NePAD – eine neue Chance für Afrika?

 

Die Antwort der G 8: ein Afrika-Aktionsplan

 

Uschi Eid

 

Unter der Führung Südafrikas, Senegals, Nigerias und Algeriens haben die afrikanischen Staaten, so unsere Autorin, eine „wegweisende Strategie“ für die eigenverantwortliche Entwicklung Afrikas vorgelegt. Dieses ehrgeizige Programm soll einen politischen Integrationsprozess einleiten und demokratische und ökonomische Reformen entfalten. Die G-8-Staaten haben sich auf dieses Angebot eingelassen und auf ihrem Gipfel in Kanada beschlossen, diese Initiative mittels eines Aktionsplans zu unterstützen.

 

Politiker, Wissenschaftler, Entwicklungsexperten und Journalisten in Europa führen oft heiße Debatten darüber, wo aus ihrer Sicht Chancen auf nachhaltige Entwicklung in Afrika bestehen könnten.(1) Jetzt haben sich die Afrikaner selbst zu Wort gemeldet, und es wäre ratsam, ihnen zuzuhören. Mit der Neuen Partnerschaft für Afrikas Entwicklung (New Partnership for Africa’s Development, kurz: NePAD(2)) haben sich die Reformkräfte Afrikas zusammengefunden, um mit dem Bild vom abhängigen, ja verlorenen Krisenkontinent und internationalen Almosenempfänger zu brechen. Dem setzen sie einen ganz neuen Blick auf Afrika entgegen. Dieser neue Blick offenbart einen Kontinent, der seine Zukunftsgestaltung selbst in die Hand nimmt, um seine politischen, wirtschaftlichen und sozialen Chancen zu verbessern, der Kraft schöpft aus seinen reichen kulturellen Wurzeln, der eigene Konzepte zur Eindämmung von Armut und Konflikten entwickelt und aktiv und auf gleicher Augenhöhe an der Gestaltung globaler Rahmenbedingungen teilnehmen will. Und NePAD zeigt, wie die Afrikanerinnen und Afrikaner diese Chancen für sich nutzen wollen. NePAD ist damit eine Herausforderung auch an unser eigenes Afrikabild, das einseitig geprägt ist von Kriegen, Aids, Hunger, Armut, Chaos und Diktatoren und das die vielfältigen Potenziale unseres Nachbarkontinents bislang nur allzu oft ausgeblendet hat.

Was will NePAD?

Die afrikanischen Staaten haben unter der Führung insbesondere Südafrikas, Senegals, Nigerias und Algeriens mit NePAD eine wegweisende Strategie für die Entwicklung Afrikas entworfen. Die Teilnehmer der NePAD bekennen sich erstens explizit zur kollektiven Eigenverantwortung für die Gestaltung der Zukunft. Sie bekennen sich zum global gültigen Wertekanon, zu Demokratie, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und verantwortlichem Regierungshandeln. NePAD zeigt den Weg zu grundlegenden politischen und wirtschaftlichen Reformen auf. Diese werden als zentrale Voraussetzungen für nachhaltige Entwicklung und Überwindung der wirtschaftlichen Marginalisierung erkannt.

NePAD bedeutet zweitens das ehrliche Einstehen für vergangene Fehler in der afrikanischen Politik. Menschenrechtsverletzungen und autoritäre Regime, Misswirtschaft und Korruption will die afrikanische Reformelite nicht mehr einfach hinnehmen, sondern aktiv bekämpfen. Dies hat zur Konsequenz, dass schwache, zerfallende und von gewaltsamen Konflikten zerrissene Staaten nicht mehr bloß innere Angelegenheiten, sondern Problemfälle für die ganze Region sind. Hier strebt NePAD gemeinsame selbstbestimmte Lösungen an.

