Der wohl bizarrste Kommentar zur Auslieferung Miloevics nach Den Haag ist in der einst legendären Sarajevoer Zeitschrift Dani erschienen. Wie die bekanntere Tageszeitung Oslobodjenje war sie ein Symbol des Überlebens in der drei Jahre belagerten Stadt. Als würde es sich um einen "Transfer" von Fußballspielern aus einem Verein in den anderen handeln, verwundert den Kommentator vor allem die "Verkaufssumme" für Miloevic, den serbischen Zidane, die zwanzig Mal größer sei als jene, die Real Zinedine Zidane anbot, um dann fortzufahren: Der serbischen Regierung ist Miloevic in Den Haag viel mehr wert als 1,2 Milliarden Mäuse: in den drei Monaten ... hat diese gleiche Regierung durch ihre Inkompetenz alles getan, um bei den schlimmsten Hassern von Miloevic dennoch menschliche Gefühle [für ihn] zu wecken. Es gibt keinen konkreten Beweis, keinen Zeugen, der gegen ihn aussagen kann, nichts, was der Abfassung einer ernsthaften Anklageschrift ähneln würde nichts als Haufen orchestrierter billiger Insinuationen in den von DOS kontrollierten Medien" (Dani, 29. Juni). Der Autor, Zeljko Cvijanovic, tauchte nach dem Krieg auf einmal mit den wunderlichsten Artikeln in dieser Zeitung auf, die entgegen der allgemeinen Erfahrung der Sarajevoer Bürger behaupteten, der Krieg sei keine serbische Aggression gewesen, verwickelte gleich den Star der Zeitung aus den Kriegstagen, Ozren Kebo, in eine wüste Polemik und verdrängte ihn letztendlich aus der Redaktion. Was auch immer der Rätsel Lösung in diesem Fall sei, die Reaktionen auf die Verhaftung und Auslieferung Miloevics in dem Land, das am schlimmsten unter seiner Kriegstreiberei litt, wie der Korrespondent der Times sie in Sarajevo sammelte, scheinen nicht vom Glauben an den Sieg der Gerechtigkeit getragen zu sein: Miloevics appearance in court brought some satisfaction but little rejoicing. Ein serbischer Befragter meinte, man hätte ihn einfach schnappen und erschießen sollen, statt so viel Geld für sein Gerichtsverfahren zu vergeuden, Geld, "mit welchem man alle zwei, drei Tage ein neues Haus für eine obdachlose Familie hätte bauen können" (4. Juli). Merkwürdiger- oder realistischerweise verknüpfte man in den Medien der serbischen Nachbarländer keine großen Hoffnungen mit der Auslieferung Miloevics, mit der nach der Ansicht eines kroatischen Kommentators die Schlacht um Balkan erst beginnt (Vjesnik, 4. Juli).
Den Opfern so großer Tragödien und eines alles vernichtenden Unrechts könnte die Perspektive einer gerechten Bestrafung als etwas erscheinen, das sich gleichsam auf einem anderen Planeten abspielt? Als der Überlebende des Massakers von Srebrenica, Emir Suljagic, der Einzige, den die UNPROFOR-Soldaten als ihren Dolmetscher vor sicherem Tod retteten, Anfang Juli zum sechsten Gedenktag der Tragödie nach Srebrenica kam, fühlte er sich angewidert. Sein Text ist ein Schrei: "Ich werde nie wieder nach Srebrenica kommen!" (Dani, 13. Juli). Er verzweifelt darüber, "wie man überhaupt jemandem erklären könnte, wer eigentlich Zumra Mehic ist, die Frau, die ruhig und langsam den Grundstein [für das Denkmal] enthüllte", der ihre vier Söhne nicht kannte. Der Schmerz ist zu groß. Wovon er angeekelt wurde, lässt die Reportage von Susan Simon ahnen, die im ostbosnischen Pale den serbischen Polizisten lauschte: ",Knapp 3000 heulende Weiber waren da, tönt Dragan und lässt die Schnapsflasche kreisen. Vor sechs Jahren habe ich unter Mladic und Karadzic die Moslems abgeschlachtet, jetzt beschütze ich ihre Frauen. Die Polizisten klopfen sich vor Lachen auf die Schenkel." Ein Leibwächter Karadzics, der gerade 19 Jahre alt war, "als er unter General Mladic Srebrenica eroberte", sagt ihr: "8000 Tote? Alles muslimische Propaganda" und "küsst grinsend ein zerknittertes Foto von Mladic und Karadzic" (Die Welt, 22.Juli). Der bevorstehende Prozess gegen Miloevic, nicht einmal die eventuelle Verhaftung von Mladic und Karadzic, wird sich auf diese Lage auswirken.
