Dick
Howard
Neuere französische Ökonomen und Wirtschaftssoziologen
gehen, wie unser Autor aufzeigt, von Karl Polanyis zentralen Begriff der
„embeddedness“ aus, der Einbettung oder Eingeschlossenheit der Ökonomie in der
Gesellschaft. Kein Markt existiert voraussetzungsfrei, und seine erste und
zentrale Voraussetzung ist die Gesellschaft, deren Konventionen zugleich sich
ständig verändernde Regulierungsmuster der Wirtschaft darstellen. Jede
Bewegungsform entwickelt de-regulierende Gegenkräfte. Da ökonomische
Leistungsfähigkeit nur bei hoher gesellschaftlicher Integration gesichert ist,
muss auch das Potenzial der Gebrauchswertseite mitgedacht werden.
I.
Wenngleich
die Überheblichkeit der „französischen Theorie“ dazu geführt hat, dass sie im
Bereich der Literatur- und Kulturkritik viel an Boden verloren hat, kann sie
auf einer eher auf die Praxis orientierten Ebene durch die Beiträge einer
kreativen Gruppe von französischen Wirtschaftswissenschaftlern ersetzt werden,
die in der hier beschriebenen geschichtlichen und politischen Tradition
arbeiten. Zu einer Zeit, in der die „rational choice“-Theorie in ihren
verschiedenen Formen den Status einer allgemeinen Theorie des
gesellschaftlichen (und sogar auch des privaten) Lebens beansprucht, scheint
der französische Ansatz die Grundlage für einen Gegenangriff zu bieten. Sie
kehren zu den alten Leitmotiven der politischen Ökonomie zurück, um den
anti-politischen und dummen Versuch, die Reinheit einer anmaßenden ökonomischen
Logik aufrechtzuerhalten, welche unfähig ist, ihre eigenen Grenzen zu erkennen,
in Frage zu stellen. Ein erfolgreicher Gegenangriff würde Vorteile erringen,
wenn er versucht, jene Aspekte der Globalisierung zu begrenzen, die die
Grundlagen bedrohen, auf denen sowohl die Ökonomie als auch die Ziele, die sie
angeblich verfolgt, beruhen.
Der
französische Ansatz besteht aus vielen Aspekten, die ich kurz zusammenfassen
möchte. Die Autoren, die dazu beigetragen haben, schreiben sowohl in
technisch-akademischen als auch in eher populärwissenschaftlichen
Zeitschriften. Ihre Arbeit berücksichtigt natürlich auch die allgemeinen
Debatten im Bereich der Ökonomie, wie sie über die nationalen Grenzen hinaus
praktiziert wird. Eine vor kurzem erschienene Rezension, die für den
allgemeinen Leser einen nützlichen Überblick bietet – „Penser ensemble
l’économie et la société: la sociologie économique“ [Wirtschaft und
Gesellschaft zusammendenken: die Wirtschaftssoziologie] von Jean-Louis Laville
und Benoît Levesque –, scheint in 75 umfangreichen Fußnoten fast ebenso viele
englischsprachige wie französische Autoren zu zitieren.(1) Eine davon (Nr. 54)
gibt die rein französische Strategie auf, indem sie fragt, wie Karl Polanyis
Schlüsselbegriff der „embeddedness“ zu übersetzen sei. Polanyi versuchte in The
Great Transformation (1944)(2) zu verstehen, warum die
Weltwirtschaftskrise, die auf den Zusammenbruch von 1929 folgte, mehr als nur
eine zyklische Krise war. Polanyi versuchte zu zeigen, dass die geschichtliche
Einmaligkeit des autonomen Marktes für Güter und Dienstleistungen
(einschließlich des Marktes für Lohnarbeit) die Grundlage für einen neuen und
künstlichen Typus von Gesellschaft war. Dieser künstlich aufrechterhaltene
Markt unterschied den Kapitalismus von allen anderen bekannten menschlichen
Gesellschaften, in denen die Ökonomie anderen Dimensionen der
gesellschaftlichen Beziehungen untergeordnet war: sie war eingebettet (embedded).