Das umfangreiche NePAD-Dokument führt uns von den politischen Voraussetzungen der Entwicklung – Frieden und Sicherheit, Menschenrechte und Demokratie – über bestimmte materielle Sektoren – Infrastruktur, Bildung und Naturressourcen – hin zur Mobilisierung geeigneter Finanzressourcen. Für jeden dieser Bereiche definiert die NePAD spezifische Einzelinitiativen – und es gibt keine Tabus: Vom afrikanischen Fluchtkapital ist ebenso die Rede wie vom Wegzug afrikanischer Fachkräfte; von der lähmenden Wirkung der Korruption ebenso wie vom Verdrängungseffekt europäischer Agrarexportsubventionen. In klaren Strichen zeichnet NePAD die wesentlichen Zusammenhänge des Entwicklungsprozesses: Ohne Frieden und gute Regierungsführung keine Investitionen; ohne Handelsliberalisierung kein dauerhaftes Wachstum, ohne gut ausgebildete Fachkräfte keine Entwicklungschancen.

NePAD ist im Kern ein politischer Prozess und kein Instrument für die Einwerbung von Gebermitteln für neue Investitionsprogramme. Obwohl im NePAD-Dokument dargelegt wird, dass der afrikanische Kontinent pro Jahr eine Finanzsumme von 64 Milliarden US-Dollar benötigt, um ein notwendiges Wirtschaftswachstum von 7 Prozent zur Halbierung der Armut bis 2015 zu erreichen,(3) wird deutlich gemacht, dass dieses Geld nicht nur von außen erwartet wird – etwa durch Schuldenerlass oder vorerst noch durch Entwicklungshilfe, die langfristig durch ausländische Privatinvestitionen abgelöst werden soll –, sondern durch erhöhte inländische Sparquoten, höhere Steuereinnahmen mit Hilfe verbesserter Steuererhebungssysteme, durch inländische Investitionen und durch erhöhte Exporterlöse nach verbessertem Zugang zu externen Märkten.

Weil es primär darum geht, die Rahmenbedingungen für ein unternehmerfreundliches Klima zu schaffen, um wirtschaftlich auf eigene Füße zu kommen, geht NePAD prioritär gesellschaftspolitische, friedenspolitische und wirtschaftspolitische Fragen an. Deshalb verstehen sich Organe der NePAD wie etwa das so genannte „Steering Committee“ der fünf NePAD-Kernländer (Südafrika, Nigeria, Algerien, Senegal und Ägypten) auch nur als Impulsgeber, die auf die Arbeit der vorhandenen Regionalstrukturen und Fachorganisationen zurückgreifen.

 

Herausforderungen und Möglichkeiten

Die neue afrikanische Entwicklungsstrategie ist ehrgeizig – und deshalb braucht sie Zeit. Die 53 afrikanischen Staaten befinden sich in höchst unterschiedlichen Entwicklungsstadien, haben die unterschiedlichsten Kulturen und Traditionen und werden somit mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und unterschiedlicher Prioritätensetzung die im NePAD-Konzept vorgesehenen Reformschritte umsetzen. Einige Staaten werden sich möglicherweise überhaupt nicht daran beteiligen, bei anderen wird es Rückschläge geben. Noch hat sich nicht gezeigt, welche afrikanischen Staaten sich letztendlich dem Reformprozess verschreiben werden.

