücher gelesen hat, weiß, dass vielen
Überlebende das Überleben wie ein unverdientes Privileg erschien. Viele haben
dieses Privileg kaum ertragen, manche haben sich umgebracht, wie Primo Levi,
manche mussten ihre Erfahrungen verdrängen oder zumindest beschweigen – um zu
leben, wie es eben ging. All das konnte, ja musste Martin Walser wissen, als er
in der Auseinandersetzung um seine Paulskirchenrede des Jahres 1998 – zwei
Jahre nach der Rede von Jorge Semprun also, die von den Erfahrungen der Opfer
handelte – in einem Gespräch mit Ignatz Bubis auch über die Auseinandersetzung
mit der Judenverfolgung und -vernichtung in den Sechziger- und Siebzigerjahren
stritt. Doch plötzlich, zugegeben, in der Erregung des Gesprächs, trat er
diesem so entgegen: „... ich war in diesem Feld beschäftigt, da waren Sie noch
mit ganz anderen Dingen beschäftigt. ... Sie haben sich diesen Problemen erst
später zugewendet als ich.“ Wie konnte Walser in diesem Moment und Zusammenhang
auf Immobilienspekulant anspielen, wie konnte er Bubis – der mit Bezug auf die
Vernichtung seines Vaters in Treblinka ausführte: „Ich hätte nicht leben
können. Ich hätte nicht weiterleben können, wenn ich mich früher damit
beschäftigt hätte“, – mit den Worten entgegentreten: „Und ich musste, um
weiterleben zu können, mich damit beschäftigen“?
Gewiss
war es mangelnde Sensibilität für die Empfindungen des jüdischen Opfers, war es
überhaupt die Abwesenheit eines Gefühls für die Prägungen eines jüdischen
Bürgers in der Auseinandersetzung mit und um die Judenvernichtung in der
Folgegesellschaft des Nationalsozialismus, die Martin Walser hier
offenbarte.(1) Seine Art von Insistieren und von makabrer Betroffenheits-Gleichsetzung
entsprang offensichtlich einem Beleidigtsein darüber, dass ihn Ignatz Bubis als
„geistigen Brandstifter“ (für rechte und antisemitische Gewalt) bezeichnet
hatte, dass ihm in vielen Reaktionen auf die Paulskirchenrede eine
„Schlussstrichmentalität“ und eine Art von Vergessenmachen-Wollen von Auschwitz
bescheinigt worden war. Dagegen aber wehrte sich Martin Walser vehement, denn
in seinem Selbst-Bewusstsein verstand und versteht er sich als jemand, der die
Bewältigung von Auschwitz für eine Unmöglichkeit hält.
In
seiner Rede „Auschwitz und kein Ende“(2) aus dem Jahre 1979 sind die Leitmotive
angesprochen, die Walsers Denken über die Judenvernichtung bestimmen. „Reine
Schuld zu ertragen ist für den Einzelnen unmöglich. Und für ein Volk, für eine
Gesellschaft? Wir auf jeden Fall helfen uns eben dadurch, dass wir die Schuld,
das konkrete Furchtbare, auf eine Handvoll Schergen schieben.“ Das aber sei
falsch, geradezu unmöglich. „In Auschwitz arbeitete unsere ganze Gesellschaft
mit. Aber das ist eine Vorstellung, die wir nicht so gut ertragen. Ein Franzose
oder ein Amerikaner kann die Bilder aus Auschwitz anders zur Kenntnis nehmen
als wir. Er muss nicht denken: Wir Menschen! Er kann denken: Diese Deutschen!
Können wir denken: Diese Nazis!? Ich kann es nicht. ... Wir sind die
Fortsetzung. Auch der Bedingungen, die zu Auschwitz führten.“ Angesichts von
Auschwitz gebe es kein „richtiges Verhalten“. „Wir alle sind in Versuchung, uns
gegen Auschwitz zu wehren. Wir schauen hin und gleich wieder weg. Leben kann man
mit solchen Bildern nicht.“
Spricht
Walser so dem Wegschauen das Wort? Wohl kaum. Er spricht von der
Unerträglichkeit der Bilder. Allerdings spricht er in diesem Zusammenhang nicht
von den überlebenden Opfern und ihren Nachkommen – die mit den Bildern leben
mussten und müssen. Sie sind diejenigen, die gar nicht wegschauen können,
selbst wenn sie woll(t)en, da die Bilder in ihnen sind. Statt diesem
Unterschied einen Gedanken zu gönnen, insistiert Walser wieder und wieder:
„Kein Deutscher kann sich über den Lagerboden erheben und sagen, seine
Landsleute, die hier gewirkt haben, seien Psychopathen oder Spezialisten
gewesen, mit denen habe er nichts zu tun. ... Was gemeinschaftlich getan wurde,
können nicht einzelne tragen. Daher die Verwirrung, die Verdrängung. Und all
das bloß Offiziöse gegenüber Auschwitz. ... Ich glaube: man ist Verbrecher,
wenn die Gesellschaft, zu der man gehört, Verbrechen begeht.“ Man muss sich
also diesem Verbrechen stellen. Aber auf welche Weise, wenn man zur
Gesellschaft der Verbrecher gehört? Walser glaubt, jeder müsse die Schuld
selber annehmen, daher rühre auch der verständliche Wunsch, sie loszuwerden.
