Das Walser-Syndrom

 

Was darf Literatur? – Schweifende Bemerkungen zu einem „Skandal“

 

Michael Ackermann

 

„Robin sagte, als er fertig war: ,Henry, du kannst einfach nicht rumgehen und Menschen abmurksen, als existierten sie nur auf dem Papier.‘ ,Das kann ich nicht? Und wer sagt das ihnen? Denn genau das haben sie mit mir versucht, mich zu eliminieren, auf dem Papier.‘“
Henry Beach, in John Updikes „Beach in Bedrängnis“

 

„Es gibt keine Nähe zu anderen, die nicht zur Feindseligkeit führt.“
Martin Walser, „Meßmers Gedanken“

 

Es war das Jahr 1994, als Jorge Sempruns Schreiben oder Leben in der Bundesrepublik erschien. Erneut durchlebte der Autor, ehemals Kommunist und Mann des Widerstandes gegen das Franco-Regime, seine Erfahrungen im KZ Buchenwald, ging wieder einmal „durch den Tod hindurch“, sah sich mit dem Schnee konfrontiert, der immer aufs Neue in seinen Träumen gefallen war, sah den Rauch über dem Lager, in dem seine „Freunde aufgegangen waren“, tauchte ein in die Situation nach der Befreiung des Lagers und spürte sie wieder: die ungläubigen Blicke der Soldaten und die falsch gestellten Fragen, die ein Erzählen unmöglich machten. Warum aber setzte er sich nach Büchern wie Was für ein schöner Sonntag und die Die große Reise noch einmal in literarischer Form den grausigen Erinnerungen aus?

Der Anlass war die Wiederbegegnung mit dem Lager Buchenwald für einen dokumentarischen Fernsehfilm über sein Leben. Genauer aber war es der Umstand, dass ein Angestellter der Dokumentationsstelle mit den Worten „Das stimmt nicht“ dem Überlebenden widersprach, als er dem Reporter von seiner Registrierung als „Student“ erzählte. Und da stand es wirklich auf der Karte seiner „Aufnahme“, schwarz auf weiß: „Stuckateur“. In diesem Moment des Jahres 1992 wurde Jorge Semprun klar, dass er die 50 Jahre seines Überlebens vielleicht nur jenem alten Kommunisten verdankte, der dem jugendlichen intellektuellen Heißsporn die Berufsbezeichnung „Philosophiestudent“ nicht durchgehen ließ, sondern ihn stillschweigend mit dem falschen Eintrag, der ihn zu einem „nützlichen Mitglied“ des Arbeits- und Vernichtungslagers machte, überhaupt die Chance des Überlebens gab. Denn Intellektuelle wurden zuerst in die Vernichtungsarbeiten oder gleich in die Gaskammern geschickt. Es war also ein Zufall, der, wie so viele andere Zufälle, die die Überlebenden von den Toten schied, ihm ein „zweites Leben“ gab.

All das erinnert Jorge Semprun in seinem Buch also noch einmal, aber vor allem führt er sich und seinen Lesern noch einmal vor Augen, warum er nach der Befreiung aus dem KZ Buchenwald in vielen Jahren danach nicht in der Lage war, seine Erfahrungen aufzuschreiben, warum es ihn, als er es versuchte, an den Rand des Selbstmordes trieb, und warum er schließlich über viele Jahre hinweg den „durchlebten Tod“ zu verdrängen suchte – und lebte: jung, gierig, mit vollen Zügen.

 