Die Weltwirtschaftskrise konnte als „Rache“ der realen gesellschaftlichen
Beziehungen am künstlichen Markt gesehen werden, der versucht hatte, seine
Logik durchzusetzen, ohne sich um den Widerstand der tatsächlich vorhandenen
Gesellschaft und der Leute, die sie in Gang hielten, zu kümmern. Die
Weltwirtschaftskrise war eine Zivilisationskrise.
Der
Begriff der „embeddedness“ wirft ein Übersetzungsproblem auf, da Polanyis These
zurückhaltend oder radikal ausgelegt werden kann. Die zurückhaltende
Interpretation verweist lediglich darauf, dass die angeblich rein wirtschaftlichen
Phänomene – wie zum Beispiel Preise oder die Schaffung von Arbeitsplätzen –
eine gesellschaftliche Dimension haben, die berücksichtigt werden sollte. Diese
gesellschaftliche Dimension wird von der Wirtschaftssoziologie untersucht. Sie
zeigt, dass Preise ebenso wenig „natürlich“ sind, wie die Nachfrage eine
festgelegte physikalische Summe ist, die durch unveränderliche menschliche
Bedürfnisse bestimmt wird – ansonsten gäbe es keine Werbe-„Industrie“.
Infolgedessen kann die Wirtschaftssoziologie die Annahme der neoklassischen
Wirtschaftstheorie kritisieren, dass die wirtschaftlichen Antriebskräfte
profitmaximierende Subjekte sind, die mit vollkommener Information über die
Ergebnisse ihrer Entscheidungen versehen sind. Die Zurückhaltung und
Bescheidenheit dieser Interpretation wird durch die französische Übersetzung
von „embeddedness“ als étayage (in etwa Unterstützung, Untermauerung)
nahe gelegt, was die Existenz von zwei unabhängigen Faktoren beinhaltet, deren
Interaktion von der Analyse nicht vernachlässigt werden kann. Dieser Punkt war
für Wirtschaftssoziologen schon seit Max Weber offensichtlich, dessen
„methodologischer Individualismus“ keineswegs die Umgebung außer Acht ließ, in
der das Individuelle funktionieren sollte.
Eine
radikalere Übersetzung des Begriffs „embeddedness“ geht auf den Begründer der
französischen Soziologie Émile Durkheim zurück, für den das Individuelle ebenso
wie das Ökonomische – trotz gewisser Oberflächenerscheinungen – immer dem
gesellschaftlichen Ganzen untergeordnet ist. Der Begriff sollte als encastrement
(in etwa Eingeschlossenheit, Eingefügtheit) übersetzt werden, was
voraussetzt, dass das Ökonomische niemals seine Umgebung dominieren kann und
dass seine scheinbare Autonomie eine Illusion ist, deren Grenzen aufgezeigt
werden müssen. Die Priorität, die dem Gesellschaftlichen beigelegt wird,
schließt das Individuelle nicht aus; es nimmt dem Individuellen nichts von
seiner Autonomie und ist auch nicht inkompatibel mit einer Marktgesellschaft.
Durkheims Theorie wird als funktionalistisch bezeichnet, weil sie davon
ausgeht, dass die verschiedenen Formen des Individuellen, die in jeder
Gesellschaft ausgemacht werden können, von der Gesellschaft geformt werden und
funktionieren, um die Erhaltung dieser Gesellschaft zu sichern. Für diese Art
von Theorie ist der rational entscheidende, neoklassische wirtschaftliche
Akteur keine Voraussetzung; die Theorie muss die Frage stellen, wie und warum
dieser Typus des Individuellen in einem gegebenen Typus von Gesellschaft zur
Vorherrschaft gekommen ist.