Sie sei aber nicht zu bewältigen, im Gegenteil: „Das Bewältigen gehört in jene
Arbeitsteilung, die Auschwitz ermöglichte. Ins Delegiersystem.“ Gegen das
Delegieren aber wehrt sich Walser gerade entschieden. Der Einzelne entkomme
seinem Gewissen nicht, bleibe unerlöst, lebenslang.(3)
In der Nichterlösung, in der Permanenz der unbefriedigten Sehnsucht nach ihr, in
dem Wissen um die Unmöglichkeit, sehe ich allerdings nicht nur ein zentrales
Motiv des Redners und Essayisten, sondern auch des Schriftstellers Martin
Walser. Man kann es auch ein „Zerknirschungssyndrom“ nennen. Die
Selbstzerknirschung seiner Romanfiguren, bis in die kleinste Verästelung
ausgeforscht und beschrieben, gehörte von Beginn an zu Walsers
schriftstellerischem Werk und machte schließlich den „Walser-Sound“ aus, den
auch Joachim Kaiser in einer positiven Bezugnahme auf das Manuskript von Tod
eines Kritikers wieder entdeckt.(4) Dass Marcel Reich-Ranicki dieses
Selbstzerknirschungssyndrom in der überbordenden Form (etwa von Halbzeit,
dem umfangreichsten Teil der frühen „Anselm-Kristlein-Trilogie“) nicht gefallen
hat, kann kaum verwundern. Marcel Reich-Ranicki hat Martin Walser ja immer dann
gelobt, wenn der sein ironisch gebrochenes Erzählen in eine vergleichsweise
zielgerichtete und plotzentrierte Erzählform gebunden hat. Ob in Das
Schwanenhaus oder in Ein springendes Pferd, ob der willensschwache
Lehrer oder der Makler: Die in sich verschraubten Selbstdialoge einer Seelenarbeit
(so der Titel des Romans, in dem Walser den Chauffeur eines Fabrikanten in die
Selbst- und Gegenüberreflexion tief ein- und vergleichsweise heiter wieder
aufsteigen ließ) fanden beim Kritiker durchaus Anklang. Und wer will es schon
bestreiten: Marcel Reich-Ranicki liebt jene Literatur mit stringenter Handlung,
allwissendem Erzähler und anmutigem oder prallem Liebesleben, weniger aber eine
„Grüblerliteratur“, in der die inneren Bewegungen einer Figur doch eher im
Zwanghaften liegen, in der Selbstbespiegelung. Walser war und ist aber geradezu
der Autor von Figuren des Selbstzweifels, der selbst empfundenen
Unzulänglichkeit, der Enttäuschungen, eben der Selbstzerknirschung. Ob nun in
der Liebe, in der Ehe, in Beruf und Karriere oder gar im deutsch-deutschen
Verhältnis: Seine Figuren ringen mit sich – und sie ringen mit den permanent
sie überragenden oder anspringenden Anforderungen der „Anderen“, ob es die
eigene Frau ist oder der Vorgesetzte. Denkfreudig, aber handlungsschwach sehen
sie sich den Erwartungen der Welt ausgesetzt. Um sie herum permanent die
Zudringlichkeiten der Umgebung und dazu starke Persönlichkeiten: jene mit den
Gegebenheiten scheinbar zufriedene oder andere beherrschende Chefs oder Vorgesetzte
oder gar die eigene Ehefrau, die dem Makler den Schneid abkauft. Wie kann man
da noch geliebt werden? Aber man oder Mann (später auch Frau) will doch geliebt
werden! Selbst der Referent im Ministerium, der sich gegen seine Abschiebung in
der Ministerialbürokratie auflehnt, der den Kampf nicht nur aufnimmt, sondern
in immer enigmatischeren Spiralen vorantreibt, bis er sich selbst, seine
Freunde und seine Familie zerrüttet hat, will ja eigentlich nur Anerkennung und
Liebe – stattdessen schraubt er sich, in Finks Krieg, in immer porösere
Seelenzustände hinein. Nur ein pathologischer Fall aus der Sphäre der
Politbürokratie? Der Begriff „Krieg“ also ein Synonym für Walsers tickende
menschliche Zeitbomben – und für des Autors Weltsicht?