Nicht erst derjenige, der Sempruns Bücher gelesen hat, weiß, dass vielen Überlebende das Überleben wie ein unverdientes Privileg erschien. Viele haben dieses Privileg kaum ertragen, manche haben sich umgebracht, wie Primo Levi, manche mussten ihre Erfahrungen verdrängen oder zumindest beschweigen – um zu leben, wie es eben ging. All das konnte, ja musste Martin Walser wissen, als er in der Auseinandersetzung um seine Paulskirchenrede des Jahres 1998 – zwei Jahre nach der Rede von Jorge Semprun also, die von den Erfahrungen der Opfer handelte – in einem Gespräch mit Ignatz Bubis auch über die Auseinandersetzung mit der Judenverfolgung und -vernichtung in den Sechziger- und Siebzigerjahren stritt. Doch plötzlich, zugegeben, in der Erregung des Gesprächs, trat er diesem so entgegen: „... ich war in diesem Feld beschäftigt, da waren Sie noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt. ... Sie haben sich diesen Problemen erst später zugewendet als ich.“ Wie konnte Walser in diesem Moment und Zusammenhang auf Immobilienspekulant anspielen, wie konnte er Bubis – der mit Bezug auf die Vernichtung seines Vaters in Treblinka ausführte: „Ich hätte nicht leben können. Ich hätte nicht weiterleben können, wenn ich mich früher damit beschäftigt hätte“, – mit den Worten entgegentreten: „Und ich musste, um weiterleben zu können, mich damit beschäftigen“?

Gewiss war es mangelnde Sensibilität für die Empfindungen des jüdischen Opfers, war es überhaupt die Abwesenheit eines Gefühls für die Prägungen eines jüdischen Bürgers in der Auseinandersetzung mit und um die Judenvernichtung in der Folgegesellschaft des Nationalsozialismus, die Martin Walser hier offenbarte.(1) Seine Art von Insistieren und von makabrer Betroffenheits-Gleichsetzung entsprang offensichtlich einem Beleidigtsein darüber, dass ihn Ignatz Bubis als „geistigen Brandstifter“ (für rechte und antisemitische Gewalt) bezeichnet hatte, dass ihm in vielen Reaktionen auf die Paulskirchenrede eine „Schlussstrichmentalität“ und eine Art von Vergessenmachen-Wollen von Auschwitz bescheinigt worden war. Dagegen aber wehrte sich Martin Walser vehement, denn in seinem Selbst-Bewusstsein verstand und versteht er sich als jemand, der die Bewältigung von Auschwitz für eine Unmöglichkeit hält.

In seiner Rede „Auschwitz und kein Ende“(2) aus dem Jahre 1979 sind die Leitmotive angesprochen, die Walsers Denken über die Judenvernichtung bestimmen. „Reine Schuld zu ertragen ist für den Einzelnen unmöglich. Und für ein Volk, für eine Gesellschaft? Wir auf jeden Fall helfen uns eben dadurch, dass wir die Schuld, das konkrete Furchtbare, auf eine Handvoll Schergen schieben.“ Das aber sei falsch, geradezu unmöglich. „In Auschwitz arbeitete unsere ganze Gesellschaft mit. Aber das ist eine Vorstellung, die wir nicht so gut ertragen. Ein Franzose oder ein Amerikaner kann die Bilder aus Auschwitz anders zur Kenntnis nehmen als wir. Er muss nicht denken: Wir Menschen! Er kann denken: Diese Deutschen! Können wir denken: Diese Nazis!? Ich kann es nicht. ... Wir sind die Fortsetzung. Auch der Bedingungen, die zu Auschwitz führten.“ Angesichts von Auschwitz gebe es kein „richtiges Verhalten“. „Wir alle sind in Versuchung, uns gegen Auschwitz zu wehren. Wir schauen hin und gleich wieder weg. Leben kann man mit solchen Bildern nicht.“

Spricht Walser so dem Wegschauen das Wort? Wohl kaum. Er spricht von der Unerträglichkeit der Bilder. Allerdings spricht er in diesem Zusammenhang nicht von den überlebenden Opfern und ihren Nachkommen – die mit den Bildern leben mussten und müssen. Sie sind diejenigen, die gar nicht wegschauen können, selbst wenn sie woll(t)en, da die Bilder in ihnen sind. Statt diesem Unterschied einen Gedanken zu gönnen, insistiert Walser wieder und wieder: „Kein Deutscher kann sich über den Lagerboden erheben und sagen, seine Landsleute, die hier gewirkt haben, seien Psychopathen oder Spezialisten gewesen, mit denen habe er nichts zu tun. ... Was gemeinschaftlich getan wurde, können nicht einzelne tragen. Daher die Verwirrung, die Verdrängung. Und all das bloß Offiziöse gegenüber Auschwitz. ... Ich glaube: man ist Verbrecher, wenn die Gesellschaft, zu der man gehört, Verbrechen begeht.“ Man muss sich also diesem Verbrechen stellen. Aber auf welche Weise, wenn man zur Gesellschaft der Verbrecher gehört? Walser glaubt, jeder müsse die Schuld selber annehmen, daher rühre auch der verständliche Wunsch, sie loszuwerden. Sie sei aber nicht zu bewältigen, im Gegenteil: „Das Bewältigen gehört in jene Arbeitsteilung, die Auschwitz ermöglichte. Ins Delegiersystem.“ Gegen das Delegieren aber wehrt sich Walser gerade entschieden. Der Einzelne entkomme seinem Gewissen nicht, bleibe unerlöst, lebenslang.(3)