Diese
„französische“ Interpretation von Polanyis Begriff der „embeddedness“ hat
praktische Auswirkungen. Bernard Perret, der ehemalige Leiter des französischen
Wissenschaftsrats für Statistik, schlug im Titel seines 1994 erschienenen
Buches eine einfache Definition vor: Die Wirtschaft gegen die Gesellschaft.(3)
Der ehemalige sozialistische Premierminister Lionel Jospin bezog sich auf
diesen Begriff, als er versuchte, seine Stellung zum Wirtschaftsliberalismus
klar zu machen, wie er im Blair/Schröder-Papier vom Juni 2000 über den
europäischen Sozialismus formuliert wurde: „Ja zum Markt, nein zu einer
Gesellschaft, die auf dem Markt basiert.“ Jospins Formel ist sprachlich kurz
und bündig; ihre praktische Umsetzung ist von der von ihm geleiteten Regierung
allerdings nicht gelungen. Das mag einer der Gründe für das Scheitern Jospins
und seiner Partei bei den letzten Wahlen gewesen sein.
II.
Die
ersten Ansätze dieser französischen Denkrichtung stammen vom Ende der
Siebzigerjahre, als die „Regulationsschule“ den Begriff des „Fordismus“
entwickelte, um eine bestimmte Phase der kapitalistischen
Gesellschaftsentwicklung zu kennzeichnen, die über das von Marx im 19.
Jahrhundert analysierte Wirtschaftsmodell hinausging. Der Begriff des Fordismus
sollte präziser und analytischer sein als konkurrierende Kategorien wie
Wohlfahrtskapitalismus, post-industrielle Gesellschaft oder Habermas’ vager
weberianisch-marxistischer Begriff des „Spätkapitalismus“. Seitdem
Wirtschaftssysteme, die in gesellschaftliche Beziehungen eingebettet sind,
Regulierungsformen gehorchen, die sowohl explizit als auch implizit sind,
besteht die Aufgabe der Wirtschaftsanalyse darin, Regulationstypen zu entdecken
und zu vergleichen. So bezeichnet Fordismus zum Beispiel eine Art und Weise der
gesellschaftlichen Reproduktion, bei der der konstant zunehmende Ertrag es
möglich macht, höhere Löhne für langfristig garantierte Arbeitsplätze zu
zahlen. Im Austausch für diese Vorteile ergibt sich für die Kapitalisten eine
Abkühlung der Klassenauseinandersetzungen, während die Arbeiter den Preis der
Aufgabe ihres Anspruches, die Organisation der Arbeit zu kontrollieren, zahlen
müssen. Die Anziehungskraft dieses analytischen Ansatzes für Autoren wie Michel
Aglietta, Robert Boyer oder Alain Lipietz liegt in Folgendem: Wenn sich die
Grundmuster der kapitalistischen Akkumulation verändern, werden sie zu einer doppelten
Krise führen – sowohl auf der Seite der Arbeit als auch auf der Seite des
Kapitals. Die Arbeit kann nicht mehr durch bessere Löhne bestochen werden, und
das Kapital muss eine neue Ideologie der De-Regulierung erfinden, um wieder die
Vorherrschaft zu erlangen.
Die
Regulierungsschule entwickelt so etwas wie die Version des 20. Jahrhunderts der
marxistischen politischen Ökonomie. Aber dieser Ansatz ist nicht
uneingeschränkt marxistisch. Seine Erkenntnisse wurden in einem eher
allgemeineren Sinne als eine „Theorie der Konventionen“ definiert, die von
Jean-Pierre Dupuy und André Orléan entwickelt wurde.(4) Der Begriff
„Konventionen“ bezieht sich auf Regulierungsmuster, die explizit oder implizit
sein können; diese von Mustern geprägten Beziehungen bilden Konventionen, die
dazu dienen, Antizipationen zu koordinieren und in Interessenkonflikten eine
Schlichtung zu ermöglichen. So gesehen ermöglichen Konventionen (oder
Regulierungen) einen Übergang zwischen den Ebenen der Mikro- und Makroanalyse,
ohne dass man sich auf ein künstliches und abstraktes Subjekt und die
unsichtbare Hand von Marktwirtschaften beziehen müsste. Die konventionellen
Regulierungen sind Teil der alltäglichen Erwartungen der Marktteilnehmer,
welche aus diesem Grund gerade nicht die abstrakten Akteure sind, die von der
rationalistischen Wirtschaftslogik skizziert werden – sie sind eingebettet.
