EDITORIAL

 

Flut sei dank, tönt es in vielen Medien, Rot-Grün hat den Anschlusstreffer erzielt; oder liegt am Hinterrad einer Union, die sich die längste Zeit nur noch Gedanken über die Höhe des Wahlsiegs machte. Als in der Woche nach Gysis Rücktritt zwei Umfragen die PDS unter den Fünfprozentpegel sinken sahen, war die Freude bei Stoiber und Co. dennoch schwer getrübt. Die Plakate der Wahlkampagne erzählten plötzlich eine andere Geschichte. Da schäkert Edmund mit Angela, beide in Urlaubsstimmung, als gäbe es rundherum keine Probleme; entsprechend klein darunter: „Zeit für Taten.“ Darüber, groß, der Spruch: „Aufschwung beginnt mit den Köpfen.“ Mit diesen Köpfen? Für jene, die soeben unzählige Sandsäcke aufgeschichtet oder den Schlamm aus gefluteten Häusern herausgebuddelt hatten, mag das wenig überzeugend sein. Für das Krisenmanagement war das neue Liebespaar der Union jedenfalls nicht zuständig. Dafür passt, wie es der Zufall will, die Inszenierung Schröders: Es ist Nacht, Deutschland schläft, der Kanzler an seinem Schreibtisch, ernst, den Blick nicht auf die Wähler, sondern auf seine Arbeit gerichtet: „Das Ziel meiner Arbeit? Dass alle Arbeit haben.“ Eine Sprechblase, klar, aber zur Flut lautete der Tenor der internationalen Presse: Schröder hatte nicht nur politischen Instinkt bewiesen, er hatte Ideen, Sensibilität im Auftreten und Führungsstärke. In dieser Großaktion widerlegten er und die rot-grüne Bundesregierung einen zentralen Pfeiler der oppositionellen Wahlwerbung, nämlich den aus Umfragen destillierten „Kanzler der schönen Worte“.

Von der Flutwelle getragen positioniert sich Bündnis 90/Die Grünen wieder mit ökologischer Kompetenz. Dem Wähler schlagen die Grünen einen „Vertrag für die Zukunft“ vor und stellen ihn vor die harsche Entscheidung: „Die Wahl am 22. September ist eine Richtungswahl. Entweder setzt sich unsere ökologische und sozial gerechte und innovative Politik weiter durch. Oder es geht zurück in die Vergangenheit der 80er und 90er Jahre, in denen Neoliberale und Strukturkonservative die Zukunft abwechselnd verschlafen und verbaut haben.“ Es folgt ein Vertragsangebot in acht Punkten, bei Wiederwahl gilt der Vertrag. Wie aber kann er eingeklagt werden, wenn er (wieder) nicht eingehalten wird? Eine Latte von Verdiensten wird aufgezählt, und: „... immer waren Grüne der Impulsgeber innerhalb der Koalition. ... Wir haben etliches in unserem Land vorangebracht, aber wir wollen mehr.“ Keine Spur von Nachdenklichkeit oder gar Selbstkritik, sondern Sonntagsgedöns. Nach der großen Flut ist jedoch nicht Aufbruchgelaber, sondern Ernsthaftigkeit gefragt. Bei der Jugend sowieso, wie die neue Shell-Studie zeigt: Wenn dennoch nur rund 30 Prozent der 18- bis 24-Jährigen wählen gehen wollen, liegt das an Parteienverdrossenheit, nicht an politischem Desinteresse. Die Grünen, einst bei der Jugend obenauf, sind mit solchen Hohlheiten nicht mehr gefragt.

Die Flut hat Rot-Grün und Schröder wieder ins Rennen gebracht. Sicherlich wird der Hochwasser-Bonus nicht bis zum 22. September anhalten. Doch werden einige zentrale Fragen unter dem Eindruck der Katastrophe in einem anderen Licht erscheinen – Fragen, welche die Wahl entscheiden können. De facto hat Schröder die Katastrophenhilfe mit dem Aufbau Ost verknüpft, das kann unmittelbar einige Hoffnungen wecken, nicht zuletzt auch auf dem Arbeitsmarkt. Denkbar ist, dass im Osten, entgegen dem gesamtdeutschen Trend, wieder verstärkt Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor geschaffen werden (über Soziostruktur und Auswirkungen auf das Wählerverhalten siehe Peter Lohauß, S. 6). Auch die Hartz-Vorschläge (siehe Otto Singer, S. 30) erhalten eine andere Gewichtung. Man mag Schröder immer wieder vorwerfen, dass er vier Jahre Zeit hatte, um an die Fehler der Vergangenheit Hand anzulegen, nun aber hat man es mit einem in der Not bewährten Schröder zu tun.

Schließlich hat die außenpolitische Diskussion – beteiligt waren Schäuble, Glos, Gerhardt, Gehrke, Struck und Fischer – auf dem Petersberg gezeigt: Fischer ist mit Abstand der profilierteste Außenpolitiker, dagegen ist Schäuble nur ein braver Gefolgsmann von Bush. Natürlich ging es wesentlich um die USA (siehe zur Außenpolitik der USA Dick Howard, S. 46). Fischer konnte glaubwürdig machen, dass der „deutsche Weg“ nichts mit einem nationalistischen Sonderweg zu tun hat, wie der immerfort immer gleiche Pawlow-Reflex einiger Linker sofort alarmierte. Außenpolitische Partnerschaft heißt, sich gegenseitig mit Argumenten zu überzeugen, und da fehlt den vorliegenden US-Bedrohungsstudien Beweismaterial und Plausibilität für einen Krieg. Gefolgschaft bedeutet, sich der Hegemonie der USA unterzuordnen und mitzumachen. Schäuble pocht darauf, Fischer will das nicht, 75 Prozent der Deutschen wollen das inzwischen auch nicht. 25000 Soldaten im „Flutkrieg“ – das hat erst mal gereicht.

 

Balduin Winter