 

In der Nichterlösung, in der Permanenz der unbefriedigten Sehnsucht nach ihr, in dem Wissen um die Unmöglichkeit, sehe ich allerdings nicht nur ein zentrales Motiv des Redners und Essayisten, sondern auch des Schriftstellers Martin Walser. Man kann es auch ein „Zerknirschungssyndrom“ nennen. Die Selbstzerknirschung seiner Romanfiguren, bis in die kleinste Verästelung ausgeforscht und beschrieben, gehörte von Beginn an zu Walsers schriftstellerischem Werk und machte schließlich den „Walser-Sound“ aus, den auch Joachim Kaiser in einer positiven Bezugnahme auf das Manuskript von Tod eines Kritikers wieder entdeckt.(4) Dass Marcel Reich-Ranicki dieses Selbstzerknirschungssyndrom in der überbordenden Form (etwa von Halbzeit, dem umfangreichsten Teil der frühen „Anselm-Kristlein-Trilogie“) nicht gefallen hat, kann kaum verwundern. Marcel Reich-Ranicki hat Martin Walser ja immer dann gelobt, wenn der sein ironisch gebrochenes Erzählen in eine vergleichsweise zielgerichtete und plotzentrierte Erzählform gebunden hat. Ob in Das Schwanenhaus oder in Ein springendes Pferd, ob der willensschwache Lehrer oder der Makler: Die in sich verschraubten Selbstdialoge einer Seelenarbeit (so der Titel des Romans, in dem Walser den Chauffeur eines Fabrikanten in die Selbst- und Gegenüberreflexion tief ein- und vergleichsweise heiter wieder aufsteigen ließ) fanden beim Kritiker durchaus Anklang. Und wer will es schon bestreiten: Marcel Reich-Ranicki liebt jene Literatur mit stringenter Handlung, allwissendem Erzähler und anmutigem oder prallem Liebesleben, weniger aber eine „Grüblerliteratur“, in der die inneren Bewegungen einer Figur doch eher im Zwanghaften liegen, in der Selbstbespiegelung. Walser war und ist aber geradezu der Autor von Figuren des Selbstzweifels, der selbst empfundenen Unzulänglichkeit, der Enttäuschungen, eben der Selbstzerknirschung. Ob nun in der Liebe, in der Ehe, in Beruf und Karriere oder gar im deutsch-deutschen Verhältnis: Seine Figuren ringen mit sich – und sie ringen mit den permanent sie überragenden oder anspringenden Anforderungen der „Anderen“, ob es die eigene Frau ist oder der Vorgesetzte. Denkfreudig, aber handlungsschwach sehen sie sich den Erwartungen der Welt ausgesetzt. Um sie herum permanent die Zudringlichkeiten der Umgebung und dazu starke Persönlichkeiten: jene mit den Gegebenheiten scheinbar zufriedene oder andere beherrschende Chefs oder Vorgesetzte oder gar die eigene Ehefrau, die dem Makler den Schneid abkauft. Wie kann man da noch geliebt werden? Aber man oder Mann (später auch Frau) will doch geliebt werden! Selbst der Referent im Ministerium, der sich gegen seine Abschiebung in der Ministerialbürokratie auflehnt, der den Kampf nicht nur aufnimmt, sondern in immer enigmatischeren Spiralen vorantreibt, bis er sich selbst, seine Freunde und seine Familie zerrüttet hat, will ja eigentlich nur Anerkennung und Liebe – stattdessen schraubt er sich, in Finks Krieg, in immer porösere Seelenzustände hinein. Nur ein pathologischer Fall aus der Sphäre der Politbürokratie? Der Begriff „Krieg“ also ein Synonym für Walsers tickende menschliche Zeitbomben – und für des Autors Weltsicht?

