Es gab Zeiten, als man sich in westlichen Wirtschaftskreisen über die "Bubblegum"-Ökonomien in Südostasien das Maul zerriss und die eigene Solidität lobte. Die Turbulenzen am und im "neuen Markt" zeigen nun, dass der westliche Kapitalismus nicht weniger blasenanfällig ist, dass also die Illusionen über die segensreichen Wirkungen der Marktkräfte wieder einmal zu platzen pflegen. Schauen wir jetzt, ein paar Wochen nach der Verabschiedung der riesterschen Rentenreform, ganz kurz auf das Thema Sicherung der Rente. Glaubt ernstlich noch jemand, die Anbindung an den Kapital- und Aktienmarkt führe naturwüchsig zu weiterem Wachstum und großer Stabilität? Die Kapitalvernichtung am "neuen Markt" (jedenfalls was den Nennwert der Aktien angeht, manche Leute verwechseln das noch immer mit Wertschöpfung!) betrug innerhalb von wenigen Wochen an die 200 Milliarden Euro. Beim Sturz der "Volksaktie" Telekom wurde dieser Betrag unlängst weit übertroffen. Jetzt empören sich Kleinaktionäre und ihre Verbände, weil sie sich durch falsche Versprechungen und Informationen betrogen sehen. Von Lug und Trug im Einzelfall einmal abgesehen (siehe dazu Werner Rügemers Recherche über einen typischen Fall S. 20), lebte jedoch die ganze "neue Aktienkultur" von der Illusion eines Es-wird-immer-weiter-aufwärts-Gehens, und es wurde so getan, als vermehre sich das eingesetzte Kapital an der Börse wie die Fliegen im Hochsommer. Einem in der Wolle gewirkten Konservativen (wie Georg Paul Hefty in der FAZ, 25.8.01) nimmt man natürlich ab, dass ihm "Performance", "Start-up-Jungunternehmer", "Fonds-Gurus" und "Analysten" lange schon so suspekt waren wie der Glaube an das "schnelle Geldmachen". Nun sieht er das "beginnende Missverhältnis von Arbeitsertrag und Spekulationsertrag ... volkserzieherisch nachhaltig korrigiert".
Mit der Volks-"Erziehung" ist das jedoch so eine Sache. Man macht in Monaten markiger Kampagnen nicht ohne Schaden aus dem "Volk der Sparbuch- und Bausparer" "eigenverantwortliche Aktionäre" einer "freien Marktwirtschaft". Letztere ist im Zweifelsfall eben auch so frei, wider jede "Vernunft" nicht nur Kapital zu vernichten, sondern Arbeit, Arbeitsproduktivität und eine Menge von Arbeitsvermögen dazu. Das Vertrauen in die Heilswirkungen des Kapitals mag eine solche Entwicklung zwar erschüttern, sie führt aber leider nicht zwangsläufig zum Zuwachs eines kritischen Bewusstseins und damit etwa in die bewegten Arme umtriebiger Globalisierungsgegner (über deren unterschiedliche Wahrnehmung sich in diesem Heft übrigens schöne Beiträge finden lassen siehe S. 12, 21, 26, 30 u. 41) oder an die Seite der Bündnisgrünen. Die besetzten auch einmal das kapitalismuskritische "Feld", haben sich mit ihrem führenden Personal in den letzten Jahren jedoch darauf kapriziert, "positives Denken" einzustudieren, ohne dabei die immer heftiger werdende Diskrepanz zwischen Regierungshandeln und Weiterdenken zu thematisieren. Zoltán Szankay beklagt nun beim Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm neben der Tendenz zur seitenweisen Referierung kritischer Forschung vor allem die Abwesenheit eines Bewusstseins für den politischen Konflikt und den unreflektierten Abschied von einmal konstituierenden Programmelementen der Grünen (S. 41 hier sei an eine Artikelserie über die Erosion begründender grüner Prinzipien von Willfried Maier erinnert: Kommune3, 4, 5 + 7/96). In dem Programm-Entwurf herrscht im Übrigen die Atmosphäre stinklangweiligen Wortreichtums, in dem knallharte Realität teils wie ausgesperrt erscheint.
Zu dieser Realität gehört etwa, dass die Ost-West-Wanderungsbewegung trotz Solidarpakt II absehbar zunimmt, dass im Osten die Anzahl der Sozialhilfeempfänger bei weiter steigender Arbeitslosigkeit naturgemäß steigt (während sie, hallo Koch!, im Westen schon wieder sinkt), dass zwei Drittel (im Osten) den Osten "auf der Kippe" sehen, und (weiter nach Allensbach, FAZ, 15.8.01) knapp 60 Prozent der Ostdeutschen unter 30 Jahren das "Marktwirtschaftssystem" als "Gesellschaft ohne Menschlichkeit" wahrnehmen. Dieses Gefühl mit "Weinerlichkeit" oder "Ostalgie" zu erklären, weil jene noch immer verkennen, wie toll und frei es im Westen zugeht, ist schon aus biografischen Gründen nicht plausibel. Auf dem Hintergrund der viel gepriesenen "neuen Ökonomie" betrachtet, ist eine solche Denunziation so etwa das Dümmste, was den Verteidigern des Westens so einfällt. Zwar ist die "Abwicklung der DDR" ein Sonderfall der Ökonomie- und Politikgeschichte (und er ist es noch immer), dieser Sonderfall aber hat sich mit einem ungebremsten und ungeklärten Prozess der Deindustrialisierung verbunden, in dem wir, wie Wolfgang Kil im "Thema" dieses Heftes andeutet, vielleicht schon den Vorschein kommender Rationalisierungsschübe in den alten Bundesländern erkennen können.
Was die Entwertung oder Umwälzung von
Strukturen und Lebensläufen im Alltag der neuen Bundesländer
bedeutet, davon konnten die Leserinnen und Leser dieser
Zeitschrift in Wilhelm Paulis Rubrik "Die
Ostlichterkette" in bislang 100 Kerzen (seit Heft 6/93
ohn Unterlass) einiges erfahren. Diese "Kette"
aus Beharrung und Widerständigkeit, aus kleinen Niederlagen und
Siegen, die unseren Autor zu den kulturrevolutionärsten
Ereignissen in abgelegenste Orte und Gebiete führte, gehört zum
Preisenswertesten eines ost-westlichen Dialoges, ein "Lob
des Ostens" eben. Bislang hat das kombinatorische Potenzial
dieser "Kette" leider noch kein Lektor und Verlag
entdeckt.
Michael Ackermann