Was
immer auch an Frust und Hass, an Enttäuschung und Widerwillen sich aufbaut oder
aufstaut in Walsers „Helden“, nach außen wird es selten wirksam.
„Zurückschlagen“ konnten diese Figuren nie. Ihnen wohnt eine Beißhemmung inne.
Selbst dann, wenn sie sich hineingewühlt haben in Rachefantasien, wenn sie auf
dem besten Wege scheinen, sie umsetzen zu können, überfällt sie doch der
Selbstzweifel, befällt sie ein Selbstekel. Wie viele fantasierte Anschläge, wie
viel emotionale Aufkündigung und wie viel innerlich entwickelte Fallenstellerei
in Walsers Figurenwelt – ein weites Feld für die Literaturwissenschaft. Ein
weites Feld aber auch für einen Autor der „Zivilisierung der Aggression“. Durch
Sprache. Auch durch die Sprache der Suada.
Und
nun also ein – durch den Namen Ehrl-König nur leicht kaschierter –
literarischer Mordanschlag auf den bekanntesten bundesdeutschen
Literaturkritiker, auf Marcel Reich-Ranicki? Ein gemeiner Rachefeldzug an einem
überlebenden Juden? Ein Roman voller antisemitischer Klischees, wie Frank
Schirrmacher in seinem öffentlichen Brief zur Ablehnung eines Vorabdrucks von Tod
eines Kritikers in der FAZ verkündete?(5)
Der
Roman beginnt mit der Stimme von Michael Landolf. „Schreibender“ über „Mystik,
Kabbala, Alchemie, Rosenkreuzertum“, beschäftigt mit seinem Buch Von Seuse
zu Nietzsche, erreicht ihn in Amsterdam die Nachricht, sein Freund Hans
Lach, ebenfalls „Schreibender“, sei nach dem Verriss seines Buches Mädchen
ohne Zehennägel durch André Ehrl-König in dessen Fernseh-Show
„Sprechstunde“ wegen Mordes verhaftet worden. Die Leiche wurde noch nicht
gefunden, Lach aber sitze im Gefängnis – und schweige. „Ich konnte, als ich das
las, gar nicht mehr richtig atmen. Aber ich wusste doch, dass Hans Lach es
nicht getan hatte. So etwas weiß man, wenn man einen Menschen einmal mit dem
Gefühl wahrgenommen hat.“ Da Landolf nicht glauben kann, was geschehen sein
soll, nimmt er die Recherche auf. Sie führt ihn durch die letzte Sendung von
„Sprechstunde“ und die Tumulte bei André Ehrl-Königs sich anschließendem
Empfang, sie führt ihn auch zur „schwangerschaftssüchtigen“ Ex-Geliebten von
Hans Lach und zur Dichterin und „saturnischen Gattin“ des schwerstkrank
daniederliegenden Verlagsleiters von PILGRIM, Ilse Pelz. Sie bringt ihn auch
mit Professor Silbenfuchs zusammen, der ihm Einblicke in die Rituale der
„Sprechstunde“ verschafft. Dann lernt Michael Landolf auch Rainer Heiner Henkel
kennen, den „Dirigenten der Gerüchte“, den „Hintermann“ von André Ehrl-König,
den Erfinder solch berüchtigter Ehrl-König-Sätze: „Wer berühmt ist, kann jeden
Dreck publizieren.“
Im
Zentrum steht André Ehrl-König nur scheinbar. Im Zentrum steht erneut ein
Selbstzerknirschungskünstler, eben Hans Lach, und steht ein Literaturbetrieb
voller Intrigen und marktgerechter Usancen, versehen mit einer Aussicht auf die
Zukunft. In einer science-fiction-haften Vision sehen wir eine Literatur-Show
im Jahre 2084, im Zeitalter einer „Ejakulations-und-Orgasmus-Kultur“, in der
etliche Schriftsteller in den Kellern an Computern Texte verfassen, die zur
Gaudi des Publikums in den oberen Etagen der „Gläsernen Manege“ hoch gelobt
oder abgeurteilt werden: „Wir wurden Zeugen außerordentlicher Grausamkeiten,
die andere erlitten, aber zu Recht erlitten. Es geschah ihnen Recht. Das
vermittelten uns die Großen Vier. Und das tat uns gut. Wir erlebten
Gerechtigkeit. Ob gerühmt oder verdammt, es geschah Gerechtigkeit. Und nichts
rührt uns tiefer als das: Gerechtigkeit.“
Am
Ende kehrt der „Ermordete“ vom Schloss seiner jungen Geliebten Cosy von
Syrgenstein wieder zu seiner Frau zurück (vom Fernsehen live übertragen),
während Michael Landolf, nach einer Liaison mit der „saturnischen Gattin“ auf
Fuerteventura, zum eigentlichen Erzähler Hans Lach mutiert. Ihn zieht es nun in
die Berge, an den Schreibtisch – um zu schreiben, was man gerade gelesen hat:
einen Roman, über dessen Qualität sich trefflich streiten lässt, weil er eine
literarische Geschmackssache ist: Kolportage eben.