Auf jeden Fall aber bricht NePAD mit der Tradition der Organisation für Afrikanische Einheit (OAE), rigide an den Prinzipien von staatlicher Souveränität und Nichteinmischung festzuhalten. Das Neue an NePAD ist die Tatsache, dass schon das NePAD-Gründungsdokument vorsieht, dass die NePAD-Teilnehmerstaaten gemeinsam bessere Standards für verantwortliches Regierungshandeln anstreben und sich dazu gegenseitig einschätzen und unterstützen wollen. Dies soll durch einen ständigen und transparenten Prozess gegenseitiger Beurteilung der Regierungspolitik der NePAD-Staaten untereinander geschehen. Mit dieser „African Peer Review“ würden Inhalte der „Guten Regierungsführung“ erstmals zum Gegenstand eines förmlichen Dialogs zwischen afrikanischen Staaten. Dies wäre der Einstieg in ein neues Verständnis des afrikanischen Staatensystems – nämlich der Abschied vom früher sakrosankten Prinzip der Nichteinmischung –, auch wenn die Peer Review als neues Verfahren wohl erst langfristig nachweisbare Wirkungen auf politische Veränderungen afrikanischer Staaten zeigen kann. Die Funktionsfähigkeit dieses gegenseitigen Beurteilungsprozesses wird ein wichtiges Indiz sein für die Stärke des politischen Willens derjenigen Staaten, die sich für die Ziele der NePAD einsetzen. Selbstverständlich wirft der jüngste Umgang etwa mit Simbabwe Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser afrikanischen Selbstkritik und an dem afrikanischen „peer pressure“ auf. Zweideutige afrikanische Reaktionen auf die Lage in Simbabwe sind nicht hinnehmbar, sie widersprechen dem erklärten Eintreten der afrikanischen Staaten für die Ziele von NePAD. Afrikaner ziehen damit selbst die Glaubwürdigkeit ihres Eintretens für Demokratie, Menschenrechte und gute Regierungsführung in Zweifel. Für falsch hielte ich es allerdings, den erfolglosen Druck der Staaten des südlichen Afrika auf Simbabwe jetzt schon als Lackmustest und erstes Scheitern der NePAD zu halten – wie einige Pessimisten dies tun. Die Menschen in diesen Ländern, die Opfer von Unterdrückung, Verfolgung und Misswirtschaft sind, wissen am besten, dass autoritäre Systeme besser heute als morgen untergehen sollten. Aber wie lange hat es gedauert, bis die Gesellschaften Europas überfällige Herrschaftsformen tatsächlich überwinden und formal schon beendete Regime geistig hinter sich lassen konnten? Die Teilnehmer der NePAD müssen Wege finden, solche Übergangsprozesse fördernd zu begleiten, ohne die gemeinsamen Standards für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu kompromittieren.

Eine weitere Herausforderung von NePAD liegt darin, die von wenigen afrikanischen Reformern ins Leben gerufene Entwicklungsinitiative nun der afrikanischen Öffentlichkeit zur Diskussion zu stellen. Herbe Kritik wurde bereits laut, dass NePAD „leadership driven“, also von Regierungen entworfen sei, ohne ausreichende Konsultationen mit afrikanischen Wissenschaftlern, Intellektuellen, bürgergesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden.

Schaut man sich die Aufgaben an, die in NePAD vorgesehen sind, so verpflichten sich afrikanische Reformpolitiker zu all den Schritten und Maßnahmen, die seit Jahrzehnten von afrikanischen Bürgerinnen und Bürgern zum Teil vergeblich eingefordert wurden. Deshalb sollte NePAD unterstützt werden, da endlich Forderungen nach Kriseneindämmung, Respektierung der Menschenrechte, Beendigung des Klientilismus, Verbesserung der Rahmenbedingungen für verantwortliches Unternehmertum aufgegriffen werden. Darüber hinaus sollte den Kritikern klar sein, dass auch afrikanische Politiker erstens dafür gewählt sind und zweitens dafür bezahlt werden, dass sie sich Gedanken darüber machen, wie sie ihr Volk aus der Misere herausführen können und dass sie nun endlich längst überfällige Schritte unternehmen, um den Menschen in ihren Ländern eine bessere und prosperierende Zukunft zu ermöglichen. Zu kritisieren, dass sich demokratisch gewählte Präsidenten wie Thabo Mbeki (Südafrika), Olusegun Obasanjo (Nigeria) und Abdoulaye Wade (Senegal) Gedanken über Reformnotwendigkeiten in Afrika machen, ist nicht ganz nachvollziehbar. Außerdem sehen die Reformansätze konkrete demokratische Maßnahmen vor, welche die Teilhabe der Bevölkerung an Entscheidungsprozessen verbessern sollen. Vor allem muss dafür gesorgt werden, dass die afrikanischen Regierungen die Initiative in die Parlamente bringen, damit eine breite nationale Debatte darüber stattfindet und der Wille des Volkes bei den nationalen Reformen und bei entsprechender Gesetzgebung berücksichtigt werden kann.