Der
Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass das Verhältnis zwischen
gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Austausch ohne die Gefahr eines
schlichten Reduktionismus untersucht werden kann; beide sind vom anderen
abhängig und setzen diesen voraus. Anstatt von einer allgemeinen
wirtschaftlichen Produktionsweise zu sprechen, die unabhängig von ihrer
Geschichte und ihren Ressourcen in jeder Gesellschaft angewandt werden kann,
besteht das Ziel darin, „sowohl die geographische Vielfalt der verschiedenen
Formen des Kapitalismus als auch die Variationen der zeitlich begrenzten
Ausprägung von gesellschaftlichen Formen zu erklären. Er [dieser Ansatz]
ermöglicht also eine genauere Periodisierung als alle vorherigen und zeigt die
Besonderheit, die das Nachkriegswachstum charakterisiert hat.“(5) Wenn eine
Form der gesellschaftlichen Regulierung – zum Beispiel der Fordismus –
scheitert, muss sie durch eine andere ersetzt werden, wenn es nicht zum Chaos
kommen soll. Die neue Form mag stabiler sein, aber auch ihre Kosten und
Vorteile müssen kritisch analysiert werden.
Aus
dieser Sicht wird die globale Wirtschaft nicht einfach als ein „Horror“
kritisiert (wie der Titel des Bestsellers von Viviane Forrester nahe legt(6)).
Es handelt sich um eine Form von Regulierung, die sich aus einer Reihe von
Kompromissen zwischen gesellschaftlichen Akteuren ergibt. „Der Begriff einer
Regulierungsart, der eine Periode relativer Stabilität und das
plötzliche Auftreten von Krisen erklären soll, bezieht sich auf ein kohärentes
Ganzes, das von verschiedenen gesellschaftlichen Beziehungen, institutionellen
Vorgaben, Produktionstechniken und Organisationen gebildet wird, die ein
regelmäßiges Wirtschaftswachstum und die Stabilität des gesellschaftlichen
Funktionierens sichern sollen.“(7) Während Anthony Giddens Tony Blair dazu
gebracht hat, sich „jenseits von links und rechts“ zu bewegen, schlagen die
französischen Wirtschaftswissenschaftler ihren Politikern das Projekt eines
neuen „Gesellschaftsvertrages“ vor, der nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene
angesiedelt wäre.(8)
Dieses
ganzheitliche französische Modell geht davon aus, dass die sozialen Bewegungen
politisch analysiert werden müssen. Dieser Ansatz unterscheidet sich von der
amerikanischen soziologischen Analyse solcher Bewegungen, die sie entweder auf
die Identitätssuche von vernachlässigten Interessen oder auf die
opportunistische Mobilisierung von Machtressourcen reduziert. Auch wenn die
reduktionistischen Auffassungen die Intention haben, diese Bewegungen zu
unterstützen, unterminieren sie diese, indem sie eine solche antipolitische Sichtweise
einnehmen. Der französische Vorschlag siedelt diese Bewegungen innerhalb von
gegebenen Regulierungsformen an und fragt sich dabei, wie sie zur Errichtung
neuer Regulierungstypen führen können, die so unterschiedlich wie formale
Verträge, legislative Entscheidungen oder lokale und informelle „Spielregeln“
sein können, welche Entscheidungen politisch legitimieren. Während die
soziologische Perspektive die sozialen Bewegungen auf die Ziele reduziert, die
sie angeblich anstreben, und sie in den Begrifflichkeiten jener Kriterien
beurteilt, die der Bewegung vom Analytiker beigelegt wurden, vermeidet der
Ansatz der französischen politischen Ökonomie solche Zweck-Mittel-Urteile und
bevorzugt die funktionale Analyse einer eingebetteten sozioökonomischen Selbstregulierung
(aus der Krise und Konflikt selbstverständlich nicht ausgeschlossen sind).
