Ereignisse & Meinungen:

 

Deutschland, Deutschland, unter anderen ...

 

Redaktion: Balduin Winter

 

Der große Steuermann der CSU, Dr. Edmund Stoiber, formulierte in seiner Rede am 26. Juni 2002 im Französischen Dom in Berlin der deutschen Nation ins Poesiealbum: „Die Zukunft eines Volkes liegt in der Entfaltung seiner Kreativität.“ (www.zeit.de/reden/) In Wahlkampfzeiten wolle er „über den Horizont einer Legislaturperiode hinausschauen“, die ohnehin nur „statt Aufbruch enttäuschte Hoffnungen“ gebracht habe: „Die Ängste und Sorgen vieler Deutscher sind vielfach sehr real – drohender Verlust des Arbeitsplatzes, sozialer Abstieg, Nicht-mithalten-Können im raschen Wandel. Das vorherrschende Gefühl ist: Die Gegenwart sei schwieriger, die Zukunft ungewisser. Die guten Jahre lägen hinter uns.“ Die skeptische Stimmung resultiere aus der Schlusslichtposition Deutschlands, für die der „Dritte Weg“ und die „Neue Mitte“ verantwortlich zeichnen. „Diese dumpfe Ahnung wird gestützt durch die Fakten des internationalen Vergleichs. Neue Aufsteigernationen in Europa und der Welt haben Deutschland überholt. Viele Pfeiler der Stabilität Deutschlands sind brüchig geworden. International wird Deutschland Verdrängung, Verkrustung und Unbeweglichkeit attestiert. Im Ausland ist ‚die deutsche Krankheit‘ ein geflügeltes Wort.“

Die WSI-Nachrichten 6/2002 der Hans-Böckler-Stiftung befassen sich in einer makroökonomischen Studie mit der „Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im internationalen Vergleich“. „Für das Jahr 2001 bestätigt sich die Schlusslichtthese dabei tendenziell für alle Indikatoren“, heißt es da in der Bestandaufnahme. „Deutschland lag beim Wachstum innerhalb der Gruppe der EU-12-Länder nur noch vor Finnland auf dem 11., beim Abbau der Arbeitslosigkeit nur noch vor Österreich und Portugal auf dem 10. und beim Haushaltsdefizit tatsächlich auf dem letzten Platz.“ Doch die Langzeitstudie (Dekadenschritte seit 1961) zeigt einiges mehr auf als diese Fakten. „Bezüglich der Wachstumsraten des BIP zeigt sich zunächst, dass Deutschland im langfristigen Vergleich in den letzten vier Jahrzehnten eigentlich immer hintere Platzierungen einnahm. Mit Ausnahme der Periode von 1981 bis 1990, in der ein 8. Platz erreicht wurde, waren 10. und 11. Plätze beim Wirtschaftswachstum für Deutschland der ‚Normalfall‘. Durchbrochen wurde diese Tendenz bei etwas detaillierterer Betrachtung innerhalb der 90er Jahre durch den ‚Einheitsboom‘ in der ersten Hälfte der 90er Jahre (Platz 4), in der zweiten Hälfte erfolgte dann allerdings ein umso stärkerer Rutsch auf den 12. Rang.“ Auch bei anderen Faktoren verhält es sich so, dass Deutschland mit Vorsprüngen ausgestattet war, die sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren halbwegs ins EU-Niveau eingependelt haben, wobei es nach wie vor im Export eine Spitzenrolle einnimmt, bei der absoluten Arbeitslosenrate an 7. Stelle liegt und die großen Länder Frankreich, Italien und Spanien hinter sich lässt. Einen finanzpolitischen Knackpunkt mit größeren ökonomischen Folgewirkungen findet die Studie zudem noch heraus: „Durch die Herstellung der Europäischen Währungsunion hat Deutschland den mit der Rolle einer regionalen Leitwährung im Rahmen des Europäischen Währungssystems (EWS) verbundenen Zinsvorsprung gegenüber den anderen Ländern verloren.“ Die Autoren deklinieren diesen Umstand mit anderen Komponenten durch (Tendenz einer allgemein fallenden bereinigten Lohnquote, im Verhältnis zu anderen EU-Ländern höhere Abhängigkeit von der US-Konjunktur, seit 1994 unters EU-Niveau gesunkene öffentliche Investitionen), um zur differenzierten Interpretation zu gelangen, in der unausgesprochen eines durchschimmert: der sinkende Gestaltungsspielraum, den Politik etwa seit den Achtzigerjahren auf die Ökonomie hat. Ein sperriges Thema für den Wahlkampf. Denn wer immer am 22. September die Wahlen gewinnen wird: Ob Eichel/Müller oder Späth, an der derzeitigen wirtschaftlichen Struktur wird niemand etwas Grundlegendes verändern. Das einstige Wirtschaftswunderland ist in der Normalität angekommen; das „politische Wunder“ der Wiedervereinigung hat ihm fürs Erste einen Stiefel verpasst, der frühere Höhenflüge verunmöglicht.