Was immer auch an Frust und Hass, an Enttäuschung und Widerwillen sich aufbaut oder aufstaut in Walsers „Helden“, nach außen wird es selten wirksam. „Zurückschlagen“ konnten diese Figuren nie. Ihnen wohnt eine Beißhemmung inne. Selbst dann, wenn sie sich hineingewühlt haben in Rachefantasien, wenn sie auf dem besten Wege scheinen, sie umsetzen zu können, überfällt sie doch der Selbstzweifel, befällt sie ein Selbstekel. Wie viele fantasierte Anschläge, wie viel emotionale Aufkündigung und wie viel innerlich entwickelte Fallenstellerei in Walsers Figurenwelt – ein weites Feld für die Literaturwissenschaft. Ein weites Feld aber auch für einen Autor der „Zivilisierung der Aggression“. Durch Sprache. Auch durch die Sprache der Suada.

 

Und nun also ein – durch den Namen Ehrl-König nur leicht kaschierter – literarischer Mordanschlag auf den bekanntesten bundesdeutschen Literaturkritiker, auf Marcel Reich-Ranicki? Ein gemeiner Rachefeldzug an einem überlebenden Juden? Ein Roman voller antisemitischer Klischees, wie Frank Schirrmacher in seinem öffentlichen Brief zur Ablehnung eines Vorabdrucks von Tod eines Kritikers in der FAZ verkündete?(5)

Der Roman beginnt mit der Stimme von Michael Landolf. „Schreibender“ über „Mystik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuzertum“, beschäftigt mit seinem Buch Von Seuse zu Nietzsche, erreicht ihn in Amsterdam die Nachricht, sein Freund Hans Lach, ebenfalls „Schreibender“, sei nach dem Verriss seines Buches Mädchen ohne Zehennägel durch André Ehrl-König in dessen Fernseh-Show „Sprechstunde“ wegen Mordes verhaftet worden. Die Leiche wurde noch nicht gefunden, Lach aber sitze im Gefängnis – und schweige. „Ich konnte, als ich das las, gar nicht mehr richtig atmen. Aber ich wusste doch, dass Hans Lach es nicht getan hatte. So etwas weiß man, wenn man einen Menschen einmal mit dem Gefühl wahrgenommen hat.“ Da Landolf nicht glauben kann, was geschehen sein soll, nimmt er die Recherche auf. Sie führt ihn durch die letzte Sendung von „Sprechstunde“ und die Tumulte bei André Ehrl-Königs sich anschließendem Empfang, sie führt ihn auch zur „schwangerschaftssüchtigen“ Ex-Geliebten von Hans Lach und zur Dichterin und „saturnischen Gattin“ des schwerstkrank daniederliegenden Verlagsleiters von PILGRIM, Ilse Pelz. Sie bringt ihn auch mit Professor Silbenfuchs zusammen, der ihm Einblicke in die Rituale der „Sprechstunde“ verschafft. Dann lernt Michael Landolf auch Rainer Heiner Henkel kennen, den „Dirigenten der Gerüchte“, den „Hintermann“ von André Ehrl-König, den Erfinder solch berüchtigter Ehrl-König-Sätze: „Wer berühmt ist, kann jeden Dreck publizieren.“

Im Zentrum steht André Ehrl-König nur scheinbar. Im Zentrum steht erneut ein Selbstzerknirschungskünstler, eben Hans Lach, und steht ein Literaturbetrieb voller Intrigen und marktgerechter Usancen, versehen mit einer Aussicht auf die Zukunft. In einer science-fiction-haften Vision sehen wir eine Literatur-Show im Jahre 2084, im Zeitalter einer „Ejakulations-und-Orgasmus-Kultur“, in der etliche Schriftsteller in den Kellern an Computern Texte verfassen, die zur Gaudi des Publikums in den oberen Etagen der „Gläsernen Manege“ hoch gelobt oder abgeurteilt werden: „Wir wurden Zeugen außerordentlicher Grausamkeiten, die andere erlitten, aber zu Recht erlitten. Es geschah ihnen Recht. Das vermittelten uns die Großen Vier. Und das tat uns gut. Wir erlebten Gerechtigkeit. Ob gerühmt oder verdammt, es geschah Gerechtigkeit. Und nichts rührt uns tiefer als das: Gerechtigkeit.“