Auch ist es dringend notwendig, dass die neue Entwicklungsstrategie der afrikanischen Öffentlichkeit insgesamt zur Diskussion gestellt wird. Dies haben die afrikanischen Politiker auf dem G-8-Gipfel als höchste Priorität herausgestellt. Es darf aber nicht übersehen werden, dass in einigen afrikanischen Staaten diese Diskussion bereits intensiv geführt wird. Wissenschaftler, Intellektuelle, die Privatwirtschaft, Verbände, Bürgerorganisationen und die Medien haben die Aufgabe, sich an dieser Diskussion zu beteiligen.

Eine Frage halte ich durchaus für berechtigt, nämlich die, ob es richtig war, dass die afrikanischen Reformer schon im letzten Jahr die Diskussion mit den G 8 gesucht haben, also noch bevor eine intensive Diskussion in Afrika stattgefunden hat. Falsch wäre es aber auch gewesen, den Wunsch der NePAD-Staaten nach Unterstützung ihrer neuen Entwicklungsstrategie durch die G 8 zurückzuweisen.

Chancen

Bei aller Skepsis, die auch ich aus verschiedenen Gründen habe, überwiegen für mich eindeutig die Chancen der NePAD: Mehr als 20 Jahre nach dem Lagos Plan of Action ist der Wille zu Lösungen afrikanischer Probleme unter afrikanischer Federführung deutlich spürbar geworden, wenn auch allen klar ist, dass es sich weniger um panafrikanische als zunächst nationale und regionale Reformschritte handeln muss. Die klaren Aussagen der NePAD zu Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sind allein sicher nur ein kleiner Schritt zu mehr Demokratie in Afrika. Aber der KSZE-Prozess hat gezeigt, dass solche Visionen zu echtem sozialem Wandel beitragen können, wenn Parlamentarier und eine aktive Bürgergesellschaft beharrlich auch zu ihrer Umsetzung beitragen.

Schließlich ist NePAD eine Chance, das Verhältnis zwischen Afrika und anderen Teilen der Welt neu zu definieren. Die G 8 haben auf ihrem Gipfel in Genua entschieden, sich auf dieses Angebot einzulassen und die Initiative durch einen konkreten Aktionsplan zu unterstützen.

 

Der G-8-Aktionsplan – Stärkung der afrikanischen Reformer

Der G-8-Afrika-Aktionsplan(4) ist in der Geschichte der G 8 einmalig. Zum ersten Mal wurde ein Entwicklungskontinent Partner für eine weit reichende Initiative der G 8. Der Aktionsplan wurde am 27. Juni 2002 auf dem G-8-Wirtschaftsgipfel in Kananaskis/Kanada in Anwesenheit von vier afrikanischen Staatschefs, Bouteflika/Algerien, Obasanjo/Nigeria, Wade/Senegal und Mbeki/Südafrika, sowie des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Kofi Annan, verabschiedet. Er geht auf den G-8-Gipfel in Genua im Juli 2001 zurück, auf dem die Staats- und Regierungschefs der G 8 beschlossen hatten, ein Programm zur Unterstützung der afrikanischen Reforminitiative „New African Initiative“ – inzwischen umbenannt in „New Partnership for Africa´s Development“ (NePAD) – zu erstellen. Die Aufgabe wurde persönlichen Beauftragten der G-8-Staats- und Regierungschefs übertragen, die im Rahmen einer Serie von intensiven Konferenzen und in einem sehr engen Konsultationsprozess mit den afrikanischen NePAD-Beauftragten den Aktionsplan entworfen haben. Die G-8-Afrika-Beauftragten bleiben ein weiteres Jahr im Amt, um den intensiven Dialog mit den afrikanischen NePAD-Beauftragten fortzusetzen.