Die
Analyse des Wohlfahrtsstaates als schlichtweg nur eine andere Form von
Regulierung ist das Gegenstück zur Berücksichtigung der sozialen Bewegungen.
Die Schwierigkeiten bei der Auseinandersetzung mit dem modernen Staat sind
nicht unbedingt das finanzielle Resultat seiner Fähigkeit, in schwierigen
wirtschaftlichen Zeiten die Steuern zu erhöhen. Wenn der Fordismus das Ergebnis
eines Kompromisses war, bei dem gute Löhne und die Sicherheit von
Arbeitsplätzen gegen die Mitbestimmung des Arbeiters ausgetauscht wurden, so
wurde dieser implizite Kompromiss explizit durch den alten Wohlfahrtsstaat
reguliert. Der neue „Gesellschaftsvertrag“ wäre ein Kompromiss, bei dem die Arbeiter
– oder vielleicht die Nutzer von Leistungen, die in einer zunehmend auf dem
Dienstleistungssektor basierenden Wirtschaft „produziert“ werden – eine
aktivere Rolle spielen können. Man muss nicht unbedingt davon ausgehen, dass
die Kosten für die Arbeiter Verluste an Sicherheit wären oder dass die Gewinne
der Kapitalisten in der Münze eines deregulierten Globalismus bezahlt würden.
Wenn nicht mehr zu erwarten ist, dass bürokratische Regierungen die Bedürfnisse
von Kunden, die passive Konsumenten sind, befriedigen können, wird der Bedarf
an nicht-marktorientierten gesellschaftlichen Verhältnissen zur Lösung von
Problemen, die durch die Vermarktung der Gesellschaft aufgeworfen werden,
offensichtlich. Die Form, die erfunden werden wird, kann natürlich nicht vorausgesagt
werden.
III.
Nun
sollte eine letzte, mehr philosophisch-politische Dimension der französischen
Theorie betrachtet werden. Durkheims wichtigster Nachfolger Marcel Mauss hat
die Erkenntnisse seines Onkels in dem kurzen Essay „Die Gabe“ weiterentwickelt.(9)
Die moderne Ökonomie, die auf über den Markt vermittelten Tauschwerten beruht,
ist eingebettet in ursprünglichere gesellschaftliche (und politische)
Beziehungen, die durch das Geben (und Nehmen) von Geschenken reguliert werden.
Wir wiederholen in der Tat dieselbe archaische Handlung, wenn wir unseren
Gastgebern Blumen oder eine gute Flasche Wein schenken. Es wäre kurzsichtig,
unser Geschenk als ein „Tauschmittel“ für die uns gebotene Gastfreundschaft zu
interpretieren. Manche Beziehungen sind und können nur nicht-ökonomisch sein;
ihre Logik oder ihr Grundprinzip ist anti-utilitaristisch (nicht auf den
Nutzen ausgerichtet), aber ohne sie würden unsere sozialen Beziehungen ihre
Kohärenz verlieren. Diese Erkenntnis und ihre Folgen sind das Thema gewesen,
das über Jahrzehnte hinweg von Alain Caillé und in der von ihm herausgegebenen
Zeitschrift MAUSS (die Abkürzung von „Mouvement anti-utilitaire en sciences
sociales“) weiterentwickelt wurde. Es ist keine Überraschung, dass viele der
hier erwähnten politischen Ökonomen in dieser Zeitschrift veröffentlicht haben.
