Armin Pfahl-Traughber / Kurt Seifert
In der Kommune 2/01 eröffnete Gerd Koenen mit seinem Artikel "Ach, Achtundsechzig. Fischer, das ,Rote Jahrzehnt und wir" die Debatte um 68 ff. Seine Thesen war Ausfluss und Vorgriff auf das in Arbeit befindliche Buch über "unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977". Unsere beiden Autoren setzen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln kritisch mit ihm auseinander.
Armin Pfahl-Traughber:
Fragmentarischer Essayismus
Etwas Licht in den innern Kern der in der Folge des politischen Jahres 1968 entstandenen Bewegungen und Organisationen werfen will der Historiker und Publizist Gerd Koenen in seinem Buch Das rote Jahrzehnt. Er terminiert dieses auf die Jahre zwischen 1967 und 1977, also auf den Zeitraum zwischen den tödlichen Schüssen auf den demonstrierenden Studenten Benno Ohnesorg und den Selbstmord dreier RAF-Terroristen in Stammheim. In 14 Kapiteln widmet sich Koenen den unterschiedlichsten Aktivisten und Strömungen jener Jahre. Nach einem Porträt Rudi Dutschkes geht er auf die internationale Jugendrebellion ein, thematisiert die Suche nach dem revolutionären Subjekt, entlarvt die Mythen einer "sexuellen Revolution" und beschreibt das Aufkommen der Frauenbewegung. Danach taucht der Autor in die Welt der K-Gruppen ein, stellt die aufkommende Sponti-Szene dar und skizziert den Weg in den Terrorismus.
Dies alles geschieht nicht aus der Warte eines unbeteiligten Chronisten, gehörte Koenen doch injenen Jahren zu den führenden Aktivisten der beschriebenen Bewegungen und Organisationen. Dieser Hintergrund hat Vor- und Nachteile für das Buch: Zum einen schreibt ein Insider, der zahlreiche überaus interessante Details und Sachverhalte präsentiert. Zum anderen verleitet die persönliche Betroffenheit häufig Autoren entweder zu Abrechnung oder Schönfärberei der Vergangenheit. Koenen selbst war das Problem durchaus bewusst, beginnt er doch das Buch mit der Frage, ob sich ein Historiker einem Zeitabschnitt, worin er selbst Akteur gewesen ist, in einer solchen Form nähern könne und solle. Er umgeht dieses Dilemma für sein Buch mit dem Hinweis, es handele sich um keine wissenschaftliche Darstellung.
Stattdessen präsentiert Koenen in den jeweiligen Kapiteln eine Mischung von persönlichen Berichten und Erinnerungen, verbunden mit politischen Reflexionen und Bewertungen. Dabei geht es trotz der chronologischen Struktur der Darstellung mit den gewählten Perspektiven immer etwas durcheinander: Ideologiekritische Analysen wechseln sich mit sozialpsychologischen Deutungen, subjektive Eindrücke mit soziologischen Betrachtungen ab. In den einzelnen Kapiteln springt Koenen allerdings nicht nur methodisch, sondern auch inhaltlich hin und her. All dies lässt seine Äußerungen nicht als systematisch entwickelt, sondern als fragmentarisch essayistisch erscheinen. Gleichwohl verdienen viele Bewertungen und Deutungen kritisches Interesse.
Als Beispiel sei folgende Einschätzung zu den Vorbehalten gewichtiger Teile der Achtundsechziger-Bewegung gegen traditionelle Organisationsprinzipien zitiert: "Nicht um demokratische Skepsis handelte es sich ..., wenn das traditionelle Konzept einer kommunistischen Partei abgelehnt wurde sondern weil es zu legalistisch, zu bürokratisch, zu wenig aktivistisch war" (S. 50). Und gegenüber den Versuchen, die "kritische Theorie" der "Frankfurter Schule" als "intellektuelle Gründung" der Bundesrepublik zu deuten, bemerkt Koenen bezogen auf Horkheimer und Adorno: "Auf solche Texte ließ sich überhaupt keine Republik dieser Welt begründen. Was mit dem vermeintlich praktischen Postulat begann, alle Erziehung und Aufklärung darauf auszurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, landete binnen weniger Sätze schon bei der Beschreibung eines universellen Weltverhängnisses, eines drohenden Welt-Auschwitz, das dem Trend der gesamten Zivilisation entsprach" (S. 115).
