Eine Woche nach den Genueser Ereignissen erlebt das verschlafene Triest seine größte Demonstration seit Jahren. "Hinter einem großen Transparent", schreibt Volker Breidecker in der SZ am 28.7., "und unter der Begleitung der Musik von Pink Floyd und den Liedern des verstorbenen genuesischen Cantautore Fabrizio di André ziehen Tausende von Einwohnern aller Altersgruppen, von Kindern bis zu Greisen, durch die Stadt. Auf dem Transparent stand nur ein Wort: Vergogna (‚Schande‘). Mehr war jetzt auch nicht zu sagen."
Manch ein Zeitgenosse würde darin nur ein moralisierendes Ritual sehen. Dagegen erweist sich ein New Yorker Software-Entwickler auf der Höhe der Zeit, der die Riots als blutiges Videospiel vermarktet (www.rockstargames.com/uploads/SOE_gameplay.mov). Es simuliert einen "nationalen Notstand": Nachdem militante Globalisierungsgegner in Seattle das Gebäude der American Trade Organisation in Schutt und Asche gelegt haben, geht es zum ultimativen Schlachtfest Bullen versus Randalierer, beide wundersam artifiziell bewaffnet. Anything goes. "Die Spiele-EntwicklerInnen stritten gegenüber Reuters natürlich eine Verbindung zu Seattle ab, es handele sich schließlich nur um Fiktion." (http://de.indymedia.org:8081/2001/06/2712.html)
Ums ultimative Großreinemachen ging es auch manchem Kommentator. Mit einem Video-Spiel soll sich Thomas Schmid seine "Trübe Romantik" in der FAZ am 21.7. etwas aufhellen, der pauschal gegen die Protestierer als Robin Hoods loszieht: Da hat sich der dumpfe Rest der Welt gegen die globalisierenden Weltenerheller verschworen. Blumig bricht er eine Lanze für den "oft rücksichtslosen Elan einer durch Christentum und Aufklärung genährten Moderne" im Kampf gegen die Armut, die ..., ist das fad. Milton Friedman hat das etwas konkreter und gewohnt aggressiv in einem Interview formuliert: "Gerade der Preiswettbewerb kommt den armen Ländern doch zugute. Wenn man in der Dritten Welt die Löhne erhöht, gibt es keinen Grund mehr, ausgerechnet dort fertigen zu lassen. Wenn ein amerikanischer Unternehmer dort genauso viel zahlen muss wie in den USA, kann er auch gleich zu Hause produzieren. Und außerdem: Wer von den jungen Demonstranten will denn selbst hohe Preise für Textilien zahlen?" (ZEIT, 21.6.) Richtig, das ist nicht so unklar dahingeraunt, wenn es um die ein wenig ärmeren Länder geht! – Einen weiteren Riot Award erhält Willi Winkler für seine Globalpoesie in der SZ am 23.7.: "In Genua ... hat der moderne, der ökumenische Kirchentag stattgefunden. Die Anbeter des Geldes feierten bei ihrem Jahrestreffen ihren einzigen Lebensinhalt, das schöne, ferne Geld ... Draußen führten die Atavisten ihre Ethno-Tänze auf. Auch sie fielen nieder vor dem Mammon, schmähten das Geld aber, statt es zu lobpreisen, schlugen auf seine Götzenbilder ein und wollten zum wahren Glauben zurückfinden. Die Welt droht wieder fromm zu werden. In Genua begann am Wochenende eine Gegenreformation." Hm. Da scheint die Globalisierung schlimme Nebenwirkungen zu zeitigen ...
Die eingangs skizzierten Geschichten werfen nur Schlaglichter auf Extremseiten eines Widerspruchs. Der freilich nicht einfach überzeichnet wird, nur weil etwa die Medien, die "seriösen" nicht ausgenommen, nach immer geileren Storys gieren. Die Widersprüche der jüngsten Entwicklung haben bislang unbekannte Ausprägungen angenommen. Das ist die Stunde der Schwarzseher und Heilsbringer.