Mit dem Afrika-Aktionsplan haben die Staats- und Regierungschefs der G 8 auf die zukunftsorientierte NePAD-Initiative geantwortet. Er ist ein Programm zur breit angelegten Förderung afrikanischer Eigenanstrengungen zur Umsetzung von Demokratie, guter Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit und Modernisierung ihrer Volkswirtschaften. Als zentrale Anliegen der Bundesregierung konnten in dem Plan folgende Punkte verankert werden: Bis 2003 Erarbeitung eines gemeinsamen Planes mit den afrikanischen Staaten zur Förderung afrikanischer Krisenpräventions- und Interventionskapazitäten, Unterstützung bei der Umsetzung afrikanischer Verpflichtungen zur Beachtung der Menschenrechte einschließlich der Geschlechtergleichstellung. Festhalten am Ziel der Öffnung der G-8-Märkte für Erzeugnisse aus Entwicklungsländern und Abbau handelsverzerrender Subventionen, gezielte Förderung beim Ausbau der politischen und wirtschaftlichen Integration der afrikanischen Regionen, Sicherstellung ausgeführter Potentatengelder, Erleichterung für afrikanische Staaten beim Zugang zum globalen Gesundheitsfond, konsequente Umsetzung der Entschuldungsziele der ärmsten Entwicklungsländer und dafür Bereitstellung von zusätzlich 1 Milliarde US-Dollars zur Deckung der Kölner Schuldeninitiative (HIPIC) auf deutsche und britische Initiative. 400 Millionen US-Dollars sind für zusätzliche multilaterale Entschuldung als Anreiz für Länder mit guter Regierungsführung.

Die Kernaussage des Aktionsplans ist: Wir bieten denjenigen Ländern, die ernsthafte und durchgreifende Reformen angehen, langfristige und nachhaltige Unterstützung an. Darin liegt der innovative Ansatz des Aktionsplans: die selektive und gezielte Förderung derjenigen afrikanischen Staaten, deren Regierungen nicht nur verbal für Demokratie und Menschenrechte eintreten, sondern diese auch glaubwürdig in die Tat umsetzen. Bei der Auswahl dieser Länder wollen wir die Ergebnisse der „African Peer Review“ einbeziehen.

 

Reformen bei den G-8-Ländern  Der Afrika-Aktionsplan sieht andererseits auch Reformen bei den G-8-Ländern und im internationalen System vor. Dazu gehört die Bekämpfung des illegalen Waffenhandels nach Afrika sowie der illegalen Ausbeutung von Rohstoffen und anderen Reichtümern zur Finanzierung bewaffneter Konflikte. Von herausragender Bedeutung ist die Ankündigung, den Marktzugang für afrikanische Produkte „substanziell“ verbessern zu wollen. Allerdings konnten sich die USA, Japan und Kanada dem EU-Beschluss noch nicht anschließen, den ärmsten Ländern (LDC) zoll- und quotenfreien Zugang für alle Produkte zu gewähren („Everything But Arms Initiative“). Auch heimische Produktionssubventionen, die den Handel verzerren, sollen „substanziell“ verringert werden. In Kananaskis stand US-Präsident George W. Bush unter deutlicher Kritik an seinen jüngsten gegenläufigen Agrarsubventions-Beschlüssen. Sehr wirksam könnte die Ankündigung der G 8 sein, die Zusammenarbeit beim Aufspüren von Fluchtgeldern zu verbessern und die OECD-Konvention gegen Bestechung sowie Anti-Korruptionsprogramme umzusetzen. Weiter wollen sich die G 8 für die rasche Verabschiedung von UN-Konventionen gegen die Korruption und gegen das transnational organisierte Verbrechen stark machen.