Über viele solcher Kommentare lässt sich erkenntnisfördernd diskutieren, doch gehen sie in der Fülle von Beschreibungen unter. Bedauerlich ist aber nicht nur die Art der Darstellung, sondern auch das Fehlen wichtiger Gesichtspunkte. Über weite Strecken scheinen die beschriebenen Aktivisten in einem gesellschaftsleeren Raum zu wirken. Nur hier und da wie etwa bei den Ausführungen zu einer gewissen Kontinuität der Eliten nach 1945 thematisiert Koenen die Angemessenheit von Kritik und Protest. Die Forderung, darauf verstärkter einzugehen, muss nicht in apologetischem Interesse erfolgen. Vielmehr erklärt der gesamtgesellschaftliche Kontext und das Wechselverhältnis der Akteure zu ihrer Umwelt auch manche Entwicklung. Gerade dieser Gesichtspunkt könnte zum wirklichen politischen Lernen aus der Geschichte beitragen.
Kurt Seifert:
Nicht mehr anfällig für die alten Ideale
Gerd Koenen ist ein Meister in der Kunst, mit bedeutungsvoller Geste vom einst Geglaubten Abschied zu nehmen. Das bewies er schon vor bald 15 Jahren durch die Veröffentlichung seines Buches Die großen Gesänge, in dem er mit dem Personenkult linker Intellektueller abrechnete.(1) Da blieb keiner aus dem Kreis der illustren Namen verschont: weder George Bernard Shaw noch Johannes R. Becher, Ernst Bloch oder Picasso. Sie alle hatten die "roten" Machthaber in Moskau und anderswo auf ihre Weise gepriesen und damit so Koenen totalitärem Denken Vorschub geleistet. Der "sarkastische Tenor" seines Textes rühre gerade "aus der Erfahrung der eigenen Anfälligkeit her, mit der es noch nicht einmal ganz vorbei ist", schrieb der Autor damals.(2)
Inzwischen hat sich Gerd Koenen geläutert: Von Anfälligkeit für die Ideen, Ideale von einst kann keine Rede mehr sein. Sein anderer großer Abgesang jener auf die ironisch so bezeichnete kleine deutsche Kulturrevolution macht nicht nur die zeitliche Distanz zu 68 ff. deutlich: Damals ist etwas geschehen, was sich auf einem fremden Stern vollzogen haben muss. Wer will denn noch verstehen, warum sich nach 1969/70 Tausende von überwiegend jungen Leuten im Namen des Kommunismus um die "richtige Linie" einer Revolution in Deutschland stritten und ihr Leben in den "Dienst des Volkes" zu stellen gedachten?!
Gerd Koenens Erzählungen lassen diese Jahre exotischer erscheinen, als sie es zumindest in meiner Sicht(3) waren. Der geschichtliche Kontext, in dem sich nicht nur die deutschen "Kulturrevolutionäre" bewegten, bleibt dabei weitgehend ausgeblendet. Es überwiegt die Innenschau und die ist vor allem durch den Konflikt mit der Elterngeneration geprägt: Von ihr, den Tätern und Mitläufern des Nazi-Regimes, musste man sich (so eine weit verbreitete Sicht jener Jahre) mit aller Macht absetzen, um nicht von ihrem Denken, Tun und Fühlen "kontaminiert" zu werden. Klaus Theweleit hat das in seinen umfangreichen Büchern exemplarisch vorgeführt. Koenen diagnostiziert deshalb ein so genanntes Theweleit-Syndrom, das "eine fast getreue Reproduktion der hypochondrischen Weltgefühle von damals" darstelle (S. 170). Die AchtundsechzigerInnen als "eingebildete Kranke", die keinerlei Grund für ihre Beschwerden hatten? Das erinnert mich an einen 1968 und auch noch später oft zu hörenden Satz: "Was wollt ihr denn, euch gehts doch gut?" Vielleicht gerade deshalb entwickelte sich zu jener Zeit eine im Nachkriegsdeutschland ganz unbekannte Sensibilität für Widersprüche, die gemäß herrschender Meinung nicht zur Sprache kommen sollten.