Am Ende kehrt der „Ermordete“ vom Schloss seiner jungen Geliebten Cosy von Syrgenstein wieder zu seiner Frau zurück (vom Fernsehen live übertragen), während Michael Landolf, nach einer Liaison mit der „saturnischen Gattin“ auf Fuerteventura, zum eigentlichen Erzähler Hans Lach mutiert. Ihn zieht es nun in die Berge, an den Schreibtisch – um zu schreiben, was man gerade gelesen hat: einen Roman, über dessen Qualität sich trefflich streiten lässt, weil er eine literarische Geschmackssache ist: Kolportage eben.

In Tod eines Kritikers findet man alles, was Walser in das innere Toben seiner Gestalten schon so oft gepackt hat. Eine eher schwitzende denn heitere Ironie und einen in sich rotierenden, verschraubten Kolportageton, hier vor allem in den Tagebuchnotizen des Hans Lach, die unter dem Titel „Der Wunsch, Verbrecher zu sein“, in überreicher Menge gereicht werden.(6) Einen Satz wie „Eine Figur, deren Tod man für vollkommen gerechtfertigt hält, das wäre Realismus“ nun zum Anlass für die Behauptung zu nehmen, hier ginge es um reale Ermordungsfantasien, käme ebenso einer fragwürdigen Behandlung von Literatur gleich wie überhaupt das Herausreißen von Einzelsätzen aus dem Zusammenhang. Die genüsslich ausgewalzten Beschreibungen der Sprache und der Körpersprache von André Ehrl-König sind gerade nicht exakt der von Marcel Reich-Ranicki nachempfunden, sie begründen keine fantasierte Attacke auf einen Kritiker, sie befinden sich auch nicht in einem Kontext antisemitischer Klischees, sondern sie sind die Stilmittel eines Buches, das in einer verschwiemelten Grundstimmung von der Hass-Liebe zwischen Autor und Kritiker erzählt – in einem Betrieb, dem sich der Autor auch durch seinen Kritiker ausgesetzt sieht und den er für ein paar Tage selbst betreibt.(7)

 

Wenn man sich nun fragt, ob Martin Walser, in diesem eher verschwiemelten denn offenen Forum, eine Kritik des hiesigen Literaturbetriebes, seiner Protagonisten und des heftigsten Kritikers seiner Romane schreiben durfte, dann sollte man sich vielleicht, auch um ein wenig den Speed aus einer überanstrengten Textexegese herauszunehmen, einen vergleichenden Blick nach draußen gestatten. Beispielsweise in die USA. Was dort an offener Kritik und an literarisch verpackten Schmähungen auf die Gesellschaft im Allgemeinen, auf Schwarze und Juden, auf Feministinnen und Universitätsbetrieb, auf Politiker und Präsidenten im Besonderen niedergeht, konnte man zuletzt in Philip Roths Der menschliche Makel erleben.(8)