In
Tod eines Kritikers findet man alles, was Walser in das innere Toben
seiner Gestalten schon so oft gepackt hat. Eine eher schwitzende denn heitere
Ironie und einen in sich rotierenden, verschraubten Kolportageton, hier vor
allem in den Tagebuchnotizen des Hans Lach, die unter dem Titel „Der Wunsch,
Verbrecher zu sein“, in überreicher Menge gereicht werden.(6) Einen Satz wie
„Eine Figur, deren Tod man für vollkommen gerechtfertigt hält, das wäre
Realismus“ nun zum Anlass für die Behauptung zu nehmen, hier ginge es um reale
Ermordungsfantasien, käme ebenso einer fragwürdigen Behandlung von Literatur
gleich wie überhaupt das Herausreißen von Einzelsätzen aus dem Zusammenhang.
Die genüsslich ausgewalzten Beschreibungen der Sprache und der Körpersprache
von André Ehrl-König sind gerade nicht exakt der von Marcel
Reich-Ranicki nachempfunden, sie begründen keine fantasierte Attacke auf einen
Kritiker, sie befinden sich auch nicht in einem Kontext antisemitischer
Klischees, sondern sie sind die Stilmittel eines Buches, das in einer
verschwiemelten Grundstimmung von der Hass-Liebe zwischen Autor und Kritiker
erzählt – in einem Betrieb, dem sich der Autor auch durch seinen Kritiker
ausgesetzt sieht und den er für ein paar Tage selbst betreibt.(7)
Wenn man sich nun fragt, ob Martin Walser, in diesem eher verschwiemelten
denn offenen Forum, eine Kritik des hiesigen Literaturbetriebes, seiner
Protagonisten und des heftigsten Kritikers seiner Romane schreiben durfte, dann
sollte man sich vielleicht, auch um ein wenig den Speed aus einer
überanstrengten Textexegese herauszunehmen, einen vergleichenden Blick nach
draußen gestatten. Beispielsweise in die USA. Was dort an offener Kritik und an
literarisch verpackten Schmähungen auf die Gesellschaft im Allgemeinen, auf
Schwarze und Juden, auf Feministinnen und Universitätsbetrieb, auf Politiker
und Präsidenten im Besonderen niedergeht, konnte man zuletzt in Philip Roths Der
menschliche Makel erleben.(8)
Ein
weitaus süffisanteres Beispiel aber findet sich mit John Updikes Beach in
Bedrängnis. Fast ein Roman (aus dem Jahre 1998/deutsch 2000 bei Rowohlt).