Das rote Jahrzehnt stellt die Generationenfrage ins Zentrum der Analyse. Diese Sicht ist nicht neu sie entspricht der Selbstwahrnehmung der einstigen Achtundsechziger-Bewegung. Die Jugend mache jetzt ihre eigene Geschichte, lautete damals die Parole. Der detailreich beschriebene Generationenkampf hat mit dem langsamen Aussterben der Elterngeneration allerdings etwas Anachronistisches erhalten. Das ist dem Autor vermutlich auch bewusst. Neigt er deshalb dazu, die damaligen gesellschaftlichen Konfliktlinien weich zu zeichnen?
Zum Beispiel: Das in den Siebzigerjahren insbesondere von sozialdemokratischen (auch "linken") Magistraten verfolgte Konzept der Totalsanierung städtischer Wohnquartiere und das oft äußerst brutale Vorgehen gegen HausbesetzerInnen soll gemäß Koenen bloß das "Symptom einer verfehlten Politik der Modernisierung" gewesen sein, die sich "angesichts des überbordenden Widerstands" in eine "maniakische Wut" hineinsteigerte (S. 349 f.). Der einstige Konflikt erscheint so als Übertreibung und droht im Rückblick seinen Realitätsgehalt zu verlieren. Der Autor fragt nicht noch einmal nach, welche Politik mit dieser "Modernisierung" exekutiert wurde und warum gerade dort die Auslieferung der Städte an die Auto-Mobilität ihren Ausgang nahm.
Kritik am Kapitalismus beziehungsweise Industrialismus findet bei Gerd Koenen nicht mehr statt. Der einstige Marxist identifiziert ihn heute offenbar mit "Fortschritt", demgegenüber die antikapitalistische Kritik unserer Tage leicht in den Ruch des Regressiven gerät. Das "romantische" Erbe von 68 ff., das in der Auseinandersetzung grün-ökologischer Kreise mit Wachstumswahn, industrieller Aufrüstung und Naturzerstörung zum Ausdruck kam (und in Zukunft hoffentlich wieder stärker kommen wird), würdigt Koenen mit keinem Wort.
Den Besprechungen nach zu schließen interessieren sich vor allem jene für das Buch, die die "roten Jahre" aus eigener Anschauung kennen. Was sagen wohl die jungen Frauen und Männer, die sich heute in globalisierungskritischen Gruppen zusammentun, zu dieser Bilanz ihrer VorläuferInnen?
1 Gerd Koenen: Die großen Gesänge. Lenin, Stalin, Mao, Castro ... Sozialistischer Personenkult und seine Sänger von Gorki bis Brecht von Aragon bis Neruda, Frankfurt am Main (Eichborn) 1987.
2 Ebd., S. 209.
3 Der Autor war in den Siebzigerjahren Anhänger der maoistischen KPD.
Siehe zum Thema in der Kommune:
Gerd Koenen: Ach, Achtundsechzig. Fischer, das "Rote Jahrzehnt" und wir (2/01)
Herbert Hoenigsberger: Joschka Fischer, 68 und grüne Abstinenz (2/01)
Albrecht von Lucke: Fischer contra Westerwelle. Der Generationenwahlkampf hat schon begonnen (2/01)
Martin Altmeyer: Geschichte, Mythos, Psychodynamik. Deutungsmuster in der 68er-Debatte (3/01)
Siegfried Knittel: Aufrechter Gang und krummer Weg. 68er-Revolte paradox (3/01)
Werner Mackenbach: Gewalt nein danke? Unsystematische Betrachtungen eines Nach-Achtundsechzigers (3/01)
Martin Droschke: Es ist vorbei ... "bei-bei Junimond". Vom Generationenwahlkampf auf Parkett und Straße (3/01)
Kurt Seifert: Achtundsechziger Erbe (3/01)
Thomas Gehrmann: Wer von der Industriegesellschaft redet, wie kann der vom Kapitalismus schweigen? Eine Antwort auf Daniel Cohn-Bendit in 3/01 (4/01, nur im WEB)
Carl Wilhelm Macke: In den Leib diktierte Geschichte. Anmerkungen zur "Fischer-/68er-Diskussion" (4/01, nur im WEB)
Jürgen Walla: Der Staat ist nicht das Volk. Gedanken zu 1968 ff. (4/01, nur im WEB)
Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2001 (554 S., 49,80 DM)