EDITORIAL 8/2002

 

Noch im Frühsommer letzten Jahres schien die Opposition in „faktischer Auflösung“. Darum hieß es nach der Darstellung ihrer fatalen Lage an dieser Stelle im Juni 2001: „Freie Bahn also für Schröder? Der Trend scheint unaufhaltsam (wenn es nicht mit der Wirtschaft bergab und mit der Arbeitslosigkeit bergauf geht!).“ Schon ein paar Wochen später platzte die Blase der New Economy und aus dem Kanzler der „ruhigen Hand“ ist heute längst ein die Niederlage fürchtender hektischer Re(a)gierer geworden. Souveränität und Jovialität sind dahin. Vergessen die Sprüche vom „Spaß am Regieren“, verhallt die Reden von der „Neuen Mitte“, verblichen die Papiere des „Dritten Weges“.

Wurde damals nicht vollmundig die Steuerung der Globalisierung und die Senkung der Arbeitslosigkeit in Aussicht gestellt und zugleich ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit versprochen? Jetzt, nachdem der Furor abschmierender Märkte und Börsen substanziell auch das Kernland des globalisierten Kapitalismus erreicht hat (über die USA Werner Rügemer, S. 16), wird die Regierung Schröder den wirtschaftlichen Aufschwung bis zum 22. September wohl kaum mehr zu Gesicht bekommen. Und sie steht nun, und das nicht nur im Bewusstsein durchgeknallter Kleinaktionärsvertreter, als Schuldige für den Niedergang einer omnipotenten Telekom da! Das kommt davon, wenn man zur Boom-Zeit suggeriert, man sei als großer „Macher“ in letzter Instanz auch noch für den verrücktesten Aktien-Hype verantwortlich – um ihn vom „Spar-Hans“ haushaltsträchtig abschöpfen zu lassen. Zudem schreitet seit einiger Zeit die Arbeitslosigkeit auch in den Kernbereichen der „Neuen Mitte“ und in den „zukunftsträchtigsten“ Branchen voran – und damit und mit der Krise der Kapitalmärkte werden, beispielsweise, die zentralen Hoffnungen der privat- und kapitalmarktfinanzierten „Riester-Rente“ aufgerieben. Mit diesen Tendenzen wird die soziale Schieflage der Geringerverdienenden noch weiter forciert (siehe zu den Langzeit-Entwicklungen des Arbeitsmarktes Matthias Sacher, S. 23).

Trotzdem: „Es hat schlechtere Regierungen in der Bundesrepublik gegeben als die Regierung von Rot-Grün“, konstatiert Heribert Prantl (in der SZ, 20.7.02). Angesichts der Steuerreform, des Staatsbürgerschaftsrechtes, des vereinbarten Atomausstiegs, der Homo-Ehe und des Zuwanderungsgesetzes mag ihm ja so manche/r Recht geben. In den Köpfen der MehrheitswählerInnen aber zählt womöglich weniger eine weitere Liberalisierung und eher unscheinbare Ökologisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft als die Aussicht auf weiter steigende Arbeitslosigkeit und sinkende soziale Beihilfen (insbesondere im Osten). Als Regierung der „Sanierung des Staatshaushaltes“ einerseits und des „schönen Wetters“ andererseits ist Rot-Grün damals angetreten, als Regierung des Niederganges des „Standortes Deutschland“ wird sie gut dreieinhalb Jahre später von einer sich ansonsten zurückhaltenden Opposition angegriffen. Ungerecht? „Der Wähler ist seit jeher ziemlich vergesslich. Nie aber war er so vergesslich wie heute, weil sich so viele Eindrücke in so schneller Folge aufeinander legen. Die Bewertung einer Legislaturperiode gerät fast zu einer archäologischen Forschung“, konstatiert Prantl. Diese nimmt kaum jemand vor, eher wird nach Vorhaben gefragt. Doch ein paar Wochen vor der Wahl kann man schwer erkennen, was die jetzigen Regierungsparteien unternehmen wollen. Wenn Jürgen Trittin auf die Frage nach den Zielen für eine neue Legislaturperiode antwortet: „Wir haben etwas erreicht und jetzt überlegen wir ganz konservativ, wie wir das bewahren“ (SZ, 4.5.02), dann klingt das ja erfreulich bescheiden. Bezeichnender ist aber der Glaube, eine Regierung würde ihrer „realen Verdienste“ wegen wieder gewählt. Entscheidender sind wohl die Projektionen auf Kommendes. Da verlieren sich die kessen Sprüche der Verbraucherministerin im Nebel zu erahnender weiterer Agrarskandale, ist die Gesundheitsministerin abgetaucht und werden auch die Ergebnisse der „Hartz-Kommission“ (siehe die vorweggenommenen in Wolfsburg, S. 28) für einen Kompetenzvorsprung nicht unbedingt ausreichen – zumal gerade sie soziale Sprengkraft besitzen. Holzschnittartige Vereinfachungen, wenn nicht die Rede vom „Sozialabbau“, werden in den hektischen Tagen des Wahlkampfs die Schlagzeilen beherrschen, nicht jedoch die Profile von Arbeitsmarkt-, Frauen- und Familienpolitik – und Stoiber wettert dagegen und grinst dazu.

Rot-Grün, das ist die eigentlich Krux, treibt kaum positive Projektionen auf Künftiges hervor. Die Sozialdemokratie wird sich nach dem Rausschmiss Scharpings nun noch fester um ihren Kanzler zusammenschließen, aber ohne Dynamik bleiben. Und die Bündnisgrünen? Zwar bemüht sich wenigstens Joschka Fischer hörbar, den kritischen Diskurs über Neoliberalismus, Globalisierung und soziale Gerechtigkeit wieder zu einem bündnisgrünen Leitthema zu machen, aber mit der Glaubwürdigkeit ist es für die Gesamtformation nach der sozialpolitischen Abstinenz in der Bundestagsfraktion auch nicht so weit her.

Dany Cohn-Bendit hat kürzlich gesagt: „Je näher die Wahl rückt, je öfter Stoiber im TV zu sehen ist, umso mehr Junge werden grün wählen. Als kleineres Übel – aber was ist daran schlimm? Eine reformistische Regierungspartei kann für junge Radikale nur begrenzt attraktiv sein – sonst kann sie nicht regieren“ (taz, 20.7.02). Gilt das nicht auch für die „alten Radikalen“? Wenn man sich so umhört, ist ihre Frustrationstoleranz allerdings auch nicht sehr hoch.

 

Michael Ackermann