Ein weitaus süffisanteres Beispiel aber findet sich mit John Updikes Beach in Bedrängnis. Fast ein Roman (aus dem Jahre 1998/deutsch 2000 bei Rowohlt). In der Fortschreibung der Lebensgeschichte seines fiktiven Autors Henry Beach erlaubt sich Updike, einen jüdischen Autor zum Serienmörder an unliebsamen Kritikern werden zu lassen, die ihn – aus seiner Sicht – mit ihren Schmähkritiken und Attacken an einem umfangreicheren und qualitativeren Werk gehindert haben. Im dritten Kapitel eines Romans, der mit einer Rückblende in die Schlussphase der kommunistischen Tschechoslowakei beginnt und danach eine Attacke auf private Kulturinstitutionen reitet, stößt der nunmehr 70-jährige Autor „nur weniger und mittelmäßiger Romane“ zuallererst einen Missliebigen vor eine S-Bahn, dann bringt er mit giftbesetzten Fan-Post-Briefen eine Kritikerin zur Strecke, tötet des Weiteren einen siechen Schmäher von Beachs „schamloser, papierener Prosa“ und schafft es mit Hilfe seiner 24-jährigen Geliebten, einen weiteren Kritiker in den Selbstmord zu treiben. Die sardonische Genugtuung, mit der Updike hier seinen Helden und seine Untaten beschreibt, wird durch nichts gehemmt als durch das Verdikt seiner Freundin, er müsse ihr ein Kind machen, sonst würde sie ihn für die Morde, bei denen sie ihm lustvoll geholfen hat, anzeigen. Im letzten Kapitel wird nun Henry Beach, eine von Selbstzweifeln erfüllte literarische Natur, für seine Mordtaten nicht nur mit einer süßen kleinen Tochter belohnt, wider die erbitterten Proteste der literarischen Qualitätsanwälte erhält er auch noch den Nobelpreis. Ein Mörder als Nobelpreis-Träger – kann man sich denn einen infameren Plot vorstellen? Und darf man das Buch auch noch, im Gegensatz zu Walsers neuem Roman, für gelungene Literatur halten? Oder sollte man sich hier über Klischees vom mordenden und ewig potenten Juden echauffieren?

 

In Schreiben oder Leben hatte Jorge Semprun erzählt, mehr noch: erneut durchlebt, wie die Figuren seiner Romane über das Grauen von Buchenwald zu Stellvertretern seiner selbst wurden. Erst durch die Wiederbegegnung mit Buchenwald und durch einen erneuten Zufall beginnt er wirklich zu verstehen, wie er Juan Larrea, den Theaterschriftsteller in seinem Roman Der weiße Berg, stellvertretend für seinen Autor, freiwillig in den Tod gehen ließ, weil ihn in einer Nacht missverständlicher Dialoge mit Freunden und Geliebten plötzlich all das Schreckliche der Lage wieder einholt, das er glaubte, hinter sich gelassen zu haben. Die Fantasie ist im Schreiben stärker als das vorbedachte Kalkül.

Selbstverständlich liegt ein scharfer Trennungsstrich zwischen den Erfahrungen des Überlebenden, der sie in geschriebene Fantasien, auch in literarische „Lügen“ verwandelt, und den Erfahrungen des Schriftstellers, der im einsamen Akt der Literatur ein Stück seiner selbst sucht und sich mittels seiner Figuren – wie bei Walser und Updike – durch die Welt und ihren Betrieb („die Kritiker“) missverstanden, verfolgt oder unterdrückt sieht. Natürlich lässt sich das „real“ nicht auf einer Ebene behandeln. Aber vergleichen dürfen wir es schon: Es geht um Obsessionen, die, wie auch immer sie hervorgerufen wurden, wie auch immer sie beschaffen sein mögen, in eben dem einzelnen Autoren wirken. Sie schlagen sich, ob als Anteilnahme oder Furor, nieder im literarischen Werk.

 

1 Eva Horn gab den Hinweis darauf, dass es Martin Walser in seinen Einlassungen oft an einem spezifischen Verständnis für die Gefühle der jüdischen Überlebenden und ihrer Nachkommen mangelt. Vielleicht liegt dieser Mangel gerade darin begründet, dass es in seiner Welt kaum je Juden gab (ein Hinweis darauf findet sich auch in der Nichtbehandlung der Erfahrungen des jüdischen Jungen in dem Roman Der springende Brunnen); vielleicht liegt ein anderer Grund aber auch darin, dass es für Walser gar keinen Zweifel an der Normalität des Jüdischen in der heutigen Bundesrepublik geben kann. Man kann aber wissen, dass diese „Selbstverständlichkeit“ den – auch nachgeborenen – jüdischen Bürgern Deutschlands gar nicht per se eigen sein kann; denn vor diese „Selbstverständlichkeit“ (in Recht, Gesetz und offizieller Kultur) vermag sich immer wieder die Erfahrung der Vergangenheit zu schieben – die eben keineswegs vergehen will und kann.