 

Politisch steuerbare Entwicklungen, die sich positiv auf die Wirtschaft niederschlagen könnten, ließen sich am ehesten durch einen höheren Integrationsgrad Europas erwirken. Stefan Collignon, Professor an der London School of Economics, diagnostiziert die „Achillesferse der Europäischen Union“ in „einer wachsenden Kluft zwischen den Anforderungen eines voll integrierten Wirtschaftsraumes und einer unzureichenden Integration politischer Entscheidungen“ (ZEIT, 25.4.). Nach einer Skizze des relativ stabilen Binnenmarktes und der Feststellung, dass Euroland „weniger krisenanfällig (ist), als es das ehemalige Europa der vielen Geldnationen war“, kommt er zum Resultat, „dass seine Bürger im Durchschnitt heute 11 Prozent reicher sind als vor vier Jahren und zugleich fast zehn Millionen neue Jobs geschaffen wurden.“

Nun werden die einen dies als Leistung der Nationalstaaten und ihrer Regierungen, die anderen als Leistung der Union und ihrer Institutionen verbuchen wollen. Moment mal. Collignon führt weiter aus: „Der wirtschaftliche Fortschritt ist jedoch eher auf strukturelle Verbesserungen als auf gutes Politikmanagement zurückzuführen: Die deutsche Regierung blockiert die Integration des Kapitalmarktes, die französische die Öffnung des Energiesektors, die englische eine Harmonisierung der Steuern. Deutschland konzipierte eine Steuerreform ohne Abstimmung mit den Kollegen in der Eurogruppe. Frankreich senkte seine Mineralölsteuer sogar gegen deren Wunsch. Die EZB reagierte darauf mit höheren Zinsen, und die Arbeitslosen bezahlen die Zeche der Nationalstaatlichkeit. Europas Politiker tun sich schwer, europäisch zu denken. Warum sollten sie auch? Sie werden ja national gewählt.“

Nun üben diese Politiker meist schon jahrelang ihre Jobs aus, sind also vertraut mit Brüssel und der europäischen Politik als Parallelthema. In einer Phase stürmischerer politischer und ökonomischer Krisen hat sich jetzt in Europa ein Ungeist des Kantonismus erhoben, in der Politiker, die es besser wissen müssten, wieder Nebelkerzen des Nationalen verfeuern. Das „Ende des sozialdemokratischen Zeitalters“ (Ralf Dahrendorf)? Die jüngste Wahlrunde (Dänemark, Niederlande, Frankreich) hat die Tendenz zur Renationalisierung deutlich aufgezeigt.

Im deutschen Wahlkampf taucht Europa in zwei Formen auf. Entweder wird es in ungefährer Unbestimmtheit positiv beschworen – das ist die Sonntagsredenvariante – oder es wird in Sachen Kosten und Kompetenzen kritisiert bis verflucht. Ein Beispiel ist die jüngst von EU-Kommissar Fischler vorgeschlagene Agrarreform. Helmut Bünder analysiert sie in der FAZ vom 11.7., dass durch sie eine Landwirtschaft subventioniert werden soll, „die im Einklang mit der Natur steht“, und zielt dann auf Schröder: „Die von Schröder lautstark verlangte Entlastung Deutschlands bei der Finanzierung der Ost-Erweiterung ist vorerst nicht in Sicht. Der Kanzler hat sich in eine Sackasse manövriert. Bei aller berechtigten Kritik an den Auswüchsen und den hohen Kosten der Agrarpolitik wird er im Falle eines Wahlsieges zurückstecken müssen. Ebenso wenig wie sein Herausforderer Stoiber könnte es sich Schröder leisten, die Erweiterung abhängig zu machen von der Durchsetzung deutscher Reformwünsche. ... Schröder hat sich auf ein riskantes Spiel eingelassen. Er reduziert das größte politische Projekt in der EU-Geschichte auf die Kostenfrage ...“ Als amtierender Ratspräsident, führt Bünder weiter aus, hatte Schröder 1999 maßgeblichen Anteil an der EU-Agrar- und Strukturpolitik, deren finanzielle Vorgaben in der Höhe von 40 Milliarden Euro für die Erweiterung bis 2006 gelten. Diese Kostendiskussion ist nur heiße Luft oder Auftakt einer Debatte, die in drei Jahren neu zu verhandeln ist.