In der Fortschreibung der Lebensgeschichte seines fiktiven Autors Henry Beach
erlaubt sich Updike, einen jüdischen Autor zum Serienmörder an unliebsamen
Kritikern werden zu lassen, die ihn – aus seiner Sicht – mit ihren
Schmähkritiken und Attacken an einem umfangreicheren und qualitativeren Werk
gehindert haben. Im dritten Kapitel eines Romans, der mit einer Rückblende in
die Schlussphase der kommunistischen Tschechoslowakei beginnt und danach eine
Attacke auf private Kulturinstitutionen reitet, stößt der nunmehr 70-jährige
Autor „nur weniger und mittelmäßiger Romane“ zuallererst einen Missliebigen vor
eine S-Bahn, dann bringt er mit giftbesetzten Fan-Post-Briefen eine Kritikerin
zur Strecke, tötet des Weiteren einen siechen Schmäher von Beachs „schamloser,
papierener Prosa“ und schafft es mit Hilfe seiner 24-jährigen Geliebten, einen
weiteren Kritiker in den Selbstmord zu treiben. Die sardonische Genugtuung, mit
der Updike hier seinen Helden und seine Untaten beschreibt, wird durch nichts
gehemmt als durch das Verdikt seiner Freundin, er müsse ihr ein Kind machen,
sonst würde sie ihn für die Morde, bei denen sie ihm lustvoll geholfen hat,
anzeigen. Im letzten Kapitel wird nun Henry Beach, eine von Selbstzweifeln
erfüllte literarische Natur, für seine Mordtaten nicht nur mit einer süßen
kleinen Tochter belohnt, wider die erbitterten Proteste der literarischen
Qualitätsanwälte erhält er auch noch den Nobelpreis. Ein Mörder als
Nobelpreis-Träger – kann man sich denn einen infameren Plot vorstellen? Und
darf man das Buch auch noch, im Gegensatz zu Walsers neuem Roman, für gelungene
Literatur halten? Oder sollte man sich hier über Klischees vom mordenden und
ewig potenten Juden echauffieren?
In Schreiben oder Leben hatte Jorge Semprun erzählt, mehr noch: erneut
durchlebt, wie die Figuren seiner Romane über das Grauen von Buchenwald zu
Stellvertretern seiner selbst wurden. Erst durch die Wiederbegegnung mit
Buchenwald und durch einen erneuten Zufall beginnt er wirklich zu verstehen,
wie er Juan Larrea, den Theaterschriftsteller in seinem Roman Der weiße Berg,
stellvertretend für seinen Autor, freiwillig in den Tod gehen ließ, weil ihn in
einer Nacht missverständlicher Dialoge mit Freunden und Geliebten plötzlich all
das Schreckliche der Lage wieder einholt, das er glaubte, hinter sich gelassen
zu haben. Die Fantasie ist im Schreiben stärker als das vorbedachte Kalkül.
Selbstverständlich
liegt ein scharfer Trennungsstrich zwischen den Erfahrungen des Überlebenden,
der sie in geschriebene Fantasien, auch in literarische „Lügen“ verwandelt, und
den Erfahrungen des Schriftstellers, der im einsamen Akt der Literatur ein
Stück seiner selbst sucht und sich mittels seiner Figuren – wie bei Walser und
Updike – durch die Welt und ihren Betrieb („die Kritiker“) missverstanden,
verfolgt oder unterdrückt sieht. Natürlich lässt sich das „real“ nicht auf
einer Ebene behandeln. Aber vergleichen dürfen wir es schon: Es geht um
Obsessionen, die, wie auch immer sie hervorgerufen wurden, wie auch immer sie
beschaffen sein mögen, in eben dem einzelnen Autoren wirken. Sie schlagen sich,
ob als Anteilnahme oder Furor, nieder im literarischen Werk.
1 Eva
Horn gab den Hinweis darauf, dass es Martin Walser in seinen Einlassungen oft
an einem spezifischen Verständnis für die Gefühle der jüdischen Überlebenden
und ihrer Nachkommen mangelt. Vielleicht liegt dieser Mangel gerade darin
begründet, dass es in seiner Welt kaum je Juden gab (ein Hinweis darauf findet
sich auch in der Nichtbehandlung der Erfahrungen des jüdischen Jungen in dem
Roman Der springende Brunnen); vielleicht liegt ein anderer Grund aber
auch darin, dass es für Walser gar keinen Zweifel an der Normalität des
Jüdischen in der heutigen Bundesrepublik geben kann. Man kann aber wissen, dass
diese „Selbstverständlichkeit“ den – auch nachgeborenen – jüdischen Bürgern
Deutschlands gar nicht per se eigen sein kann; denn vor diese
„Selbstverständlichkeit“ (in Recht, Gesetz und offizieller Kultur) vermag sich
immer wieder die Erfahrung der Vergangenheit zu schieben – die eben keineswegs
vergehen will und kann.