Überraschender ist vielleicht die Tatsache, dass ähnliche Themen von dem
liberal-kapitalistischen Propheten vom „Ende der Geschichte“ Francis Fukuyama
aufgegriffen wurden, dessen 1995 erschienenes Buch Trust den Untertitel The
Social Virtues and the Creation of Prosperity [Die gesellschaftlichen
Tugenden und die Schaffung von Wohlstand] hat.(10)
Diese
nicht-utilitaristische (und nicht marktorientierte) Dimension der Reproduktion
von gesellschaftlichen Beziehungen kann auch auf den Vorschlag bezogen werden,
die Probleme des Wohlfahrtsstaates mit nicht-ökonomischen Mitteln zu behandeln.
Ein Beispiel für diesen Ansatz, das dieses Mal vom Staat kommt, kann in der
Entscheidung von Mitterrands Premierminister Michel Rocard gesehen werden, das
so genannte RMI (Revenue Minimum d’Insertion – Mindesteinkommen zur
beruflichen Eingliederung) einzuführen. Rocard, der Führer der so genannten
„zweiten Linken“, ging davon aus, dass gesellschaftliche Integration gesichert
sein müsse, wenn die Gesellschaft und damit auch die Wirtschaft ihre
höchste Leistungsfähigkeit entfalten soll. Es sollte allerdings festgehalten
werden, dass das Mindesteinkommen von denjenigen kritisiert wurde, die es als
zweckdienlich für die Bedürfnisse der Wirtschaft ansehen. Diese Kritiker
schlagen zum Beispiel den Begriff eines „Bürgereinkommens“ vor, auf das jeder
einfach deshalb einen Anspruch hat, weil dadurch das kontinuierliche
Funktionieren des Gemeinwesens gesichert wird. Andere Kritiker bestreiten die
automatische Wirkung dieses Einkommens, da es keine individuelle Anstrengung
zur Selbstverbesserung verlangt. Die Debatte ist zugleich praktisch und
theoretisch, soziologisch und philosophisch – und dient allen Teilnehmern. Ihre
Bedeutung braucht hier nicht hervorgehoben zu werden.
Ein
letzter Beitrag zu dieser Konstellation der französischen Theorie sollte noch
erwähnt werden, obwohl sein Verfasser bewusst außerhalb des Mainstreams steht
(wie er es schon immer getan hat). Obwohl er zurückgezogen lebt, sich an den
Pariser Debatten nicht beteiligt und oft eher in Deutsch als in Französisch
schreibt, hat André Gorz Argumente angeführt, die zu dem hier beschriebenen
neuen Paradigma gehören – allerdings ausgehend von seiner originellen und kritischen
sartreschen Lesart von Marx. So benutzt er zum Beispiel in seinem jüngsten Buch
Misères du présent – Richesse du possible (1997)(11) Marx’ grundlegende
Analyse der Ware – als doppeltes Phänomen, da sie einen Gebrauchs- und einen
Tauschwert hat –, um zu zeigen, wie die kapitalistische Hervorhebung allein des
Tauschwertes der Gesellschaft das große Potenzial der Gebrauchswerte raubt, die
von diesem selben Kapitalismus produziert werden. Die Beziehung zur
ursprünglichen These Polanyis braucht nicht weiter betont zu werden. Der Marx,
der dabei in die neue französische politische Ökonomie eingeht, ist nicht der
ökonomische, sondern eher der gesellschaftliche und somit politische
Analytiker von modernen gesellschaftlichen Beziehungen in ihrer Einmaligkeit und
in ihrer inhärent instabilen Form.