Und Stoiber bei Chirac? Die beiden vertragen sich wirklich so gut? Im selben Kommentar stellt Bünder fest: „Denn auch Stoiber will nicht auf Dauer hinnehmen, dass deutsche Steuerzahler für die Bauern in Frankreich oder Dänemark bezahlen, obwohl die Pro-Kopf-Einkommen dort kaum niedriger oder sogar höher sind als hierzulande. Eine solche Agrarpolitik hat als Klammer der europäischen Integration ausgedient.“ Das hat Stoiber in der „deutschen Union“ mit seinen Forderungen im Zuge des Finanzausgleichs der Länder bereits vorexerziert.

 

Ihr Verhältnis zu Europa programmatisch formuliert haben die Unionsparteien im Papier „Vorschläge für einen Verfassungsvertrag mit einer Neuverteilung der Zuständigkeiten zwischen der EU und ihren Mitgliedstaaten“ vom 26. November 2001, dem so genannten Schäuble-Bocklet-Papier, das Michael Mönninger im Merkur 639 (Juli 02) als „den bislang profiliertesten deutschen Beitrag zur EU-Reform“ bezeichnet, der „den auf dem gesamten Kontinent verbreiteten Euroskeptizismus am intelligentesten formuliert“. Die Verfasser des Papiers werden sich des Lobes nicht allzu sehr freuen können, überschreibt der Autor seinen Aufsatz doch mit: „Europanik – die Politik der dummen Kerls“. Den Essay könnte man noch mit einem Interview mit Wolfgang Schäuble am 2.7. in der FR illustrieren, worin er, als braver Wahlkämpfer, die rotgrüne Europapolitik herunterputzen muss und abenteuerliche Haken schlägt. Nur Kohl habe „immer eine klare Linie gehabt und den Mut, Entscheidungen durchzusetzen“; der Außenminister habe zwar „interessante Reden“ gehalten, dafür aber „gebührenfrei – wesentliche Teile aus dem CDU/CSU-Programm für die Europawahlen übernommen“; in ihrer europapolitischen Rollenverteilung hätten Schröder und Fischer „die gespaltene Zunge zum Erfolgsprinzip“ erhoben, die Union aber wolle (kennt man das nicht von weiter östlich?) „mit einer Stimme sprechen“. Zauberwort: Kompetenzordnung. Davon handelt auch das Schäuble-Bocklet-Papier über 44 Seiten bis ins ermüdende Detail. Mönninger spitzt die christliche Kompetenzenhuberei des Papiers auf ein ironisches Paradoxon zu. „Am wichtigsten freilich ist der CDU/CSU-Vorschlag, die bislang unterentwickelte europäische Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik vollständig auf Brüssel zu konzentrieren, was tendenziell auf eine Auflösung des Auswärtigen Amtes sowie Teilen der Bundeswehr hinauslaufen würde.“ Das könnte uns immerhin im Falle eines Stoiber-Sieges einen Außenminister Gerhardt ersparen ... „Weitaus problematischer ist das von den Bayern vorgeschlagene Kompensationsgeschäft, den Mitgliedstaaten und Regionen nahezu Alleinzuständigkeiten in der Steuer-, Sozial- und Innenpolitik sowie bei der Regionalförderung, Polizei- und Justizarbeit, Zuwanderung und Beschäftigung zurückzugeben. Wenn sich zudem in einer neuen Bundesregierung des Kanzlers Edmund Stoiber die Grundprinzipien von Schäuble-Bocklet durchsetzen, dass die EU weiterhin ‚auf Nationalstaaten aufbauen und kein Staat im herkömmlichen Sinn‘ sein wird, dass die ‚grundsätzliche Zuständigkeitsvermutung bei Mitgliedsstaaten‘ liegt und auch die ‚intergouvernementale Zusammenarbeit vorläufig unverzichtbar‘ bleibt, wird der alte Kontinent, zumindest was Deutschlands Beitrag angeht, seine gesamteuropäische Zukunft bald hinter sich haben.“

Zurück ins nationale Lotterbett. Dabei hat Mönninger gar nicht den entscheidenden Satz zitiert. Im christdemokratischen Papier ist nicht nur die Rede vom Aufbau Europas auf Nationalstaaten, sondern auch von deren entscheidender Funktion: „Ihnen muss die Zuständigkeit für die Verteilung der Aufgaben zwischen europäischer und nationaler Ebene vorbehalten bleiben. Die Bindung der Menschen an ihre Nationalstaaten, die ein wesentliches Ergebnis europäischer Geschichte ist, bleibt unverzichtbar.“

Nun dann, Deutschland, Deutschland. Als derzeitiges „Schlusslicht“ halt nicht über alles, sondern unter allen. Obwohl es eigentlich reicht: Deutschland, unter anderen ...