2
„Auschwitz und kein Ende“. Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Überleben und
Widerstehen“. Zeichnungen von Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz
1940-46, 1979; in: Martin Walser: Über Deutschland reden, Frankfurt am
Main (edition suhrkamp 1533) 1989
3 Dieser
Gedankenhintergrund prägte schließlich auch die Paulskirchenrede. Auch hier ein
Schwanken zwischen aufgehäufter kollektiver Schuld und dem Schmerz des
Einzelnen. Die „Auschwitzkeule“, so Walser, führe bei beliebiger Verwendung im
gesellschaftlichen Diskurs aber gerade zu einer Entlastung von konkreter
Schuld.
4 Süddeutsche
Zeitung, 5.6.02.
5 Ich
beziehe mich im Folgenden auf die Fassung des Manuskriptes, die der Suhrkamp
Verlag Anfang Juni, nach dem „Offenen Brief“ von Frank Schirrmacher in der FAZ,
den Redaktionen auf Anfrage zur Verfügung stellte. – Ich beschäftige mich hier
nicht mit den Vermutungen über die Absichten von Schirrmacher, der FAZ
oder anderer Verdachtsmomente, die im Zusammenhang mit dem „Skandal“ im
Feuilleton geäußert wurden.
6
Methodisch und partiell auch in der Stimmung erinnert das alles an sein Buch Meßmers
Gedanken (1985). – In Tod eines Kritikers wird die Schwermut ein
Stück weit aus Hans Lach heraus verlagert in die Tonbandprotokolle der
schizophrenen Person „Mani-Mani“. Nachdem er in seiner Jugend die Weltliteratur
gelesen hat, war er unter der „Tonnenlast“ zusammengebrochen und leidet
seitdem, obwohl er weiß, dass er ein großer Schriftsteller ist, unter einer
Schreibhemmung. Seine Aggressionen (auch gegen die Frauen, als vergeblich gesuchte
Liebesobjekte) richtet er schließlich willensstark gegen sich selbst: Er begeht
Selbstmord, nicht ohne ein philosophisches Testament zu hinterlassen: „Für
meinen Nachruhm ist gesorgt. Sobald die Guten abdanken, sind wir dran. Schön
böse und schweinefriedlich. Die Gerechtigkeitskriege werden vorbei sein. Keiner
muss mehr, um gut zu sein, einen anderen böse nennen. Ich kann’s gar nicht
erwarten. Nun denken Sie mal schön nach, was das heißt: stellvertretender
Selbstmord.“
7 André
Ehrl-König ist, bis in die biografischen Daten hinein, eine amalgamisierte
Figur, die nicht einfach auf M. R.-R. zielt. Bei Walser ist sie eher
Alleinunterhalter und Talkmaster als etwa rein der Rolle von M. R.-R. im
„Literarischen Quartett“ nachempfunden. Aus der Wiedergabe eines Berichtes über
die Sendung „Sprechstunde“ den Satz, es „sei allgemein bekannt, dass André
Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des
Holocaust“, herauszupicken und somit einen antisemitischen Kontext
herzustellen, scheint mir sehr fragwürdig. Auch der von Frank Schirrmacher
behauptete Nazi-Satz, gesagt von Hans Lach gegen André Ehrl-König, „Ab heute
Nacht Null Uhr wird zurückgeschossen“, findet sich in meinem Manuskript nicht.
Stattdessen findet sich dort folgende Passage: „Ich (Michael Landolf) fragte
nach den Sätzen, die in der Frankfurter zitiert gewesen waren: Die Zeit
des Hinnehmens ist vorbei. Sehen Sie sich vor, Herr Ehrl-König. Ab heute Nacht
Null Uhr wird zurückgeschlagen. Diese Hitler-Variation hat Silbenfuchs nicht gehört.“
Hinzu kommt, dass Walser seine Figur André Ehrl-König in Richtung
„Entweder-Oder“-Mann“ stark übertreibt, auch deshalb, weil damit Hans Lach als
„Sowohl-als-auch-Mann“ umso stärker kontrastiert. Wenn Walser wirklich nur M.
R.-.R. kolportieren wollte, dann hätte er zumindest etwas Entscheidendes
übersehen: Der Trivialisierung von Literatur hat M. R.-R. noch nie das Wort
geredet. Sein Auftreten war und ist kanonisch, klassisch.
8 In
seiner Romantrilogie Amerikanisches Idyll, Mein Mann, der Kommunist
(beide Rowohlt Taschenbuch) und zuletzt Der menschliche Makel (Hanser
Verlag, siehe „LiteraturExtra“ in Kommune 5/02) hat Philip Roth in
bissigster Form die Niederungen gesellschaftspolitischer Entwicklungen der USA
durchquert.