Tiefschwarz ist die Skepsis von Wolfgang Sofsky vom Max-Planck-Institut für Geschichte an der Universität Erfurt. Er misstraut "universalen Illusionen" (taz, 11.8.), die er, nach dem Ende der großen Erzählungen, in zwei Kurzgeschichten sieht: Eine von der Globalisierung und eine von Armut und Chaos. Die Spaltung der Welt mit zunehmender Globalisierung wird auch in der Wissenschaft nicht geleugnet. Günter Joetze, Leiter der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, referiert auf einer Tagung: "Zwischen diesen [den nicht vernetzten Staaten, B.W.] und den globalisierten Gesellschaften der OECD finden Prozesse der Marginalisierung und Entfremdung statt." Und an anderer Stelle: "Gleichwohl ist unverkennbar, dass sich die vernetzte Welt lieber auf ihre eigenen Institutionen stützt (G7, NATO, EU, Europarat) und nicht auf die systemübergreifenden (UN, aber auch OSZE), es sei denn, sie sind beherrschbar, wie Weltbank und IWF. ... Aber die Möglichkeit einer Ordnung durch Teilung der Welt war noch nie so klar zu erkennen." (Außen- und sicherheitspolitische Aspekte der Globalisierung, Loccum, 10. bis 12. Dezember 1999) An Joetzes nüchterne Analyse der Spaltung knüpft Sofsky sein deprimierendes Bild. Die Bewohner der Wohlstandsinseln reagieren "mit Ignoranz, Idealismus oder Imperialismus. Wer dem freien Markt der internationalen Konzerne misstraut, setzt auf den Export der Demokratie". Eine Illusion, angesichts des Egoismus der Reichen und des Mangels an Voraussetzungen bei den Armen. "Versagt die demokratische Illusion, sucht der Idealismus Zuflucht im Großprojekt Weltstaat." Den putzt Sofsky noch gründlicher herunter, entweder als "gewaltige Agentur der Repression" oder als "Projekt allumfassender Gleichartigkeit", Fluchtort bliebe da nur noch der Mond.
Diesem globalen Kulturpessimismus könnte man einen Bestseller gegenüberstellen, der wieder einmal alle Heilserwartungen einzulösen scheint: Empire von Antonio Negri und Michael Hardt. "Für Slavoj Zizek ist Empire nichts Geringeres als ein ‚Neuschreiben des Kommunistischen Manifests für unsere Zeit‘. Empire zeige, so Zizek, schlüssig wie ‚globaler Kapitalismus Antagonismen hervorbringt, die schließlich seine Form explodieren lassen‘. Dieses Buch, so Zizek, ‚läutet die Totenglocke, sowohl für die liberalen Fürsprecher vom ‚Ende der Geschichte‘, als auch für die pseudo-radikalen Cultural Studies, die die richtige Auseinandersetzung mit dem heutigen Kapitalismus scheuen‘." (Freitag, 17.8.) Es muss wohl, wie ein US-Wissenschaftler zitiert wird, eine "neue historische Erzählung" sein, ironisiert Ellen Spielmann, die "den Wust an unheilbeladenen poststrukturalistischen Analysen zusammenfasst". Man darf gespannt sein ...
Etwas konkreter lässt sich Seyla Benhabib von der Havard University (NZZ, 6.8) auf das von Sofsky angesprochene Problem ein, die Staatsfrage. "Was also ist die Alternative zum gegenwärtigen schwindenden Nationalstaatensystem? Eine res publica mundialis oder global.com? Eine Weltrepublik oder ungezügelte kapitalistische Expansion, welche die Nationalstaaten ebenso unterminiert wie demokratische Kontrollen, die ihr im Wege stehen?" Glatte Lösungen verwirft sie und wägt skeptisch ab: "Wir sehen uns dem echten Risiko ausgesetzt, dass die weltweite Bewegung von Menschen und Waren, Nachrichten und Information Individuen ohne Engagement hervorbringen wird, Industrien ohne Haftung, Nachrichten ohne öffentliches Gewissen und die Verbreitung von Information ohne ein Gefühl für Grenzen und Diskretion. In dieser ‚global.com.civilization‘ werden Personen zu E-Mail-Adressen im Raum schrumpfen, und ihr politisches und kulturelles Dasein wird im elektronischen Universum üppig wuchern, während ihre irdischen Bindungen kurzlebig, unstet und oberflächlich sein werden. Demokratischer Bürgersinn ist – Internet-Utopien von globaler Demokratie zum Trotz – mit solchen Tendenzen unvereinbar. Demokratischer Bürgersinn verlangt Engagement; Engagement verlangt Verantwortlichkeit und eine Vertiefung von persönlichen Bindungen."