2 „Auschwitz und kein Ende“. Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Überleben und Widerstehen“. Zeichnungen von Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz 1940-46, 1979; in: Martin Walser: Über Deutschland reden, Frankfurt am Main (edition suhrkamp 1533) 1989

3 Dieser Gedankenhintergrund prägte schließlich auch die Paulskirchenrede. Auch hier ein Schwanken zwischen aufgehäufter kollektiver Schuld und dem Schmerz des Einzelnen. Die „Auschwitzkeule“, so Walser, führe bei beliebiger Verwendung im gesellschaftlichen Diskurs aber gerade zu einer Entlastung von konkreter Schuld.

4 Süddeutsche Zeitung, 5.6.02.

5 Ich beziehe mich im Folgenden auf die Fassung des Manuskriptes, die der Suhrkamp Verlag Anfang Juni, nach dem „Offenen Brief“ von Frank Schirrmacher in der FAZ, den Redaktionen auf Anfrage zur Verfügung stellte. – Ich beschäftige mich hier nicht mit den Vermutungen über die Absichten von Schirrmacher, der FAZ oder anderer Verdachtsmomente, die im Zusammenhang mit dem „Skandal“ im Feuilleton geäußert wurden.

6 Methodisch und partiell auch in der Stimmung erinnert das alles an sein Buch Meßmers Gedanken (1985). – In Tod eines Kritikers wird die Schwermut ein Stück weit aus Hans Lach heraus verlagert in die Tonbandprotokolle der schizophrenen Person „Mani-Mani“. Nachdem er in seiner Jugend die Weltliteratur gelesen hat, war er unter der „Tonnenlast“ zusammengebrochen und leidet seitdem, obwohl er weiß, dass er ein großer Schriftsteller ist, unter einer Schreibhemmung. Seine Aggressionen (auch gegen die Frauen, als vergeblich gesuchte Liebesobjekte) richtet er schließlich willensstark gegen sich selbst: Er begeht Selbstmord, nicht ohne ein philosophisches Testament zu hinterlassen: „Für meinen Nachruhm ist gesorgt. Sobald die Guten abdanken, sind wir dran. Schön böse und schweinefriedlich. Die Gerechtigkeitskriege werden vorbei sein. Keiner muss mehr, um gut zu sein, einen anderen böse nennen. Ich kann’s gar nicht erwarten. Nun denken Sie mal schön nach, was das heißt: stellvertretender Selbstmord.“

7 André Ehrl-König ist, bis in die biografischen Daten hinein, eine amalgamisierte Figur, die nicht einfach auf M. R.-R. zielt. Bei Walser ist sie eher Alleinunterhalter und Talkmaster als etwa rein der Rolle von M. R.-R. im „Literarischen Quartett“ nachempfunden. Aus der Wiedergabe eines Berichtes über die Sendung „Sprechstunde“ den Satz, es „sei allgemein bekannt, dass André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust“, herauszupicken und somit einen antisemitischen Kontext herzustellen, scheint mir sehr fragwürdig. Auch der von Frank Schirrmacher behauptete Nazi-Satz, gesagt von Hans Lach gegen André Ehrl-König, „Ab heute Nacht Null Uhr wird zurückgeschossen“, findet sich in meinem Manuskript nicht. Stattdessen findet sich dort folgende Passage: „Ich (Michael Landolf) fragte nach den Sätzen, die in der Frankfurter zitiert gewesen waren: Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Sehen Sie sich vor, Herr Ehrl-König. Ab heute Nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen. Diese Hitler-Variation hat Silbenfuchs nicht gehört.“
Hinzu kommt, dass Walser seine Figur André Ehrl-König in Richtung „Entweder-Oder“-Mann“ stark übertreibt, auch deshalb, weil damit Hans Lach als „Sowohl-als-auch-Mann“ umso stärker kontrastiert. Wenn Walser wirklich nur M. R.-.R. kolportieren wollte, dann hätte er zumindest etwas Entscheidendes übersehen: Der Trivialisierung von Literatur hat M. R.-R. noch nie das Wort geredet. Sein Auftreten war und ist kanonisch, klassisch.

8 In seiner Romantrilogie Amerikanisches Idyll, Mein Mann, der Kommunist (beide Rowohlt Taschenbuch) und zuletzt Der menschliche Makel (Hanser Verlag, siehe „LiteraturExtra“ in Kommune 5/02) hat Philip Roth in bissigster Form die Niederungen gesellschaftspolitischer Entwicklungen der USA durchquert.