Aber auch einige Kommentatoren im Westen, die Sonja Biserko im Editorial für das Helsinki Watch Bulletin (Helsinska povelja, Juni 2001) "Anfang des Epilogs nennt, sehen in der Auslieferung Miloevics keinen großen Schritt. Der Kommentator der NZZ moniert: Etwas gar plötzlich ist der serbische Diktator und Kriegshetzer Miloevic nach Den Haag verfrachtet worden. Das wohl schlagendste politische Kunststück Zoran Djindjics nach dem 5. Oktober lässt ihn grübeln, ob die Regierung Djindjic auf längere Sicht wirklich politische Klugheit walten ließ; auch mit dem Verfahren ist der Kommentator der angesehenen Zeitung unzufrieden: Djindjic berief sich offenbar auf eine Allerweltsklausel der serbischen Verfassung, die es der Republik erlaubt, Anordnungen von jugoslawischen Bundesorganen zu übergehen, wenn diese als nicht in Serbiens Interessen liegend beurteilt werden" (3. Juli). Solche Art Kritik kann nur jemand üben, der die Legitimität eines Staates anerkennt, der gar keine mehr besitzt, bloß noch in alter Tradition seine fragwürdigen Institutionen als Instrumente des Unrechts einsetzt. In Wahrheit ließ Djindjic das Recht der Republik Serbien vor dem der BR Jugoslawien walten, wie es vor ihm auch die Entscheidungsträger in den einstigen Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawien getan haben. Oder: Wie der berühmteste politische Emigrant Serbiens, Belgrads ehemaliger Oberbürgermeister und Architekt Bogdan Bogdanovic, sagte als er nach acht Jahren zum ersten Mal in seine Heimatstadt zurückkehrte, er sei bereit, Djindjic jenen Ochsen dafür zu verzeihen, dass er diesen anderen nun nach Den Haag schickte (Danas, 21. Juli). Ein serbischer Rechtswissenschaftler (Miladin Korac) wies auf die hinterhältige Haltung Kotunicas hin, der den Erlass der Bundesregierung zur Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal leidenschaftlich befürwortete, obwohl er im Voraus wusste, dass dieser vom Verfassungsgericht aufgehoben wird: "Es fragt sich, ob V. Kotunica [damit] absichtlich seine Partner aus der DOS, unser Volk und die Weltöffentlichkeit hinters Licht führt. Da war es glückliche Fügung, dass die serbische Regierung das alles unterbrach und eiligst (am 28. Juni) S. Miloevic nach Den Haag schickte (Danas, 6. Juli).
Es gibt aber auch Kommentatoren, die einfach keine blasse Ahnung haben, was denn Slobodan Miloevic vor das Internationale Kriegsverbrechertribunal überhaupt gebracht hat: Aber welche Kriegsverbrechen hat er sich eigentlich zu Schulden kommen lassen? Den Hufeisenplan, den es gar nicht gab? Den Versuch, die UÇK zu entwaffnen? Die Flucht der Kosovo-Albaner vor den Kriegshandlungen? Das alles kann angesichts der Ereignisse in Mazedonien nicht mehr ernsthaft vorgetragen werden. Hat er Massaker angeordnet?" Mit falschen Prämissen und verdrehten Tatsachen könnte man fast noch mehr falsche Fragen stellen, als Michael Jäger es im Freitag tut (6. Juli).
Ob es gelingt, eine präzise und richtige Anklageschrift gegen Miloevic für alle seine Untaten und eine angemessene Strafe zu erreichen, wird sich in absehbarer Zeit zeigen. Doch gegenüber jenen Tätern, die unentwegt Falschheiten in die Welt streuen, wird die Gerechtigkeit nie siegen können. Als Strafe müsste man ihnen verordnen, sich bei den Ausgrabungen von Massengräbern in Serbien einzufinden wie jenem in Batajnica bei Belgrad mit den Überresten der 1999 (wahrscheinlich in Suva Reka) bestialisch getöteten etwa 60 Albaner, darunter eine schwangere Frau mit acht Monate altem Kind im Bauch.