Zygmunt Bauman polemisiert gegen Dampfplauderer, die von einer "Weltgesellschaft" schwätzen (Welt, 23.7.). Es mag zwar eine "Globalität des Kapitals und des Handels" geben, "derjenigen Kräfte also, die am stärksten auf die Entscheidungsfreiheit und Effizienz menschlichen Handelns einwirken". Doch gibt es auch nur im Entferntesten Mechanismen, die den Entscheidungsprozess beeinflussen, gar kontrollieren? Ein globales Sozialsystem? Eine Weltkultur? Globale Politik? Ein Weltrecht? "Am wesentlichsten in diesem Zusammenhang ist der Umstand, dass die Globalität der genannten Kräfte nicht durch eine globale Demokratie ihre Entsprechung findet"... "Globalisierung bedeutet heute die Entmächtigung der Staaten, ohne dass auch nur ein rudimentärer Ersatz für sie in Sichtweite wäre." Was denn, zurück zum Nationalstaat oder vorwärts zum Weltstaat? Bauman beruft sich auf Max Weber: "... der Geburtsakt des zeitgenössischen Kapitalismus habe in der Trennung von Geschäft und Haushalt bestanden", durch diese "Sezession" verwandelte sich die Geschäftswelt zu einer eigenständigen Welt. "Die Globalisierung könnte als zweite Sezession beschrieben werden. Wieder hat sich die Geschäftswelt der Enge des Haushalts entzogen, die nun freilich in einem imaginären Haushalt bestand, der nationalen Souveränität mit ihren wirtschaftlichen, politischen, militärischen und kulturellen Grenzziehungen." Er wendet sich dann gegen die Errichtung nationalstaatlicher Wagenburgen – dies durchaus zu verstehen auch gegen ein Europa der Nationalstaaten –, denn eine neue demokratische Qualität kann sich nicht einfach aus der Summierung des Bestehenden ergeben: "Auch der Nationalstaat war ja nicht einfach eine vergrößerte Kopie dörflicher oder städtischer Mechanismen." Da die Global Players der Wirtschaft keinen Willen zeigen, eine globale politische Bühne zu schaffen, ruft Bauman auf: "Neue Mächte sind vonnöten, um ein globales Forum zu errichten, das der Globalisierung angemessen wäre – und diese Mächte werden wohl beide herkömmlichen Streitparteien links liegen lassen müssen."
Nun knistert es also deutlich im Konjunkturgebälk der weltweiten Triade und es treten auch noch diese Protestierer auf. Diese warten natürlich nicht mit einer geschlossenen Theorie auf. Umgekehrt muss man schon von geradezu weltfremder Ignoranz wie Mariam Lau sein, um von "einer unübersehbaren Verblödung der neuen Linken" zu sprechen und den Protest "als Erbe spanischer Anarchisten" zu pauschalieren (Welt, 21.7.). Zuallererst drückt die Bewegung Protest aus. Zum Zweiten ist sie ein Kind des Internets; wer sich ein wenig in ihren Websites umschaut, kann sich vorstellen, wie zwischen Weltbankberichten, Chats, Google, Aufrufen et cetera herumgesurft wird. Zum Dritten nehmen zahlreiche Intellektuelle an verschiedenen Projekten teil. "Regulierung der internationalen Finanzmärkte für eine sozial gerechte und ökologisch tragfähige Entwicklung", lautet der Titel eines Diskussionspapiers von Anja Osterhaus (Kairos Europa) und Peter Walow (WEED), das unter www.attac-netzwerk.de/archiv/0001finanzmaerkte.html zu finden ist. "Entschleunigung der Finanzflüsse", "Neutralisierung von offshore-Zentren und Steuerparadiesen", "Haftung der Finanzanleger im Fall von Finanzkrisen (‚ball in‘)" – man merkt, dass hinter den populär formulierten Thesen keine Laien stecken. Immerhin "hat es Attac Belgien geschafft, die Tobinsteuer auf die Agenda des nächsten EU-Finanzministertreffens im September in Lüttich zu setzen" (taz, 21.8.). Unter derselben Adresse (... archiv/0011/werner_rente.html) findet sich auch eine Kritik kapitalgedeckter Rentensysteme: "Die Abhängigkeit der Rentenzahlungen vom ‚reibungslosen Funktionieren‘ des internationalen Kapitalmarkts ist den Verfechtern des Kapitaldeckungsverfahrens auch klar, wie eine Studie der Unternehmensberatungsfirma McKinsey zeigt", wird da angemerkt. Das Attac-Papier enthüllt das vom IWF als Vorzeigeprojekt empfohlene chilenische Rentenmodell: "Von 1983 ist der Anteil der Mitglieder, die regelmäßig ihren Beitrag zahlen können, von 71% auf 45% gefallen." ... "Die Pensionen, die mehrheitlich von diesem System zu erwarten sind, werden lediglich für zwei, drei Jahre reichen."
Das mag man für richtig oder falsch oder sonst was halten, es zeigt eines: Man hat es nicht einfach mit "trüber Romantik" oder gar mit "verblödeten Anarchisten" zu tun, auch sehr wenig mit "Ethno-Tänzern", Randalierern oder mit Globalisierungsverhinderern. Viele von der neuen sozialen Bewegung sind Skeptiker und suchen nach Wegen, nach denen auch Zygmunt Bauman fragt.
Redaktion: Balduin Winter