Obwohl der G-8-Afrika-Aktionsplan ein politisches Programm zur Unterstützung der Eigenanstrengungen afrikanischer Staaten ist, war von vorneherein klar, dass diese Unterstützung auch Geld kosten wird. Deshalb beschlossen die Staats- und Regierungschefs, dass 50 Prozent und mehr der in Monterrey angekündigten zusätzlichen Finanzen an die afrikanischen Staaten gehen können, in denen Rechtsstaatlichkeit herrscht, die in die Menschen investieren und die unternehmerische Freiheiten gewähren. Angesichts der Tatsache, dass zwei Drittel der ärmsten Menschen in Asien leben, war dies kein einfacher Beschluss. Für die Jahre 2002/2003 stellt Deutschland jetzt schon insgesamt 1 Milliarde Euro für die Entwicklung Afrikas bereit. Davon sind zur Umsetzung des Aktionsplans und zur Unterstützung von NePAD-Entwicklungsvorhaben in diesem und im kommenden Jahr insgesamt 110 Mio. Euro vorgesehen.

Die unmittelbar nach dem G-8-Gipfel laut gewordene Kritik an angeblich mangelnden Finanzzusagen ist – jenseits der eben dargelegten Zahlen – deshalb ein Besorgnis erregendes Zeichen, weil die Kritiker in altem Denken verhaftet bleiben, welches Afrika vorwiegend als Hilfeempfängerkontinent sieht und nicht erkennen will, dass afrikanische Reformer sich anschicken, die afrikanische Bittstellerrolle abzustreifen.

 

G 8 – Follow up  Die Staats- und Regierungschefs der G 8 haben das Mandat der G-8-Afrika-Beauftragten um ein weiteres Jahr verlängert, um den Dialog mit NePAD fortzusetzen und dem G-8-Gipfel in Frankreich 2003 einen Bericht zur Umsetzung des Aktionsplans vorzulegen. Damit werden im zweiten Halbjahr des kanadischen und unter dem nächstjährigen französischen Vorsitz weitere Treffen der G-8-Afrikabeauftragten mit den NePAD-Beauftragten stattfinden. Dies ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass der G-8-Gipfel von Kanada der Beginn dieser neuen Partnerschaft war und nicht, wie manche Kritiker meinten, lediglich ein Gipfel mit leeren Versprechungen.

 

Bewertung des G-8-Afrika-Aktionsplanes  Die afrikanischen Staatschefs, die am G-8-Gipfel teilnahmen, haben den G-8-Afrika-Aktionsplan als einen neuen Rahmen für die Kooperation zwischen den afrikanischen und den Industrieländern begrüßt. Sie würdigten die Verabschiedung des Dokuments als historischen Augenblick, in dem der gemeinsame Wille zu einer neuen Partnerschaft der Welt bekundet wurde. Diesen Geist trägt der Afrika-Aktionsplan, der zum Ausdruck bringt, dass die G 8 ein starkes Afrika wollen, dass Frieden und Stabilität auf dem Kontinent einkehren, Afrika sein großes wirtschaftliches und kulturelles Potenzial ausschöpft, die Menschen ihre Kreativität freiheitlich entfalten können und die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige und wirtschaftliche Entwicklung geschaffen werden. Dazu gilt es ganz besonders, den afrikanischen Reformpolitikern den Rücken zu stärken, damit sie von den beharrenden, strukturkonservativen, antidemokratischen und diktatorischen Kräften nicht ausgebootet werden. Wer es von den afrikanischen Politikern ernst meint mit einer durchgreifenden Reformpolitik, dem wird eine besonders enge Partnerschaft angeboten – langfristig und nachhaltig.

 

1

Siehe z. B. „Memorandum zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik. Frieden und Entwicklung durch strukturelle Stabilität, Oktober 2000“. Ulf Engel, Robert Kappel, Stephan Klingebiel, Stefan Mair, Andreas Mehler, Siegmar Schmidt: Institut für Afrikanistik der Universität Leipzig, Burgstr. 21, 04109 Leipzig.

2

NePAD-Dokument: www.nepad.com.

3

Wie diese Summe zu Stande kommt, geht leider aus dem Dokument nicht hervor.

4

G 8-Afrika-Aktionsplan: www.G 8.gc.ca/kan_docs/afraction-e.pdf.