Gelegenheiten gibt es und es werden immer mehr: "Gerade begann die hiesige Öffentlichkeit, sich von den Ungeuerlichkeiten, die in Kladovo, Batajnica und Petrovo Selo entdeckt wurden, zu fangen", schreibt die Belgrader Politika, "als ihr die Nachricht über einen weiteren Kühlwagen mit Leichen am Boden des Perucac-Sees bei Bajina Basta aufgetischt wurde. Die Regierung und das Innenministerium Serbiens gaben bekannt, dass ein Kühlwagen mit etwa 50 bis 60 Leichen während des Krieges 1999 in diesem Stausee versenkt wurde. Die Leichen trieben vor den Augen vieler Anwohner auf der Oberfläche und wurden danach in einem Massengrab bestattet". Weiter heißt es: "Die Einwohner von Bajina Basta und der Umgebung erinnerten sich an Szenen, als während des Krieges in Bosnien-Herzegowina Leichen aus der Richtung von Gorazde und Visegrad in der Drina schwammen" (Politika, 20. Juli). Das übrigens ist die Gegend, wo Peter Handke in den Fluss schaute, sich über muslimische Kriegspropaganda lustig machte und über Gerechtigkeit für Serbien sinnierte. Just in dieser Zeit schwammen statt der Boote, wie es weiter in der einst treuesten Miloevic-Zeitung heißt, Leichen und menschliche Körperteile im Fluss und Fische mästeten sich am Menschenfleisch. Mit der Zeit habe man sich an dieses Grauen gewöhnt!
Woran erinnern sich diejenigen wohl, die die serbischen Massaker in Racak und anderswo geleugnet haben, wenn sie jetzt von ihren grausigen Belegen lesen? (Michael Rutschky hat sich über solche Radikalkritik, für die Miloevic und seine Politik gar nicht existieren, mokiert, taz, 4. Juli). Robert Fisk bringt die Leichen aus dem Massengrab in Batajnica mit den Erfahrungen zusammen, die er 1999 im Kosovo machte, als er etwa bei Izbica Reihen von leeren Gräbern sah, aus denen 147 zuvor bestatteter Leichen albanischer Zivilisten verschwanden: "The Serbs came back and dug them up", sagte man ihm. Und er erzählt von einer damals unbegreiflichen Methode, die ihm ein britischer Kriminalbeamte bei Glogovica offenbarte, wo 118 Leichen gefunden worden waren, bei denen die Kleidung nicht mit den Wunden übereinstimmte: "We found men with one bullet wound wearing a shirt with two bullet holes and men with two bullet wounds in clothes with only one bullet hole" (The Independent, 18. Juli).
Belgrad und Serbien verwandeln sich langsam in Fundgruben der Beweise dafür, dass sich Miloevic in der Tat etwas hat zu Schulden kommen lassen, ob angesichts der Ereignisse in Mazedonien oder nicht. Es mag sein, dass, wie allgemein angenommen, Massengräber mit albanischen Opfern nur deshalb gefunden wurden, weil die Öffentlichkeit auf die Auslieferung Miloevics hatte vorbereitet werden müssen, und dennoch auch, dass immer neue Entdeckungen, eine Kettenreaktion ausgelöst haben, die man nunmehr schwer stoppen kann, wie Sonja Biserko meint. Dass Miloevic persönlich dem damaligen Innenminister Vlajko Stojiljkovic angeordnet hat, die Spuren der Massentötung in Kosovo zu vernichten (Financial Times, 27. Mai; Vreme, 5. Juli), verbessert die Beweislage erst einmal. Darüber informiert Die Woche (6. Juli). Wenn einmal die angeklagten Mittäter vor Gericht in Den Haag erscheinen, werden weitere Lücken in der Beweiskette geschlossen werden können. Gegen Anschuldigungen, öffentliche Gelder veruntreut zu haben, brachte beispielsweise Miloevic selbst vor, mit diesem Geld die Paramilitärs in Kroatien finanziert zu haben. Und einige von über 2000 vermissten Kroaten werden sich wahrscheinlich in den noch geheim gehaltenen serbischen Massengräbern Anno 1991 finden lassen. Daher sehen auch "unabhängige Experten des internationalen Rechts ... eine gute Chance, dass der Hauptverursacher der Balkankriege schweren Verletzungen der Genfer Konvention, Verstöße gegen die Gesetze und Gebräuche des Kriegs, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und vielleicht sogar des Völkermordes überführt werden kann" (Frankfurter Rundschau, 3. Juli). Dennoch stimmt auch, dass die Abschiebung Miloevics ... noch kein Bruch mit der Vergangenheit ist, wie Cyril Steiger in der NZZ (14. Juli) meint. Aber sie kündigt sich doch schon an.
Redaktion: Dunja Melcic