1
In: Esprit,
Juni 2000, S. 207-222. Esprit hat den Problemen, die durch die new
economy aufgeworfen werden, eine Sondernummer gewidmet. In einem Nachwort
zur neuen Auflage seiner Studie über die letzten 25 Jahre des intellektuellen
Lebens in Frankreich, Face au scepticisme (Paris 1998), versucht Olivier
Mongin, der Herausgeber von Esprit, zu erklären, warum er der Meinung
ist, dass die politische Ökonomie gegenwärtig eine zentrale Bedeutung auf der
intellektuellen Tagesordnung bekommt, die sich von ihrer früheren, eher
technisch-administrativen Orientierung gelöst hat. Durch eine Reihe von
Entwicklungen, die in der massiven Streikwelle von 1995 gipfelten, wurde
deutlich, dass der alte Kompromiss zwischen Arbeit und Kapital – der durch die
beidseitige Übernahme der Risiken durch eine Art von gesellschaftlicher und
generationenübergreifender Solidarität geheiligt wurde, die auf der Logik von
Sicherungsstrategien basierte – nicht länger halten konnte. Strukturelle und Langzeitarbeitslosigkeit
machten es unmöglich, gesellschaftliche Integration durch Arbeit und durch die
lebenslange Arbeit in einer Firma zu sichern. Als dann die Folgen des Endes des
Kalten Krieges (der die klare Eingrenzung von „Feindbildern“ ermöglichte) mit
der Globalisierung zusammenfielen, gerieten diejenigen, die den alten
Kompromiss erneuern wollten, ins Hintertreffen. Die Konturen eines neuen
Kompromisses sind allerdings noch nicht in Sicht.
2
Karl Polanyi: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge
von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Wien 1977 (übers. von H. Jelinek).
3
Bernard Perret u. Guy Roustang: L’Économie contre la
société, Paris 1994.
4
Vgl. zum Beispiel André Orléan: „L’individu, l’opinion et
le capitalisme financier“, in: Esprit, November 2000; und Jean-Pierre
Dupuy: „Le détour et le sacrifice. Ivan Illich et René Girard“, in: Esprit,
Mai 2001.
5
Esprit, a. a. O., S. 214.
6
Viviane
Forrester: Der Terror der Ökonomie, (übers. von T. Scheffel), Wien 1997
(Originaltitel: L’horreur économique). – Das Forrester-Phänomen ist ein
Teil der Reaktion der alten französischen politischen Logik auf die neue Welt
des globalen Wirtschaftsraumes. Zusammen mit Le Monde diplomatique
werden – und sollten – die Anhänger von Pierre Bourdieu, die sich selbst als
„die Linken der Linken“ bezeichnen, und ein unleugbar vorhandener und
gerechtfertigter weltweiter Protest gegen die Folgen der Globalisierung
sowie das Plädoyer zu Gunsten der Opfer immer Unterstützung finden. Ob diese
Unterstützung in ein politisches Projekt übertragen werden kann, ist eine
andere Frage. Und eine weitere Frage ist, ob eine solche Unterstützung
letztendlich abträglich ist, wenn es darum geht, gerade das politische Projekt
zu gestalten, das sie benötigt, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Eine kurze,
aber dennoch treffende Darstellung der Forrester-Affäre und ihrer Folgen findet
sich in Pierre Rosanvallons Essay mit dem ironischen Titel „France: The New
Anti-Capitalism“, in: Correspondance, Nr. 7 (Winter 2001), S. 34-35.
7
Laville u. Levesque, in: Esprit, a. a. O., S. 214.
8
Vgl. Roustang, Laville, Eme, Mothé u. Perret: Vers un
nouveau contrat social, Paris 1997.
9
Marcel
Mauss: Die Gabe: Form und Funktion des Austausches in archaischen
Gesellschaften (übers. von Eva Moldenhauer), Frankfurt am Main 1968.
10
Dt.:
Francis Fukuyama: Konfuzius und Marktwirtschaft: der Konflikt der Kulturen
(übers. von Karlheinz Duerr), München 1995.
11
Dt: André
Gorz: Arbeit zwischen Misere und Utopie (übers. von Jadja Wolf),
Frankfurt am Main 2000.